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27.4.2017 : 16:50 : +0200

Ken Wilber und eine integrale Lebenspraxis (ILP)

Ken Wilber

Michael Habecker

 "Bleibende Veränderungen erfordern eine kontinuierliche Praxis."

-Ken Wilber

 

Mit dem Beginn des Schreibens zuerst über spirituelle und später dann über allgemeine Themen des Lebens und Seins war Ken Wilber der praktische und persönliche Aspekt dabei immer ein wichtiges Anliegen. Schon in seinen ersten Büchern (Spektrum des Bewusstseins, und vor allem Wege zum Selbst) führt er konkrete Beispiele für Übungen und Methoden an, wie man das, worüber er schreibt, selbst praktizieren und erfahren kann.

Etwa seit 1995, mit dem Beginn der Phase IV seines Werkes, verwendete Wilber die Abkürzung ITP (integral transformative practice), in Anlehnung und in Zusammenarbeit mit Michael Murphy und George Leonard, die in Büchern wie The Life We Are Given Beispiele für eine derartige Praxis vorstellen. Da Murphy und Leonard den Begriff „ITP“ als Warenzeichen geschützt haben, und wohl auch weil mit der Weiterentwicklung von Wilbers Werk (Wilber V) sich die Vorstellung dessen, was „integral“ bzw. eine „Integrale Praxis“ ist weiterentwickelte, verwendet Wilber seit Herbst 2005 den Begriff ILP (Integral Life Practice) für dasjenige, was er empfiehlt (und was auch in verschiedenen Seminaren des von Wilber gegründeten Integralen Institutes angeboten wird).

In einer Anzeige[1] schreibt er dazu:

Worum geht es also? Integrale Lebenspraxis, bzw. ILP – ist „die Ausübung
von Körper, Geist und GEIST im Selbst, in der Kultur und in der Natur.“ Dieses „spirituelle Kombinationstraining“ verursacht außerordentlich tief greifende und umfassende Lebenstransformationen. Dahinter stehen umfangreiche Forschungen. Sie beruhen auf einer handvoll technischer Begriffe wie „Zustände und Stufen“, „Ebenen und Linien“, „Quadranten“, und dem „integralen Psychogramm“ – und alles zusammen bezeichnen wir als AQAL („alle Quadranten, alle Ebenen“). Was wir damit erreichen wollen, ist die Schaffung einer spirituellen und transformativen Praxis, die buchstäblich alles dies erstmals in der Geschichte umfasst: eine Integrale Lebenspraxis. Darüber hinaus schätzen die Anwender unserer Programme, dass diese modular aufgebaut sind, was einem die Möglichkeit gibt, mit einem Höchstmass an Flexibilität ein eigenes Programm zusammenzustellen. ILPTM umfasst über ein Dutzend Module – wie z. B. Meditation, Körperarbeit, Beziehungen, Arbeit, Ethik, Sexualität – und jedes Modul enthält Dutzende von Übungen aus denen man auswählen kann. Dieses „kombiniere und verbinde“ [mix and match] entsprechend den eigenen Bedürfnissen gibt einem die Möglichkeit, für sich selbst die optimale Praxis zusammen zu stellen, genau auf die persönliche Situation abgestimmt, eine Kombination die dabei hilft, ein wirklich integrales Leben zu führen.“

Was genau ist eine ILP?

Integrale Lebenspraxis (ILP) hilft uns dabei, alle bekannten Dimensionen
des menschlichen Seins bewusst anzunehmen und praxisunterstützt zu leben (AQAL:
alle Quadranten, Ebenen, Zustände, Linien, Typen
).

Wir wachsen, erweitern und vertiefen unsere Erfahrungen:

  • in alle Perspektiven des Seins (Ich, Wir, Es),
  • in allen Ebenen und Linien des Seins (kognitiv, emotional, beziehungsmäßig usw.),
  • in alle Zuständen unseres Seins (Wachen, Träumen, Tiefschlaf, aber auch
    im Wechsel phänomenologischer Zustände, wie Freude, Trauer, Kreativität,
    Lustlosigkeit usw.),
  • in allen Typen unseres Seins (z. B. männlich/weiblich, introvertiert/extrovertiert,
    ying/yang, Enneagrammtypen usw.).

Wir untersuchen und gestalten auch die vielfältigen Wechselwirkungen, mit ihren Spannungen und Potentialen:

  • Ich und Wir, Wir und Es, Ich und Es
  • die Spannungen zwischen den Ebenen, Typen, Linien, Zuständen
  • das Miteinander von AQAL

Eine integrale Praxis beginnt bei den Zustandsänderungen, z .B. in einer Meditation, einer Körperübung, einer Gestaltarbeit. Durch die Kontinuität der Praxis können dann aus vorübergehenden Zustandsänderungen bleibende Strukturveränderungen werden, d. h. wir entwickeln uns weiter.

Was sind die Merkmale oder Parameter einer ILP?

