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26.5.2017 : 5:36 : +0200

Ken Wilbers Halbzeit der Evolution (Zusammenfassung)

von Michael Habecker

Hinweis: Die Zitate dieses Kapitels stammen aus: Ken Wilber, Halbzeit der Evolution, Goldmann Verlag 1990

Zum Buch

Halbzeit der Evolution ist gewissermaßen das Zwillingsbuch zum Atman Projekt. Während sich Letzteres mit der Individualentwicklung des Menschen beschäftigt, beschreibt Wilber in Halbzeit die Innenansicht der kollektiven Entwicklung der Menschheit durch die verschiedenen Bewusstseinsebenen, von Anbeginn an bis heute, und gibt einen Ausblick auf mögliche zukünftige Entwicklungen. 

Vorwort

„‚Die Menschheit befindet sich auf halbem Wege zwischen den Göttern und den Tieren’, schrieb einst Plotin. Dieses Buch zeichnet den Ablauf der Geschichte und Vorgeschichte nach, der die Menschheit in diese problematische Situation geführt hat... Der Mensch ist eine im tiefsten Wesen tragische Erscheinung mit einer vielversprechenden Zukunft - wenn er es schafft, den Übergang zu erleben... Dieses Buch erzählt die Geschichte der Seele, die sich auf halbem Weg zwischen dem Tier und den Göttern befindet, der Seele, die sich aus dem tierischen Zustand befreit und sich auf den Weg zum Himmel gemacht hat, der Seele, die in einer evolutionär aufsteigenden Kurve in Richtung Unsterblichkeit klettert – die diese Tatsache aber erst in jüngster Zeit entdeckt hat. “ (7) 

 

Einführung

Wilber gibt in der Einführung einen Überblick über Elemente seines bisherigen Werkes, erläutert in einem historischen Abriss die Beziehung des Menschlichen zum Göttlichen, stellt die Große Kette des Seins vor, mit den Ebenen wie er sie schon in seinen vorhergehenden Büchern verwendet hat, und fasst das Atman-Projekt zusammen, die Ersatzformen für Transzendenz. 

Erster Teil: Vor langer Zeit im Garten Eden

1. Die geheimnisvolle Schlange

Wilber beginnt seine Reise durch die kollektive Menschheitsgeschichte an dem Punkt, wo die ersten Hominiden auftraten.

„Der Urmensch begann seinen Weg eingehüllt in die unbewussten Bereiche von Natur und Körper, von Pflanze und Tier. Er ‚erfuhr’ sich anfänglich als ununterscheidbar von der Welt, wie sie sich bis dahin entwickelt hatte. Die Welt des Menschen – Natur, Materie, pflanzliches Leben und animalischer Körper (säugetierhaft) – sowie das Ich des Menschen – das sich entfaltende neue Zentrum seiner Erfahrung  - waren undifferenziert, eingebettet, miteinander verschmolzen und ununterschieden. Sein Ich war seine naturhafte Welt; seine naturhafte Welt war sein Ich.“ (38)

 

Wilber nennt gleich zu Beginn eine wichtige Quelle seiner Arbeit: Jean Gebser.

Auf Seite 46 erwähnt Wilber die Vedanta Philosophie – und führt in diesem Zusammenhang die drei großen Bewusstseinszustände Wachen, Träumen und traumloser Tiefschlaf an. Auf dieses Modell wird er insbesondere ab Wilber IV verstärkt zurückgreifen, wenn es um die Bedeutung der Bewusstseinszustände für das integrale Modell geht. In seinen frühen Werken liegt der Schwerpunkt auf den Ebenen des Bewusstseins.

Auf S. 49 „ortet“ sich Wilber als Hermeneutiker („Wie die Wissenschaft der Hermeneutik, zu deren Repräsentanten ich mich selbst zähle...“). In einer längeren Fußnote skizziert er diese Wissenschaft, und beginnt damit ein Tradition, welche er insbesondere in Eros Kosmos Logos intensiviert: Das Verwenden von Fußnoten und Anmerkungen zur Unterbringung längerer erklärender Passagen, bis hin zu kompletten Essays.

