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25.3.2017 : 16:32 : +0100

Ein Wegweiser zum Erkennen von Selbsttäuschungen

von Ken Wilber

(aus: Integral Life, The Loft Series, The Seeker's Guide to Self-Deception, die Zwischenüberschriften wurden zur besseren Lesbarkeit hinzugefügt)

Einleitung der IL Redaktion

Ken Wilber spricht über die vielen Arten des Selbst, das Wesen von Erleuchtung und das Spektrum der Täuschungsmöglichkeiten, das uns davon abhält zu erkennen wer wir wirklich sind.

Auf unserer Reise des Aufwachens [Zustandsweg] und Aufwachsens [Strukturweg] begegnen wir einer Reihe von Selbsten. Allein in diesem Gespräch erwähnt Ken zehn davon:

Das ultimative Selbst [Ultimate self], das einzigartige Selbst [unique self], das wahre Selbst [True self], das relative Selbst [relative self], das unbegrenzte Selbst [infinite self], das authentische Selbst [authentic self], das falsche Selbst [false self], das endliche Selbst [finite self], das wirkliche Selbst [Real self] und das Ego [ego]. Als wenn die Struktur- und die Zustandsentwicklung nicht schon genug wären, müssen wir uns auch noch mit diesen Selbsten beschäftigen, von denen jedes darum ringt gesehen zu werden, sich auszudrücken, und sie alle müssen zusammengebracht werden, wenn wir als ein einheitlicher Mensch auf unserem Entwicklungsweg voranschreiten wollen. Was könnte uns auf diesem Weg ein guter Reiseführer sein, der uns auf die vielen Möglichkeiten der Selbsttäuschung und des sich Verlierens hinweist, der uns dazu einlädt aufrichtig mit uns selbst zu sein, und uns auch immer wieder zu uns selbst zurückführt, zu unseren Größen und Grenzen?

In einer außergewöhnlichen Tour nimmt uns Ken Wilber mit auf die Reise, geleitet von einer Kartografie der Selbste, die es jedem Suchenden ermöglicht über die Gravitation der eigenen Selbsttäuschungen hinaus zu gelangen.

Zuerst bringt uns Wilber dabei zurück zum ursprünglichen Ziel der mystischen Traditionen: der Verwirklichung des einzigartigen Selbstes, als einer Einheit von wahrem Selbst plus Perspektive – als einer Kultivierung einer lebendigen Erkenntnis des Selbst als einem Nicht-Selbst in einem absoluten Sinn, ohne dabei das Selbst, das im relativen Bereich existiert, zu übersehen. Dann erläutert er ganz detailliert die dreifache Konstruktion des relativen Selbst in einer einfachen Gleichung: Falsches Selbst + Schatten  = authentisches Selbst. Dieses authentische Selbst ist das Ziel vertikalen Wachstums und Transzendenz, das Ergebnis des Aufwachsens, und es ist das was die individuelle Perspektive zum einzigartigen Selbst beiträgt.

Doch die spirituellen Traditionen verwechseln oft das authentische Selbst mit der Selbstkontraktion oder dem Ego, welches als das größte Hindernis der Verwirklichung diffamiert wird. Das macht die Situation nicht nur fürchterlich kompliziert, sondern es verhindert auch das Erscheinen des authentischen Selbst insgesamt – zu einem SELBST das sowohl voll erwacht als auch voll erwachsen und entwickelt ist. Wenn dieses Problem erkannt, und die Beziehung zwischen dem falschen und dem authentischen Selbst verstanden wird, können wir gleichzeitig und frei beide Wege beschreiten: den einen Weg zum Erkennen des wahren Selbst in einem absoluten Sinn, und den anderen Weg hin zu einem authentischen Selbst in einem relativen Sinn.

Danach wendet sich Ken als einem Thema des zweiten Wegs dem Spektrum der Schattenbildung an jedem Entwicklungsdrehpunkt auf dem Entwicklungsweg zu, eine Entwicklungskaskade der Selbsttäuschung der jeder von uns auf dem Entwicklungsweg begegnet ist. Und es ist dieses Spektrum von Subpersönlichkeiten, Schattenaspekten und Selbstkontraktionen, das gelöst werden muss damit das authentische Selbst voll und ganz (er)scheinen kann ...  

Ken Wilber; Ein Wegweiser zum Erkennen von Selbsttäuschungen

Schatten und Selbste

Ich möchte etwas über den Schatten sagen. Als ein Ergebnis der Selbstkontraktion, als eine Überreaktion, werden Anteile des authentischen Selbst – das authentische Selbst ist nicht das wahre Selbst –, abgespalten, dissoziiert und aus dem Selbst-System ausgestoßen. Damit werden diese Anteile unbewusst, und können auf Dinge oder Menschen der Umgebung projiziert werden. Zuerst geht es dabei um den Unterschied zwischen dem authentischen Selbst und dem wirklichen Selbst, (oder dem einzigartigen Selbst, oder dem wahren Selbst). Das einzigartige Selbst, das wirkliche oder das wahre Selbst, ist das unbegrenzte Selbst. Es ist das Selbst ohne Grenzen und Begrenzungen, es ist die reine Leere, die durch ein bestimmtes Augenpaar in die Welt schaut. Die Verwirklichung dieses wahren oder einzigartigen Selbst ist das Ziel aller großen Befreiungswege. Was unglücklicherweise viele dieser Wege tun ist, dass sie jegliches endliche Selbst mit einem „Ego“ in einer negativen, anti-spirituellen Weise in Verbindung bringen. Dadurch wird ihnen nicht klar, dass auch wenn man das ultimative, wahre, einzigartige Selbst verwirklicht – das unbegrenzte Selbst also – , dass es dabei immer noch eine Manifestation gibt, und dass es ein konventionelles Selbst gibt, dass sich im manifesten Bereich bewegt. Dies ist das alltägliche Selbst, es ist das Selbst das in Beziehungen zu anderen Menschen ist, mit anderen manifesten Selbsten, in einer manifesten Welt. Dieses Selbst ist ein unmittelbarer Teil der eigenen einzigartigen Individualität. Viele hat der von Carl Jung verwendete Begriff der „Individuation“ im Hinblick auf transzendentes Wachstum verwirrt, weil vielen das als ein Gegensatz erscheint. Man kann, nach dieser Logik, nur ein Selbst haben oder Transzendenz, aber nicht beides. Doch natürlich hat man beides, in der Einheit von Leere und Form, und man hat zwei Selbste, so wie es auch zwei Wahrheiten gibt, die ultimative und die relative Wahrheit. In der Doktrin der zwei Wahrheiten kann man in gewisser Weise von drei Perspektiven auf irgendetwas sprechen. Die eine Perspektive ist die der Unbegrenztheit, und die zwei anderen Perspektiven beziehen sich auf den manifesten Bereich, und unterscheiden ob etwas dort wahr oder falsch ist. Wenn in einer Zimmerecke ein eingerolltes Seil liegt, und das Licht im Raum dämmerig ist, und jemand das Seil für eine Schlange hält, dann ist das ein Beispiel für eine falsche relative Wahrheit. Um das zu erkennen muss man das Licht anschalten und sieht dann, dass es sich um ein Seil handelt. Dieses Erkennen ist eine relative Wahrheit. Doch letztendlich sind beides Aussagen über den relativen Bereich, und nicht die letztendliche Wahrheit.

2 Selbste

Mit den zwei Selbsten verhält es sich ganz genau so. Das ultimative Selbst kann nicht wahr oder falsch sein, es ist einfach. Es ist auf eine radikale Weise jenseits der Dualität von wahr und falsch. Doch das relative Selbst kann ein wahres und richtiges Selbstbild sein – das Seil ist ein Seil –, es kann sich aber auch um ein falsches Selbstbild handeln – das Seil ist eine Schlange. Dasjenige was das wahre und authentische [relative] Selbst in ein falsches Selbst verwandelt, ist die Schattenaktivität. Die Gleichung lautet also:

Falsches Selbst + Schatten = authentisches Selbst.  

Erwachen [in seiner umfassenden Bedeutung] heißt also die Verwirklichung des authentischen Selbst und des wahren Selbst (oder einzigartigen Selbst). Und an dieser Stelle versagen die meisten der [spirituellen] Traditionen. Sie anerkennen nur das eine oder das andere Selbst. Die westlichen psychotherapeutischen Traditionen hingegen anerkennen alle ein authentisches Selbst und betonen dies. Doch sie kennen meistens das wahre, unbegrenzte   Selbst nicht oder verleugnen es sogar. Die großen [spirituellen] Traditionen machen demgegenüber oft das Gegenteil und (aner)kennen nur das transzendente, einzigartige Selbst. Dabei gibt es keinen Raum für die Manifestationen irgendeines individuellen, authentischen Selbst. Wenn man zur Leere erwacht, dann führt dies zu einer Unterdrückung und Leugnung eines Teil des eigenen einzigartigen Selbst, das sich im relativen Bereich manifestieren möchte. Jedes kleine, relative Selbst wird als eine Selbstkontraktion angesehen. Anstatt die Spiritualität also zu verwenden um zum einzigartigen Selbst zu erwachen, und dieses Erwachen authentisch im relativen Bereich durch das authentische Selbst zum Ausdruck zu bringen, wird Spiritualität [von den Traditionen] dazu verwendet, diesen einzigartigen Ausdruck im relativen Bereich zu verleugnen. Dies führt zu einer wischiwaschi Spiritualität die nicht wirklich auf den Boden kommt. Sie ist ausschließlich transzendent, ohne Immanenz, keine Bodenhaftung, kein Agape [A. d. Ü.: absteigende Liebe], die Menschen werden dabei ätherisch und sind nicht wirklich real und präsent. Dabei gibt es auch Unterschiede zwischen den Traditionen. Der Theravada Buddhismus geht diesbezüglich sehr weit und erlaubt keinerlei Selbst, das ist dort ein ziemliches Problem. Rinsai Zen hingegen hat eine Doktrin von zwei Selbsten, auch wenn der Unterschied zwischen dem authentischen Selbst und dem wahren Selbst theoretisch nicht genau erläutert wird. Doch durch die Anerkennung eines wahren Selbst entsteht auch Raum für ein authentisches Selbst.

