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24.4.2017 : 20:56 : +0200

Ruediger Dahlke - Das Schattenprinzip

Eine Buchbesprechung von Michael Habecker

 

Dr. med. Ruediger Dahlke gehört zu den erfolgreichsten Autoren der Gegenwart deutscher Sprache. In alternativen Kreisen (im weitesten Sinn) kennt ihn praktisch jeder, oder hat seinen Namen zumindest gehört. Seine Bücher sind ebenso Bestseller wie Longseller, und er ist mittlerweile in 22 Sprachen übersetzt, worauf der Klappentext zum Buch hinweist.

Eine Besprechung eines Werkes zum Schattenprinzip dieses Autors ist aus vielerlei Gründen interessant. Zum einen geht es um das Phänomen, wie es Dahlke immer wieder und nach vielen Jahren der Autorenschaft schafft, am Markt erfolgreich zu sein. Weiterhin geht es um die spannende Frage, ob und wie es in der Gesellschaft mit seinen Anliegen wie einer Versöhnung von Schulmedizin, alternativer Medizin, Spiritualität und Psychotherapie vorangeht. Und schließlich geht es, aus einer integral informierten Perspektive darum, einen Vergleich anzustellen zu Ken Wilbers Werk. Die Parallelen sind auffällig: beide Autoren sind erfolgreich, sie ziehen eine Menge Kritik auf sich, sie decken mit ihrer Arbeit und ihren Veröffentlichungen ein breites Themenspektrum ab, bei Wilber sogar erklärtermaßen eine „Theorie von allem“, und beide behandeln Themen wie Erkenntnis, Spiritualität und Psychotherapie, und sind um die Integration von Gegensätzen und ein Gesamtbild der Existenz und des Menschen bemüht. Doch worin unterscheiden sie sich?

Bevor wir dem nachgehen, steht am Beginn eine eigene Schattenarbeit an, wie es sich für einen Beitrag über ein Buch dieses Titels gehört, und eigentlich grundsätzlich am Anfang jeder Arbeit über einen anderen Menschen (bzw. sein Werk) stehen sollte. Wie stehe ich zu Ruediger Dahlke? Ich habe Dahlke schon vor zwanzig Jahren mit Begeisterung gelesen, beginnend mit dem Klassiker „Krankheit als Weg“. Ruediger Dahlke war für mich einer der wichtigsten Einstiegsautoren in eine Welt, die sich nicht nur auf Äußerliches beschränkt sondern auch eine Innenseite hat. Seine Deutung von Krankheitsbildern schien mir ebenso aufregend wie revolutionär, auch wenn diese eine lange Tradition hat – doch in einer materialistischen geprägten Kultur wie ich sie in meiner Jugend und vor allem auf meinen Bildungsweg erfahren habe, war das etwas Faszinierendes und Neues. Ich habe seine frühen Bücher verschlungen und auch Vorträge und Seminare von ihm besucht. „Endlich“, so gingen mir der Geist und das Herz auf, „spricht jemand über die Innenseite der Dinge“, etwas was ich immer intensiv in mir wahrgenommen habe, in der öffentlichen und vor allem akademischen Diskussion jedoch schmerzlich vermisste hatte.

Wen ich auch schon früh und mit Begeisterung las, war Ken Wilber, und diesem wandte ich mich verstärkt zu, weil mir sein Ansatz umfassender erschien, und auch entwicklungs­orientierter. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass das, was Wilber mit der „prä/trans Verwechselung“ bezeichnete, die Verwechselung von Prärationalem mit Transrationalem (weil beides nichtrational ist), auf manche der Aussagen von Dahlke zutrifft, so dass Wilber und eine sich daran anschließende Lektüre für lange Zeit zu meiner geistigen Hauptnahrung (und dann auch zu einer Praxis) wurde. Dahlke beobachtete ich in dieser Zeit gewissermaßen aus den Augenwinkeln, und bekam mit, wie er ein Buch nach dem anderen veröffentlichte und auch in vielen anderen Aktivitäten engagiert war, doch ich beschäftigte mich nicht mehr intensiv mit ihm.

