Sie sind hier: IF-HOME > Anwendungen > Medien / Buchbesprechungen > Buchbesprechungen > Ken Wilber - Quadra(n)tisch. Praktisch. Gut.
DeutschEnglishFrancais
13.12.2017 : 17:44 : +0100

Quadra(n)tisch. Praktisch. Gut.

 

The integral vision, Ken Wilbers neuestes Buch[1].

eine Buchbesprechung von Michael Habecker

 

Im handlichen, fast quadratischen Format, wie die Schokolade, deren Werbeslogan für die Artikelüberschrift Namensgeber war, kommt es daher – ein neues Buch von Ken Wilber. Schon wieder eines? Worüber hat er denn jetzt geschrieben?

Der Untertitel gibt Aufschluss: Eine sehr kurze Einführung in den revolutionären integralen Ansatz, für das Leben, für Gott, für das Universum und überhaupt alles. Bescheidenheit klingt anders.

Der integrale Ansatz, mit der Veröffentlichung von Eros, Kosmos, Logos im Jahre 1995 vorgestellt, und seitdem immer wieder erläutert und verfeinert – gibt es dazu überhaupt noch etwas Neues zu sagen?

Als jemand, der so ziemlich alles liest, was seitens Ken Wilber oder des von ihm gegründeten integralen Institutes veröffentlicht wird, bin ich, auch wenn das Buch viele bereits bekannte Inhalte präsentiert, dann doch begeistert. Es gelingt Wilber immer wieder, die integrale Vision erfrischend neu und in immer neuen Formulierungen so darzustellen dass keine Langeweile aufkommt, und auch für Insider – und für Neueinsteiger sowieso – eine Lern- und (Er)lebenserfahrung dabei herausspringt. Was zuerst auffällt, und das ist wirklich neu, ist die Fülle grafischer Übersichten, Piktogramme und künstlerischer Darstellungen. Über 30 mitwirkende Künstler sind am Ende des Buches aufgeführt, und sie sorgen dafür, dass die Lektüre zu einem Augenschmaus und ästhetischen Genuss wird. Ganz nebenbei wird durch diese Optik auch das Verständnis des Stoffes erleichtert, etwas was in den bisherigen Wilber-Büchern zu kurz kam. Aber auch inhaltlich passiert einiges, oft nur durch nuancierte andere Darstellungs- und Erläuterungsweisen als bisher.

Kapitel 1 (Introduction) führt in die Thematik ein, und Kapitel 2 (The Main Ingredients) stellt die „Hauptzutaten“ vor, die – nach Wilber – benötigt werden, um sich selbst und die Welt zu verstehen, und das sind Quadranten, Entwicklungsebenen, Entwicklungslinien, Zustände und Typen. Diese werden dann im 3. Kapitel (And Now: How Do They All Fit Together?) zusammengebracht, um dann in Einzelanwendungen im 4. Kapitel vorgestellt zu werden (Here’s How It Works: IOS Apps). Kapitel 5 (Is this You?: „Spiritual but Not Religious”) hat das Thema Religion als Schwerpunkt, und auf etwa 50 Seiten wird, mit vielen Abbildungen, dieser Themenkomplex wunderbar zusammengefasst. Im 6. Kapitel (Integral Life Practice: Get a Life!) wird dann konkret das Erläuterte zu einer persönlichen Lebenspraxis mit Übungsvorschlägen verdichtet. Schließlich weist Wilber im 7. Kapitel (Not the End, But the Beginning) erneut auf dasjenige, hin, auf das sich nur hinweisen lässt, weil es zu offensichtlich ist, um erkannt, und zu vertraut, um gewusst zu werden – das einfache Gefühl des Seins im immerwährenden Jetzt.

Sogar für technische Feinheiten „for advanced students“ nimmt sich Wilber in diesem Einführungsband Zeit und Raum, wenn er auf S. 154 in einer Fußnote den Unterschied zwischen der Strukturerfahrung einer weit entwickelten Bewusstseinsebene und der Erfahrung der Leere als einem Bewusstseinszustand erläutert:

Was ist der Unterschied zwischen der overmind Struktur und dem kausalen Zustand, die beide ähnlich klingen? Beide haben Zugang zum Zeugenbewusstsein, doch Overmind ist eine Stufe als Ergebnis einer strukturellen Entwicklung – und jede Entwicklung ist Ent-wicklung, wo eine Abfolge von Ganzen/Teilen alle ihre Vorgänger transzendiert und bewahrt, was bedeutet dass Entwicklungsstufen einschließend sind. Zustände hingegen sind nicht einschließend sondern ausschließend (man kann nicht gleichzeitig betrunken und nüchtern sein, oder im Wachzustand und im Traumzustand sein, usw.) Die overmind Struktur ist daher das reine Zeugenbewusstsein und ein vereinigendes Bewusstsein welches alle vorhergehenden Wahrnehmungsobjekte, die im Bewusstsein auftauchen, einschließt (und nicht ausschließt); Overmind umfasst daher auch die Fähigkeit sich aller vorhergehenden Strukturen bewusst zu sein, ein 7tes Chakra das die vorhergehenden 6 Chakren beinhaltet (welche als „Operanden“ bewusst und gegenwärtig sind).

