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27.3.2017 : 14:35 : +0200

Einleitung

Andrew Cohen (AC) hat ein Buch mit dem Titel Evolutionäre Erleuchtung geschrieben [Evolutionary Enlightenment – A New Path to Spiritual Awakening]. In dieser Besprechung sollen die Inhalte des Buches kurz vorgestellt und vor dem Hintergrund einer integralen Erleuchtung (oder Spiritualität), angelehnt an die integrale Theorie und Praxis Ken Wilbers, diskutiert werden. Wilber, der ein Buch mit dem Titel „Integrale Spiritualität“ geschrieben hat und mit dem AC durch viele veröffentlichte Dialoge seit Jahren im Gespräch ist[1], ist das Buch gewidmet: To Ken Wilber, for his Big Mind and Big Heart[2]. Doch davon abgesehen macht das Buch keinen expliziten Bezug zur integralen Theorie und Praxis, und daher erscheint es lohnend zu schauen, wo Parallelen, aber auch Unterschiede zu sehen sind zwischen beiden Autoren und deren Ansätzen.

Darüber hinaus ist es ein Anliegen dieser Besprechung einige Grundfragen zu stellen, die eine integrale, evolutionäre oder aufgeklärte Spiritualität in der heutigen Zeit beantworten muss, um a) gehört zu werden, b) glaubwürdig zu sein und c) Einfluss nehmen zu können sowohl auf das persönliche Leben vieler Menschen als auch auf die Geschehnisse in der Welt. Entlang dieser Fragen ist diese Besprechung strukturiert.

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Frage 1: Was ist Wirklichkeit?

Beide, sowohl die integrale Theorie als auch das Modell der evolutionären Erleuchtung, gehen von einer nichtdualen Wirklichkeit aus, Nonduality lautet auch die Überschrift des zweiten Buchkapitels. Dies ist der technische Ausdruck für zwei Wirklichkeitsaspekte, und zwar

das Manifeste und das Unmanifeste (9)[3],

die zwar voneinander unterschieden, aber nicht voneinander getrennt sind – d. h. sie sind nichtdual bzw. nicht-zwei. Sowohl bei der integralen Erleuchtung als auch bei der evolutionären Erleuchtung geht es um das Erwachen zu beidem.

Was das Erwachen zur Absolutheit angeht, beziehen sich beide auf die kontemplativen Wege der Weisheitstraditionen, oder, wie es AC in der Überschrift zum Kapitel 11 formuliert,

Die Kunst und Wissenschaft der Stille (99), als ein Erwachen zum ICH BIN bzw. ICH BIN DAS (21)

An einer anderen Stelle im Buch unterstreicht AC den nichtdualen Charakter des Erwachens, wo es nicht nur um das Erwachen zum Sein, sondern gleichermaßen um das Erwachen zum Werden geht:

In der evolutionären Erleuchtung ist das „DAS“ [des ICH BIN DAS] nicht nur der ewige Seinsgrund sondern auch der evolutionäre Impuls (65)

Auch der evolutionäre Impuls, als ein Schlüsselaspekt von Wirklichkeit bei AC, hat einen nichtdualen Charakter:

Bei dieser neuen Erleuchtung erkennen wir, dass der evolutionäre Impuls oder Drang zu werden auch eine absolute und nicht-relative Dimension dessen ist, wer und was wir sind. (64)

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Frage 2: Was treibt das Universum an, der evolutionäre Impuls und die Frage: Warum ist überhaupt irgendetwas?

Der Begriff „evolutionärer Impuls“ ist ein Schlüsselbegriff in ACs Buch. Ken Wilber sieht darin einen der Grundbausteine des Kosmos, so z.B. wenn er in einer Fußnote zum Excerpt A[4] den Eros als evolutionären Impuls postuliert, als eine der Grundvoraussetzungen (und „involutionären Gegebenheiten“) dafür, dass Existenz überhaupt stattfinden kann und eine Richtung hat.[5] 

AC verfolgt das Wirken des evolutionären Impulses durch das ganze Buch hindurch, als eine erlebbare innere Erfahrung[6], als ein Erlebnis von Gemeinschaft und Intersubjektivität und als eine unpersönliche Kraft (was im Ergebnis die vier Quadranten bzw. die großen Drei von Ich-Subjektivität, Wir-Intersubjektivität und Es-Objektivität abdeckt, siehe dazu auch Frage 5 weiter unten).

Etwas kommt in jedem Augenblick aus dem Nichts (25), und dieses Etwas ist die Essenz der evolutionären Erleuchtung (27). Es ist ein spiritueller Impuls/Vibration, die nach vorne in die Zukunft und nach hinten in die Ewigkeit reicht (3). Gott (als eine dritte Person) lässt sich nach AC ebenso als evolutionärer Impuls und das kreative Prinzip (27) verstehen. Mit der Frage: Wie wäre es, Gott zu sein? (28) lädt AC zu einem Wechsel in die Ich-Perspektive ein. Dieser evolutionäre Impuls ist Ein großes JA (32), zum Leben. Leben ist gut (34) und fundamental positiv (35). Und das Versprechen dabei ist: Wenn du JA zum evolutionären Impuls sagst, erfährst du eine überwältigende Positivität (47) und Wenn du zu diesem evolutionären Impuls erwacht bist, hast du keine Zweifel daran, dass es gut ist, dass das Leben gut ist, dass Gott gut ist, dass der gesamte Prozess gut ist (47).