Mit der Veröffentlichung von Das Schattenprinzip änderte sich das jedoch. Durch das Werk von Wilber wie auch von Dahlke zieht sich das Thema „Schatten“ (oder allgemein: Psychodynamik) wie ein roter Faden von Anfang an durch, und ich bekam Lust „meinen“ Dahlke von früher auf eine neue, und durch Wilber informierte (oder infizierte, oder kontaminierte?) Weise neu zu entdecken. Vor dem Aufschlagen des Buches visualisierte ich Ruediger Dahlke, um herauszufinden, ob es Affektionen irgendwelcher Art gibt, die (im Unterschied zu Informationen) auf eine Schattendynamik meinerseits hinweisen. Und siehe da, es kam einiges hoch, das ich zu bearbeiten begann (ein Prozess, der noch im Gang ist), um so einen unverzerrteren Blick auf das Buch und seinen Autor nehmen zu können. Erfolgreiche Menschen wie Ruediger Dahlke stellen eine große Projektionsfläche dar, und geben einem die Gelegenheit zur Schattenarbeit.

Der erste Eindruck

Was mich sofort bei der Lektüre (wieder) fasziniert ist der Schreibstil Dahlkes. Direkt und klar, manchmal drastisch und entlarvend, oft kritisch und immer auch liebevoll, auf eine meisterliche Weise mit Sprache und ihren Wortbedeutungen spielend – und ich erlebe es als ein Geschenk, all dies in meiner Muttersprache lesen zu können. Dahlke verfügt über eine phantastische psychologische Beobachtungsgabe und versteht es grandios, diese in Worten zu vermitteln. Das Thema wird sofort lebendig, zieht mich in seinen Bann und geht unter die Haut.

Kapitel Reiseführer ins Schattenreich

„Aus eigener Anschauung lernen“ ist eines der Themen dieses Buches. Unser Schatten ist uns so nahe, wenn auch gleichzeitig völlig fremd, dass wir, das ist die gute Nachricht, nicht weit suchen müssen um ihn zu erhaschen. Diese Suche unterstützt Dahlke durch eine Begleit CD und durch in das Buch eingestreute Übungsangebote, wie das Führen eines „Schattentagebuches“. Nach der Erörterung des Schattenbegriffs (Was ist eigentlich mit dem Schatten gemeint? und Von Teufeln, Dämonen und inneren Schweinehunden) geht es um den Entstehungsmechanismus des Schattens (Den Schatten verdrängen). „Während Kindheit, Jugend und Adoleszenz erzeugen wir Schatten, um Persönlichkeit zu entwickeln und um seelisch überleben zu können“ zitiert Dahlke den Autor Robert Bly. Damit wird der Schatten aus dem Bereich von etwas Schlimmem herausgeholt und als eine Notwendigkeit auf unserem Entwicklungsweg betrachtet, um die wir uns kümmern und die wir lösen können, durch verschiedene Arten von Erkennen, Interpretieren und Deuten, Umkehren, Lösen und Integrieren.   

Kapitel Das Dunkle in jedem

Eines der Hauptthemen in Dahlkes Werken ist das der Polarität – wo Licht ist, ist Schatten. Die Auseinandersetzung mit den Polaritäten des Lebens, unter Einbeziehung beider polarer Aspekte, ist eine wesentliche Lebensaufgabe.

„Es kann nicht oft genug wiederholt werden: Sobald wir etwas aus unserem Bewusstsein verbannen, weil es uns Angst macht, wird es unbewusst und sinkt in den Schatten.“

 

Dann wendet sich Dahlke dem Entwicklungsaspekt zu, einem Schwerpunkt der Arbeit von Ken Wilber. Anhand eines Dreiecks mit einer hellen Seite, die das Licht präsentiert, und einer dunklen Seite, die nach oben hin heller wird und für den Schatten steht, erläutert Dahlke seine Vorstellung von Entwicklung. 

