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25.9.2017 : 1:05 : +0200

Teresa von Avila: Die innere Burg

eine Buchbesprechung von Michael Habecker


Die innere Burg, geschrieben in der Zeit vom 2. Juni 1577 bis 5. November 1577, gehört zur klassischen spirituellen Literatur und ist eine unerschöpfliche und frische Quelle für alle diejenigen, die sich auf den inneren Weg begeben und dabei nach verlässlichen Begleitern suchen. Auf Drängen ihres Beichtvaters schrieb Teresa als Angehörige des Ordens der Karmelitinnen, die später selbst mehrere Klöster gründete, ihre Erfahrungen nieder, als eine Hilfestellung für ihre Ordensschwestern. Niemand wäre wohl überraschter als sie selbst, dass dieser Bericht, der eigentlich eher eine Vortragsniederschrift darstellt, die sie selbst nicht korrigierend gelesen hat, zu einem Buch wird, das über Jahrhunderte gelesen wird.
Ich möchte im Folgenden Ausschnitte aus diesem wunderbaren Text nach unterschiedlichen Themenschwerpunkten geordnet vorstellen.

Zuvor ein paar einleitende Hinweise.
 
Ausgehend vom Wilber-Combs Raster lassen sich die Zustandsstufen und  Strukturstufen des Bewusstseins unterscheiden. Teresas Bericht ist eine klassische Erläuterung des Durchlaufens eines Zustandsweges, beginnend beim grobstofflichen Bereich, über eine subtile Gotteserfahrung bis hin zur kausalen Gottesidentität und einer Nichtdualität der Vereinigung der Welt der Leere mit der Welt der Formen. Sie beschreibt diesen inneren Weg auch als einen Weg durch „sieben Wohnungen“ der inneren Burg. Diese sieben Wohnungen entsprechen in etwa den Kreisen von grobstofflich, subtil, kausal, Zeuge, nichtdual, wie sie im vorigen Wilber-Beitrag vorgestellt wurden. Dass sich das Selbsterleben dabei dramatisch verändert, beschreibt Teresa in der wundervollen Analogie dreier Selbste: einer Raupe, einem Schmetterling und dem was folgt, wenn dieser Schmetterling stirbt.
Teresa lebte in einer Zeit, in der die mythologische Bewusstseinsstruktur die höchstentwickelte und allgemein vorherrschende Struktur war. Dies muss man sich immer wieder beim Lesen vergegenwärtigen. Was wir heute als rationale,   pluralistische und integrale kollektive Bewusstseinsstrukturen vorfinden (Letztere noch im Entstehen begriffen), war zu Lebzeiten von Teresa noch nicht vorhanden. Natürlich gab es bereits Rationalität, aber diese Rationalität wurde entweder in den Dienst mythologischer Glaubensvorstellungen gestellt (Wilbers „mythisch-rationale“ Ebene) oder aber es handelte sich um mutige Vorstöße einzelner Pioniere in eine kommende Struktur hinein, die erst mit der Aufklärung an Kontur, Eigenständigkeit, Tiefe und Breite gewinnt. Zu den Mutigen, die es wagten der Rationalität zu ihrem eigenen Recht zu verhelfen, auch im Bereich von persönlicher Erfahrung und Religion, gehört Teresa.

Der Text: Die innere Burg

Tinnitus
… weil ich schon seit der Monaten ein solches Dröhnen und eine solche Schwäche im Kopfe fühle, daß ich selbst die unumgänglichen Schreibarbeiten nur mühsam erledigen kann.
Während ich dies schreibe, denke ich über das nach, was in meinem Kopf vor sich geht: jenes Dröhnen, von dem ich eingangs gesprochen habe ... Es klingt genauso, als wären darin viele wasserreiche Flüsse und als stürzten diese Wasser alle in die Tiefe. Es ist wie das Durcheinanderzwitschern vieler kleiner Vögel, und zwar nicht in den Ohren, sondern im oberen Teil des Kopfes.    

Selbsterkenntnis, Weg des Aufwachens
Nicht wenig Elend und Verwirrung kommt daher, daß wir durch eigene Schuld uns selbst nicht verstehen und nicht wissen, wer wir sind.  
Ich weiß nicht, ob ich es recht verständlich gemacht habe; denn es ist eine so wichtige Sache, dieses Erkennen unseres eigenen Ichs, daß ich wünschte, ihr möchtet niemals darin ermatten, so hoch ihr auch in den Himmel emporgestiegen sein möget.
Doch nach meiner Ansicht werden wir mit unserer Selbsterkenntnis nie zu Ende kommen, wenn wir nicht danach trachten, Gott zu erkennen  
Der Gedanke, wir würden in den Himmel kommen, ohne in uns zu gehen, ohne uns selber zu erkennen, unser Elend zu bedenken, unsere Schuld vor Gott, und ohne ihn vielmals um Erbarmen zu bitten, ist also töricht und widersinnig.     
Meist kommen alle Unruhen und Schwierigkeiten daher, daß wir uns selbst nicht erkennen.