Authentisches Selbst, wahres Selbst und Selbstkontraktion

Das ist also wirklich ein Thema. Zusätzlich zum authentischen Selbst und dem wahren Selbst gibt es die Selbstkontraktion. Das ist das dritte Element in diesem Zoo der Selbste, das ist der Übeltäter. Die Selbstkontraktion quetscht sozusagen das authentische Selbst so sehr dass daraus ein Schatten entsteht. Man kann es so einfach darstellen. Das wahre Selbst, das authentische Selbst, die Selbstkontraktion. Praktisch jeder der von Ego spricht meint diese Selbstkontraktion, und das wird meist mit dem authentischen Selbst verwechselt, und dann sind beide die Übeltäter. Das Ego als schlimme Selbstkontraktion. Doch alles was das Ego ist, ist ein lateinischer Ausdruck für „Ich“. Das ist der Grund warum Fichte vom reinen Ich sprach, und was er damit meinte war das was Ramana Maharshi das Ich-Ich nannte, was man wörtlich auch als Ego-Ego bezeichnen könnte, als das ultimative Selbst. Darüber hinaus kann der Begriff Ego auch auf eine psychoanalytische Weise verwendet werden. Für die Scholastiker, die katholischen Theologen des Mittelalters, war das Ego oder das Selbst dasjenige was dem Geist eine Einheit [unity] gibt. Es hat damit eine sehr bedeutende Funktion, und das ist auch was es im Wesentlichen tut. Das Ego (als authentisches Selbst) ist dasjenige was dem manifesten Selbst Einheit oder Ganzheit gibt oder vermittelt. Wann immer die Selbstkontraktion zu stark wird, zu sehr kontrahiert, kommt es zu Abtrennungen und Ausquetschungen von Aspekten des authentischen Selbst, die eigentlich auf die Innenseite der Ichgrenze gehören, jedoch außerhalb der Ichgrenze gedrängt werden. Dieser Vorgang macht aus einer ersten Person eine zweite Person, ein Anderes, bis hin zu einer dritten Person, einem er, sie oder es, was kein Ich mehr ist. Der Schatten wird dabei von dieser überaktiven Selbstkontraktion hervorgebracht, speziell den Abwehrmechanismen. Abwehrmechanismen sind die Form die die Selbstkontraktion auf jeder der Entwicklungsebenen oder Bewusstseinsebenen annimmt.

Eine Hierarchie der Abwehrmechanismen

Die Form der Kognition einer Entwicklungsebene bestimmt dabei die Form des Abwehrmechanismus. Die kognitive Entwicklung verläuft von Bildern zu Symbolen zu Konzepten zu Regeln zu Meta-Regeln, und weiter auf der Entwicklungsskala zu overmind und supermind. Die erste kognitive Form erscheint etwa im Alter von 7 Monaten, und das sind Bilder. Ein Bild sieht so aus wie das was es repräsentiert, und das unterscheidet es von einem Symbol. Ein Symbol sieht nicht so aus wie das was es repräsentiert, es erfordert mehr kognitive Komplexität. Es beginnt daher mit Bildern. Wir können das immer noch. Wenn wir uns ein Bild des Berges dort am Horizont machen, dann können wir uns diesen Berg mit geschlossenen Augen vorstellen. Wir haben es bei all dem mit Grundstrukturen von Fähigkeiten zu tun die nicht wieder verschwinden. Wir können uns ein Bild von etwas machen indem wir es anschauen, dann die Augen schließen und es uns vorstellen. Wenn das die einzige kognitive Struktur ist die zur Verfügung steht [wie im Alter von 7 Monaten], dann ist dies auch der einzige Ansatzpunkt für die Selbstkontraktion. Bilder bilden so auch eine der frühesten Grenzziehungen des Selbst, mit einem Innen und einem Außen. Es gibt noch frühere und primitivere, doch wir beginnen hier mit den Bildern, als der ersten kognitiven  Hauptstruktur als einem Beispiel. Was die Selbstkontraktion hier macht ist, sie verschiebt die Grenze weg von allem innerlich erlebten was Schmerz und Leiden verursacht, oder einfach unangenehm ist. Die Manifestation insgesamt ist dukkha, alles im manifesten Bereich leidet und ist sich selbst überlassen. Die Geburt ist eine Geburt ins Leid, in die „Ursünde“. Du hast dich entschieden ein separates Selbst zu sein, authentisch oder nicht authentisch, du hast dich entschieden dein wahres Selbst zu vergessen, und dies ist eine Entscheidung der Wegbewegung vom Ultimativen, ob du sie nun im Mutterschoß oder im Bardobereich zwischen den Leben getroffen hast. Wie immer man sich die Entstehung eines separaten Selbst auch  vorstellen mag, die Selbstkontraktion ist ein Teil davon. Ein separates Selbst sein und sich von der äußeren Welt abtrennen ist bereits die erste Handlung einer Illusion. Es ist die erste Lüge darüber, worum es beim Schatten wirklich geht. Und beim Schatten geht es um Selbsttäuschung, darum wie wir uns sehen und wer wir wirklich sind. Wenn wir also in diese Welt treten, sind wir bereits gefangen in einer Form der Selbsttäuschung, in der Weise dass wir unser wahres Selbst nicht kennen, unser absolutes, wahres und wirkliches Selbst. Doch zusätzlich können wir dabei mehr oder weniger wahrhaftig im relativen Bereich sein. Wir können ein mehr oder weniger authentisches oder falsches Selbst dabei entwickeln.

Wenn wir zu der ersten kognitiven Form von Bildern zurückkommen, dann können die Grenzen dabei verschoben werden. Ein Bild das – innerlich wahrgenommen – als sehr schmerzhaft empfunden wird, kann nach draußen verschoben und projiziert werden.

Projektion und Introjektion

Andersherum kann das Selbst auch etwas von außen nehmen, was draußen wahrgenommen wird, und auch dort bleiben sollte, z. B. sehr ärgerliche Eltern, und diese können internalisiert bzw. introjiziert werden. Hinsichtlich der Hierarchie der Abwehrmechanismen, die wir von allen psychodynamisch orientierten Psychotherapien kennen, gibt es mehr oder weniger die gleiche Hierarchie von Abwehrmechanismen. Sie beginnen mit Introjektion und Projektion, und gehen dann immer weiter, bis zum formal operationalem Denken und zur Sublimation, und dazwischen gibt es Dissoziation, Ablehnung und Unterdrückung. Diese Hierarchie gibt uns die Art der Kontraktion des Selbst, die zuerst bei Bildern entsteht. Danach entwickelt sich die Fähigkeit zur Symbolbildung, etwa mit dem Auftauchen der Sprache, und eines der ersten Worte die der Säugling verwendet ist das Wort „Nein“. Das Symbol „Nein“ kann auf eine sehr gesunde Weise verwendet werden, es kann aber auch zur Dissoziation verwendet werden, wo etwas aus dem Selbst herausgestoßen wird. Mit dem Auftauchen von Symbolen entsteht also eine komplexere Form der Selbstverleugnung und Dissoziation.

Die verbreitetste Form von Abwehrmechanismus auf jeder Entwicklungsstufe ist die der Projektion. Dies ist etwas ganz Grundlegendes was schon sehr früh auftritt. Projektion kann auf jeder Entwicklungsstufe auftreten, beginnend mit dem ersten Lebensjahr. Nach den Symbolen kommen die Konzepte. Konzepte sind Symbole die eine Klasse von Objekten repräsentieren. Das Wort  „Hund“  ist ein Konzept. Es repräsentiert eine Klasse von Hunde-Dingen. „Fido“ [als Name] hingegen ist ein Symbol. Symbole bezeichnen [denote], Konzepte verbinden [connote]. Von „Fido“ zu „Hund“ bedeutet den Schritt von Symbolen zu Konzepten. Wir befinden uns dann beim Drehpunkt Nummer drei [auf der Entwicklungsskala]. Hier entsteht auch die Fähigkeit zu wirklicher klassischer Verdrängung im Freud’schen Sinne. Ein Impuls kommt hoch und wird unterdrückt. Verdrängung ist eine sehr machtvolle Form der Selbstkontraktion, die ab dem dritten Drehpunkt erscheint. Die therapeutischen Therapien des Drehpunktes zwei werden strukturbildenden Techniken genannt, weil die Selbstgrenze auf dieser Stufe noch schwach und sehr beweglich ist. Das Ziel der Therapie dieser Stufe ist es, einen Menschen in die Lage zu versetzen etwas verdrängen zu können. Dies ist ein Fortschritt, wenn das Selbst in Lage versetzt wird verdrängen zu können. Es ist auf dem zweiten Drehpunkt noch nicht möglich. Dort gibt es nur Bilder und Symbole, die zwar hin- und hergeschoben werden können, die aber noch nicht verdrängt und unterdrückt werden können. Doch bei Konzepten wird das anders. Sie sind sehr starke kognitive Strukturen, und wir finden hier eine der Hauptquellen von Schattenerzeugung, und dabei sprechen wir vom Lebensalter von 5, 6 oder 7 Jahren, und hier entstehen eine Menge von Problemen, die dann später in therapeutischer Arbeit anzusprechen sind. Dies ist ein heikler [tricky] Entwicklungsbereich, und es ist einer mit sehr viel Selbstkontraktion. Dies ist auch der Punkt in der Entwicklung, wo Körper und Geist sich zu differenzieren beginnen. Hier kann der Geist den Körper unterdrücken.