„An der Basis [des Dreiecks] stoßen also größte Helligkeit und dunkelster Schatten aufeinander. Das Licht auf der unteren Ebene entspricht dem bewussten Ich oder Ego; auf dieser Ebene ist das Ego für unser Überleben notwendig. Auf dem Weg zur Spitze des Dreiecks braucht das Ich das Gegenüber des Schattens, um sich immer bewusster zu werden. Während dieses Prozesses wird der Schatten schwächer oder durchsichtiger, in unserem Bild grauer und schließlich lichter. Je höher wir in unserer Entwicklung aufsteigen, desto mehr hellt sich der Schatten auf, das heißt, desto mehr dringt das Licht in sein Reservoir vor. Dieser Prozess kann auch Heilung genannt werden. An der Spitze gehen beide Seiten in das Licht der Einheit über, das dem göttlichen Licht und dem Selbst entspricht. Es hat kein Gegenüber mehr und ist jenseits der polaren Welt, das heißt überall gleich. Jetzt erst sind wir in der Wirklichkeit und erkennen, dass der Weg dorthin und die Welt der Polarität – Licht und Schatten, inklusive aller Schwierigkeiten und Täuschungen – Illusion waren.“

 

Soweit das Entwicklungsmodell Dahlkes, das er, durch Zitate aus dem Tao Te King, die das ganze Buch begleiten, illustriert. Auch wenn Dahlke dabei auf die Bezugnahme der Entwicklungspsychologie verzichtet, und auch im weiteren Verlauf des Buches auf diesen bedeutenden Aspekt des Menschseins nicht mehr zurückkommt, so erwähnt er ihn doch, und das bleibt festzuhalten. Als eine weitere Möglichkeit aus „eigener Anschauung“ zu lernen empfiehlt Dahlke „Film-Meditationen“ als eine Möglichkeit, mit eigenen Schattenthemen in Berührung zu kommen.

Kapitel Widerstand gegen die Wirklichkeit oder Akzeptanz?

„Wir können die Wirklichkeit grundsätzlich annehmen oder sie bekämpfen. Letzteres führt zum Beispiel zu Krieg. Wenn wir die Realität ändern wollen, können wir sie auch zuerst annehmen und dann versuchen, sie aktiv umzugestalten, etwa durch politische Arbeit – oder sie dadurch zu verwandeln, dass wir uns selbst ändern. Letzteres ist eine weithin unterschätzte wundervolle Chance ... Je früher wir unseren Widerstand gegen die Wirklichkeit aufgeben, desto besser für uns selbst. Zum Anerkennen dessen, was ist, gibt es keine intelligente Alternative.“ 

 

Dieses Annehmen entspringt keiner laissez faire Haltung und ist auch kein „alles ist gut“ Mantra, sondern resultiert aus einer phänomenologischen Praxis im Augenblick und von Augenblick zu Augenblick, die es uns erst erlaubt, projektionsfreier und auf eine klarere Weise aktiv zu werden.

„Wichtig ist, klar zu erkennen, dass akzeptieren keineswegs bedeuten muss, etwas gutzuheißen oder gar zu unterstützen. Es mag nicht einmal gemeint sein, etwas auf Dauer zu tolerieren. Es bedeutet lediglich, seinen Widerstand jetzt in diesem Moment der Gegenwart aufzugeben und etwas in seiner wie auch immer gearteten Wirklichkeit als das anzunehmen, was es jetzt ist.“ 

 

Eine der Fallen auf dem Schattenweg, die aber gleichzeitig auch Gelegenheiten sind dem eigenen Schatten auf die Spur zu kommen, sind Projektionen.

„Es zeigt sich die alte Erkenntnis in schöner Deutlichkeit, dass das überwiegende Problem immer bei dem liegt, der den Finger auf andere richtet. Bekanntermaßen zeigen dann nur zwei Finger auf den Beschuldigten, aber drei auf den eigentlichen Verantwortlichen, den Besitzer der Hand.“

 

Bezugnehmend auf die Arbeit von Byron Katie erläutert Dahlke dann, wie durch eine einfache Bedeutungsumkehrung eine Aussage, die man gegen andere richtet, auf eigene Schattenprojektionen hin untersucht werden kann.

