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29.3.2017 : 13:05 : +0200

Ken Wilber – die integrale (R)EVOLUTION


Einführung in Theorie und Praxis eines neuen spirituellen Ansatzes

 

von Editha Salisbury

Ken Wilber hat in den vergangenen 30 Jahren über 20 Bücher veröffentlich. Die Literatur über ihn und seine Integrale Theorie dagegen ist äußerst spärlich. Seit dem zusammenfassenden Überblick von Frank Visser aus dem Jahr 2002 hat sich niemand mehr daran gewagt. Jetzt ist es wieder so weit: Von Michael Habecker der im deutschsprachigen Raum mit großer Übereinstimmung als der Experte für Wilbers Integrale Theorie gilt, viele der Originaltexte ins Deutsche übersetzt hat und es wie kein anderer versteht, die komplexen Fragestellungen in Seminaren und Workshops fast spielerisch eingängig zu vermitteln ist im Frühsommer dieses Jahres Ken Wilber – die integrale (R)EVOLUTION erschienen.

Ein in Umfang und Aufmachung bescheiden wirkendes Buch, das durch seine Inhalte und Darstellungsweise besticht. In einzelnen kleinen Essays, von denen einige bereits in der anthroposophischen Zeitschrift Info3 erschienen sind, fasst der Autor die großen Themen der Integralen Theorie in einfache Worte, bringt sie uns mit Beispielen aus dem Alltag nahe und vermag ihre vielfältigen Aspekte so zu ordnen, dass sie übersichtlich erscheinen. Da, wo Wilber auf unterhaltsame Weise wortreich wird und den Leser gerne in großzügig angelegten Exkursen weite Schleifen um den roten Faden ziehen lässt, erklärt Michael Habecker in wenigen präzisen Sätzen, worum es geht. Und in jeder Fragestellung, die er behandelt, lässt er Wilber selbst in einem treffend gewählten, meist besonders schönen Zitat zu Wort kommen. So erhält der neue Leser gleichzeitig einen klaren, ungewöhnlich einfachen Einstieg in die Integrale Theorie und einen Geschmack auf die Originalliteratur. Leser, die mit der Integralen Theorie bereits vertraut sind, werden eingeladen, die großen Fragen, die sich die Menschen sich schon immer gestellt haben, aus der (r)evolutionären Sichtweise der Perspektiven ganz neu zu beleuchten und damit in die Tiefe zu gehen.

Am Anfang des Buches befindet sich ein eine besonders für den neuen Leser nützliche Zusammenfassung der fünf Hauptmerkmale des Modells, wobei die Perspektiven zunächst nur analog zu den vier Quadranten dargestellt werden. Eine Einführung in den Integralen Methodenpluralismus (IMP) im Anhang, beschreibt dann die Perspektiven vollends nach „Wilber V“.

Im Hauptteil des Buches werden zunächst wichtige Neuerungen des integralen Weltbildes ausgeleuchtet: z. B. eine integrale Sicht auf das Phänomen Bewusstsein und den in bestimmten philosophischen Kreisen heftig diskutierten Zusammenhang zwischen Körper und Geist, der kulturübergreifende Einfluss der Perspektiven des „Ich“, „Wir“ und „Es/Sie“ in der Sprachgestaltung und damit auf die Strukturen menschlicher Erkenntnisgewinnung und auf unsere Konstruktion von Realität.

Aber wie lässt sich nun die neue, erweiterte Sichtweise, die durch die Integrale Theorie ermöglicht wird, auf Bereiche des praktischen Lebens anwenden? Besonders aufschlussreich ist die Darstellung der jeweiligen Wirkungsbereiche und Grenzen von Meditation und intensiver Arbeit an persönlichen Schattenanteilen, sowie ein sinnvolles Ineinandergreifen beider Richtungen auf dem spirituellen Entwicklungsweg. Der Autor beschreibt in diesem Zusammenhang auch einige der am Integral Institute entwickelten und für eine integrale Lebenspraxis (ILP) empfohlenen Methoden, wie den 3-2-1 Prozess der Schattenarbeit oder den Big Mind Prozess. Ein weiterer großer Bereich, in dem die Integrale Theorie Anwendung findet, ist der zwischenmenschliche und kollektive Bereich. Michael Habecker diskutiert hier u. a., wie Kommunikation aus den verschiedenen Perspektiven heraus betrachtet werden kann, weshalb die Demoskopie als Untersuchungsmethode für das „Wir“ von verschiedenen Seiten so lange beargwöhnt und verkannt wurde, und wie systemische Aufstellungen das „Wunder des Wir“ ergründen, jedoch nicht zu erklären versuchen.

Das Buch, das in der Serie Kontext des anthroposophisch ausgerichteten Info3-Verlages erschienen ist, schließt ab mit einer Gegenüberstellung der Erkenntnistheorie, wie sie Rudolf Steiner in seinem Buch Philosophie der Freiheit darstellt und Wilbers Integralem Methodologischen Pluralismus.

Ken Wilber – die integrale (R)EVOLUTION konzentriert sich inhaltlich zwar eher auf Themen aus der linken, innerlichen Seite der Quadranten/Perspektiven, vertritt jedoch eine durch und durch integrale Sichtweise, die anstrebt, alle Erkenntnisbereiche des Menschen in einer großen Metatheorie integrativ zu vereinen. Der (vom Verlag hinzugefügte) Untertitel Theorie und Praxis eines neuen spirituellen Ansatzes wird diesem Anspruch allerdings nicht gerecht.

Michael Habeckers Buch ist weit mehr als eine Zusammenfassung der Integralen Theorie. Es ist auch eine Anleitung zu lernen, die Gegebenheiten des Lebens aus dem facettenartigen Aufblitzen der Perspektiven heraus zu betrachten, im Zusammenspiel von Ebenen und Linien der Entwicklung mit momentanen Zuständen – und persönlich und kollektiv daran zu wachsen.

Ken Wilber – die integrale (R)EVOLUTION
Einführung in Theorie und Praxis eines neuen spirituellen Ansatzes ISBN 978-3-924391-35-5
Schriftenreihe Kontext Band 10
Info3-Verlag 2007

 


Quelle: IP 7, 2007