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24.3.2017 : 5:06 : +0100

Martin Ucik: Integral Relationships, A Manual for Men

eine Buchbesprechung von Michael Habecker

Martin Ucik hat ein wunderbares Buch geschrieben. Es ist ein Buch über Beziehungen, genauer gesagt über die Beziehung zwischen Männern und Frauen, geschrieben für Männer, (ohne, worauf der Autor hinweist, gleichgeschlechtliche Beziehungen in irgendeiner Form zu diskriminieren), doch aus den Einsichten können alle Menschen profitieren, die sich für Beziehungen und Zwischenmenschlichkeit interessieren. Das Neue und Andere an diesem Buch, im Unterschied zu vielen anderen Beziehungsbüchern oder Mann/Frau Büchern, ist seine integrale Perspektive. Daher ist das Buch auch für diejenigen wichtig, die sich für die Anwendung des Integralen interessieren. Erneut stellt Wilbers Ansatz, in den Händen des Autors Ucik, seine große Flexibilität und Aussagekraft unter Beweis.

Im Vorwort gibt der Autor Hinweise zu seiner eigenen Beziehungsbiografie, steigt dann in die Thematik durch eine Betrachtung von „Fakten und Zahlen“ ein, und gibt einen Überblick über das von ihm vorgestellte „Modell integraler Beziehungen“. Hinweise zu einem verantwortlichen Umgang mit den Inhalten des Buches runden den einleitenden Teil ab.

Im ersten Kapitel Understanding the Dimensions of Love nimmt der Autor den Leser und die Leserin auf eine Reise durch für die Geschlechterdifferenzierung wichtige Stationen der Evolution, beginnend mit dem Urknall bis zur aktuellen dritten Welle des Feminismus. Am Ende des Abschnittes (und nach jedem Kapitel) fasst er das Gesagte zusammen, was der Aufnahme der Inhalte sehr entgegen kommt.  

Der Teil I des Buches, The Biological and Psychological Makeup of Men and Women beschäftigt sich mit der grundlegenden Differenzierung von

  • biologischen Unterschieden („Sex“) männlich/weiblich
  • gelernten sozialen Rollen und Mustern („gender“) Männer/Frauen
  • einer archetypischen Polarität („Seele“) maskulin/feminin

Die biologischen Grundlagen, für Jahrtausende der Menschheitsentwicklung bestimmende Element zwischen Männern und Frauen, spielen heute als unser biologisches Erbe nach wie vor eine wichtige Rolle, und sorgen neben physiologischen Unterschieden kulturübergreifend für unterschiedliche, aber jeweils ähnliche „Primärphantasien“ und „primäre emotionale Reaktionen“ von Männer und Frauen. Beides hat nach wie vor enorme Auswirkungen auf den „sexuellen Selektionsprozess“:

So gut wie niemand möchte öffentlich oder privat zugeben, dass das Hauptkriterium der Attraktivität von Frauen ihr Alter, ihre Physis, ihr Aussehen und ihre sexuelle Ausstrahlung ist, während bei Männern die Attraktivität in deren sozioökonomischem Status, ihrer Wettbewerbsfähigkeit und ihrer Großzügigkeit besteht. (Männer halten nach Sexobjekten Ausschau, wohingegen Frauen nach Erfolgsobjekten suchen). 

Der Autor wendet sich dann den gelernten sozialen Rollen und Mustern von Männern und Frauen zu, die sich tief in unsere Psyche eingegraben haben und ebenfalls einen enormen Einfluss auf die Beziehung zwischen Männern und Frauen als Gender-Stereotypen haben (wie unternehmungslustig, dominant, unabhängig, stark, aggressiv und autokratisch für Männer, und gefühlsbetont, träumerisch, sensitiv, attraktiv, charmant, fürsorgend und gesprächig für Frauen). Bücher wie „Männer sind vom Mars und Frauen sind von der Venus“ beschäftigen sich mit diesen Gender-Stereotypen und auch biologischen Unterschieden, worauf der Autor hinweist, so wie er immer wieder Bezug nimmt auf Veröffentlichungen oder gesellschaftliche Ereignisse, um das Gesagte praktisch zu illustrieren.

Beim dritten, das Geschlechterverhältnis bestimmenden Aspekt, dem der Seele, wird es konkret integral. Ucik verwendet zur Erläuterung das Modell der vier Polaritäten von Holons (aufsteigend/absteigend und Agenz und Kommunion), und erläutert daran die unterschiedlichen Orientierungskombinationen die Männer und Frauen einnehmen können. 

