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27.5.2017 : 10:03 : +0200

Buchbesprechung Entwicklungstheorien

von Michael Habecker

August Flammer: Entwicklungstheorien, Psychologische Theorien der menschlichen Entwicklung, 4. Auflage, Huber Verlag.

 

Die Vorstellung einer sich entwickelnden Welt ist fest verankertes Allgemeingut in praktisch allen Kulturen dieser Welt. Was als eine biologisch-evolutionäre Herangehensweise begann, hat sich mittlerweile auf alle Bereiche des Wissens und Seins ausgedehnt, mit der Frage, was genau Entwicklung ist, wo sie überall stattfindet, was dabei alles schief gehen, und wie man sie fördern kann. Ein besonders faszinierender Aspekt dabei ist die innere menschliche Entwicklung, die Entwicklungspsychologie des Menschen, und diese ist das Thema des Buches von August Flammer. Er stellt dazu die Theorien großer Entwicklungsforscher erläuternd und anschaulich vor, offenbar so erfolgreich, dass seit seinem Erscheinen 1988 das Buch zu einem Standwerk geworden ist für Menschen, die sich über das Thema einen qualifizierten Überblick verschaffen wollen. „Qualifizierter Überblick über psychologische Entwicklung“ ist auch ein wichtiges Stichwort für die integrale Szene. „Entwicklungsebenen“ und „Entwicklungslinien“ bilden zwei der fünf Hauptsäulen von Ken Wilbers integralem Modell, und Wilber stützt sich dabei auf ein gründliches Studium der Entwicklungsforschung. Er nennt dabei immer wieder Quellen und Namen, die wir auch im Buch von Flammer wiederfinden, und mit denen sich eine nähere Beschäftigung lohnt. So gesehen ist das Buch, und eine nähere Beschäftigung mit den Grundlagen und Aussagen der Entwicklungsforschung allgemein, eine wichtige „Hausarbeit“ für alle, die mit Wilbers Modell umgehen und dabei Entwicklungseinschätzungen vornehmen. 

Jetzt zum Buch.

Im Vorwort zur ersten Auflage fasst der Autor seine Intention mit den Worten zusammen:

„Genau das ist das Anliegen dieses Theoriebuches: die Sensibilisierung für wiederkehrende Erscheinungen und Zusammenhänge der Entwicklung. Theorien artikulieren solche Muster von wiederkehrenden Erscheinungen und Zusammenhängen“ (7)[1]

 

Ein derartiger Überblick kann dann auch bei dem helfen, was Ken Wilber zu seinem Hauptberuf gemacht hat, die Erstellung von Meta-Theorien über große Themenbereiche. Diesen Gedanken greift Flammer im Vorwort zur vierten Auflage auf:

„Wenn gelegentlich bedauert wird, dass neue große theoretische Würfe seltener geworden sind, so stelle ich dem gerne die Hypothese entgegen, dass wir uns möglicherweise in einer dialektischen Phase der ‚Antithese’ befinden: Auf die Phase der weit ausholenden theoretischen Entwürfe musste eine Phase der exakten empirischen Prüfung und Kritik und der Suche nach neuen Ansätzen (z. B. Neuroentwicklungspsychologie) folgen. Nach dieser gegenwärtigen Phase könnte bald eine neue Synthesephase möglich werden, in der die großen Theorie des 20. Jahrhunderts mit den neuen empirischen Befunden originell integriert werden.“ (10)

 

Das ist die „integrale Agenda“, an der Wilber und viele andere arbeiten.

Kapitel 1: Entwicklung – Theorie – Entwicklungstheorie

Im ersten Kapitel erläutert Flammer die Bedeutung theoretischen Arbeitens:

„Praxis, die nicht nur Routine ist, wird durch Theorie geleitet. Wer sich überlegt, was er oder sie in einer gegebenen Situation tun soll, wer abwägt, welche Ziele oder Zwischenziele er oder sie mit welchen Mitteln anstreben will, denkt über die Ausgangssituation nach. Er oder sie spekuliert über den möglichen Fortgang der Dinge, gibt sich Rechenschaft über die wahrscheinlichen Wirkungen des Handelns, bedenkt mögliche Nebeneffekte etc. Dazu braucht es vor allem zwei Dinge, nämlich die Kenntnis von Phänomenen sowie eine geeignete Interpretation der Phänomene. Letzteres ist das, was wir von Theorie erwarten ... Theorien leiten nicht nur unsere Erklärungen und Interpretationen, sondern auch unsere Informationssuche und unsere Beobachtungen. Theorien öffnen den Blick für Vermutungen, zu deren Prüfung wir Fragen ableiten oder bestimmte Beobachtungen anstellen. Im Grenzfall ist allerdings die Unterteilung in Beobachtung und Interpretation nicht exakt möglich. Jede Informationsaufnahme ist selektiv und gleichzeitig interpretierend.“ (15)

 

Danach wendet sich der Autor den unterschiedlichen Aspekten von Entwicklung zu, mit folgenden Fragestellungen: „Entwicklung = Abfolge alterstypischer Zustandsbilder?“, „Entwicklung = Veränderung?“, „Entwicklung = reifungsbedingte Veränderung?“, „Entwicklung als „Veränderung zum Besseren oder Höheren?“, „Entwicklung = qualitative resp. strukturelle Veränderung?“, „Entwicklung = universelle Veränderung?“, „Entwicklung = Sozialisation?“ Dabei werden viele der Wilberschen AQAL Themen angesprochen: Entwicklung als eher zyklisches Geschehen („alterstypische Zustandsbilder“, oder „Gewisse Theorien stellen nur fest, dass bestimmte Zustandsbilder von anderen abgelöst werden“), Entwicklung als ein Reifungsprozess mit einer zunehmenden Komplexität, die Wertefrage bei Entwicklungsbetrachtungen („“Was ist besser als was? Wo nimmt man die Kriterien her?“), die quantitative und die qualitative Seite von Entwicklung (die rechtsseitigen und die linksseitigen Quadranten), und die Frage nach der Generalisierbarkeit und dem Geltungsbereich (der Universalität“) von Entwicklungsaussagen.

„Je generalisierbarer psychologische Theorien sind, desto breiter ist ihr Anwendungsbereich. Nur: Je generalisierbarer Theorien sind, desto inhaltsärmer sind sie im Allgemeinen. Wir wollen entwicklungspsychologischen Theorien auch mal zugestehen, dass sie nur für eine bestimmten und beschränkten Teil der Bevölkerung oder einer Kultur und zu bestimmter Zeit gelten und dafür vielleicht desto präziser und reichhaltiger sind.[2]“ (21)

 

Dass Entwicklung nicht immer nur ein fröhliches Aufwärtsstreben ist, sondern dass auch Dinge schief laufen können, sich Regressionen oder Fixierungen ereignen können, Entwicklungen zyklisch oder spiralig verlaufen können, macht der Autor auch deutlich:

„Wenn wir zugestehen, dass Entwicklung zum Besseren oder zum Schlechteren führen kann, haben wir alle diese Definitionsschwierigkeiten nicht. Es gibt dann eben beides, wünschbare und nicht wünschbare Entwicklung. Dann ist auch die Aussage möglich, dass sich eine Person z. B. über verschieden Stufen bedauerlicherweise zu einem engstirnigen oder zu einem kritischen Menschen ‚entwickelt’ hat.“ (20)

 

In einer interessanten Fußnote wird ein N. Bischof erwähnt, der Entwicklung als „Enkrustation“ bezeichnet, und damit den strukturbildenden Charakter hervorhebt, der Möglichkeiten schafft, aber der auch Grenzen setzt. (Auf die Strukturaspekte von Entwicklung, äußerer wie auch innerer, individueller wie auch kollektiver, weist Wilber immer wieder hin.)

Entwicklung als Sozialisation rückt die unteren Quadranten ins Blickfeld und berücksichtigt den Gemeinschaftsaspekt. In einem einzigen Satz werden die vier Quadranten dabei abgedeckt:

„Entwicklung öffnet eine umfassendere Perspektive und deckt sowohl die kulturellen [Wir], institutionellen und sozialen [Es Plural] als auch die mehr individuellen (psychischen [Ich] und physiologischen [Es]) Prozesse ab.“ (22)

 

Schließlich betont der Autor die Bedeutung von einer „Bewährung“ einer jeden Theorie in der praktischen Anwendung.