Auf der nächsten Entwicklungsstufe entstehen die kognitiven Strukturen von Regeln und Rollen. Diese beschreiben, wie sich das Selbst an seine Rollen in der Gesellschaft die es umgibt anpasst. Das Thema hier an diesem vierten Drehpunkt ist nicht mehr wie der Geist zum Körper passt, sondern wie der Geist zum Geist anderer passt. Hier geht es um die eigene Rolle und wie sie sich zeigt, auf eine gesunde oder ungesunde Weise, auf eine beschädigte oder beschädigende Weise, oder als eine Reihe von Spielen die gespielt werden, und dies ist etwas das sich die Transaktionsanalyse speziell angeschaut hat, die „Spiele der Erwachsenen“ [A. d. Ü.: nach dem Titel eines Buches von Eric Berne]. Diese werden dort beschrieben, und es werden Techniken beschrieben wie man damit umgehen kann. Zuerst geht es dabei darum, überhaupt zu erkennen dass man an einem Spiel beteiligt ist. Alle diese Spiele haben ihren Nutzen, sei es ein „ich bin schlauer als du“, ein „ich bin bescheidener als du“, ein „ich habe mehr Macht als du“, ein „ich verdiene mehr Geld als du“, ein „ich bin dir gegenüber nichts wert“ – und so weiter, als Beschreibungen der zahllosen Möglichkeiten wie wir inauthentisch miteinander interagieren. Dies sind die Abwehrmechanismen, die der Regel-Rollen Geist erzeugt. Die Abwehr geschieht hier durch die Regeln und Rollen, durch die wir uns in der Gesellschaft ausdrücken. Hier wurde der Schritt gemacht von der Interaktion des Geistes mit dem eigenen Körper zur Interaktion des Geistes mit dem Geist anderer Menschen und Wesen.

Und dann kann der Geist über sich selbst reflektieren, und das geschieht auf der [nächsten] Stufe des formal operationalen Denkens. Hier gibt es eine Reihe sehr wirksamer Kontraktionsmechanismen, die im Zusammenhang stehen mit dem rationalen Geist. Dies ist einer der Gründe warum der [denkende] Geist so einen schlechten Ruf hat bei spirituellen oder transformativen oder befreienden Bewegungen. Der rationale Geist wird dabei, zusammen mit dem Ego, meist verteufelt. Ein „rationale Ego“ zu haben ist so ziemlich das Schlimmste, was einem auf dem spirituellen Weg passieren kann. Das kommt zum Teil auch daher, weil das Ego, als die Selbstkontraktion auf der rationalen Ebene, sehr wirksame Selbstkontraktionen herbeiführen kann, mit einer enormen Schattenbildung. Und das Problem mit diesem Schatten ist, dass jedesmal wenn ein Schatten gebildet, und aus dem Selbst herausgestoßen wird, das authentische Selbst um ein weiteres Stück kleiner wird, und das falsche Selbst wird entsprechend größer, auch wenn es sich dabei um eine Reduktion handelt. Das falsche Selbst gewinnt gewissermaßen immer mehr die Oberhand, und die Kontrolle über das was geschieht. Das ist auf viele Weisen schmerzhaft, und eine Weise davon ist die tiefgreifende Selbsttäuschung die damit einhergeht. Es ist eine tiefgreifende Unehrlichkeit gegenüber sich selbst, und wer und was man wirklich ist. Die Ironie dabei ist, dass die Abwehrmechanismen erst das hervorbringen, was sie eigentlich vermeiden wollen. Jedes mal wenn man einen Abwehrmechanismus einsetzt, vergrößert man daher das Problem das man eigentlich beheben möchte. Das geschieht durch immer mehr Selbsttäuschung, die Selbstkontraktionen nehmen zu und das Selbst leidet immer mehr. Dies ist die eigentliche Ironie der Abwehrmechanismen, dass sie das erst hervorbringen was sie eigentlich überwinden wollen. Die Angst nimmt zu, die Depression, der Neid, die Eifersucht, die Selbstmordneigung, usw. – dies nimmt zu je mehr man vermeidet, wirklich vertraut mit sich und seinem Schatten zu werden, und sich dessen bewusst zu sein. Was auch immer der Schatten dabei ist, er kann negativ oder auch positiv sein, es kann sich um gute Eigenschaften oder auch um so genannte schlechte Eigenschaften dabei handeln. Doch was immer es auch ist, es ist etwas das zu einem selbst gehört, zum eigenen authentischen Selbst. Es ist ein Teil der eigenen wahren Manifestation in dieser Welt. Sich dessen nicht bewusst zu sein ist eine ganz grundlegende Form des Lügens, eine Selbstlüge gegenüber sich selbst über das was wirklich vor sich geht. Damit einher geht eine Fehlinterpretation von anderen Menschen, man projiziert seine Schatten auf sie – „ich bin nicht jemand der Kontrolle ausübt, aber mein Boss macht das andauern“ –, und plötzlich tauchen alle mögliche Dinge im Umfeld auf, die in Wahrheit dort gar nicht sind. Das ist nicht einfach zu erkennen, weil diejenigen auf die wir unsere Schatten projizieren oft Menschen sind, die diese Eigenschaften auch haben. Der Boss kann in dem Beispiel schon jemand sein der Kontrolle ausübt. Doch projiziert man das eigene kontrollierende Selbst noch auf das des Bosses, dann hat man es mit zwei kontrollierenden Selbsten zu tun, und das ist eines zuviel und führt zu Überreaktionen. Dies dauert so lange, bis man den eigenen kontrollierenden Anteil der zu einem gehört zu sich zurücknimmt und ihn reintegriert, als einen Teil des eigenen Selbst. Alle transformativen Wege der Welt haben etwas in der Art, dass man erst einmal durch Schwierigkeiten hindurchgehen muss um zum Schatz zu gelangen. Und was immer dies sonst noch sein mag, es ist auf jeden Fall eine gute Metapher für das Hindurchgehen durch den Schattenprozess, um zum authentischen Selbst zu gelangen. Dies wird um so wichtiger je weiter man sich entwickelt.

Der Schatten „wächst“ mit einem

Diese Schatten, diese falschen Selbste oder Subpersönlichkeiten kumulieren sich auf. Wenn sie einmal geschaffen wurden bleiben sie einem erhalten, bis man sich mit den darin enthaltenden Schattenanteilen wirklich konfrontiert. Tut man das nicht, verstecken sie sich und bleiben aktiv. Magenta und rote und bernstein Subpersönlichkeiten sind daher weit verbreitet, und das geht immer weiter bis zu den transpersonalen Bereichen, bis zum Overmind – Abwehrmechanismen, Schatten und Projektion. Wir erhalten so ein ganzes Spektrum von Selbsttäuschungen, ein Spektrum von Subpersönlichkeiten und falschen Selbsten. Bei ihnen allen wurde ein Aspekte des eigenen Selbst abgetrennt, dissoziiert und projiziert. Das eigentliche Problem dabei auf dem Entwicklungsweg ist, dass das falsche Selbst immer größer, und das authentische Selbst immer kleiner wird. Die einem zur Verfügung stehende Bewusstseinskraft wird immer weniger, sie wird von den Subpersönlichkeiten verbraucht. Diese behalten ihre Eigenschaften, Motivationen, Bedürfnisse und Antriebe bei, die sie zum Zeitpunkt ihrer Abspaltung hatten. Rote Subpersönlichkeiten bleiben rot, und ihre Hauptmotivation ist Macht. Macht ist daher ein Thema für jemanden mit einer roten Subpersönlichkeit – entweder ist er oder sie machthungrig, oder erlebt Macht als etwas extrem Unangenehmes. Alle merken es, nur die betreffende Person selbst bekommt das nicht mit. Diese Subpersönlichkeit kann vielleicht 10% der eigenen Bewusstseinskapazität in Anspruch nehmen. Dann erreichen wir die Bernstein Entwicklungsstufe, und weitere 10% können dort in einer Subpersönlichkeit gebunden sein. Erreicht man dann auf dem weiteren Weg irgendwann die integralen Entwicklungsstufen und kann diese kognitiv erfassen – und integrale in diesem Zusammenhang bedeutet lediglich eine Fähigkeit, es bedeutet nicht dass das Integrale tatsächlich verwirklicht ist – man kann sich also auf einer integralen Entwicklungsstufe befinden, und immer noch dissoziieren und projizieren. Diese Projektionen sind lediglich sehr viel komplexer als auf den vorangegangenen Entwicklungsstufen. Eine komplexe Perspektive wird abgelehnt und jemand fühlt sich nicht wohl dabei. Nehmen wir als ein Beispiel jemand der für eine Ölfirma arbeitet, und nehmen wir an derjenige befindet sich bei 2nd tier, und verdrängt dabei die Bedeutung und Gesamtheit des Ökosystems. Diese Art von Bewusstheit wird verdrängt und aus dem eigenen Wahrnehmungshorizont gestoßen. Auf diese Weise kann er seine Arbeit weiter machen wie bisher, und ist der Meinung dass sie niemandem schadet.