Zweiter Teil: Das Zeitalter des Typhons

2. Die alten Magier

Das innere Erleben der Jäger und Sammler, – und auf die Beschreibung von Innerlichkeiten kommt es W. in diesem Buch vor allem an – war magisch. Diesen kollektiven Bewusstseinszustand beschreibt er eingehend, es ist der auch schon im Atman Projekt beschriebene Typhon.

„In den frühen Entwicklungsphasen ist das Ich im Körper angesiedelt, nicht so sehr im Geist. Das Stadium, in dem Körper und Umwelt miteinander verschmolzen sind, nannten wir das archaisch-uroborische. Das folgende, in dem der Körper sich von der Umwelt differenziert, jedoch bevor das mentale Ego sich vom Körper löst und differenziert, das ist der Typhon.“ (62)  

 

Auf S. 70 skizziert Wilber – in einer Fußnote – eine Theorie des Traumes.

Erneut weist er auf die Wichtigkeit der Unterscheidung zwischen Erfahrungen des prä-rationalen magischen Körper-Ich, und echten psychischen, d.h. transrationalen Erfahrungen hin.

3. Aufdämmern des Wissens um den Tod

„Wo ein anderes ist, da ist auch Angst“, zitiert Wilber die Upanischaden, und beschreibt dann die Versuche der typhonischen Bewusstseinsebene, mit dieser Ur-Angst umzugehen, mit den Hilfsmitteln von Zeit und Kultur.  

4. Reisen ins Überbewußte

Neben der Beschreibung des jeweils durchschnittlichen Bewusstseins einer Ebene verfolgt W. parallel dazu auch das individuell jeweils fortgeschrittenste Bewusstsein, das auf der entsprechenden Ebene auftritt, und auf der Ebene des Typhons waren dies die Schamanen. Sie waren – als die höchstentwickelten Individuen ihrer Zeit – bereits in der Lage, einen Blick in das Überbewusste zu werfen.

Am Ende des Kapitels befasst sich Wilber mit dem Vorkommen der Magie in der heutigen, modernen Zeit.

Dritter Teil: Mythische Gruppenzugehörigkeit

5. Der Zukunftsschock

„Wir nähern uns nun dem zehnten vorchristlichen Jahrtausend, in dem ‚ein Stadium sozialer Organisation zur Reife gelangte, das dem der Jäger fast völlig entgegengesetzt war’... Die Menschheit war im Begriff aufzuwachen, und zwar sehr schnell aufzuwachen aus ihrem prähistorischen Schlummer im unbewussten Eden. Was geschah denn nun so Spezifisches vor etwa 12000 Jahren, dass man es als die bedeutendste Transformation in der Geschichte der Menschheit bezeichnen kann? Das ist mit wenigen Worten gesagt: Die Menschheit entdeckte den Ackerbau.“ (109)

 

Im weiteren Verlauf diese Kapitels beschreibt Wilber die gewaltigen Auswirkungen dieser neuen „Technologie“ auf das Menschheitsbewusstsein und dessen Entwicklung. (Auf dieses Thema,  die – wie er es später beschreibt – enormen Auswirkungen des rechten unteren Quadranten, d.h. der materiell-ökonomischen Basis, auf das Bewusstsein, kommt Wilber in späteren Werken erneut zurück, so z.B. im Exzerpt C im Abschnitt „Das Wesen sozial/revolutionärer Transformation“, wo er einen Bezug zu der Lehre von Marx herstellt und diesen diskutiert.)

Wilber erläutert die Veränderungen im Zeiterleben, die „Entstehung“ von Zukunft, eine neues Todesbewusstsein, die Weiterentwicklung von Sprache (auf S. 115 gibt Wilber einen Abriss über die kollektive Sprachentwicklung) und die Bedeutung von Symbolen, das repräsentative Denken, die Entstehung von Geld (in einer Fußnote macht Wilber eine Exkurs in die Wirtschafts- und Geldtheorie), und das Atman-Projekt des Ackerbaubewusstseins. Er beschreibt weiterhin die Charakteristika des Bewusstseins der Gruppenzugehörigkeit.    

