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24.7.2017 : 6:53 : +0200

Musik und AQAL

von Michael Habecker

 

Das Thema Kunst ist ein wesentlicher Aspekt menschlichen Lebens und ein faszinierendes Untersuchungsobjekt einer integralen Perspektive. Der bisherige Schwerpunkt in den Werken Wilbers und den Veröffentlichungen von IntegralLife.com ist die bildende Kunst. Die integrale Betrachtung des Themas Musik hingegen ist noch eher selten. Ausnahmen sind die „Integral Post“ Reihen von Greg Thomas auf IntegralLife.com zu Jazz und Blues, und Veröffentlichungen im Journal of Integral Theory and Practice sowie Musik und persönliche Erfahrung: Flows und Gipfelerfahrungen von Matthew Collins (JITP Ausgabe 5 Nummer 2) und Integrale Musik und Aufführungspädagogik von Luis E. Loubriel (JITP Ausgabe 4 Nummer 3). In der Anlage zu diesem Beitrag habe ich auszugsweise ein Interview übersetzt, das Greg Thomas mit der Jazz Legende Sony Rollins führte.

Als Musiker und Gitarrenpädagoge liegt mir das Thema Musik buchstäblich am Herzen, und ich möchte mit den folgenden Überlegungen eine Einladung aussprechen für eine integral informierte Betrachtung eines der gewaltigsten und gleichzeitig alltäglichsten Phänomene menschlicher Erfahrung: die Musik. Dabei geht es, wie bei allen integralen Untersuchungen, nicht darum, irgendetwas von der Kraft, Schönheit, Unerschöpflichkeit und Magie des Phänomens Musik wegzuerklären, zu zerlegen oder zu versachlichen, sondern darum, auf eine tiefere Weise zu verstehen (und zu hören), was Musik für uns Menschen und andere Wesen bedeuten kann, und wie wir uns ihre Schätze und Möglichkeiten erschließen können für ein erfüllteres und bewussteres Leben. 

Die fünf AQAL Merkmale dienen uns dabei als Wegweiser, die ich mit Fragen, Stichworten und persönlichen Schilderungen, die ich auf meinem Lebensweg erfahren habe, illustrieren möchte.

Die Quadranten

Der obere linke Quadrant (OL) mit seinem subjektiven Erleben, seinen Bewusstseinsstrukturen und Psychodynamiken:

Hören Sie Musik? HÖREN Sie Musik? Die Phänomenologie als die unmittelbare Erfahrung reinen Musikerlebens ist die persönlich-innerliche Dimension von Musik. Was ist Ihre Erfahrung dabei, und bei welcher Musik? Was mag der Komponist innerlich empfunden und durch seine Musik zum Ausdruck gebracht haben? Was passiert bei Musizierenden und Hörenden von Musik? Welche Assoziationen werden durch das Hören ausgelöst (körperlich, emotional, gedanklich, biografisch, visuell, auditiv?). Ich kann mich noch erinnern, wie ein Gitarrenriff des Rolling Stones Liedes „The last Time“ mir eine ganze Nacht lang nicht aus dem Kopf ging, und wie sie eine Saite in mir zum Schwingen gebracht hat, die seitdem nicht mehr zur Ruhe gekommen ist.

Ist es nicht erstaunlich, wie unterschiedlich Musik auf Menschen wirkt, und was sie Unterschiedliches bei Menschen auslöst? Ist es nicht erstaunlich, wie frisch Musik aus allen Zeiten und Kulturen zu uns spricht? Hören Sie Musik innerlich, und wenn ja, was für Musik? Was ist Ihre Musik?