Der kausale Zustand demgegenüber ist eine Bewusstheit ohne Objekte, das gleiche Zeugenbewusstsein, welches als Zustand jedoch lediglich sich selbst als ein Wahrnehmungsobjekt enthält, eine unermessliche Öffnung mit ihrer Seligkeit als Operand. Ersteres ist eine einschließende Struktur, Letzteres ein ausschließender Zustand. Sogar Buddhas sind weiterhin im Wachzustand, sie träumen, und sie durchleben den traumlosen Tiefschlaf, was zeigt dass sogar bei Buddhas die Zustände weiterhin einander ausschließen, auch wenn das Zeugenbewusstsein von ihnen allen befreit ist, und wenn im Overmind alle ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten integriert sind.

 

Um einen Geschmack von dem „spirit“ zu geben, in dem dieses Buch geschrieben wurde hier eine Zitatpassage zur Bedeutung des (denkenden) Geistes für eine integrale Lebenspraxis (p. 178)

„Dieses Modul [das Geist[2] modul] ist eines der wichtigsten einer integralen Lebenspraxis, weil es das Bindeglied zwischen Körper und GEIST [spirit] darstellt. Auf der ganzen Welt sind sich die spirituell Praktizierenden einig, dass es darum geht „Körper, Geist und GEIST“ zu würdigen, doch während der zurückliegenden zwei Jahrzehnte wurde der Geist dabei vollkommen unberücksichtigt gelassen und die körperlichen Wahrnehmungen in den Mittelpunkt des Interesses gestellt, so dass die unmittelbaren Gefühle und Erfahrungen oft mit dem spirituellen Bewusstsein gleichgesetzt wurden. Geist bzw. der Intellekt wurden dabei nicht nur ausgelassen, sie wurden als „nicht-spirituell“ oder sogar als „anti-spirituell“ bezeichnet, mit der Vorstellung, dass es darum geht „vom Herzen her zu kommen“ und dabei das Gehirn als ein offensichtliches Hindernis auf diesem Weg zu umgehen. „Intellektualisiere nicht, konzeptualisiere nicht, sondern fühle einfach und gehe in die Erfahrung“ – diese Worte verbreiteten sich im ganzen Land, und die spirituell Praktizierenden überall glaubten daran, dass man, um den GEIST zu finden, den „Verstand verlieren und zu den Sinnen kommen“ muss.

Nun, probiere es einfach aus, und nach zehn Jahren oder mehr, in denen Du Deinen Verstand verloren hast, kommst Du vielleicht zu der Einsicht, dass ein Richtungswechsel notwendig ist. Der Geist ist die Verbindung zwischen Körper und GEIST. Geist oder Intellekt ist im Sanskrit buddhi, aus dem alle Buddhas geboren werden. Geist hält Körper und GEIST zusammen. Geist entspringt unmittelbar dem GEIST und ist sowohl der erste Ausdruck des GEISTES, als auch  die höchste Ebene auf dem Rückweg zum GEIST. Geist verankert GEIST im Körper und erhebt den Körper zum GEIST. Er gibt dem GEIST Bodenhaftung, und dem Körper eine spirituelle Orientierung und Richtung, welcher sich ansonsten in seinen eigenen Wahrnehmungen und Empfindungen verlieren würde. Spirituelles Wachstum verläuft von egozentrischen körperlichen Wahrnehmungen, die sich nur selber fühlen können, zum Geist, der in der Lage ist sich in andere hineinzuversetzen und beginnt das Ego zu erweitern, bis hin zu einer weltzentrischen Umarmung im GEIST. Sich in jemanden anderen hinein zu versetzen ist eine mentale Fähigkeit, eine kognitive Operation, und um Gefühle zu fühlen, die nicht zu einem selbst gehören, braucht es daher Geist und Intellekt. Es ist der Geist, der es dem Bewusstsein erlaubt aus dem Gefängnis eines egozentrischen Fühlens herauszutreten, und sich selbst auf eine radikale Weise auszudehnen, bis hin zu einer Umarmung des gesamten Kosmos.“

 

Quelle: Online Journal Nr. 07, 2007


[1] Das Buch ist 2009 im Kösel Verlag unter dem Titel Integrale Vision auf Deutsch erschienen. 

[2]  Wilber meint damit den denkenden Geist und Intellekt.