„Durch das in seiner Einfachheit verblüffende Spiel mit Fürwörtern (Pronomen) gelingt es, ursprünglich anklagende und beschuldigende Aussagen in psychologisch entwicklungsfördernde Hinweise für einen selbst zu verwandeln. Statt einer Aussage wie: „Er betrügt mich“ (a) lassen sich zusätzlich noch drei weitere Betrachtungsebenen wählen, die den eigenen Schatten direkt enthüllen, nämlich: „Ich betrüge ihn“ (b), „Ich betrüge mich“ (c) und „Er betrügt sich“ (d).“

 

Darauf aufbauend kann dann eine psychodynamische Arbeit begonnen werden, die einen darin unterstützt eigene Projektionen zurückzunehmen und zu integrieren. Auf diese Weise können endlose, sich manchmal über Generationen erstreckende Ketten von Schuld, Vergeltung und Rache beendet werden. Gleichzeitig weist Dahlke auch auf die Grenzen dieser Praxis hin.

„So wundervoll diese Umkehrungen auch funktionieren – natürlich ist zu bedenken, dass es Grenzen gibt. Es gibt Situationen, in denen der Schatten in körperlicher Misshandlung wie Schläge und Vergewaltigung ausagiert wird und sich nicht auf ein seelisches Schlechtbehandeln beschränkt. In diesem Fall ist Widerstand zu lernen, seelisch und ganz körperlich. Manchmal muss der Frosch (aus dem Märchen vom Froschkönig) eben an die Wand geworfen und nicht geküsst werden.“

 

Neben den Projektionen nach außen können wir unseren Schatten auch nach innen und auf unseren Organismus projizieren, und „ernten Symptome und Krankheitsbilder“, ein Thema welches Dahlke in vielen seiner Bücher beleuchtet.

Kapitel Die Welt als Spiegel

Über die zwischenmenschlichen Beziehungen hinausgehend kann die ganze Welt als Projektionsfläche und auch als Spiegel für den eigenen Schatten dienen. Auch dabei wird Dahlkes feines Gespür bei der Erfassung von „Projektionsketten“ deutlich, insbesondere wenn er aus dem Nähkästchen plaudert:

„Ein Gast offenbarte mir auf einer Kreuzfahrt seinen Versuch, mit Hilfe der Schuldprojektion Kapital zu schlagen ... Er verriet mir bereitwillig sein Geheimnis. Er sei spezialisiert auf den Beschwerdeweg und beginne vom ersten Reisetag an, alles zu registrieren, was Regressansprüche sichern könnte. Stolz berichtete er, über den Kulanzweg fast immer ein Viertel und manchmal sogar die Hälfte des Reisepreises erstattet zu bekommen. Völlig verblüfft war er, als ich das für ein schlechtes Geschäft erklärte: Während er sich die Reise zu jeweils hundert Prozent ruinierte, bekam er bestenfalls fünfzig Prozent des Geldes zurück. So ähnlich kommen mir diejenigen vor, die ein Leben lang auf Schuldprojektionen setzen.“

 

Anhand weiterer Beispiele erläutert Dahlke, wie er Menschen dabei unterstützt durch Projektionsrücknahmen ihr Leben neu zu leben. Das ist selten angenehm. Am Beispiel Mobbing: „Die wirksamste und einfachste Mobbing-Therapie besteht darin, als Mobbing-Opfer aufzuhören, über andere schlecht zu sprechen.“ Auch dabei helfen die Umkehrungen über die Pronominavertauschung (und damit verbundene Perspektivwechsel), und das Hineinspüren in die so neu entstehenden Blickwinkel:

„Der Grundvorwurf lautet: „Sie reden schlecht über mich’ (a). Die Umkehrung sagt schon viel: ‚Ich rede schlecht über sie’ (b). Aber auch: ‚Ich rede und denke schlecht über mich’ (c), und: ‚Sie denken schlecht über sich’ (d).“

 

Dabei nimmt sich Dahlke selbst nicht aus:

„Bisher redete noch jedes Mobbing-Opfer – einschließlich meiner selbst – schlecht über andere oder dachte zumindest schlecht über sie. Bei mir selbst fand ich natürlich sofort den Zusammenhang zwischen übler Nachrede und meiner oft herben Kritik an der Schulmedizin und ihren Anhängern. Ich dachte immer, es zähle nicht so, wenn es ohne Namensnennung geschehe, aber das tut es eben doch.“

 

Dies alles bedeutet nicht, dass es nicht auch reales Mobbing oder üble Nachrede gäbe, aber durch die Projektionsrücknahme können wir unsere eigenen Anteile dabei erkennen und integrieren und dem, was dann noch übrig bleibt, viel leichter begegnen. Wir sehen die Dinge klarer und unverzerrt.