6. Die Große Mutter

„Die überragende Gestalt in den Religionen der Kulturen mythischer Gruppenzugehörigkeit ist zweifellos die Große Mutter. ‚Die schreckenerregende, wunderbar geheimnisvolle Große Mutter, deren Form und Anrufung die gesamte Bandbreite der Rituale der archaischen Welt beherrscht’ (142)... Das Mutterbild in seinen naturhaft/biologischen Aspekten werde ich die ‚Große Mutter’ nennen; das Mutterbild in seinen transzendenten und mystischen Aspekten nenne ich jedoch ‚Große Göttin’“ (143) .

 

Diese Unterscheidung ist ein weiteres Beispiel für die Notwendigkeit einer prä/trans Differenzierung.

„Die Große Mutter steht anfänglich also für eine globale, körperliche separate und verwundbare Existenz in Raum und Zeit mit daraus entstehendem Verlangen nach einer Großen Beschützerin und der daraus folgenden Furcht vor dem großen Zerstörer ... Der Großen Mutter fiel die Rolle zu, körperliche Existenz, Materie und Natur, Wasser und Erde, Leben und Tod in diesem naturhaften Bereich zu repräsentieren. Ist unsere Einstellung zur Großen Mutter ‚gut’, dann ist sie die Große Beschützerin. Ist unsere Einstellung oder sind unsere diesbezüglichen Haltung ‚schlecht’, dann ist sie die rächende Zerstörerin.“ (144)

 

Wilber kommt im weiteren Verlauf der Diskussion auf die rituelle Opferkultur zu sprechen, dem „Herzstück der Mythologie der Gruppenzugehörigkeit“. „So wie die Erde Regen braucht um neue Ernten hervorbringen zu können, braucht die Große Mutter Blut, um neues Leben hervorzubringen.“   

7. Die Große Göttin

In diesem Kapitel verfolgt Wilber die – auf dieser Bewusstseinsebene höchste – Entwicklungsstufe einzelner Individuen in den Bereich des subtilen Einsseins, den der „Sambhogakaya-Visionen“. Die Gottheit dieser frühen spirituellen Individuen ist die Große Göttin.

„Nach den vorhandenen Unterlagen scheint es fast sicher, dass die wahren Priester und Heiligen dieser Periode – die am höchsten entwickelten Seelen – das Reich des Sambhogakaya oder das subtile Reich des Überbewussten (Ebene 6) schauten. (166)... Im gleichen Maße wie sich das durchschnittliche Bewusstsein entwickelte, evolvierten auch die am stärksten aufstrebenden Zweige dieses Bewusstseins...“ (170)

 

...die beiden Stränge der Evolution, die Wilber in diesem Buch verfolgt, das durchschnittliche Bewusstsein, und das jeweils am weitesten entwickelte individuelle Bewusstsein. 

„Jetzt erschließt sich uns ein fundamentaler Unterschied zwischen der Großem Mutter – einem einfachen biologischen Nahrungs- und Fruchtbarkeitssymbol, das man magisch zu kosmischen Proportionen aufgebläht – und der Großen Göttin, einen subtilen Einssein von echter Transzendenz, das die echte Göttlichkeit repräsentiert.“ (161).

 

Das wahre Opfer auf dieser Bewusstseinsstufe besteht in einem „symbolischen Ich-Opfer“, im Gegensatz zum echten Blutopfer gegenüber der Großen Mutter. (Wilber diskutiert in einer Fußnote kurz – im Zusammenhang mit Campbell – die Funktion eines Mythos. Dieses Thema wird er in EKL ausführlich behandeln).

„Die Große Mutter fordert Blut, die Große Göttin Bewusstsein. Der entscheidende äußere Unterschied besteht darin, dass die Opfergaben für die Große Mutter stets echten körperlichen Tod oder blutigen Mord zum Gegenstand hatten, während das Opfer der Seele für die Große Göttin ein Ich-Opfer war, das sich im Herzen abspielte und niemals körperlichen Mord zum Inhalt hatte.“ (164)  

 

In einem Unterkapitel erläutert Wilber die Schlangenkraft Kundalini.

8. Mythologie des Mordes

Wilber erläutert Totschlag und Mord als eine neue Form des Ersatzopfers, und beschreibt die Kriegsmaschinerie als einen „Amoklauf des Opferrituals“.

