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12.12.2017 : 15:07 : +0100

Das Bildungssystem, Spiegel einer Welt im Umbruch

Marie-Rose Fritz

 

Von einem freudigen, erfüllten Leben ist in den westlichen Bildungssystemen nicht mehr viel übrig, fast überall geht es für alle Beteiligten eher ums Überleben, trotz endlos vieler Reformen. Wie konnte es dazu kommen?

 

Teilwahrheiten ohne Integration

Könnte es sein, dass es gar nicht möglich ist entspannt zu leben in einem System, indem in den verschiedenen Bereichen und unter den Beteiligten schwerpunktmäßig ganz unterschiedliche Weltwahrnehmungen vorherrschen, jeder auf seinem Recht und seiner Wahrheit beharrt und einfach zu wenige Menschen im Stande sind über den eigenen Tellerrand zu blicken und Teilwahrheiten zu einem größeren Ganzen zusammenzufügen?

Das Lehrerkollegium in der luxemburgischen Grundschule ist demokratisch organisiert, die Klassenführung konventionell-hierarchisch, die Inhalte sind wissenschaftlich und leistungsorientiert. Das Lehrpersonal selbst ist bunt gemischt von konformistisch über rational-leistungsorientiert bis hin zu beziehungsorientiert und inspiriert von den großen Reformpädagogen. Die verschiedenen Lern- und Denktypen von Grundschülern und Schülerinnen und deren Psychogramme (als ein Bild der Entwicklung ihrer unterschiedlichen Kompetenzen) werden nur sehr unzureichend erfasst und an Curricula und Rahmenbedingungen, die denen dann gerecht werden könnten, fehlt es fast ganz in Schulen, die immer noch aus Gebäuden mit langen geraden Fluren bestehen, und Klassenräumen, in denen gerade genug Platz ist, um genügend Bänke für alle Schüler hineinzustellen.

In den Familien umfasst die kulturelle und soziale Spannweite das ganze menschliche Spektrum. Im Lehrerstudium liegt der Akzent auf den Inhalten. Kognitive Leistungen bestimmen über die Zulassung zum Studium, die Persönlichkeitsreife oder das Potenzial mit Menschen umzugehen wird de facto als zweitrangig erachtet.

Wie viel Chaos braucht es noch?

So weit ein kurzer Überblick. Beim Versuch diesen Knoten zu entwirren und nachhaltige Lösungen zu finden, haben sich schon viele begeisterte Pädagogen und Pädagoginnen die Zähne ausgebissen. Und die großen Reformpädagogen mit starkem Charisma konnten wohl günstigere Bildungs- oder Schulsysteme ins Leben rufen, aber ihr Einfluss hat sich nirgendwo flächendeckend durchgesetzt. Ist die Situation in vielen anderen Hauptlebensbereichen nicht ähnlich? Wie viel weiteres Chaos braucht es bis genügend Energie da ist, damit eine grundlegende Neuorganisation unserer kulturellen und sozialen Systeme möglich wird, damit das Neue, das im Untergrund längst gut vorbereitet ist, die Massen erreicht?

 

 

Es gab eine vorpädagogische Zeit in der die Welt ohne „Bildungssystem“ ausgekommen ist. Die Kinder wurden geboren, wurden physisch versorgt, lebten erst in der körperlichen Nähe der Mutter, dann in der Geborgenheit des Stammes indem sie überall mitliefen und sozusagen von selbst in die Gepflogenheiten und in das fürs Überleben benötigte Wissen hineinwuchsen.