„Das ist das Geheimnis jeder Projektion: Sie wirkt wahr und echt, ohne es tatsächlich zu sein. Projektion ist sicher der mit Abstand am weitesten verbreitete Wahn.“

 

Kapitel Innere Bilder – Die Seele sprechen lassen

Neben der äußerlichen Symptomatik von Verdrängtem sind es vor allem die inneren Bilder, die sowohl Zugang zum als auch Heilung des Schattens ermöglichen. Träume und Mythen wie die Heldenreise, die auch immer durch die Unterwelt führt, sind dabei Wegweiser und Hilfestellung. Durch bewusste Imagination können wir selber schöpferisch und gestalterisch in den Heilungsprozess einsteigen. Eine weitere wichtige Hilfe kommt von den Menschen unserer Umgebung.

„Je öfter es Ihnen passiert, ganz anders wahrgenommen zu werden, als Sie sich selbst sehen und fühlen und als Sie es wollen, desto schlechter kennen Sie sich selbst, und desto wichtiger wird die Konfrontation mit dem eigenen Schatten. Freunde und Außenstehende sind bei der Auseinandersetzung mit dem eigenen Schatten wichtig, denn das Ego ist ein unglaublich raffinierter Saboteur.“

 

Eine besondere Herausforderung dabei sind Menschen, die uns nicht mögen.

„Mindestens genauso wichtig wie die Freunde und Nahestehenden sind für uns auf diesem Weg der Auseinandersetzung mit dem Schatten unsere Gegner, Feinde und Fremde, weil sie uns mit ihrer unbewussten Ehrlichkeit helfen. Sie spiegeln uns den in uns verborgenen Schatten wider, den wir auf sie projizieren. Durch ihr bloßes Sosein erinnern sie uns über die in ihnen erkannten und abgelehnten eigenen Schattenanteil an unsere Aufgabe.“

 

Durch eine Fülle von Beispielen, Übungen und auch Selbstrefflektionen erhellt Dahlke die Tricks, mit denen wir uns vor uns selbst verstecken, und wie wir damit umgehen können.

Ein Beispiel einer buddhistischen Schattenpraxis:

„Setzen oder legen Sie sich so entspannt wir möglich hin, und warten Sie einfach ab, welche Stimmungen und Gemütslagen sich ganz ohne Ihr Zutun bemerkbar machen. Stellen Sie sich vor, dass Sie in Ihrem Körperhaus bei sich selbst zu Gast sind, und beobachten Sie lediglich die Gäste, die da eintreten und es sich für eine gewisse Zeit gemütlich machen. Jeder dieser Gäste hat eine Stimmungsbotschaft für Sie als Hausherr oder Hausherrin. Kein Gast könnte eintreten, wenn Sie nicht eine Resonanz zu ihm hätten, und meist werden es Schattenthemen sein, die ungebetene und unangenehme Gäste anziehen. Wenn sie dieser Uppekha-Übung jeden Morgen eine Viertelstunde widmen, werden Sie mit der Zeit eigene Missstimmungen immer weniger auf die Menschen Ihrer Umgebung projizieren.“

 

Unter der Überschrift „Wie Masken entstehen“ erläutert Dahlke die Entstehung von Schatten auf dem individuellen Entwicklungsweg, mit dem Ergebnis einer Identifikation einer „reduzierten Persona“, als dem Bruchteil von uns, der „immer gut ankam“. Wenn wir uns damit abfinden, sind wir als Menschen schon „früh gestorben“, auch wenn wir erst sehr viel „später begraben werden“. Eine Persona zu haben, eine Maske aufzusetzen oder eine Rolle zu spielen ist nicht grundsätzlich schlecht sondern Teil des gesellschaftlichen Lebens. Problematisch wird dies jedoch, wenn wir dabei unser „wahres Gesicht“ verlieren.