Doch nicht nur die Inhalte unseres Bewusstseins stehen in einer starken Wechselbeziehung zur Musik, sondern auch dessen Strukturen. Wie hören und interpretieren – am Beispiel des Spektrum-Entwicklungsmodells – eine rote, eine bernsteinfarbene, ein orange, eine grüne, eine petrolfarbene Bewusstseinsstruktur ein- und dieselbe Musik? Auf diesen Aspekt komme ich beim Thema Entwicklung zurück. Fest steht, dass Musik sowohl aus unterschiedlichen Bewusstseinstrukturen (der Komponisten) komponiert, durch (psychologisch) strukturierte Interpreten aufgeführt und von strukturierten Hörern aufgenommen wird. Das Verständnis der Entwicklungspsychologie ist grundlegend auch für ein Verständnis von Musik. Auffällig für mich ist rückblickend die große Unterstützung der Musik in meiner Zeit der Gruppen­zugehörigkeit, wo es klar war, dass man „die Stones“ hörte (und nicht die Beatles) oder umgekehrt, oder Pink Floyd und nicht Volksmusik (oder umgekehrt), oder ... Über die Frage: Welche Musik hörst du (und welche nicht), erlebte ich meine Gruppenzugehörigkeit und Traditionalität (was ich damals sicher ganz anders gesehen und bezeichnet hätte), als ein solides Fundament für die weitere Entwicklung eines eigenen Musikgeschmacks.  

Ebenso bedeutend sind die Erkenntnisse der Psychodynamik in diesem Zusammenhang. Neben den Inhalten und Strukturen unseres Bewusstseins spielen eine große Zahl von Dynamiken eine Rolle, von Abwehr über Verdrängung und Projektion bis zu Zwang, außerdem die Kenntnis dieser Dynamiken und ihre Wechselwirkung mit unserem Musikschaffen, Musikaufführen oder Musikerleben. Ein konkreter Anwendungsbereich dabei ist die Musiktherapie, bei der das Medium Musik zu Heilzwecken zum Einsatz kommt.  

Der untere linke Quadrant (UL intersubjektiv) eröffnet viele interessante Perspektiven und Fragestellungen wie:

  • Was waren die intersubjektiven Kontexte der Komponistin einer Musik, ihre Herkunft und ihr Beziehungsumfeld, und welchen Einfluss hatten diese?
  • Wie waren die Zeit und der Zeitgeist, in der eine Musik entstand?
  • Wie ist der Zeitgeist der Zeit, in der eine Musik gehört wird, und wie beeinflusst er das Hören? (Musikgeschmack, kulturelle Gewohnheiten)
  • Was sind die intersubjektiven Kontexte einer Hörerin?
  • Inwieweit kann Musik dazu dienen, Beziehungen herzustellen oder Menschen (mit unterschiedlichen Musikgeschmack) voneinander abzugrenzen?
  • Was kann Musik als eine „universelle Sprache“ zum Austausch der Kulturen und zum interkulturellen Dialog beitragen?
  • Wie wird Musik zur Beeinflussung von Individuen und Massen von Menschen eingesetzt, jeweils zum Wohl oder zum Schaden? „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“, sagt ein Sprichwort. Doch die Geschichte hat uns eines Besseren belehrt. Gerade Despoten und Diktatoren setzen Musik gezielt zur Massenbeeinflussung ein auf eine Weise, die den Intentionen der Urheber der Musik nicht entsprechen. Das ist ein weiterer Beleg dafür, dass Musik als ein Artefakt aus bestimmten Intentionen heraus entsteht, dann aber von Menschen mit ganz anderen Intentionen auch ganz anders benutzt werden kann.
  • Musik als ein Gemeinschaftserleben ist ein faszinierendes Thema. Während das Komponieren als Gemeinschaft sehr selten ist, ist das Musizieren (z.B. im Orchester oder in der Band) ein echtes Gruppenerlebnis, ebenso wie das Hören von Musik bei Konzerten (wer erinnert sich nicht an die Rockkonzerte seiner Jugend oder an das Spielen in einer Band?) Ich werde meine Band-Zeit nicht vergessen, und habe auch heute noch das Glück, in einem Gitarrenduo spielen zu können.
  • Die Musikpädagogik ist ein weiteres Beispiel für die Verbindung von Musik und Beziehung, in diesem Fall einer Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Meine jahrelange Praxis als Gitarrenlehrer hat mein Leben auf eine Weise beeinflusst und verändert wie kaum etwas anderes.

