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17.8.2017 : 9:53 : +0200

Gitarrenpädagogik:

Lehren, Lernen, Leben, Lieben

 

von Michael Habecker

Als ich mich im Frühjahr 1993 selbständig machte, hatte ich 13 Berufsjahre in der Industrie hinter mir, in denen ich so gut wie gar nicht mehr die große Leidenschaft meiner Jugend, die Musik und das Gitarrenspielen, praktiziert hatte. Es kam mir daher auch gar nicht in den Sinn, daran wieder anzuknüpfen, sondern ich versuchte zuerst, in vielen unterschiedlichen Arten von „Business“ mir eine neue Existenz aufzubauen. Dies gelang jedoch nicht so schnell wie erhofft, und als das Geld allmählich knapp wurde, holte ich meine Gitarre aus dem Keller, spannte neue Saiten darauf, sichtete mein altes Notenmaterial und begann – für eine Übergangszeit wie ich dachte – damit, Gitarrenunterricht zu geben, wie ich es schon als Student gemacht hatte. Ein paar Aushänge in den örtlichen Schulen brachten mir die ersten Schüler, und durch Mundpropaganda wuchs mein „Geschäft“ im Laufe der Jahre mehr und mehr, so dass ich heute, wenn ich nach meinem Beruf gefragt werden, als erstes „Gitarrenlehrer“ sage. Ein zweites großes und leidenschaftliches Betätigungsfeld ist für mich die Beschäftigung mit Ken Wilber und seiner Arbeit und um beides soll es in diesem Beitrag gehen.

Die Gitarrenpädagogik hat vor allem eines für mich bewirkt und bedeutet – und tut dies auch weiterhin – und zwar die Wendung nach innen. War ich vorher als Ingenieur vorwiegend mit der äußeren Welt und ihrer Gestaltung beschäftigt, führte mich die Pädagogik auf den Weg ins Innere meiner selbst und dem anderer Menschen.

Gleich zu Beginn hatte ich dazu ein Schlüsselerlebnis. Ich hatte keinerlei Ausbildung für das, was ich machen wollte und hatte auch selbst jahrelang nicht mehr gespielt. Daher erstellte ich einen „ingenieurmäßigen“ Unterrichtplan, um auf die Fragen von Eltern „Hr. Habecker, wie gehen Sie vor?“ auch eine Antwort geben zu können. Doch in all den Jahren des Unterrichts hat mich noch nie jemand gefragt, ob ich 1. überhaupt Gitarre spielen kann und 2. ob ich für diese pädagogische Arbeit qualifiziert bin. Die Eignungsprüfung, wenn man es so nennen möchte, erfolgte stattdessen phänomenologisch. Die Mütter (manchmal auch die Väter) kamen mit ihren Kindern in den Unterricht, setzten sich dazu und beobachteten, wie ich ihre Kinder unterrichtete. Nach spätestens zehn Minuten wussten sie, ob ich für ihr Kind ein geeigneter Lehrer bin.

Hier ein paar „integral informierte“ Beobachtungen aus meinen Jahren pädagogischer Praxis.

PERSPEKTIVEN

Innerlich

Links oben ist die Welt subjektiven Erlebens und dazu gehören für einen Musikpädagogen alle Hoffnungen, Ängste, Begeisterungen, Frustrationen und Inspirationen , die damit verbunden sind. Auf Seite der Schüler (und deren beteiligten Verwandten und Freunden) ist es ähnlich und im unteren linken Quadranten, dem „Wir“, kommt dann beides oder alles zusammen. Das pädagogischer Wir ist die größte Herausforderung bei dieser Arbeit und das größte Lernfeld. Der Unterrichtsraum wird zu einem Begegnungsraum zweier oder mehrerer Menschen, in dem sich das „Wunder eines Wir“ und die damit verbundenen Überraschungen ereignen. Dieses Wir-Erleben wirkt natürlich auch auf das IchErleben zurück, und jeder Unterrichtstag hinterlässt so seine Spuren auch in der individuellen Psyche. Als Lehrer ist das die Gelegenheit, sich selbst immer besser kennenzulernen. Dazu gehört auch das, was Wilber als Schattenarbeit bezeichnet, die Aufdeckung unbewusster verdrängter eigener Bewusstseinsinhalte durch die Arbeit an den Irritationen des Alltags[1]. Motivation, Inspiration, Kreativität, Einfühlungsvermögen, Hingabe und Dienen[2] sind die subjektiven Erfahrungsfelder des Unterrichtens. Ein weiterer kultureller Aspekt ist der gemeinsame Kulturraum, in dem sich alles ereignet – welchen Stellenwert hat Musik allgemein und Gitarre speziell in der gegenwärtigen Kultur? Wäre ich Klarinettenlehrer, hätte ich nur einen Bruchteil der Schüler, die ich habe, bei ansonst gleichen Bedingungen in den anderen Quadranten.