Integrale Verdrängung

Die Tatsache der Wahrnehmung von etwas Integralem bedeutet nicht, dass dies wirklich auf eine integrierte Weise geschieht. Das kann so sein, auf der integralen Entwicklungsstufe können zum ersten mal alle vorherigen Entwicklungsstufen integriert werden. Das kann keine der 1st tier Entwicklungsstufen, und es macht das 2nd tier einzigartig, doch das geschieht nicht automatisch auf eine gesunde Weise. Man kann 2nd tier erreichen, und dabei 10, 20, 30 oder 40% seiner Bewusstseinskapazität nicht zur Verfügung haben. Diese Kapazität arbeitet auf ihre eigene Weise, und meldet sich wann immer sie will, ist immer reaktiv gegenüber etwas was im Außen gesehen wird, und man selbst reagiert reaktiv gegenüber etwas Schlimmen dort draußen, mit dem man sich beschäftigen und um dass man sich kümmern muss. Geht die Entwicklung weiter und man erreicht 3rd tier, dann kann einem buchstäblich der Sprit ausgehen. Man hat dann so viel seines authentischen Selbst projiziert und abgespalten, dass einem die Kraft für jeden weiteren Schritt fehlt. Hier ist es sehr wahrscheinlich dass die Betroffenen nach spirituellen Lösungen und spiritueller Hilfe für ihrem Schmerz suchen. Der Schmerz ist unerträglich geworden. Doch die meisten Formen von Spiritualität – von den Fundamentalisten einmal abgesehen, mythisch regressives Bernstein –, sind Pfade der großen Befreiung, die das wahre Selbst anerkennen, aber nicht das authentische Selbst. Jede Form individuellen Leidens wird dabei gleichgesetzt mit einer Selbstkontraktion. Es gibt dort keine Möglichkeiten mit Schattenthemen gut umzugehen. Um mit dem Schatten umzugehen muss man ein Selbst aufbauen, und an einem authentischen Selbst arbeiten. Doch die meisten spirituellen Traditionen (an)erkennen lediglich das wahre Selbst. Das authentische Selbst wird in einen Topf geworfen mit der Selbstkontraktion, als etwas was es loszuwerden gilt. Wann immer das authentische Selbst sich meldet wird es weggeschoben, weggedrückt, negiert oder lediglich beobachtet, in dem Versuch es zu transzendieren – doch es findet keine Anfreundung und Befriedung damit statt, als ein zu einem gehörigen, intimer Teil der eigenen Manifestation und dem eigenen Selbstausdruck in dieser Welt, mit den eigenen Eigenschaften und Qualitäten die einen ausmachen. Stattdessen werden diese Eigenschaften verleugnet, abgespalten und über Bord geworfen, und dadurch ist man sehr viel weniger als das der oder die man wirklich sein könnte. Eine weitere Merkwürdigkeit dabei ist, dass Vieles von dem was im eigenen Geist als etwas Negatives erscheint, in Wahrheit eine Projektion einer eigenen positiven Eigenschaft ist. Von dieser Eigenschaft wurde einem vielleicht gesagt dass man sie nicht hat, sie wurde einem vielleicht von den eigenen Eltern ausgeredet oder ausgetrieben, oder man hat in der Kindheit eine Rolle übernommen, in der diese Eigenschaft nicht vorgesehen war. Mit dem Schrumpfen des authentischen Selbst wird das falsche Selbst immer größer, und einer der wirklich wichtigen Gründe für einen integralen Ansatz gegenüber Therapie und Spiritualität ist der, dass integrale Ansätze so ziemlich die einzigen sind die beide Selbste anerkennen. Dadurch können Methoden vermittelt werden, die es einem erlauben sowohl das transzendente als auch das authentische Selbst zu verwirklichen. Der eine Zeuge, das Ich-Ich, und die Anerkennung und Reintegration des eigenen Schattens und seine Verschmelzung mit dem falschen Selbst, um so zu einem authentischen Selbst zu gelangen, als das wer und was man wirklich als ein manifestes Wesen ist. Das was man als ein unbegrenztes Wesen ist, ist das wahre Selbst, das wirkliche Selbst, und die spirituellen Traditionen helfen einem dabei dies zu entdecken. Doch auf diesem Weg heilt man nicht automatisch den Schatten, im Gegenteil. Der Schatten kann dabei noch zunehmen, weil auf dem Weg der Transzendierung des Selbst sich oft ein Wegschiebens und eine Kontraktion des Selbst ereignen.

Bezeugen alleine reicht nicht

Das einfache Bezeugen, als eine grundlegende meditativer Praxis, ist wunderbar, außer wenn etwas abgespalten wurde. Wenn dieses Abgespaltene hochkommt, kommt es in seiner abgespaltenen Form hoch, und alles was man [meditativ] dabei machen kann ist, diese dissoziierten Formen mehr Aufmerksamkeit zu geben – und damit wird es noch stärker, durch die Aufmerksamkeit. Der Schatten wird dabei jedoch nicht geheilt. Das Bezeugen ist keine therapeutische Intervention, es ist lediglich das was das ultimative Selbst tut, und dabei werden keine Unterscheidungen gemacht. Doch für das authentische Selbst müssen Unterscheidungen getroffen werden, die Unterscheidung ob es sich um ein echtes oder falsches Selbst handelt, was zum authentischen Selbst gehört und was nicht. Doch genau das tut eine betzeugende Meditation nicht. Daher kann das Bezeugen in dieser Situation die Dissoziation noch verstärken. Bezeugen, bezeugen, bezeugen –  dissoziieren, dissoziieren, dissoziieren; nicht im Kontakt sein, nicht im Kontakt sein, nicht im Kontakt sein ... Was der Schatten dabei lernt ist, wie er sich in dieser neuen Atmosphäre zurechtfindet. Er passt sich leicht dieser reinen Bewusstheit an, dem Zeugenbewusstsein, und dieses Zeugenbewusstsein sieht den Schatten als ein Es, und das wird der Schatten auch sagen, „ich bin ein Es“, doch in Wahrheit handelt es sich um ein Ich. Das Bezeugen lässt den Schatten unintegriert. Vor dem Hintergrund des Integralen ist sich der Therapeut dieser Dynamiken bewusst, und kann Techniken einsetzen die mit dem Schatten arbeiten, und auch Techniken die mit dem reinen Selbst arbeiten. Beide sind offensichtlich sehr wichtig.  


Quelle: Online Journal Nr. 39, 2013

Buchbesprechungen (integral informiert)

Die integrale Perspektive eröffnet neue und umfassendere Möglichkeiten sich selbst, andere und die Welt zu sehen. Diese neue Sicht auf die Welt umfasst auch eine neue Sicht auf die Medien, über die sich "die Welt" artikuliert. Diese neue, integral informiert Sicht bleibt dennoch, wie jede Perspektive immer auch subjektiv, und abhängig von dem oder der, der sie einnimmt. 

In diesem Sinn sind die hier vorgestellten Buchbesprechungen zu verstehen, als persönliche Sichtweisen von Veröffentlichungen vor dem Hintergrund der integralen Theorie und Praxis.

Buchbesprechungen

The simple feeling of being - Wilber’s neues altes Buch

The simple feeling of being - Wilber’s neues altes Buch

von Michael Habecker

 

The Simple Feeling Of Being – Das einfache Gefühl des Seins ist der Titel eines neuen Buches von Wilber, welches kürzlich im Shambhala Verlag erschienen ist. Es ist neu und alt zugleich – neu weil es erst seit kurzem auf dem Markt ist, und alt, weil es eine Zusammenstellung bereits veröffentlichter Texte von Wilber ist, Texte, die den Leser Wilber als Mystiker, Poeten und Menschen näher bringen. Ein derartiges Projekt hat nun auch Wilbers „Hausverlag“ Shambhala in Angriff genommen, und es ist wunderbar gelungen. Auch wenn man mit Wilbers Werk schon gut vertraut ist, so ist es noch mal ein ganz anderes Leseerlebnis, seine tiefgründigen, und doch leichten Formulierungen aus dem Grund des Seins heraus zu lesen, dicht und kompakt, frei und leicht, humorvoll und intensiv, klar, leidenschaftlich und voller Mitgefühl.

Im Vorwort zum Buch heißt es:

In seinen vielen Büchern und Aufsätzen lädt Wilber den Leser dazu ein, sich den Kosmos als ein vier-quadrantisches Mandala vorzustellen, mit verschiedenen Schichten (wie Ebenen, Linien, Typen, Körpern). In Wirklichkeit sind die gedankenreichen Schriften meditative Instruktionen für seine Leser, mit denen sie die Welt der Formen in einen göttlichen integralen Ort verwandeln können. Am Ende der Textpassagen, Kapitel oder Bücher erinnert Wilber den Leser daran, das er dieses Mandala selbst ist, dass er oder sie dieses Bewusstsein ist, welches diese Weltmatrix hervorbringt und enthüllt. Und so löst sich das intellektuelle Gebäude dann wieder auf in der Soheit, und die integrale Landkarte wird zum Sprungbrett hinein in die Wasser des ewigen JETZT. So gesehen steht Wilbers Arbeit, auch in ihren intellektuellsten Aspekten, immer im Dienst der Erinnerung des GEISTES. Es ist ein Weckruf an alle bewussten Wesen zur Quelle zu erwachen, welche immer schon Ausgangspunkt und Spiel des Lebens ist.

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Ken Wilbers Halbzeit der Evolution (Zusammenfassung)

Ken Wilbers Halbzeit der Evolution (Zusammenfassung)

von Michael Habecker

Hinweis: Die Zitate dieses Kapitels stammen aus: Ken Wilber, Halbzeit der Evolution, Goldmann Verlag 1990

Zum Buch

Halbzeit der Evolution ist gewissermaßen das Zwillingsbuch zum Atman Projekt. Während sich Letzteres mit der Individualentwicklung des Menschen beschäftigt, beschreibt Wilber in Halbzeit die Innenansicht der kollektiven Entwicklung der Menschheit durch die verschiedenen Bewusstseinsebenen, von Anbeginn an bis heute, und gibt einen Ausblick auf mögliche zukünftige Entwicklungen. 

