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29.4.2017 : 3:34 : +0200

Negative Dialektik – eine Buchbesprechung

von Michael Habecker

 

Das im Sommer 1966 (so steht es in der Vorrede) fertiggestellte Buch Negative Dialektik von Theodor W. Adorno könnte als sein Hauptwerk bezeichnete werden, „schlösse sein Denken nicht den traditionellen Begriff des Hauptwerkes aus“ (aus dem einleitenden Buchtext). Dieses Werk spricht viele der Themen an die auch im Rahmen der integralen Theorie und Praxis eine wichtige Rolle spielen, und es lohnt eine intensive Lektüre und vergleichende Gegenüberstellung. Dass es sich dabei nicht um trockene Theorie oder lebensferne Akademik handelt wird klar, wenn man sich bewusst macht, dass das Buch auch aus dem Impuls heraus geschrieben wurde, „daß Auschwitz sich nicht wiederholde“ und „nichts Ähnliches geschehe.“ 

Im Folgenden wird anhand von Zitaten aus dem Buch und entlang einer Gliederung eine Kommentierung wesentlicher Gedanken vor dem Hintergrund der integralen Theorie und Praxis von Ken Wilber unternommen. Das Buch ist in einem schönen, sehr assoziativen, klaren und sprachgewaltigen Stil geschrieben, und sowohl intellektuell wie auch sprachästhetisch ein Genuss.

Vorrede

Adorno beginnt mit einem Umriss von Dialektik.

Spricht man in der jüngsten ästhetischen Debatte von Antidrama und vom Antihelden, so könnte die negative Dialektik, die von allen ästhetischen Themen sich fernhält, Antisystem heißen. Mit konsequenzlogischen Mitteln trachtet sie, anstelle des Einheitsprinzips und der Allherrschaft des übergeordneten Begriffs die Idee dessen zu rücken, was außerhalb des Banns solcher Einheit wäre[1]. (10)

 

Einleitung

Die Problematik der Verabsolutierung von Innenwahrnehmung (die linksseitigen Quadranten) und Außenwahrnehmung (rechtsseitigen Quadranten) wird von Adorno wie folgt auf den Punkt gebracht:  

Der introvertierte Gedankenarchitekt wohnt hinter dem Mond, den die extrovertierten Techniker beschlagnahmen. (15)

 

Worum es bei Dialektik geht, wird zwischendurch immer wieder erklärt. Zentral dabei ist, dass das Bezeichnende (Signifikant) und das Bezeichnete (Signifikat) grundsätzlich verschieden und damit nichtidentisch sind[2].

Ihr Name [Dialektik] sagt zunächst nichts weiter, als daß die Gegenstände in ihrem Begriff nicht aufgehen, daß diese in Widerspruch geraten mit der hergebrachten Norm der adaequatio ... Dialektik ist das konsequente Bewußtsein von Nichtidentität. (17)

 

Ein wesentlicher Aspekt der negativen Dialektik ist eine Kritik am deutschen Idealismus, der Phänomenologie (Husserl, Bergson) und allen allein subjektiven Versuchen der Welterklärung.

Beide Ausbruchsversuche gelangten nicht aus dem Idealismus heraus: Bergson orientierte sich, wie seine positivistischen Erzfeinde, an den données immédiates de la conscience, Husserl ähnlich an den Phänomenen des Bewußtseinsstroms. (21)

 

Dieses phänomenologisch „unmittelbar Gegebene“ ist eben nur scheinbar das was es zu sein scheint. Es ist vor allem kulturell vermittelt. Versieht man es jedoch mit Begrifflichkeiten und setzt diese absolut, dann kommt man zu Dogmatismen jeglicher Art. (Wilber spricht in diesem Zusammenhang vom „Mythos des Gegebenen“, Adorno von der „Entzauberung des Begriffs“.)

Die Utopie der Erkenntnis wäre, das Begriffslose mit Begriffen aufzutun, ohne es ihnen gleichzumachen. (21) 

Übrig bleibt vom Idealismus, daß die objektive Determinante des Geistes, Gesellschaft, ebenso ein Inbegriff von Subjekten ist wie deren Negation. (22)

 

Hier wird ein zentraler Gedanke formuliert, den Wilber unter Zuhilfenahme der vier Quadranten verdeutlicht indem er sagt, dass kein Quadrant für sich existiert, sondern alle vier wechselseitig zusammenwirken. Ein Bewusstseinsphänomen (OL Quadrant) ist daher niemals getrennt von „objektiven Determinanten“ wie biologischen (OR Quadrant) und gesellschaftlichen Bedingungen (die unteren Quadranten). Darüber hinaus gibt es noch psychologische Bedingtheiten, die auch unter Einnahme der Perspektive des OL Quadranten erscheinen, und Wilber macht über die beiden unteren Quadranten explizit die Unterscheidung zwischen kulturellen Prägungen (UL Quadrant) und sozialen Systemen (UR Quadrant). Diese Wechselwirkungen sind ohne Ende.

Die metakritische Wendung gegen prima philosophia ist zugleich die gegen die Endlichkeit einer Philosophie, die über Unendlichkeit schwadroniert und sie nicht achtet. Erkenntnis hat keinen ihrer Gegensätze ganz inne. (25)

 

Wilber legt seiner Arbeit das Modell einer nicht-dualen Wirklichkeit zugrunde, welches er aus den kontemplativen Traditionen entlehnt. Dabei unterscheidet er, nach den Traditionen,  zweierlei Arten von Wissen und Erkenntnis, relativ und absolut. Ersteres bezieht sich auf die Welt der Formen und Gestaltungen, Letzteres auf das Erwachen zur Formlosigkeit oder Leerheit. Gleichzeitig weist Wilber auf die Problematik hin, von der einen Weise der Erkenntnis auf die jeweils andere zu schließen, als eine Kritik an den kontemplativen Traditionen. Adorno macht diese Unterscheidung nicht und nimmt eine grundsätzlich skeptische und kritische, ja auch abwertende Haltung gegenüber spirituellen Erkenntnissen ein. Damit verpasst er die Möglichkeit, dasjenige was an Erkenntnisschätzen durch die Mystik der Jahrtausende zusammengetragen wurde, das von Wilber so bezeichnete „Erbe der Prämoderne“, zu nutzen und zu würdigen.     

…als ob der Rückzug von der Welt umstandslos eins wäre mit dem Bewußtsein des Weltengrundes. (28)

 

Adorno kritisiert zu recht eine weltabgewandte Mystik als Weltflucht, reduziert dann aber gleich alle „Lehre von absoluten Geist“ auf eine animalische Entwicklungsstufe.

Das System, in dem der souveräne Geist sich verklärt wähnte, hat seine Urgeschichte im Vorgeistigen, dem animalischen Leben der Gattung. (33)

 

Dann wieder zur Dialektik: 

Die spekulative Kraft, das Unauflösliche aufzusprengen, ist aber die der Negation. (38)

Philosophisch denken ist soviel wie in Modellen denken; negative Dialektik ein Ensemble von Modellanalysen. (39)

 

Immer wieder weist er auf die Eingebundenheit jeglicher subjektiver Erfahrung hin:

Denn keineswegs verschwindet der Unterschied zwischen dem sogenannten subjektiven Anteil der geistigen Erfahrung und ihrem Objekt; die notwendige und schmerzliche Anstrengung des erkennen Subjektes bezeugt ihn. (41)

 

Adorno spricht dann vom „Relativismus, dem Bruder des Absolutismus“, und wandelt damit auf integralen Pfaden, in der Suche nach einem goldenen Mittelweg zwischen den Extremen und deren Integration.

Was einmal Dogma und Bevormundung durch Selbstgewißheit überholen wollte, wurde zur Sozialversicherung einer Erkenntnis, der nichts soll passieren können. Dem Einwandfreien passiert tatsächlich nichts. (45)

 

Adorno spricht hier über die Grenzen der (idealistischen) Aufklärung, die, in ihrem Versuch die mittelalterlichen Dogmen zu überwinden, selbst in ein Dogma und eine Verabsolutierung subjektivistischer Erkenntnis geriet, ohne sich ihrer eigenen gesellschaftlichen Konditionierungen bewusst zu sein. Dies zu entdecken war eine der großen Leistung der Postmoderne und der postmodernen Aufklärung.

Das Ärgernis bodenlosen Denkens für Fundamentalontologen ist der Relativismus. Diesem setzt Dialektik so schroff sich entgegen wie dem Absolutismus; nicht, indem sie eine mittlere Position zwischenbeiden aufsucht, sondern durch die Extreme hindurch, die an der eigenen Idee ihrer Unwahrheit zu überführen sind. (45)

 

Dies ist auch eine integrale Agenda, die mit dem Ausdruck „wahr, aber nur teilweise wahr“ [true but partial] verbunden ist.