Eines der bewegendsten Aspekte des Miteinanders ist das Erleben der Eltern-Kind oder Großeltern-Kind Beziehungen durch den Unterricht. Das Wort „Liebe“ drückt dies am klarsten aus, und als Lehrer darf man ein Teil dieser Liebe sein, die von den Eltern (und Großeltern) zu ihren Kindern fließt. Es ist die gleiche Liebe, die Eltern ihre Kinder überall hinfahren lässt („Mama- Taxi“), die finanziellen Mittel aufbringen lässt, und durch das Auf und Ab der mit dem Unterricht verbundenen Mühsal wie dem Üben gehen lässt. Wenn ich mit einem Schüler nicht klar komme und den inneren Bezug zu ihm oder ihr zu verlieren drohe, dann fühle ich mich darin ein, wie seine Mutter oder sein Vater ihn sieht und erlebt, und dies öffnet den Beziehungsraum.

Äußerlich

Die Perspektive des rechten oberen Quadrant umfasst alles äußerlich Beobachtbare, das Verhalten der Beteiligten, die Art, wie das Instrument gehalten wird beispielsweise und alle damit verbundenen notwendigen sonstigen technischen Aspekte. Gitarrenspielen ist auch Handwerk, und die Erfolgsmessung auf einem Instrument erfolgt oft nach dem Schwierigkeitsgrad der Stücke, die gespielt werden können.

Der rechte untere Quadrant umfasst das soziale Umfeld, den Unterrichtsraum, die „Lage“ und Anfahrtswege, den Einzugsbereich, andere Lehrer der Umgebung, die Abwicklung und Abrechnung, das Finanzamt, das Musikgeschäft in der nächsten Stadt, die Musikindustrie und das Internet mit Angeboten wie das Internetangebot „YouTube“. Diese Aspekte spielen bei der Existenzgründung und auch später eine wesentliche Rolle und werden oft unterschätzt oder durch eine große subjektiv erlebte Anfangsbegeisterung (OL) übersehen. Gitarrenpädagogik ist auch ein Business, eingebunden in das gesamte Wirtschaftsgeschehen, und die betriebswirtschaftliche Perspektive ist ein wichtiger Teil davon. So wusste ich
beispielsweise zu Beginn nicht, dass es eine Künstlersozialkasse gibt[3], die für künstlerisch
tätige Menschen die Hälfte der Krankenkassenbeiträge übernimmt – eine wesentliche Kosten
entlastung.

Phänomene und Strukturen

Auch die Unterscheidung von Phänomenen
und Strukturen, denen die Phänomene
folgen, die Wilber in seinem aktuellen
Werk betont, lässt sich gut in der Musik
nachvollziehen, zum Beispiel am Lied 
Let It Be[4]  der Beatles. Die phänomenologische Perspektive sieht und hört dieses
Lied jedes Mal neu und anders, weil jeder
Interpret anders spielt, und damit auch –
phänomenologisch – ein anderes Lied spielt.
Die Stimme, die Instrumente, die Tonart, die Zeit
und der Ort – jeder Augenblick ist neu, und damit auch das
 Let It Be jedes Augenblicks. Anders die Strukturperspektive. Das Lied hat, wie jedes Musikstück, eine bestimmte harmonische und melodische Struktur, (sonst wäre es nicht Let It Be), und strukturalistisch gesehen gibt es nur dieses eine, immer (strukturell) gleiche Lied. Wer hat also Recht, Phänomenologe oder Strukturalistin? Natürlich beide. Die Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit einer jeden Let It Be Wiedergabe hält sich an die strukturellen Gegebenheiten dieses Liedes, und Interpretin wie Zuhörer können beides genießen, das sich immer wandelnde Neue, vor dem Hintergrund des immer Gegebenen. Beide Perspektiven zu schulen ist eine Aufgabe (nicht nur) der Musikpädagogik.