Die äußeren Quadranten (OR und UR objektiv/äußerlich):

Auch die Außenperspektiven von Musik eröffnen uns viele Erkenntnisse und Einsichten. Da ist zuerst der Mensch als Musik-Mensch, mit seiner Physiologie und seinem Verhalten. Die Funktionsweise des menschlichen Körpers wird oft in einer musikalischen Sprache beschrieben, etwa wenn das Herz im Rhythmus schlägt, die Bewegungen harmonisch sind, oder eine Sprache dissonant klingt. Die erste menschliche Trommel war wahrscheinlich der Brustkorb, und die menschliche Stimme das erste musikalische Ausdrucksmittel. Verhalten existiert natürlich auch in Beziehung zur Musik, z.B. in der Bewegung und im Tanz. Neben dem grobstofflichen Körper und seiner Wechselwirkung mit Musik hat auch der subtile Körper (die „Seele“) einen starken musikalischen Bezug. Offenbar kommen wir über die Musik mit diesem Teil von uns unmittelbar in Berührung.

Musik selbst ist ein menschliches Artefakt und hat als solches eine Struktur und Grammatik, die als Harmonielehre erforscht und beschrieben wird. Es ist faszinierend zu verfolgen, wie menschliches Musizieren, ähnlich wie das menschliche Sprechen, seinen eigenen (strukturierten) Weg genommen hat, und wie sich dabei Strukturen gebildet haben, (ähnlich der Grammatik der Sprachen), die wir staunend nachverfolgen können. Viele haben (ich auch) an ihren Musikunterricht in der Schule keine guten Erinnerungen Da mussten abstrakte Begriffe wie z. B. „Quintenzirkel“ oder „Kadenz“ gelernt werden. Doch hinter diesen Abstraktionen verbergen sich die Strukturen menschlichen musikalischen Wirkens durch die Jahrtausende, und man kann, ähnlich wie bei den Strukturbeschreibungen der Entwicklungspsychologie (wie archaisch, magisch, mythisch, rational, pluralistisch ...) Entsprechendes auch in der Artefaktentwicklung der Musik finden. Ein faszinierender Autor dafür ist Werner Pöhlert. Sein Standardwerk Grundlagenharmonik ist für mich ein Meilenstein der Strukturperspektive von Musik. Wie uns bei der Betrachtung grammatikalischer Strukturen die Grenzen des eigenen Denkens bewusst werden, zeigen uns die Strukturen der Musik, die unbewussten Bahnen, in denen wir musizieren. Betrachten wir z.B. ein Klavier oder eine Gitarre, dann sehen wir durch den Instrumentenaufbau bereits Strukturvorgaben, die uns einen Rahmen, aber auch bestimmte Einschränkungen für unser Musizieren geben. Praktisch überall auf der Welt (mit einer Ausnahme, auf die ich gleich zu sprechen komme), ist heute die Oktave das grundlegendste musikalische Intervall, in zwölf gleich große Tonstufen unterteilt. Daraus ergeben sich alle Töne als das musikalische Basismaterial. Warum gerade zwölf, warum nicht sieben, neun oder fünfzehn? Das hat etwas mit dem Phänomen der Obertöne zu tun. Es hat aber auch mit der Musikhistorie und Musikpraxis zu tun, aus der heraus sich, wie bei der Sprache, ohne dass jemand Einzelnes das so bestimmt hätte, diese Stimmung entwickelt hat, nach der heute die Welt musiziert und Musik hört. Eine Ausnahme zu diesem Tonsystem bildet die indonesische Gamelanmusik. Bei dieser Musik wird die Oktave nicht in zwölf, sondern in 4, 5 und 7 Töne pro Oktave eingeteilt. Dabei ergibt sich für unsere Ohren (und unsere Hörgewohnheiten) ein ganz ungewohntes Erleben (Hörbeispiele gibt es auf youtube). Umgekehrt ist es genauso. In einer Fernsehsendung des bayerischen Rundfunks erzählte Prof. Dr. András Varsányi, der Musikethnologe und Spezialist für Gamelanmusik ist, eine Anekdote wie folgt: Bei einem seiner Aufenthalte in Indonesien wurde er von einem dortigen Gamelanmusiker gebeten, unterschiedlichste „westliche“ Musik mitzubringen, die sich der Gamelanmusiker dann auch intensiv anhörte. Darunter waren Rock, Jazz und Klassik. Sein Kommentar war dann, dass sich für ihn diese Musik immer gleich anhörte, wenn auch von unterschiedlichen Instrumenten gespielt. Ich selbst habe Experimente auf einem Monochord – als einem frei stimmbaren Instrument dazu angestellt. Das heißt, ich habe auf dem Monochord die Oktave unterschiedlich eingeteilt, und mich dann diesen anderen Tonleitern oder Skalen musikalisch ausgesetzt. (Hörbeispiele gibt es dazu auch auf youtube, wobei die Monochorde entweder nur auf einen – obertontreichen – Ton gestimmt sind, oder in der bei uns üblichen Stimmung erklingen). Ich bin dabei relativ schnell wieder zu der gewohnten „wohltemperierten“ Zwölfereinteilung zurückgekehrt – vielleicht aus gewohnter Konditionierung, vielleicht aber auch, weil dies nicht nur irgendeine, zufällig im Verlauf der Musikpraxis entstandene Skala ist, sondern weil sie auf besondere Weise das Göttliche oder Höhere oder Wirkliche in der Form eines musikalischen Ausdrucks entstehen und erfahrbar machen lässt. In jedem Fall ist die Betrachtung der Strukturen der Musik, auch wenn man diese nicht direkt hört, ein faszinierendes Forschungsgebiet.