In Wahrheit haben die divergenten Perspektiven ihr Gesetz in der Struktur des gesellschaftlichen Prozesses als eines vorgeordneten Ganzen. (47)

 

In dieser Formulierung (wie auch in anderen) gibt Adorno der Struktur gesellschaftlicher Prozesse einen „vorgeordneten“, und damit ontologisch grundlegenderen Rang. Dem widerspricht Wilber, für den das Individuelle, Kollektive, Innerliche und Äußerliche ontologisch auf einer Stufe stehen. Das Wir ist damit nicht höher oder dem Ich vorgeordnet (was für Wilber ein Merkmal totalitärer Ideologien ist), sondern Ich und Wir (und Es) entwickeln sich miteinander. Dennoch übt das Soziale (das Kulturelle wie das Systemische) auf die Individuen einen enormen Einfluss aus, und in diesem Sinne stimmt Wilber mit Adorno überein.

Die angeblich soziale Relativität der Anschauungen gehorcht dem objektiven Gesetz gesellschaftlicher Produktion unterm Privateigentum an Produktionsmitteln.   (47)

 

Siehe der vorige Kommentar, wobei hier auch ein subtiler systemischer Materialismus mitschwingt, eine leichte Verabsolutierung des unteren rechten Quadranten (als ein System-ismus).

Termini wie Urerfahrung, kompromittiert durch Phänomenologie und Neu-Ontologie, designieren ein Wahres, während sie es gespreizt beschädigen. (49)

Das Allersubjektivste, unmittelbar Gegebene, entzieht sich seinem [des Subjekts] Eingriff. Nur ist solches unmittelbare Bewußtsein weder kontinuierlich festzuhalten noch positiv schlechthin. Denn Bewußtsein ist zugleich die universale Vermittlung und kann auch in den données immédiates, welche die seinen sind, nicht über seinen Schatten springen. (50)

Diese [Wahrheit] ist zusammengewachsen mit dem Sachhaltigen, das sich verändert, und ihre Unveränderlichkeit der Trug der prima philosophia. (50)

Die szientifische Objektivierung neigt, einig mit der Quantifizierungstendenz aller Wissenschaft seit Descartes, dazu, die Qualitäten auszuschalten, in meßbare Bestimmungen zu verwandeln. (53)  

Die Verabsolutierung der Quantifizierungstendenz der ratio kommt mit deren Mangel an Selbstbestimmung überein. (54)

 

Die letzten zwei Zitatstellen sind eine Kritik am Szientismus, die auch die integrale Theorie formuliert.

Im Lesen des Seienden als Text seines Werdens berühren sich idealistische und materialistische Dialektik. (62)

 

Hier sind idealistische und materialistische Sichtweise wieder (dialektisch) integriert.  

Und dann noch einmal eine Breitseite gegen jegliche geschichtslose spirituelle Erkenntnis, wie z. B. die eines Eckhart Tolle (JETZT). Adorno (aner)kennt nichts von dem, was die kontemplativen Traditionen über die Jahrhunderte an Erfahrungen unter Begriffen wie Absolutheit, Dao, SEIN, Seinsgrund, Istheit usw. formuliert haben.  

Seitdem man in der vermeintlichen Unmittelbarkeit von subjektiv Gegebenem das Fundament aller Erkenntnis suchte, hat man, hörig gleichsam dem Idol purer Gegenwart, dem Gedanken seine geschichtliche Dimension auszutreiben getrachtet. Das fiktive eindimensionale Jetzt wird zum Erkenntnisgrund des inneren Sinnes. (63)

 

In der Warnung vor der Übertragung der Erkenntnisse  der Absolutheit auf die relative Welt würde Wilber wohl zustimmen, nicht jedoch in der pauschalen Verurteilungen (oder Ignorierung) mystischer Einsichten.

Erster Teil

 

Verhältnis zur Ontologie 
I.       Das ontologische Bedürfnis

Ontologie als die Lehre vom Sein (oder dem was ist, im Unterschied zur Epistemologie, als  die Lehre vom Wissen bzw. dem was man weiß oder wissen kann) ist dasjenige von dem Menschen sagen dass es existiert, absolut existiert, wissenschaftlich existiert, oder unabhängig vom Wahrgenommenem existiert. Es liegt nahe, dass ontologische Behauptungen dazu neigen können ver-absolut-iert  und so zu einem Dogma zu werden. Es ist ebenso naheliegend, dass jegliche Politik die gemacht wird auf dem (mehr oder weniger bewussten) ontologischen Weltverständnis der Politiker basiert, welche sie ausüben. Und hier setzen Adorno und eine ontologie-kritische Dialektik an. 

Die Ontologien in Deutschland, zumal die Heideggersche, wirken stets noch weiter, ohne daß die Spuren der politischen Vergangenheit schreckten. Stillschweigend wird Ontologie verstanden als Bereitschaft, eine heteronome, der Rechtfertigung vorm Bewußtsein enthobene Ordnung zu sanktionieren … Ungreifbarkeit wird zur Unangreifbarkeit. Wer die Gefolgschaft verweigert, ist als geistig vaterlandsloser Geselle verdächtig, ohne Heimat im Sein, gar nicht so viel anders, als einmal die Idealisten Fichte und Schelling jene, welche ihrer Metaphysik widerstrebten, niedrig schalten. (69)

 

Insbesondere Heidegger und der deutsche Idealismus werden dabei kritisiert.

Ihm zufolge [Kant] ist Objektivität – die der Erkenntnis und die des Inbegriffs alles Erkannten – subjektiv vermittelt. (74)

 

Das ist der entscheidenden Punkt: ausnahmslos alle Aussagen, auch die über Sein oder Wirklichkeit, kommen von einem Individuum und sind daher „subjektiv vermittelt“. Wilbers integrale Theorie trägt dem Rechnung durch die Angabe einer „kosmischen Adresse[3]“.  

Ontologie und Seinsphilosophie sind – neben anderen und gröberen – Reaktionsweisen, in denen das Bewußtsein jener Verstrickung [wie Gesellschaft als „zweite Natur“] sich zu entwinden hofft. (75)

 

Erneut der Hinweis auf die Bedeutung der gesellschaftlichen Prägungen deren „Natur“ unsere Subjektivität färbt.

Licht fällt auf die restaurativen Philosophien von heutzutage vom kitschigen Exotismus kunstgewerblicher Weltanschauungen her, wie dem erstaunlich konsumfähigen Zen-Buddhismus. (76)

 

Dies ist so ziemlich alles was über den Buddhismus im ganzen Buch gesagt wird.

Einschränkung des Geistes auf das seinem geschichtlichen Erfahrungsstand Offene und Erreichbare ist ein Element von Freiheit; das begriffslos Schweifende verkörpert deren Gegenteil. (76)

Von einer derartigen Freiheit durch Begrenzung spricht auch Wilber – durch die Einsicht der Begrenztheit von Aussagen (kosmische Adresse) erst werden diese befreit. Erfolgt diese Einsicht nicht, entsteht ein „glorifizierter Seinsbegriff“ und ein problematischen „Ideal an Reinheit.“ Eine vermeintliche Rückkehr dazu ist für Adorno eine Regression.

Der Überdruß an dem subjektiven Gefängnis der Erkenntnis veranlaßt zur Überzeugung, das der Subjektivität Transzendente sei für sie unmittelbar, ohne das sie durch den Begriff es beflecke ... Weil aber Subjektivität ihre Vermittlung nicht aus der Welt denken kann, wünscht sie Stufen des Bewußtseins zurück, die vor der Reflexion auf Subjektivität und Vermittlung liegen. (86, Adorno bezieht sich dabei auf Heidegger und Husserl)

 

Zu bestreiten ist nicht die Unmittelbarkeit von Einsicht schlechthin, sondern deren Hypostasis. (89)

 

Adorno ist nicht grundsätzlich gegen die Unmittelbarkeit von Einsicht, sondern wendet sich lediglich gegen eine „Verdinglichen von Begriffen; Personifizierung göttlicher Eigenschaften oder religiöser Vorstellungen“.[4] (Zum Begriff einer „unmittelbaren Erfahrung“ bei Wilber siehe auch Eros Kosmos Logos S. 675).