Mit der integralen Anwendung geht es dann weiter im Kapitel 3, Lines of Development for Human Intelligences, und einmal mehr wird die Bedeutung des Entwicklungsverständnisses und der Entwicklungspsychologie für das Verstehen der Geschlechterdynamiken deutlich, etwas was sich noch in den wenigsten Büchern zum Thema explizit findet. Eine der Möglichkeiten, ein Gefühl für die Entwicklung eines Menschen (in unterschiedlichen Kompetenzen wie Gefühl, Kognition, Moral, Selbstidentität) zu bekommen sind Fragen zu Interessengebieten, für die der Autor Thementafeln erstellt hat. Ausführlich geht er dabei auf  Bedürfnisse und Gefühle ein. Im Kapitel 4 Levels of Growth stellt Ucik dann das Entwicklungsmodell nach den Spektralfarben dar, wie es Wilber erstmals in Integrale Spiritualität vorgestellt hat. einer Erläuterung der prä/trans Verwechselung werden die Zustandsstufen der Entwicklung aufgezeigt (grobstofflich, subtil, kausal, Zeuge, nicht-dual), was der Autor als spirituelle Entwicklung bezeichnet. Ganz konkret wird es dann bei der Vorstellung einer Entwicklung der Sexualität in fünf Stufen, und einer entwicklungsorientierten Diskussion der von Jung erstmals beschrieben Anima- und Animus- Komplexe bei Männern  und Frauen, ebenfalls in fünf Stufen. Einmal mehr wird die Erklärungskraft von Entwicklung deutlich, und geht „unter die Haut“. Im Kapitel 5 wendet sich der Autor den States of Falling in Love zu, und beschreibt Phasen von Liebesbeziehungen und die Rolle, die Hormone dabei spielen. Im Kapitel 6 Evaluating Personality Types wird die Rolle horizontaler Persönlichkeitstypologien (wie NLP, Enneagramm, Myers-Briggs und Astrologie) als bleibende Charaktereigenschaften auf dem Entwicklungsweg beleuchtet.

Teil II des Buches, Men and Women Coming Together, beginnt im Kapitel 7 mit der Diskussion des Zusammenhangs zwischen den bereits vorgestellten Primärphantasien und deren Einfluss auf die Persönlichkeit. Dabei wird die Veränderung der Bedeutung von „Attraktivität“ für Männer und Frauen auf dem Weg durch die Bewusstseinsstufen erläutert, mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Arten von Beziehungen, die dabei jeweils möglich sind bzw. entstehen. Daraus leitet der Autor eine „Persönlichkeitsmatrix“ ab, als eine Möglichkeit der Darstellung der unterschiedlichen Variablen (Entwicklungsstufe des Selbst, maskulin/feminin Polarität, sexuelle, spirituelle und animus/anima Entwicklung und Typus) eines Menschen. In Kapitel 8 Our Drive to Connect führt er dann die Quadranten ein, und kombiniert diese mit den bereits vorgestellten vier Grundantrieben eines Holon. In Ergänzung zu den individuellen Holons (Menschen) werden soziale Holons (Gemeinschaften) vorgestellt. 

Nach diesen zum Teil auch abstrakten Kategorien, als ein notwendiges Rüstzeug für den Umgang mit der komplexen Thematik, wird der zweite Teil des Buches noch konkreter. Im Kapitel 9 Passion/Intimacy/Dependence stellt Ucik ein Modell von acht Formen von Liebe vor, die sich aus den drei Grundelementen Leidenschaft, Intimität und Abhängigkeit und deren Kombinationen ergeben. Mit diesem Modell kann jede(r) seine eigene Beziehungssituation reflektieren, in Hinblick auf Ausgewogenheiten und Unausgewogenheiten. Der Aspekt von Abhängigkeit stellt dabei einen Bezug zum Unbewussten her, als einen Hinweis auf das große und positive Potential sich ergebender Schattenarbeit im Rahmen von Beziehungen. Bei dieser Gelegenheit fasst der Autor das von Wilber erstmals im Buch Atman Projekt vorgestellte Modell des Unbewussten zusammen. Kapitel 10 Differences in Male and Female Consciousness Development weist auf wichtige Unterschiede der Bewusstseinsentwicklung bei Männern und Frauen hin, und deren Bedeutung für das Beziehungsleben. Dabei geht der Autor von den bereits erläuterten biologischen Unterschieden aus:

Im Hinblick auf seine physiologische und biologische Ausstattung sind Männer auf Produzieren und Verteidigen ausgerichtet, wohingegen Frauen auf Reproduktion und Fürsorge ausgerichtet sind. 