Beginn im Grobstofflichen, von außen nach innen
All unsere Achtsamkeit gilt der rohen Einfassung, der Ringmauer dieser Burg, das heißt: den Körpern.  
Doch kehren wir zu unserer schönen, beglückenden Burg zurück, und schauen wir, wie wir hineingelangen können. Es scheint, als sage ich Unsinn, denn wenn diese Burg die Seele ist, so ist doch klar, daß man nicht hineingehen muß, da man ja selbst die Burg ist. Doch ihr müßt verstehen, daß zwischen Darinnensein und Darinnensein ein großer Unterschied besteht. Es gibt viele Seelen, die sich im Wehrgang der Burg aufhalten – also dort, wo die Wachen stehen – und denen nichts daran gelegen ist, ihre inneren Anlagen zu betreten. Sie wissen nicht, was an diesem wundervollen Ort zu finden ist, noch wer darin weilt, ja nicht einmal, was für Gemächer die Burg umschließt.
Nach meiner Erfahrung sind das Gebet und die Andacht das Tor, durch das man die Burg betreten kann. 

Gewürm und Dämonen  
Endlich treten sie in die ersten Gemächer ein, doch mit ihnen dringt so viel Gewürm ein, daß sie weder die Schönheit der Burg zu sehen vermögen noch zur Ruhe kommen können. Schwer genug ist es ihnen gefallen, überhaupt hereinzukommen. 
Erkennt, daß es wenige Wohnungen in dieser Burg gibt, wo die Dämonen den Kampf aufgeben.

Wesenskern
Hier ist zu bedenken, daß die Quelle, daß jene strahlende Sonne, die sich in der Mitte der Seele befindet, ihren Glanz und ihre Schönheit nicht verliert. Sie bleibt beständig darin, und nichts kann sie ihrer Schönheit berauben.

Die Burg
Ihr dürft euch nicht vorstellen, daß diese Wohnungen wie aufgereiht eine hinter der anderen liegen. Richtet vielmehr eure Augen auf die Mitte, die das Gemach und der Palast ist, wo der König weilt, und stellt die Burg euch vor wie eine Zwergpalme, bei der viele Hüllen das köstliche Herzblatt umschließen. Man lasse sie [die Seele] durch all diese Wohnungen wandeln, aufwärts und abwärts und nach den Seiten hin.  

Tugend/Haltung 
Solange wir uns auf dieser Erde befinden, gibt es nichts, was für uns wichtiger wäre als die Demut. Und darum sage ich nochmals, daß es sehr gut und ganz vortrefflich ist, wenn man danach strebt, zuerst in jenes Gemach zu gelangen, wo es um diese Tugend geht, ehe man zu den anderen fliegt.
Denn Übertreibungen sind nicht gut, auch nicht in der Tugend.
Laßt uns verstehen, meine Töchter, daß die wahre Vollkommenheit die Liebe zu Gott und dem Nächsten ist und daß wir desto vollkommener werden, je vollkommener wir diese zwei Gebote halten. Unsere ganze Ordensregel und ihre Satzungen dienen nur als ein Mittel, damit wir diesen beiden Forderungen immer mehr und immer besser entsprechen. Lassen wir darum alles fürwitzige Eifern, das uns großen Schaden antun kann. Ein jeder schaue auf sich selber. Diese gegenseitige Liebe ist so wichtig, daß ich wollte ihr würdet sie niemals vergessen; denn wenn wir herumgehen und auf nichtige Kleinigkeiten blicken, die wir an anderen auszusetzen haben und die manchmal gar keine Mängel sind, sondern die wir vielleicht nur wegen unseres beschränkten Wissens als anstößig betrachten, so kann unsere Seele den Frieden verlieren und sogar die der anderen beunruhigen.

Freude, Wonnen, Liebe
Denn die Vervollkommnung besteht nicht in den Wonnen, sondern darin, daß man mehr liebt – dem entspricht auch der Lohn – und daß man gerechter und wahrhaftiger handelt.
Ich möchte auch nur darauf hinweisen, daß es, wenn man auf diesem Weg gut vorankommen und zu den ersehnten Wohnungen emporsteigen will, nicht darauf ankommt viel zu denken, sondern viel zu lieben. Darum tut das, was am meisten Liebe in euch erweckt. 
Denn ob wir Gott lieben, das kann man nicht wissen (obwohl es deutliche Anzeichen gibt, die es erkennen lassen); aber ob wir unseren Nächsten lieben, das merkt man. Und ihr dürft mir glauben: Je mehr ihr hierin Fortschritte macht, umso tiefer ist eure Liebe zu Gott.

Werke und Tun
Werke will der Herr! Und wenn du eine Kranke siehst, der du eine Linderung verschaffen kannst, sollst du dir nichts daraus machen, daß es dich deine Andacht kostet, sondern dich ihrer erbarmen.

