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20.10.2017 : 23:41 : +0200

Achtsamkeit macht Schule

Nils Altner mit einer redaktionelle Einführung: Die „3 S“-Pädagogik und „So werden wie die Kinder“

 

Einführung: von Sonja Student und Michael Habecker

Ken Wilber hat das, was im oberen linken Quadranten des Quadrantenmodells vor sich geht, dem individuellen (menschlichen) Bewusstsein, zusammenfassend mit den „3 S“ beschrieben, states, stages und shadow bzw. Bewusstseinszustände, Bewusstseinsstufen und psychodynamischer Schatten.1 Darauf aufbauend könnte man Überlegungen einer Pädagogik sowohl für Kinder als auch für Erwachsene anstellen, die diesen 3 S Rechnung tragen. Dazu ein paar Anregungen.

a) Bewusstseinszustände


Kinder haben einen einfacheren Zugang zu den unterschiedlichen Zuständen des Seins, sowohl was die Phänomene des Augenblicks betrifft (Freude, Trauer, Ärger, Lust usw.) als auch was die drei großen Hautzustände angeht (Wachen, Träumen und traumloser Tiefschlaf – wer hat nicht schon bewundernd den tiefen Schlaf von Kindern im Arm ihrer Eltern auf einem lärmen- den Bahnhof beobachtet), und hierbei können sie Erwachsenen Impulse geben. Methoden zur Achtsamkeit und dazu, „im Hier und Jetzt zu sein“, können Erwachsenen dabei helfen, verloren gegangene Spontaneität des Augenblicks und das Staunen darüber wiederzuerlangen. Kinder brauchen diese Techniken (noch) nicht, sie sind entwicklungsbedingt impulsiv und spontan. Für Kinder gilt es, sie in ihrer Entwicklung darin zu unterstützen, den Zugang zu den Zuständen des Seins offenzuhalten, und das Staunen nicht zu verlernen.

b) Strukturen


Kinder haben weniger Strukturstufen entwickelt als Erwachsene und sind auf diesen frühen Entwicklungsstufen oft authentischer, weil sie noch nicht so viel zu integrieren haben. Doch diese Authentizität ist auf den frühen Entwicklungsstufen egozentrisch. Erwachsene können durch Kinder eine unmittelbare Anschauung der ersten Entwicklungsstufen erleben und bei sich schauen, inwieweit sie diese Stufen integriert oder Teile davon verdrängt haben (oder ob sie selbst auf diesen frühen Stufen Fixierungen haben). Die pädagogische Herausforderung im Umgang mit Kindern besteht darin, ihnen zu helfen, sich aus der Identifikation der egozentrischen Stufen herauszuentwickeln (sich zu sozialisieren), die entsprechenden Weltsichten zurückzulassen und die- se grundlegenden Stufen in sich zu integrieren, ohne sie dabei zu verdrängen.

c) Schatten


Erwachsene haben im Allgemeinen mehr verdrängt als Kinder (weil man in 50 Jahren mehr verdrängen kann als in 5 Jahren)[1], daher erscheinen Erwachsene oft „gestörter“, und Kinder „natürlicher“. Aber das ist nicht der Normalfall, sondern ein Ergebnis von Fehlentwicklungen. Bezüglich des Schattens besteht sowohl für Erwachsene als auch für Kinder die pädagogische Aufgabe darin, alte Verdrängungen und Projektionen zurückzunehmen und neue bereits während ihres Entstehens zu erkennen und zu lösen.

Zusammenfassung der pädagogischen Schwerpunkte:

Erwachsene:
  • Zustandswege offen halten bzw. neu entdecken, z. B. durch Achtsamkeit
  • Strukturstufen weiterentwickeln, durch Ent-Identifikation und Integration
  • Durch Schattenarbeit auf dem Entwicklungsweg Liegengelassenes und Abgespaltenes reintegrieren
Kinder
  • Zustandswege offen halten; kindgerechte Übungen
- Unterstützung bei der Strukturentwicklung, vor allem bei der Sozialisation und einem gesunden Herauswachsen aus der Egozentrik (z. B. Rollenspiel, Perspektivwechsel, demokratische Praxis)
  • Unterstützung bei der Vermeidung von Verdrängungen, schon früh die Aufmerksamkeit auf die Verantwortung für die eigenen Bewusstseinsinhalte lenken und wie man sie gestalten kann, insbesondere der Umgang mit schwierigen Emotionen

 

In dem folgenden Beitrag von Nils Altner wird der Achtsamkeitsaspekt hervorgehoben.