Ebenso zur Außenbetrachtung der Musik gehören die unterschiedlichen Merkmale von Musik und deren Ausprägungen, wie Tonhöhe, Tonlänge, Rhythmus, Takt, Geschwindigkeit usw. Die Musikinstrumente, als die Träger von Musik, und deren Entwicklungsgeschichte, sind ein weiteres faszinierendes Kapitel. Warum setzen sich bestimmte Instrumente, wie die Gitarre, über Jahrhunderte und unterschiedliche Kulturepochen durch, und andere nicht? Weiterhin gehört das Musiksystem- und Business dazu, und natürlich die gesamte Infrastruktur, von Musikhäusern und Konzertsälen über Musikhochschulen bis hin zu den Vertriebswegen und dem Internet als einem Träger und gigantischen Verbreiter von Musik.

Text und Musik als zwei Artefakte, die in einem Lied zusammenkommen, bilden ein interessantes Doppel der meist konkreteren Textaussagen und den mehr assoziativen musikalischen Bedeutungen. Jeder Film ist mehr oder weniger von Musik unterlegt und mit Texten begleitet, was zu drei unterschiedlichen Aufnahmewegen eines Artefaktes (des Films) führt. Was dies bedeutet, kann man sich experimentell klar machen, wenn man bei einem laufenden Film a) den Ton wegdreht und bemerkt, was sich ändert, oder b) nicht zum Bild schaut und bemerkt was sich ändert, oder c) nur die Filmmusik anhört oder d) nur das Bild anschaut.