Transpädagogik

Als die Welt komplexer wurde und unterschiedliche Lebens-, Wirk- und Arbeitsbereiche sich ausdifferenzierten, als die Schrift erfunden wurde, konnte irgendwann nicht mehr jeder alles machen und wissen. Unterschiedliche Berufe entstanden und für das Erlernen der Kulturtechniken wurden Schulen erfunden. So kam die Zeit, in der Bildung mit „in die Schule gehen“ gleichgesetzt wurde, die Pädagogik war geboren. Seither haben die pädagogischen Inhalte und Methoden sich stark entwickelt. Es hat Blütezeiten gegeben, in denen Schulen und Universitäten maßgeblich zur Entwicklung des Menschen, zu lebensfördernder Handlungsfähigkeit, zu gemeinwohlorientierten kulturellen Werten und lösungsorientiert organisierter Gesellschaft beigetragen haben. Heute jedoch scheint das nicht mehr der Fall zu sein. Kinder sind unglücklich, Lehrer im Burnout, Eltern total verunsichert. Für mich stellt sich die Frage, ob die Zeiten reif sind für den Sprung in transpädagogische Bildungssysteme. Um der in rasender Geschwindigkeit zunehmenden Heterogenität in der Gesellschaft gerecht zu werden, braucht es Bildungssysteme, die erfassen, dass all das, was im Laufe der Menschheitsgeschichte an Erfahrungen und Erkenntnissen angesammelt wurde über Entwicklung und Lernen, auch weiterhin gebraucht wird für Kinder und Erwachsene, dass es dafür aber flexiblere Bildungskulturen und -strukturen braucht. Der Mensch ist bis zu seinem Tod bildungs- und lernfähig und erfolgreich vollzogene Lernprozesse führen zu Erfüllung und Zufriedenheit. Aber dieses Lernen braucht je nach Alter, Potenzial, Typ, Kultur und sozialer Situation unterschiedliche Bedingungen, Zustände und Methoden. Es gibt Zeiten und Räume in denen

  • der Mensch genährt werden will – im konkreten und übertragenen Sinn – ohne dass es zu Überfütterung kommt. Ich denke da an Einiges vom Abiturwissen, das oft schneller wieder losgelassen wird, als es mit überflüssigen Pfunden möglich ist.

  • Kinder, aber auch Erwachsene, um Neues zu lernen, eine behütete, vorbereitete Umgebung brauchen, ohne dass diese einengend wäre.

  • Spielen, Selbstorganisation, eigenes Experimentieren und Erkunden von neuen Lernbereichen gewährt wird, ohne dass es zu Vernachlässigung kommen muss. Erwachsene nehmen sich ganz selbstverständlich das Recht selbst zu bestimmen, wann, was und ob sie sich weiterbilden wollen.

  • gefördert und gefordert wird, wie es die Natur mit uns allen Menschen seit jeher tut. Die Gefahr, dass und ab wann es dabei zu sinnentleertem Lernen kommt, ist zum Thema Nummer eins im gegenwärtigen Schulsystem geworden. Auf der anderen Seite hat manch eine alternative Schulinitiative das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und musste irgendwann wieder zurückrudern, weil absolute Freiwilligkeit auf Dauer jeden überfordert, sowohl Erwachsene als auch Kinder.

  • verständnisvoll begleitet und empathisch unterstützt wird, damit Lernmotivation und Interesse an dem was Menschen brauchen, um ein gutes Leben zu führen, von innen heraus entstehen kann. Und das heißt nicht Verständnis für alles zu haben, sondern ein prozessorientiertes Heranführen an die großen Werte, die ein Zusammenleben mit allem Leben auf dieser Erde gewährleistet.

  • Achtsamkeit und Präsenz kultiviert werden, um die Wahrnehmung unserer Verbundenheit zu stärken, damit ein bewusster Umgang mit kollektiver Intelligenz erlernt werden kann und sowohl Kinder wie Erwachsene in Eintracht nebeneinander und miteinander aufwachsen und aufwachen können.

Um den Überblick zu behalten, wenn es darum geht Kindern entwicklungs- und typgerechte Bedingungen zu verschaffen, damit sie ihre Potenziale entfalten können, braucht es definitiv mehr als modernes pädagogisches Fachwissen, Schulpflicht oder getaktete Unterrichtseinheiten, die niemandes innerem Rhythmus und Lernzustand entsprechen. Wird es irgendwann möglich sein Rahmen und Werte so zu halten, dass der Bildungsimpuls eines jeden sich dahingehend entwickelt, dass Forderungen und Anregungen von Außen mit eigenen inneren Bestrebungen in ein Gleichgewicht kommen und dass durch eine adäquate, flexible Nutzung aller vorheriger Bildungssysteme Bildung und Bewusstseinsentwicklung zum Wohle aller optimiert werden kann?