Nils Altner: Achtsamkeit macht Schule

Die Kindheit ist ein Land, ganz unabhängig von allem.

Das einzige Land, in dem es Könige gibt.

Warum in die Verbannung gehen?

Warum nicht älter und reifer werden in diesem Lande?

Rainer Maria Rilke [2]

 

Wenn kleine Kinder über ihre Welt staunen, kann uns das tief berühren. Kinder erleben jeden Tag Neues. Sie begegnen Dingen, Tieren und Menschen, die sie nie zuvor gesehen haben. Die Frische dieser Erstbegegnungen trägt zum Zauber der Kindheit bei. Wenn wir für einen Moment in unserem Tun innehalten und uns der Gegenwart eines staunenden Kindes öffnen, können wir Erwachsene diese Frische in neuer Weise wiederfinden. Dieser Moment der Gegenwärtigkeit kann dann auch für uns frisch und prall und voller Wunder sein. Der Weg dahin führt jedoch nicht zurück zu einer kindlich naiven Sicht der Welt, denn der Weg ins Paradies kann nicht im Rückschritt gegangen werden. Nur als reife, d. h. empfindsame und bewusste Erwachsene können wir einen neuen, bewusst achtsamen Zugang zur Gegenwärtigkeit finden. Besonders wer mit Kindern lebt und arbeitet, hat täglich Möglichkeiten dazu.

Für die meisten von uns schreitet jedoch mit zunehmendem Alter die Entzauberung der Welt voran. Jede Erscheinung scheint irgend- wann nur noch eine Wiederholung von oft schon Dagewesenem zu sein. Dann verliert selbst das Staunen der Kinder seinen Zauber für uns. Und das Wunder des täglich neuen Morgens verblasst zum bloßen Beginn einer weiteren Wiederholung langweiliger Routinen und lästiger Pflichten. Diese Entzauberung beginnt im Schulalter. Aus neugierigen, offenen Kindern, die voller Lust am Experimentieren und Lernen ihre Welt entdecken, werden mit voranschreitender Schulzeit gelangweilte und missmutige Schüler/innen. Wo bleibt dieser Impuls von Interesse und Entdeckerfreude, der die wichtigste Triebkraft für unsere Entwicklung und Bildung ist?

Der integrale Bildungsansatz, so wie ich ihn verstehe, weist da- bei in eine Richtung, in der das persönliche Interesse an der Welt und die natürliche Freude am Lernen, mit denen gesunde Kinder ausgestattet sind, anerkennt und kultiviert werden kann.

Wege in die achtsame Gegenwärtigkeit

Anders als bei den Kindern ist für uns Erwachsene das Verweilen in der Gegenwart zumeist mit einer Intention verbunden.[3]  Für diese willentlich eingenommene Haltung verwende ich die Begriffe „achtsame Gegenwärtigkeit“ oder „achtsames Gewahrsein“. Wir richten dabei den Fokus unserer Aufmerksamkeit bewusst auf den gegenwärtigen Moment. Unser Bewusstsein wird dann der Eindrücke aus der Umgebung sowie unserer eigenen Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken gewahr. In den Traditionen der Achtsamkeitsmeditation wird vorgeschlagen, allen diesen Wahrnehmungen gelassen und freundlich akzeptierend Aufmerksamkeit zu schenken, ohne sie festzuhalten. Dank dieses Seinlassens kann der Fokus der Aufmerksamkeit offen bleiben für das Erleben des nächsten Moments und des nächsten usw.