Schattendynamiken
… so daß wir im guten Eifer, andere von ihren Sünden zu befreien, selber den Dingen nicht zu widerstehen vermöchten, die uns dabei begegnen könnten. Schauen wir auf unsere eigenen Fehler und lassen wir die fremden …
Dabei könnte es vielleicht sein, daß wir von demjenigen, über den wir bestürzt sind, im Wesentlichsten wohl etwas zu lernen vermöchten …
Es gibt auch keinen Grund, warum wir wünschen sollten, alle möchten unseren Weg gehen …

Zustandsentwicklung
Obwohl es das übliche ist, daß man zunächst in den Räumen gewesen sein muß, von denen wir eben gesprochen haben, so ist dies doch keine starre Regel… denn der Herr gibt seine Güter, wann er will und wie er will und wem er will.  

Denken/Verstand/Intuition
Ich habe mich manchmal sehr verängstigt in diesem Tumult des Denkens umherbewegt, und es ist wohl kaum mehr als vier Jahre her, daß ich durch Erfahrung zu der Erkenntnis kam, daß das Denken oder die Einbildungskräfte – um es verständlicher zu sagen – nicht der Verstand ist. Da der Verstand eine der Seelenkräfte ist, kam es mich hart an, daß er zuweilen so unbeholfen, so wenig flügge war, während das Denken für gewöhnlich so schnell umherfliegt, daß nur Gott es aufzuhalten vermag.  
Lassen wir also diese Klappermühle ruhig weiterrattern, und mahlen wir unbeirrt unser Mehl, indem wir die Tätigkeit unseres Willens und unseres Verstandes nicht aufgeben.  
Doch solange wir noch nicht wissen, ob dieser König uns gehört hat oder ob er uns sieht, sollten wir uns nicht so anstellen, als hätten wir keine Vernunft.  Solch ein Bemühen treibt die Seele in schlimme Torheit und läßt sie noch mehr verdorren. Vielleicht wird die Phantasie durch die gewaltsame Anstrengung, mit der man sich gezwungen hat, nichts zu denken, sogar noch unruhiger.
Nach meiner Erfahrung ist es für die Seele am besten, wenn sie versucht, ohne jede Gewalt und ohne Lärm das Hin- und Herschweifen des Verstandes zu zügeln, ohne das Denken und den Verstand deshalb außer Kraft setzen zu wollen.       
Unterscheidendes Denken ist Denken bei dem man was man wahrnimmt, erfährt, sieht, hört. Es geht um Unterscheidung von Melancholie, krankhafter Phantasie, wessen Geistes eine Stimme ist. Kennzeichen: eine wirkende und redende „Macht“, eine große Ruhe, Worte hinterlassen starke Gewißheit und eine nicht umzuwerfende Sicherheit in der Seele. Entstammen jene Stimmen aber der Einbildung, so ist keines dieser Zeichen zu gewahren, weder Gewißheit noch Friede oder innere Freude.      
Doch er [der Wille] kann nicht auf das Denken verzichten, vor allem nicht, bevor er in diese letzten Wohnungen gelangt; er wird sonst nur Zeit verlieren, denn oft bedarf es der Hilfe des Verstandes, damit der Wille entflammt wird.
Ihr wißt ja, daß es nicht dasselbe ist, ob man mit dem Verstand sich etwas erdenkt oder ob die Erinnerung dem Verstand Wahrheiten vergegenwärtigt.                                                                                                                     

Die Wohnungen

Die erste Wohnung
Obwohl dies die erste Wohnung ist, birgt sie doch großen Reichtum und ist von hohem Wert.
… gibt es dort wohl in jedem Raum viele Legionen von Dämonen …
Hier, wo die Seelen noch von der Welt durchtränkt sind, wo sie noch in irdischen Vergnügungen befangen sind und verwirrt werden von weltlichen Ehren und Ansprüchen, hier haben die Vasallen der Seele – die Sinne und Geisteskräfte, die Gott ihr von Natur aus gegeben hat – noch nicht die nötige Kraft.
Ihr werdet gewahren, daß in diese erste Wohnung noch beinahe nichts von jenem Lichte dringt, das von dem Palast ausgeht, wo der König weilt. Aber nicht das Gemach ist daran schuld – ich weiß nicht, wie ich es verständlich machen soll –, sondern daß so viele böse Wesen, Nattern und Ottern und anderes giftiges Getier mit der Seele herein gelangt sind und ihr nun das Licht verdecken. Der Raum ist hell, aber die Seele genießt es nicht, weil dieses wilde Getier sie daran hindert.   
Um in die zweite Wohnung gelangen zu können, ist es sehr wichtig, daß man sich – soweit es der Stand erlaubt, dem man angehört – bemüht, sich aller unnötigen Dinge und Geschäfte zu entledigen.  