Vorwort

„‚Die Menschheit befindet sich auf halbem Wege zwischen den Göttern und den Tieren’, schrieb einst Plotin. Dieses Buch zeichnet den Ablauf der Geschichte und Vorgeschichte nach, der die Menschheit in diese problematische Situation geführt hat... Der Mensch ist eine im tiefsten Wesen tragische Erscheinung mit einer vielversprechenden Zukunft - wenn er es schafft, den Übergang zu erleben... Dieses Buch erzählt die Geschichte der Seele, die sich auf halbem Weg zwischen dem Tier und den Göttern befindet, der Seele, die sich aus dem tierischen Zustand befreit und sich auf den Weg zum Himmel gemacht hat, der Seele, die in einer evolutionär aufsteigenden Kurve in Richtung Unsterblichkeit klettert – die diese Tatsache aber erst in jüngster Zeit entdeckt hat. “ (7) 

 

Einführung

Wilber gibt in der Einführung einen Überblick über Elemente seines bisherigen Werkes, erläutert in einem historischen Abriss die Beziehung des Menschlichen zum Göttlichen, stellt die Große Kette des Seins vor, mit den Ebenen wie er sie schon in seinen vorhergehenden Büchern verwendet hat, und fasst das Atman-Projekt zusammen, die Ersatzformen für Transzendenz. 

Erster Teil: Vor langer Zeit im Garten Eden

1. Die geheimnisvolle Schlange

Wilber beginnt seine Reise durch die kollektive Menschheitsgeschichte an dem Punkt, wo die ersten Hominiden auftraten.

„Der Urmensch begann seinen Weg eingehüllt in die unbewussten Bereiche von Natur und Körper, von Pflanze und Tier. Er ‚erfuhr’ sich anfänglich als ununterscheidbar von der Welt, wie sie sich bis dahin entwickelt hatte. Die Welt des Menschen – Natur, Materie, pflanzliches Leben und animalischer Körper (säugetierhaft) – sowie das Ich des Menschen – das sich entfaltende neue Zentrum seiner Erfahrung  - waren undifferenziert, eingebettet, miteinander verschmolzen und ununterschieden. Sein Ich war seine naturhafte Welt; seine naturhafte Welt war sein Ich.“ (38)

 

Wilber nennt gleich zu Beginn eine wichtige Quelle seiner Arbeit: Jean Gebser.

Auf Seite 46 erwähnt Wilber die Vedanta Philosophie – und führt in diesem Zusammenhang die drei großen Bewusstseinszustände Wachen, Träumen und traumloser Tiefschlaf an. Auf dieses Modell wird er insbesondere ab Wilber IV verstärkt zurückgreifen, wenn es um die Bedeutung der Bewusstseinszustände für das integrale Modell geht. In seinen frühen Werken liegt der Schwerpunkt auf den Ebenen des Bewusstseins.

Auf S. 49 „ortet“ sich Wilber als Hermeneutiker („Wie die Wissenschaft der Hermeneutik, zu deren Repräsentanten ich mich selbst zähle...“). In einer längeren Fußnote skizziert er diese Wissenschaft, und beginnt damit ein Tradition, welche er insbesondere in Eros Kosmos Logos intensiviert: Das Verwenden von Fußnoten und Anmerkungen zur Unterbringung längerer erklärender Passagen, bis hin zu kompletten Essays.

 

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Potenziale in Menschen erkennen, wecken, und messen

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Handbuch der Entwicklungsorientierten Beratung
Band 1 von Otto E. Laske

eine Buchbesprechung von Michael Habecker

Einleitung

Der Name Otto Laske tauchte in den zurückliegenden Jahren immer wieder auf, im Zusammenhang mit dem Thema Erwachsenenentwicklung, doch bisher ist dieser Autor und Institutsleiter von der integralen Szene sowohl in den USA wie auch im deutschsprachigen Raum kaum beachtet worden. Mit einer ausführlichen Besprechung seines Buches (Band 1, eine Besprechung des zweiten Bandes folgt zu einem späteren Zeitpunkt) soll dieses Versäumnis nun beendet werden, zumindest was den Wirkungskreis des Integralen Forums betrifft.

Alle im Haupttext eingerückten Zitate stammen, sofern nicht anders angegeben, aus dem besprochenen Buch. Die Zahlenangaben am Ende der Zitatstellen beziehen sich auf die Seitenangaben des Buches.

Stellen wir zuerst den Autor vor:

Otto Laske (*1936 in Schlesien) leitet seit 2000 das von ihm gegründete Interdevelopmental Institute bei Boston, MA, USA. Er ist als Sozialwissenschaftler Schüler von Th. W. Adorno (Dr. phil. 1966), Max Horkheimer, Herbert Simon, Elliott Jaques, und Robert Kegan. Anfänglich studierte Otto Wirtschaftswissenschaften in Göttingen und Frankfurt am Main, ging aber schon 1956 zur Soziologie und 1958 zur Philosophie über. Lyriker seit 1955, verfolgte er seit 1960 auch musikalische Studien. Diese setzte er 1966 am New England Conservatory, Boston, fort, und begann 1968 eine akademische Laufbahn, die ihn nach Kanada (Montreal) und in die Niederlande (Utrecht) führte, wo er am Instituut voor Sonologie, Utrecht, die Disziplin der Kognitiven Musikwissenschaft begründete (1970-1975). 1975 kehrte Otto nach den USA zurück und wurde Software Engineer und später Managementberater sowie auch Künstlerischer Leiter von NEWCOMP, der New England Computer Arts Association. In den neunziger Jahren wurde Otto Psychologe und nahm an der Harvard University vor allem die Entwicklungspsychologie Erwachsener in sich auf (1992-1995). Aufgrund seiner zweiten, auf die Messung von Entwicklungsgraden Erwachsener gerichteten, Dissertation (Psy.D. 1999; Massachusetts School of Professional Psychology)

gründete er das Interdevelopmental Institute (IDM), an dem er heute einen internationalen Schülerkreis durch distance learning in das von ihm geschaffene Constructive Developmental Framework (CDF) einführt. Otto verfolgte lebenslang eine kompositorische Laufbahn und verfasste zahlreiche, im Jahre 2010 zusammengestellte, Sammlungen deutscher und englischer Gedichte. Sie finden ihn über das Internet (www.ottolaske.com, www.cdemusic.org, www.silenteditions.com [catalog]) und per e-mail an otto@interdevelopmentals.org. (viii)

 

Der Autor beginnt in der Einleitung damit, auf die Bedeutung des Themas Erwachsenenentwicklung hinzuweisen, ein Thema das in der öffentlichen Diskussion, einschließlich des wissenschaftlichen Diskurses, so gut wie nicht vorkommt. 

Es braucht hier nichts weniger als einen Paradigmenwechsel, oder wie in der Wende der modernen Physik, die Einführung einer neuen Dimension, nämlich der Entwicklung. Es ist in der Tat frappierend, wie wenig die Theorie und die meiste Praxis der Menschen-orientierten Helferberufe den Menschen in seiner Entwicklung über (längere) Zeit betrachtet. Doch fragen Sie sich einmal, was Sie vor zehn Jahren kaum noch denken konnten und heute wie aus dem Handgelenk beherrschen, dann stellen Sie an sich selbst fest, wie sehr wir uns in unserer Identität und Struktur des Selbst über die Zeit sogar dramatisch weiterbilden. (xi)

Sein Bestreben dabei ist eine „Synthese von deutschsprachiger kritischer Denktradition und amerikanisch-pragmatischer konkreter Betrachtung des Entwicklungsphänomens.“ (xi)

 

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Ruediger Dahlke - Das Schattenprinzip

Ruediger Dahlke - Das Schattenprinzip

Eine Buchbesprechung von Michael Habecker

 

Dr. med. Ruediger Dahlke gehört zu den erfolgreichsten Autoren der Gegenwart deutscher Sprache. In alternativen Kreisen (im weitesten Sinn) kennt ihn praktisch jeder, oder hat seinen Namen zumindest gehört. Seine Bücher sind ebenso Bestseller wie Longseller, und er ist mittlerweile in 22 Sprachen übersetzt, worauf der Klappentext zum Buch hinweist.

Eine Besprechung eines Werkes zum Schattenprinzip dieses Autors ist aus vielerlei Gründen interessant. Zum einen geht es um das Phänomen, wie es Dahlke immer wieder und nach vielen Jahren der Autorenschaft schafft, am Markt erfolgreich zu sein. Weiterhin geht es um die spannende Frage, ob und wie es in der Gesellschaft mit seinen Anliegen wie einer Versöhnung von Schulmedizin, alternativer Medizin, Spiritualität und Psychotherapie vorangeht. Und schließlich geht es, aus einer integral informierten Perspektive darum, einen Vergleich anzustellen zu Ken Wilbers Werk. Die Parallelen sind auffällig: beide Autoren sind erfolgreich, sie ziehen eine Menge Kritik auf sich, sie decken mit ihrer Arbeit und ihren Veröffentlichungen ein breites Themenspektrum ab, bei Wilber sogar erklärtermaßen eine „Theorie von allem“, und beide behandeln Themen wie Erkenntnis, Spiritualität und Psychotherapie, und sind um die Integration von Gegensätzen und ein Gesamtbild der Existenz und des Menschen bemüht. Doch worin unterscheiden sie sich?