„Es kommt vor, dass eine Theorie Heerscharen von Therapeutinnen und Therapeuten begeistert und ihre Tätigkeit interessanter und wirkungsvoller macht.“ (25)

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Kapitel 2: Die Kontroverse um die Anlage- und Umwelteinflüsse auf die Entwicklung

Im 2. Kapitel Buches geht es um die Frage des Einflusses von Anlage und Umwelt auf die Individualentwicklung. Dies ist in gewisser Weise eine Variante dessen, was Wilber im Arbeitstitel des geplanten 2. Bandes der Kosmos-Trilogie mit dem begriff Karma und Kreativität ausdrückt. Was bringen wir, mehr oder weniger unveränderbar, in das Leben mit, und worin liegt unsere kreative Freiheit und Emergenz, und zwar, wie man hinzufügen könnte, in allen vier Quadranten? Bezogen auf die psychische Individualentwicklung fasst Flammer die unterschiedlichen Ergebnisse und Positionen zusammen und stellt sie einander gegenüber, mit der Frage, was wir „in den Genen“ bereits angelegt haben, und was nicht, als einem „verbleibenden Spielraum für Erziehung und Selbststeuerung in der Entwicklung.“ Diese Frage ist weit über die Entwicklungsforschung hinaus bedeutend und wird schnell politisch, wenn es um die Erblichkeit von Psychopathologie oder Krankheiten geht. Interessant dabei ist auch das Phänomen der „Prägung“, ein „unauslöschliches Lernen während einer genau begrenzten ‚kritischen Periode’“, womit ebenfalls Festlegungen getroffen werden, die auf alle nachfolgenden Entwicklungen buchstäblich „prägenden“ Einfluss haben. Der Autor kommt zur der Schlussfolgerung:

„Sowohl Vererbung als auch externe Entwicklungsbedingungen beeinflussen die menschliche Entwicklung sehr stark. Extrempositionen sind wissenschaftlich nicht gerechtfertigt“ (44)

 

Für die integrale Diskussion ist wichtig festzuhalten, dass den Entwicklungsbemühungen auch Grenzen und Rahmenbedingungen gesetzt sind, die es zu kennen lohnt, ein allgemeines „Karma“ im Sinne von Vorbedingungen, die sich nicht so ohne weiteres verändern lassen, sondern die Grundlage und das Fundament jeder weiteren Entwicklung bilden, individuell und kollektiv, innerlich und äußerlich.

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Kapitel 3 und 4: Endo- und exogenistische Entwicklungsauffassungen

In Kapitel 3 beschäftigt sich der Autor mit

„Entwicklungstheorien ... die Entwicklung vor allem als Reifung verstehen, als einen Entfaltungsprozess, der aus dem Innern des Organismus gesteuert ist (vgl. ent-wickeln = auswickeln, was drinnen ist) ... Der Ausdruck endogenistisch ist eine wertende Kennzeichnung in dem Sinn, dass diese Theorien die endogene Steuerung überbetonen. In Wirklichkeit ignorieren die sog. Endogenisten natürlich die Bedeutung von Lernprozessen und von äußeren Entwicklungsanregungen nicht, aber ihre Aufmerksamkeit gilt in besonderem Maß der endogenen Steuerung der Entwicklung.“ (49)

 

Nach einem kurzen historischen Abriss, bei dem Aristoteles, Comenius und Rousseau erwähnt werden (im Zusammenhang mit Aristoteles erwähnt Flammer die Entelechie, die vergleichbar ist mir dem, was Wilber „Eros“ nennt, der Hauptantriebskraft für Entwicklung) und einer Zusammenstellung endogenistischer Grundauffassungen („Entwicklung ist in den Anlagen vorgezeichnet und wird unter geeigneten Umweltbedingungen realisiert. Entwicklung geschieht; Lebewesen entwickeln sich, ohne dass sie sich darum bemühen“) stellt der Autor ausgewählte Vertreter diese Entwicklungsauffassung vor. Dies sind Arnold Gesell, Charlotte Bühler, Adolf Busemann, Rudolf Steiner, Heinz Remplein und Heinz Werner. Letzterer verwies auf Goethe als einen frühen Vertreter dieser Sichtweise. Dann wird noch das Bindungsprinzip diskutiert, als eine Einführung des Interaktionsprinzips (und damit des unteren linken Quadranten) in den Entwicklungsansatz, und die sich daran anschließenden „Gesellschaftliche[n] Spuren endogenistischer Entwicklungsauffassungen.“

„Generell machen endogenistische Überzeugungen einigermaßen resistent gegen Versuchungen zu gesellschaftlichen Veränderungen. Ungleichheiten sind gegeben, man muss mit ihnen umgehen und die daraus entstehenden Härten mit geeigneter Sozialpolitik kompensatorisch zu mildern versuchen.“ (57)  

 

Flammer fasst zusammen:

„Der Mensch wird als innenbestimmt betrachtet, aber im deterministisch-biologischen Sinn [der obere rechte Quadrant], nicht im Sinn der Selbststeuerung. Man kann sagen, dass die Endogenisten individualistischen Menschenbildern huldigen ...“ (58) 

 

Mit dem 4. Kapitel Exogenistische Auffassungen wechselt der Autor dann „von einem Extrem ins andere.“ Die extremste Form ist hier die Vorstellung einer „tabula rasa“ der unbeschriebenen Tafel Mensch, auf der Bildung und Erziehung den Menschen nach Belieben formen können. Flammer erwähnt in diesen Zusammenhang Berkley, Locke, die beiden Mill und Watson, den Begründer des Behaviorismus.

„Psychologinnen und Psychologen sind prinzipiell an der Aufdeckung exogener Faktoren interessiert, denn sie möchten Wege finden, Leid, Behinderung und Ungerechtigkeit professionell zu beseitigen oder zu mildern. Therapie, Beratung Sozialpolitik, Bildungspolitik erhalten ihren Spielraum aus der ‚Machbarkeit’ menschlichen Verhaltens und der Steuerbarkeit menschlicher Entwicklung.“ (63)

 

Flammer stellt dann die Entwicklungskonzepte von Skinner, Bijou und Baer und Sears vor und fasst zusammen:  

„Im Gegensatz zum organismischen Menschenbild der endogenistischen Theorien ist das Menschenbild der exogenistischen Theorien als mechanistisch  zu bezeichnen ... Diese Theorien werden deshalb auch als funktionalistisch bezeichnet. Wie das Menschenbild der Endogenisten ist auch das der Exogenisten individualistisch ... (69)

 

und beide, so könnte man hinzufügen, konzentrieren sich überwiegend auf den oberen rechten Quadraten, wobei die Endogenisten annehmen, dass sich die Dinge mehr oder weniger aus den Genen heraus von selbst entfalten, wohingegen die Exogenisten durch Verhaltenssteuerung von außen die Entwicklung des Menschen beeinflussen.

„In einem streng behavioristischen Menschenbild gibt es keinen Raum für persönliche Freiheit ... Auch die Entwicklungsmotoren werden bei Skinner sowie bei Bijou und Baer primär extern gesehen, obwohl natürlich keine Theorie darum herumkommt, dass ein Lebewesen die Bereitschaft [und Intentionalität, oberer linker Quadrant] haben muss, solche Einflüsse aufzunehmen. Mit dem Organismus sind die Lernfähigkeiten und allenfalls auch Lerngrenzen vorgegeben; die Umwelt bestimmt, was gelernt wird; von einem Subjekt ist nicht die Rede, geschweige denn, dass es eine Entwicklung mitbestimmen könnte.“ (71) “

 

Die exogenistischen Ansätze führen zu einem „Erziehungsoptimismus“ und Ansätzen wie einem „programmierten Lernen“. Eine konkrete Frucht sind die Verhaltenstherapien.

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Kapitel 5: Die psychoanalytische Entwicklungstheorie

Mit Sigmund Freud tritt in Kapitel 5 der erste Gigant auf den Plan: „Sigmund Freud war eines der größten, vielleicht das größte Ereignis der bisherigen Geschichte der Psychologie.“ Der Autor erläutert die psychoanalytische Persönlichkeitstheorie Freuds (mit Es, Ich und Über-Ich), mit so wichtigen Vorstellungen wie dem Primärprozess, der Verdrängung und dem Widerstand. Damit wird deutlich, dass Entwicklung nicht nur eine trockene sequenziell-lineare Angelegenheit ist, sondern dass die Psychodynamik dabei eine entscheidende Rolle spielt – die Bewusstseinsinhalte und deren Zusammenwirken im Entwicklungsprozess. Gleichzeitig wird deutlich, dass im Entwicklungsverlauf vieles schief gehen kann, mit entsprechenden Symptomen und Konsequenzen, und dass die Beschäftigung mit Entwicklung ohne die Berücksichtigung der menschlichen Psychodynamik unvollständig ist. Der Autor erläutert dann Freuds Entwicklungsphasentheorie (oral, anal, phallisch, Latenzzeit, genital), und beschäftigt sich dann noch mit ausgewählten Differenzierungen der psychoanalytischen Phasentheorie und einiger ihrer VertreterInnen (Margret Mahler, Robert Kegan, Jacques Lacan, Daniel N. Stern, Erik H. Erikson). In der „Evaluation“, die am Ende jeden Kapitels eine zusammenfassende Darstellung gibt, fasst Flammer zusammen:

„Man kann Freuds Menschenbild als mechanistisch bezeichnen, weil seine Theorie Mechanismen im Sinne von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen beschreibt. Freuds Menschenbild ist aber auf jeden Fall ein dynamisches ...

