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24.7.2017 : 6:51 : +0200

AQAL: neue Horizonte für die Bildung?

Sonja Student, Michael Habecker

Integrale Pädagogik ist derzeit wohl der wichtigste Trend, zugleich aber auch am schwierigsten umzusetzen.  Erziehungssysteme müssen naturgemäß konservativ sein. Sie zu ändern ist somit äußerst schwierig und sollte das auch sein.  Doch sobald diese Änderungen institutionalisiert sind, gibt es nichts Wichtigeres. Einerseits somit von höchster Priorität, wird es andererseits leider noch an die10 Jahre dauern, bis wir sie wirklich erschließen  können. 

Ken Wilber

 

Das Thema „integral education“ ist von Ken Wilber selbst bisher noch nicht in einer eigenen Abhandlung dargestellt worden. Wie einige mündliche Stellungnahmen Wilbers jedoch nahe legen, stecken große Potenziale in der Nutzbarmachung des AQAL-Modells in den vielfältigen Handlungsfeldern der Bildung, Pädagogik und Erziehung. Tatsächlich hat in den Jahren seit der Jahrtausendwende die Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten, die sich der Integralen Bildung annehmen, zugenommen. Es darf vermutet werden, dass es sich mit weniger leicht zu ortenden Versuchen, integral informiert praktisch pädagogisch und erzieherisch tätig zu werden, ebenso verhält. Die Aussichten integraler Impulse für das Bildungswesen sind vielversprechend, ja aufregend. Es geht um nichts weniger als die Frage, wann und wie genau die erste Generation der Menschheit alle bekannten Seins-, Wissens- und Handlungsdimension so vermittelt bekommen wird, dass sie diese selbst zu erforschen, ins eigene Leben zu integrieren, anzuwenden und weiterzuentwickeln versteht. Die aus einer solchen Gesamtschau hervorgehende Kooperation und Kreativität könnte sich als der entscheidende Faktor für die Bewältigung eines sich ankündigenden integralen Entwicklungsschrittes herausstellen. Aus dieser Sicht gibt es keine Alternative zur Entwicklung eines integralen bzw. einer integraleren Bildungsverständnisses.

Doch was bedeutet das konkret? Was ist integrale Bildung, Pädagogik und Erziehung? Wie kann man es vermeiden, dabei wieder nur einer dieser modischen Ideologien aufzusitzen, die mit dem Vergehen eines bestimmten Zeitgeistes ebenfalls wieder verschwinden?

Eine Definition integraler Bildung und Erziehung lautet:[1]

„Ein pädagogischer Ansatz, der (1) die Stärken traditioneller, moderner und postmoderner Theorie und Praxis von Bildung und Erziehung integriert, und dabei die Perspektiven einer ersten, zweiten und dritten Person mit aufnimmt, und (2) sich sowohl vertikalem wie auch horizontalem Wachstum und vertikaler und horizontaler Integration bei Lehrenden und Lernenden verpflichtet fühlt.“

 

Das klingt ein bisschen abstrakt, daher ein paar Beispiele: Eine integral informierte Ausbildung würde beispielsweise Ingenieure, Mediziner und Naturwissenschaftler nicht nur technisch-funktional ausbilden, sondern sie auch als empfindende und soziale Wesen betrachten und entsprechend auch ethische, psychologische und spirituelle Dimensionen in den Lehrplan aufnehmen.

Integrale Pädagogik würde Kindern von Anfang an nicht nur Kenntnisse über die äußere Welt vermitteln, sondern auch über die innere und zwischenmenschliche Welt. Psycho- und Gruppendynamik, Körpergefühl und –rhythmen beispielsweise wären nicht etwas, für das man sich wahlweise erst in einem späteren Studium entscheiden könnte, sondern Lerninhalte vom ersten Schuljahr an, und auch schon davor. Neben der Fragestellung „Wie sieht die Welt außerhalb von mir aus, und wie kann ich sie entwickeln und gestalten?“ würde es von Anfang gleichberechtigt auch um die Fragen gehen „Wie sieht die Welt in mir aus, und wie kann ich sie entwickeln und gestalten?“, und „Wie sieht die zwischenmenschliche Welt von Beziehung und Gemeinschaft aus, und wie kann ich sie mit entwickeln und gestalten?“

Eine integral informierte geisteswissenschaftliche Ausbildung im weitesten Sinn, einschließlich der kontemplativen, religiös-spirituellen, psychologischen und humanistischen Traditionen, würde die Inhalte des menschlichen Bewusstseins ebenso zum Erfahrungsgegenstand haben, wie deren sich entwickelnde Strukturen, durch welche diese Inhalte interpretiert werden. Sie würde weiterhin Kenntnisse über die äußere Welt vermitteln, und ihren Einfluss auf den menschlichen Geist.