Bevor wir dem nachgehen, steht am Beginn eine eigene Schattenarbeit an, wie es sich für einen Beitrag über ein Buch dieses Titels gehört, und eigentlich grundsätzlich am Anfang jeder Arbeit über einen anderen Menschen (bzw. sein Werk) stehen sollte. Wie stehe ich zu Ruediger Dahlke? Ich habe Dahlke schon vor zwanzig Jahren mit Begeisterung gelesen, beginnend mit dem Klassiker „Krankheit als Weg“. Ruediger Dahlke war für mich einer der wichtigsten Einstiegsautoren in eine Welt, die sich nicht nur auf Äußerliches beschränkt sondern auch eine Innenseite hat. Seine Deutung von Krankheitsbildern schien mir ebenso aufregend wie revolutionär, auch wenn diese eine lange Tradition hat – doch in einer materialistischen geprägten Kultur wie ich sie in meiner Jugend und vor allem auf meinen Bildungsweg erfahren habe, war das etwas Faszinierendes und Neues. Ich habe seine frühen Bücher verschlungen und auch Vorträge und Seminare von ihm besucht. „Endlich“, so gingen mir der Geist und das Herz auf, „spricht jemand über die Innenseite der Dinge“, etwas was ich immer intensiv in mir wahrgenommen habe, in der öffentlichen und vor allem akademischen Diskussion jedoch schmerzlich vermisste hatte.

 

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Integral Ecology – eine Buchbesprechung

Integral Ecology – eine Buchbesprechung

von Michael Habecker

Mit der Veröffentlichung seines Buches Eros, Kosmos, Logos im Jahr 1995 formulierte der amerikanische Autor und Philosoph Ken Wilber erstmals das, was heute als „integraler Ansatz“ immer mehr Verbreitung und Anwendung findet. Dieser Ansatz lässt sich, so sein eigener Anspruch, auf alle Wissens- und Seinsgebiete anwenden. Mit dem Buch Integral Ecology, Uniting Multiple Perspectives on the Natural World liegt nun erstmals ein Fach- und Lehrbuch vor, an dem sich dieser Anspruch – bezogen auf das Thema Ökologie – messen lässt.

 

Das Buch ist nicht von Ken Wilber geschrieben, auch wenn er daran mitgewirkt hat, und das ist bemerkenswert. Die Autoren Sean Esbjörn-Hargens und Michael E. Zimmermann demonstrieren, dass „integral“ auch ohne Wilber geht, d. h. die Methodik integraler Untersuchungen und Darstellung ist personenunabhängig, so wie auch die naturwissenschaftliche Vorgehensweise nicht von Personen wie Galileo Galilei abhängt, was für ihre wissenschaftliche Aufnahme und Verbreitung von großer Bedeutung ist.

Was steht auf den knapp 800 Seiten des Buches, und was unterscheidet dieses Buch von den vielen anderen Veröffentlichungen zum Thema, auch und gerade den „ganzheitlichen“, „holistischen“ und „interdisziplinären“ ökologischen Ansätzen?

Das Buch gliedert sich in vier Teile. Im ersten wird der konzeptuelle Rahmen einer integralen Ökologie vorgestellt, im zweiten werden ihr Wer, Was und Wie erläutert, im dritten erfolgt die konkrete Anwendung dieser Ökologie auf existierende Fragestellungen, und im vierten werden drei Fallstudien aufgeführt, an denen die Umsetzbarkeit integralen ökologischen Denkens in der Praxis überprüft worden ist.

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Buchbesprechung - Mystik, Eine Studie über die Natur und Entwicklung des religiösen Bewusstseins im Menschen, von Evelyn Underhill.

Buchbesprechung - Mystik, Eine Studie über die Natur und Entwicklung des religiösen Bewusstseins im Menschen, von Evelyn Underhill.

von Michael Habecker

In einer Zeit globalisierten Wissens kann der Eindruck entstehen, es sei „alles da“, und doch ist es nicht so einfach. Die Kunst besteht heute zum einen darin, die ungeheure, und ständig anwachsende Informationsfülle qualitativ und quantitativ zu sichten, zu ordnen und zugänglich zu machen. Gleichzeitig taucht nicht nur ständig neues Wissen auf, sondern, weniger spektakulär, es verschwindet auch massenhaft wertvolle Information, z. B. in der Form, dass Bücher nicht mehr aufgelegt werden. Das mag in vielen Fällen kein Verlust sein, doch im Fall des hier besprochenen, 1911 erstmals erschienenen Buches Mystik von Evelyn Unterhill[1] ist dies ein großer Verlust. Das Buch ist eines der ganz großen Werke zum Thema, und ist derzeit (Ende 2010) nur antiquarisch (für 80,- € aufwärts) erhältlich. Doch es gibt Hoffnung: Auf eine Anfrage beim Turm Verlag, der das Buch zuletzt verlegt hat, erhielt ich folgende Nachricht:

„Vielen Dank für Ihre Mail zu dem Buch ‚Mystik’ von Evelyn Underhill. Es freut mich, dass Sie dieses mit Freude lesen und als Bereicherung empfinden. Derzeit ist keine Neuauflage dieses Titels geplant, allerdings könnte es eine solche in den nächsten Jahren durchaus geben.“

Hinweisgeber auf dieses Buch war einmal mehr Ken Wilber, der die Arbeit von Evelyn Underhill immer wieder beispielhaft anführt, wenn es um die Beschreibung des Zustandswegs des Erwachens geht, des klassischen mystischen Weges[2].

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[1] Eine Kurzbiografie von Evelyn Underhill ist in der Anlage 1 dieser Buchbesprechung aufgeführt.

[2] im Unterschied zum Strukturweg des Erwachens, wie er durch die Entwicklungsforschung und Entwicklungspsychologie beschrieben wird. Wilber ist wohl der erste, der die Differenzierung beider Wege vorgenommen hat, bei gleichzeitiger Betonung der Bedeutung von beidem. 

Buchbesprechung: Zen, Nationalismus und Krieg

Buchbesprechung: Zen, Nationalismus und Krieg

von Michael Habecker

 

Brian Victoria, Zen, Nationalismus und Krieg – Eine unheimliche Allianz (Zen at war, Thesus)

 

Zu den überraschenden, ja auch schockierenden Einsichten, die Ken Wilbers aktuelle Arbeit liefert, gehört die Erkenntnis, dass hohe Einsichten in die Zustände des Seins („Erleuchtung“ im traditionellen Sinn) keineswegs notwendig einhergehen mit einer hohen geistigen oder moralischen Verwirklichung. Um diesen wichtigen Punkt zu unterstreichen, greift Wilber zu so drastischen Formulierungen wie der, dass auch Nazis ein Zen Training erfolgreich absolvieren können. 

“Man kann ein vollständige Training dieser Zustände des Bewusstseins absolvieren, und dennoch auf der Bewusstseinsstruktur verbleiben, auf der man ist. Nazis können satori erfahren.[1]

Dies war, zumindest für mich, ein Schock. Natürlich war mir klar, dass eine hohe Verwirklichung bei jemandem, der, sagen wir, zwanzig Jahr ernsthaft meditiert, nicht automatisch einhergeht mit dem Wissen, wer gerade in der Bundesliga an erster Stelle steht oder wie man ein Fahrrad repariert, aber ich bin doch davon ausgegangen, dass Menschen mit einer tiefen Einsicht in ihren Geist auch eine entsprechend hohe Ethik und moralische Einsichtsfähigkeit entwickeln, doch dem ist nicht so, jedenfalls nicht automatisch. Das ist keine Kritik an der Einsichtsfähigkeit von Menschen mit einem jahrelangen meditativen Erfahrungshintergrund, sondern es weist lediglich auf Grenzen meditativer oder kontemplativer Erkenntnisfähigkeit hin, Grenzen die jedoch durch eine meditative Praxis selbst nicht automatisch erkannt werden. Erkenntnistheoretisch ist dies der Unterschied zwischen den Inhalten des menschlichen Bewusstseins einerseits und seinen Strukturen andererseits, also zwischen der Phänomenologie und dem Strukturalismus[2]. Erstere liefert Aussagen über die Inhalte des Bewusstseins, einschließlich von Inhalten und Erfahrungen, die man auch als Erleuchtung oder Erwachen bezeichnet, Letzterer liefert Erkenntnisse über die Strukturen des Bewusstseins, vor deren Hintergrund diese Inhalte interpretiert werden. Beides ist nicht das Gleiche, und muss daher voneinander unterschieden werden, auch in seiner jeweils unterschiedlichen Entwicklung.

Eine einfache Darstellungsmöglichkeit für diesen Sachverhalt ist das „Wilber-Combs-Raster“, bei dem die Zustände des Seins horizontal und die Strukturentwicklung vertikal miteinander in einen Bezug gesetzt werden, was zu einem Raster unterschiedlicher Kombinationen führt, je nachdem wo sich ein Mensch sowohl in seiner Zustands- als auch in seiner Strukturentwicklung befindet. Ein konkretes Beispiel für derartige Untersuchungen liefert Wilber in den Büchern Boomeritis und Integrale Spiritualität (im Abschnitt 5 Boomeritis Buddhismus, wo er darlegt wie Menschen, die den Zustandsweg in ihrer Verwirklichung mehr oder weniger durchlaufen haben - grobstofflich, subtil, kausal, nichtdual, die Horizontale des Wilber-Combs-Rasters -, dennoch in einer ungesunden pluralistischen Entwicklungsstruktur stecken können, ohne dies selbst zu bemerken, der obere eingezeichnete Kasten in der Grafik).