9. Polis und Praxis

„Polis“ ist die Arena der Gruppenzugehörigkeit, die Struktur in welcher Menschen leben und sich begegnen, und „Praxis“ sind die Aktivitäten der Mitglieder untereinander in der Polis. Wilber betont in diesem Abschnitt – wie im ganzen Buch – den „wir“-Aspekt der menschlichen Entwicklung, und skizziert eine Gesellschaftstheorie, in welcher die kollektive Bewusstseinsentwicklung eine wichtige Rolle spielt. Auf S. 195 beschreibt er die Ebenen der Austauschformen:

„Ebene 1: technologische Erzeugung und wirtschaftlicher Austausch materieller Dinge, deren Paradigma Nahrung und dessen Sphäre körperliche Arbeit ist.

Ebene 2: Erzeugung und Austausch biologischen Lebens, deren Paradigma Gefühl und Sexualität und deren Sphäre emotionaler Verkehr miteinander ist (vom Fühlen über Sex bis zur Macht)

Ebene 3: Erzeugung und Austausch von Ideen, dessen Paradigma sprachliche Verständigung (Sprache) und dessen Sphäre Kommunikation (praxis) ist.“

 

Wilber erläutert:

„Jedes beliebige Austauschsystem – sei es materielle Arbeit, gefühlsmäßiger Verkehr oder begriffliche Kommunikation – kann eingeschränkt, unterdrückt, verdrängt und entstellt werden, und zwar von der gesellschaftlichen Umwelt, in der dieser Austausch an sich auf ideale und freie Weise stattfinden sollte. (Mit „frei“ meine ich hier „angemessen“ und nicht „exzessiv“.) Am häufigsten wird diese Entstellung von den Individuen angezettelt, die, seien sie einfache Bürger oder mächtige Anführer, eigentlich Hüter eines ungestörten Austauschs und ungestörter Beziehungen sein sollten. Solche Störungen haben die Tendenz, institutionalisiert zu werden, so daß sie sich ohne bewußte Absicht reproduzieren (Kraft der sozialen Trägheit).

Die archetypischen Vorkämpfer für nichtverdrängte Beziehungen in jeder dieser Sphären sind Marx (gemeinschaftliche Arbeit, Uroboros, Ebene 1), Freud (gefühlsbasierter zwischenmenschlicher Verkehr, Typhon, Ebene 2) und Sokrates (verbale Verständigung, Kommunikation in der Gemeinschaft, Ebene 3). Und natürlich würde eine vollständige Gesellschaftstheorie noch solche höheren Sphären und Vorkämpfer hinzufügen wie Selbstachtung (Ebene 4, Locke), psychische Intuition (Ebene 5, Pantanjali), subtiles Einssein (Ebene 6, Kirpal Singh), und Höchste Transzendenz (Ebene 7/8, Buddha, Christus, Krishna)...

So wie das Ich (bis heute) die höchste Ebene des vielschichtigen Durchschnitts-Individuums ist und die Macht hat, nicht nur seine eigene Ebene, sondern alle niederen Ebenen zu stören, zu unterdrücken und zu verdrängen, so konnte das ichhafte Atman-Projekt nicht nur seine eigene Ebene ausbeuten, sondern alle niederen Ebenen des Seins mit dem Versuch ausbeuten, Ersatzbefriedigung, Scheintranszendenz und symbolische Unsterblichkeit zu erlangen.“  (196)

 

Im weiteren beschreibt Wilber die „Erfindung“ des Königtums in dieser Periode der Menschheit, und dessen psychologische Funktion.

Vierter Teil: Das solare Ego

10. Etwas noch nie Dagewesenes

„Wir befinden uns jetzt am Rand der Morgendämmerung der modernen Ära. Alle wesentlichen Bestandteile sind  nunmehr vorhanden: Ackerbaubewusstsein, der Staat, Gesellschaftsklassen, Geld, Krieg, Königtum, Mathematik, Literatur, der Kalender, eine Proto-Subjektivität. Um die moderne Welt zu schaffen, braucht man nur noch die entscheidende Bewusstseinstransformation...

Es ist unglaublich, wenn man darüber nachdenkt: Irgendwann zwischen dem zweiten und ersten Jahrtausend v. Chr. begann die ausschließlich ichhafte Natur sich aus dem unbewussten ‚Ursprung’ zu lösen und zur Bewusstheit zu kristallisieren.“ (211) 

 

Wilber skizziert die Geburt des Ego, mit seinen neuen Möglichkeiten (Differenzierung), aber auch mit seinen neuen Pathologien (Dissoziation).