Die zweite Wohnung
Die Tiere, die wild durcheinanderwimmeln, sind so giftig, und so gefährlich ist ihre Nähe, daß es ein Wunder ist, wenn sie einen nicht straucheln lassen und zu Fall bringen.
Die Ausdauer ist hier das Wichtigste …
Doch die Schlacht, welche die Dämonen uns hier mit tausenderlei Waffen liefern, ist entsetzlich und schmerzlicher für die Seele als alles zuvor; denn damals war sie stumm und taub – zumindest hörte sie sehr wenig – und leistete weniger Widerstand. Hier dagegen ist die Vernunft lebendiger, die Geisteskräfte sind wendiger, und die Hiebe sausen so heftig hernieder, die Geschütze donnern so mächtig, daß die Seele es nicht mehr überhören kann.
O welche Qual befällt die arme Seele, die nicht weiß, ob sie weitergehen oder in die erste Wohnung zurückweichen soll. Die Vernunft freilich deckt ihr die Täuschung auf und gibt ihr den Gedanken ein, daß all dies belanglos ist, verglichen mit dem, wonach sie strebt.
… was für eine hochwichtige Sache es ist, mit Menschen umzugehen, die nach demselben Ziele streben, und wie sehr es darauf ankommt, sich nicht nur an die zu halten, die im gleichen Raume sind, wo sie sich selber befinden, sondern auch an jene, von denen sie weiß, daß sie schon weiter zur Mitte vorgedrungen sind.
Man glaube ja nicht, daß es zu Beginn dieses Unternehmens irgendwelche Annehmlichkeiten gebe.
Nie wird man das Unbehagen und die Versuchungen loswerden. Denn hier sind noch nicht die Wohnungen, wo es Manna regnet.
Kann es etwas Schlimmeres geben, als daß wir uns in unserem eigenen Haus nicht zurechtfinden? Wie können wir hoffen, in anderen Häusern Ruhe zu finden, wenn wir sie im eigenen nicht zu finden vermögen?
… daß der Rückfall schlimmer ist als der Fall.
Nicht gewaltsam müßt ihr vorgehen, wenn ihr euch zu sammeln beginnt, sondern mit Sanftheit, damit ihr es mit größerer Beständigkeit tun könnt.

Die dritte Wohnung
Ich sage „Sicherheit“ und habe mich damit schlecht ausgedrückt; denn die gibt es nicht in diesem Leben.  
Haltet euch nichts zugut auf die Abgeschlossenheit, in der ihr lebt, noch auf eure Bußübungen. Auch solltet ihr euch nicht in Sicherheit wähnen, weil ihr immer von Gott redet, euch ständig im Gebet übt, so fern von den weltlichen Dingen lebt und sie – wie ihr meint – verschmäht.
O Demut, Demut! Ich weiß nicht, welche Versuchung ich in dieser Hinsicht fühle; denn ich werde die Vermutung nicht los, daß es demjenigen, der diese Dürrezeiten so bejammert, ein wenig an dieser Eigenschaft mangelt.
Ich habe kein Mittel gefunden und finde auch jetzt keines, mit dem solche Menschen [rechtschaffende und in Harmonie lebende, und dennoch leidende] zu trösten wären, außer dem einen, daß man ihnen zeigt, wieviel Mitgefühl man für ihren Kummer hat. Man muß wirklich zusehen, wie sie unter ihrem Elend leiden, und kann ihnen doch nicht widersprechen, weil sie sich alle einig sind in dem Gedanken, daß sie dies für Gott erdulden. Darum kommen sie auch nicht zu der Einsicht, daß ihre eigene Unvollkommenheit daran schuld ist. Damit erliegen diese Menschen, die so weit fortgeschritten sind, einer weiteren Täuschung.

Beispiele:
1.    Ein reicher Mensch, der weder Kinder noch sonst jemanden hat, dem zuliebe er seinen Besitz erhalten wolle, verliert etwas von dieser Habe, aber nicht so viel, daß der Rest, der ihm verbleibt, nicht dazu ausreichen würde, ihm das Nötigste für seine Person und für sein Haus zu bieten; er hat vielmehr mehr als genug. Wäre dieser Mensch nun so aufgeregt und ruhelos, als habe er kein Stückchen Brot mehr zu essen – wie sollte unser Herr da von ihm fordern, daß er um seinetwillen alles verlasse?

2.    Ein anderer Mann hat reichlich zu essen, ja im Überfluß. Da bietet sich ihm die Gelegenheit, noch mehr Besitz zu erwerben. Nimmt er, was man ihm gibt – schön und gut; doch wenn er sich darum abmüht und, nachdem er es bekommen hat, mehr und immer mehr haben will, aus welch guter Absicht auch immer (denn die hat er sicher, da es sich ja, wie gesagt, um lauter tugendhafte, dem Gebet ergebene Personen handelt), so mag man dessen sicher sein, daß er niemals zu den Wohnungen emporsteigen wird, die dem König am nächsten sind.

