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24.4.2017 : 21:08 : +0200

Willigis Jägers „Westöstliche Weisheit“

von Michael Habecker

2005 überrascht Ken Wilber die Öffentlichkeit mit einem Manuskript zum Thema Integrale Spiritualität, das er im Internet veröffentlicht. Aus diesem Manuskript wird ein Buch gleichen Titels, welches 2006 im shambhala Verlag erscheint (und unter dem Titel Integrale Spiritualität ein Jahr später auf Deutsch vom Kösel Verlag herausgegeben wird). 2007 veröffentlicht Willigis Jäger im Theseus Verlag unter dem Titel Westöstliche Weisheit seine „Visionen einer integrale Spiritualität“, wie es im Untertitel heißt. Da er auch explizit auf den Begriff des Integralen Bezug nimmt, liegt ein Vergleich zu dem frü­her erschienenen Wilberbuch nahe, und das soll mit dieser Buchbesprechung geschehen. Das ist keine leichte Aufgabe, ist doch Willigis Jäger einer der herausragenden Vertreter einer authentischen, praxisorientierten Religion und Spiritualität im deutschsprachigen Raum, der wie nur wenige die Hoffnungen derjenigen verkörpert und lebt, die sich mit den derzeitigen institutionalisierten Formen von (nicht nur christlicher) Religion nicht zufrieden geben wollen und können.

Nach nur wenigen Seiten Lektüre wird klar, dass Willigis Jäger bei seiner integralen Vision einen anderen Weg einschlägt als Wilber, und zwar den bei der Behandlung des Themas Religion und Spiritualität „üblichen“ Weg einer Rückbesinnung auf die mysti­schen Traditionen. Er schreibt, „Er [dieser Weg] ist bereits einige Jahrtausende alt und in alle Religionen eingegangen und heute aktueller denn je“ (15)

Dieser Weg der Be­freiung von der Identifikation eines separaten Ichs, wie er in den Traditionen beschrie­ben wurde, reicht jedoch bei weitem nicht für eine nicht-duale Spiritualität[1], die Willigis Jäger auch erwähnt und als die höchste Verwirklichung bezeichnet, jedenfalls nicht heute. Sie stellt gewissermaßen nur die Hälfte der Befreiung dar. Dessen ist sich auch Willigis Jäger bewusst, und schreibt nur wenige Zeilen weiter von „einer Bewusstseins­schulung, die Körper, Psyche und Geist integriert“, doch wie genau das zu geschehen hat, darüber wird in dem Buch fast nichts mehr ausgesagt, wohingegen die Befreiung im Absoluten breiten Raum einnimmt. Für Ken Wilber hingegen gehören relative und absolute Befreiung zusammen, als ein wirklich nicht-dualer Befreiungsweg. Daher erläutert er in Integrale Spiritualität erst einmal ausführlich den integralen Ansatz (Einführung) und einen Methodenpluralismus[2] (Kapitel 1), und legt damit auf der Basis unseres heutigen aktuellen Wissens ein Fundament für die Erkenntnis und Beschreibung von Samsara, unserer relativen Wirklichkeit, die es erst einmal genau zu kennen gilt, bevor man sie transzendieren kann.

Willigis Jäger wird nicht müde, immer wieder auf die für unseren Verstand nicht er­fassbare transzendente Wirklichkeit hinzuweisen. Diese absolute (und nicht beschreib­bare, da sie nicht zu einem Erkenntnisgegenstand gemacht werden kann) Wirklichkeit „beschreibt“ auch Wilber, doch er bietet – im Gegensatz zu Willigis Jäger – auch eine aktuelle Beschreibung relativer Wirklichkeit, als der wichtigen zweiten Hälfte der nicht-dualen Gleichung. Oder, in einem von Wilber verwendeten Bild gesprochen, „wenn man aus einem Gefängnis (Samsara) ausbrechen möchte, dann erhöht man seine Ausbruch­schancen durch die Verwendung einer guten Landkarte vom Gefängnis.“

Hinweise dazu gibt es auch bei Willigis Jäger, so erwähnt er kurz die Neurowissen­schaften (33, 73), Psychologie (72) die Quantenphysik (79), die Morphogenetik (49) den Konstruktivismus (28, 74), doch wie diese Erkenntnisdisziplinen in einen (integralen) Gesamtrahmen der Erkenntnis passen, und uns dabei helfen können unser relatives Sein und unser absolutes Sein zu vereinigen, bleibt dabei offen. Stattdessen die Empfehlung einer Wendung nach innen: „Im Außen scheinen wir nicht zum Ziel zu kommen.“ (30)