Alle Achtsamkeitsmethoden führen das Bewusstsein 
in den Zustand der Gegenwärtigkeit

 

Verschiedene spirituelle Schulen haben Methoden entwickelt, die eine achtsame Haltung gezielt entwickeln helfen. Zu den überlieferten Praktiken zählen buddhistische Meditationsformen wie die Vipassana-Meditation, aber auch der hinduistische Yoga, das daoistische Qigong sowie Formen der muslimischen, kabbalistischen und christlichen Meditation und Kontemplation. Jede der großen Religionen hat ihre Methode beigesteuert. Allen diesen Methoden gemein ist die Fokussierung der Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Moment, das Halten der Konzentration über eine gewisse Zeit und eine nicht wertende, wahrnehmende und offen akzeptierende Geisteshaltung. Achtsamkeit wird dabei oft in Verbindung mit regelhaften Bewegungen praktiziert wie beim Tanz der Sufis, bei rituellen Verbeugungen oder im Qigong und Taijiquan. Im Hatha-Yoga und in der stillen Sitz-Meditation dienen bestimmte Körperhaltungen und der Fluss des Atems als Fokus der Aufmerksamkeit. Alle Achtsamkeitsmethoden führen das Bewusstsein in den Zustand der Gegenwärtigkeit, in dem die Sinnesempfindungen, Emotionen und Gedanken bewusst wahr- genommen und akzeptiert werden können. Achtsame Gegenwärtigkeit kann und soll aber auch in alltäglichen Handlungen wie Gehen, Stehen, Zähneputzen, Duschen, Warten an der Verkehrsampel, Einkaufen oder Miteinandersprechen und -streiten praktiziert werden. Lehren und Lernen bieten wunderbare Möglichkeiten und Herausforderungen, Achtsamkeit zu praktizieren. Der Alltag mit Kindern ist reich an Einladungen zu dieser Haltung. Leben und Arbeit mit Kindern lässt sich daher als ein Weg der spirituellen Entwicklung verstehen.

Schule der Achtsamkeit

Die Kultivierung von achtsamer Gegenwärtigkeit hat in den letzten Jahrzehnten zunehmend Interesse bei Verhaltensmedizinern[4] [5] und Psychotherapeutinnen[6] gefunden, die den therapeutischen Wert dieser Fähigkeit erkannt haben und in ihre Arbeit integrieren. Klinische Studien zeigen, dass die Beschwerden bei Patienten/Patientinnen, die eine Praxis von Achtsamkeit in ihren Alltag integrieren, deutlich und nachhaltig abnehmen. Das trifft u. a. auf Schmerz-, Haut- und Herzerkrankungen, auf Krebs, Depression und Angststörungen zu. Zugleich verbessert sich dabei die Lebensqualität, und das Immunsystem gewinnt an Robustheit.[7] Diese Erkenntnisse haben in jüngster Zeit auch Untersuchungen zum Bildungspotential von achtsamer Gegenwärtigkeit bei gesunden Menschen motiviert. So zeigte eine Studie mit Eltern von autistischen und entwicklungsverzögerten Kindern, die lernten, achtsame Gegenwärtigkeit zu praktizieren, dass sie dabei zugewandter, gelassener und zufriedener wurden und dass im Nachklang auch ihre schwierigen Kinder freundlicher miteinander umgingen.[8] Zwei Untersuchungen mit Ehepaaren konnten zeigen, dass die Praxis von achtsamem Gewahrsein Liebespartner dabei unterstützt, konstruktiv und liebevoll miteinander zu sprechen und umzugehen. Die achtsamen Frauen und Männer konnten besser mit Beziehungsstress umgehen, regten sich deutlich weniger übereinander auf, konnten Ärger und andere Gefühle besser regulieren und konstruktiver in Worte fassen und waren glücklicher mit ihren Beziehungen als vor der Achtsamkeitsschulung.[9] [10] Psychotherapeuten/Psychotherapeutinnen in Ausbildung, die regelmäßig Achtsamkeitsmeditation praktizierten, erzielten signifikant bessere Therapieerfolge als ihre nichtmeditierenden Kol- legen/Kolleginnen.[11]  Und Untersuchungen von Meditationsangeboten für Pflegepersonal zeigten, dass sie sowohl die Fähigkeiten der Selbstfürsorge als auch die fürsorgliche Interaktion mit ihren Patienten/Patientinnen förderten. [12]