Entwicklung

In einer seiner seltenen Äußerungen zu Musik schreibt Wilber:

„Faszinierend, was für unterschiedliche Wirkungen Musik hat. Rockmusik zum Beispiel geht auf die unteren Chakren (vielleicht zweites und drittes, Sexualität und Macht). Rap ist eine Musik, die dem Überlebenskampf auf der Straße entsprungen ist (Erstes Chakra). Guter Jazz (z. B. Charlie Parker, Miles, Mynton) entspricht Chakra drei bis vier. Die großen romantischen Komponisten (Chopin, Mahler) sind reinstes viertes Chakra: Reine Herz-Emotion, manchmal bis hin zur Süßlichkeit. Haydn, Bach, Mozart und der späte Beethoven erreichen mit ihrer Sphärenmusik, wie mir scheint, das fünfte und sechste Chakra. Bei Stücken dieser Komponisten spürt man richtiggehend, wie sich die Aufmerksamkeit in bestimmten Körperzentren zusammenzieht (Bauch, Herz, Kopf).

Wenn ich zum Beispiel über Plotin, Eckhart oder Emerson schreibe, ist die einzige Musik, die dabei nicht stört, diejenige von Mozart, des späten Beethoven und einiges von Haydn. Wenn ich aber weniger anspruchsvolle Kleinarbeit wie Bibliografien, Fußnoten usw. mache, dann kann meinetwegen den ganzen Tag Rock ‚n’ Roll laufen.“

 

Ken Wilber, Einfach „Das“, S. 339

 

Wilber verwendet hier das Chakrensystem an als ein Stufenmodell und ordnet bestimmten Arten von Musik bestimmte Ebenen zu. Auch dieses Thema hat unterschiedliche Facetten, wie:

  • Von welcher Entwicklungsstufe aus (Bewusstseinsschwerpunkt) ist eine Musik geschrieben (die Entwicklung des Komponisten und seiner Zeit)?
  • Wie sieht das Entwicklungspsychogramm des Komponisten aus, wie das des Hörers?
  • Aus welcher Entwicklungsstufe (Bewusstseinsschwerpunkt) wird die Musik gehört? 
  • Welche Rolle spielen dabei die Zustände? Genau genommen braucht es für eine Bewusstseinslokalisierung von Musik eine Matrix ähnlich des Wilber-Combs Rasters, wo waagerecht die Zustandsstufen und senkrecht die Strukturstufen aufgetragen sind. Danach kann Musik (waagerecht) eine grobstoffliche, subtile, kausale oder nicht-duale Orientierung haben, zusätzlich zum Bewusstseinsschwerpunkt, der sich aus den Strukturstufen ergibt.
  • Wie hat sich Musik im Verlauf der Geschichte entwickelt, parallel zum Bewusstsein der Menschen (z. B. archaisch, magisch, mythisch, rational, pluralistisch ...)?
  • Wie zeigt sich das „Spektrum des Bewusstseins“ in unserer heutigen Musik, z. B. in Liedern? Vielleicht so (in den Farben des Regenbogenmodells?
    • Rot: “I want it all …” (Queen), “Satisfaction” (Rolling Stones)
    • Bernstein: Volksmusik, Nationalhymne
    • Orange: “Money makes the world go round” (aus dem Film Cabaret), “Money” (Pink Floyd) 
    • Grün: “Sag mir wo die Blumen sind …”, “We are the world” 
    • Petrol: “What a wonderful world” (Louis Armstrong)
  • Auf welche Weise fördert/hindert Musik individuelle und kollektive Entwicklung?
  • Durch welche Stufen lässt sich die Entwicklungslinie „Musik“ beschreiben, und was ist „musikalische Kompetenz?“ Hören (absolutes Gehör), Komponieren, Musizieren, Arrangieren. Wie ist die Abhängigkeit zu anderen Linien? Gibt es typische Psychogramme für große Komponisten?
  • Musik und Politik: welche Musik ist erlaubt und „in“ in welchem intersubjektiven Kontext?
  • Gibt es eine Regression im Vergleich zur klassischen Musik? Für viele stellt die klassische Musik mit Komponisten wie Bach, Mozart und Beethoven einen nicht wieder erreichten Höhepunkt dar. Während zeitgenössische Musik zu kommen und zu gehen scheint, stehen die Klassiker als „ewige“ Größen da. Sie werden laufend aufgeführt, gehört und verkauft.