Ontologie möchte, aus den Geist heraus, die durch den Geist gesprengte Ordnung samt ihrer Autorität wieder herstellen. (94)

 

Dies ist die, aus der Erfahrung der Naziherrschaft formulierte Sorge Adornos. Er spricht in diesem Zusammenhang auch von einem „Grauen der Ordnung“  und einem „dringlichsten Bedürfnis nach einem Festen“ welches Ontologien „inspiriert“. Gleichzeitig warnt er vor der Macht der Institutionen.  

 

Mächtiger sind die Institutionen als je; längst haben sie etwas wie den neonbelichteten Stil der Kulturindustrie hervorgebracht, der die Welt überzieht wie einst die Barockisierung. (101)

II. Sein und Existenz

So kann ein „Seinskult“ entstehen, mit einem mühelosen Schritt vom „Heilwissen“ zum „Herrschaftswissen“.

Nicht Sinn haust in der innersten Zelle von Heideggers Philosophie; während sie als Heilwissen sich vorträgt, ist sie, was Scheler Herrschaftswissen nannte. (105)

Projizieren die Rück- und Kunstgriffe der Philosophie Seiendes auf Sein, so ist das Seiende glücklich gerechtfertigt; wird es als bloß Seiendes mit Verachtung gestraft, so darf es draußen unbehelligt sein Unwesen treiben. Nicht anderes vermeiden zartbesaitete Diktatoren den Besuch in Konzentrationslagern, deren Funktionäre redlich nach ihren Richtlinien handeln. (107)

Ein jegliches Seiendes ist mehr, als es ist; Sein, in Kontrast zum Seienden, mahnt daran. Weil nichts Seiendes ist, das nicht, indem es bestimmt wird und sich selbst bestimmt, eines anderen bedürfte, das nicht es selber ist – denn durch es selbst allein wäre es nicht zu bestimmen –, weist es über sich hinaus. (109)

 

Und wieder der dialektische Hinweis auf das was fehlt bei jeglicher Wahrnehmung und die Unmöglichkeit einer Selbstbestimmung. An Husserl mit seiner „reinen Phänomenologie“ und vor allem an Heidegger wird kein gutes Haar gelassen, immer auch mit einem Seitenhieb auf Religion und dem was wir heute mit Spiritualität bezeichnen.  

Heideggers Verfahren aber ist, nach Scholems Prägung, deutschtümelnde Kabbalistik. (118)

Die Dialektik von Sein und Seiendem: daß kein Sein gedacht werden kann ohne Seiendes und kein Seiendes ohne Vermittlung, wird von Heidegger unterdrückt (121)

 

In einer aufgeführten Fußnote zitiert Adorno aus dem Werk Kritik der neueren Ontologie von Karl Heinz Haag und unterstreicht erneut die Gefahr der Trennung von Erkanntem und Erkennendem, auf die auch Wilber hinweist. 

Das Übermaß an Objektivität, das ihm [dem Sein] zugesprochen wird, läßt diese in ihrer ganzen Leerheit hervortreten: ‚als leere Meinung von allem schlechthin‘. Nur vermöge eines quid pro pro: indem nämlich moderne Ontologie die Bedeutung, die dem Sein als Gemeintem zukommt, ihm selbst unterschiebt, ist Sein auch ohne meinende Subjekte bedeutend. Willkürliche Abspaltung, Subjektivität also, erweist sich damit als ihr principium vitale. Ontologie vermag das Sein anders denn als vom Seienden her gar nicht zu konzipieren, aber sie unterschlägt eben diese Bedingtheit. (121)

 

Heidegger schreckt, nach Adorno, sogar vor einer „Ontologisierung des Ontischen“ nicht zurück, und macht sich so unangreifbar.

Heideggers Triumph über die minder gewitzigten anderen Ontologien ist die Ontologisierung des Ontischen ... Die gesamte Konstruktion der ontologischen Differenz ist ein Potemkinsches Dorf. Es wird aufgerichtet nur, damit der Zweifel am absoluten Sein vermöge der These vom Seienden als einer Seinsweise des Seins desto souveräner sich abweisen läßt ... Die ontologische Differenz wird beseitigt kraft der Verbegrifflichung des Nichtbegrifflichen zur Nichtbegrifflichkeit. (122) 

[Friedrich] Engels hat das gesehen, aber die umgekehrte, ebenfalls undialektische Konsequenz gezogen, Materie sei das erste Sein. Dialektische Kritik gebührt dem Begriff des ersten Seins selber. Heidegger wiederholt das Hegelsche Eulenspiegel-Manöver. Nur praktiziert dieser es offen, während Heidegger, der kein Idealist sein möchte, die Ontologisierung des Ontischen wolkig verhüllt. (127)

 

Hierbei treffen sich materialistischer (Engels) und idealistischer (Heidegger) Absolutismus. Was Adorno jedoch dabei nicht unterschiedet beziehungsweise zusammen behandelt ist der GEIST der Mystik und der Geist der Philosophie. Beides, da wären sich Adorno und Wilber wohl einig, ist jedoch in seiner Beschreibung immer vermittelt (Wilbers „kosmische Adresse“, Adornos Objektivität). 

Auch Sartre und die existentialistische Bewegung werden von Adorno kritisch gesehen …

Die Bewegung nach dem zweiten Weltkrieg, die sich existentialistisch nannte und avantgardistisch aufführte, hatte etwas Unkräftiges, Schattenhaftes. (129)

 

… ebenso wie die Menschenkunde.

Was der Mensch sei, läßt sich nicht angeben… Je konkreter Anthropologie auftritt, desto trügerischer wird sie, gleichgültig gegen das am Menschen, was gar nicht in ihm als dem Subjekt gründet sondern in dem Prozess der Entsubjektivierung, der seit unvordenklichen Zeiten parallel lief mit der geschichtlichen Formation des Subjektes … Daß nicht sich sagen läßt, was der Mensch sei, ist keine besonders erhabene Anthropologie, sondern ein Veto gegen jegliche. (130)

 

Auch Kierkegaard und Martin Buber wird ein Nominalismus[5] unterstellt, obwohl ja gerade Martin Buber aus einer Ich-Du Mystik heraus das dialogische Prinzip nicht nur in einer Beziehung zum Göttlichen, sondern auch und gerade in einer zwischenmenschlichen und Beziehung unterstreicht, was selbstverständlich auch den wissenschaftlichen Diskurs mit enthält.

Der philosophische Personalismus Kierkegaards, etwa auch sein Buberscher Aufguß, wittert im Nominalismus die latente Chance von Metaphysik; konsequente Aufklärung jedoch schlägt zurück in Mythologie an der Stelle, wo sie den Nominalismus verabsolutiert, anstatt auch seine These dialektisch zu durchdringen; dort, wo sie im Glauben an ein letzthin Gegebenes die Reflexion abbricht. Solcher Abbruch der Reflexion, der Positivistenstolz auf die eigene Naivität, ist nichts anderes als die zum sturen Begriff gewordene, besinnungslose Selbsterhaltung. (132)

 

Mit dem Begriff der „Selbsterhaltung“ läßt Adorno ein Motiv anklingen, dem Wilber ein ganzes Buch mit dem Titel Atman Projekt gewidmet hat. Die Intuition des Menschen von Höherem als er selbst bis zu etwas Unendlichem oder Göttlichem bei gleichzeitigem Wissen von der eigenen Sterblichkeit führt zu allen möglichen „Atman Projekten“ als den oft schrecklichen und grausamen Versuchen, das Unendliche (wie die Person es versteht) im Endlichen zu verwirklichen.

Aber Wahrheit, die Konstellation von Subjekt und Objekt, in der sich beide durchdringen, ist so wenig auf Subjektivität zu reduzieren, wie umgekehrt auf jenes Sein, dessen dialektisches Verhältnis zur Subjektivität Heidegger zu verwischen trachtet. Was wahr ist am Subjekt, entfaltet sich in der Beziehung auf das, was es nicht selber ist, keineswegs durch auftrumpfende Affirmation seines Soseins... Bar des ihr Anderen, zu dem sie sich entäußert, verschafft Existenz, die derart sich als Kriterium des Gedankens proklamiert, autoritär ihren bloßen Dekreten Geltung wie in der politischen Praxis der Diktator jeweils der Weltanschauung... Denken macht sich zu dem, was der Denkende vorweg schon ist, zur Tautologie, einer Form regressiven Bewußtseins. (133)

 

Erneut warnt Adorno vor einer Reduzierung auf Subjektivität. Was jedoch dabei nicht unterschieden wird ist dasjenige, was als mit Begriffen wie „absoluter Subjektivität“ (als der „Erfahrung“ von Leerheit) oder Ich-Ich (Ramana Maharshi) bezeichnet wird, auch schon mit dem Hinweis dass alle Bezeichnungen es unmöglich erfassen (weil es der Seinsgrund aller Phänomene einschließlich aller Bezeichnungen ist). Doch auch hier gilt wieder, dass alle gleichnishaften Beschreibungen auch des Seinsgrundes immer von einem Subjekt (mit einer kosmischen Adresse) formuliert werden. Dennoch, und das lässt Adorno aus, gibt es in allen mystischen Traditionen nicht nur einen reichen phänomenologisch beschrieben Erfahrungsschatz dazu, sondern auch entsprechende Praktiken und Methoden zu ihrer Überprüfung.    