Die Frage, die sich mir in diesem Zusammenhang stellt, ist, was genau „das Erwachen zum evolutionären Impuls“ bedeutet. Ist es a) überwiegend ein Lernen und kognitiver Vorgang, b) ein Willensakt und eine Entscheidung, c) ein Zustandserleben oder d) ein Ergebnis einer strukturellen Entwicklung, bei der man ab einer bestimmten Entwicklungsstufe zum evolutionären Impuls erwacht? Mal scheint es mehr ein Zustandserleben zu sein, mal ein Ergebnis einer strukturellen Enzwicklung, mal mehr ein Verstehens- und Willensakt.

Gott entwickelt sich durch dich, durch jeden von uns, in unserer Entwicklung. Wenn du das erst einmal verstanden hast, gibt es nur noch eines, was zu tun ist: du musst es tun. Du musst dich entwickeln, du musst werden. Dann wird Gottes Absicht zu deiner Absicht (47) (a und b).

Es braucht die Kultivierung eines unglaublich starken Charakters um diesen Teil des Selbst zu tragen [to bear], der unsere menschliche Fragilität transzendiert. (51) … Für die meisten von uns ist das zu viel (51) (b).

Wenn du einen höheren Bewusstseinszustand erfährst, wird dieser zweifellos einen tiefgreifenden Einfluss auf dich haben. Doch hast du jemals darüber nachgedacht, wie du diese Erfahrung beeinflusst? Deswegen spielt unsere Entwicklung so sehr eine Rolle! (93) (c und d)

Dieser dynamische, zukunftsorientierte, ekstatisch inspirierte Zustand des evolutionären Impulses ist die neue Erleuchtung, von der ich spreche (52) (c).

Die Tatsache, dass hoch entwickelte Individuen jetzt zum evolutionären Impuls erwachen können … (48) Wenn der Impuls sich auf der höchsten Bewusstseinsebene ausdrückt … (111) (d).

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Frage 3: Was ist Entwicklung?

Mit dem evolutionären Impuls ist der Entwicklungsgedanke stark verbunden. Doch was genau ist Entwicklung? Bei der Beantwortung dieser Frage eröffnet die integrale Theorie und Praxis ein breites Spektrum, wohingegen AC lediglich einen Aspekt dieses Spektrums betont.[7]

Im Verständnis der integralen Theorie hat Entwicklung als Ganzes mindestens die folgenden Aspekte, Facetten und Dimensionen:

  1. Entwicklung als Progression und Fortschritt, ein immer Höher und immer Weiter in der Vertikalen
  2. Entwicklung als eine horizontale Bewegung von Konsolidierung, Verbreiterung und Stabilisierung, was Wilber oft mit dem englischen Begriff „translation“ verbindet, im Unterschied zu der vertikalen „transformation“.
  3. Entwicklung als eine gesunde „Regression im Dienste des Ichs und des Wirs“, als einem Integrations- und Heilungsprozess, bei dem Fehlentwicklungen auf dem Entwicklungsweg angeschaut und korrigiert werden können, als eine Voraussetzung dafür, dass Entwicklung „nach oben“ weitergehen kann. Diese Abwärtsbewegung von Entwicklung ist für Wilber von gleicher Bedeutung wie die Aufwärtsbewegung. Wilber spricht in diesem Zusammenhang von zwei Bewegungen der Liebe, Eros und Agape. Ersteres ist die Liebe zum Höheren, Letzteres die Lieben zum Niederen, beides zusammen erst ergibt die LIEBE zur Manifestation.
  4. Entwicklung als ein Durchsickern [trickle down] als eine Kombination von a und c. Bei diesem Prozess werden untere Entwicklungsebenen im Zuge der Weiterentwicklung von Individuen oder Gemeinschaften positiv beeinflusst[8].
  5. Entwicklung als zyklischer Prozess. Auch diese Veränderungsbewegung ist horizontal, und umfasst planetarische wie irdische Zyklen (Jahreszeiten) ebenso wie biologische und kulturelle Zyklen.[9]
  6. Die von Wilber so bezeichneten „3 S“ von Entwicklung. Statt einem Entwicklungsweg unterscheidet Wilber oft drei Entwicklungswege, und zwar den Weg des Erwachens (als einen Zustandsweg durch die Hauptzustände Wachen, Träumen und traumloser Tiefschlaf hindurch), den des Aufwachsens (als den Strukturweg der Entwicklungspsychologie) und den des Aufräumens (als einen psychodynamischen Schattenintegrationsweg).[10]

AC betont in seinem Buch praktisch ausschließlich den Aspekt (1.) von Entwicklung als einem ständigen Fortschritt und Progression. Dabei wird, und das ist eine Stärke seines Buches, die Bedeutung dieses Aspektes unterstrichen und von unterschiedlichen Seiten beleuchtet. Durch die Vernachlässigung praktisch aller anderen genannten Aspekte (2.-6.) kann jedoch der Eindruck entstehen, dass diese Aspekte keine Rolle spielen oder gar nicht existieren. Doch gesunder Fortschritt und Progression (1.) sind ohne die anderen Aspekte (2.-6.) nicht möglich, so wie eine neue Treppenstufe ohne die vorherigen „gesunden“ Treppenstufen als eine stabile Basis und ein Fundament nicht möglich ist. Wenn das nicht berücksichtigt wird, wird ein Entwicklungsstreben leicht zu einer Flucht nach vorne, einer Flucht aus dem eigenen Leben und dessen Gegenwart, aus der eigenen und kollektiven Biografie und Vergangenheit, aus der eigenen Notwendigkeit zu Konsolidierung und Heilung, als ein Aufwärtsstreben ohne Abwärtsstreben, als einem einseitigen Eros ohne Agape.