„Es ist die große Entscheidung des Lebens, ob wir uns auf das reduzierte, sozusagen nach all den Ausmusterungsprozessen übrig gebliebene Leben beschränken lassen oder anfangen, die Vergangenheit zu heilen und den Schatten zu integrieren.“

 

Dabei spielt auch der kulturelle Kontext als ein kollektiver Spiegel eine große Rolle.

„Die Sexualität könnte beispielsweise, weil in der christlichen Kultur schlecht angesehen, in den tiefen Schattenschichten vergraben sein. Aggression ist dagegen meist weniger tief verdrängt, da ihr gegenüber ungleich mehr Akzeptanz herrscht. Bei Gewaltexzessen im Fernsehen regt sich kaum jemand auf, vergleichbare Sexorgien sind dagegen völlig undenkbar.“

 

Als ein weiteres wichtiges Lernfeld zur Schattenintegration erläutert Dahlke dann die Bedeutung von Partnerschaften. Dabei geht es nicht immer nur um dunkle Aspekte dessen, was wir bei uns nicht sehen wollen, weil es uns unangenehm ist, sondern auch um den hellen Schatten noch nicht gelebter eigener positiver Eigenschaften und Potenziale, die wir auch gerne projizieren. PartnerInnen sind dabei das Naheliegendste.

Kapitel Gefahr und Rettung aus dem Schattenreich

In diesem Abschnitt erläutert Dahlke die Bedeutung von „Märchen und Mythen als Wegweiser“. Darin wird ein zentrales Prinzip des Menschseins immer wieder thematisiert: „Den eigenen Abgrund sehen, ohne sich in ihn zu stürzen, macht uns zu Menschen und der vielzitierten Krone der Schöpfung.“ Dies illustriert Dahlke anhand verschiedener Märchen und deren Grundthemen. Er erwähnt auch die Auseinandersetzung mit dem positiven Schatten, also unsere verdrängten positiven Eigenschaften, die wir „auf äußere Stars“ projizieren.

Danach entfaltet der Autor „Zwölf archetypische Räume von Licht und Schatten“, für die er jeweils anschaulich und lebensnah Stärke/Aufgabe und Schwäche/Schatten beschreibt. Diese zwölf Archetypen sind: 1. Aufbruch/Aggression, 2. Selbstwert, Verwurzelung, Sinnenfreude, 3. Kommunikation, Austausch, 4. Empfindung, Gefühl, Geborgenheit, Lebensrhythmus, 5. Kreativität, Ausstrahlung, Mitte, 6. Ordnung, Vernunft, 7. Harmonie, Partnerschaft, Ästhetik, 8. Radikale Wandlung, 9. Wachstum, Sinnfindung, 10. Struktur, Konzentration auf das Wesentliche, 11. Unabhängigkeit, Originalität, 12. Grenzauflösung. Visualisierungsübungen und die Arbeit am „Schattentagebuch“ runden dieses Kapitel ab.

Kapitel Innerer Reichtum und die Vielfalt des Lebens

Was in vorherigen Kapiteln schon angesprochen wurde, wird in diesem Kapitel nun ausführlich thematisiert: „Der lichte Schatten, das Lichtpotenzial“.

Dahlke beginnt mit einer Provokation.

„Was den Schatten angeht, müssen wir uns ... vor einem US-Präsidenten Obama mehr vorsehen als vor seinem Vorgänger Bush. Obama macht Mut (Yes, we can), verkündet das Gute und den Wandel (Change) dorthin. Wir lieben das, und so wurde er sofort vorab mit dem Friedensnobelpreis belohnt – aber er muss ihn sich erst noch verdienen. Eine Gefahr ist, dass auch bei ihm der Schatten zuschlägt und er zum Beispiel Kriege für das Gute anzettelt. Aber vielleicht hilft ihm das Schicksal weiter. Kaum hatte er – im Widerspruch zu seinem Wahlkampf – vor US-Küsten Ölbohrungen erlaubt, relativierte eine der größten Öl-Katastrophen der US-Geschichte diese Entscheidung wieder. Der Schatten seines Vorgängers George W. Bush war für die meisten leicht zu durchschauen. Bush lebte seine dunkle Schattenseiten direkt und kaum verhüllt aus ... Von Obama ... erwarten alle das Gute, und die Gefahr ist, dass sich aus seinem (unbewussten) Schatten böse Überraschungen ergeben.“