Für mich ist Musik ein unverzichtbarer Wegbegleiter. Beginnend mit den Liedern, die meine Mutter mir vor dem Einschlafen vorgesungen hat, über das Aufnehmen von Musik in meiner Kindheit und Jugend bis zur eigenen Musikpraxis ist Musik zu einem Seelenbegleiter geworden.   

Typen

Die Betrachtung der Typen erinnert uns daran, dass es nicht nur eine vertikale, sondern auch eine horizontale Dimension in der Musik gibt. Was einem dabei sofort einfällt, ist die enorme Breite und Vielfalt von Musik, die sich äußert in:

  • Unterschiedlichen Stilrichtungen (Klassik, Folk, Pop, Jazz, Blues, ...). weltlich, geistlich (E und U)
  • Unterschiedlichsten Interpretationen ein und desselben Werkes
  • Kulturellen Unterschieden im Hinblick auf Musik (Tonsysteme, Instrumente, Kompositionen, Aufführungspraktiken)

Ebenso interessant ist die Frage nach der Verbindung von typologischer Breite und vertikaler Tiefe, mit Fragestellungen wie:

  • Gibt es Jazz auf allen Ebenen (rot-ichbezogen, bernstein-traditionell, orange-modern, grün-postmodern)?
  • Ist Volksmusik immer traditionell?
  • Wie hört sich ein „kultivierter“ Rap an? 
Zustände

Auf die Bedeutung der Zustände für die Musik habe ich schon hingewiesen. Musik ist ein ganz wesentliches und millionenfach angewendetes Mittel, um in einen anderen Bewusstseinszustand zu gelangen, um sich

  • anregen zu lassen
  • sich zu beruhigen
  • meditativ zu werden
  • sich zu heilen
  • seine Wut zu spüren
  • sich verbunden zu fühlen
  • sich überhaupt innerlich zu spüren
  • sich zu bewegen
  • eine erotische Atmosphäre herzustellen

Von den erwähnten Hauptzustandsbereichen, die ich erwähnt habe, ist der subtil/kreative Bereich sicher derjenige, aus dem die meisten Musiker ihre Inspirationen schöpfen, um diese dann auf konkreten materiellen Instrumenten über den Luftschall grobstofflich zu Gehör zu bringen. Dieser Bereich ist auch der Traumzustand. Ich erlebe manchmal im Zwischenbereich morgens vor dem Aufwachen eine „himmlische“ Musik in mir, die gleichermaßen von großer Ordnung wie von unbändiger Freiheit geprägt ist. Bei dem anschließenden Versuch am Vormittag, diese Musik auf mein Instrument, die Gitarre, zu übertragen, wird mir die Begrenztheit meiner eigenen kompositorischen Fähigkeiten sowie die meines Instrumentes schmerzhaft deutlich. Meistens höre ich mir dann ein Stück von J.S. Bach an, weil dessen Musik dem, was ich im Zwischenbereich von Traum und Wachsein manchmal höre, am nächsten kommt. 

In dem folgenden Interviewauszug werden viele der genannten Aspekte in den Worten einer Jazzlegende deutlich.