11. Der Typhon wird erschlagen

Wilber beschreibt die Entstehung der Selbstbewusstheit, und die Gefahr der Dissoziation des Körpers.

„Auf der Flucht vor dem Tode gab die Ich-Empfindung ihren Körper auf, diesen allzu sterblichen Körper, und fand in der Welt der Gedanken ein Ersatzrefugium. Und da verstecken wir uns heute noch.

Nachdem wir das Denken gebraucht haben, um den Körper zu transzendieren, haben wir noch nicht gelernt, das Denken durch Bewusstheit zu transzendieren. Darin wird, meines Erachtens, der nächste evolutive Schritt des Menschen bestehen.“ (234)

 

12. Neue Zeit, neuer Körper

Wilber beschreibt das neue Zeitempfinden dieser Bewusstseinsstufe (linear/historisch/begrifflich), das daraus entstehende Geschichtsbewusstsein, und das neue, oft dissoziierte Körperbewusstsein mit der Entstehung des Teufels:

„Wir werden im gesamten Verlauf dieses Buches sehen, dass der Gott/die Götter oder die geheiligten Vorbilder eines Entwicklungsstadiums zu Dämonen, Teufeln, Höllengeistern oder von ihren Sockeln gestürzten Göttern der nächsten Evolutionsstufe werden. Das ist meines Erachtens das oberste Gesetz mythologischer Entwicklung; und nicht nur dieser, denn dasselbe Prinzip gilt für jedes beliebige System psychischen Wachstums. Der Grund: Das, was in einem Stadium natürlich und angemessen ist, wird im nächsten Stadium archaisch, rückschrittlich, infantil. Aus der Sicht des höheren Stadiums gilt das zuvor verehrte niedere Stadium als etwas, das bekämpft, unterdrückt, je geschmäht werden muss.

Wir kommen jetzt zum Teufel, wie ihn die späte abendländische Mythologie porträtierte, und es überrascht nicht, dass der Teufel einfach die alte typhonische Struktur ist – halb Mensch, halb Tier...“. (241)

 

...mit den daraus folgenden gesellschaftlichen Phänomenen der Teufelsverehrung und der Hexenverfolgung. 

13. Solarisierung

Wilber diskutiert den Übergang vom Körper zum Geist, und den parallel erfolgenden Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat. Die bei dieser „Solarisierung“ auftretenden Probleme beschreibt er ausführlich, unter Bezugnahme auf Entdeckungen der Entwicklungspsychologie, wie den Ödipus/Elektra Komplex, die Entstehung verschiedener Ich-Instanzen, und die pathologischen Entwicklungen bei der Entstehung des Patriarchats.    

14. Ich und der Vater sind eins

Erneut „springt“ Wilber von der durchschnittlichen zur individuell höchsten Entwicklung einer historischen Periode, und beschreibt in diesem Abschnitt das Bewusstsein der jeweils fortgeschrittensten Individuen, die Entdeckung der höchsten kausalen Bereiche, dem Dharmakaya und dem Svabhavikakaya.

„Im Sambhogakaya, dem subtilen Bereich, entdeckt die Seele ein transzendentes Einssein - Ein Gott/Göttin - und kommuniziert in opferbereiter Bewusstheit mit diesem archetypischen Einssein. Im Dharmakaya, also im kausalen Bereich, geht der Weg der Transzendenz noch weiter, denn die Seele kommuniziert nicht mehr mit diesem Einssein oder verehrt es, sondern sie wird zu diesem Einssein“... Und wenn der Sambhogakaya ‚Unser Vater, der Du bist im Himmel’ war, dann konnte die Stimme der Dharmakaya-Leere sprechen: ‚Ich und der Vater sind eins.’“ (280)

 

Wilber skizziert auf S. 288 die Evolution religiöser Erfahrung, durch die Ebenen des Bewusstseins hindurch. Er gibt in einer Abbildung einen Überblick über die mythischen Gestalten der Menschheit, und ihre Lokalisierung in der Grossen Kette des Seins. 