Die ewige Leidenschaft des evolutionären Impulses ist Veränderung [change]. Er ist immer nur an der Zukunft interessiert, immer einen Schritt voraus, immer nach dem Nächstmöglichen strebend (49). … in einem evolutionären Kontext entdeckst du, dass die “action“ nicht in der Gegenwart stattfindet. Die „action“ ist in der Zukunft … (49). Dieser dynamische, zukunftsorientierte, ekstatisch inspirierte Zustand des evolutionären Impulses ist die neue Erleuchtung, von der ich spreche (52). In diesem [evolutionären] Impuls gibt es kein anderes Motiv als die unaufhörliche Erschaffung der Zukunft, und die Bedürfnisse und das Verlangen eines jeden Individuums sind immer zweitrangig zu diesem größeren Zweck (157). In jedem Augenblick gibt es das Potenzial für etwas Neues. In jedem Augenblick gibt es Raum für Emergenz. Das ist das Wunder der Evolution (183). Der evolutionäre Impuls ist nur daran interessiert die Zukunft jetzt zu erschaffen (91).

Ken Wilber hat immer beides bei der Betrachtung von Entwicklung oder Evolution im Blickfeld, und zwar das Potenzial des Neuen und die Kraft, die es erschafft, und auch die Gegebenheiten des bereits Gewordenen, als Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für alles Weitere. In dem Arbeitstitel seines zweiten Bandes der Kosmostrilogie, der „Kosmisches Karma und Kreativität“ lautet, kommt diese Verbindung von gleichzeitigem Aufstieg und Abstieg als einer Bewegung und einem Entwicklungsstreben in seiner kürzesten Form zum Ausdruck.

In den folgenden Textpassagen findet sich praktisch alles, was AC in seinem Buch zu dem bisher Gewachsenen und Gewordenen zu sagen hat, und es wird deutlich, dass er dem Zukünftigen weit mehr Bedeutung beimisst als dem Vergangenen.

Wenn etwas Neues auftauchen möchte, müssen die alten Gewohnheiten gebrochen werden (72). … diese gewohnheitsmäßigen Reaktionen und Weisen des Fühlens und Denkens über dich selbst und die Welt müssen zuerst bewusst gemacht werden, und wenn notwendig transzendiert, damit die höheren Formen des eigenen Selbst hervortreten können (72).

Wenn du einen höheren Bewusstseinszustand erfährst, wird dieser zweifellos einen tiefgreifenden Einfluss auf dich haben. Doch hast du jemals darüber nachgedacht, wie du diese Erfahrung beeinflusst? Deswegen spielt unsere Entwicklung so sehr eine Rolle! (93)

In jedem Augenblick gibt es das Potenzial für etwas Neues. In jedem Augenblick gibt es Raum für Emergenz. Das ist das Wunder der Evolution (183).

Der evolutionäre Impuls ist nur daran interessiert die Zukunft jetzt zu erschaffen (91).

In diesem Impuls gibt es keine Angst, keinen Zweifel, kein Zögern und keine Hindernisse (111).

Das „Brechen alter Gewohnheiten“ erinnert dabei an den frühen AC, der ein „Transzendiere und Verwerfe“ [transcend and reject] vertreten hat, im Unterschied zum „Transzendiere und Bewahre“ [transcend and include] der integralen Spiritualität und der Entwicklungsforschung insgesamt. Ken Wilber ist hier meiner Ansicht nach differenzierter und unterscheidet Grundkompetenzen und Strukturen jeder Entwicklungsstufe, die es unbedingt zu bewahren gilt, um zukünftige Entwicklung überhaupt zu ermöglichen, und die keinesfalls „gebrochen“ werden dürfen, und Übergangsstrukturen, die es zu überwinden gilt, wie zum Beispiel die Weltsichten einer jeden Entwicklungsstufe – bewahre und transzendiere.

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Frage 4: Was ist ein Ich/Selbst?

Ein wichtiger Aspekt einer jeden (spirituellen oder auch evolutionären) Theoriebildung ist die Frage nach dem Ich oder Selbst, als einem Ausdruck von Individualität und Persönlichkeit. AC führt vier unterschiedliche Arten von Selbsten bzw. Identitäten auf, und zwar

  • ein relatives Selbst
  • ein absolutes Selbst
  • ein authentisches Selbst und
  • ein Ego

Das relative Selbst wird, außer in der Erwähnung der Überschrift von Kapitel 7, nicht näher beschrieben. Es scheint ganz allgemein das Selbst zu sein, das dem relativen Bereich zuzuordnen ist. Davon unterschieden wird das absolute Selbst:

Es gibt eine andere Dimension, auf der wir unser Erleben von Identität gründen können, eine Dimension, die radikal unterschieden ist von allen anderen, weil ihr Wesen nicht-relativ oder absolut ist (61).

Doch auch dieses Selbst wird nicht näher erläutert.

Ganz anders verhält es sich mit den zwei anderen Selbst-Begriffen, dem authentischen Selbst und dem Ego, wobei die Beziehung zum relativen und absoluten Selbst nicht näher erläutert wird. Man kann vermuten, dass das relative Selbst eher dem Ego entspricht, während das absolute Selbst mehr dem authentischen Selbst, doch ein konkreter Bezug wird von AC nicht hergestellt.