Die Auswirkungen dieses Unterschieds durch die einzelnen Entwicklungsstufen „von archaisch zu transpersonal“ erläutert Ucik dann sehr anschaulich, auch mit den jeweils dabei für Männer und Frauen typischen Schattenseiten. All dies dient keineswegs nur einem intellektuellen Verständnis, sondern vor allem einer „psychologischen Heilung“ von Männern und Frauen in ihren Beziehungen zueinander. 

Teil III des Buches Applying the Integral Relationship Model in the Real World widmet sich ganz der Anwendung des Modells, und beginnt im Kapitel 11 mit den Fragestellungen Where Am I Coming From? und Where Is She Coming From?. Theoretische Basis dieser Untersuchungen ist das von Wilber entwickelte Konzept einer „kosmischen Adresse“, als der persönliche Standpunkt eines Menschen, von dem er oder sie aus die Welt, andere Menschen und sich selbst betrachtet. Die Kenntnis dieser eigenen Adresse und der einer möglichen Partnerin ist eine der Grundvoraussetzungen für einen bewussten Beginn, Verlauf und ggf. auch Beendigung einer Beziehung. Durch einen Katalog von Fragen, jeweils aus den Perspektiven der vier Quadranten heraus gestellt, kann aus den gegeben Antworten Rückschlüsse auf die kosmischen Adresse (mit dem Schwerpunkt Entwicklungsstufe) der Antwortenden geschlossen werden. Das ist ein Vorgang den wir sowieso meist unbewusst im Umgang miteinander machen, und zu dem uns Ucik auf eine bewusste Weise einlädt – sowohl selbstreflexiv, als auch in Bezug auf einen anderen Menschen. Weitere Fragen bietet der Autor dann noch für die spirituelle Entwicklung, die psycho-sexuelle Entwicklung und den Animus Komplex an.

In Kapitel 12 Locating Your Partner and Yourself on the Compatibility Matrix stellt Ucik eine Kompatibilitätsmatrix vor, bei der jeweils waagerecht und senkrecht die Entwicklungsstufen aufgetragen sind, und in der Mitte die daraus entstehenden Beziehungskombinationen beschrieben werden. Auf diese Weise wird der Leser (oder die Leserin) konkret eingeladen, seine eigenen Beziehungswirklichkeiten im Hinblick auf Kombinationen von Entwicklungsstufen und damit verbundene Weltanschauungen zu reflektieren. Unabhängig davon, ob man mit den Charakterisierungen des Autors im Einzelnen übereinstimmt oder nicht, ist dies eine ganz wesentliche und erkenntnisbringende Übung. Ein weiterer Abschnitt in diesem Kapitel beschäftigt sich noch mit dem Thema der Konfliktlösung und Vergebung, und der Frage wovon es jeweils abhängt, ob man seine Lebenssituation (Single oder in Beziehung) ändern sollte oder nicht.

In Kapitel 13 schließlich erläutert der Autor die Methode und Praxis des Dating: Dating Using the Integral Relationship Model. Dies ist ein weiteres Beispiel für die konkrete Anwendung des integralen Modells auf auch ganz praktische Alltagssituationen wie der Frage des sich Verabredens im Internetzeitalter. Im Epilogue fasst der Autor den Stoff in einer Nachbetrachtung zusammen, und gibt einen Ausblick auf „die Zukunft der Liebe“.

In einem ausführlichen Anhang Appendix I: Relationship Books for all Levels/Colors stellt Ucik eine Reihe populärer Beziehungsbücher vor, und ordnet sie Entwicklungsebenen zu, die von den Büchern angesprochen werden. Auf diese Weise werden die Perspektiven der jeweiligen Ebenen noch einmal sehr lebendig, und es wird deutlich warum Bücher mit ganz unterschiedlichen und zum Teil sich auch widersprechenden Botschaften jeweils Bestseller sind. Es gibt u.a. Bücher für rote Singles, für bernstein Paare, für bernstein Single-Frauen, für orange Paare, für orange Single-Frauen, für orange Single Frauen und Männer, für orange Single Männer, für grüne Singles und Paare, für grüne Singles und für grüne Männer. Ein Appendix II mit Links and References rundet das Buch ab, das in 489 Fußnoten noch eine Menge Details und weiterführende Informationen für den Leser (die Leserin) bereithält.

Martin Uciks Integral Relationships ist ein wunderbares Buch und unbedingt zu empfehlen, nicht nur für Männer sondern für alle Menschen die sich für ein Leben-in-Beziehung interessieren.


Quelle: Online Journal 30, Oktober 2011