15. Eine Persönlichkeit entsteht

Wilber schildert das Entstehen von Persönlichkeit, die verschiedenen Persönlichkeitsanteile und Verdrängungsmechanismen, und diskutiert in diesem Zusammenhang Freud, Marx, Habermas und Hegel als Pioniere des Studiums gestörter Austauschbeziehungen. Wilber beschreibt die Störungen auf den verschiedenen Bewusstseinsebenen, diskutiert Therapiemöglichkeiten, und skizziert das ichhafte Atman-Projket auf dieser Ebene. Er fasst – unter Betonung der Notwendigkeit einer inneren Transformation - zusammen:

„Die Menschheit wird diese Art mörderischer Aggression, von Krieg, Unterdrückung und Verdrängung, Anhaften und Ausbeutung nie, ich wiederhole nie, aufgeben, ehe sie nicht den Besitzt aufgibt, den man Persönlichkeit nennt – das heisst, ehe sie nicht zur Transzendenz erwacht. Bis dieser Zeitpunkt gekommen ist, werden Schuld, Mord, Eigentum und Person stets Synonyme bleiben.“ (327)

 

Diese Betonung der Innerlichkeit bei der Lösung von Problemen ist ein Charakteristikum in Wilbers Werk, deren volle Ausreifung er in EKL in der Form des 4 Quadranten Modells vorlegen wird.

16. Morgendämmerung des Elends

In diesem Abschnitt geht Wilber den Schattenseiten der individuellen Bewusstswerdung nach, der Anhaftung an und Identifizierung mit einer individuellen Persönlichkeit, dem „Sündenfall“. 

Fünfter Teil: Wo stehen wir heute

17. Die Erbsünde

Wilber unterscheidet zwei Sündenfälle, den naturwissenschaftlichen Sündenfall, das „Herausfallen aus dem präpersonalen Bereich“, die bewusste Erkenntnis der eigenen Endlichkeit und Sterblichkeit – und den „theologischen Sündenfall“. Letzteren diskutiert er – in einem Unterkapitel – im Kontext der Involution, der Bewegung vom Höheren zum Niedrigeren. Der  theologische Sündenfall ist der Beginn des kosmischen Spiels, der ersten Bewegung vom Absoluten zum Relativen, der stufenweise Abstieg vom Höheren zum Niederen, der sein Ende dann mit dem Beginn des Urknalls erreichte, dem Beginn des Wiederaufstiegs vom Niederen zum Höheren, der Evolution.

„Dabei haben die Theologen in einem Sinne sogar recht: Gehen wir nämlich weit genug zurück über die Früh- und Vorgeschichte hinaus bis vor den Urknall, dann ist die Menschheit (und alle Dinge) tatsächlich aus dem Himmel gefallen – mit der Erbsünde oder Involution, die auch jetzt von Augenblick zu Augenblick als Psychischer Zustand der Unwissenheit wiedererschaffen wird.“ (356)

 

Diesen Gedanken wird Wilber in Integrale Psychologie noch vertiefen.

Wilber stellt in diesem Kapitel Pioniere des Gedankens der Verknüpfung von Involution und Evolution vor, und zwar Sri Aurobindo, Teilhard de Chardin, Georg Wilhelm Friedrich Hegel („Obwohl ich ihn [Hegel] in diesem Buch nicht oft erwähnt habe, fällt sein Schatten auf jede Seite“), und Nikolas Berdjajew,  

18.Vor uns: die Zukunft

Wilber wirft eine Blick auf die Zukunft der kollektiven Evolution, und beschreibt die Bedeutung der Meditation für die eigene persönliche Entwicklung. Er differenziert – erneut – in prä und trans, und geht kurz auf die – wie er sie nennt – „romantischen Transzendentalisten“ und die New Age Bewegung ein. Am Schluss des Kapitels wirft er einen spekulativen Blick auf das „Nirmanakaya-Zeitalter“, eine