Die Psychoanalyse hat tatsächlich das Verdienst, den Menschen erstmals als ein System mit großer binnenpsychischer Konfliktdynamik aufzufassen ... (87)

Dieser pessimistischen Sicht des Menschen entspricht bei Freud die schwache Position, die er dem Ich zugedacht hat. Das Ich ist wie ein schwacher Politiker, der dauernd Kompromisse eingehen muss, um zu überleben, und der darum keine größeren Entwürfe wagt.  ... Nach Freud verläuft die Entwicklung über eine große Zahl von Prozessen ab. Zunächst sind da die Prozesse der Libido-Produktion, dann die des Wechsels der erogenen Zonen und schließlich vor allem die vielen Strategien, mit denen das Ich die Kompromisse zwischen den konfligierenden Ansprüchen sucht: Verdrängung, Verschiebung, Sublimierung, Introjektion, Identifikation, Konversion, Traum, Tagtraum, Projektion, Fixierung, Regression, Perversion, Inversion.“ (89)

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Kapitel 6: Theorie der psychosozialen Entwicklung nach Erik H. Erikson

In diesem Abschnitt wird das achtstufige Modell von Erikson vorgestellt, welches die soziale Dimension mit einbezieht. „Im Gegensatz zu Freud sind die Konflikte des Ich nach Erikson nicht nur psychosexueller, sondern wesentlich auch psychosozialer Natur.“  Am Beispiels Eriksons widmet sich der Autor wieder grundsätzlichen Themen über das Wesen von Entwicklung, „Stufen oder gar Spirale statt Phasen?“, „Ist die Stufenfolge invariant?“, „Ist die Stufenfolge irreversibel?“, „Ist die Stufenfolge universal?“ und fasst zusammen:

„Eriksons Entwicklungstheorie umfasst den ganzen Lebenslauf. Er ist der erste, der eine so umfassende Entwicklungstheorie in dieser Ausführlichkeit vorlegt ... Sein System enthält offensichtlich die wichtigsten oder mindestens die sehr wichtigen Lebensthemen, mit denen Menschen konfrontiert werden“ (109)

 

Universalistischen Ansprüchen ist Flammer gegenüber vorsichtig:

„Grundsätzlich ist der Versuch, eine invariante und universale Stufentheorie der Erwachsenenentwicklung aufzustellen, schwierig, weil Lebensbedingungen für Erwachsene womöglich noch mehr als für Kinder innerhalb jeder Kultur heterogen, wenig altersbezogen und erst recht von Kultur zu Kultur sehr verschieden sind.“ (109)

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Kapitel 7: Humanistische Entwicklungstheorie

Im nächsten Abschnitt wird die humanistische Entwicklungstheorie als eine „dritte Kraft“ besprochen: „Aus humanistischer Sicht sind der Behaviorismus zu naturwissenschaftlich und technologisch und die Psychoanalyse zu biologisch-mechanistisch.“ Mit geschichtlichen Wurzeln im Humanismus (Goethe, Schiller und W. von Humboldt) und einer Hinwendung vom „theozentrischen Weltbild zu einem anthropozentrischen Weltbild“ diskutiert der Autor exemplarisch am Beispiel von Carl Rogers die humanistische Entwicklungstheorie und ihre Merkmale. Zusammenfassend stellt Flammer fest:

„Die humanistischen Psychologen haben großes Vertrauen in die menschliche Natur sowie in die individuelle Urteils- und Entscheidungsfähigkeit ... Sie lehnen vor allem den technologischen Determinismus von außen (Behaviorismus) und den biologischen Determinismus von innen (in diesem Fall besonders die Psychoanalyse) ab ... Die humanistische Psychologie versucht den Menschen in erster Linie aus einem subjektiven Erleben seiner selbst und der Welt zu verstehen. Man könnte sie darum als subjektivistisch bezeichnen ... Das Ziel menschlicher Entwicklung ist letztlich – um einen gegenwärtigen modischen Begriff zu verwenden – das subjektive Wohlbefinden ... Einen expliziten Versuch einer humanistischen Psychologie, die die Dominanz der subjektiven Perspektive überwindet, hat Ruth C. Cohn unternommen. Sie unterscheidet in ihrer themenzentrierten Interaktion ausdrücklich Ich, Wir und Es [Wilbers ‚Große Drei’] und später auch noch die gesamte Umwelt ...“ (124)

 

Eine zu einseitige subjektive Orientierung kann zu einem Subjektivismus werden, ein Phänomen, dem Wilber in dem Buch Boomeritis besondere Aufmerksamkeit widmet. Flammer weist darauf wie folgt hin:

„Der humanistische sog. Psychoboom der 1970er- und der frühen 1980er-Jahre hatte vielen eine vermeintlich ganzheitliche Erfahrung vermittelt, die sie hernach doch als zu subjektivistisch und zu eng empfanden ... (125)

Die humanistische Psychologie stellt eine bedeutsame Ergänzung zum übrigen Psychologieangebot dar, auch wenn die üblichen wissenschaftlichen Ansprüche an Detailliertheit und Präzision oftmals nicht eingehalten werden. Vielleicht wird die humanistische Psychologie nur als Haltung überleben und als humanistisches Anliegen und – wie so oft in der bisherigen abendländischen Geschichte – immer wieder aufgenommen werden.“ (128)

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Kapitel 8 und 9: Entwicklungsstrukturalismus und kritische Auseinandersetzung mit Piaget

Im Kapitel 8 Adaption und Strukturgenese nach Jean Piaget beschäftigt sich Flammer dann ausführlich mit Piaget, den

„ ... im Bereich der Entwicklungspsychologie wahrscheinlich der einflussreichste Autor überhaupt. Ich halte ihn sowie Freud und Skinner resp. ihre Theorien, für die drei größten der modernen Psychologie.“ (131)

 

Nach einer kurzen Lebensdarstellung, bei der auch der Name James Mark Baldwin erwähnt wird,[3] kommt der Autor auf wesentliche Begriffe von Piaget zu sprechen, „Funktion, Struktur und Inhalt“. „Entwicklung hat immer mit Veränderung, Kontinuität und Identität zu tun.“ Inhalte sind dabei, ganz ähnlich wie Wilber es in der Unterscheidung von Zone 1 und Zone 2 seines Methodenpluralismus beschreibt, das was phänomenologisch erscheint, (kognitive) Strukturen als „organisierte Verbindungen von Schemata“ sind hingegen das, was die Phänomene organisiert, interpretiert und den Rahmen setzt mit diesen umzugehen.

„Inhalte sind aber die konkrete tatsächliche Welt, sie machen den ‚Inhalt des Lebens’ aus. Den Inhalten begegnen wir, von Inhalten sind wir betroffen, Inhalten gelten unsere Emotionen. Inhalte sind auch besonders dem sog. Zeitwandel unterworfen. Inhalte nicht zu berücksichtigen, macht also eine Theorie ärmer, vielleicht aber zeitloser.“ (139)

 

Inhalte untersuchen wir phänomenologisch, für die Strukturen verwenden wir den Strukturalismus. Das „Transzendiere und Bewahre“ jeder Entwicklung liest sich bei Flammer so:

„Die Repräsentationsstufen folgen sich in dieser Reihe im Lauf der Individual­entwicklung: sensu-motorische Stufe, konkrete Stufe, formale Stufe. Die Kompetenzen, die für eine Stufe typisch sind, werden durch die je nachfolgenden nicht verdrängt oder ersetzt.“ [Wilbers Grundstrukturen, die im Entwicklungsverlauf erhalten bleiben, im Unterschied zu Übergangsstrukturen wie Weltsichten, die im Entwicklungsverlauf mit jedem Entwicklungsschritt aufgegeben und neu gefunden werden]. (141)

 

Flammer erläutert dann die einzelnen Entwicklungsstufen anhand konkreter Beispiele, mit den mittlerweile berühmten Versuchen Piagets zur Masse-, Mengen- und Volumeninvarianz, die Wilber auch gerne zitiert. Den enormen Einfluss Piagets belegt Flammer durch eine Tabelle, (ganz ähnlich den Aufstellungen von Wilber für einzelne Entwicklungslinien), die hier wiedergegeben wird und zum Nachlesen einlädt und,

„Piagets Theorie hat auf sehr viele anziehend, herausfordernd und anregend gewirkt ... Es ist vor allem die Aussicht auf eine theoretisch begründete Stufentheorie, die der Entwicklungspsychologie Auftrieb gab. In den 1970er und 1980er Jahren entstanden nach dem Vorbild Piagets mehrere Dutzend Entwicklungssysteme resp. –theorien zu einzelnen Funktionen [Wilbers Entwicklungslinien]. Einzelne werden hier noch ausführlicher besprochen, nämlich Kohlbergs Theorie der Entwicklung des moralischen Urteils (Kap. 10), Fischers Theorie der Fertigkeitsentwicklung ((11), Cases Theorie der Entwicklung der Problemlösefähigkeit (12), Kegans Theorie der Selbstkonzeptentwicklung (18). Einige weitere sind:

  • Entwicklungsstufen der Rollenübernahme (Flavell) 
  • Entwicklungsstufen der Perspektivenübernahme (Feffer)
  • Entwicklungsstufen des Gerechtigkeitsbegriffs (Damon)
  • Entwicklungsstufen der Empathie (Hoffman)
  • Entwicklungsstufen des Gemeinschaftssinns (Power)
  • Entwicklungsstufen des Absichtskonzepts (Shultz)
  • Entwicklungsstufen des Individuumskonzepts (Selman)
  • Entwicklungsstufen des Freundschaftskonzepts (Selman)
  • Entwicklungsstufen des Konzepts von Gleichaltrigen-Gruppen (Selman)
  • Entwicklungsstufen der Eltern-Kind-Beziehung (Selman)
  • Entwicklungsstufen des Glaubens (Fowler)
  • Entwicklungsstufen des Altruismus (Sharabany & Bar-Tal)
  • Entwicklungsstufen des religiösen Urteils (Oser & Gmünder; Reich)“

 

In der Evaluation fasst Flammer zusammen:

„Piaget sah den Menschen gleichzeitig mit den Augen des Biologen und des Philosophen. So ist der Mensch wesentlich einer, der in Austauschprozessen mit der Welt steht. Die Basisfunktionen dieses Austausches sind für alle Lebewesen die gleichen, nämlich die funktionellen Invarianten der Adaption (=Assimilation und Akkommodation) und der Strukturbildung. Dies sind die wesentlichen innerorganismischen Aktivitäten, über die der ganze Austausch läuft ... Piaget hat die kognitive Entwicklung beschrieben. Das ist zwar nicht wenig, zumal er es so differenziert tat, aber die Theorie umfasst nicht die emotionale und die soziale Entwicklung oder gar so etwas wie eine Ich-Entwicklung. [Das ist auch Wilbers ‚Kritik’] ... (151) Piaget hat immer wieder betont, dass die großen Stufen seiner Theorie universell (= für alle Kulturen gültig) und invariant (= unumkehrbar und nicht überspringbar) seien. Dafür garantiert allerdings bereits die innere Logik der Theorie selbst. Wenn die konkrete Stufe die Verinnerlichung der sensu-motorischen Schemata darstellt, dann müssen zuerst sensu-motorische Schemata vorhanden sein, bevor sie verinnerlicht werden können. Und wenn Zeichen aus den Symbolen und Vorstellungen gewonnen werden und prinzipiell wieder darauf zurückgeführt werden können, dann müssen diese Symbole und Vorstellungen zuerst da sein ...“ (154).

 

Im Abschnitt 9 Kritische Auseinadersetzung mit Piaget geht es um Kritik und Weiterentwicklung des Werkes von Piaget. Am Ende fasst Flammer zusammen:

„Viele dieser Kritikpunkte betreffen wichtige Elemente der piagetianischen Theorie, aber nur wenige, aber wichtige treffen ins Zentrum.

  • Einige Schemata sind angeboren, andere sind aktive erworbene Konstruktionen, entstanden in der Auseinandersetzung mit der Welt ... Sollten mehr Schemata angeboren sein, als Piaget vermutete, tut das der Theorie nur geringen Abbruch.
  • Dass manche Leistung früher auftritt resp. mit neuen Methoden schon früher gemessen werden kann, ist letztlich beinahe bedeutungslos.
  • Dass die Schritte von Stufe zu Stufe nicht so eindeutig und umfassend sind, beeinträchtigt hingegen die ‚Ästhetik’ der Theorie wesentlich. Dass überhaupt einige Leistungen gar nicht der für sie vorgesehenen Stufe entsprechen, schwächt die Theorie ernsthaft. Die Differenzierung dieser unterschiedlichen Repräsentationsmodi an sich bleibt dennoch ein langfristiger Gewinn.
  • Dass die sozialen Interaktionen als Quellen und nicht nur als Folgen der Entwicklung bei Piaget wenig Beachtung gefunden haben, stimmt. Das ist ein bedeutendes Manko.“ (169)

 

Abschließend zitiert Flammer dann noch einen anderen Autor mit den Worten, „Bis heute hat keine Theorie einen größeren Einfluss auf die Entwicklungspsychologie gehabt als die von Jean Piaget“, und fügt selbst hinzu, „Sie wegen der genannten kritischen Punkte als Ganze zu ignorieren, wäre ein unverantwortlicher Verlust.“

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Kapitel 10: Kohlbergs Theorie der Entwicklung des moralischen Urteils.

Dieser Abschnitt steht im Zeichen von Lawrence. Die Bedeutung derartiger Untersuchungen ist kaum zu unterschätzen:

„Das moralische Bewusstsein ist nicht nur von eminenter sozialer Bedeutung in unserer komplexen, arbeitsteiligen und immer heterogener werdenden Gesellschaft, sondern auch ein wichtiger Bestandteil des Selbstwertes der Individuen.“ (173)

 

Auch Piaget hatte sich mit Regeln für Spiel, Diebstahl, Lügen, Gerechtigkeit beschäftigt, und Flammer zitiert folgende Stufen oder Stadien nach Piaget:

 

  • „Stadium 1 – ‚motorisch und individuell’: Das Kind spielt für sich nach Lust und Laune und evtl. nach eigenen Ritualen. 
  • Stadium 2 – ‚egozentrisch’: Das Kind spielt mit anderen und verwendet imitierte Regelteile; die Einhaltung der Regelteile durch Partnerpersonen ist ihm nicht wichtig.
  • Stadium 3 – ‚beginnende Kooperation’: Es gibt gemeinsames Spiel und gemeinsame Regeln, diese werden aber ungenau eingehalten und gegenseitig nicht vollständig kontrolliert.
  • Stadium 4 – ‚Kodifizierung der Regeln’: Die Regeln sind unabdingbar und unumstößlich, ihre Einhaltung wird peinlich überwacht.
  • Stadium 5 – ‚Regelaushandlung’: Regeln können abgeändert werden; die Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen sich aber einigen.

Der allgemeine Entwicklungsverlauf führt also vom Fehlen gemeinsamer Regen über den Erwerb und die Beachtung unantastbarer Regeln zum Aufbau von abgesprochenen Regeln.“ (173)

 

Flammer stellt dann die 6 Hauptstufen Kohlbergs vor, 

„I präkonventionell

1. Strafe und Gehorsam

2. Naiver instrumenteller Hedonismus

II konventionell

3. Interpersonale und Gruppenperspektive

4. Gesellschaftsperspektive

III postkonventionell

5. Sozialer Kontrakt

6. Universelle ethische Prinzipien“ (175)

 

und erläutert dann die Vorgehensweise Kohlbergs am Beispiel des berühmten „Heinz-Dilemmas“, einem Beispiel, welches Wilber auch gerne zitiert. Danach werden die „starken Postulate“ Kohlbergs diskutiert, wie

 

  • die Inhaltsunabhängigkeit („ ... dass die Stufen der Argumentationsstruktur nicht durch inhaltliche Stellungnahme zum Dilemma und schon gar nicht durch den konkreten Inhalt des Dilemmas bestimmt würden“),
  • eine Entwicklung als Stufenfolge („Dass die Stufen aufeinander aufbauen, kommt daher, dass die Argumentation der jeweils höheren Stufe die Argumente der tieferen Stufe integriert (sog. hierarchische Integration). [Das Holarchieprinzip des Transzendierens und Beinhaltens]. Darum verstehen die Menschen durchaus stufentiefere Argumente, aber die relativieren sie nach dem Gesichtspunkt ihrer Stufe“)
  • Universalität („Kohlberg und seine Mitarbeite haben wiederholt gezeigt, dass die Skala in verschiedenen Kulturen anwendbar ist. Unter den Ländern, in denen die Skala bisher verwendet worden ist, befinden sich u. a. die Bahamas, BRD, China, Indien, Island, Israel, Japan, Kenia, Korea, Mexico, Polen, Schweiz, die USA, Taiwan, Türkei und Venezuela.“)

Flammer erwähnt dann Kohlbergs Partnerin Carol Gilligan und deren Untersuchungen zu einer geschlechtsspezifischen moralischen Entwicklung („justice versus care“) und geht dann auf die Bedeutung moralischer Erziehung ein. Dabei spielen Intersubjektivität, Gemeinschaft und Perspektivübernahme bzw. ´-erweiterung eine bedeutende Rolle: „Eine intensivere Methode der Konfrontation mit verschiedenen Standpunkten besteht im Rollenspiel. Soziale Auseinandersetzungen beeinflussen das moralische Urteil wirkungsvoller als nur kognitive Widersprüche.“

In der Evaluation fasst der Autor zusammen:

„Kohlbergs Menschenbild ist dem kantianischen Rationalismus verpflichtet ... Die Stufenformulierung entspricht etwas einseitig den moralischen Idealen des rationalen gebildeten Mannes der westlichen Kulturen ... Die majorisierende Äquilibration (vgl. Piaget) impliziert, dass immer mehr Standpunkte zueinander in Beziehung gebracht und Widersprüche auf einer höheren Ebene gegenseitig verträglich gemacht werden ... Die Förderung des moralischen Urteils ist eine Aufgabe der Schule wie der Familie. Immer kommt es darauf an, dass die Auseinandersetzung mit Widersprüchen auf einem bewältigbaren Niveau stattfindet ... Die Theorie Kohlbergs hat manchen Bewährungstest bestanden: (a) Moralität ist ein breit akzeptiertes psychologisches Thema geworden, das sich empirisch bearbeiten lässt. (b) Empirische Untersuchungen zur Entwicklungslogik, d. h. zur zeitlichen Abfolge der Stufen, der Nichtumkehrbarkeit, ja der Universalität der Reihenfolge haben ermutigende Ergebnisse erbracht.“  (184)

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Kapitel 11: Theorie der Fertigkeitsentwicklung nach Kurt W. Fischer.