Andererseits wieder gestattet es die Ontologisierung der Geschichte, der unbesehenen geschichtlichen Macht Seinsmächtigkeit zuzusprechen und damit der Unterordnung unter historische Situationen zu rechtfertigen, als werde sie vom Sein selbst geboten … Daß Geschichte je nachdem ignoriert oder vergottet werden kann, ist eine praktikable politische Folgerung aus der Seinsphilosophie.  (135)

 

Dies ist ein weiterer wichtiger Punkt auf den Adorno hinweist, die „Ontologisierung der Geschichte“, die praktisch alle autoritären Herrschaftssysteme vornehmen, indem sie Geschichte in ihrer Sinne (ihrer Ideologie) interpretieren in einem „so ist es“. Zur Abhängigkeit der Interpretation historischer Ereignisse von den Bewusstseinsstrukturen (als Teil der kosmischen Adresse) der Interpretierenden siehe auch den „sidebar A“ zum Buch Boomeritis mit dem Titel Who Ate Captain Cook? Integral Historiography in a Postmodern Age.[6]

Und wieder ist es Heidegger der exemplarisch kritisiert wird, mit einem Zitat aus dem Buch Heidegger, Denker in dürftiger Zeit von Karl Löwith:

Aber wie vermag man im gegeben Fall eindeutig zu unterscheiden, ob die Zeit der Entscheidung ein ‚ursprünglicher‘ Augenblick ist oder nur ein aufdringliches ‚Heute‘ im Lauf und Verlauf eines Weltgeschehens? Die Entschlossenheit, die nicht weiß, wozu sie entschlossen ist, gibt darauf keine Antwort. Es ist schon mehr als einmal geschehen, daß sehr Entschlossene sich für eine Sache einsetzten, die den Anspruch erhob, schicksalhaft und entscheidend zu sein, und die doch vulgär und des Opfers nicht würdig war… Und hat sich nicht die vulgäre Geschichte an Heideggers Verachtung für das bloß heute Vorhandene deutlich genug gerächt, als sie ihn in einem vulgär entscheidenden Augenblick dazu verführte, unter Hitler die Führung der Freiburger Universität zu übernehmen und das entschlossene eigenste Dasein in ein ‚deutsches Dasein‘ zu überführen, um die ontologische Theorie der existenzialen Geschichtlichkeit auf dem ontischen Boden des wirklich geschichtlichen, das heißt politischen, Geschehens zu praktizieren? (136)

Zweiter Teil

Negative Dialektik. Begriffe und Kategorien

Gleich zu Beginn heißt es programmatisch, ganz ähnlich den unterschiedlichen Formulierungen eines nichtdualen Wirklichkeitsaufbaus:

Kein Sein ohne Seiendes (139)

 

Dann warnt Adorno davor, aus der Dialektik eine neue Ontologie zu machen. 

Ist Dialektik aber einmal unabweisbar geworden, so kann sie nicht wie Ontologie und Transzendalphilosophie bei ihrem Prinzip beharren, nicht als eine wie immer auch modifizierte, doch tragende Struktur festgehalten werden. Kritik an der Ontologie will auf keine andere Ontologie hinaus, auch auf keine des Nichtontologischen (140)

Weil der Fundamentalcharakter jeglichen Allgemeinbegriffs vor dem bestimmten Seienden zergeht, darf Philosophie auf Totalität nicht mehr hoffen. (140)

 

Wieder unterstreicht Adorno die Bedingtheiten jeder Wahrnehmung, auch der des An sich seins oder der Absolutheit, und bietet die Dialektik als Ausweg an. 

In Wahrheit impliziert die Erkenntnis des Moments subjektiver Vermittlung im Objektiven Kritik an der Vorstellung eines Durchblicks aufs reine An sich, die, vergessen, hinter jeder Trivialität lauert. (143) 

Was immer das Wort Sein an Erfahrung mit sich führen mag, ist ausdrückbar nur in Konfigurationen von Seiendem, nicht durch Allergie dagegen (143) 

In gewissem Betracht ist die dialektische Logik positivistischer als der Positivismus, der sie ächtet; sie respektiert, als Denken, das zu Denkende, den Gegenstand auch dort, wo er den Denkregeln nicht willfahrt. (144)

Dialektik ist, als philosophische Verfahrensweise, der Versuch, mit dem ältesten Medium der Aufklärung, der List, den Knoten der Paradoxie zu entwirren. (144)

Tatsächlich ist Dialektik weder Methode allein noch ein Reales im naiven Verstande. Keine Methode: denn die unversöhnte Sache, der genau jede Identität mangelt, die der Gedanke surrogiert, ist widerspruchsvoll und sperrt sich gegen jeglichen Versuch ihrer einstimmigen Deutung. (148)

 

Die Gleichsetzung von Begriff und Bezeichneten ist für ihn Ideologie. Der Weg daraus ist Dialektik.

Identität ist die Urform von Ideologie. Sie wird als Adäquanz an die darin unterdrückte Sache genossen. (151)

Darum ist Ideologiekritik kein Peripheres und Innerwissenschaftliches, auf den objektiven Geist und die Produkte des Subjektiven Beschränktes, sondern philosophisch zentral: Kritik des konstitutiven Bewußtseins selbst. (151)

In Dialektik erhebt Denken Einspruch gegen die Archaismen seiner Begrifflichkeit. (156)

Dialektik läuft, ihrer subjektiven Seite nach, darauf hinaus, so zu denken, daß nicht länger die Form des Denkens seine Gegenstände zu unveränderlichen, sich selber gleichbleibenden macht; daß sie das seien, widerlegt Erfahrung. (157)

 

Ein Zitat aus dem Buch Logische Untersuchungen von F. A. Trendelenburg, das Adorno anführt, könnte ebenso ein Motto für Wilbers Integral Methodologischen Pluralismus sein. Hier berühren sich Dialektik und der IMP.

Wenn von Dialektik nur der Ertrag der einzelnen Wissenschaften neu verarbeitet und zu einem Ganzen durchdacht wird: so ist sie höhere Empirie, und eigentlich nichts als diejenige Überlegung, die aus den Erfahrungen die Harmonie des Ganzen dazustellen bemüht ist. (157)

 

Dann wiederum wendet sich Adorno fast schon allergisch gegen jede Form von Synthese, die bei ihm unter einem generellen Totalitätsverdacht zu stehen scheint.

In seinem allgemeineren Gebrauch hat mittlerweile der Begriff der Synthese, Aufbau gegen Zersetzung, offenkundig jenen Tenor angenommen, der in der Erfindung einer angeblichen Psychosynthese gegen die Freud’sche Psychoanalyse vielleicht am widerwärtigsten sich äußerte; Idiosynkrasie[7] sträubt sich, das Wort Synthese in den Mund zu nehmen. (159)

 

Mit ausführlichen Stellungnahmen zu Hegel und Kant im ganzen Kapitel verdeutlicht Adorno seine Abneigung gegenüber allzu „positiven“ Aussagen.

Bis in die Vulgärsprache hinein, die Menschen lobt, wofern sie positiv seien, schließlich in der mordlustigen Phrase von den positiven Kräften wird das Positive an sich fetischisiert. Demgegenüber hat unbeirrte Negation ihren Ernst daran, daß sie sich nicht zur Sanktionierung des Seienden hergibt. Die Negation der Negation macht diese nicht rückgängig, sondern erweist, daß sie nicht negativ genug war … (162)

 

Immerhin werden Definitionen, die ja auch in positiv-feststellenden Worten formuliert werden, zugelassen.