3.    Das gleiche geschieht, wenn diese Menschen eine Geringachtung erfahren oder wenn man ihre Ehre ein wenig schmälert. Gott erweist ihnen zwar die Gnade, daß sie es oft mit Geduld ertragen können, aber dennoch erfüllt sie eine solche Unruhe, die sie völlig aus der Fassung bringt und der sie sich nicht so rasch entledigen können. Ach Gott, sind dies nicht dieselben Menschen, die schon seit so langer Zeit in der Betrachtung leben, wieviel der Herr gelitten hat, wie gut das Leiden ist, und die sich selber sogar danach sehnen? 

Die vierte Wohnung
… hier fangen die übernatürlichen Dinge an … es gibt dort so feine Dinge zu sehen und zu verstehen, daß der Verstand sich nicht auszudenken vermag. 
Nur selten dringen in diese Wohnung die giftigen Wesen ein.
Die Befriedigung oder Freuden im Gebet beginnen in unserer eigenen Natur und enden in Gott; die Wonnen dagegen beginnen in Gott, und die Natur empfindet sie und genießt sie genausosehr wie die Freuden, ja noch viel mehr. O Jesus, wie sehr wünschte ich, dies erklären zu können.       
Stellen wir uns zwei Brunnenbecken vor, die sich mit Wasser füllen. Bei dem einen kommt das Wasser von weither durch viele Röhren, mittels kunstvoller Vorrichtungen; das andere aber ist unmittelbar dort erbaut, wo das Wasser entspringt, und es füllt sich völlig lautlos. Das durch Röhren herbeigeleitete Wasser gleicht meines Erachtens den Befriedigungen, von denen ich gesagt habe, daß wir sie durch Meditation erlangen. Und wenn es endlich dank unserer Anstrengungen kommt, so stürzt es in tosendem Schwall herein. Dem anderen Brunnen strömt das Wasser unmittelbar vom Quellort zu – nämlich von Gott – es quillt friedvoll und mit größter Ruhe und Sanftheit aus dem tiefsten Inneren unseres eigenen Wesens hervor.
„Ja, wie soll man sie [diese Wonnen] dann erlangen, wenn man sie nicht erstrebt?“ Darauf antworte ich daß es kein besseres Verhalten gibt als das welches ich euch nannte, nämlich nicht danach zu trachten.
Die Sinne und äußeren Dinge scheinen mehr und mehr an Recht zu verlieren, da die Seele ihr verlorenes Privileg in wachsendem Maß zurückgewinnt.   
Aber denkt nicht, es könne durch den Verstand erworben werden, indem man sich bemüht. Was ich meine vollzieht sich auf andere Weise. Man hat das deutliche Gefühl, als werde man sanft in das Innere zurückgezogen. Wer es erlebt, wird es gewahren. 
Auch sollte man diese Menschen veranlassen, sich nicht stundenlang dem Gebet zu widmen, sondern nur ganz kurz, und sollte dafür sorgen, daß sie genügend schlafen und essen, bis sie wieder ordentlich zu Kräften kommen.

              
Die fünfte Wohnung
Wie könnte ich euch den Reichtum und die Schätze und Wonnen sagen, die es in der fünften Wohnung gibt? Ich glaube, es wäre besser, von allem weiteren gar nichts zu sagen; denn es ist unmöglich, es auszudrücken, und der Verstand kann es nicht begreifen, und kein Vergleich reicht aus, es zu erklären, weil die Dinge der Erde dafür viel zu niedrig sind.
Hier dagegen ist sie [die Seele] völlig in tiefen Schlaf versunken, der sie den Dingen der Welt und sich selber gänzlich entrückt. Denn in der kurzen Zeit, die es dauert, ist sie wirklich ohne Besinnung, so daß sie nicht zu denken vermag, selbst wenn sie wollte. Hier bedarf es keiner künstlichen Bemühungen, um dem Denken Einhalt zu gebieten.
Wie erfassen wir dann das, was wir nicht sehen, mit solcher Sicherheit? Das weiß ich nicht. Es ist sein Werk. Doch ich weiß, daß ich die Wahrheit sage. Und wenn jemand danach nicht diese Sicherheit hat, so würde ich sagen, daß es keine Vereinigung der ganzen Seele mit Gott gewesen ist, sondern nur die einer einzelnen Seelenkraft, also eine der vielen anderen Arten von Gnaden, die Gott der Seele erweist. 
Wieviel neue Leiden beginnen für diese Seele! Wer hätte das gedacht, nach einer so hohen Gnade? Auf die eine oder andere Weise müssen wir eben das Kreuz tragen, solange wir leben. Und sollte jemand behaupten, er fühle sich, seitdem er auf diese Stufe gekommen sei, immer in Ruhe und Annehmlichkeit – von dem würde ich sagen, daß er niemals so weit gekommen ist.
Oh, wie begehrenswert ist diese Vereinigung! Glücklich die Seele, die sie erlangt hat; denn sie wird schon in diesem Leben voll Ruhe sein und im anderen auch.  
Nachdem wir so weit gekommen sind, ist es unmöglich, daß wir in unserem Wachstum stehenbleiben; denn die Liebe ist nie müßig.

