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27.3.2017 : 12:45 : +0200

Integral Ecology – eine Buchbesprechung

von Michael Habecker

Mit der Veröffentlichung seines Buches Eros, Kosmos, Logos im Jahr 1995 formulierte der amerikanische Autor und Philosoph Ken Wilber erstmals das, was heute als „integraler Ansatz“ immer mehr Verbreitung und Anwendung findet. Dieser Ansatz lässt sich, so sein eigener Anspruch, auf alle Wissens- und Seinsgebiete anwenden. Mit dem Buch Integral Ecology, Uniting Multiple Perspectives on the Natural World liegt nun erstmals ein Fach- und Lehrbuch vor, an dem sich dieser Anspruch – bezogen auf das Thema Ökologie – messen lässt.

 

Das Buch ist nicht von Ken Wilber geschrieben, auch wenn er daran mitgewirkt hat, und das ist bemerkenswert. Die Autoren Sean Esbjörn-Hargens und Michael E. Zimmermann demonstrieren, dass „integral“ auch ohne Wilber geht, d. h. die Methodik integraler Untersuchungen und Darstellung ist personenunabhängig, so wie auch die naturwissenschaftliche Vorgehensweise nicht von Personen wie Galileo Galilei abhängt, was für ihre wissenschaftliche Aufnahme und Verbreitung von großer Bedeutung ist.

Was steht auf den knapp 800 Seiten des Buches, und was unterscheidet dieses Buch von den vielen anderen Veröffentlichungen zum Thema, auch und gerade den „ganzheitlichen“, „holistischen“ und „interdisziplinären“ ökologischen Ansätzen?

Das Buch gliedert sich in vier Teile. Im ersten wird der konzeptuelle Rahmen einer integralen Ökologie vorgestellt, im zweiten werden ihr Wer, Was und Wie erläutert, im dritten erfolgt die konkrete Anwendung dieser Ökologie auf existierende Fragestellungen, und im vierten werden drei Fallstudien aufgeführt, an denen die Umsetzbarkeit integralen ökologischen Denkens in der Praxis überprüft worden ist.

Der konzeptuelle Rahmen

Das erste Kapitel des ersten Teils trägt die Überschrift Die Rückkehr der Innerlichkeit und führt die innere Perspektive in der Ökologie wieder ein, die bei so vielen rein systemischen ökologischen Betrachtungen fehlt. „Integrale Ökologie vereint die Kunst der Ökologie, das Schöne (Umweltästhetik), die Moral der Ökologie, das Gute (Umweltethik), und die Wissenschaft der Ökologie, das Wahre (Umweltwissenschaft), auf den unterschiedlichen Komplexitäts- und Entwicklungsebenen.“ (S. 22) Um hier auch begriffliche Klarheit zu schaffen unterscheiden die Autoren drei Definitionen von Natur:

1) „NATUR“ als die Gesamtheit des Kosmos mit allen Dimensionen (innerlich, äußerlich, alle Ebenen), dann 2) „Natur“ als das große Gewebe des Lebens, das sich auf die äußerlichen Dimensionen des Kosmos bezieht, und dann noch 3) „natur“ als die empirisch sensorische Welt, wie sie durch die fünf Sinne und durch somatisch gefühltes Erleben erfahren wird. Alle drei Definitionen haben ihre Berechtigung, doch wenn sie, wie in der allgemeinen öffentlichen Diskussion zum Thema, nicht klar voneinander unterschieden werden, redet man buchstäblich aneinander vorbei.

Im zweiten Kapitel, Es geht um Perspektiven, wird Wilbers AQAL-Modell vorgestellt, das theoretische Fundament einer integralen Ökologie. Dabei wird besonders die Bedeutung perspektivischer Wahrnehmung hervorgehoben und deren Erfassung durch einen „methodischen Pluralismus“, welcher auf eine bisher einzigartige Weise in der Lage ist, alle Erkenntnis-, Wissens- und Seinsmethodiken der Menschheit zusammenfassend darzustellen, sodass sowohl die Größe (der Untersuchungs- und Erkenntnisbereich) als auch die Grenzen der jeweiligen Methodiken und Perspektiven sichtbar werden (deren Überschreitung zu „Absolutismen“ führt). Die Anwendung dieses methodischen Pluralismus unterscheidet den Ansatz der integralen Ökologie, der in diesem Buch entwickelt wird, von allen anderen „ganzheitlichen“ Ansätzen. Von weiterer Bedeutung sind die Entwicklungsdimension und typologische Unterscheidungen. Erstere betont die vertikale hierarchische Struktur des Kosmos, Letztere zeigen die horizontal- heterarchische Vielfalt darin.