In diesem Abschnitt geht es um die Skill Theory:

„Ein Individuum muss dazu kommen, mehrere ähnliche Verhaltensweisen ‚unter einen Hut’ zu bringen. Und dieser ‚Hut’ ist die Aktion nach Fischer. ... Aktionen treten selten allein auf. Sie geschickt und zielstrebig zu koordinieren, ist eine noch höhere Leistung. Diese Leistung wird ermöglicht durch das, was Fischer ‚skill’ nennt (Fertigkeit) (191)

 

Um die zunehmende Fertigkeitsentwicklung zu beschreiben formuliert Fischer 13 Entwicklungsniveaus, gegliedert in vier Schichten (195)

Niveau   

Bezeichnung

Schicht

1

Einfache Reflexe

reflexhaft 1

2

Reflexzuordnungen

reflexhaft 2

3

Reflexsysteme

reflexhaft 3

4

Systeme von Reflexsystemen = Einfache sensu-motorische Aktionen

reflexhaft 4 = sensu-motorisch 1

5

Sensu-motorische Aktionszuordnugen

sensu-motorisch 2

6

Sensu-motorische Systeme

sensu-motorisch 3

7

Systeme sensu-motorischer Systeme = einfache Aktionsvorstellungen

sensu-motorisch 4 = repräsentational 1

8

Zuordnungen von Aktionsvorstellungen

repräsentational 2

9

Vorstellungssysteme

repräsentational 3

10

Systeme von Vorstellungssystemen = Abstrakte Aktionen

repräsentational 4 = abstrakt 1

11

Zuordnungen von abstrakten Aktionen

abstrakt 2

12

Systeme von abstrakten Aktionen

abstrakt 3

13     

Systeme von abstrakten Systemen

abstrakt 4

 

Diese Stufen werden dann im Einzelnen erläutert, bevor der Autor auf die Implikationen der Theorie eingeht: „Fischers Theorie mutet zunächst relativ formalistisch an, aber sie hat eine beachtliche Verbreitung gefunden“, z. B. für ein Lernen, bei dem Schüler „nicht mehr mitkommen“:

„Vor allem beim teilweise abstrakten Lehrstoff der Sekundärstufe ist immer wieder zu prüfen, ob die Schülerinnen und Schüler auch die repräsentationalen Fertigkeiten besitzen, d. h. ob sie sich auch konkret vorstellen können, was die abstrakten Zeichen, Formeln, Zusammenhänge bedeuten. Darum sollten im Unterricht immer wieder Beispiele gegeben werden resp. sollte oft beim ganz konkreten Erfahren der hernach zu bearbeitenden Zusammenhänge angefangen werden.“

„Die großen Schritte der Individualentwicklung aber – das ist Teil der Botschaften von Piaget und von Fischer – ... sind Abstraktionen, sind Ab-Sehungen von konkreten Details, die anfangs noch dabei waren. Abstraktionen stellen einen Gewinn (an Denkpotenz) und gleichzeitig eine Gefahr der Ablösung von den konkreten Erfahrungen dar.“ (204)

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Kapitel 12: Robbie Case: Entwicklung als Problemlösen und Entwicklung des Problemlösens

„Menschliche Aktivität, die psychologisch von Interesse ist, hat nach Case die Form des Problemlösens. Der Mensch hat immer wieder Ziele, Bedürfnisse, Anliegen, die er in gegebener Situation mit bestimmten Operationen anstrebt ... Für Case war die Frage nicht wichtig, ob und wie sich das Individuum des Ziels und der dazu führenden Operationen bewusst wird; für ihn zählte die formale Struktur des Problemlösens, die er auf allen Entwicklungsstufen anwenden zu können glaubte.“ (211)

„Case legte großen Wert darauf, auf möglichst allen Entwicklungsstufen die gleichen Untersuchungsmaterialien resp. die gleichen Aufgabenbereiche zu verwenden, um damit Kontinuität in der Veränderung zu demonstrieren.“ (213)

 

Die einzelnen Stufen sowie der allgemein Problemlösungsprozess werden dann vorgestellt, und Flammer fasst zusammen:

„Cases Theorie besticht wie die von K. W. Fischer durch ihre Systematik und ihre Integration vieler zeitgenössischer Themen, Befunde und Anliegen ... Die Theorie von Case versteht den Menschen als Problemlöser ... Case thematisiert mit seiner Theorie ausdrücklich die Entwicklung der intellektuellen Leistungen. Also wieder eine kognitive Theorie, wobei entsprechend dem modernen Verständnis kognitiv sehr weit gefasst ist: Spracherwerb, soziale Wahrnehmung und Kommunikation gehören genauso dazu wie Begriffsbildung oder mathematisches Problemlösen.“ (221) 

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Kapitel 13: Entwicklung als dialektischer Prozess

In diesem Kapitel rücken, in der Sprache der vier Quadranten, die unteren Quadranten ins Blickfeld, die kulturelle und sozialen Dimensionen individueller Entwicklung. Kein Mensch ist eine Insel und keine Entwicklung findet nur individuell statt, sondern ist von Anfang an eingebunden in Beziehungen und Strukturen von Familie und Gesellschaft.

Zuerst gibt der Autor einen historischen Abriss zur Thematik:

„Der Terminus Dialektik stammt aus dem griechischen ‚dialegein’ und bezeichnet dort ‚disputieren’, ‚argumentieren’. Damit ist der Prozess der Wahrheitsfindung durch Diskurs, meist sozialen Diskurs, gemeint.“ (227)

 

Die Reihe der dialektischen Betrachtungsweise erstreckt sich dabei von Platon, Aristoteles, Boethius, Kant, Hegel, Marx und Engels bis in die heutige Zeit. Im Abschnitt Die Entwicklungsstufen des dialektischen Materialismus werden diese, das 20. Jahrhundert so sehr mitbestimmenden Vorstellungen, betrachtet. Dabei wird Geist oder Bewusstsein grundsätzlich von den materiellen Verhältnissen her gesehen und auch daraus abgeleitet. Flammer zitiert zusammenfassend den Autor H. D. Schmidt wie folgt:

„Was die Auslösung psychophysischer Entwicklungsvorgänge anbelangt, so ist jegliche Form idealistischer Deutung (etwa als Wirkung eines geistigen Prinzips, göttlicher oder sonstiger immateriell-mystischer Kräfte usw.) falsch. Ursache der Entwicklung sind die dem Geschehen immanenten inneren Widersprüche, die ihre Lösung in der Genese selbst finden, um dadurch neue Widersprüche aufzubauen usw. ...  Die Dominanz kommt hier den äußeren Bedingungen zu; auch die inneren Bedingungen sind letztendlich Produkt der äußeren Umstände. Dies ist eine psychologische Interpretation des Marx’schen Satzes vom Sein, das über die Lebensweise und die Arbeit das Bewusstsein bestimmt ... Daraus folgt, dass eine aktive, gezielte Veränderung ... vor allem den Weg über eine Umgestaltung der äußeren Bedingungen zu nehmen hat“ (232)

 

Theorien, die auf der Basis eines marxistisch-dialektischen Entwicklungsverständnisses beruhen, werden kurz vorgestellt, und dabei kommen auch Modelle zur Sprache, welche die materialistische Einseitigkeit dabei erkennen und nach umfassenderen, integralen Lösungen suchen, die den „Geist-Materie Dualismus“ überwinden.

„Das ist vielleicht der attraktivste Gedanke dieser Denkrichtung: Ein Individuum kann sich nicht isoliert entwickeln; seine Entwicklung geschieht immer in Interaktion mit der sozialen und physischen Umwelt ... Alles ist immer in Entwicklung, in Ko-Evolution, wie es später in der systemischen Entwicklungsauffassung heißt.“ (238)

 

... oder in Tetra-Evolution, wenn man von den vier Quadranten Wilbers aus ausgeht, bei denen Entwicklung als ein Ereignis sowohl innerliche als auch eine äußerliche, sowohl individuelle als auch soziale Dimensionen hat. In der Evaluation betont der Autor die bleibenden Einsichten der Dialektik für die Entwicklung.

„Die geschichtliche Verortung der individuellen Lebensläufe gehört heute zum Selbstverständnis entwicklungspsychologischen Denkens ... Das gilt auch für die Kulturalität der Entwicklung. Entwicklungspsychologische Studien kommen heute kaum noch aus ohne Berücksichtigung der Kulturspezifität ihrer Befunde.“ (241)

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Kapitel 14: Die ökologische Entwicklungstheorie von Urie Bronfenbrenner

Hier wird eine Entwicklungspsychologie vorgestellt, die der „subjektivistischen Schieflage“ der Psychologie ihrer Zeit „die Bedeutung der objektiven Umweltgegebenheiten entgegenstellt“, unter Einnahme einer „ökologischen Perspektive“. „Ökologie ist das objektive, externe Potential, das dem Organismus für das Überleben ... zur Verfügung steht.“ 

„Er [Bronfenbrenner] meinte, dass Entwicklung adäquat nur verstanden werden kann, wenn sie in ihrem Umweltkontext untersucht wird ... Nicht nur die ausgewählten Untersuchungspersonen müssen für ihre Population repräsentativ sein, sondern auch die ökologischen Bedingungen für die Ökologie der untersuchten Populationen. Wegen der Heterogenität der Lebensbedingungen ist aber Entwicklung für Bronfenbrenner umweltspezifisch, d. h. kulturspezifisch, subkulturspezifisch, schichtspezifisch, regionenspezifisch etc.“ (248)  

 

Dabei sind für Bronfenbrenner vor allem die drei Elemente Tätigkeit, Beziehung und Rolle wichtig. Aus Beobachtungen wie der folgenden leitet Bronfenbrenner Empfehlungen für eine „Lehrplan für menschliche Anteilnahme“ ab:

„In den Vereinigten Staaten ... kann ein junger Mensch die Highschool erfolgreich abschließen, ohne jemals eine Arbeit getan zu haben, auf die ein anderer wirklich angewiesen war ... In den Vereinigten Staaten kann heute ein junger Mensch, männlich oder weiblich, Highschool, College und Universität absolvieren, ohne jemals ein Baby betreut oder auch nur im Arm gehalten zu haben, ohne sich jemals um einen Menschen gekümmert zu haben, der alt, krank oder einsam war, ohne jemandem, der wirklich Hilfe brauchte, Trost gebracht oder geholfen zu haben“ (252)

 

Der soziale Aspekt von Entwicklung steht dabei ganz im Mittelpunkt. Am Beispiel verschachtelter Entwicklungskontexte (Mikrosystem, Mesosystem, Exosystem und Makrosystem) wird die Bedeutung der unterschiedlichen kollektiven Umgebungen und Systeme (= Ökologien) für die Entwicklung des Individuums erläutert. Dabei ging es Bronfenbrenner nicht nur um einen Stimulus aus einem anonymen System heraus, (dem, was Wilber mit dem unteren rechten Quadranten beschreibt), sondern durch Entwicklungsanreize aus Gemeinschaft und Kultur, lebendigen Menschen und lebendigen Beziehungen (der untere linke Quadrant).

