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15.8.2018 : 2:50 : +0200

Komplexität und Leichtigkeit

Michael Habecker

Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt.
Hesiod

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen.
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Hermann Hesse

 


„Ken Wilbers Werk ist sehr komplex“ ist eine oft formulierte Aussage mit mehr oder weniger respektvollem Unterton oder einfach nur beschreibend.
Doch Wirklichkeit ist „in Wirklichkeit“ noch viel komplexer und dynamischer als sie jemals beschrieben werden kann und jeder Versuch ihrer Erfassung (im Sinne von Einfassung) ist daher von vornherein zum Scheitern verurteilt. Dennoch ist das Leben, und damit jedes Lebewesen, angefangen bei den einfachsten Lebensformen, immer schon bemüht, Sinn und Verstehen aus dem zu machen, was wir mit „Leben“ oder „Wirklichkeit“ bezeichnen. Leben ist ein Prozess der Problemlösung und Erkenntnisgewinnung. Also erklären wir uns selbst und auch uns gegenseitig immer wieder neu die Welt und die dabei existierende Fülle der Erklärungen macht uns das Angebot im Internet tagtäglich bewusst.
Was dabei so verwirrend ist, ist die Fülle von Differenzierungen und Unterscheidungen, und die schier unendliche Zahl unterschiedlicher Perspektiven auf ein (und dasselbe?) Thema. Kaum hat man sich an etwas orientiert und Halt gefunden, macht einem die Dialektik der Negation und die Multiperspektivität klar, dass auch dies bestenfalls nur eine Zwischenstation sein kann. Auch die Arbeit des „integralen Philosophen“ Wilbers besteht, das wird oft nicht gesehen, zu einem ganz überwiegenden Anteil aus Differenzierungen und Unterscheidungen, an deren (vorläufigem) Ende erst die Integration steht. „Integration“ bedeutet daher technisch korrekt formuliert Differenzierung-und-Integration-und-Differenzierung-und-Integration-und … ohne Ende.
Differenzierungsarbeit ist anstrengend und manchmal auch frustrierend. Sie erfordert ein immer tieferes Eintauchen in die Welt der Formen und der Fülle, ein klares Unterscheidungs- und Beschreibungsvermögen, den Mut Dinge zu erkennen, die man vielleicht gar nicht so genau wissen wollte, und die ständige Bereitschaft der Konfrontation mit dem Unerwarteten und Überraschenden. Dabei werden einem auch immer wieder die eigenen Grenzen aufgezeigt.   
In diesem nie endenden Prozess gibt es jedoch auch immer Erkenntnisse von klarer Schönheit und Einfachheit, z. B. in Form einer mathematischen Gleichung, der Formulierung eines Grundprinzips, der Verdeutlichung einer wesentlichen Struktur oder ähnlichem. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass der schöpferische Kosmos neben einer unüberschaubaren Komplexität auch atemberaubend einfach angelegt ist, als einer Einfachheit die jedoch erst im Verlaufe einer Durchdringung von Komplexität sichtbar wird – so wie die berühmte Gleichung E=mc2 nicht am Anfang, sondern erst am Ende eines komplexen Rechenprozesses sichtbar wurde. Und so wie auch das über 2000 Jahre alte Gleichnis vom Splitter im Auge des Anderen, welcher auf den Balken im eigenen Auge hinweist, auch heute noch eine wunderbar klare Zusammenfassung des sehr komplexen Vorgangs von Verdrängung und Projektion darstellt.   
Psychologisch wird diese Einfachheit als Schönheit, Eleganz und Leichtigkeit erfahren, die jedoch zu unterscheiden ist von der Seichtigkeit einer nur oberflächlichen Erfassung. Der Begriff einer „second simplicity“ machte vor einiger Zeit die Runde, als einer zweiten Einfachheit, die sich jedoch erst einstellt, wenn man Komplexität durchdrungen hatte.  
Und schließlich existiert noch eine weitere Dimension von Einfachheit und Leichtigkeit, welche jedoch „nicht von dieser Welt“ ist. Es ist die Einfachheit der Leere, des Tao oder des Unnennbaren, aus dem alle Formen und Gestaltungen entstehen, sich zeigen und wieder vergehen. Es ist die Freiheit einer Ewigkeit, welche keinen Anfang und kein Ende in der Zeit hat.

Mit den höchsten Kräften berührt der Mensch die Ewigkeit, das ist Gott.
Mit den niedersten berührt er die Zeit, und davon wird er wandelbar.

Meister Eckehart


(aus: integrale perspektiven Nr. 32)