Anlage: Sonny Rollins, eine der lebenden Jazzlegenden, im Interview mit Gregory Thomas

Quelle: IntegralLife.com, An Integral Jazz Interview: Sonny Rollins Posted September 15th, 2010 by Gregory Thomas in Jazz Culture.

http://www.theroot.com/views/root-interview-sonny-rollins?page=0,0

 

Einführung des Interviewers Gregory Thomas: Ich hatte das Privileg, als Journalist und Produzent Hunderte von Menschen interviewen zu können. Als Interviewer sehe ich mich wie einen Jazz Pianisten, der die Akkorde und ihren Verlauf (die Fragen) darlegt, worüber dann der Interviewte (mit seinen Antworten) ein Solo improvisiert ... Im Fall der Jazzlegende Sonny Rollins habe ich meine Fragen als eine Bewegung vom Physischen zum Mental/Intellektuellen zum Emotionalen zum Spirituellen strukturiert.

Viele sehen in Sonny Rollins den größten lebenden Jazzmusiker. Seit den späten 1940er Jahren hat er dem Jazz seinen Stempel eingeprägt. Er hat zusammengespielt mit Bird (Charlie Parker), Miles Davis, Clifford Brown, Max Roach, Clark Terry, Roy Haynes, Thelonious Monk, Sonny Stitt, Art Blakey, Dizzy Gillespie und unzähligen anderen Jazz Giganten. In den späten 50ern definierten er und John Coltrane das Tenorsaxophon im Jazz auf eine Weise, die bestimmend wurde für Jahrzehnte.

Frage: Meine Tochter Kaya ist 14 Jahre alt. Warum ist es für ihre Generation deiner Meinung nach wichtig, sich mit Jazz zu beschäftigen? 

SR: Wir müssen uns klar machen, dass wir Amerikaner sind. Wir stehen immer unter dem Druck, uns als das zu zeigen, was wir sind. Es ist mir egal, ob wir einen schwarzen Präsidenten oder eine schwarze Ministerin haben, wir werden immer eine Minderheit sein. Womit wir uns begründen, ist unsere Geschichte, unsere Kultur, das, was wir hier getan haben, und wo wir als Bürger dieses Landes stehen. Dazu gehört auch die kulturelle Seite des Jazz. Das ist etwas, worauf wir stolz sein können, ich, sie, und ihre Tochter ... Jazz ist der Rahmen und Boden aller schwarzen Musik in den Vereinigten Staaten.

Frage: Wie halten sie sich gesund und fit?

SR: [Tiefes Lachen] Ich lebe schon lange, habe alles ausprobiert und spreche aus Erfahrung. In den 1950ern wurde mir klar, dass ich etwas mit meinem Leben anfangen sollte, und mit meinem Körper. Ich rauchte und trank, und das konnte nicht so weitergehen. Ich begann mich gesund zu ernähren, und mir wurde klar, dass das, was man in seinen Mund schiebt, auch den Geist beeinflusst ... Ich kultivierte viele gute Dinge, und vielleicht gibt es mich deshalb schon so lange. Ich praktiziere immer noch Yoga und spiele jeden Tag. Ich bin immer noch der gleiche, doch jetzt bin ich 80 Jahre alt [tiefes Lachen].

TR: Was sagen sie über die mental/intellektuelle Seite der Musik?

SR: Oh, das ist alles ... Ich habe einen Film gesehen, da hieß es, dass während des ersten Weltkrieges die Menschen in Frankreich dachten, dass der „St. Louis Blues" die amerikanische Nationalhymne wäre! Das ist Amerika. Die schwarze Kultur brachte den Jazz hervor. Ich sage nicht, dass niemand sonst Jazz spielen kann, das behaupte ich nicht. Vielleicht ist das, was wir getan haben, ein Ergebnis davon, dass das menschliche Leben in Afrika seinen Ausgang nahm. Wir haben diese tiefe Verbundenheit zur Musik. Wir haben das, und haben daraus Jazz gemacht, wie auch andere Formen der schwarzen Diaspora.  

Jazz ist mein Ding, und ich denke, dass es die größte Musik der Welt ist. Jazz ist die Musik dieses Planeten, weil Jazz die Natur nachahmt. Wenn du Jazz spielst, wirklichen Jazz, weißt du nicht, welches die nächste Note sein wird. Die nächste Note kommt wie jeder neue Tag. Wie heute Morgen, zuerst war es bewölkt und regnerisch, und jetzt scheint hier die Sonne. Es ist wie die Natur. Diese Musik ist einzigartig.

