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27.4.2017 : 16:50 : +0200

Warum Kunst?

 

von Michael Habecker

Der Mystiker kann sagen – ja er muss sagen – wie der hl. Bernard: „Mein Geheimnis ist für mich allein.“ Wenn er es auch noch so viel versuchte: seine vor ehrfürchtiger Scheu stammelnden Berichte kann nur der verstehen, der schon auf dem Wege ist. Doch mit dem Künstler ist es anders. Ihm ist die Pflicht auferlegt etwas von dem, was er schaut, zum Ausdruck zu bringen.

Evelyn Underhill

 

Was ist Kunst?

Mit dem Begriff „Kunst“ assoziieren viele Menschen vor allem bildende Kunst, Malerei, Bildhauerei usw. Dies ist sicher eine wichtige Bedeutung von Kunst. In einem größeren Zusammenhang betrachtet ist Kunst jedoch sehr viel mehr. Eine der Bezeichnungen von Wilber für die „Großen Drei“, als dem Wahren, Schönen und Guten, sind Wissenschaft, Kunst und Moral. Damit bezeichnet der Begriff „Kunst“ einen der drei Hauptbereiche jeglicher Manifestation. Bezogen auf den oberen linken Quadranten des Quadrantenmodells schreibt Wilber in Naturwissenschaft und Religion: „Bewusstsein, Subjektivität, Selbst und Selbstausdruck (u. a. Kunst und Ästhetik) ...“ Das Ich-Bewusstsein hat demnach eine impressive, das Individuum „beeindruckende“ Seite, die Ästhetik eines jeden Augenblicks, und eine expressive, vom Individuum zum Ausdruck gebrachte Seite, die Kunst eines jeden Augenblicks.

Kunst als individueller Selbstausdruck

Umweltkrise, Finanzkrise, Terrorismus, Naturkatastrophen, Ungerechtigkeit, Gewalt, Hunger, Krankheit ... die Themenliste dessen, was uns an Problemen begegnet und bewegt, ist lang. Warum beschäftigen wir uns in dieser Ausgabe der integralen perspektiven ausgerechnet mit Kunst als einem Themenschwerpunkt? Gibt es nicht Wichtigeres und Drängenderes? Kunst wird manchmal als ein Luxus betrachtet, als etwas, das man sich zusätzlich leistet, nachdem z. B. die Grundbedürfnisse befriedigt sind. Doch „der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, und Kunst in ihrer eigentlichen Bedeutung als etwas innerlich Empfundenes, das bewusst zum Ausdruck gebracht wird, ist nicht Anhängsel oder Luxus menschlicher Existenz, sondern ein wesentlicher Bestandteil des Menschseins von Anfang an. Subjektivität, Intentionalität, Kreativität und Intuition sind elementare Erfahrungen eines jeden Menschen, ebenso wie die Erfahrung der Verbundenheit mit anderen Menschen, und daher ist es ein Grundbedürfnis von uns allen, uns über unseren Ausdruck gegenseitig mitzuteilen. Was fühlst du gerade? Lass es raus! Was bewegt dich? Zeig es der Welt! Ohne uns in eine Diskussion zu begeben, welcher Selbstausdruck noch als Kunst zu bezeichnen wäre und welcher nicht mehr, können wir als empfindende Wesen unser individuelles in-der-Welt-Sein auf unterschiedlichste Weisen zum Ausdruck bringen und so unser gemeinschaftliches In-der-Welt-Sein miteinander feiern und uns aneinander erfreuen.