Die sechste Wohnung
Beginnen wir denn mit Hilfe des Heiligen Geistes von der sechsten Wohnung zu sprechen, wo die Seele schon verwundet ist von der Liebe des Bräutigams, wo sie noch mehr nach Einsamkeit strebt und – je nach ihrem Stande – sich möglichst all dessen zu entledigen sucht, was ihr diese Einsamkeit stören könnte. Ich habe schon gesagt, daß man in diesem Gebet nichts derart sieht, daß man es ein Segen der Augen oder der Phantasie nennen könnte.
Oh mein Gott, wieviel innere und äußere Mühsal muß sie erleiden, bevor sie in die siebte Wohnung eintritt! (Tratsch unter den Leuten, mit denen man zu tun hat, Verleumdungen, Krankheiten und Schmerzen, Ignoranz und Unwissenheit, z. B. in der Gestalt eines Beichtvaters, der „alles als Werk des Teufels oder der Melancholie verdammt“, Anfechtungen jeder Art)
Es ist unsagbar, denn es sind Bedrängnisse und Schmerzen im Geist, für die es keinen Namen gibt. Das beste Mittel (nicht um davon befreit zu werden – denn so eines habe ich nicht gefunden –, sondern um es ertragen zu können) ist, sich guten praktischen Werken zu widmen und auf das Erbarmen Gottes zu warten, das keinem versagt bleibt, der auf ihn harrt. Es bleibt einem in diesem Sturm nichts weiter übrig, als auf das Erbarmen Gottes zu warten. 
Daß es sich hierbei um keine Einbildung handelt, ist völlig klar; denn selbst wenn man jene Empfindung ein andermal bewußt wieder in sich hervorrufen wollte, so gelingt einem dies nicht. Es ist etwas so Offenkundiges, daß man es sich in keiner Weise vorspiegeln kann; das heißt: man kann nicht meinen, es sei vorhanden, wenn es nicht da ist, noch seine Wirklichkeit bezweifeln, wenn man es erfährt.
Verzückung: Ich weiß nicht, ob ich damit ein bißchen verständlich gemacht habe, was eine Verzückung ist; denn – wie gesagt – es ist unmöglich, dies vollkommen faßbar darzustellen. Ich glaube nicht, daß es irgendwie abträglich ist, davon zu reden, so daß man erkennt, wie sehr die echten Verzückungen sich von den vorgeblichen unterscheiden.
Geistesflug: Meint ihr, man erschrecke nicht, wenn man hellwach bei Sinnen ist und merkt, wie einem die Seele fortgerissen wird, ohne daß man weiß, wohin und von wem und auf welche Weise sie entführt wird?
Es scheint dabei wirklich so, als verlasse er [der Geist] den Leib, wobei es andererseits keinen Zweifel gibt, daß die betreffende Person nicht tot ist; zumindest einige Augenblicke lang aber kann sie selbst nicht sagen, ob sie im Körper ist oder nicht. In einem Augenblick wird ihr da eine solche Unzahl von Dingen gezeigt, daß sie in vielen Jahren der Mühe mit ihrer Phantasie und ihrem Denken nicht ein Tausendstel davon zusammenbrächte. Dies ist keine Vision des Verstandes, sondern eine bildhafte Schau, die man mit den Augen der Seele viel besser aufnehmen kann, als wir hier mit denen des Körpers sehen.
Weder die eigene Einbildung noch der Teufel könnten einem Dinge vor Augen führen, die eine solche Wirkung, solchen Frieden, solche Ruhe und so viel Gewinn in der Seele hinterlassen, vor allem aber drei Dinge in reichem Maße: Erkenntnis der Größe Gottes, Selbsterkenntnis und Demut und eine Geringachtung aller Dinge dieser Erde, außer denen, die sie im Dienst für einen so großen Gott gebrauchen kann.
Verfolgung und böse Nachrede lassen nicht auf sich warten. Die Seele will zwar furchtlos bleiben, aber man erlaubt es ihr nicht. Viele Leute flößen ihr da Ängste ein, vor allem die Beichtväter.
Die Seele möchte entfliehen und beneidet sehr die Einsiedler, die in den Wüsten lebten oder noch heute dort leben. Aber auf der anderen Seite möchte sie am liebsten mitten in der Welt gehen, um zu sehen, ob sie nicht etwas dazu beitragen kann, daß auch nur eine Seele Gott inniger lobe.  
Ich bin überzeugt, daß der Schmerz nicht aufhören wird, bis wir dort sind, wo uns nichts mehr ein Leid zufügen kann.