Entwicklung – Ebenen und Linien

Pädagogik ist Lernen, Entwicklung und Struktur (=Fähigkeiten)- Bildung. Man kann ein Instrument nicht über Nacht lernen, und das führt manchmal zu Anfangsfrustrationen. Die Kids sehen auf MTV irgendeinen Gitarrenhelden und kommen dann in den Unterricht: „Du, Gitarrenlehrer, zeige mir mal, wie das geht, ich mache dann eine Band auf“. Und dann wird sehr schnell klar, dass man es beim Lernen mit einem stufenweisen, geduldigen und auch mühsamen Weg zu tun hat, oft mit ungewissem Ausgang. Auch diese Entwicklung geht somit von präkonventionell zu konventionell zu transkonventionell. Zu Beginn wird auf dem Instrument „herumgeklimpert“, dann lernt man, wie es andere machen oder wie es allgemein gemacht wird[5], und dann erst kann man, wenn man so weit kommt, über das, was andere (die Konvention) machen, hinausgehen und Eigenes und Neues erschaffen. Die Praxis fügt dieser einfachen Theorie eine Fülle von Erfahrungen hinzu, auf welche unterschiedlichen Weisen Menschen sich durch diese Grundstufen hindurch entwickeln. Jede(r) hat sein (ihr) eigenes Tempo, Temperament, Talent, ihren Stil und Fähigkeiten, um dies zu tun, und die Einmaligkeit, mit der Menschen sich auf diesen Weg machen, ist immer wieder atemberaubend.

Kein Lernweg gleicht dem anderen.
Um nur ein Beispiel zu nennen: Es gibt einen mehr innerlich orientierten Zugang zur Musik und einen mehr äußerlichen. Der Innerliche geht über das Hören und intuitives Nachspielen, der äußere über das Sehen und Notenlesen. Der innerliche ist mehr frei und improvisiert, der äußerliche mehr festgelegt und diszipliniert. Beide Wege sind wichtig und ihre Integration stellt eine interessante Herausforderung dar.
Was die einzelnen Entwicklungslinien anbelangt, entwickeln sich beim Spielen natürlich nicht nur die motorischen Fähigkeiten, sondern der ganze Mensch, mit seinem Denken und Fühlen. Gerade das Gefühlsleben wird durch Musik angesprochen und kann entwickelt werden. Gleichzeitig ist Musik ebenso ein Solo- wie ein Gemeinschaftserleben, mit der Gelegenheit, sowohl die Ich- als auch die Wir-Komponente des In-der-Welt-Seins zu entfalten. Die pädagogische Kunst dabei lässt sich in folgenden drei[6] Fragen formulieren:
- Wo steht ein Mensch in seiner Entwicklung?
- Was ist der nächste Schritt?
- Durch welche geeigneten pädagogischen Maßnahmen kann dieser Schritt unterstützt werden?

Beim Gitarrespielen gibt es eine lustige Variante zum „normalen“ Beherrschen des Instrumentes, und das ist das Luftgitarrespielen.[7] Während das Erlernen des Instrumentes ein Strukturentwicklungsweg ist, ist das „Erlernen“ des Luftgitarrespielens eine typische Zustandserfahrung. Jede(r) kann es sofort machen und sich so in den Zustand eines Gitarrespielers versetzen. Dies illustriert die (auch pädagogisch wertvolle) Unterscheidung, die Wilber diesbezüglich macht: „Zustände gibt es umsonst, Strukturen muss man sich erarbeiten“. Wenn unsere Enkelkinder Moritz und Franz zu Besuch sind, stürzen sie zuerst ins Musikzimmer, nehmen die Instrumente und spielen (Luft)gitarre. Doch dabei gibt es nur wenig Entwicklung, und irgendwann beginnt dann das Interesse für das Instrument und seine Beherrschung, um sich besser darauf und dadurch ausdrücken zu können, und das ist der Beginn des Strukturweges.

Zustände

Die Phänomenologie des Augenblicks ist ständigen Änderungen unterworfen, innerlich wie äußerlich. Nichts bleibt wie es ist, Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen kommen und gehen. Beim Unterrichten ist es der Wechsel der Stimmungen und Erlebensmomente mit einem anderen Menschen und im Verlaufe eines Tages dann auch mit mehreren Menschen, der dies erlebbar macht. Das Abenteurer des Nicht-Wissens, was im nächsten Augenblick geschieht, in einem selbst, in einem anderen Menschen und in der Außenwelt, bringt Farbe und Abwechslung ins Leben. „Cosmic Karma and Creativity[8]“, das Zusammentreffen des Gewohnheitsmäßigen und Gewachsenen mit der Frische und Neuheit der Emergenz eines jeden Augenblicks, ist gerade in der Pädagogik intensiv erfahrbar.