 

 

 

Mein persönlicher Bildungsweg in dieser westlichen Gesellschaft

Aufgewachsen bin ich in einer gut bürgerlichen Familie in der von Anfang an klar war, dass jedes der sechs Kinder in seinen spezifischen Lernfähigkeiten unterstützt werden sollte, damit es zu einem Beruf und einem Leben findet, das zu ihm passt. Gute Noten wurden belohnt, schlechte aber niemals bestraft. Die Mutter war immer bereit zu unterstützen. Wie habe ich das erlebt? Wenn ich an meine Zeit als Schülerin und Studentin in den Jahren zwischen 1959 und 1976 zurückdenke, so fällt mir als einziges Wort „nebelige Selbstverständlichkeit“ ein. Im Außen war alles irgendwie selbstverständlich, aber im Innen gab es etwas Unbestimmbares, Fragendes, eine Ahnung von überwältigenden Dimensionen, für die ich keine Worte fand und keinerlei Wegweiser für den Umgang. Ich musste erwachsen werden, um zu erkennen, dass es Lernbereiche gibt, in denen ich wissbegierig bin, die weder vom Schulsystem noch von der gelebten religiösen Praxis meiner Eltern abgedeckt wurden. Es brauchte viele weitere Jahre, um Bildungssysteme zu entdecken, in denen nicht nur die konventionellen und rationalen Lernfelder bedient werden. Psychische und spirituelle Entwicklungsbestrebungen waren dann nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken. Sie gaben mir inneren Halt und halfen mir bei der Sinnfindung, während sich mein äußeres Leben in den sicheren Bahnen und gemäß den Werten der luxemburgischen Gesellschaft entfaltete

 

 

Mein Weg als Lehrerin im luxemburgischen Schulsystem

Wie erging es mir in diesem System? Konnte ich meinen Klassenraum als Lebensraum erleben für mich und meine Schüler und Schülerinnen? Konnte ich uns Raum schaffen für Authentizität und Potenzialentfaltung?

Ich habe in Luxemburg Mitte der 70 Jahre als Grundschullehrerin angefangen und bin seit einem Jahr pensioniert. Luxemburgs Schulsystem ist ein bisschen anders als das unserer deutschen, belgischen oder französischen Nachbarn. Schulpflicht ist ab vier, damit die vierundvierzig Prozent Kinder mit Migrationshintergrund frühzeitig luxemburgisch lernen. In allen Gemeinden gibt es seit den 70-er Jahren flächendeckend Spielschulklassen für die Kinder von vier bis sechs Jahren. Zusammen mit den darauf folgenden 6 Primärschuljahren unterstanden diese Grundschulklassen bis 2009 pädagogisch dem Unterrichtsministerium und wurden von den Kommunen verwaltet. Die Schüler werden also erst mit zwölf der Hauptschule, dem technischen Lyzeum oder dem Gymnasium zugeteilt. Es gab keine Schuldirektoren und der Zuständigkeitsbereich der Schulinspektion war so groß, dass es keine ernstzunehmende pädagogische Unterstützung, Kontrolle oder Supervision für den einzelnen Lehrer gab. Ich habe diese Umstände als großen Freiraum erlebt für die Art und Weise wie ich die Vorgaben des Lehrplanes umsetzen durfte. Mit zunehmender Bürokratie und Informationsschwall haben sich in den größeren Gemeinden Lehrerkomitees gebildet. Das hat dazu geführt, dass 2009 mit einem neuen Schulgesetz die Leitung der Grundschulen einem vom Lehrerkollegium gewählten Komitee mit Präsident übergeben wurde. Die konkreten Schulentwicklungspläne müssen zwar vom Bildungsministerium genehmigt, dürfen inhaltlich jedoch von diesem Komitee in Abstimmung mit dem gesamten Kollegium vorgeschlagen und organisiert werden. Auch diese Entwicklung habe ich als von großem Vorteil erlebt, denn mit ein bisschen Geschick konnte und kann man in Luxemburg einiges an eigenen Initiativen einbringen. Es bestand weitgehend die Möglichkeit die eigene Klasse mit dem eigenen persönlichen pädagogischen Stil zu führen. So konnte ich 2006 als Vertreterin des ersten Zyklus Teamteaching vorschlagen und die Einführung wurde uns genehmigt. Ich war begeistert, hatte das Glück mit zwei wunderbaren jungen Kolleginnen zusammen zu arbeiten und das Gefühl nochmals ganz neu anzufangen. Von den räumlichen und materiellen Bedingungen her gut ausgestattet, konnten wir uns so organisieren, dass es leichter wurde mit Diversität und Problemsituationen umzugehen. Trotz dieser methodischen und organisatorischen Änderung hatte ich nach sieben Jahren wieder eindeutig den Eindruck, dass das bei weitem nicht reicht an Innovation, um den Kindern gerecht zu werden, und es war erleichternd für mich, dass ich mich verabschieden und an die nächste Generation abgeben durfte.