Zum authentischen Selbst:

Wenn dieser [evolutionäre] Impuls sich in der menschlichen Erfahrung manifestiert, entweder als ein inspirierter Akt kreativen Genies oder eine Woge spiritueller erleuchteter Weisheit oder Einsicht, wird er temporär zu dem oder der, der oder die du bist – und das nenne ich das authentische Selbst des Individuums (65) Dafür muss das Ego aus dem Weg (65) … Du erfährst dich selbst unmittelbar als ein manifester Ausdruck des Eros in menschlicher Form (65).

Das authentische Selbst ist der evolutionäre Impuls, der sich in und durch ein Individuum manifestiert, welches sich frei und bewusst dafür entschieden hat sich mit diesem als Selbst zu identifizieren. Das authentische Selbst ist das evolutionäre erleuchtete Selbst ... es kennt keine Angst, Zweifel, Zögern, Zaudern (66).

Das authentische Selbst ist danach der „evolutionäre Impuls, der sich in und durch ein Individuum manifestiert“, und wie schon bei der Klärung des Begriffs des evolutionären Impulses stellt sich erneut die Frage, was genau diese Manifestation bewirkt, und was in diesem Zusammenhang eine „freie und bewusste“ Entscheidung dafür bedeutet. Ist es a) eher ein kognitiver und/oder emotionaler Willensakt[11], oder b) eine spirituelle Zustandserfahrung, verbunden mit einer Entscheidung, oder c) ein Ergebnis einer Strukturentwicklung zu einer entsprechend hohen Entwicklungsstufe, auf der sich die Entscheidung für den evolutionären Impuls mehr oder weniger ergibt?[12] Diese Fragen sind nicht nur von theoretischer Bedeutung, sondern ihre Beantwortung hat enorme praktische Relevanz. Fast alle Menschen, welche die Welt auf eine evolutionäre oder revolutionäre Weise verändert haben, ob als Imperator, Diktator, Wohltäter, Reformator, Politiker, Revolutionär, Evolutionär oder Terrorist beziehen sich bei ihrem Wirken in der einen oder anderen Weise auf einen evolutionären Impuls im Sinne eines „höheren Auftrages“, einer „höheren Vision“, eines „Auftrags für die Menschheit“, einer „Mission“, einem „Mandat“ oder Ähnlichem, und letztendlich kann sich kein Mensch dem universellen Wirken des evolutionären Impulses entziehen. Wenn der kosmische Eros oder evolutionäre Impuls universell ist und von Anbeginn an wirkt und gestaltet, dann ist das Denken, Fühlen und Handeln eines jeden Menschen und Wesens letztlich auch von diesem Impuls getragen, und jeder Mensch kann sich mit Recht darauf berufen. Doch was genau ist dabei authentisch und was ist inauthentisch, und woran wird das nach welchen Maßstäben gemessen?

Während das authentische Selbst bei AC eindeutig positiv beschrieben wird, ist demgegenüber das (persönliche) Ego ein Hindernis.

Ich verwende das Wort Ego allgemein um mich auf das zu beziehen, das ein Hindernis darstellt für unser individuelles und kollektives Entwicklungspotenzial ... (61). Ego steht kurz gefasst für all die vielen Wege und Weisen, in denen wir bewusst oder unbewusst identifiziert oder verhaftet sind mit der relativen Dimension, die unsere höhere evolutionäre Entwicklung hemmt   (62). Es geht um „Evolution über das Ego hinaus“, doch „das Ego verschwindet dabei nicht völlig“ (62). Wäre es nicht unmoralisch zu viel Zeit damit zuzubringen herumzusitzen und sich über die Ängste und Verlangen des persönlichen Egos zu sorgen? (37)

Das Ego ist, von einer bestimmten Sichtweise aus betrachtet, nichts anderes als ein Konglomerat von Gewohnheiten (73).

Du bist sehr wichtig. Nicht deine individuellen Eigenschaften, deine einzigartige Persönlichkeit oder deine speziellen Gaben und Talente. Was dich wichtig macht, ist, dass du diese außerordentliche Fähigkeit hast unmittelbar zu der Tatsache zu erwachen, dass du nicht getrennt bist von der Energie und Intelligenz, die das Universum erschaffen hat ... das bedeutet, dass du wählen kannst Gott zu werden – Gott als das kreative Prinzip (77).

Mit dieser Definition, die sich von der Ken Wilbers deutlich unterscheidet[13], ist das Ego ein zu überwindendes Hindernis auf dem Weg (welchem Entwicklungs-, Zustands- oder Schattenweg genau?) zum authentischen Selbst. Im Zusammenhang mit den oben beschriebenen Selbst-Definitionen von AC entsteht hier der Eindruck einer traditionellen spirituellen Sichtweise der Form „lasse dein Ego los und erwache zum wahren (oder authentischen) Selbst“. Die Einführung eines authentischen Selbst und die Einbeziehung eines evolutionären Impulses sind Neuerungen, die AC dieser traditionellen Vorstellung und Lehre „vermeide die Vielen (Ego, relatives Selbst) und Erwache zum Einen (absolutes Selbst, authentisches Selbst)“ hinzufügt. Das Problem dieser Sichtweise, auf das die Moderne, die Postmoderne und auch eine integrale Spiritualität hinweisen, ist, dass beim Erwachen zum Absoluten (oder authentischen Selbst) nach wie vor ein Ich oder eine Persönlichkeit besteht, mit biologischen, psychologischen, kulturellen und sozialen Prägungen und Bedingtheiten, welche durch das Erwachen nicht verschwinden. Dies weiß AC auch, und erwähnt in einem Nebensatz, dass das „Ego dabei nicht völlig verschwindet“, und an dieser Stelle wäre es wichtig zu definieren, was genau zurückgelassen und was beibehalten wird. Wenn er weiterhin betont „Du bist sehr wichtig“, dann spricht er damit offensichtlich auch eine konkrete Identität und Persönlichkeit an, doch was genau diese Persönlichkeit und ihre Einzigartigkeit ausmacht, wird nicht beschrieben.