Im dritten Kapitel, Ein sich entwickelnder Kosmos, geht es um das Thema Entwicklung und seine Bedeutung für ökologische Betrachtungen. Dabei wird Entwicklung durch die Unterscheidung in innerlich/äußerlich und individuell/kollektiv (Wilbers Quadranten) als etwas Vierfaches gesehen, mit bedeutenden Gemeinsamkeiten, aber auch wesentlichen Unterschieden in den vier Dimensionen. So ist es beispielsweise bei vielen (tiefen-)ökologischen Betrachtungsweisen üblich, die kollektive Entwicklung als eine Weiterführung der individuellen Entwicklung zu betrachten, wie beispielsweise in der Abfolge:

1. Biosphäre, 2. Gesellschaft/Nation, 3. Kultur/Subkultur, 4. Gemeinschaft/Gemeinde, 5. Familie, 6. Person/Organismus, 7. Organ(systeme), 8. Gewebe, 9. Zellen, 10. Organellen, 11. Moleküle, 12. Atome, 13. Subatomare Teilchen

Dabei werden kollektive und individuelle Entwicklung aufeinandergestapelt, anstatt, wie es der integrale Ansatz fordert, als parallel und gleichwertig behandelt zu werden. Das führt zu schwerwiegenden Konsequenzen bis hin zu ökofaschistischen Vorstellungen („das Individuum hat sich Gaia als dem größeren Ganzen unterzuordnen“).

Das vierte Kapitel, Innerlichkeit, die sich entwickelt, vertieft dann die Darstellung innerer Entwicklung und stellt diese anhand konkreter Modellbeispiele vor. Des Weiteren wird die Bedeutung individueller und kollektiver Psychodynamik hervorgehoben, durch die unsere ökologischen Wahrnehmungen unweigerlich gefärbt werden, sodass das ökologische Geschehen nicht nur Gegenstand von Interpretation, sondern immer auch von Projektion ist.

Das Was, Wer und Wie ökologischer Phänomene

Im zweiten Teil des Buches wird im fünften Kapitel, Das Was, Wer und Wie ökologischer Phänomene, vorgestellt. Nach einem historischen Abriss der Ökologie und einem Überblick über die vorherrschenden (systemisch ausgerichteten) ökologischen Ansätze wird die integrale Ökologie wie folgt definiert: „Integrale Ökologie ist das Studium der subjektiven und objektiven Aspekte von Organismen in Beziehung zu ihrer intersubjektiven und interobjektiven Umwelt auf allen Ebenen der Tiefe und Komplexität.“(S. 168) Es werden dann 25 ökologische Hauptansätze vorgestellt und innerhalb der integralen Landkarte verortet.

Das Was von Ökologie bezieht sich auf den Wirklichkeitsaspekt von Ökologie, der betrachtet wird (6. Kapitel), das Wer bezieht sich auf den Betrachter oder die Betrachterin (7. Kapitel), und das Wie bezieht sich auf die verwendete Methodik bei der Betrachtung (8. Kapitel).