Es hat so viele Umbruchszeiten gegeben in den 38 Jahren meiner Berufstätigkeit und die Zeiten vor einer Innovation sind immer sehr anstrengend gewesen. Nach den ersten zehn Jahren allein in einer kleinen Dorfschule war ich an meine Grenzen gestoßen im Umgang mit Problemkindern. Ich habe gekündigt und fand eine Stelle in der heilpädagogischen Frühförderung. Dort blieb ich fünf Jahre, um dann doch zurück ins Schulwesen, in eine größere Schulgemeinschaft zu gehen, jetzt deutlich besser gerüstet für die Zusammenarbeit mit den Eltern, für die Einschätzung unterschiedlicher Entwicklungsbedürfnisse und mit der Fähigkeit auch kleinste oder ganz individuelle Lernfortschritte zu erkennen und wertzuschätzen. Darüber hatte ich wenig bis gar nichts im Studium gelernt. Herausfordernd und bereichernd sind auch die vielen Praktikantinnen gewesen, die ich im Laufe der Jahre betreuen konnte.

Ohne meine vielen persönlichen Weiterbildungen in psychischen und spirituellen Bereichen und dem Rückhalt den ich in einer kleinen, transpersonal orientierten, unabhängigen Gemeinschaft gefunden hatte, wäre ich sicherlich öfters ins Schlenkern gekommen. Austausch über Bildung und Bewusstsein fand ich auch in einer Arbeitsgruppe in der Inner Science Academy von Thomas Hübl, innerhalb derer ich mich auch intensiv mit integralen Pädagogikkonzepten auseinandergesetzt habe.

Schule der Zukunft

Zum Abschluss mag ich eine Möglichkeit anführen, wie man sich an Visionen für eine Schule der Zukunft herantasten kann. Im Rahmen einer von mir und Karu Williams moderierten systemischen Strukturaufstellung, 2011 im Bildungszelt auf dem Celebrate Life Festival von Thomas Hübl, in der Schüler-, Lehrer- und Elternvertreter in den vier Grundperspektiven (subjektives Erleben und Potenziale, äußeres Verhalten und Kompetenzen, Kultur und Werte, Schulsystem und Familienstrukturen) aufgestellt wurden, zeigten sich ein paar klare Erfordernisse für die nächsten Schritte der Entwicklung des Bildungssystems. Die Verbesserung von Eltern- und Lehrerbeziehung wurde als prioritär erkannt, weil es den Lehrern in allen Positionen schlecht ging und die Eltern nur ihre Kinder, nicht aber die Wichtigkeit eines gemeinsamen Funktionierens als menschliches System Eltern-Lehrer-Schüler erkannten. Die Schülervertreter zeigten sich in jeder Position kraftvoll und auf neue Visionen ausgerichtet. Das verweist auf die Wichtigkeit, Lernende mit ihrem ganzen Seelenpotenzial und ihren Kompetenzen, der Kraft und Kongruenz ihrer Energien zu erkennen, wertzuschätzen und Bedingungen zu schaffen, in denen sie diese ins Leben bringen können. Der integrale Ansatz bietet viele weitere Möglichkeiten, schon bestehende Konzepte und Praktiken zu einem sinnvollen größeren Ganzen zusammenzuführen.

ES

Individuelles Inneres

Subjektives Erleben & Potenziale

Individuelles Äußeres

Objektiv Messbares


Innere Welten (Kognition, Affektivität, Spiritualität)

Schule der Zukunft

nächstmöglicher Schritt

von Kindern, LehrerInnen und Eltern

Fertigkeiten, Kompetenzen und Verhalten

von SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern



Werte, Lern- und Lehrkultur

von SchülerInnen, LehrerInnen und Familien

Familienstrukturen,

Schulsystem (Organisation der Lernsituation, Lehrplan, etc.)

WIR

Gemeinsames Inneres

Kultur & Werte, Weltsicht

Gemeinsames Äußeres

Soziale Systeme & Umweltstrukturen


Aufstellungsdesign für die Vision einer Schule der Zukunft

 

 

aus: integrale perspektiven Nr. 31