Das Potenzial von achtsamer Gegenwärtigkeit für die Bereiche Bildung und Schule liegt noch weitgehend ungenutzt. Wir führen zurzeit eine Befragung von achtsamkeitspraktizierenden Pädagogen/Pädagoginnen durch. Dabei interessiert uns, wie sich die Achtsamkeitspraxis auf die Selbstfürsorge, den Umgang mit Gefühlen und auf das bewusste Erleben auswirkt. Zudem möchten wir wissen, ob sich Wirkungen auf die Gestaltung der zwischen- menschlichen Beziehungen und die Qualität des Unterrichts zeigen lassen und wenn ja, welche. Die Befragungsergebnisse fließen ein in die Erweiterung bereits existierender Angebote zur Kultivierung von achtsamer Gegenwärtigkeit im Kontext der Aus- und Weiterbildung in pädagogischen Berufen. Informationen zur Untersuchung, zu Lehrangeboten, Publikationen und Möglichkeiten zur Vernetzung sind zu finden unter www.achtsamkeit.com. Die Ergebnisse der Studie werden ebenfalls hier, im LESESAAL des Integralen Forums (www.integralesforum.org) veröffentlicht.


[1] Shapiro, S. u. G. Schwartz (2000). The Role of Intention in Self-Regulation. Toward intentional systemic mindfulness. Handbook of Self-Regulation. M. Boekaerts, P. R. Pintrich and M. Zeidner. San Diego, Academic Press.

[2] Rilke, R. M. (1988). Lektüre für Minuten. Frankfurt a. M.: Insel Verlag, S. 28f.

[3] Shapiro, S. u. G. Schwartz (2000). The Role of Intention in Self-Regulation. Toward intentional systemic mindfulness. Handbook of Self-Regulation. M. Boekaerts, P. R. Pintrich and M. Zeidner. San Diego, Academic Press.

[4] Kabat-Zinn, J. (2001). Gesund durch Meditation. München: O. W. Barth.


[5] Anderssen-Reuster, U. H. (2007). Achtsamkeit in Psychotherapie und Psychosomatik. Haltung und Methode. Stuttgart: Schattauer.

[6] Heidenreich, T. u. J. Michalak (2004). Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie. Tübingen: dgvt-verlag.

[7] Grossman, P., L. Niemann et al. (2004). „Mindfulness-based stress reduction and health benefits. A meta-analysis“. Journal of Psychosomatic Research 57 (1), S. 35–43.

[8] Singh, N. N., G. E. Lancioni et al. (2007). „Mindful parenting decreases aggression and increases social behavior in children with developmental disabilities“. Behavior Modification 31 (6), S. 749–771.

[9] Barnes, S., K. W. Brown et al. (2007). „The role of mindfulness in romantic relationship satisfaction and responses to relationship stress“. Journal of Marital and Family Therapie 33 (4), 482–500.

[10] Wachs, K. u. J. V. Cordova (2007). „Mindful relating: exploring mindfulness and emotion repertoires in intimate relationships“. Journal of Marital and Family Thera- pie 33 (4), S. 464–481.

[11] Grepmair, L., F. Mitterlehner et al. (2007). „Promotion of mindfulness in psychotherapists in training: preliminary study“. European Psychiatry 22 (8), S. 485–489.

[12] Raingruber, B. u. C. Robinson (2007). „The effectiveness of Tai Chi, yoga, meditation, and Reiki healing sessions in promoting health and enhancing problem solving abilities of registered nurses“. Issues Ment Health Nurs [diese Zeitschrift konnte ich nicht herausfinden]28 (10), S. 1141–1155.


Quelle: IP 10, 2008