„Gesellschaft von Frauen und Männern..., die zu einem ersten flüchtigen Blick in die Transzendenz fähig sind: Sie werden beginnen, ihr gemeinsames Menschsein und ihre Brüderschaft/Schwesternschaft besser zu verstehen; sie werden die ihnen durch die natürlichen körperlichen Unterschiede von Hautfarbe und Geschlecht mitgegebenen Rollen transzendieren; ihre mental-psychische Klarheit wird wachsen; sie werden Entscheidungen sowohl auf der Basis von Intuition wie von Rationalität treffen; sie werden in jeder einzelnen Seele, ja, in der ganzen Schöpfung dasselbe Bewusstsein sehen und dementsprechend handeln; sie werden herausfinden, dass das mental-psychische Bewusstsein die Körperphysiologie beeinflussen und umwandeln kann, und die medizinischen Theorien entsprechend anpassen; Männer und Frauen werden durch höhere Werte motiviert sein, was ihre wirtschaftlichen Bedürfnisse und die Wirtschaftstheorie drastisch verändern wird; sie werden psychisches Wachstum als evolutionäre Transzendenz begreifen und Methoden und Institutionen entwickeln, die nicht nur Gefühlskrankheiten heilen, sondern das Bewusstseinswachstum fördern; Erziehung wird als eine Disziplin zum Erreichen von Transzendenz betrachtet werden – vom Körper zum Geist zur Seele -, weshalb man die Erziehungstheorie und die ihr dienenden Institutionen reformieren wird, mit besonderer Betonung der hierarchischen Entwicklung; man wird in der Technologie ein geeignetes Hilfsmittel zur Transzendenz und nicht nur einen Ersatz dafür sehen; Massenmedien und drahtlose Telekommunikation sowie neuartige Verbindungen zwischen Menschen und Computer werden als Vehikel eines vereinigenden Bewusstseins genutzt werden.

Das Weltall wird nicht nur als lebloses Ding ‚das draußen’ gelten, sondern auch als Projektion der inneren oder psychischen Räume, und wird entsprechend erkundet werden; der Mensch wird geeignete Technologien benutzen, um die Austauschvorgänge auf der materiellen Ebene von chronischer Unterdrückung zu befreien; Sexualität wird nicht nur ein Spiel mit dem Fortpflanzungs- und Geschlechtstrieb sein, sondern die Ausgangsbasis für Kundalini-Sublimierung zum Eintritt in psychische Sphären – was zu einer entsprechenden Anpassung der Ehepraktiken führen wird; die Menschheit wird kulturell/nationale Unterschiede als absolut akzeptabel und wünschenswert ansehen, diese Unterschiede jedoch vor dem Hintergrund eines universalen und gemeinsamen Bewusstseins sehen und daher radikalen Isolationismus oder Imperialismus als verbrecherisch betrachten. Die Menschheit wird ferner alle Menschen als eins im GEIST ansehen, allerdings nur potentiell als eins im GEIST, und daher jedem Individuum Anreize geben, diesen GEIST hierarchisch zu aktualisieren, wodurch sinnlose und unverdiente ‚Ansprüche’ begrenzt werden; sie wird die tranzendente Einheit der Dharmakaya-Religionen erkennen und daher alle echten religiösen Präferenzen respektieren, sektiererische Behauptungen, über den ‚einzig richtigen Weg’ zu verfügen, aber verurteilen; der Mensch wird erkennen, dass Politiker, wenn sie alle Aspekte des Lebens verwalten wollen, auch ihr Verständnis für und ihre Beherrschung aller Aspekte des Lebens demonstrieren müssen – vom Körper zur Seele zum GEIST“ (373)   

 

Diese visionäre Vorschau wird Wilber in Ganzheitlich Handeln auf der Grundlage seines integralen Ansatzes weiter vertiefen.

19. Gesellschaftstheorie von morgen

Wilber skizziert eine Gesellschaftstheorie der Zukunft, und schließt das Buch mit den Worten:

„Wenn die Menschen auch unglückliche Kreaturen sind, weil sie den Tod bewusst gemacht haben, so können sie doch noch einen Schritt weiter gehen und durch Transzendenz des Ich auch den Tod transzendieren. Sich vom Unbewussten zum Ich-Bewusstsein zu bewegen, das hieß, den Tod bewusst zu machen; sich vom Ich-Bewusstsein zum Überbewusstsein zu bewegen, heißt, den Tod ungültig zu machen“. (389)

 


Quelle: Online Journal Nr. 37