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20.10.2017 : 12:45 : +0200

Leben in Systemen

Michael Habecker

Wer oder was ist der Mensch?

Was das menschliche Dasein in der manifesten Welt betrifft, geben uns die vier Quadranten (als vier unterschiedliche Perspektive auf einen Menschen) vier gleichermaßen bedeutende Antworten auf die Frage wer wir sind:



Diese vier Seinsdimensionen, als unterschiedliche Perspektiven auf eine Gegebenheit, stehen in vielfältigem Austausch miteinander. Sie sind nicht aufeinander reduzierbar und keine ist ursächlich für eine andere. Für alle vier Aussagen gilt daher gleichermaßen, dass sie weder zu verabsolutieren noch zu vernachlässigen sind. Der Mensch ist – am Beispiel des unteren rechten Quadranten – nicht nur Teil von Systemen (Beziehung, Familie, Ökologie, Wirtschaft, Politik, Gemeinde, Staat, Versorgung, Entsorgung, …), aber eben auch. Was bedeutet dies? Es kommt auf die Perspektive an, und zwar sowohl auf den befragten Menschen als auch auf das System, um das es geht. Manche Menschen empfinden ihr Leben in einem familiären System als das größte Glück auf Erden, für andere kann ein Beziehungsleben zum Alptraum werden. Menschen empfinden ihr Leben in einem ökologischen System als eine intensive und beglückende Verbundenheit mit der Natur – oder als etwas Beängstigendes, vor dem Hintergrund von Klimaveränderungen, Umweltverschmutzung usw. Menschen empfinden ihr Leben in einem politischen System als etwas, was ihnen einen verlässlichen Rahmen für ihre Lebensführung gibt, andere Menschen wiederum erleben das gleiche politische System als eine unerträgliche „strukturelle Gewalt“. Menschen erleben ihr Leben in einem Wirtschaftssystem als etwas Wichtiges und Wesentliches für ihre Versorgung mit allem Lebensnotwendigen – oder als eine systemgewordene globale Ungerechtigkeits- und Umverteilungsmaschinerie, bei der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.
Systeme setzen einen Rahmen, der Sicherheit, Schutz und Verlässlichkeit bietet, der jedoch gleichzeitig auch Begrenzungen, Beschränkungen und materiell gewordene Regeln enthält, die nicht nur als ungerecht und gewalttätig empfunden werden können, sondern dies in manchen Fällen auch sind, mit dem Impuls zur Systemveränderung. Von Menschen geschaffenen Systeme (Wirtschaft, Politik, Gesellschaft) sind ein Ergebnis einer langen kulturellen Entwicklung. Sie tragen und verkörpern sowohl den gesellschaftlichen Fortschritt dieser Entwicklung, wie auch die gewachsenen Beschränkungen.

Was ist ein gutes System?

Wodurch lassen sich gute Systeme von schlechten unterscheiden und was macht gute Systeme noch besser? Die Systemtheorie selbst, aus ihrer eigenen systemischen Perspektive, liefert darauf nur eine unzureichende Antwort: „Ein gutes System hat eine besser Funktionalität als ein schlechteres System“. Die Unbefriedigtheit liegt hier an der reinen Außenbetrachtung. Was soll, so muss man fragen, an einer gut funktionierenden Diktatur oder einer gut funktionierenden Ressourcenausbeutung, deren Gewinne nur Wenigen zugutekommen, gut sein? Die Antwort darauf kommt nicht aus dem unteren rechten, sondern aus dem unteren linken Quadranten, wo es nicht um Funktionalität sondern um Werte wie Gerechtigkeit und Solidarität geht. Hier ist eine Perspektiverweiterung notwendig. Fasst man noch die oberen beiden „individuellen“ Quadranten unter dem Begriff „(persönliche) Freiheit“ zusammen und nimmt als das wesentliche systemische Merkmal die Aufrechterhaltung und Nachhaltigkeit von Systemen und deren Bewahren vor einem Zusammenbruch, dann gelangt man zu einem Spannungsfeld, in das jedes Lebewesen mit seiner Geburt hineingestellt ist:



Alle Lebewesen wollen a) individuell frei sein und sich einzigartig ausdrücken und verwirklichen, b) in Gemeinschaften miteinander leben und sie brauchen c) eine Verlässlichkeit von Unterstützungssystemen zu ihrer Versorgung und Entsorgung.
Ein gutes System in dieser Betrachtungsweise (Familie, Beziehung, Wirtschaft, Politik, Energie) gibt den Menschen zum einen die notwendigen Freiräume zu ihrer Entfaltung. Es ist gleichzeitig auf Solidarität und Gemeinschaft ausgerichtet, so dass niemand außen vor bleiben muss, es ist weiterhin nachhaltig angelegt, um dauerhafte Unterstützung leisten zu können, und es ist dynamisch genug für die Möglichkeit zukünftiger Weiterentwicklungen.

(aus: integrale perspektiven Nr. 31)