Es geht jedoch um weit mehr als nur um Lerninhalte, die anders zusammengesetzt und gewichtet werden müssten. Es geht insbesondere auch um die Art zu lernen, um einen Abschied von einer Standarddidaktik und einer Hinwendung zu einer vielfältigen und vielschichtigen, situations- und personenangemessenen Lernbegleitung. Die ethischen, ästhetischen und sozialen Dimensionen der Gestaltung von Lernumgebungen und Lernkontexten geraten verstärkt in den Blick. Nur so lässt sich letztendlich der aus einer wirtschaftlichen Notwendigkeit heraus geborenen Slogan des lebenslangen Lernens mit echtem Leben füllen.

Das Thema ist äußerst komplex. Doch einige wesentliche Merkmale lassen sich – orientiert am AQAL-Modell – strukturieren. Sie sollen hier in Form einer Aufzählung aufgeführt werden. Bestandteil einer integralen Bildung und Erziehung wären dementsprechend:

  • Die Lehrenden (die immer auch zugleich Lernende sind), und die Lernenden (die immer auch Lehrende sind, und sei es nur zu lehren wie sie am besten lernen) mit all ihren spezifischen Talenten und Traumata, Motivationen und Absichten, Wünschen und Befürchtungen, Wissensbestandteilen und Glaubenssätzen, bereichsspezifischen Entwicklungsschwerpunkten und Lern- und Veränderungsgeschwindigkeiten (OL)[2]; ihrem Verhalten, Aussehen, und ihrer Gesundheit (OR); ihren jeweiligen kulturellen und beziehungsorientierten Hintergründen (UL); und ihrer systemischen Einbettung in die politischen, ökonomischen und sozialen Strukturen (UR).
  • Ihre jeweiligen Besonderheiten im Sinne von stark oder schwach ausgeprägten Persönlichkeitsfaktoren, von weiblichen und männlichen Energien und Neigungen, von Lehr-, Lern-, Denk, Beziehungs-, Führungs-, Kommunikations-, Zeit­management‑, Entscheidungs- und Handlungsstilen.
  • Der Lern- und Lehrvorgang, der als ein systemischer Prozess in einem mehr oder weniger stark formellen (institutionalisierten) oder informellen Rahmen abläuft, mit seinen vordefinierten Rollen und Lerninhalten, seiner Organisation und seinen Abläufen, seinen Materialen und Medien, seinen Evaluationskriterien, und den über Lebenschancen bestimmenden Zeugnissen und Zertifikaten.
  • Der Lern- und Lehrvorgang als ein Beziehungsgeschehen, unter Berücksichtigung der Gruppendynamik zwischen allen Beteiligten. Kommunikation als ein Schlüsselelement von Bildung und Erziehung. Wer oder was ist das Kommunikationssubjekt? Welche Einflussfaktoren bestimmen und gestalten Kommunikation? Was für objektive Faktoren gilt es bei jeder Kommunikation zu berücksichtigen? Wie erschließt sich durch Kommunikation das „Wunder eines Wir?“
  • Die kulturelle Bestimmung von Bildung und Erziehung: woher, wohin, warum, wozu? Welchen Stellenwert hat Bildung im Verhältnis zu anderen Handlungsfeldern? Wie sieht das Menschenbild, das Weltbild, das Bildungsideal aus, vor dessen Hintergrund gelehrt und gelernt wird? Welcher Zeitgeist weht und welche Lernziele werden infolgedessen favorisiert oder aber für unwichtig gehalten? Welche Vorbildfunktion und Bedeutung haben die Erwachsenenwelt, die Massenmedien, die peer-group für die Jugend? Wie ist eine Generation aufgestellt (in punkto Ausbildung, Motivation und Leistungsbereitschaft, aber auch in punkto Mediennutzung, Kriminalität, Drogen)?
  • Eine historische Perspektive auf Bildung und Erziehung: Wie hat sich das Thema im Verlaufe der Menschheitsgeschichte in verschiedenen Kulturen entwickelt, welche Ansätze wurden dabei jeweils verfolgt, was für problematische Entwicklungen gab es dabei, welche Pioniere haben was geleistet, welche Schwerpunkte wurden jeweils gesetzt, und wie können die Stärken und Einsichten der Geschichte mit den aktuellen Erkenntnissen, z.B. aus den Neurowissenschaften, zusammen geführt werden?
  • Darauf aufbauend: ein Überblick über die existierenden pädagogischen Ansätze durch ihre Einordnung auf der integralen Landkarte, die Relativierung ihres Anwendungsbereiches, und das Herausarbeiten ihrer Komplementarität.
  • Das Thema der didaktisch-methodischen Vorgehensweisen, wobei der Fokus auf der Fragestellung liegt, welche pädagogischen Mittel sind in einer gegebenen Lehr-Lernsituation, die bestimmte Personen mit einem bestimmten Hintergrund, einem bestimmten Vorwissen, bestimmten Motivationen, Zielen, Aufmerksamkeitszyklen etc. umfasst, jeweils am geeignetsten?
  • Die horizontale und vertikale Dimension von Bildung und Entwicklung. Die Quadranten stehen dabei für die horizontale Entwicklung, wo es darum geht, auf ein und derselben Entwicklungsebene zu lernen man selbst zu sein (subjektiv), mit anderen zusammen zu leben und zu arbeiten (intersubjektiv), und die Welt besser zu verstehen (objektiv); und die vertikale Entwicklungsdimension, wo es um Perspektiventransformation geht, darum sich Erfahrungsbereiche, die bisher unbewusst waren, bewusst zu machen (z. B. durch Meditation oder Rollenspiele).

