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25.3.2017 : 16:25 : +0100

Martin Buber - Ich und Du

 

Dieses im Jahre 1923 erschienene Buch könnte ebenso gut „Ich und Du und Es“ heißen, weil es auf eine wunderbare Weise die „Grossen Drei“ von Subjektivität („Ich“), Intersubjektivität oder Beziehung („Du“) und Objektivität („Es“) behandelt. Mein Eindruck ist, dass mit dieser kleinen, aber dafür um so ausdrucksstärkeren Schrift die Erlebnisdimension von Gemeinschaft und Beziehung – das Du und Wir – endgültig aus dem Schatten der Vorherrschaft der Ich-Dominanz der Prämoderne und der Es-Dominanz der Moderne heraustritt und zu einem gleichberechtigten Partner der beiden anderen Erkenntnisbereiche wird. Das „Du“ ist nun kein Nebenprodukt oder eine Ableitung aus dem „Es“ oder dem „Ich“, sondern eine eigene Erlebnis- und Seinsdimension.

Ich und Anderes unterscheidet der Mensch schon seit Jahrtausenden, doch das verbindende „Du“ wurde erst viel später erkannt und gewürdigt. In dem Drang dies unwiderruflich zu etablieren beschreibt Buber in Ich und Du tendenziell die Schattenseiten der Einseitigkeit von „Ich“ und „Es“, um so die Vorteile des „Du“ noch stärker hervorzuheben, doch er kommt immer wieder auf alle drei Wahrnehmungsbereiche zurück, weil er weiß dass sie untrennbar zusammengehören. In einer durch die Globalisierung zusammenwachsenden Welt rückt die Frage des Miteinanders immer mehr in den Vordergrund: Wer bist Du, wer bin ich, und wie wollen wir zusammen leben?

Alle nachfolgenden Zitate entstammen aus: Martin Buber, Ich und Du, Reclam.

Ich erfahre Etwas. Daran wird nichts geändert, wenn man zu den „äußeren“ die „inneren“ Erfahrungen fügt. Innendinge wie Außendinge, Dinge unter Dingen! Es, es, es!

Der Erfahrende hat keinen Anteil an der Welt. Die Erfahrung ist „in ihm“ und nicht zwischen ihm und der Welt. Die Welt hat einen Anteil an der Erfahrung. Sie läßt sich erfahren, aber es geht sie nichts an, denn sie tut nichts dazu, und ihr widerfährt nichts davon.

Ich betrachte einen Baum. Ich kann ihn als Bild aufnehmen: starrender Pfeiler im Anprall des Lichts. Es kann aber auch geschehen, aus Willen und Gnade in einem, dass ich, den Baum betrachtend, in die Beziehung zu ihm eingefasst werde, und nun ist er kein Es mehr. Mir begegnet keine Seele des Baums und keine Dryade, sondern er selber.     

Den Menschen, zu dem ich Du sage, erfahre ich nicht. Aber ich stehe in Beziehung zu ihm, im heiligen Grundwort. Erst wenn ich daraus trete, erfahre ich ihn wieder. Erfahrung ist Du-Ferne.

Alles wirkliche Leben ist Begegnung.

Liebe ist Verantwortung eines ich für ein Du.       

Unerforschlich einbegriffen leben wir in der strömenden All-Gegenseitigkeit.

Doch der unmittelbar Hassende ist der Beziehung näher als der Lieb- und Hasslose.

Das Es ist die Puppe, das Du der Falter.

Der Mensch wird am Du zum Ich.

Nur Es kann geordnet werden. Erst indem die Dinge aus unserm Du zu unserm Es werden, werden sie koordinierbar. Das Du kennt kein Koordinatensystem. Geordnete Welt ist [jedoch] nicht die Weltordnung. Es gibt Augenblicke des verschwiegnen Grundes, in denen Weltordnung geschaut wird, als Gegenwart.

Das einzelne Du muss, nach Ablauf des Beziehungsvorgangs, zu einem Es werden.
Das einzelne Es kann, durch Eintritt in den Beziehungsvorgang, zu einem Du werden.


… in Wahrheit nämlich steckt die Sprache nicht im Menschen, sondern der Mensch steht in der Sprache und redet aus ihr, - so alles Wort, so aller Geist. Geist ist nicht im Ich, sondern zwischen Ich und Du.

So auch in der Kunst: Im Schauen eines Gegenüber erschließt sich dem Künstler die Gestalt.

Das abgetrennte Es der Einrichtungen ist ein Golem und das abgetrennte Ich der Gefühle ein umherflatternder Seelenvogel. Beide kennen den Menschen nicht; jene nur das Exemplar, diese nur den „Gegenstand“, keins die Person, keins die Gemeinsamkeit.

… die wahre Gemeinde entsteht nicht dadurch, dass Leute Gefühle füreinander haben (wiewohl freilich auch nicht ohne das), sondern durch diese zwei Dinge: dass sie alle zu einer lebendigen Mitte in lebendig gegenseitiger Beziehung stehen und dass sie untereinander in lebendig gegenseitiger Beziehung stehen.

Wenn man von all der vielberedeten Erotik des Zeitalters alles abrechnete, was Ichbezogenheit ist, alles Verhältnis also, worin eins dem andern gar nicht gegenwärtig, von ihm gar nicht vergegenwärtigt wird, sondern eins am andern nur sich selbst genießt, was bliebe wohl?

Wie schön und rechtmäßig klingt das Ich des Sokrates! Es ist das Ich des unendlichen Gesprächs, und die Luft des Gesprächs umwittert es auf all seinen Wegen, noch vor den Richtern und noch in der letzten Gefängnisstunde. Dieses Ich lebte in der Beziehung zum Menschen, die sich im Gespräch verkörpert.                             

Wie steht es um das Ichsagen Napoleons? In der Tat, der Herr des Zeitalters kannte offenbar die Dimension des Du nicht, denn er hatte niemand, den er als Wesen anerkannte. Es war das dämonische Du der Millionen, das nicht antwortende, das auf Du mit Es antwortende, das dämonische Du, dem keiner Du werden kann. Wohl sieht er [Napoleon] die Wesen um sich als zu verschiedener Leistung befähigte Motoren, die es für die Sache zu berechnen und zu verwenden gilt.       

Alle Versenkungslehre gründet in dem gigantischen Wahn des in sich zurückgebognen menschlichen Geistes: er geschehe im Menschen. In Wahrheit geschieht er vom Menschen aus – zwischen dem Menschen und Dem, was nicht er ist.

Wie ist es doch mächtig, das Kontinuum der Eswelt, und wie zart die Erscheinungen des Du!

Jede wirkliche Beziehung in der Welt ruht auf der Individuation.   

Unter den drei Sphären ist eine ausgezeichnet; das Leben mit den Menschen.

Absonderung, wo der Mensch mit sich selbst Zwiesprache führt, nicht um sich für das Erwartende zu prüfen und zu meistern, sondern im Selbstgenuss seiner Seelenfiguration: Dies ist der eigentliche Abfall des Geistes zur Geistigkeit.

Aber unter dem Begriff des Sozialen wird zweierlei Grundverschiedenes verquickt: die sich aus der Beziehung aufbauende Gemeinschaft und die Massierung beziehungsloser Mensch-Einheiten, die handgreiflich gewordene Beziehungslosigkeit des modernen Menschen.    


(aus: integrale perspektiven Nr. 28)