Typologien

Was wäre das (auch pädagogische) Leben ohne die Erfahrung „es geht auch anders“? Gerade die Gitarrenmusik hat eine enorme Anzahl typologischer Stile, Richtungen, Spielweisen, Techniken, Ausdrucksweisen und Möglichkeiten hervorgebracht. Zu meiner Zeit gab es das klassische Zupfen im Unterricht, und das war’s. Heute wird getappt, geslappt, gestrummt, es gibt flat- und fingerpicking usw., und man spielt klassisch, Folk, Flamenco, Jazz, Rock, Pop, Punk ... Auch die freie Stimmbarkeit der Gitarre eröffnet einen riesigen (pluralistischen) Kosmos an Möglichkeiten. Jeder kann sein Instrument stimmen, wie er oder sie will, und sich so eine eigene Nische der Spezialisierung schaffen. Die elektronischen Möglichkeiten und die der Musikverarbeitung am PC erweitern den Raum um eine weitere Dimension. Und was macht die Pädagogin dabei? Sie staunt, was alles möglich ist und begleitet den Schüler so gut sie kann.

Zum Schluss

Wie in jedem anderen Beruf auch bildet sich in der Gitarrenpädagogik das gesamte Leben ab, und das ist vor dem Hintergrund des integralen Rahmens: die innerlich individuelle Erfahrensdimension des Ich Bin, mit allen dazugehörigen „Voices“ und Persönlichkeitsanteilen, das In-Beziehung-Sein mit anderen Menschen in einem Wir und das Eingebunden-Sein in eine äußerliche Welt der Gegebenheiten. Dies geschieht auf allen Ebenen der Entwicklung und mit allen Linien und Fähigkeiten, mit einer Fülle typologischer Möglichkeiten und Alternativen und inhaltlich bereichert dadurch, dass nichts so bleibt, wie es ist.
Was für mich jedoch bleibt, ist die Dankbarkeit an das Leben, das Göttliche und an die Menschen, die mich auf diesem (Berufs)Weg unterstützen. Hier bekommt die Arbeit den Geschmack einer Berufung und damit auch eine spirituelle Dimension. Wir sind auch hier, um uns gegenseitig zu begleiten, und das ist ein pädagogischer Auftrag. Diesen Auftrag täglich zu erfüllen fällt mir nicht immer leicht, doch im Grunde meines Herzens weiß ich: Es ist ein guter Weg.


[1] Z. B. durch den 3-2-1 Prozess, bei dem aus äußerlich „fremd“ erscheinenden Erfahrensinhalten wie Irritationen (3te Person: „es“ stört mich) in einem inneren Dialog (2te Person „du störst mich“) wieder verdrängte eigene Anteile (als erste Person „ich bin die Störung“) ins Bewusstsein integriert werden können.

[2] Die „Dienstleistungsgesellschaft“ kann so einen großen, unsere Einzelegoismen transformierenden Einfluss ausüben, wenn wir uns darauf einlassen: Wir verdienen unser Geld damit, dass wir einander dienen.

[3] Das war eines der letzten Gesetze, das die Regierung unter Helmut Schmidt verabschiedete, bevor Helmut Kohl die Regierung übernahm, um Künstler, und dazu zählen auch Musikpädagogen, vor Altersarmut zu schützen. Danke, Helmut Schmidt!

[4] Eine Strukturbeschreibung des Harmonieverlaufes von Let It Be anhand der Tonleiterstufen wäre wie folgt: Strophe: I–V–VI–IV–I–V–IV–I. Refrain: VI–V–IV–I– I–V–IV–I.

[5] Auch und gerade „Autodidakten“ orientieren sich zuerst an der Musik anderer, bevor sie Eigenes entwickeln.

[6] Der integrale Ansatz fügt noch eine entscheidende vierte Frage hinzu: Wer bin ich (perspektivisch, entwicklungsmäßig, zustandserlebend und typologisch), der ich als Pädagoge diese Arbeit macht?

[7] Der Luftgitarrenspieler mimt dabei in seiner Gestik das Spielen einer E-Gitarre. Legendär und beispielgebend diesbezüglich war der Auftritt von Joe Cocker beim Woodstock Festival.

[8] So der Arbeitstitel vom (noch nicht veröffentlichten) Band 2 der Kosmos Trilogie von Ken Wilber.


Quelle: IP 10, 2008