„Teilweise parallel lief Bronfenbrenners Beschäftigung mit Kompensationsprogrammen für sozialbenachteiligte Kinder ... Dabei achtete er vor allem darauf, dass die Kinder nicht einfach ‚stimuliert’ wurden, sondern dass die Anregungen von den Familien und von der Nachbarschaft aufgenommen wurden, so dass neue gemeinsame Inhalte, neue Interaktionsformen entstanden.“ (257)

 

Flammer fasst zusammen:

„Ausgeprägter als in allen bisher besprochenen Theorien wird der Mensch von Bronfenbrenner als ein soziales Wesen verstanden ... Entwicklung führt zu immer dichterer sozialer Vernetzung und zu immer komplexeren Tätigkeitsmustern, und das für Bronfenbrenner undiskutiert positiv ... (258)

Das ökologische Verständnis des Kindes hat in der Praxis manche davon weggeführt, kindliche Schwierigkeiten nur am Kind isoliert zu betrachten und zu begründen, und hat in der Forschung manche von der Erfassung einfacher determinierender Variablen weggeführt, hin zum Versuch der Erfassung von komplexen familiären Entwicklungsbedingungen und den ebenso komplexen gesellschaftlichen Bedingungen der Familiendynamik.“ (260)

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Kapitel 15: Ansätze zu einer systemischen Entwicklungstheorie

Die Bedeutung systemischer wird im Abschnitt 15 unterstrichen. Dabei liegt das Augenmerk vor allem auf den Systemen, von denen ein Individuum ein Teil ist[4]. Systemische Psychologie und systemische Therapie haben in den zurückliegenden Jahrzehnten eine enorme Verbreitung gefunden. Nach der Vorstellung zentraler Begriffe systemischen Denkens wie „Dissipative Strukturen“, „Autopoiese“ und Chaos“ erläutert Flammer diese Erkenntnisse im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Entwicklungspsychologie als einem systemgebundenen, aber auch systemgestaltenden Prozess.

Er kommt zu dem Schluss:

„Das Menschenbild der ‚Systemiker’ ist nicht einheitlich, aber es ist sicher nicht das, was man anthropozentrisch nennt. Vielmehr ist es in ein Weltbild eingebettet, nach dem die Welt aus Systemen besteht, die teils nebeneinander stehen und teils ineinander eingelagert sind. Dadurch entsteht das Bild eines Menschen, der mehr Produkt als Ursprung des Geschehens ist ...(280)

„Ein besonders attraktiver Aspekt der systemischen Auffassung ist bestimmt der, dass nach dieser Konzeption sowohl Individuum als auch Gesellschaft in gemeinsamer Entwicklung stehen, eine Idee, die diese Auffassung mit der dialektischen Entwicklungstheorie teilt.“ (281)

„Systemisches Denken über Entwicklung hat bei vielen zeitgenössischen Autoren und Autorinnen Eingang gefunden. Lerner sieht darin die Möglichkeit, alte Dualismen zu überwinden resp. Pole zu verbinden, etwa zwischen Anlage und Umwelt als Entwicklungsmotoren oder zwischen Stabilität und Instabilität oder zwischen Kontinuität und Diskontinuität.“ (283)


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Kapitel 16: Entwicklung als kontrollierte Handlung

Um Entwicklung als kontrollierte Handlung geht es im Abschnitt 16, wo – „Menschen können auf ihre eigene Entwicklung auch selbst Einfluss nehmen“ – der Selbststeuerungs-, oder Selbstverwirklichungscharakter von Entwicklung diskutiert wird. Entwicklung wird dabei „als Nebenprodukt von Handlungen“ gesehen, und dabei stellt sich natürlich die Frage, welche Handlungen welche Art von Entwicklung fördern oder behindern. Eine Möglichkeit dies darzustellen ist die der Formulierung unterschiedlicher „Entwicklungsaufgaben für verschiedene Lebens- oder Entwicklungsabschnitte“, und zur Illustration zitiert Flammer R. J. Havighurst (aus einem Werk von 1952), der für die Adoleszenz folgende Aufgaben vorschlug:

  • „Aufbau von neuen und reiferen Beziehungen zu den Gleichaltrigen beiderlei Geschlechts
  • Erwerb einer männlichen resp. weiblichen sozialen Rolle
  • Akzeptanz des eigenen körperlichen Aussehens und effektiver Einsatz des Körpers
  • Erlangung emotionaler Unabhängigkeit von den Eltern und anderer Erwachsener
  • Aufbau einer sicheren ökonomischen Unabhängigkeit
  • Berufswahl und Berufsvorbereitung
  • Vorbereitung auf Heirat und Familienleben
  • Erwerb der intellektuellen Fertigkeiten und Begriffe, die für ein Leben als reifer Bürger oder reife Bürgerin notwendig sind
  • Bereitschaft und Fähigkeit zu sozial verantwortlichem Handeln“ (291)

 

Dabei wird deutlich, wie sehr die kulturellen Kontexte, der „Zeitgeist“ einer Zeit derartige Aufgabenlisten prägen. Die Handlungsperspektive rückt, in der Begrifflichkeit von Wilber, erneut die oberen individuellen Quadranten in das Blickfeld, mit der Intentionalität und Autonomie des Individuums, welches nach dem Motto „jeder ist seines Glückes Schmid“ sein oder ihr Schicksal bzw. seine oder ihren Entwicklungsweg selbst eigenverantwortlich gestalten kann. Insbesondere zur Bewältigung von schwierigen Situationen und Lebenskrisen gibt es eine Fülle von Methodenangeboten und Literatur zur Problembewältigung.

„Handlungstheorien sprechen dem Menschen Bewusstsein, Planungs- und Entscheidungsfähigkeit und ein Minimum an Wahl- und Ausführungsfreiheit zu und demnach auch Verantwortung und die Möglichkeit von Verdienst und Schuld. Handelnde sind nicht einfach Produkte von Bedingungen, sondern ein Stück weit Chefs ihrer selbst, ja sogar Chefs ihrer Umgebung ... (297)

Handlungstheorien sind mehr oder weniger rationalistisch. Der Idealtyp des handelnden Menschen hat explizite Ziele, wägt konkurrierende Ziele sowie Kosten und Nutzen gegeneinander ab, entscheidet, plant die Maßnahmen zur Zielereichung und kontrolliert die Ausführung über klare Hierarchien von Handlungen und Teil- oder Unterhandlungen. Das entspricht bestimmt der humanen Realität, wenn auch nicht der ganzen.“ (298)

 

... weil dies, so könnte man hinzufügen, einen rational denkenden und handelnden Menschen voraussetzt, der ja selbst erst das Ergebnis eines Entwicklungsverlaufes ist, und eine bestimmte Entwicklungsstufe darstellt (im Wilber’schen Entwicklungsspektrum repräsentiert durch die Farbe Orange).

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Kapitel 17: Physiologisch inspiriere psychologische Entwicklungstheorie

Aufbauend auf den neueren Erkenntnissen der Gehirnforschung trägt dieser Abschnitt die Überschrift Physiologisch inspiriere psychologische Entwicklungstheorie. Dies ist im Quadrantenmodell die Perspektive des oberen rechten Quadranten[5], mit Erkenntnisdisziplinen wie „biologische Psychologie, Psychobiologie, Neuropsychologie, Neuropsychiatrie, kognitive Neurowissenschaft, Psychophysiologie, physiologische Psychologie etc.“ Bewusstseins- und Gehirnentwicklung verlaufen miteinander, und die genannten Methodiken erlauben faszinierende Einblicke in die Gehirnentwicklung, mit „Physiologischen Entwicklungsfenstern“.  