So wenig Definitionen jenes Ein und Alles der Erkenntnis sind, als welches der Vulgärszientismus sie betrachtet, so wenig sind sie zu verbannen. Denken, das in seinem Fortgang nicht der Definition mächtig wäre, nicht für Auenblicke es vermöchte, die Sache durch sprachliche Prägnanz einstehen zu lassen , wäre wohl so steril wie eines, das an Verbaldefinitionen sich sättigt. (167)

Identifiziertes Denken, das Gleichmachen eines jeglich Ungleichen, perpetuiert in der Angst Naturverfallenheit. Besinnungslose Vernunft wird verblendet bis zum Irren angesichts eines jeglichen, das ihrer Herrschaft sich entzieht. (174)

 

In dieser Aussage weist Adorno auf eine Schattenseite von Wissenschaftlichkeit hin, die, in ihrem Bemühen Wirklichkeit zu verstehen und zu beherrschen, deren offenen Charakter unterdrückt. Dies erinnert auch an eine grundsätzliche Aussage Wilbers die er gerne aus den Upanischaden zitiert: „Wo ein anderes ist, ist Angst“, und diese existenzielle Angst führt Menschen dazu, Wirklichkeit begrifflich „festnageln“ zu wollen, mit allen daraus erwachsenen Katastrophen (siehe dazu auch den Hinweis weiter oben zu Wilbers Buch Atman Projekt.)

Das Bewußtsein rühmt sich der Vereinigung dessen, was es erst mit Willkür in Elemente aufspaltete; daher der ideologische Oberton aller Rede von Synthese. (177)

 

Erneut klingt bei folgenden Zitaten Adornos die „Vorgängigkeit“ der Gesellschaft (und des „Objektes“) vor dem Individuum an. 

Denn dieser Schein [das transzendentale Subjekt sei der archimedische Punkt]  enthält, ohne daß es aus den Vermittlungen des Denkens herauszupräparieren wäre, jenes Wahre der Vorgängigkeit der Gesellschaft vorm Einzelbewußtsein und all seiner Erfahrung. (182)

Index für den Vorrang des Objektes ist die Ohnmacht des Geistes in all seinen Urteilen wie bis heute in der Einrichtung der Realität ...  Der Vorrang des Objektes, als eines doch Vermittelten, bricht die Subjekt-Objekt-Dialektik nicht ab. (187) 

Trotz des Vorrangs des Objekts ist die Dinghaftigkeit der Welt auch Schein. Sie verleitet die Subjekte dazu, das gesellschaftliche Verhältnis ihrer Produktion den Dingen an sich zuzuschreiben. (190) 

Das Unheil liegt in den Verhältnissen, welche die Menschen zur Ohnmacht und Apathie verdammen und doch von ihnen zu ändern wären; nicht primär in den Menschen und der Weise, wie die Verhältnisse ihnen erscheinen. (191)

Durch den Übergang zum Vorrang des Objektes wird Dialektik materialistisch. (193)

 

Der Schwerpunkt von Adornos Sichtweise liegt, wie schon oben angedeutet, auf der Gesellschaft und dem System, mit einer subtil materialistischen perspektivischen Betonung.

Der, dem etwas gegeben wird, gehört a priori derselben Sphäre an wie das ihm Gegebene. Das verurteilt die These vom subjektiven Apriori. Materialismus ist nicht das Dogma, als das seine gewitzigten Gegner ihn verklagen, sondern Auflösung eines seinerseits als dogmatisch Durchschauten; daher sein recht in kritischer Philosophie. (197)

 

Und wieder die klare Verurteilung jeglicher Vorstellungen von GEIST (als etwas Absolutem), aus der Erfahrung totalitärer Systeme heraus.

Geist, der Totalität sein soll, ist ein Nonsens, ähnlich den im zwanzigsten Jahrhundert arrivierten Parteien im Singular, die keine andere neben sich dulden und deren Namen in totalitären Staaten als Allegorien unmittelbarer Gewalt des Partikularen grinsen. (199)

 

In diesen Zusammenhang, und im Gegensatz zu Adornos Aussage, passt die folgende Aussage des Quantenphysikers Erwin Schrödinger, die auch Wilber gerne zitiert:

Bewusstsein ist ein Singular, für das es keinen Plural gibt.

 

Hier ein besonders eindrückliches Beispiele für die kollektive Orientierung von Adorno. 

Die Abschaffung des Leidens … steht nicht bei dem Einzelnen, der das Leid empfindet, sondern allein bei der Gattung, der er dort noch zugehört, wo er subjektiv sich von ihr lossagt und objektiv in die absolute Einsamkeit des hilflosen Objekts gedrängt wird. (203)

 

Dritter Teil Modelle 

I Freiheit

Den Freiheitsaspekt sieht Adorno unmittelbar verbunden mit der gesellschaftlichen Eingebundenheit des Individuums. 

Spielregeln einer ohne weiteres nach den gängigen der exakten Wissenschaft gemodelten Methode regulieren, worüber nachgedacht werden darf … (211)

Sobald die Frage nach der Willensfreiheit auf die nach der Entscheidung der je Einzelnen sich zusammenzieht, diese aus ihrem Kontext, das Individuum aus der Gesellschaft herauslöst, gehorcht sie dem Trug absoluten reinen Ansichseins … (213)

Die Allianz von Freiheitslehre und repressiver Praxis entfernt die Philosophie immer weiter von genuiner Einsicht in Freiheit und Unfreiheit der Lebendigen. (214)

Alle Bestimmungen des Ichs müßte man, wie der Behaviorismus tatsächlich plante, einfach zurückübersetzen in Reaktionswesen und Einzelreaktionen, die dann sich verfestigt hätten. (215)

 

Dies ist ein gutes Beispiele für die Reduktion eines Menschen auf sein Verhalten, in der Sprache Wilbers ein Absolutismus aus der Perspektive des oberen rechten Quadranten. Doch dann wendet sich Adorno gleich wieder der Gesellschaft als einem entscheidenden Bestimmungsfaktor für die Individuen zu, und spricht von einem „schmeichelhafte[n] Vertrauen auf die Autarkie des Subjekts“. 

Gesellschaft bestimmt die Individuen, auch ihrer immanenten Genese nach, zu dem, was sie sind … (218)

So wenig die von der liberalen Ideologie ungemäß betonte Independenz des Individuums herrscht, so wenig ist seine höchste reale Trennung von der Gesellschaft zu verleugnen, die jene Ideologie falsch interpretiert. (218)

Die Subjekte werden der Grenze ihrer Freiheit inne an ihrer eigenen Zugehörigkeit zur Natur wie vollends an ihrer Ohnmacht angesichts der ihnen gegenüber verselbständigten Gesellschaft. (220)

Über das am Ich Entscheidende, seine Selbständigkeit und Autonomie kann nur geurteilt werden im Verhältnis zu seiner Andersheit, zum Nichtich. Ob Autonomie sei oder nicht, hängt an von ihrem Widersacher und Widerspruch, dem Objekt, das dem Subjekt Autonomie gewährt oder verweigert; losgelöst davon ist Autonomie fiktiv. Wie wenig das Bewußtsein durch den Rekurs auf seine Selbsterfahrung über Freiheit ausmachen kann, davon zeugen die experimenta crucis der Introspektion. (222)

 

Die folgende Passage erinnert an das Beispiel eines Gedankens, das Wilber im Buch Eros Kosmos Logos zur Erläuterung der vier Quadranten anführt (S. 175), wo er einen subjektiven Gedanken aus der Perspektive aller vier Quadranten erläutert, und darstellt dass dieser und jeder Gedanke ohne die biologischen, kulturellen und systemischen Faktoren dieses Menschen buchstäblich nicht denk-bar wäre. 

Die Gedanken sind frei. Weil nach seiner [des deutschen Idealismus] Doktrin alles, was ist, Gedanke sein soll, der des Absoluten, soll alles, was ist, frei sein. Aber das will nur das Bewußtsein dessen beschwichtigen, daß die Gedanken keineswegs frei sind. (232)

Das identifizierte Prinzip des Subjektes ist selber das verinnerlichte der Gesellschaft. Darum hat in den realen, gesellschaftlich seienden Subjekten Unfreiheit vor der Freiheit bis heute den Vorrang. (239)  

 

Die „Moral“ aus diesem Primat der Gesellschaft vor dem Individuum wäre, dass es keine freien Individuen ohne eine befreite Gesellschaft gibt, wobei a) offen bleibt was genau eine befreite Gesellschaft ist, und warum b)  zwangsläufig jedes Individuum das jeweils vorherrschende Weltsicht der Gesellschaft in der es lebt praktisch automatisch und unreflektiert verinnerlicht. Egal was das Individuum unternimmt oder unterlässt, es kann bei Adorno der „Totalität“ der Gesellschaft – im Guten wie im Bösen – nicht entkommen.