Frage: Wenn sie Jazz mit der Natur gleichsetzen, dann führt uns das zur menschlichen Natur, zu uns als emotionalen Wesen. Lassen sie uns über Jazz, Emotionen und Gefühle sprechen.

SR: Ich beginne mit ein paar Namen. Ich lag noch in der Wiege, da hörte ich schon Fats Waller. Ich war noch ein Baby und wusste nicht, was das ist, aber ich wusste, dass das stimmt.

Frage: Sie haben das gefühlt.

SR: Ich habe es gefühlt! Sie haben es gefühlt. Das kann einen ganz packen. Man hört die Energie und Kreativität darin, und die Kraft der Musik. Und das gilt für alle die großen Künstler, die kamen und gingen. Diese Musik ist das Größte, und man kann sie nicht aufhalten. Es wird gesagt, der Jazz sei tot, aber das stimmt nicht. Man kann den Jazz nicht töten! Es ist keine Person, die man umbringen kann. Er ist ein Teil der Kultur der Welt, und er ist ein Teil einer … himmlischen Kultur.

Frage: Lassen sie uns über den Jazz und die spirituelle Dimension sprechen. Sie haben den Yoga studiert, und auch einige Zeit in Japan und Indien verbracht. Was hat das mit Jazz zu tun?

SR: Jemand hat mich das kürzlich auch gefragt. Sonny, als du mit dem Yoga begonnen hast, welchen Bezug zum Jazz hat das? Ich habe darauf geantwortet, dass, als ich damit begonnen habe, über diese spirituellen Disziplinen zu lesen, Yoga und Buddhismus und Sufismus, mir gesagt wurde, dass alles, was ich tue, einen richtigen und einen falschen Wert hat. So ist die Welt. Es gibt diese kontrastierenden Elemente, welche die Welt erschaffen, wie wir sie kennen.

Frage: Meinen sie mit richtig und falsch einen moralischen, ethischen Kodex?

SR: Ganz genau. Was man tut, ist ethisch, und Musik ist richtig! Wenn du Jazz spielst, dann gehst du aufrecht, weil du etwas machst, was richtig ist.

Frage: Sie sind bekannt für ihr Streben nach Weiterentwicklung, und ich habe in einem Interview gelesen, dass es ein Ideal gibt, nach dem sie streben, wenn sie spielen. Können sie dieses Ideal beschreiben?

SR: Ich werde gefragt, was machst du, wenn du improvisierst? Du bist ein Meister der Improvisation – wie machst du das, und was ist Jazz? Lass es mich erklären. Wenn ich spiele und improvisiere, dann denke ich dabei nicht, weil Musik aus dem Unbewussten kommt. Das ist mehr als das, was sich mein dummer Verstand ausdenken kann. Ich bin ein Mensch, und wenn ich mein Saxophon spiele, dann komme ich in einen Zustand, wo die Musik mich spielt. Ich stehe einfach nur da, bediene mein Instrument und blase hinein.

Es ist wie dieser Tag. Der Tag vergeht, er wandelt sich und geht in den nächsten Tag über. Es ist das Unbewusste, und das kommt von woanders her. Der Jazz ermöglicht dir das. Du lernst, was du zu tun hast – du findest das Material, mit dem du arbeiten möchtest. Du lernst die Harmonien, die Melodien, und all die Grundlagen, die du brauchst, um Musik spielen zu können. Dann gehst du auf die Bühne und vergisst all das. Dann überlässt du dich dem Spirituellen. Das ist das, was ich versuche, und ich habe das Glück, dies automatisch tun zu können. Also möchte ich mehr davon tun.

 


Quelle: Online Journal 33