Die Chance ist da, und es ist eine historische Chance. Erstmals in der Menschheitsgeschichte steht uns – dem privilegierten Teil der Menschheit – praktisch das gesamte Menschheitswissen auf eine Weise zur Verfügung, wie es für unsere Vorfahren und gegenwärtig noch weiten Teilen der Menschheit nicht vorstellbar war bzw. ist. Durch einen Lebensstandard, der Muße ermöglicht, und das durchschnittlich recht hohe Bildungsniveau, können wir es uns buchstäblich leisten, von diesem Wissen auch Gebrauch zu machen; eine Chance die viele Menschen in den ärmeren Ländern, in denen es ums tagtägliche Überleben geht, kaum haben. Diese historisch geschaffene und heute weiter reproduzierte Ungleichheit ist eine Verpflichtung für uns, das Beste aus diesem Wissen zu machen zum Wohle aller.

Alle Disziplinen der Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften und der spirituellen Traditionen, alle Forschungsmethoden, seien sie phänomenologisch, hermeneutisch, empirisch oder systemisch, alle lerntheoretischen Ansätze, behavioristisch, kognitiv, soziokonstruktivistisch oder kulturhistorisch, haben uns viel darüber mitzuteilen, wer wir sind, wie wir etwas lernen können, wie die Welt, die wir bewohnen, beschaffen ist und wie wir als Gemeinschaft in unserer bedrohten Umwelt nachhaltig zusammen leben können. Das Studium von Entwicklung kann uns in allen unseren Daseinsdimensionen darüber hinaus aufzeigen, wie wir wurden was wir sind, und was wir noch werden und sein können.

Wir können uns heute auf eine Weise integral bilden und entwickeln, die wirklich Anlass zu Hoffnung gibt, weil die jeweiligen Potenziale, aber auch die Grenzen der Erkenntnismethodiken der Menschheit noch nie so offensichtlich waren. Dadurch entsteht die Chance, Dogmen, Absolutheitsansprüche und Einseitigkeiten, und damit „-ismen“ jeder Art, zu vermeiden, um „das Beste aus allem“ zu machen.

Wir können die Gesamtheit des Lebens – unseres Lebens – auf eine Weise verstehen und bewusst darin eintauchen, von der unsere Vorfahren, die uns durch ihre Arbeit und ihr Leben dies erst ermöglicht haben, nur träumen konnten. Es liegt an uns, diesen Traum wahr zu machen und die Voraussetzungen zu schaffen für die Beendigung zumindest eines Teils des Albtraumes der heutigen Weltsituation - zu Ehren derer, die vor uns gelebt haben, zu unserer eigenen Freude und als eine Chance und gutes Erbe für diejenigen, die nach uns kommen.


[1] Aus dem AQAL Journal Summer 2007, Volume 2, Number 2

[2] die Abkürzungen OL, OR, UL, UR beziehen sich auf die vier Quadranten/Perspektiven, und zwar OL = oben links, OR = oben rechts, UL = unten links, und UR = unten rechts.   


Quelle: IP 10, 2008