 

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Integrale Lebenspraxis – deutsche Übersetzung

Integrale Lebenspraxis – deutsche Übersetzung

von Michael Habecker

 

Seit Oktober liegt das Buch „Integrale Lebenspraxis“ endlich in deutscher Übersetzung vor. Ich arbeite mit dem Buch seit dem Erscheinen des amerikanischen Originals 2008 und bin begeistert. Es begleitet mich auf allen Seminaren als eine Quelle von Freude und Inspiration. Als Heilpraktiker und Praktizierender habe ich die nach 1968- er Jahre voll miterlebt und dabei Dutzende, wenn nicht Hunderte von Techniken kennengelernt, vom Hörensagen bis hin zum intensiven Ausprobieren. Von A wie Aufstellungsarbeit bis Z wie Zen, von E wie experimentell bis T wie traditionell sehen wir uns heute einer unglaublichen Fülle an Angeboten gegenüber, verbunden mit Fragen wie: Wie hängt das alles zusammen (wenn überhaupt), und was ich für mich das Richtige? Antworten darauf finden wir durch den Gesamtrahmen der integralen Theorie und konkrete und lebensnahe Anleitungen im Buch „Integrale Lebenspraxis“.

 

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Buch-Rezension: Das andere Totenbuch

Buch-Rezension: Das andere Totenbuch

von Gitta Burger

Wulf Mirko Weinreich schreibt, sein Buch sei als „eine praktische, leicht zu handhabende Anleitung, um Sterbende zu begleiten“ gedacht. Das ist es zweifellos, aber auch einiges darüber hinaus. Es kann als eine knappe Einführung in das Wesen des Buddhismus verstanden werden, aber auch als eine Würdigung und praktische Anwendung von Ken Wilbers Integralem Bewusstseinsmodell.

Für alle, die sich mit solchen Modellen noch nicht beschäftigt haben oder die sich vom Schlagwort „Spiritualität“ zunächst nicht angesprochen fühlen, möchte ich empfehlen, als Einstieg den „Anhang: Hintergrundgedanken“ zu lesen – einschließlich der Endnoten. Manches wird dadurch sehr viel leichter zugänglich.

Die „Einführung“ bietet biographische Informationen über den Verfasser. Sie weisen ihn als kompetent im Umgang mit Tod und Sterben aus. Er erläutert, dass, im Gegensatz zu tibetisch- buddhistischen Vorstellungen, Reinkarnation als „Entwicklung zu mehr Fülle“ (Wilber) auch als das wünschenswerte Ende des Sterbeprozesses angesehen werden könne. Seine Formulierungen der Lesungen für die Sterbenden lassen das deutlich erkennen.

Die Einführung gibt auch eine Anleitung, wie die Texte zur persönlichen Meditation genutzt werden können, ebenso wie handfeste Hinweise, was einem Menschen, der auf das Ende seines Lebens zugeht, nützlich sein könnte – vom Klären seiner materiellen Angelegenheiten und Ungeklärtem auf persönlicher Ebene, der Versöhnung mit sich selbst, dem eigenen Schicksal bis hin zur Auseinandersetzung mit den ihm Nahestehenden. Weinreich spricht auch ein wichtiges Wort der Warnung: Sterbende, die zu Ihnen von Dingen sprechen, die Sie (noch?!) nicht wahrnehmen, sind nicht notwendigerweise verwirrt – sie sind nur schon weniger im Üblichen verhaftet. Nehmen Sie sie ernst.

Was der Autor sehr bescheiden eine „Übersetzung“ aus dem „Tibetischen Totenbuch“ nennt, geht darüber weit hinaus. Seine Texte sind mit großer Einfühlung ins Deutsche übertragen und halten das schwierige Gleichgewicht zwischen liebend-mitfühlender Nähe und angstlosem Respekt.

Ich möchte „Das andere Totenbuch“ uneingeschränkt empfehlen. In seinen wenigen Seiten finden Sie für sich selbst und für die/den Sie begleiten, einen überaus kompakten, aber umfassenden Reisebegleiter.

 

Das andere Totenbuch – eine praktische Anleitung zur Sterbebegleitung von Wulf Mirko Weinreich, Books on Demand, Norderstedt, 3. Aufl. 2010, ISBN 9783839106457, € 12,50


IP 18 – 03/2011

Buch-Rezension GOTT 9.0

Buch-Rezension GOTT 9.0

von Michael Habecker

Das Buch Gott 9.0 stellt, in dieser Form meines Wissens erstmals, eine Verbindung her zwischen der Konzeption von Stufen (oder Strukturen) des Bewusstseins und dem Thema (christliche) Religion. Das Panorama, das sich dabei auf dem Weg von Gott 1.0 (unterste Entwicklungsstufe) bis zu Gott 9.0 (höchste Entwicklungsstufe) auftut, ist atemberaubend. Es umfasst die gesamte Menschheitsentwicklung, erstreckt sich weit in eine mögliche Zukunft, und es macht sowohl die Chancen wie auch die Risiken von Entwicklung deutlich.

Auf der Basis des auf Clare Graves zurückgehenden wertorientierten Entwicklungsmodells „Spiral Dynamics“ werden neun Entwicklungsstufen (daher der Titel GOTT 9.0) im Hinblick auf das Thema Gott und Religion einer eingehenden Betrachtung unterzogen. Dabei, und das ist ein großer Wert des Buches, bleiben die Autoren nicht bei äußerlichen Beschreibungen stehen. Sie geben durch ausführliche Zitate und Schilderungen einen lebendigen Eindruck davon, wie sich das (nicht nur religiöse) Leben auf den Stufen jeweils „von innen“ anfühlt, und zwar immer aus der Sicht derjenigen, die mit der Perspektive dieser Bewusstseinsstufe identifiziert sind und sie darum (noch) nicht aus der Distanz reflektieren können. Die LeserInnen sind eingeladen, selbst einzutauchen in die Lebenswelten jeder Ebene, um von dort einfühlend die Welt zu sehen, wie sie für Millionen von Menschen erscheint, auch im Hinblick auf deren Religiosität.

Diese Mitgefühlspraxis lädt dazu ein, liebevoll auf den Weg unserer individuellen und kollektiven Entwicklung zu schauen, sowohl nach vorne als auch nach hinten. Das ist eine der Voraussetzungen, um für andere Verständnis zu entwickeln und einengende Verabsolutierungen und Dogmenbildung zu überwinden. Dabei wird deutlich, dass jede der Stufen ihre eigene Größe und Bedeutung auf dem Entwicklungsweg hat, aber auch ihre Grenzen, Horizonte und Einschränkungen. Man erkennt auch, dass jede höhere Stufe zusätzliche Perspektiven einnehmen und auch mehr Mitgefühl und Fürsorge entwickeln kann. Ob die Religionen diesen Weg zu einem GOTT 9.0 gehen werden, jeweils auf ihre eigene Weise, bleibt abzuwarten. Doch das Wissen darüber und die damit verbundenen Chancen liegen mittlerweile unübersehbar auf dem Tisch, auch in der Form des hier besprochenen und wärmstens empfohlenen Buches.

 

Gott 9.0: Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird von Marion Küstenmacher, Tilmann Haberer und Werner Tiki Küstenmacher, Gütersloher Verlagshaus, 2010, ISBN 9783579065465, € 22,99


IP 18 – 03/2011

Evolutionäre Erleuchtung – Andrew Cohens aktuelles Buch

Evolutionäre Erleuchtung – Andrew Cohens aktuelles Buch

von Michael Habecker

 

Inhalt

Einleitung

Frage 1: Was ist Wirklichkeit?

Frage 2: Was treibt das Universum an, der evolutionäre Impuls und die Frage: Warum ist überhaupt irgendetwas?

Frage 3: Was ist Entwicklung?

Frage 4: Was ist ein Ich/Selbst?

Frage 5: Welche Dimensionen hat Wirklichkeit?

Frage 6: Was ist Erwachen (oder Erleuchtung)?

Fazit

Einleitung

Andrew Cohen (AC) hat ein Buch mit dem Titel Evolutionäre Erleuchtung geschrieben [Evolutionary Enlightenment – A New Path to Spiritual Awakening]. In dieser Besprechung sollen die Inhalte des Buches kurz vorgestellt und vor dem Hintergrund einer integralen Erleuchtung (oder Spiritualität), angelehnt an die integrale Theorie und Praxis Ken Wilbers, diskutiert werden. Wilber, der ein Buch mit dem Titel „Integrale Spiritualität“ geschrieben hat und mit dem AC durch viele veröffentlichte Dialoge seit Jahren im Gespräch ist[1], ist das Buch gewidmet: To Ken Wilber, for his Big Mind and Big Heart[2]. Doch davon abgesehen macht das Buch keinen expliziten Bezug zur integralen Theorie und Praxis, und daher erscheint es lohnend zu schauen, wo Parallelen, aber auch Unterschiede zu sehen sind zwischen beiden Autoren und deren Ansätzen.

Darüber hinaus ist es ein Anliegen dieser Besprechung einige Grundfragen zu stellen, die eine integrale, evolutionäre oder aufgeklärte Spiritualität in der heutigen Zeit beantworten muss, um a) gehört zu werden, b) glaubwürdig zu sein und c) Einfluss nehmen zu können sowohl auf das persönliche Leben vieler Menschen als auch auf die Geschehnisse in der Welt. Entlang dieser Fragen ist diese Besprechung strukturiert.

 

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Willigis Jägers „Westöstliche Weisheit“

Willigis Jägers „Westöstliche Weisheit“

von Michael Habecker

2005 überrascht Ken Wilber die Öffentlichkeit mit einem Manuskript zum Thema Integrale Spiritualität, das er im Internet veröffentlicht. Aus diesem Manuskript wird ein Buch gleichen Titels, welches 2006 im shambhala Verlag erscheint (und unter dem Titel Integrale Spiritualität ein Jahr später auf Deutsch vom Kösel Verlag herausgegeben wird). 2007 veröffentlicht Willigis Jäger im Theseus Verlag unter dem Titel Westöstliche Weisheit seine „Visionen einer integrale Spiritualität“, wie es im Untertitel heißt. Da er auch explizit auf den Begriff des Integralen Bezug nimmt, liegt ein Vergleich zu dem frü­her erschienenen Wilberbuch nahe, und das soll mit dieser Buchbesprechung geschehen. Das ist keine leichte Aufgabe, ist doch Willigis Jäger einer der herausragenden Vertreter einer authentischen, praxisorientierten Religion und Spiritualität im deutschsprachigen Raum, der wie nur wenige die Hoffnungen derjenigen verkörpert und lebt, die sich mit den derzeitigen institutionalisierten Formen von (nicht nur christlicher) Religion nicht zufrieden geben wollen und können.