Was immer der Einzelne oder die Gruppe gegen die Totalität unternimmt, deren Teil sie bildet, wird von derem Bösen angesteckt, und nicht minder, wer gar nichts tut. Dazu hat die Erbsünde sich säkularisiert. Das Einzelsubjekt, das moralisch sicher sich wähnt, versagt und wird mitschuldig, weil es, eingespannt in die Ordnung, kaum etwas über die Bedingungen vermag, die ans sittliche Ingenium appellieren: nach ihrer Veränderung schreien. Für solchen Verfall nicht der Moral, sondern des Moralischen hat das gewitzte Neudeutsch nach dem Krieg den Namen der Überforderung ausgeheckt … (241)

Über den Kopf der formal freien Individuen hinweg setzt das Wertgesetz sich durch. Unfrei sind sie, nach der Einsicht von Marx, als seine unwillentlichen Exekutoren, und zwar desto gründlicher, je mehr die gesellschaftlichen Antagonismen anwachsen, an denen die Vorstellung von Freiheit sich erst bildete. Der Prozess der Verselbständigung des Individuums, Funktion der Tauschgesellschaft, terminiert in dessen Abschaffung durch Integration. Was Freiheit produzierte, schlägt in Unfreiheit um. (259) 

Humanität widerfährt dem Individuum erst, sobald die gesamte Sphäre der Individuation, ihr moralischer Aspekt inbegriffen, als Epiphänomen durchschaut ist ... Kein Modell von Freiheit ist verfügbar, als daß Bewußtsein, wie in die gesellschaftliche Gesamtverfassung, so durch diese hindurch in die Komplexion des Individuums eingriffe. (262)       

 

Und wieder der Hinweis des (ontologischen?) Primates der Gesellschaft vor dem Individuum, dessen Individuation als „Epiphänomen“ gesehen wird. Der nachfolgend formulierte Gedanke nimmt das vorweg, was Wilber als „integrale Postmetaphysik“ in den Exzerpten beschreibt:

„Die Integrale Post-Metaphysik – und in ihrer Folge der integrale methodologische Pluralismus, sind meiner Überzeugung nach aus vielen Gründen von Bedeutung. Zuallererst kann kein System (spirituell oder anderweitig), das nicht auf das Kant’sche und postmoderne Heidegger’sche Denken Bezug nimmt, darauf hoffen, sich auch nur ein wenig intellektuellen Respekt zu verschaffen und damit zu überleben (man mag mit ihnen übereinstimmen oder auch nicht, aber sie müssen angesprochen werden) – und das bedeutet, dass jede Spiritualität in gewissem Sinne post-metaphysisch sein muss. Zweitens kann eine Integrale Post-Metaphysik auf die gleiche Art wie sich die Einsteinsche Physik für Objekte, die sich langsamer als mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, auf die Newtonsche Physik reduziert, alles Wesentliche der prämodernen spirituellen und metaphysischen Systeme hervorbringen, aber ohne deren gegenwärtig diskreditiertes ontologisches Gepäck. Dies ist meiner Meinung nach der zentrale Beitrag einer Integralen Post-Metaphysik – sie enthält die Metaphysik selbst nicht, kann sie aber als eine mögliche AQAL-Matrixkonfiguration unter den Randbedingungen prämoderner Kulturen hervorbringen. Das heißt, dass die AQAL-Matrix, unter Verwendung prämoderner Parameter, in die alte Metaphysik zurückfällt (so wie die Einsteinsche Physik in die Newtonsche Physik zurückfällt, obwohl sie als solche nicht-Newton ist).“ (Ken Wilber, aus der Einführung zum Exzerpt A).

 

Adorno sieht sehr klar die Problematik einer Psychoanalyse welche die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ausblendet und lediglich darum bemüht ist das Individuum an gesellschaftliche Gegebenheiten anzupassen. 

Psychologie holte konkret nach, was sie zu Kants Zeiten noch nicht wußte und worum er deshalb nicht spezifisch sich zu kümmern brauchte: die empirische Genese dessen, was, unanalysiert, Kant als zeitlos intelligibel glorifizierte. (269)

Wie nah die Psychoanalyse, sobald sie die von ihr inaugurierte Kritik des Überichs aus sozialen Konformismus bremst, jener Repression kommt, die bis heute alle Lehre von der Freiheit verunstaltete, zeigt am klarsten ein Passus Ferenczis wie: „Solange dieses Über-Ich in gemäßigter Weise dafür sorgt, daß man sich als gesitteter Bürger fühlt und als solcher handelt, ist es eine nützliche Einrichtung, an der nicht gerüttelt werden muß“... Wie zwischen dem normalen und dem pathischen Überich subjektiv, nach  psychologischen Kriterien zu unterscheiden sei, darüber schweigt die allzu rasch zur Vernunft gekommene Psychoanalyse ebenso sich aus wie der Spießbürger über die Grenze zwischen dem, was er als sein natürliches Nationalgefühl hütet, und dem Nationalismus... Kritik des Überich müßte Kritik der Gesellschaft werden, die es produziert; verstummt sie davor, so wird der herrschenden gesellschaftlichen Norm willfahrt. (270)

Was jedoch im jüngsten Zeitalter sich zuträgt, ist die Veräußerlichung des Überich zur bedingungslosen Anpassung … Die Welt wie sie ist wird zur einzigen Ideologie und die Menschen deren Bestandteil. (271)

 

Doch dann finden wir auch einen Satz wie den folgenden, wo Adorno das Wir und das Ich, Gesellschaft und Individuum, auf eine gleichberechtigte Stufe zu stellen scheint, wie es die integrale Theorie tut.

Kein Ichbewußtsein ohne Gesellschaft, so wie keine Gesellschaft ist jenseits ihrer Individuen. (272)

 

Doch kurz danach wieder die Warnung vor der „Überhöhung“ des personalen Bewusstseins und auch der Ich-Du Beziehung. Was die integrale Theorie als gleichberechtigt ansieht, die Perspektivität von Subjektivität, Inter-Subjektivität, Objektivität und Inter-Objektivität, hat bei Adorno eine ganz klare Rangordnung: Systemische (Inter)Objektivität steht dabei vor Subjektivität und Intersubjektivität (Beziehung), und ist beiden vorgeordnet. 

Die Transzendenz, welche manche Neo-Ontologien von der Person sich erhoffen, überhöht einzig ihr Bewußtsein … Darum haben der Begriff der Person und auch seine Varianten, etwa die Ich-Du-Beziehung, den öligen Ton ungeglaubter Theologie angenommen. (273)

 

Jetzt wird Adorno extrem:

Human sind die Menschen nur dort, wo sie nicht als Person agieren und gar als solch sich setzen … Das Subjekt ist die Lüge, weil es um der Unbedingtheit der eigenen Herrschaft willen die objektiven Bestimmungen seiner selbst verleugnet … Das ideologische Unwesen der Person ist immanent kritisierbar. (274)

 

Immer wieder wird Heidegger als ein Negativbeispiel herbeizitiert. 

[Heideggers] „Sein und Zeit“ wirkte als Manifest des Personalismus ... Was irgend das Ich introspektiv als Ich zu erfahren vermag, ist auch Nichtich, die absolute Egoität unerfahrbar; daher die schon Schopenhauer konstatierte Schwierigkeit, seiner selbst innezuwerden. Das Letzte ist kein Letztes. (275) 

 

Doch dann finden wir wieder den Gedanken einer „Theorie“, die sich sowohl über Gesellschaft wie über Individualität „erhebt“, oder, wie es die integrale Theorie und Praxis unternimmt, beides integriert. 

Die Frage nach der Freiheit erheischt kein Ja oder Nein sondern Theorie, die wie über die bestehende Gesellschaft so wie über die bestehende Individualität sich erhebt. Anstatt die verinnerlichte und verhärtete Instanz des Überich zu sanktionieren, trägt sie die Dialektik von Einzelwesen und Gattung aus ... Befreit wäre das Subjekt erst als mit dem Nichtich versöhntes … (279)

 

Die Gefahren eines Kollektivismus werden von Adorno an den Beispielen seiner Zeit klar gesehen und benannt.  

 

Daß in den Ländern, die heute den Namen des Sozialismus monopolisieren, Kollektivismus unmittelbar, als Unterordnung des Einzelnen unter die Gesellschaft, anbefohlen wird, straft ihren Sozialismus Lügen und befestigt den Antagonismus. (279)

Noch wo die Menschen am ehesten frei von der Gesellschaft sich fühlen, in der Stärke ihres Ichs, sind sie zugleich deren Agenten: das Ichprinzip ist ihnen von der Gesellschaft eingepflanzt, und sie honoriert es, obwohl sie es eindämmt. (292)

 

II Weltgeist und Naturgeschichte. Exkurs zu Hegel

Auf den Spuren Karl Marx kritisiert Adorno bei Hegel dessen idealistische Orientierung, und stellt ihn auch, wie Marx, vom Kopf auf die materiell-gesellschaftlichen Füße. 