Natürlich ist der mystische Weg ein vor allem innerer Weg, doch wenn es darum geht die Erfahrungen dieses Weges zu beschreiben, wie es auch Willigis Jäger in seinem Buch macht, dann spielen dabei Dinge der manifesten Welt eine enorme Rolle, wie die individuelle Physiologie, psychodynamische Strukturen und Entwicklungslinien, und kollektive Gegebenheiten wie kulturelle und systemische Bedingungen. Um diese kennen zu lernen reicht die Wendung nach innen nicht aus, dazu bedarf es anderer Er­kenntnismethoden und Perspektiven. Es ist nicht so, dass „In einem ... spirituellen Be­wusstseinsprozess die Identifizierungsvorgänge mit unserem Ich erkannt, durchschaut und relativiert [werden]„ (35) und mit dieser Entidentifizierung gewissermaßen alles in Ordnung wäre. Es ist – spätestens seit Kant – klar geworden, dass die Phänomene meines eigenen Bewusstseins, auch wenn es sich dabei um die Erkenntnis des Absoluten han­delt[3], mir nichts sagen über die Entwicklungsebene, aus der heraus ich diese Phänomene interpretiere, und auch nichts sagen über Deformationen meiner eigenen psychodynami­schen Strukturen („dem Schatten“), die meine Interpretationen färben, ohne das mir das bewusst wäre. Um nur ein einziges Beispiel zu nennen: In dem Buch Zen, Nationalismus und Krieg beschreibt der Autor Brian Daizen A. Victoria, ein Zen Priester, die geistigen Strukturen von Teilen des Buddhismus und Zen in Japan zwischen 1868 und 1945, in dem er anerkannte Vertreter dieser Traditionen im Wortlaut ausführlich zitiert. Dabei kommt eine Menge an nationalistischen und militaristischen Material zutage, als einer – in den Begriffen des mit den Regenbogenfarben bezeichneten Entwicklungsspektrums[4] (4) – Bernstein Entwicklungsstruktur, die nationalistisch-soziozentrisch und fundamen­talistisch ist. War das den Erleuchteten (und es waren authentischen Zen Meister und buddhistische Lehrer die zitiert werden) der damaligen Zeit nicht bewusst? Nein, es war ihnen nicht bewusst, weil mit der Erleuchtungserfahrung eben nicht automatisch auch eine Weiterentwicklung in den Bewusstseinsstrukturen verbunden ist, und auch keine Bewusstwerdung eigener psychodynamischer Schattenanteile erfolgt. Bei Ken Wilber gehören alle drei Aspekte zur Erleuchtung dazu[5], wohingegen bei Willigis Jäger der Schwerpunkt praktisch ausschließlich auf einem Erwachen zum Nicht-Dualen liegt (ohne dass dabei der Entwicklungsstand oder die Schattendynamik erwähnt werden würden, so als ob sich mit dem einen alles andere von selbst erledigen würde). Dies wird an einer Aussage wie „Liebe und Mitgefühl sind die bewegenden Kräfte des Universums“ (42) deut­lich, und natürlich kann man dem nur zustimmen, doch es gibt eben ganz unterschiedli­che Ebenen und Ausdrucksformen von Liebe, auf allen Ebenen des Bewusstseins. Auch Terroristen tun das was sie tun aus Liebe, und um diese unterschiedlichen Arten und Weisen von Liebe voneinander zu differenzieren braucht man gute Landkarten der relativen Welt, um z. B. einen Heilsanspruch wie den der Nazis („am Deutschen Wesen soll die Welt genesen“) von anderen Heilsansprüchen und Reformbewegungen zu un­terscheiden, und auch praktische Lösungen zu entwickeln, wie beispielsweise mit dem Terrorismus umzugehen ist. Willigis schreibt:

„Unser Ich-Bewußtsein hat sich in einen Egozentrismus hinein entwickelt, der den Untergang der Spezies Homo sapiens bedeuten kann, wenn sie sich nicht rechtzeitig in die Richtung eines kosmischen Bewusstseins entwickelt und damit in die Erfahrung der Einheit“ (43). Wiederum kann man dem nur zustimmen, doch es ist nicht so dass unser Bewusstsein sich in einen Egozentrismus hineinentwickelt hat, sondern die Egozentrik ist eine der großen Entwicklungsstufen und –strukturen, die sich im Schöpfungsverlauf gebildet haben, und die jeder Mensch in seiner individuellen Entwicklung durchläuft und durchlaufen muss, als ein Fundament für jede weitere Entwicklung. Um diese Ego­zentrik zu überwinden geht es vor allen darum, sich strukturell weiter zu entwickeln, und nicht so sehr um die Erfahrung einer Einheit. Anders gesagt, ich kann auf jeder der Entwicklungsstufen wie z. B. archisch-magisch-mythisch-rational-integral oder ego­zentrisch-soziozentrisch-weltzentrisch-kosmozentrisch eine Einheitserfahrung machen, doch ich werde diese Erfahrung vor dem Hintergrund meines eigenen Entwicklungsstan­des interpretieren (und interpretieren müssen), was bedeutet dass sich Einheitserfahrung und Egozentrik oder Einheitserfahrung und Nationalismus keineswegs ausschließen.

Um das zu erkennen muss ich jedoch – im Bild gesprochen – auch mal das Meditati­onskissen verlassen, und mich mit Themen der relativen Welt wie dem Entwicklungs­strukturalismus und der Psychodynamik beschäftigen, sonst werde ich diesen meinen eigenen Interpretationsrahmen aller meiner Erfahrungen, einschließlich mystischer Erfahrungen, nicht erkennen. Das nimmt der Meditation nichts von ihrer Größe und Be­deutung für die Bewusstwerdung, es weist jedoch auf die Grenzen dessen hin, was durch Meditation (oder Kontemplation oder Introspektiven oder Phänomenologie allgemein) erkannt werden kann. (Dies ist einer der Gründe der Bedeutung eines integralen Er­klärungsrahmens, wie ihn Wilber mit dem erwähnten Methodenpluralismus entwickelt hat).

Willigis Jäger hat recht wenn er schreibt, „Es wird Zeit, dass wir ein neues Verständnis von Gott, Mensch und Welt zulassen“ (48), doch wie ein theoretisches und methodisch-praktisches Rahmenwerk für dieses neue Verständnis aussieht, welches Platz hat für alle Erkenntnismethoden der Menschheit, und wie man daraus eine integrale Lebenspraxis ableiten ließe, wird dabei nicht gesagt[6]. Eines ist jedoch klar: ein Einheitsbewusstsein und Liebe allein reichen dafür nicht aus.

Willigis Jäger weist in Westöstliche Weisheit immer wieder auf die Begrenzungen und Einschränkungen des institutionalisierten Christentums der heutigen Zeit hin, und es gibt wohl kaum jemand der mehr für die Hinwendung zu einen authentischen Christentum im deutschsprachigen Raum getan hat als er, und zwar nicht nur als Theoretiker, sondern vor allem als praktizierender Mystiker, und die Beschreibung des Unbeschreibbaren in seinem Buch sind eine wunderbare Einladung sich dieser Erlebnisdimension zuzuwen­den, ob als Christ, Angehöriger einer anderen Religion, oder auch als konfessionell un­gebundener Mensch. Das Problem jedoch ist einmal mehr, das mit dieser Hinwendung zum Absoluten, und mit den damit verbundenen Erfahrungen eine Menge wesentlicher Erkenntnis- und Seinsmerkmale nicht aufgedeckt werden (und auch nicht aufgedeckt werden können), Erkenntnisse die für eine integrale Vision von Spiritualität unverzicht­bar sind[7]. Daher muss man Willigis Jäger zumindest teilweise widersprechen wenn er schreibt, „Es geht nicht um die Entwicklung neuer intellektueller Konzepte und Vor­stellungen, sondern um ein umfassenderes Begreifen dessen, was wir Gott, diese letzte Wirklichkeit, nennen.“ (80) Das was wir mit Gotte bezeichnen hängt natürlich stark von individueller Psychodynamik und Entwicklung, und kulturellen und sozialen Gege­benheiten ab, und wenn ich diese nicht kenne (und aus der Meditation alleine werde ich diese Kenntnisse nicht erhalten), und wenn ich mich um diese relativen Aspekte meines Seins nicht kümmere, auf dem jeweils aktuellen (und auch konzeptuellen) Kenntnis­stand der Wissenschaft und Praxis, dann können auch höchste Erfahrungen für schlim­me Irrtümer und sogar auch Verbrechen verwendet werden. „Was wir Gott nennen, ist rational nicht begreifbar, und nur erfahrbar hinter allen Bildern und Konzepten.“ Doch wenn wir ihn (oder sie oder es) benennen, und das tun wir sobald das Denken wieder beginnt, und wir den Mund und unser Herz zum Sprechen öffnen, dann gebrauchen wir unsere Verstand, und es ist ein großer Unterschied ob dieser Verstand weit oder weniger weit entwickelt ist, und ob er durch Verdrängung und Projektion verzerrt ist oder nicht. Dies gehört mit zur nicht-dualen Wirklichkeit“ (88) als einer „letzten Wirklichkeit“, einer Wirklichkeit die sich entwickelt, und morgen eine andere ist als heute. Diese „Nicht-Dua­lität, der ‚Zusammenfall aller Gegensätze’“ (98) bedeutet ja nicht, dass sich alle Gegen­sätze und relativen Bedingtheiten beim Erkennen der Einheit von allem in Wohlgefallen auflösen. Die Gegensätze und Bedingtheiten bleiben bestehen, und die Beschäftigung mit ihnen bleibt eine wesentliche Aufgabe einer zeitgemäßen „integralen Spiritualität“.