Die Integrale Lebens-Praxis zeichnet sich durch sechs typische und kennzeichnende Merkmale (Parameter) aus:

  • Skalierung
  • Modularisierung
  • Auswahl und Beschränkung
  • Vereinfachung
  • lockere Ernsthaftigkeit
  • Gemeinschaftlichkeit

Skalieren bedeutet, sich die Übungen vor dem eigenen Lebenshintergrund entsprechend zu „portionieren“, von einem etwa zweistündigen Komplettdurchlauf  bis zu einem wenige Minuten dauernden Kurzprogramm und beliebig dazwischen.

Die Modularisierung gliedert die Vielfalt in a) Basis- und b) Zusatzübungen. Innerhalb dieser zwei Kategorien gibt es verschiedene Hauptbereiche, wie z. B. „Körper“ oder „Arbeit“, welche wiederum eine Reihe von Übungen enthalten. 

Auswahl und Beschränkung bedeutet, dass Mehr nicht automatisch besser ist. Daher ist es wichtig, sich aus der Fülle des Angebotes das Geeignete auszuwählen, z. B. nur eine Übung pro Hauptbereich  und noch ein oder zwei Zusatzübungen.

Bei der Vereinfachung geht es darum, die Übungen vor dem eigenen Lebenshintergrund auch praktikabel durchführen zu können. Die beste Übung nutzt nichts, wenn jemand dafür für viel Geld (was er oder sie vielleicht nicht hat) um die Welt reisen muss um sie ausüben zu können. Meditation beispielsweise ist eine Methode zur Erkundung des eigenen inneren Erlebens, das geht im Prinzip immer und überall, und ist nicht abhängig von einem bestimmten „Setting“ oder Lehrer (auch wenn das Setting oder ein Lehrer natürlich eine Rolle spielen, und es sehr zu empfehlen ist, geeignete Settings/Lehrer wie z. B. ein entsprechendes Retreat gezielt aufzusuchen). Ebenso hängt Körperarbeit nicht notwendigerweise von einem Fitnesscenter oder bestimmtem Sportgerät ab. Der eigene Körper und die Schwerkraft der Erde sind bereits ausreichend, um zu beginnen.  

Lockere Ernsthaftigkeit bedeutet, dass das was ich mir vorgenommen habe ich auch erst einmal durchführe (auch wenn ich nehme später ggf. Korrekturen vornehme). Dabei wird eine heitere, lockere und mitfühlende Ernsthaftigkeit empfohlen, verbunden mit Kontinuität. Es kommt darauf an, wirklich bewusst zu erleben was man gerade tut wenn man übt, und diese Bewusstheit auch außerhalb des Übens aufrecht zu erhalten.   

Der Austausch mit Menschen in einer Gemeinschaft, die auf einem ähnlichen Praxisweg unterwegs sind, hilft dabei, die eigenen Bemühungen und Erfahrungen besser zu verstehen – und es macht mehr Spaß!

Entdecken und Gestalten

Was ich verändern, entwickeln und gestalten will, muss ich zuerst kennen. Daher können die Methodiken einer ILP – ganz grob –  in zwei große Gruppen unterschieden werden:

a) aufdeckende Techniken und Methodiken

b) gestaltende Techniken und Methodiken

Aufdeckende Methoden verschaffen mir Zugang zu einem Daseinsbereich, einer Erlebnisebene oder  –Linie, einem Zustand oder Typ. Gestaltende Methoden helfen mir dabei, mich darin zurechtzufinden und mich dabei zu entwickeln.  

Beispiele:

  • Meditation und Kontemplation helfen mir dabei, Zugang zu meinem eigenen Ich-Bereich zu bekommen, und die Dynamik darin unmittelbar zu erfahren. Gebet, das Studium von psychologischen Modellen, und Schattenarbeit können mir z. B. dabei helfen, diese Dynamik zu verstehen, sie auszurichten und zu gestalten.
  • Beziehungen zu leben, sie möglichst unmittelbar und direkt zu erfahren, gibt mir einen Geschmack meiner beziehungsmäßigen Dimension des In-der-Welt-Seins. Wie fühlt es sich für mich an, in Beziehungen zu sein (Herkunftsfamilie, Partnerschaft, Beruf)? Gestaltende Methoden wie z. B. eine Aufstellung und die Kenntnis allgemeiner Beziehungsdynamiken können mir bei der Gestaltung meiner Beziehungen helfen.
  • wie komme ich mit den äußerlichen, objektiven Aspekten des Lebens zurecht? Ein genaues Hinschauen (z. B. auf meine Wohnsituation, Kontoauszüge, materielle Ausstattung, mein Verhalten usw.) gibt mir den Überblick, bevor ich mich daran machen kann, die Dinge zu verändern.

 


[1] siehe hierzu die Anzeige: From the desk of Ken Wilber, Introducing Integral Life Practice in der amerikanischen Ausgabe der Zeitschrift what is enlightenment, September-November 2005, p. 91


Quelle: Schriftenreihe zur Entfaltung einer integralen Lebenskultur - Nr. 6, März 2007