„In den ersten vier Schwangerschaftsmonaten werden pro Minute etwa eine halbe Million Nervenvorläuferzellen gebildet, das bedeutet ca. 700 Millionen pro Tag ... Man schätzt, dass in der zweiten Schwangerschaftshälfte pro Sekunde etwas 2 Millionen Kontaktstellen (Synapsen) gebildet werden, etwa 10 Milliarden pro Tag ... Dass das kindliche Gehirn mehr Verbindungen als das Erwachsenengehirn aufweist, mag überraschen. Tatsächlich besteht die weitere Entwicklung im Wesentlichen darin, dass ungebrauchte und vor allem störende Verbindungen wieder abgebaut werden oder dass sie wegen Nichtverstärkung verkümmern und absterben, während beanspruchte Verbindungen verstärkt werden.“ (305)

 

Anhand ausgewählter „Befunde“ hinsichtlich „Temperament“, „Schüchternheit“, „Stress“ und „Selbstkontrolle“ wird die enorme Bedeutung neurologischer Gegebenheiten auf psychologische Phänomene deutlich. Flammer fasst zusammen:

„Es ist zu vermuten, dass mit weiteren Fortschritten der Neuropsychologie ein breites ‚organismisches’ Menschenbild entsteht. Es sieht den Menschen mehr in der gesamten Natur eingebettet, wohl auch näher verwandt mit der Tierwelt als bisher und auf jeden Fall ganzheitlich in dem Sinn, wie es schon im Zusammenhang mit systemischen Entwicklungsauffassungen sichtbar wurde.“ (312)


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Kapitel 18: Neuere Theorien der Selbstentwicklung

In diesem Abschnitt diskutiert der Autor die Arbeiten von Daniel Stern (Die Selbstentwicklung des Säugling und Kleinkindes), Robert Kegan (Die Entwicklung des Selbst) und einen eigenen Ansatz dar (Die Entwicklung des kompetenten Selbst). 

Daniel Stern postuliert bereits für den Säugling ein elementares Selbstgefühl, das sich dann über die Entwicklungsstufen eines „auftauchenden Selbst“, eines „Kern-Selbst“, eines „subjektiven Selbst“ und eines verbalen Selbst“ weiter ausbildet.

Bei Kegan steht die Subjekt-Objekt Beziehung und deren Verschiebung auf den unterschiedlichen Entwicklungsstufen im Vordergrund, was zu der oft von Wilber zitierten Aussage über das Wesen von Entwicklung führt: „Das Subjekt einer Entwicklungsstufe ist das Objekt des Subjektes der nächsthöheren Entwicklungsstufe.“ Dies stellt Flammer in einer Tabelle wie folgt dar: (326)

Das einverleibende Selbst

ist Reflexe

Das impulsive Selbst

ist (in) Wahrnehmungen und Impulse eingebunden

hat Reflexe

Das souveräne Selbst

ist (in) Bedürfnisse, Interessen und Wünsche eingebunden

hat Wahrnehmungen und Impulse

Das zwischenmenschliche Selbst

ist (in) zwischenmenschliche Beziehungen (eingebunden)

hat Bedürfnisse, Interessen und Wünsche

Das institutionelle Selbst

ist (in) Autorität, Identität, Ideologie psychische Verwaltung (eingebunden)

hat zwischenmenschliche Beziehungen

Das überindividuelle Selbst

ist (in) Überindividualität und Austausch zwischen verschiedenen Selbstsystemen (eingebunden)

hat Autorität, Identität,

Ideologie, psychische

Verwaltung

Schließlich stellt der Autor dann noch einen „eigenen vorläufigen Versuch [dar], die Entwicklung des Selbst, und zwar des sog. kompetenten Selbst über die ganze Lebensspanne hinweg nachzuzeichnen.“ Er geht dabei von einer autopoietischen, „selbsterhaltenden Transaktion eines Organismus mit seiner Umgebung“ aus, die dazu führt, dass Kompetenzen aufgebaut werden, die „für jedes Lebewesen unverzichtbar [sind], da es sich mit seiner Umwelt minimal erfolgreich auseinandersetzen muss, um zu überleben.“ Dafür formuliert er die folgenden Entwicklungsstufen: (330)

Stufe   

Struktur

Bezeichnung des kognitiven Elements

5

Selbstbewusst wissen, dass man fähig ist, so zu agieren, dass bestimmte Effekte entstehen

Kontrollmeinung

4

Selbstbewusst wissen, dass man so agiert (hat), dass bestimmte Effekte entstehen/entstanden sind

Konzept des erfolgreichen (oder erfolglosen) Selbst

3

Realisieren (> wissen), dass man so agiert (hat), dass bestimmte Effekte entstehen/entstanden sind

Internale Kausalattribution

2

Realisieren, dass gewisse Aktionen gewisse Effekte hervorbringen

Kausalschema

1

Gewisse Effekte ereignen sich

(keine kognitiven Elemente)

In der Evaluation fasst Flammer seine eigene Arbeit zusammen:

„Diese Entwicklungstheorie ist bestimmt nicht seht einheitlich oder homogen. Da ist zuerst von einem strukturellen Aufbau die Rede (analog zu Piagets Theorie), dann von Differenzierung (wie in manch anderen Theorien, z. B. Werner, Endogenisten, Fischer), sodann von einem quantitativen Wachstum (wie oft bei den Exogenisten, teilweise auch bei den Endogenisten) und schließlich sogar von einer quantitativen Rückbildung (wie erst in der neuerdings zur Entwicklungspsychologie zugestoßenen Alterspsychologie). Das ist unter formalen Gesichtspunkten zu bedauern; vom Gegenstand her sehe ich hier einstweilen keine Vereinheitlichungsmöglichkeit.“ (335)

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Kapitel 19: Welche Theorie ist die beste?

Im Schlusskapitel schließt der Autor den Kreis seiner Erörterungen, fasst ihm Wichtiges noch einmal zusammen und erwähnt dabei innerliche und äußerliche, gemeinschaftliche wie auch systemisch-soziale Aspekte von Entwicklung. Als „blinde Flecken“ sieht der Autor einen Mangel an Entwicklungstheorien

„ ... aus dem Blickwinkel ihrer je eigenen Kultur. Der aktuelle Trend läuft auf das Gegenteil hinaus: Westliche resp. amerikanische Standards der Untersuchung, der Messinstrumente und der Darstellung sind faktisch Pflicht für alle geworden, nicht zuletzt, weil wissenschaftliche Publikationen in Nationalsprachen nur eine beschränkte Leserschaft erreichen.“ (346)

 

Flammer beschließt sein Werk mit den Worten:

„Entwicklung ist mir beruflich und persönlich wichtig geworden, nicht an sich, sondern weil sie neue Möglichkeiten des Handelns und des Erlebens eröffnet. Darum wünsche ich auch Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, dass Ihnen Ihr Leben, Erleben und Verhalten Entwicklung ermöglicht und die Entwicklung hinwiederum Ihr Leben, Erleben und Verhalten bereichert.“ (346)

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Fazit:

Das Buch Entwicklungstheorien, Psychologische Theorien der menschlichen Entwicklung von August Flammer ist eine wunderbare Einführung in das Thema menschlich-psychologischer Entwicklung. Durch die Erörterung der Thematik am Beispiel ihrer Erforschung erhalten die Leserin und der Leser einen konkreten Einblick in die Erarbeitung der Erkenntnisse dieser für unser Selbstverständnis so wichtigen Theorien.

Vor dem Hintergrund der Arbeit von Ken Wilber gibt das Buch von Flammer den notwendigen Tiefgang für die oft nur zusammengefassten Aussagen Wilbers. Neben einer beeindruckenden Bestätigung dessen, was Wilber zu diesem Thema aussagt, ergeben sich auch neue und teilweise andere Akzente aus der Lektüre, welche Wilbers Theorie bereichern und in einem anderen Licht erscheinen lassen.

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Nachtrag:

Nach der Fertigstellung dieser Besprechung (Mai 2009) habe ich sie an den Autor Prof. August Flammer geschickt, und er antwortete mir in einer Mail am 7.6. 2009 wie folgt: 

Sehr geehrter Herr Habecker

Ich bin beeindruckt, wie genau Sie mein Buch gelesen UND VERSTANDEN haben. Herzlichen Dank für die Uebersendung Ihres Textes. Es freut mich, wenn Sie in diesem Sinn Theorie und Praxis, Theorie und Empirie sowie Theorie mit anderen Theorien konfrontieren.

Mit besten Grüssen
 
August Flammer
emeritierter Professor für Psychologie
der Universität Bern

http://www.entwicklung.psy.unibe.ch/content/team/af/index_ger.html

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Anhang: Lawrence Kohlbergs Heinz-Dilemma

[6] Eine Frau liegt im Sterben; sie leidet an einer besonderen Art von Krebs. Es gibt aber ein Medikament, das ihr vielleicht helfen könnte. Es handelt sich um eine Art Radium, das ein Apotheker entdeckt hat. Doch der Apotheker verlangt unglaublich viel Geld dafür. Heinz, der Ehemann der kranken Frau, geht zu allen Bekannten, um sich das Geld auszuleihen; aber er kann nur ungefähr die Hälfte der notwendigen Summe zusammenbringen. Er erzählt dem Apotheker, dass seine Frau im Sterben liegt, und bittet ihn, das Medikament billiger zu verkaufen. Doch der Apotheker sagt: „Nein, ich kann das Medikament nicht billiger verkaufen. Ich habe viele Jahre daran gearbeitet, ich muss meine Mitarbeiter bezahlen und will mit dem Medikament auch Geld verdienen.“ Heinz ist ziemlich verzweifelt. Er überlegt sich, ob er in die Apotheke einbrechen und das Medikament stehlen soll.