Nach nur wenigen Seiten Lektüre wird klar, dass Willigis Jäger bei seiner integralen Vision einen anderen Weg einschlägt als Wilber, und zwar den bei der Behandlung des Themas Religion und Spiritualität „üblichen“ Weg einer Rückbesinnung auf die mysti­schen Traditionen. Er schreibt, „Er [dieser Weg] ist bereits einige Jahrtausende alt und in alle Religionen eingegangen und heute aktueller denn je“ (15)

 

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Entwicklungstheorien

Entwicklungstheorien

von Michael Habecker

August Flammer: Entwicklungstheorien, Psychologische Theorien der menschlichen Entwicklung, 4. Auflage, Huber Verlag.

 

Die Vorstellung einer sich entwickelnden Welt ist fest verankertes Allgemeingut in praktisch allen Kulturen dieser Welt. Was als eine biologisch-evolutionäre Herangehensweise begann, hat sich mittlerweile auf alle Bereiche des Wissens und Seins ausgedehnt, mit der Frage, was genau Entwicklung ist, wo sie überall stattfindet, was dabei alles schief gehen, und wie man sie fördern kann. Ein besonders faszinierender Aspekt dabei ist die innere menschliche Entwicklung, die Entwicklungspsychologie des Menschen, und diese ist das Thema des Buches von August Flammer. Er stellt dazu die Theorien großer Entwicklungsforscher erläuternd und anschaulich vor, offenbar so erfolgreich, dass seit seinem Erscheinen 1988 das Buch zu einem Standwerk geworden ist für Menschen, die sich über das Thema einen qualifizierten Überblick verschaffen wollen. „Qualifizierter Überblick über psychologische Entwicklung“ ist auch ein wichtiges Stichwort für die integrale Szene. „Entwicklungsebenen“ und „Entwicklungslinien“ bilden zwei der fünf Hauptsäulen von Ken Wilbers integralem Modell, und Wilber stützt sich dabei auf ein gründliches Studium der Entwicklungsforschung. Er nennt dabei immer wieder Quellen und Namen, die wir auch im Buch von Flammer wiederfinden, und mit denen sich eine nähere Beschäftigung lohnt. So gesehen ist das Buch, und eine nähere Beschäftigung mit den Grundlagen und Aussagen der Entwicklungsforschung allgemein, eine wichtige „Hausarbeit“ für alle, die mit Wilbers Modell umgehen und dabei Entwicklungseinschätzungen vornehmen. 

Jetzt zum Buch.

Im Vorwort zur ersten Auflage fasst der Autor seine Intention mit den Worten zusammen:

„Genau das ist das Anliegen dieses Theoriebuches: die Sensibilisierung für wiederkehrende Erscheinungen und Zusammenhänge der Entwicklung. Theorien artikulieren solche Muster von wiederkehrenden Erscheinungen und Zusammenhängen“ (7)[1]

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Quadra(n)tisch. Praktisch. Gut.

Quadra(n)tisch. Praktisch. Gut.

 

The integral vision, Ken Wilbers neuestes Buch[1].

eine Buchbesprechung von Michael Habecker

 

Im handlichen, fast quadratischen Format, wie die Schokolade, deren Werbeslogan für die Artikelüberschrift Namensgeber war, kommt es daher – ein neues Buch von Ken Wilber. Schon wieder eines? Worüber hat er denn jetzt geschrieben?

Der Untertitel gibt Aufschluss: Eine sehr kurze Einführung in den revolutionären integralen Ansatz, für das Leben, für Gott, für das Universum und überhaupt alles. Bescheidenheit klingt anders.

Der integrale Ansatz, mit der Veröffentlichung von Eros, Kosmos, Logos im Jahre 1995 vorgestellt, und seitdem immer wieder erläutert und verfeinert – gibt es dazu überhaupt noch etwas Neues zu sagen?

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Integrale Psychotherapie – Ein umfassendes Therapiemodell auf der Grundlage der Integralen Philosophie nach Ken Wilber

Integrale Psychotherapie – Ein umfassendes Therapiemodell auf der Grundlage der Integralen Philosophie nach Ken Wilber

von Wulf Mirko Weinreich

eine Buchbesprechung von Michael Habecker

 

Wulf Mirko Weinreich hat ein Buch geschrieben mit dem Titel Integrale Psychotherapie – Ein umfassendes Therapiemodell auf der Grundlage der Integralen Philosophie nach Ken Wilber, und, um es vorweg zu nehmen, dies ist ein wunderbares Buch geworden.

Es ist ein Buch vom einem Praktiker für Praktiker, welches auch den „hohen“ theoretischen Ansprüchen genügt, die man an ein derart anspruchsvolles Vorhaben stellen darf.

Nach einleitenden Worten zum Hintergrund und zur Entstehung des Buches kommt Wulf Mirko im ersten Teil gleich zur Sache, und erläutert die philosophischen, erkenntnistheoretischen und wissenschaftsorientierten Grundlagen von Wilbers Ansatz. Er schreckt dabei auch nicht vor der Darstellung des Holon-Ansatzes zurück, und beschreibt ausführlich die Grundbausteine der Quadranten, Ebenen und Linien des integralen Modells (auch die Typologien und Zustände sind in dem Werk integriert, was den „AQAL-Ansatz“ – alle Quadranten, Ebene, Linien, Zustände und Typen komplettiert).

 

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Martin Ucik: Integral Relationships, A Manual for Men

Martin Ucik: Integral Relationships, A Manual for Men

eine Buchbesprechung von Michael Habecker

Martin Ucik hat ein wunderbares Buch geschrieben. Es ist ein Buch über Beziehungen, genauer gesagt über die Beziehung zwischen Männern und Frauen, geschrieben für Männer, (ohne, worauf der Autor hinweist, gleichgeschlechtliche Beziehungen in irgendeiner Form zu diskriminieren), doch aus den Einsichten können alle Menschen profitieren, die sich für Beziehungen und Zwischenmenschlichkeit interessieren. Das Neue und Andere an diesem Buch, im Unterschied zu vielen anderen Beziehungsbüchern oder Mann/Frau Büchern, ist seine integrale Perspektive. Daher ist das Buch auch für diejenigen wichtig, die sich für die Anwendung des Integralen interessieren. Erneut stellt Wilbers Ansatz, in den Händen des Autors Ucik, seine große Flexibilität und Aussagekraft unter Beweis.

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Teresa von Avila: Die innere Burg

Teresa von Avila: Die innere Burg

eine Buchbesprechung von Michael Habecker

 

ie innere Burg, geschrieben in der Zeit vom 2. Juni 1577 bis 5. November 1577, gehört zur klassischen spirituellen Literatur und ist eine unerschöpfliche und frische Quelle für alle diejenigen, die sich auf den inneren Weg begeben und dabei nach verlässlichen Begleitern suchen. Auf Drängen ihres Beichtvaters schrieb Teresa als Angehörige des Ordens der Karmelitinnen, die später selbst mehrere Klöster gründete, ihre Erfahrungen nieder, als eine Hilfestellung für ihre Ordensschwestern. Niemand wäre wohl überraschter als sie selbst, dass dieser Bericht, der eigentlich eher eine Vortragsniederschrift darstellt, die sie selbst nicht korrigierend gelesen hat, zu einem Buch wird, das über Jahrhunderte gelesen wird.

Ich möchte im Folgenden Ausschnitte aus diesem wunderbaren Text nach unterschiedlichen Themenschwerpunkten geordnet vorstellen.

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Martin Buber: Ich und Du

Martin Buber: Ich und Du

Dieses im Jahre 1923 erschienene Buch könnte ebenso gut „Ich und Du und Es“ heißen, weil es auf eine wunderbare Weise die „Grossen Drei“ von Subjektivität („Ich“), Intersubjektivität oder Beziehung („Du“) und Objektivität („Es“) behandelt. Mein Eindruck ist, dass mit dieser kleinen, aber dafür um so ausdrucksstärkeren Schrift die Erlebnisdimension von Gemeinschaft und Beziehung – das Du und Wir – endgültig aus dem Schatten der Vorherrschaft der Ich-Dominanz der Prämoderne und der Es-Dominanz der Moderne heraustritt und zu einem gleichberechtigten Partner der beiden anderen Erkenntnisbereiche wird. Das „Du“ ist nun kein Nebenprodukt oder eine Ableitung aus dem „Es“ oder dem „Ich“, sondern eine eigene Erlebnis- und Seinsdimension.


Ich und Anderes unterscheidet der Mensch schon seit Jahrtausenden, doch das verbindende „Du“ wurde erst viel später erkannt und gewürdigt. In dem Drang dies unwiderruflich zu etablieren beschreibt Buber in Ich und Du tendenziell die Schattenseiten der Einseitigkeit von „Ich“ und „Es“, um so die Vorteile des „Du“ noch stärker hervorzuheben, doch er kommt immer wieder auf alle drei Wahrnehmungsbereiche zurück, weil er weiß dass sie untrennbar zusammengehören. In einer durch die Globalisierung zusammenwachsenden Welt rückt die Frage des Miteinanders immer mehr in den Vordergrund: Wer bist Du, wer bin ich, und wie wollen wir zusammen leben?

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