 

Dahlke zählt dann eine Reihe von „Überdruckventilen“ auf, die uns bei der Schattensuche helfen können, wie Albträume, Fehlleistungen, Krankheits- und andere Symptome und Unfälle. Sehr anschaulich wird er dann bei einer Selbstreflektion, wo er ausführlich auf seine eigene „bunte innere Familie“ zu sprechen kommt. Subpersönlichkeiten wie der gierige Rudi, Professor Besserwisser, Playboy Roger, Rhino-Rüdi, und sogar der paranoide Rüde werden vor dem Leser ausgebreitet und analysiert. Die Einladung besteht darin, bei sich selbst auf die Suche nach eigenen Teilpersönlichkeiten, „Untermietern“ und „blinden Passagieren“ zu gehen.

Kapitel Kollektiver Schatten

Schatten ist nicht nur etwas Individuelles, sondern existiert auch kollektiv, als die „unbewussten Themen einer Gruppe oder Gesellschaft, einer Kultur, Glaubensgemeinschaft, Institution oder eines Berufsstandes.“ Am Beispiel der „sogenannten Vogel- und Schweinegrippe“ erläutert Dahlke Schattendynamiken des etablierten Gesundheitssystems. Doch auch die alternative Szene ist nicht schattenfrei.

„Wenn Menschen eingeredet wird, sie würden falsch und gefährlich leben, wird das Feld von Angst vor Krankheit und Unglück und keinesfalls das von ‚ansteckender Gesundheit’ bestellt. Im Ernährungsbereich gibt es kaum etwas, das nicht von irgendeinem System verboten und von einem anderen in den Himmel gehoben wird. Hier wird deutlich, wie sehr der Schatten von der jeweiligen Wertung abhängt.“

 

Die gilt natürlich auch für „spirituelle Gruppen“.

„Wenn das Ego aufgelöst werden soll, droht es auf dem Gegenpol zu expandieren und peinliche Triumphe zu feiern. So sind überdimensionierte Egos zu einer Art Markenzeichen der spirituellen Szene geworden. Nicht wenige halten sich für etwas Besseres und geben sich entsprechend arrogant und elitär.“

Kapitel Achtung Schatten! Tipps für das Heben des Schatzes

Wie kann man den Schatten aufspüren, idealerweise beginnend bei sich selbst? In diesem Kapitel schüttet Dahlke das Füllhorn seiner jahrzehntenlangen beruflichen und persönlichen Erfahrungen aus. Von Fehlleistungen und Fehltritten über (Krankheits-)Symptome, Schlechte Gewohnheiten und Missstände (wie Vorurteile, Neid, Missgunst, Wut, Hass, Schattenseiten der Sexualität) weiter zu Verleumdungen, Selbstbeschimpfungen, Kritik, Vorwürfen und Ratschlägen und Widerstand und Abwehr.

Spätestens jetzt geht das Thema, seine Allgegenwart in unserem Alltag und seine verheerenden Auswirkungen auf unser aller Leben, unter die Haut. In den Abschnitten  Traumleben, Fantasien, Tagträume gibt Dahlke Hinweise auf die Deutung von Trauminhalten im Hinblick auf Schattenthemen. Sehr erhellend und erheiternd sind auch die Hinweise auf Lieblingswitze und Lieblingsbücher und -filme. (Siehe dazu auch den Anhang des Buches). Als weitere Informationsquellen bei der Schattensuche werden Berufswahl und (Hobby-)Sport vorgestellt. 

Kapitel Ausgesöhnt sein

Im Schlusskapitel fasst Dahlke das bisher Gesagte zusammen und betont noch einmal die Bedeutung von Schattenarbeit.

