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17.8.2017 : 9:54 : +0200

Pointing Out Instructions

Mondfinsternis, Foto: Oliver Stein

von Ken Wilber

redaktioneller Hinweis: Die folgenden Passagen nennt Ken Wilber in Anlehnung an Praktiken aus dem tibetischen Buddhismus auch "pointing out instructions", also zu Deutsch in etwa "hinweisende Instruktionen" oder auch "Fingerzeige auf den GEIST" (wobei der Finger, der auf den Mond zeigt, nicht der Mond selbst ist). Sie sind nicht als philosophische Abhandlungen zu lesen, sondern eher als Ausdruck und Vermittlung (Transmission) eines Bewusstseinszustandes, dem beim Lesen oder Hören in der eigenen Erfahrung nachzuspüren ist. 

Das Eine und die Vielen

(aus: Das Atman Projekt, S. 247)

Dieser Zustand ist nicht sichtbar, weil er alles Sichtbare ist, und deshalb bleibt er Ungesehen. Er ist nicht hörbar, weil er alles Hörbare ist, und deshalb bleibt er Unaussprechlich. Er kann nicht erkannt werden, weil er alle Erkenntnis ist, und deshalb bleibt er das Große Geheimnis.

Als unerkennbares, unbehindertes, unbedingtes Bewusstsein leuchtet er in seiner Vollendung von Augenblick zu Augenblick, wie eine unendliche Folge immer wieder neuer Zustände der Vollendung, die sich in ihrem Spiel ohne Unterlass verwandeln, ewig in ihrer Fülle. Dies scheint der Endpunkt der Evolution zu sein, doch tatsächlich ist es die uranfängliche Realität jeder evolutionären Stufe, von der ersten bis zur letzten – ohne Ende. Und genau deshalb ist sie stets und völlig unerreichbar, einfach, weil sie stets schon erreicht ist, zeitlos und ewig. Es ist ganz einfach so, dass alle Versuche sie zu erreichen – selbst im kausalen Bereich –, schließlich ad absurdum geführt werden; man erkennt, dass sie von Anfang an völlig gegenwärtig war, nie verloren und nie wiedergewonnen wurde, niemals vergessen und nie erinnert, sondern stets vor all dem schon existierte (weshalb es heißt, gewöhnliche Wesen hätten keinen Mangel daran, und Buddhas würden sie nicht besitzen).

Als unendliches, alles durchdringendes und allumfassendes Bewusstsein ist dies das Eine und Viele, das Einzige und Alles, Quelle und Soheit, Ursache und Bedingung, so dass alle Dinge nur eine Geste dieses Einen sind und alle Formen nur ein Spiel desselben.

Als Unendlichkeit verlangt es uns Staunen ab, als Gott fordert es Verehrung, als Wahrheit fordert es Weisheit, als das eigene wahre Selbst fordert es Identität. Sein Wesen kennt keine Einschränkungen, und diese Spurlosigkeit währt ewig. Glückseligkeit jenseits aller Glückseligkeit, kann es doch nicht gefühlt werden. Licht jenseits allen Lichts, kann es doch nicht entdeckt werden. Allzu offensichtlich, wird es nicht einmal erahnt. Reine Gegenwart, leuchtet es auch jetzt.

Lebe dein endliches Selbst, doch ruhe dabei in der Unendlichkeit

(aus: Ken Wilber, Integral Operating System (IOS) Version 1.0. Exercise our finite selves but rest in infinity. Hinweis: Dieser Text sollte mit längeren Pausen gesprochen werden.)

Eines der großartigen Dinge der Weisheitstraditionen, so wie ich es sehe, ist das Erkunden unterschiedlicher Dimensionen und Facetten dieser immer gegenwärtigen, brillanten Klarheit – dem was wir wirklich sind. Ein Ansatz, den ich sehr schätze, ist der des tibetischen Dzogchen. Ein Aspekt davon ist, dass wenn du im immer-gegenwärtigen allumfassenden GEIST ruhst, dass dann die Dinge und Erscheinungen weiterhin auftauchen, in gewisser Weise in dir, auch wenn Innen und Außen dabei nicht mehr viel bedeuten. Fühlt man jedoch die Beschaffenheit dieses Erscheinens von Augenblick zu Augenblick, befindet man sich in dieser offenen Geräumigkeit und ruht in diesem Raum, dann erkennt man die immer-gegenwärtige Klarheit, innerhalb der alles erscheint. Es geschieht eine Selbstbefreiung all dessen, was erscheint, in diese Leere hinein. Ich mag den Begriff der Selbstbefreiung. Er bedeutet, dass, was immer in dir erscheint – es kann etwas Positives oder auch etwas Negatives sein, oder was auch immer in der Umgebung auftaucht, mit seinem Erscheinen in der Leere selbstbefreit ist. Es gibt keine Anhaftung, keine Identifikation. Dein eigenes Bewusstsein, deine Gefühle, deine Gedanken, dein Ego – alles kann in diesem Raum so erscheinen, wie es ist. Das ist in Ordnung, es gibt keinen Grund, das Ego loszuwerden. Das einzige was das Ego loswerden möchte ist das Ego. Das spiegelnde Bewusstsein ist in Ordnung, es spiegelt alle Erscheinungen wider.