Im Kapitel 7, in dem AC die vier genannten Selbste vorstellt, stellt er keine Bezüge zum Entwicklungsstrukturalismus (oder dem Weg des Aufwachsens) her und damit bleibt unklar, wie der Zusammenhang dieser Selbste zu Entwicklungsmodellen wie z.B. Spiral Dynamics oder dem Regenbogenspektrum von Wilber ist. An anderer Stelle seines Buches betont AC jedoch die Bedeutung, die z.B. die moralische Entwicklung für eine evolutionäre Spiritualität (und damit das individuelle Ich und das kollektive Wir) hat:

Die Ebene unserer moralischen Entwicklung zeigt sich daran, wie viel vom Kosmos wir in der Lage sind in unserem Geist und unseren Herzen zu umfassen ... ethnozentrisch – soziozentrisch(?) – weltzentrisch – kosmozentrisch (87).

Daraus folgt, dass es auf jeder dieser Entwicklungsstufen auch eine Art von Identität oder Ich geben muss, also ein egozentrisches Ich, ein ethnozentrisches Ich, ein weltzentrisches Ich und ein kosmozentrisches Ich, doch einen Bezug oder eine Verbindung dieser vier Ichs zu den von ihm vorgestellten Ichs oder Selbsten (relatives Selbst, absolutes Selbst, authentisches Selbst und Ego) stellt AC nicht her.

Ohne eine höhere moralische Entwicklung, ohne eine zutiefst entwickelte Seele, können selbst spirituelle Impulse in die falsche Richtung gehen (92).

Dieser Satz, dessen Bedeutung in der Wilber-Combs Matrix[14] ausgearbeitet wurde, macht deutlich, dass eine moralische Entwicklung von entscheidender Bedeutung ist, auch und gerade für die Interpretation und das In-die-Welt-Bringen spiritueller Impulse, und wieder stellt sich die Frage, in welcher Beziehung die moralischen Ichs oder Selbste der vier genannten Entwicklungsstufen zum authentischen Selbst stehen und ob das authentische Selbst in einem direkten Bezug steht zu einer oder mehreren der moralischen Entwicklungsstufen.

Der (freie) Wille als eine Ich- bzw. Selbstfunktion nimmt bei ACs evolutionärer Erleuchtung eine besondere Bedeutung ein. Er sorgt dafür, dass wir uns „durch die Macht [power] der Wahl“„vom Ego zum authentischen Selbst“ (69) bewegen. Dabei entsteht jedoch ein Widerspruch. Da wir ja alle beim Ego beginnen, ist es offensichtlich gerade dieses von AC so bezeichnete narzisstische Ego, das den Willen entwickelt, sich zum authentischen Selbst zu entwickeln. Nach AC „geht es um die konsequente Wahl der Identifikation mit dem authentischen Selbst anstatt mit dem Ego“ (70) beim Weg der evolutionären Erleuchtung, doch diese Wahl der Identifikation kann ja nur aus dem Ego kommen, denn das authentische Selbst ist ja noch nicht erreicht. AC fügt hinzu du kannst dich bewusst dafür entscheiden, wer du sein willst. (71)“, und plötzlich bekommt das Ego die Bedeutung, die es in der Entwicklungspsychologie als „Ich“ schon immer hat: als ein wichtiges Instrument und eine wesentliche Identität auf dem Entwicklungsweg, und als Ort unserer Identifikation.

AC führt aus:

Wenn sich die Bewegung vom Ego zum authentischen Selbst ereignet, entwickeln sich deine Motive zum Verfolgen der Evolution von einem grundlegend selbst-zentrierten Motiv zu einem, das auf die Bewusstseinsevolution selbst ausgerichtet ist (157).

Wenn freie Agenz, das größte Geschenk des entwickelten Menschen, befreit ist von unbewussten und gewohnheitsmäßigen Mustern und sich mit einem höheren kosmischen Willen identifiziert, wird das Individuum zu einem Handelnden der Evolution (74).

Zu dem Grad, wie jemand überholte biologische, psychologische und kulturelle Gewohnheiten, welche einer höheren Entwicklung im Wege stehen, sich in sich bewusst macht und transzendiert, wird man zu einem immer macht- und kraftvolleren Handelnden [agent] der Evolution (74).

Befreiung vom Griff des Egos (75)

Folgt man der Entwicklungspsychologie, dann ist es das Ego (oder Ich) einer Entwicklungsstufe, mit allen seinen Beschränkungen und Identifikationen, welches die Basis und der Ausgangspunkt für den nächsten Entwicklungsschritt ist, und nicht ein höheres Selbst, welches allenfalls als Potenzial, aber noch nicht als Struktur-Identität erreicht wurde. Dies deutet sich in den folgenden Textstellen an:

So wie du bist, als ein Individuum, von Augenblick zu Augenblick, ist dein persönlicher Beitrag dazu, wie die kosmische Evolution hier und jetzt aussieht, in einer menschlichen Form (89).