Wogegen der durch seine Gesundheit erkrankte Menschenverstand am empfindlichsten sich sträubt, die Vormacht eines Objektiven über die einzelnen Menschen, in ihrem Zusammenleben so wie in ihrem Bewußtsein, das läßt täglich kraß sich erfahren. Man verdrängt jene Vormacht als grundlose Spekulation, damit die Einzelnen die schmeichelhafte Täuschung, ihre mittlerweile standardisieren Vorstellungen wären im doppelten Sinne unbedingte Wahrheit, bewahren können … (295)

 

Auch Begriffe wie „Weltgeist“ und „Weltplan“ werden einer kritischen Prüfung unterzogen, und deren problematische Verabsolutierungstendenzen offengelegt.

Der Weltgeist ist, aber ist keiner, ist nicht Geist, sondern eben das Negative … (298)

Im Begriff des Weltgeistes war das Prinzip der göttlichen Allmacht zum einheitssetzenden säkularisiert, der Weltplan zur Unerbittlichkeit des Geschehenden. (300)

 

Und noch einmal der Hinweis darauf, dass das was das Individuum als seine (geistige) Nahrung erlebt, bereits von der Gesellschaft immer schon „vorverdaut“ ist. I

Verbissen sperren die Monaden sich ihrer realen Gattungsabhängigkeit ebenso wie dem kollektiven Aspekt all ihrer Bewußtseinsformen und –inhalte: der Formen, die selbst jenes Allgemeine sind, das der Nominalismus verleugnet, der Inhalte, während doch dem Individuum keine Erfahrung, auch kein sogenanntes Erfahrungsmaterial zufällt, das nicht vom Allgemeinen vorverdaut und geliefert ist. (307)

Die Erfahrung jeder dem Individuum und seinem Bewußtsein vorgeordneten Objektivität ist die der Einheit der total vergesellschafteten Gesellschaft. (309)

 

Die folgende Passage ist sehr aufschlussreich für das Geschichtsverständnis von Adorno. Was er (an)erkennt ist eine Entwicklung von der „Steinschleuder zur Megabombe“, was wir jedoch nicht finden ist eine kulturelle Entwicklung wie wir sie beispielsweise in den Gebser’schen Begriffen von archaisch-magisch-mythisch-mental-integral finden, wo das kollektive Bewusstsein insgesamt, mit vielen Rückschritten und Schlaufen, sich immer weiter entwickelt. Auch die integrale Theorie geht von einer Bewusstseinsentwicklung aus, doch Wilber weist auch immer wieder auf die Dialektik von „Würde und Katastrophe“ dieser Entwicklung hin, und sieht auch explizit die Möglichkeit des Scheiterns und der Selbstvernichtung der Menschheit in Metaphern wie der eines „Pferderennens“.   

Die Behauptung eines in der Geschichte sich manifestierenden und sie zusammenfassenden Weltplans zum Besseren wäre nach den Katastrophen und im Angesicht der künftigen zynisch ... Keine Universalgeschichte führt vom Wilden zur Humanität, sehr wohl eine von der Steinschleuder zur Megabombe. Sie endet in der totalen Drohung der organisierten Menschheit gegen die organisierten Menschen, im Inbegriff von Diskontinuität. (314)

 

Zu Recht warnt Adorno vor einer „Vergottung“ der Geschichte, d. h. ihrer projektiven und unreflektierten Interpretation. Dies ist jedoch zu unterscheiden von einer seriösen Bewusstseinsentwicklungsforschung wie dem Entwicklungsstrukturalismus.   

Es ging um die Vergottung der Geschichte, auch bei den atheistischen Hegelinaern Marx und Engels. Der Primat der Ökonomie soll mit historischer Stringenz das glückliche Ende als ihr immanent begründen; der Wirtschaftsprozeß erzeuge die politischen Herrschaftsverhältnisse und wälze sie um bis zur zwangsläufigen Befreiung von Zwang der Wirtschaft. (316)

Auch die Bedeutung der Psychodynamik von individueller Verdrängung und Projektion und ihren kollektiven Auswirkungen wird von Adorno deutlich angesprochen.

Nicht mehr auszulöschen ist die Einsicht der Psychoanalyse, daß die zivilisatorischen Mechanismen der Repression die Libido in antizivilisatorische Aggression verwandeln. (330)

 

Der folgende Gedanke ist von großer Bedeutung weil er die Fragen impliziert, was ein „Ich“ und was ein „Wir“ charakterisiert, was beiden gemeinsam ist und wodurch sie sich unterscheiden. Ken Wilber hat hierzu die Holon Theorie entwickelt, und unterscheidet individuelle und kollektive Holons. Adorno weist auf die Problematik hin, Begrifflichkeiten (wie Seele) die aus dem Individuellen kommen 1:1 auf ein Kollektiv zu übertragen. 

Gerade die Thesis von dieser Selbständigkeit der Volksgeister legalisiert bei Hegel, ähnlich wie später bei Durkheim die Kollektivnormen und bei Spengler jeweils die Kulturseelen, die Gewaltherrschaft über die einzelnen Menschen. Je reicher ein Allgemeines mit den Insignien des Kollektivsubjektes ausstaffiert ist, desto spurloser verschwinden darin die Subjekte. (332)

Im Begriff Volksgeist wird ein Epiphänomen, Kollektivbewußtsein, Stufe der gesellschaftlichen Organisation, dem realen Produktions- und Reproduktionsprozess der Gesellschaft als wesenhaft gegenübergestellt. (334)

 

Erneut geht es Adorno um das Primat der materiellen Bedingungen vor dem Geistigen, welches als ein „Epiphänomen“ des Materiellen beschrieben wird. Hierin unterscheiden sich integrale Theorie und Adorno deutlich. Für die integrale Theorie sind das Innere und das Äußere einer Gemeinschaft zwei Seiten einer Münze.

Im nachfolgenden Zitat zeigt sich Adorno erneut als Fortschrittspessimist. 

Nur ist keinem Fortschritt der Weltgeschichte kraft ihres Übergangs von Nation zu Nation mehr zu vertrauen in einer Phase, in der der Sieger nicht länger auf jener höheren Stufe sich befinden muß, die man ihm wahrscheinlich von je nur deshalb attestierte, weil er der Sieger war. Damit jedoch ähnelt der Trost über den Untergang der Völker den zyklischen Theorien bis zu Sprengler an sich. Philosophisches Verfügen übers Werden und Vergehen ganzer Völker übertönt, daß das Unvernünftige und Unverständliche der Geschichte selbstverständlich wurde, weil es nie anders war; raubt der Rede vom Fortschritt ihren Inhalt. (335) 

 

Und wieder wird das Wir (als Objektives) vor das Ich gestellt.

Die Theorie des Ichs als eines Inbegriffs von Abwehrmechanismen und Rationalisierungen zielt gegen die gleiche Hybris des seiner selbst mächtigen Individuums, gegen das Individuum als Ideologie, welche radikalere Theorien von der Vormacht des Objektiven demolieren. (343)

 

III Meditationen zur Metaphysik  

In abschließenden „Meditationen“ fasst Adorno zusammen.

Daß das Unvergängliche Wahrheit sei und das Bewegte, Vergängliche Schein, die Gleichgültigkeit von Zeitlichem und ewigen Ideen gegen einander, ist nicht zu behaupten … (354)

 

Die integrale Theorie spricht in diesem Zusammenhang von relativer und absoluter Wahrheit, welche beide über die Nichtdualität miteinander verbunden sind.

Erheischt negative Dialektik die Selbstreflexion des Denkens, so impliziert das handgreiflich, Denken müsse, um wahr zu sein, heute jedenfalls, auch gegen sich selbst denken. Mißt es sich nicht an dem Äußersten, das dem Begriff entflieht, so ist es vorweg vom Schlag der Begleitmusik, mit welcher die SS die Schreie ihrer Opfer zu übertönen liebte …. Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß  Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe. (358)

Kein vom Hohen getöntes Wort, auch kein theologisches, hat unverwandelt nach Auschwitz ein Recht. (260)

Metaphysische Erwägungen, die der Elemente sich zu entledigen suchen, die an ihnen Kultur, vermittelt sind, verleugnen das Verhältnis ihrer vorgeblich reinen Kategorien zum gesellschaftlichen Inhalt. (361)

Gingen frühe Formen des Eigentums zusammen mit magischen Praktiken, den Tod zu bannen, so verscheucht ihn, je vollständiger alle menschlichen Beziehungen von Eigentum determiniert werden, die ratio so hartnäckig wie einst nur die Riten. Auf einer letzten Stufe wird er, in Verzweiflung, selbst zum Eigentum. (362)

 

Noch einmal klingt das Motiv der Ersatzbefriedigungen für Transzendenz an, welches Wilber im Atman Projekt verarbeitet hat.