Manche Seelen, die eben erst zum Gebet der Ruhe gelangen und sich der Tröstungen und Wonnen zu erfreuen beginnen, die der Herr dort schenkt, scheint es, als sei es etwas sehr Großes, dort in ewigem Genusse zu verweilen  ... Ich glaube, damit ist hinreichend verständlich gemacht, weshalb keiner – so vergeistigt er auch sein mag – die körperlichen Dinge so sehr meiden sollte, daß ihm selbst die allerheiligste Menschlichkeit noch als schädlich erscheint ... Die Täuschung, in der ich mich – nach meiner Meinung – selbst befand … bewirkte nur, daß ich nicht mehr mit der gleichen Freude an unseren Herrn Jesus Christus dachte, vielmehr der Versunkenheit mich hingab, um auf das Geschenk jeder Wonnen zu warten. Und ich sah klar, daß ich nicht auf dem rechten Wege war; denn da ich diese Gnade nicht immer erfahren konnte, gingen die Gedanken hin und her, und die Seele flatterte im Kreis herum wie ein Vogel, der nicht weiß, wo er sich niederlassen soll.
Jetzt wollen wir zu den bildhaften Visionen kommen … Ich spreche zwar von einem Bild, aber ihr müßt wissen, daß es dem, der es sieht, nicht wie gemalt erscheint, sondern als wirklich lebendig, und zuweilen redet es mit der Seele, ja es zeigt ihr große Geheimnisse.
Manche Leute haben eine so kränkliche Phantasie (und ich weiß, daß es wahr ist, denn sie haben mit mir darüber gesprochen, nicht nur drei oder vier, sondern viele), ihr Geist ist so lebhaft, daß sie meinen, alles was sie denken, klar und deutlich vor sich zu sehen. Hätten sie eine wirklich Vision erlebt, würde sie die Täuschung so klar erkennen, daß ihnen nicht der geringste Zweifel bliebe; sie selber fügen nämlich das zusammen, was sie in ihrer Phantasie sehen, und es bleibt keinerlei Wirkung zurück, sie bleiben vielmehr kalt, viel kälter, als wenn sie ein gemaltes Andachtsbild betrachtet hätten. Es ist so selbstverständlich, daß man sich nichts daraus zu machen braucht, und darum vergißt man es schneller als einen Traum. Bei den Visionen, von denen wir reden, ist das nicht so.
Beliebt es dem Herrn, so geschieht es, daß die Seele, während sie im Gebet und voll bei Sinnen ist, jählings von einer Entrückung erfaßt wird, in welcher der Herr ihr große Geheimnisse zu verstehen gibt, die sie anscheinend in Gott selber sieht. Denn dies sind keine Visionen der allerheiligsten Menschlichkeit, und wenn ich auch sage, die Seele sehe, sieht sie doch nichts, weil es keine Vision ist, sondern eine rein intellektuelle Schau, wo sich ihr enthüllt, wie in Gott alle Dinge geschaut werden und wie er sie alle in sich birgt.
Obgleich die Seele nun schon seit vielen Jahren diese Gunstbeweise erhält, seufzt sie doch immer und geht verweint umher; denn jede solche Erfahrung verstärkt ihren Schmerz. Und zwar deshalb, weil sie mehr und mehr die Herrlichkeit Gottes erkennt und sich zugleich so ferne davon sieht, so geschieden von ihm, an dem sie sich freuen will.
Wenn die Seele so entbrannt ist und sich verzehrt, geschieht es oft, durch einen flüchtigen Gedanken (Wie lange der Tod wohl noch auf sich warten läßt? – oder durch irgendein Wort, das sie daran erinnert), daß von irgendwoher – man begreift nicht, woher es kommt oder wie – ein Stoß sie trifft oder etwas wie ein feuriger Pfeil. Ich sage nicht, daß es ein Pfeil ist; aber was es auch sein mag – man erkennt klar, daß es nicht aus unserer Natur kommen kann. Genausowenig ist es ein Stoß, auch wenn ich „Stoß“ sage; doch es verwundet scharf, und zwar nicht dort, wo man gewöhnlich die Schmerzen fühlt, sondern – so scheint es mir – zutiefst im Innern der Seele. Dahinein schlägt dieser Blitz, der alles, was er Irdisches an unserer Natur findet, geschwind durchzuckt und in Staub verwandelt. 
Dieses Erleben ist eine Qual, aber es hinterläßt gewaltige Wirkungen in der Seele. Sie fürchtet fortan keine Leiden mehr, die noch kommen mögen    