Der Impuls bewegt sich durch die sich entwickelnden emotionalen, psychologischen, kulturellen und spirituellen Strukturen des menschlichen Herzens und des menschlichen Geistes, die durch ihn erwachen, und erlangt so Schritt für Schritt die Fähigkeit zur Selbstreflektion und Selbstausdruck, mit der entsprechenden moralischen Sensitivität, die ein Teil dieses einzigartigen menschlichen Beitrags zum sich entwickelnden kosmischen Prozess ist (91).

Der Weg dahin geht, wie AC sagt, über die Transzendierung „psychologischer und kultureller Gewohnheiten“, doch diese Gewohnheiten stehen grundsätzlich „nicht einer höheren Entwicklung im Wege“, sondern lediglich die ausschließliche Identifikation mit ihnen. Diese Grundstrukturen bleiben als Basis für jede Art von Weiterentwicklung erhalten, das, was stirbt und zurückgelassen wird, sind die Weltsichten einer Stufe, so jedenfalls die Aussagen einer integralen Spiritualität und Entwicklung. Dieser Prozess erfolgt, um noch einmal auf die Entwicklungspsychologie zurückzugreifen, in unterschiedlichen Stufen und Schritten, und nicht in einem Schritt von einem Ego zu einem authentischen Selbst.

Die Bedeutung eines Ichs (oder Selbst) unterstreicht AC dann im dritten Teil seines Buches, wo er fünf grundlegende Lehrsätze [tenets] einer evolutionären Spiritualität vorstellt. Diese Lehrsätze entsprechen einer psychologischen Haltung aus einer menschlichen Individualität heraus, was einmal mehr die Bedeutung eines Ichs auch in einer evolutionären Spiritualität unterstreicht.

Die fünf Lehrsätze sind:

Klarheit der Intention

Deine eigene Klarheit ist alles (113)

Was ist mir am wichtigsten? (114)

Die Macht/Kraft des Willens

Ins Reine kommen mit deiner gesamten Vergangenheit und aller karmischen Konsequenzen daraus (125)

Stelle dich allem und vermeide nichts

Seien wir uns immer bewusst: sich allem zu stellen meint wirklich alles. Und wenn diese Praxis als Kraft zur Befreiung wirken soll, dann muss sie jetzt geschehen – nicht morgen, oder in irgendeiner Zukunft (140).

Cosmic Conscience

Ich möchte frei werden nicht nur für mich selbst, sondern zum Wohle des Ganzen (159)

Deine kosmische Bedeutung (167)

Es gibt keine größere Herausforderung für den Narzissmus als das Erwachen zum cosmic conscience; zu der Tatsache, dass die Evolution des Inneren des Kosmos von dir abhängt (167).

An dieser Stelle ist besondere Vorsicht geboten, denn gerade das Projekt zum Erwachen eines kosmischen Gewissens kann natürlich selbst narzisstisch gesteuert sein, zumal wenn die Entwicklung des inneren Kosmos dabei „von mir“ abhängt.

Es ist nicht länger „ich möchte das“, sondern „es möchte mich“ (168)

Ich kann mir nichts Befreienderes vorstellen … (168)

Ich kann mir nichts Notwendigeres vorstellen … (168)

Auch hier zeigt sich die Ambivalenz des Ichs, das zum einem kein Ich, sondern ein Es sein möchte oder ist („es möchte mich“), doch gleichzeitig wieder in Ich-Form Sätze formuliert wie „Ich kann mir nichts Befreienderes vorstellen ...“ und „Ich kann mir nichts Notwendigeres vorstellen ...“

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Frage 5: Welche Dimensionen hat Wirklichkeit?

AC stellt klar, dass es ihm bei der evolutionären Erleuchtung vor allem um das Innere des Kosmos geht.

Das Territorium evolutionärer Erleuchtung ist das Innere des Kosmos (57).

Er spricht sowohl von einem höheren Ich als auch von einem höheren Es (als Prozessperspektive) und einem höheren Wir, und deckt damit die „Großen Drei“ beziehungsweise die vier Quadranten ab, ohne jedoch diesen Zusammenhang herzustellen und darauf Bezug zu nehmen. Ein höheres Ich entspricht in diesem Zusammenhang dem authentischen Selbst, auch wenn nicht ganz klar ist, welche strukturellen, psychologischen, typologischen Merkmale dieses Selbst kennzeichnen. Dem höheren Wir widmet AC ein eigenes Kapitel (Nr. 17).

Das Universum wurde erschaffen, damit Beziehung sich ereignen kann (173).

Wir müssen einen Weg finden, wo wir uns begegnen können, an einem Ort, wo wir noch nie zuvor gewesen sind, in einem höheren Bewusstseinszustand und auf einer höheren Entwicklungsstufe, ungehindert durch den trennenden Einfluss des narzisstischen Ego und weniger erleuchteten Werten unserer modernen und postmodernen Kultur (174).

Intersubjektiver Wir-Raum (175)

Simultane Emergenz von Autonomie und Kommunion (192)

Erneut spricht AC von einem „narzisstischen Ego“. Gleichzeitig betont er die „simultane Emergenz von Autonomie und Kommunion“, was bedeutet, dass sich Ich und Wir (und Es, wie die integrale Theorie hinzufügen würde), immer miteinander ereignen. Wenn das der Fall ist, dann gibt es Stufen einer Ich- bzw. Ego-Entwicklung, die AC jedoch, da er kein eigenes Modell individueller oder kollektiver Entwicklung mit unterschiedlichen Stufen vorstellt, nicht klar definiert.