„Solange ich etwas verurteile, kann ich die entsprechende Qualität in mir (noch) nicht angenommen haben. Hier ergibt sich eine wundervoll einfache Chance zu Eigenkontrolle und Eigentherapie. Was immer ich verurteile, stellt sich mir noch als Aufgabe ... Deshalb ist es Gold wert mit sich ins Reine zu kommen, den Schatten zu durchlichten und bewusst zu leben.“

 

Dabei ist, Dahlke zitiert den Gestalttherapeuten Irvin Polster, „Psychotherapie ... viel zu schade, um Kranken vorbehalten zu bleiben“, sondern sie ist auch ein unerlässlicher Begleiter auf dem spirituellen Weg.

 

Das Buch schließt mit folgender Widmung:

Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen

die Lust, Ihre Träume zu leben,

und die Kraft, Ihren Schatten zu durchlichten

Anhang

Im Anhang zum Buch führt Dahlke unter den Überschriften Lieblingswitze und ihr Schatten, Berufe und ihre Schattenseiten und Schattenthemen, die sich im Sport Luft machen beispielhaft auf, wie alltägliche und lebensnahe Themen wie das Erzählen von Witzen, die Berufsausübung und der Sport zu Deutungsbereichen werden können für einen bewussteren Umgang mit uns selbst und anderen.

Mein Fazit

Ruediger Dahlkes Buch Das Schattenprinzip ist gleichermaßen erhellend und erheiternd. Seine eigentliche Bedeutung besteht jedoch darin, von der Leserperspektive hin zur Schattenpraxis zu wechseln, wozu der Autor immer wieder einlädt. Die Einstiegsschwelle ist dabei denkbar niedrig gehalten. Man muss nicht auf besseres Wetter, günstigere Lebensumstände, spirituelle Einsichten, andere Politiker, einen neuen Job oder einen anderen Partner warten, sondern kann, hier und jetzt und in jedem Augenblick, mit der Integration von Schattenaspekten beginnen, am besten zuerst bei sich selbst. Zugänge sind das Alltagserleben und die persönlichen Lebensumstände. Dabei gibt es keinen Feierabend. Wenn der Tag gelaufen ist, mit Hinweisen auf Verdrängtes und Projiziertes, beginnt die Nacht und liefert entsprechendes Traummaterial. Das das Ganze, bei aller Bedeutung des Themas, keine todernste Angelegenheit sein muss, sondern eine muntere Quelle von Aha Erfahrungen und (auch) freudiger Überraschungen und Wiedererkennungen sein kann, dafür liefert das Buch viele Hinweise und Beispiele.

Man kann die Bedeutung von Schattenarbeit, individuell und kollektiv, für das Wohlergehen der Menschen und der Menschheit insgesamt, nicht genug hervorheben und betonen, und wie das geschehen kann, dafür liefert das Buch von Dahlke ein hervorragendes Beispiel.

Im Vergleich mit Wilber gibt es einen Aspekt, der mir bei Dahlke fehlt, und das ist die Entwicklungsbetrachtung, wie sie Wilber unter Heranziehung der Entwicklungspsychologie leistet. Die Entwicklungsstufe, auf der sich ein Mensch befindet ist ein wesentlicher Horizont und Aspekt bei der Schattenarbeit. Für Dahlke ist „Selbstverwirklichung ... Durchlichtung und Bewusstmachung des Schattens.“ Wilber fügt dem Schattenweg noch den Strukturweg und den Zustandsweg hinzu, und sieht Entwicklung als eine Kombination von allen dreien.

Potenziale, die nicht verdrängt wurden, sondern im Entwicklungsweg noch nicht aufgetaucht sind, können nur durch Entwicklung hervorgebracht werden, sei es in der kognitiven, moralischen, sozialen, emotionalen, spirituellen oder kinästhetischen Entwicklungslinie.

Davon abgesehen gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen Dahlke und Wilber, die bereits eingangs erwähnt wurden: die Hervorhebung der Bedeutung von Schattenarbeit, nicht nur als etwas „Psychologisches“, sondern als einen zentralen Lebensaspekt, die Beziehung von Schattenarbeit und Spiritualität, die Bedeutung von Praxis, und die sowohl analytisch klare wie auch leidenschaftlich emotionale, aufrüttelnde Sprache beider, und das Eintreten für ein besseres Leben und für eine bessere Welt.   


Quelle: Online Journal 29, 2011