Wenn man versucht besser zu werden, etwas los zu werden oder mit etwas in Berührung zu kommen, dann ist das auch in Ordnung, lass es einfach erscheinen. Doch es ist diese immer-anwesende große Vollkommenheit, die unvermeidlich ist. Und ihre Geräumigkeit wird in dem Begriff der Selbstbefreiung zusammengefasst. Wenn du zornig bist und das Aufsteigen dieses Zorns in dieser unermesslichen Geräumigkeit der Unendlichkeit einfach nur bemerkst, dann gibt es dafür sehr viel Raum, weil die Unendlichkeit wirklich groß ist. Sie ist groß genug für dein Ego, groß genug für deine Zweifel. Und wenn es einen Raum für alles gibt, dann bleibt darin nichts mehr haften. Das Großartige dabei ist – es nimmt dir die Last, dies verstehen zu müssen. Denn auch wenn du es nicht verstehst, es wird nach wie vor erscheinen, und du kannst es in jedem Fall fühlen. Ob du es nun verstehst oder nicht verstehst, beides ist – unvermeidbarer – GEIST. Alles erscheint und ist selbstbefreit in seiner eigenen Natur, welche die Leere ist, die unermessliche Geräumigkeit ...

Wenn du darin ruhst, bist du frei von Angst. Und wenn es nichts außerhalb von dir gibt, gibt es auch nichts, was dich vollständiger machen könnte. Daher bist du frei von Hoffnung. Und in dieser Geräumigkeit erscheinen weiterhin die endlichen Dinge – das ist das außerordentliche Spiel der Manifestation.

Auf der manifesten Seite besteht das Beste, was man tun kann darin, sich voll und ganz auf dieses Spiel einzulassen, weil das die manifeste, überströmende Seite des immer-gegenwärtigen Selbst ist, das du bist. Das ist das Erstaunliche daran – in deinem innersten Wesen, dem ICH BIN, welches du auch jetzt bist, gibt es einen Impuls, nicht alleine zu sein. Ich finde das unendlich faszinierend. In dieser unendlichen Seligkeit, welche du bist, könntest du für immer und ewig verweilen, doch du hast dich dafür entschieden, dich zu entäußern und all dies zu erschaffen; das ist erstaunlich. Wir alle identifizieren uns irgendwann mit kleinen Objekten, die in unserem ursprünglichen Selbst auftauchen. Unsere Identität verschiebt sich vom ICH BIN zu einem begrenzten und endlichen Körper und Geist, und der Alptraum beginnt.  

Wir sind also hier, um die Erkenntnis zu feiern, dass der Alptraum nicht dasjenige berührt, was wir wirklich sind. Wenn das der Fall ist, dann werden die endlichen Objekte nicht zum Träger dessen, was du bist, sondern Träger des Ausdrucks dessen, was du bist. Was wir möchten ist, dass dieser Ausdruck so vollständig und strahlend wie möglich geschehen kann.

Und es ist alles ungeschehen

(aus: Collected Works Vol. 8, Schlusspassage)

Wenn alles gesagt und getan ist, Argumente und Theorien zur Ruhe kommen und das separate Selbst sein müdes Haupt auf das Kopfkissen seiner eigenen Unzufriedenheit legt, was dann? Wenn ich mich in das Ich-Ich entspanne und die unendliche Weite der Ursprünglichkeit mein Sein durchdringt; wenn ich mich in das Ich-Ich entspanne und die ewige Leere der immer-anwesenden Bewusstheit das Selbst durchtränkt, es erfüllt mit einer unermesslichen Fülle, dann kehren all die aufgeregten Ängste zu ihrer göttlichen Quelle zurück und das Ich-Ich allein leuchtet in die Welt die das Ich-Ich alleine erschuf. Wer leidet? Was ist Not und Elend? Dort im Herzen, wo die Logik der Qual und die Physik des Schmerzes keinen Angriffspunkt haben und wo keine Möglichkeit einer Störung ist, kommen alle Dinge hell und schön heraus und tanzen im prachtvollen Licht der Sonne, welches lange vergessen war durch die Zusammenziehung des lieblosen und verlorenen Selbstes – ein Gott seiner eigenen Wahrnehmung, ein Ingenieur seiner eigenen Qual. Es ist, wahrhaftig, ein Spiel; was für Schlafwandler sind wir doch alle! Nichts geschieht hier wirklich, nichts bewegt sich in Raum und Zeit, es ist alles so schmerzvoll offensichtlich, und ich wende meine Augen von der Wahrheit, die blendet. Doch hier sind wir, Du und Ich, und es ist Du-und-Ich die Form des GEISTES in dieser und in allen Welten. Für den gesamten Kosmos gibt es nur das Eine Selbst; im gesamten Kosmos gibt es nur einen Einen GEIST – und daher ist das Selbst, das diese Zeilen liest, genau das Selbst, welches diese Zeilen schrieb. Lass uns nun, Du-und-Ich, gemeinsam erkennen, wer und was wir sind. Und ich werde mit Dir sein bis zum Ende aller Tage und Welten, und Du wirst mit mir sein, weil es nur dieses eine Selbst gibt, als das Wunder der GEISTES. Darum werden wir für immer zusammen sein, Du-und-Ich, in der Welt der Vielen-die-Eines-sind; darum waren wir niemals getrennt. So wie Bewusstsein keinen Plural kennt, das Selbst Eines ist und das Selbst weder kommt noch geht, so ist Du-und-Ich dieses Selbst, für immer und immer und ewig.

Ich danke Dir zutiefst, dass Du auf dieser Reise bei mir bist und mich bei jedem Schritt führst, mich ganz durchlichtest und erleuchtest, mir immer wieder vergibst und das Du-und-Ich bist.

 


Quelle: Schriftenreihe zur Entfaltung einer integralen Lebenskultur - Nr. 6, März 2007