Man hat beobachtet, daß die Mystik, deren Name die Unmittelbarkeit metaphysischer Erfahrung gegen ihren Verlust durch institutionellen Einbau zu retten hofft, ihrerseits gesellschaftliche Tradition bildet und aus Tradition stammt, über die Demarkationslinie von Religionen hinweg, die einander Häresien sind ... Metaphysische Unmittelbarkeit hat, wo sie am weitesten sich vorwagte, nicht verleugnet, wie sehr sie vermittelt ist. Beruft sie sich aber auf Tradition, so muß sie auch ihre Abhängigkeit vom geschichtlichen Stand des Geistes zugestehen. (365)

Der Kantische Block, die Theorie von den Grenzen möglicher positiver Erkenntnis, leitet, auch nach Hegels Kritik, vom Form-Inhalt Dualismus sich her. Das menschliche Bewußtsein sei, wird anthropologisch argumentiert, gleichsam zu ewiger Haft in den ihm nun einmal gegebenen Formen der Erkenntnis verurteilt … Aber die Formen sind nicht jenes Letzte, als das Kant sie beschrieb. Vermöge der Reziprozität zwischen ihnen und dem seienden Inhalt entwickeln sie sich auch ihrerseits. Das jedoch ist unvereinbar mit der Konzeption des unzerstörbaren Blocks. (379)

Diese Textstelle betont den Entwicklungsaspekt von Erkenntnis.

Die Frage, wie Metaphysik als Wissenschaft möglich sei, ist daher prägnant zu nehmen: ob sie den Kriterien einer am Ideal der Mathematik und der sogenannten klassischen Physik orientierten Erkenntnis genüge. (379)

Bei dieser Frage setzt Wilbers integrale Postmetaphysik an, und der integrale Methodenpluralismus.

Wo Geist heut und hier selbständig wird, sobald er die Fesseln nennt, welche er gerät, indem er anderes in Fesseln schlägt,  antezipiert er, und nicht die verstrickte Praxis, Freiheit. Die Idealisten haben den Geist verhimmelt, aber wehe, wenn einer ihn hatte. (382)

 

Die Verwirklichung des Freiheitsideals durch wachsende Bewusstheit und Erkenntnis steht auch auf der integralen Agenda. Eine der Leistungen von Wilber zu Anerkennung von dem was Adorno mit Begriffen wie „intelligibel“, „inwendig“ und „Geist“ beschreibt ist die einfache Kennzeichnung durch den Begriff „innerlich“ (in der Gegenüberstellung zu „äußerlich“ mittels der vier Quadranten).

Die metaphysischen Interessen der Menschen bedürften der ungeschmälerten Wahrnehmung ihrer materiellen. Solange diese ihnen verschleiert sind, leben sie unterm Schleier der Maja. Nur wenn, was ist, sich ändern läßt, ist das, was ist, nicht alles. (391)  

 

Interessant ist auch die Positionierung der Kunst bei Adorno, und seine Bejahung von Transzendenz in diesem Zusammenhang.

Kunst: Noch auf ihren höchsten Erhebungen ist Kunst Schein …Kein Licht ist auf den Menschen und Dingen, in denen nicht Transzendenz widerschiene. Untilgbar am Widerstand gegen die fungible Welt des Tauschs ist der des Auges, das nicht will, daß die Farben der Welt zunichte werden. Im Schein  verspricht sich das Scheinlose. (397)

 

Kurz von Schluss warnt er noch einmal vor einer Verabsolutierung der Dialektik.

Dazu muß Dialektik, in eines Abdruck des universalen Verblendungszusammenhangs und dessen Kritik, in einer letzten Bewegung sich noch gegen sich selbst kehren.  Die Kritik an allem Partikularem, das sich absolut setzt, ist die am Schatten von Absolutheit über ihr selbst, daran, daß auch sie, entgegen ihrem Zug, im Medium des Begriffs verbleiben muß. Sie zerstört den Identitätsanspruch, indem sie ihn prüfend honoriert. Darum reicht sie nur soweit wie dieser. Er prägt ihr als Zauberkreis den Schein absoluten Wissens auf. An ihrer Selbstreflexion ist es, ihn zu tilgen, eben darin Negation der Negation, welche nicht in Position übergeht. Dialektik ist das Selbstbewußtsein des objektiven Verblendungszusammenhangs, nicht bereits diesem entronnen ... Es liegt in der Bestimmung negativer Dialektik, daß sie sich nicht bei sich beruhigt, als wäre sie total; das ist ihre Gestalt von Hoffnung. (398)

 

Und dann, noch ein letztesmal der Hinweis:

Kein Absolutes ist anderes auszudrücken als in Stoffen und Kategorien der Immanenz, während doch weder diese in ihrer Bedingtheit noch ihr totaler Inbegriff zu vergotten ist. (399)

 

Zusammenfassung der Buchbesprechung

Adornos Buch Negative Dialektik ist sowohl inhaltlich wie stilistisch ein großes Werk, von dem hier nur in kurzen Auszügen ein Geschmack gegeben werden konnte. Unter dem Eindruck der Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts, und beseelt von dem Wunsch dass sich so etwas niemals wiederholen darf, argumentiert Adorno für eine Dialektik und gegen jede Form von Absolutheit und Absolutismus. Neben einigen Übertreibungen und Auslassungen, so wird das Thema Sein lediglich aus philosophischer Perspektive betrachtet, und die mystischen Traditionen, und mit ihnen die gesamte „Weisheit der Prämoderne“ außer acht gelassen, legt er dabei auch Grundlagen für das, was Ken Wilber in seiner integralen Theorie und Praxis ausgearbeitet hat und weiter ausarbeitet, als notwendige Systembausteine für ein angemesseneres, besseres und gerechteres Welt- und Menschenverständnis.

Diese sind:

  • Die vier Quadranten mit ihren drei Hauptperspektiven von innerlicher Subjektivität und Intersubjektivität, und äußerlicher Objektivität. Dabei, und das ist wichtig, lassen sich auch innere Bewusstseinsphänomen objektiv durch die Geisteswissenschaften untersuchen.  
  • Das Thema Entwicklung (innerlich/äußerlich, individuell und kollektiv)
  • Die Holon Theorie mit ihrer Unterscheidung individueller und sozialer Holons
  • Konzepte wie das einer „kosmischen Adresse“ zur Verortung von Aussagen und Vermeidung von Absolutismen und Dogmen.

 


[1] Alle Zitate stammen, sofern nicht anders angegeben, aus dem Buch Negatuve Dialektik erschienen als suhrkamp taschenbuch wissenschaft 113, 5. Auflage.

[2] Siehe dazu auch Wilbers Ausführungen in Eros Kosmos Logos  S. 333.

[3] Siehe hierzu die Ausführungen im Buch Integrale Spiritualität. „Also müssen wir, um die Existenz von auch nur irgendetwas im Universum lokalisieren zu können, sowohl die kosmische Adresse des Wahrnehmenden als auch die des Wahrgenommenen angeben.“ (S. 343) Die kosmische Adresse enthält die perspektivische Orientierung (Quadranten), die Entwicklungslinien und Ebenen und deren Stufen, typologische Orientierungen und Zustände.

[4] Der Dudeneintrag zum Begriff „Hypostase“. 

[5] Zum Nominalismus: „In der Philosophie wird seit der Antike eine grundlegende Diskussion darüber geführt, ob man Universalien eine ontologische Existenz beimessen kann oder ob es sich um rein verstandesmäßige Begriffsbildungen handelt. Diese Kontroverse fand in der mittelalterlichen Scholastik einen Höhepunkt und reicht bis in die Gegenwart.“ (aus Wikipedia, Zugriff am 28.3.2013)

[6] www.kenwilber.com/Writings/PDF/A-Who%20Ate%20Captain%20Cook.pdf

[7] Überempfindlichkeit gegen bestimmte Reize (Duden).


Quelle: Online Journal Nr. 40