Willigis Jäger ist eine der ganz großen Hoffnungen für ein wirkliches und wahrhaftes Christentum und einer authentischen Religiosität allgemein, wo die lebendigen Wurzeln der mystischen Traditionen wieder entdeckt und wieder belebt werden, als eine unver­zichtbare Quelle zur Erfahrung dessen wer uns was wir sind. Mit unermüdlichen Einsatz seiner ganzen Person lebt Willigis Jäger seit vielen Jahren diese trankskonfessionelle Spiritualität, aus einer natürlichen Gründung im Christentum, auch gegen die Widerstän­de der Institutionen. Wir alle sind ihm zu großem Dank verpflichtet, und können seinem Beispiel folgen - es wird uns auf den Weg führen, den die Mystiker aller Traditionen uns vorausgegangen sind, und es ist auch der Weg der Religionsgründer. Was jedoch eine „integrale Spiritualität“ betrifft, würde ich empfehlen in Ergänzung zur Westöstlichen Weisheit auch Ken Wilbers Integrale Spiritualität zu lesen, um sich dann aus der Lektüre beider Bücher (und auch anderer Werke zum Thema) eine Meinung zu bilden.


[1] Das Nicht-Duale ist die – untrennbare – Wesensidentität der Welt der Formen und der Welt der Leere – und während die Welt der Leere und deren Erfahrung weitgehend unverändert geblieben ist, entwickelt sich die Welt der Formen laufend, so dass ein Rückgriff auf „die Traditionen“ dabei nicht weiter führt.

[2] Dabei handelt es sich um eine Gegenüberstellung aller bekannten Seins- und Erkenntnismethoden der Menschheit, von Phänomenologie über Strukturalismus über Hermeneutik über Verhaltensforschung, Kognitionsbiologie, und Systemtheorie usw., wobei deren jeweilige Erkenntnismöglichkeiten und Erkenntnisgrenzen aufgezeigt werden.

[3] Was kein Bewusstseinsphänomen im eigentlichen Sinn ist, sondern die „Erkenntnis“ der Öffnung oder Leere, in welcher alle Phänomene erscheinen und wieder vergehen, der „Eine Geschmack“ des Zen.

[4] Eine von vielen Möglichkeiten das Spektrum der Entwicklung darzustellen, ist die Verwendung der Regenbogenfarben. Dies macht Wilber in Integrale Spiritualität.

[5] Er spricht in diesem Zusammenhang von „den 3 S“, den Bewusstseinstrukturen (Stages), den Bewusstseinszuständen (States), und dem psychodynamischen Schatten (shadow), die alle voll zu entwickeln und zu befreien sind, bevor man von einer „integralen Erleuchtung“ oder „integralen Spiritualität“ sprechen kann.

[6] in Wilbers Integrale Spiritualität ist dem Thema einer „integralen Lebenspraxis“ ein eigenes Kapitel (10) gewidmet.

[7] Das ist praktisch alles das was außerhalb des phänomenologischen Erkenntisrahmens liegt, von Strukturalismus zu den Kognitions- und Verhaltenswissenschaften, von der Autopoiesis zur Systemtheorie, von der Hermeneutik zur Genealogie, – Erkenntnisdisziplinen die nicht nur über das relative Menschsein enorm viel aussagen, sondern auch einen bedeutenden Einfluss auf die Interpretationen dessen haben, was wir als „Absolutes“ oder „Gott“ wahrnehmen.


Quelle: Online Journal Nr. 11, 2008