Bei der Vorstellung der Es-haften „Prozessperspektive“ zeigen sich für mich Verabsolutierungstendenzen und Widersprüche, die sich durch die Einführung beispielsweise des Modells der vier Quadranten vermeiden bzw. aufheben ließen.

Die zwanghafte Personalisierung durchbrechen (145)

Leben ist ein unpersönlicher Prozess (145). Dieser Prozess bist du…

Transzendiere die persönliche Welt des getrennten Selbst so weit, dass du findest, dass du dich um andere sorgst und kümmerst. Das Empfinden des getrennten Selbst ist nichts anderes als eine Illusion der Einzigartigkeit. (148)

Wir sind ein Prozess (149)

Die persönliche Sphäre deines Lebens hört nicht auf zu existieren (152).

Das Drama deines persönlichen Verlangens und Sorgens ist, wenn nicht irrelevant, immer zweitrangig zu der prime direktive des authentischen Selbst, dem evolutionären Prozess selbst (153).

Wenn AC feststellt, dass „Leben ein unpersönlicher Prozess“ ist, oder wenn er sagt „wir sind ein Prozess“, dann neigt er zu einer Verabsolutierung der Es-Perspektive und widerspricht gleichzeitig großen Teilen seines Buches, wo es um ein Ich (oder Selbst) bzw. um ein (höheres) Wir geht. Dies wird auch daran ersichtlich, dass AC immer wieder das persönliche Du [you] im Buch verwendet, was ja bedeutet, dass zum Leser kein unpersönlicher Prozess spricht, sondern ein Ich (oder Selbst) mit dem Namen Andrew Cohen. Mit der Aussage einer „prime directive“ des authentischen Selbst, die sogar dem (es-haften) evolutionären Prozess gleichgesetzt wird, geschieht eine Ver-es-lichung von Ich-Individualität, die typisch ist in der Sprache vieler spiritueller Lehrer[15] und Gurus, auf die ich gleich noch eingehe. Wenn AC schreibt, dass das Leben ein unpersönlicher Prozess ist und dass jeder von uns dieser Prozess ist „Dieser Prozess bist du“, dann wird aus dem Du ein Es, was bedeutet, dass es kein Du und damit auch kein höheres Wir geben kann. Die Perspektiven des Ich, Wir und Es werden dabei gegeneinander ausgespielt, anstatt sie zu integrieren, wie es eine integrale Spiritualität tut. 

In dem folgenden Zitat werden das Ich und seine „Bedürfnisse und Verlangen“ ohne Unterschied von Entwicklungsstufen pauschal dem Es eines evolutionären Impulses untergeordnet[16], was zu einem problematischen Kollektivismus führen kann, wo sich alles einem größeren Zweck, in diesem Fall der „Erschaffung der Zukunft“, unterzuordnen hat.

In diesem [evolutionären] Impuls gibt es kein anderes Motiv als die unaufhörliche Erschaffung der Zukunft, und die Bedürfnisse und das Verlangen eines jeden Individuums sind immer zweitrangig zu diesem größeren Zweck (157).

Wenn diese Aussage dann noch von einem „befreiten“[17] Lehrer oder Guru getroffen wird, von dem man – in dieser Logik – dann auch erwartet, dass er weiß, was die Erschaffung der Zukunft bedeutet, dann kann es zu problematischen Formen von Kollektivismus in Form missbräuchlicher Dominanz-Hierarchien führen.

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Frage 6: Was ist Erwachen (oder Erleuchtung)?

Sowohl eine integrale Spiritualität als auch eine evolutionäre Spiritualität betonen das Erwachen sowohl zum Absoluten wie auch im Relativen:

Während Sein sich wie ein ewiger Friede anfühlt, fühlt sich Werden völlig anders an. Der evolutionäre Impuls wird gefühlt als Erleben einer enormen Dringlichkeit, eine ekstatische Dringlichkeit, ein Erleben, dass etwas undenkbar Wichtiges sich JETZT ereignen muss, (39) als eine Erfahrung von Ekstase und Dringlichkeit (41).

Das Erwachen zum Sein erfolgt ganz traditionell durch die Zurückweisung jeglicher Geistesinhalte:

Um über den Geist hinauszugehen, musst du ihn erst vollständig zurückweisen (107).

Doch damit ist, wenn man so will, im Relativen noch nichts erreicht:

Die Erfahrung dieses immer-neuen Beginnens löscht nicht automatisch deine Vergangenheit. Erhebst du dich aus der Stille, musst du dich nach wie vor mit den oft harten Realitäten menschlichen Lebens und den Herausforderungen deiner karmischen Bestimmung auseinandersetzen (109).

Erneut skizziert AC in diesem Zusammenhang ein Entwicklungsmodell, ohne jedoch auf die Ich-Identitäten der Stufen näher einzugehen und diese in Beziehung zu setzen zu den vier oben vorgestellten Selbsten

den Körper (sexueller Impuls), den höheren Ebenen des Selbst (Innovation), den höchsten Ebenen des Selbst (immer bewusster werden (40).

An anderer Stelle spricht er davon, dass man den evolutionären Impuls auf jeder Ebene des Selbst lokalisieren (64) kann, doch für keines der vier von ihm vorgestellten Selbste (absolutes Selbst, relatives Selbst, authentisches Selbst und Ego) gibt er eine Beschreibung dieser Ebenen.