Im sechsten Kapitel (Ökologisches Terrain, das zu untersuchende Was) geht es um den Betrachtungegenstand. Dabei unterscheiden die Autoren die vier Quadranten und drei Hauptentwicklungsebenen und gelangen so zu zwölf „Nischen“ ökologischer Betrachtung. Diese werden im Einzelnen vorgestellt und durch bestehende ökologische Ansätze illustriert. Das 7. Kapitel beschäftigt sich dann mit dem Ökologischen Selbst; das Wer, das untersucht, und trägt dabei der wesentlichen postmodernen Erkenntnis Rechnung, dass jegliche Untersuchung und Aussage nicht beziehungslos und „absolut“ im Raum steht, sondern von der Perspektive der betreffenden Person abhängt. Dabei spielt die (psychologische) Entwicklung eine bedeutende Rolle, und die Autoren stellen ein Entwicklungsmodell mit acht Stufen einer ökologischen Selbstidentität auf1 und erläutern, wie sich für jede dieser Identitäten eine andere ökologische Welt zeigt, mit einem anderen ökologischen Verständnis und einer jeweils anderen ökologischen Haltung und Handlung. Das achte Kapitel, Ökologische Forschung: Wie wir untersuchen richtet das Augenmerk auf die zum Einsatz kommende Untersuchungsmethodik. In diesem Zusammenhang wird der von Wilber entwickelte und bereits erwähnte Methodenpluralismus vorgestellt, der durch acht Hauptperspektiven, oder „Zonen“, die unterschiedlichen Seins- und Erkenntnisweisen und ihre Methodiken darstellt. Anhand zweier bestehender „integrativer“ Ansätze wird diese Vorgehensweise dann exemplarisch erläutert.

Die Anwendung

Im dritten Teil des Buches geht es um Wer, Wie, Was: Anwendung des [integralen] Rahmens, wobei sich das neunte Kapitel um die Ökologische Harmonie und die Umweltkrise in einer postnatürlichen Welt dreht. Dabei wird der vorgestellte Rahmen auf das Phänomen der Naturmystik angewandt, auf die vielen Weisen, wie Menschen „eins mit der Natur“ sein können, unter Einbeziehung der Zustände, Stufen und Perspektiven des Seins. Weiterhin wird auf die Vorstellung von „Krise“ eingegangen, und wie sie sich jeweils unterschiedlich darstellt, je nach Perspektive und Entwicklungsstand.

Das zehnte Kapitel, Praktiken zur Kultivierung eines integralen ökologischen Bewusstseins, enthält eine Reihe von konkreten Übungen, die Menschen zur Entwicklung ihrer ökologischen Bewusstheit praktizieren können. In Anlehnung einer von Wilber und anderen entwickelten Integralen Lebenspraxis[1] geht es hier um eine integral-ökologische Lebenspraxis.

Das elfte Kapitel, Integral Ecology in Action, wendet den integralen Rahmen beispielhaft auf die Themen Klimaveränderungen, Recycling und andere Themen wie Forschung, ökologischen Landbau, Umweltpolitik, Geografie, Nachhaltigkeit, Architektur und Design, Landschaftsgestaltung und internationale Entwicklung an.

Die Autoren demonstrieren, dass "integral" auch ohne Wilber geht

Drei Fallstudien

Der vierte Teil, die Anwendung einer integralen Ökologie im Selbst, in anderen und der Welt führt drei ausführliche Fallstudien auf, bei denen der integrale Ansatz zur Anwendung gekommen ist.[2] Nach einer zusammenfassenden Darstellung werden dann noch in einem Anhang mehr als 200 ökologische Ansätze in Kurzform vorgestellt und mittels der Kartografierung der acht Hauptperspektiven im Hinblick auf ihren Untersuchungs- und Erklärungsrahmen verortet. Dabei wird einmal mehr deutlich, dass es sich bei diesem integralen Rahmen nicht um eine ganzheitliche Haufenbildung handelt, sondern dass mit dem Methodenpluralismus eine wissenschaftlich begründete Methodik vorliegt, die es erlaubt, unterschiedliche Ansätze differenziert und nachvollziehbar miteinander zu integrieren. Dies wird auch noch an der Literaturliste deutlich, wo ausgewählte Literatur entsprechend den Hauptperspektiven vorgestellt wird.

 

Das Buch Integral Ecology ist ein Meilenstein einer wahrhaft umfassenden integralen Betrachtungsweise, und es kann auch als Modell für andere Fachdisziplinen dienen.


[1] Siehe Ken Wilber, Terry Patten, Adam Leonard und Marco Morelli: Integral Life Practice.

[2] 1. Studie: Die Integration von Innerlichkeit bei nachhaltiger Gemeinschaftsentwicklung (El Salvador); 2. Studie: Integrale Meeresökologie (Hawaii); 3. Studie: Ansätze zur Bewahrung: Integrale Ökologie und Kanadas Regenwald der gemäßigten Breiten (Great Bear Rainforest).