Kunst und Können

„Kunst kommt von Können“, lautet ein Sprichwort, und darin enthalten ist die Einsicht, dass es Ebenen oder Entwicklungsgrade von Kunst gibt. Etwas aus sich herauslassen ist das Eine, etwas gekonnt zum Ausdruck zu bringen ist etwas Anderes. „Das ist keine Kunst“, heißt es von Dingen, die einfach sind und jede(r) kann. Andererseits sprechen wir von hoher Kunst bei Dingen, die nur wenige können. Menschen entwickeln innere und äußere Fähigkeiten, „Intelligenzen“ oder Talente, und von der Entwicklung dieser Talente hängt es entscheidend ab, welche Ebene oder Qualität ein Kunstwerk hat. Dabei spielen sowohl innerlich-persönliche Fähigkeiten (wie ethische Entwicklung als eine Fähigkeit, immer mehr Menschen und Wesen in sich aufzunehmen) als auch handwerklich-technische Fähigkeiten eine Rolle. Welche Werte bringt ein Künstler mit welchen technischen Mitteln zum Ausdruck? Provozierend gefragt: Wie viel ist eine große künstlerische Leistung wie die von Leni Riefenstahl wert, wenn sie dazu verwendet wird den Faschismus beeindruckend in Szene zu setzen? Plötzlich ist Kunst aus dem persönlichen Bereich in den öffentlichen Bereich herausgetreten und damit keine Privatangelegenheit mehr. Auch das ist eine Kunst, wenn sich die Perspektive einer Künstlerin erweitert hin zu den kulturellen sozialen Lebensumständen ihrer Zeit, mit einer Abschätzung der Wirkungen, welche die eigene Kunst entfalten kann. Innerliches und Äußerliches, Individuelles wie auch Soziales als die vier Quadranten der Kunst sind nicht voneinander zu trennen. Ebenso wenig zu vernachlässigen sind die (Entwicklungs-)Ebenen von Kunst, welche das Niveau oder die „Höhe“ einer Kunst bestimmen. Jede Kunst hat ihren Platz und Ausdruck und es gibt Ebenen der Umfassendheit, die in einem Kunstwerk durch die Arbeit der Künstler zum Ausdruck kommen. Wie viele Menschen und Wesen wurden bei der Erschaffung eines Kunstwerkes durch die Künstlerin berücksichtigt? Wie viel vom Universum drückt sich in einem Kunstwerk aus?

Schönheit in den Alltag bringen

Kommen wir zurück auf die eingangs gestellte Frage nach der Bedeutung der Kunst in unseren Krisenzeiten, dann ist es so, dass wir Kunst dringender denn je brauchen. Zum einen hat jedes der genannten Probleme auch eine persönlich-subjektiv-ästhetische Dimension. Die Umweltkrise findet nicht nur abstrakt irgendwo draußen oder in den Medien statt, sondern auch in mir als ein persönliches Erleben. Die Be- und Verarbeitung dieses Erlebens ist auch ein künstlerischer Akt, ebenso wie der Austausch darüber mit anderen Menschen. Die Lösung komplexer globaler Probleme ist selbst ein Kunst-stück im wahrsten Sinne des Wortes, bei dem Kreativität, Wille, Demut, Kompetenz und Geschick gefragt sind, alles Fähigkeiten, die auch den Künstler auszeichnen.

Kunst ist nicht Anhängsel oder Luxus menschlicher Existenz, sondern ein wesentlicher Bestandteil des Menschseins von Anfang an.

 

Ganz konkret sind wir aufgefordert unseren Lebensalltag künstlerisch zu bereichern, was gleichbedeutend ist mit einer Einladung an die Schönheit des Lebens. Ein kunstvoll zubereitetes Essen, ein gut formulierter Redebeitrag, der dem Anderen das Zuhören erleichtert, eine Blume am Fenster, die erfreut, ein Bild an der Wand, das inspiriert. Wenn es uns gelingt, die Schönheit, die in uns und allen Menschen und Dingen angelegt ist, aus uns herausstrahlen zu lassen und in die Welt zu bringen, dann kann daraus eine Schönheitsbewegung werden, die nicht an den Oberflächen und Grenzen der eigenen Körperlichkeit halt macht, sondern alle Manifestationen umfasst und durchdringt, bis in die Herzen aller Menschen und Wesen. Dies ist der Beginn eines wahrhaft künstlerischen Lebens und Seins, als eine Verschönerung aller Formen eines Kosmos, der in seiner Absolutheit ewig unbewegt bleibt und sich dabei gleichzeitig in all seinen Gestaltungen wieder findet, in einem atemberaubenden, ewigen Spiel ohne Ende.


Quelle: IP 15 – 03/2010