Die siebte Wohnung
Er [der Herr] läßt sie [die Seele] nicht fühlen, wie und von welcher Art die Gnade ist, die sie genießt; denn das große Entrücken, welches da die  Seele empfindet, besteht darin, daß sie gewahrt, wie nahe sie bei Gott ist. Wenn er sich aber mit ihr vereint, so begreift sie nichts davon, weil ihr alle Seelenkräfte schwinden. Hier dagegen ist es anders. Nun will unser guter Gott ihr die Schuppen von den Augen nehmen.
Nachdem sie durch eine Verstandesschau in jene Wohnung geführt worden ist, zeigt sich ihr – gleichsam als Darstellung der Wahrheit – die Heilige Trinität, in allen drei Gestalten, mit einer Entflammung, die zuerst wie ein Wolke höchster Klarheit vor ihren Geist kommt. Und durch eine wundersame Wahrnehmung, die der Seele zuteil wird, begreift wie, daß all die drei Gestalten gewißlich und wahrhaftig ein Wesen sind und eine Macht und ein Wissen und ein einziger Gott.
Wir müssen nämlich wissen, daß ein riesiger Unterschied zwischen allen vorhergegangenen Visionen und dem besteht, was wir in dieser Wohnung schauen; ein Unterschied, der so groß ist wie der zwischen der geistlichen Verlobung und der geistlichen Ehe, oder wie der zwischen einem verlobten Paar und zweien, die sich nicht mehr trennen können.
Es läßt sich nichts weiter davon sagen, als daß die Seele, ich meine: der Geist dieser Seele – soweit man dies verstehen kann – eins geworden ist mit Gott.
Die Vereinigung gleicht zwei Wachskerzen, die man so dicht aneinanderhält, daß beider Flammen ein einziges Licht bildet; und sie ist jener Einheit ähnlich, zu der der Docht, das Licht und das Wachs verschmelzen. Danach aber kann man leicht eine Kerze von der anderen trennen, so daß es wieder zwei Kerzen sind, und ebenso läßt sich der Docht vom Wachs lösen. Hier jedoch ist es, wie wenn Wasser vom Himmel in einen Fluß oder eine Quelle fällt, wo alles nichts als Wasser ist, so daß man weder teilen noch sondern kann, was nun das Wasser des Flusses und was das Wasser, das vom Himmel gefallen; oder es ist, wie wenn ein kleines Rinnsal ins Meer fließt, von dem es durch kein Mittel mehr zu scheiden ist; oder aber wie in einem Zimmer mit zwei Fenstern, durch die ein starkes Licht einfällt: dringt es auch getrennt ein, so wird doch alles zu einem Licht.
… denn das ist der Ort, wo der kleine Falter, von dem wir gesprochen haben, stirbt, und dies in höchster Wonne, weil sein Leben nunmehr Christus ist.
Führt der Herr die Seele in diese seine Wohnung, welche die Mitte der Seele selber ist, so scheint es, als seien die Regungen in der Seele, die für gewöhnlich in der Phantasie und den Fähigkeiten zu fühlen sind, plötzlich nicht mehr vorhanden.
Man darf das nicht so verstehen, als blieben die Fähigkeiten, die Sinne und Leidenschaften ständig in diesem Frieden. Die Seele selber, ja; doch in den anderen Wohnungen gibt es immer noch Zeiten des Streits, der Leiden und Mühsale, wenn auch nicht in dem Maße, daß sie dadurch ihres Friedens beraubt und von ihrer Stätte verdrängt werden könnte.
Jetzt ist also der kleine Falter gestorben, voll überschwenglicher Freude, daß er nun Ruhe gefunden hat und Christus in ihm lebt.
Die erste Wirkung ist eine Selbstvergessenheit der Seele, die so weit geht, daß es – wie gesagt – wirklich so scheint, als existiere sie überhaupt nicht mehr. Und so kümmert sie sich um nichts, was auch geschehen mag, sondern lebt in einer wundersamen Vergessenheit.
Auch bereitet es solchen Seelen eine große Wonne, wenn sie verfolgt werden, und sie fühlen dabei einen viel tieferen Frieden als bei früheren Gelegenheiten, ohne gegen jene, die ihnen Böses tun oder Böses zufügen wollen, irgendwelche Feindschaft zu hegen. Sie fassen vielmehr eine besondere Liebe zu ihnen, und wenn sie dieselben in einer Bedrängnis sehen, empfinden sie ein tiefes Mitleid und würden alles auf sich nehmen, um sie davon zu befreien.
Am allermeisten verwundert mich aber, daß nun – nachdem ihr ja gesehen habt, unter wieviel Mühen und Qualen diese Seelen sich nach ihrem Tode sehnten, um sich unseres Herrn zu erfreuen –, daß nun ihr Verlangen, ihm zu dienen, ihn zu rühmen und wo möglich einer Seele sich hilfreich zu erweisen, so groß ist, daß sie nicht nur keine Sehnsucht nach dem Tod empfinden, sondern noch viele, viele Jahre voll schwerster Mühen leben wollen, daß Gott gepriesen werde, sei es auch nur im Allerkleinsten.
Was den Aufenthalt in dieser Wohnung von dem Leben in den anderen unterscheidet, ist also, wie gesagt: daß es hier fast nie eine Dürre oder innere Wirren gibt.
Mich selbst verwundert es, daß alle Entrückungen aufhören, sobald die Seele hierher gelangt.
Ihr dürft nicht meinen, Schwestern, die Wirkungen, von denen ich gesprochen habe, hielten bei diesen Seelen ununterbrochen an. Manchmal nämlich überläßt sie unser Herr ihrer Natur. Und da scheint es nicht anders, als rotteten sich alle giftigen aus dem Vorgelände und den verschiedenen Wohnungen dieser Burg zusammen, um sich an ihnen zu rächen für die Zeit, da sie ihnen nichts anhaben können.          


Quelle: Online Journal 48