 

Typische Argumentationsbeispiele sind die folgenden:

Stufe 1: „Heinz sollte nicht stehlen, er sollte das Medikament kaufen. Wenn er das Medikament stiehlt, könnte er ins Gefängnis kommen und müsste das Medikament dann doch zurückgeben.“

Stufe 2: „Heinz sollte das Medikament stehlen, um das Leben seiner Frau zu retten. Er mag dafür ins Gefängnis kommen, aber er hätte immer noch seine Frau.“ - Man beachte, dass nicht die Entscheidung, ob Heinz stehlen sollte, das Niveau des moralischen Urteils bestimmt, sondern die Begründung für die Entscheidung.

Stufe 3: „Heinz sollte das Medikament stehlen, denn als richtiger Ehemann sorgt er für seine Frau und schaut nicht einfach passiv zu, wenn sie stirbt.“

Stufe 4: „Wenn man heiratet, schwört man sich Liebe und Treue. Eine Ehe ist nicht nur Liebe, sie bedeutet auch eine Verpflichtung, genau wie ein gesetzlicher Vertrag.“

Stufe 5: Das Leben der Frau hat auf jeden Fall Vorrang vor anderen Erwägungen.

Stufe 6: Vor dem Gesetz ist es zwar nicht Recht, einzubrechen und zu stehlen, und die Gesellschaft muss Heinz bestrafen; vor Heinzens Gewissen aber kann das Leben seiner Frau höher stehen als das Gesetz.

 

Die sechs Stufen lassen sich wie folgt beschrieben:

Stufe 1: Das Kind orientiert sch an erfahrenen Strafen und Belohnungen: böse ist, was bestraft wird; gut ist, was belohnt wird. Autoritäten sind unumgänglich, werden aber nicht aus irgendwelchen prinzipiellen Überlegungen anerkannt. Ihre Anordnungen werden befolgt, weil das Kind (oder der Erwachsene) Strafen und Unannehmlichkeiten vermeiden und angenehme Konsequenzen genießen will. Heinz soll das Medikament nur deshalb nicht stehlen, weil man ihn ja doch erwischt und er dann bestraft wird; sähe er eine Möglichkeit, sich nicht erwischen zu lassen, dann dürfte die Hemmung entfallen, in die Apotheke einzubrechen. 

Stufe 2: Aus der Erkenntnis, dass jeder Mensch seine eigenen Interessen und Bedürfnisse hat, richtet sich man sich so ein, dass man zusammen möglichst gut wegkommt („do ut des = ich gebe [dir], damit auch du [mir] gibst“). Man versucht fair zu sein, kalkuliert u. U. sein Verhalten und achtet auf Gegenseitigkeit. Die Argumentation besteht im sozialen Kalkül. Zum Beispiel mag jemand im Heinz-Dilemma den Diebstahl empfehlen, weil es für Heinzens Kinder besser sei, sie hätten ihre Mutter zu Hause als ihren Vater, der in diesem Fall wahrscheinlich im Gefängnis sitzen müsste. Ein Knabe sagte zu Kohlberg, Heinz solle stehlen, wenn er seine Frau am Leben behalten möchte; er müsse aber nicht, wenn er vielleicht eine jüngere und schönere Frau heiraten möchte. Ein anderes Kind fand, die Frau könnte, wenn sie am Leben bliebe, das Unrecht gegenüber dem Apotheker in geeigneter Form wieder gutmachen.

Stufe 3: Gut ist, was ein „braver Junge“, ein „anständiges Mädchen“ tut. Die Moral richtet sich nach den Stereotypen der Mehrheit, nach gängigen Rollenmustern und verlangt auf unseren Breitegraden Hilfsbereitschaft, Dankbarkeit, Respekt, Treue, Vertrauen, lautere Gesinnung etc. Bei der Beurteilung von Handlungen werden Absicht und Gesinnung mitberücksichtigt. Wenn Heinz die edle Absicht hat, seiner Frau das Leben zu retten, ist sein Handeln gut (auch wenn er einbricht). Oder: Der Apotheker war gemein, dem armen Heinz so viel für das Medikament zu fordern. Es gibt Kinder, die ereifern sich gegen den Apotheker wegen seiner hohen Forderung gegenüber dem bedrängten Heinz und finden, man sollte eher den Apotheker ins Gefängnis stecken, weil er nicht fair ist. 

Stufe 4: Während die Stufe 3 an überschaubaren Gruppen und Individuen mit ihren Einstellungen und Absichten orientiert ist, zieht das Denken auf der Stufe 4 gesamtgesellschaftliche Aspekte mit ein. In der großen Gesellschaft kennt man die meisten Menschen nicht, Anstand und gegenseitige Beziehungen sind eine geringe Garantie für Wohlverhalten geworden; jetzt braucht es Regeln, Gesetze, Pflichten und Rechte. Moralisch gut ist nach der Argumentation dieser Stufe, wer seine Pflichten erfüllt, die ordentlich eingesetzten und beauftragten Autoritäten respektiert und die soziale Ordnung aufrecht hält. 

Der Mensch kümmert sich um das Gemeinwesen und akzeptiert hierarchisch verteilte Zuständigkeiten. Gesetze sind nötig und deshalb zu respektieren. Während auf Stufe 1 Gesetze einzuhalten sind, um Strafen zu entgehen, sind sie auf Stufe 4 einzuhalten, weil die Gesellschaft ins Chaos stürzen würde, wenn alle oder viele dem Gesetz nicht gehorchen würden. Wenn in unserem Heinz-Beispiel der Apotheker für seinen großen Aufwand der Medikament-Entwicklung und seinen Unternehmergeist nicht entsprechend belohnt würde und wenn das Schule machte, dann wäre unsere Wirtschaftsordnung in Frage gestellt.

Stufe 5: Auf dieser Stufe greift die Erkenntnis Platz, dass auch gut organisierte Staaten mit strenger Gesetzeseinhaltung unmoralisch sein können. Das ist z. B. in autoritären Systemen ein großes Risiko. Die Maxime von „Gesetz und Ordnung“ (Stufe 4) muss deshalb um zwei wichtige Bestimmungsstücke erweitert werden, nämlich um die prioritäre Garantie der Grundrechte und um ein demokratisches Verfahren zur Gewährung ihrer Einhaltung (Gesetze einführen, verändern, abschaffen). Die Gemeinschaft ist nach einem Gesellschaftsvertrag gestaltet, der jederzeit neu ausgehandelt werden kann. Verschiedene Menschen haben eben verschiedene Bedürfnisse und finden verschiedene Regeln gut; darum sind die für alle gültigen Regeln demokratisch zu bestimmen.

Stufe 6: Auch demokratische Verfahren können Unrecht produzieren. Mehrheitsbestimmungen gelten nur, wenn nicht Grund- oder Menschenrechte, wie Recht auf Leben und auf gewisse Freiheiten, in Gefahr sind, denn diese sind nicht verhandelbar.

Auf dieser höchsten Stufe bemüht sich das Individuum um fundamentale ethische Prinzipien. In der Gerechtigkeitsfrage z. B. versucht es, selbst alle möglichen Standpunkte einzunehmen und so zu entscheiden, was gerecht ist. Kohlberg wies auf das Rawls’sche Prinzip des „Schleiers des Nichtwissens“ hin. Das heißt, dass der Mensch nach fairer Abwägung aller Standpunkte entscheidet und dabei seinen eigenen Standpunkt nicht mehr gewichtet als andere; der Entscheid müsste für ihn in gleicher Weise korrekt sein, in wessen Schuhen auch immer er selbst stünde.

[1] Alle Zitate stammen, sofern nicht anders angegeben, aus dem Buch August Flammer: Entwicklungstheorien, Psychologische Theorien der menschlichen Entwicklung, 4. Auflage. Die den Zitatstellen nachgestellten Ziffern bezeichnen die Seitenzahl.

[2] Später im Buch kommt Flammer noch einmal auf diese Fragestellung zurück: „In der kulturvergleichenden Psychologie wird z. B. häufig das Problem diskutiert, ob man für die gleichen Forschungsfragen in verschiedenen Kulturen die gleichen Methoden anwenden kann, ja ob man überhaupt die gleichen Fragen stellen darf. Man darf über dieses Problem nicht leichtsinnig hinweggehen; wer aber dieses Vorgehen grundsätzlich ablehnt, verzichtet auf jede Möglichkeit, über kulturelle Unterschiede überhaupt etwas anderes auszusagen, als dass sie existieren.“ (232) 

[3] Siehe hierzu die ausführliche 13/08 Buchbesprechung von Baldwins The story of the mind im Online Journal Nr. 13/08.

[4] In einer differenziertere Betrachtung wäre zu unterscheiden zwischen systemischen Ansätzen des unteren rechten Quadranten, bei denen in der Tat Menschen Teile von Systemen sind, und „systemische“, oder besser kulturelle Ansätze des unteren linken Quadranten, bei denen Menschen Mitglieder von Gemeinschaften sind, was eine bedeutenden Unterschied darstellt. Beide Sichtweisen haben ihre volle Berechtigung, als unterschiedliche Perspektiven auf ein Ereignis.

[5] Innerhalb des Methodenpluralismus der 8 Hauptperspektiven oder Zonen sind es die Zonen 5 und 6, je nachdem, ob der Untersuchungsschwerpunkt mehr auf der Autopoiese des zu untersuchenden Subjektes liegt oder auf seinem Verhalten.

[6] Zitiert aus: August Flammer, Entwicklungstheorien, 4. Auflage S. 176