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Fazit

Andrew Cohens Buch „Evolutionäre Erleuchtung“ ist für mich ein Beispiel einer nicht gelungenen Integration einer klassischen Guru Lehre mit der integralen Theorie. Was mich am meisten verwundert ist, dass AC, der ja seit vielen Jahren mit Ken Wilber im Dialog ist, so wenig von der integralen Theorie Gebrauch macht.  

 

Quelle: Online Journal 35, 2013


[1] Siehe hierzu die the Guru and the Pandit Dialoge der Ausgaben der Zeitschrift what is enlightenmenthttp://www.enlightennext.de/

[2] Ken Wilber gewidmet, für seinen großen Geist und sein großes Herz.

[3] Die eingerückten und kursiv gesetzten Textstellen stammen alle aus dem Buch „Evolutionary Enlightenment“. Die Übersetzung ist von mir, die Zahlen in Klammern hinter der Textstelle verweisen auf die Buchseite.

[4] Excerpt A, An Integral Age At The Leading Edge, Fußnote 26, On The Nature of Involutionary Givens, veröffentlicht auf www.integrallife.com

[5] „Eros wird von einer grundlegenden Tatsache abgeleitet. GEIST erschafft die gesamte manifeste Welt … Dieser Antrieb [drive] zu immer größerer Einheit und Ganzheit im endlichen Bereich wird Eros genannt, als der Antrieb aller endlichen Dinge das Unendliche zu finden.“    

[6] So spricht AC von dem „gefühltes Erleben einer ekstatischen Dringlichkeit die Evolution des Bewusstseins betreffend“ (165).

[7] Mit diesem Thema beschäftigt sich auch der Dialog auf Radio EnlightenNext vom 12.4.2012 zwischen Tom Steininger und mir, veröffentlicht unter: http://www.enlightennext.de/radio-enlightennext/

[8] Diesen Gedanken führt Wilber in einem Audiovortrag mit dem Titel “Tipping Points and the Eye of Contemplation” aus, veröffentlicht auf www.integrallife.com.

[9] Siehe hierzu meinen Beitrag Phasen, Zyklen, Strukturstufen und der „Gang der Weltgeschichte“ in der Ausgabe 31 des Online Journals.

[10] Im Englischen bezeichnet mit waking up, growing up, cleaning up.

[11] Dafür sprechen folgende Zitatstellen: Vom Ego zum authentischen Selbst durch die Macht/Kraft der Wahl (69). Beim Weg der evolutionären Erleuchtung geht es um die konsequente Wahl der Identifikation mit dem authentischen Selbst anstatt mit dem Ego ... (70), du kannst dich bewusst dafür entscheiden, wer du sein willst (71).

[12] Hierfür spricht die Betonung von Entwicklung von AC.

[13] Ken Wilber sieht das Ego nicht grundsätzlich als ein Hindernis „mit dem Ego ist nicht falsch – alles, was das Ego loswerden will, ist das Ego“, sondern als Zentrum von Persönlichkeit, Identität und  Bewusstheit eines sich entwickelnden Menschen.

[14] In der Wilber-Combs Matrix differenziert Wilber einen Zustandsweg des Erwachens und einen Entwicklungsstrukturweg des Erwachsen-Werdens, und verbindet beide miteinander in einer Matrix. Auf jeder der Stufen beider Wege gibt es ein Ich und eine Identität. Die Stufen des Zustandsweges bezeichnet er mit den Begriffen Ich – Seele – Selbst und Soheit. Auf dem Strukturweg ergeben sich die Ich-Identitätsbezeichnungen aus den Merkmalen der Strukturstufe, z.B. (im Modell von Jean Gebser): archaisches Ich, magisches Ich, mythisches Ich, rationales Ich, pluralistisches Ich. Dadurch ergibt sich eine sehr differenzierte Ich-Psychologie in der Kombination der Identitäten aus dem Zustands- und dem Strukturweg. Nimmt man noch die Psychodynamik hinzu, die berücksichtigt, dass bei allen Entwicklungsschritten und auf jeder der Entwicklungsstufen Fehlentwicklungen auftreten können (wie Fixierungen und Abspaltungen), dann erhält man in Kurzform die Struktur einer integralen Psychologie, basierend auf den bereits erwähnten „3 S“ von Bewusstseinszuständen (Zustandsweg), Bewusstseinsstrukturen (Strukturentwicklungsweg) und Psychodynamiken (oder generell Schatten).

[15] So zum Beispiel auch in dem Buch Sharing the Presence von Thomas Hübl in Kapiteln wie Das Netz des Lebens, Sich auf die Frequenzen des Lebens einschwingen, oder Kohärenz und Synchronizität von Bewusstseinsfeldern. Eine typische Textstelle dazu ist: „Das Ausbilden höherer, komplexerer, besserer, überlebensfähigerer Muster des Lebens. Muster? Ja, im Endeffekt sind wir – unromantisch betrachtet – nichts anderes als Informationsmuster im Ozean des Lebens.“ (S. 247)

[16] Dazu passt auch die Aussage „Der evolutionäre  Impuls ist eine Kraft und Funktion der Natur, die sich nicht um unsere persönlichen emotionalen und psychologischen Bedürfnisse kümmert“ (51).

[17] Der einzige „autobiografische“ Hinweis des Buches über den Erleuchtungszustand von AC findet sich in der Einleitung des Buches, wo AC sich bei seinem Lehrer H.W.L. Poonja bedankt, der ihn „befreite“ [set me free]. Doch was diese Befreiung wirklich bedeutet, auch und gerade im Kontext der Vorstellung einer evolutionären Spiritualität, diskutiert AC auf sich selbst bezogen in seinem Buch mit keinem Wort.