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13.12.2017 : 20:00 : +0100

Liebe und Evolution

Ken Wilber

[love and evolution, aus der Reihe “the loft series”, IntegralLife.com]

Was ich zuerst über Liebe sagen möchte ist, dass es sich dabei nicht nur um eine menschliche Emotion handelt, sondern um eine meta­physische Kraft. Es ist Eros, der die Evo­lution antreibt. Es ist das, von dem Dante sagt, dass es die Sonne und die anderen Sterne bewegt.

Mit dem Urknall treten unzählige Teilchen in Erscheinung, und einige von ihnen treffen aufeinander, kommen zu­sammen, und diese Quarks verbinden sich zu Atomen, und Atome verbinden sich zu Molekülen. Und dann irgend­wann, und das ist ein absolutes Mysteri­um, gibt es diese langen Molekülketten, irgendwo, und es kommt der Zeitpunkt, wo sich einige von ihnen zusammentun, und sich um sie herum eine physische Grenze bildet, und es entsteht eine Zelle ... Immer mehr Zellen bildeten sich, zu immer höheren Ganzheiten. Jede dieser Stufen der Entfaltung seit dem Urknall ist eine Transformation zu immer höhe­rer Komplexität, Einheit und Ganzheit. Dahinter steht eine Kraft, ein Streben, das in das Universum eingebettet ist. Es ist Evolution als eine Selbstorganisation durch Selbsttranszendenz ... Die prokary­otischen Zellen werden transzendiert und bewahrt durch die komplexeren eukaryo­tischen Zellen, so dass auch wir heutigen Menschen diese Organellen in unseren Zellen haben, Mitochondrien zum Bei­spiel, als ein lebendiges Erbe dieses frü­hen „Transzendiere und Bewahre“, als kleine Zellen in den Zellen. Dies alles sind atemberaubende Zunahmen an Komple­xität, Einheit und Ganzheit. Wir haben es hier mit einer Kraft im Universum zu tun, die gegen den Zufall arbeitet, eine Kraft die das Gegenteil von Zufall ist, und diese Kraft ist Eros ... Diese multizellulären Or­ganismen entwickeln sich ihrerseits im­mer weiter. Mit jeder Transformation gibt es einen höheren Grad an Komplexität, einen höheren Grad von Einheit, einen höheren Grad von Ganzheit … Und dann erreichen wir den Punkt, wo dieser Evo­lutionsprozess sich seiner selbst bewusst wird. Das ist ein weiterer großer Schritt im Universum, und wir wissen nicht ob dies den Beginn des Endes des Univer­sums kennzeichnet, oder ob es sich um eine ganz neue Art von Erwachen handelt … Es ist interessant bis zum Urknall zu­rückzuschauen und zu erkennen, welche Rolle Eros dabei als einer der Hauptan­triebskräfte gespielt hat. Es hat 14 oder 15 Milliarden Jahre gebraucht, bis wir dahin gekommen sind, wo wir heute [auf der Erde] stehen, eine Selbstbewusstheit welche die wahre und echte Natur der Lie­be offenbart. Diese Natur ist ein Suchen und Streben zu höherer Einheit, zuneh­mender Bewusstheit und Komplexität, und eine Zusammenführung in liebender Einheit. Das war das Hauptziel des Eros von Anfang an. Wenn man sich klarmacht wie viel Zeit und wie viele Stufen dabei durchlaufen werden mussten, bis zu dem Punkt einer Entfaltung aus der Überfülle heraus, dann ist das eine wirkliche und atemberaubende Geschichte [story]. Und jedes mal wenn in einem ein Gefühl von Liebe aufsteigt, dann ist man verbunden mit dieser kosmischen Kraft. Sie bewegt sich durch den eigenen Geist und wohnt im eigenen Herzen, in der Seele und im Körper, mit dem gleichen Streben, das schon Moleküle, Zellen und Organismen zusammengefügt hat. Es ist der Klebstoff des Kosmos. Wird dieser Impuls im Men­schen erfahren, dann führt das zu Mit­gefühl und Fürsorge für andere ... Jedes Liebesempfinden oder Mitgefühl- und Fürsorgegefühl ist ein Zugang zu dieser außerordentlichen Fähigkeit und Kraft der Liebe, diesem ganz außerordentli­chen Antrieb des Universums, als einem GEIST der zum GEIST zurückkehrt. Das ist das Wesen der Liebe. Stellen wir uns die Involution als ein gestrecktes Gum­miband vor, und lassen dann los, als dem Punkt des Urknalls, dann bewegt sich das Band sofort zurück in seinen ursprünglichen Zustand, hin zur Quel­le, und dieser Antrieb ist Eros ... Dieser selbstorganisierende Antrieb steht hinter der Evolution. Erst damit lassen sich das Auftreten immer höherer Zustände und Komplexitäten von Einheiten erklären. Philosophen über die Jahrhunderte ha­ben dies erkannt, und dem unterschied­liche Namen gegeben. Der verbreitetste Name dafür ist Eros. In den prämodernen Traditionen wird das für eine spirituelle Eigenschaft gehalten, eine Eigenschaft des GEISTES. Es ist dieser allem inne­wohnende Antrieb, der die Menschen aus den Zustand der Unwissenheit und Uner­leuchtung, wo alles voneinander getrennt erscheint und empfunden wird, hin zu einem Zustand, wo alles als eine Einheit erfahren wird, führt, als ein Geschmack, und als ein Teil des Gewebes des gesam­ten Universums. Dieser Antrieb führt uns von ent-innert zu er-innert, von getrennt zu verbunden, und von Vereinzelung zur Einheit. Das ist das, was Liebe macht, sie ist eine der bedeutendsten Emotio­nen, die Menschen haben können. Es ist daher wichtig für uns Liebe zu fühlen und zu erleben, speziell in ihren höheren Formen des Überflusses. Das Fühlen von Liebe ereignet sich oft in Beziehungen, doch meistens beginnen wir unsere Be­ziehungen aus Mangelbedürfnissen he­raus. Die frühen Formen von Liebe sind nicht annähernd so erfüllend wie die der Überfülle und bestehen aus Ärger, Schuld, Vorwürfen, Urteilen, Negativität usw. - alles in der einen oder anderen Weise Ausdrücke eines frustrierten Verlangens nach Einheit. Der Partner oder die Part­nerin verhält sich nicht entsprechen der Einheit, die man sich vorstellt. Das führt zu den genannten Frustrationen. Doch selbst diese Ausdrucksformen gäbe es nicht, wenn all dem nicht die LIEBE zu­grunde liegen würde. Man kann auf diese Weise das Positive auch in diesen negati­ven Ausprägungen von Liebe erkennen. Tut man dies, und fühlt man die Liebe, dann verbindet man sich wieder mit die­ser metaphysischen Kraft, eine Kraft, die sich als Liebe gut anfühlt. Man verbindet sich dadurch nicht nur mit dem Partner, sondern mit dem GEIST der gesamten manifesten Welt, dem Streben der gesam­ten manifesten Welt zu wachsen, sich zu entwickeln und zu erwachen. Das ist ein sehr kraftvolles Gefühl, ein Gefühl nach dem die Menschen so sehr streben, und das ist verständlich, doch es ist wichtig, dies im richtigen Kontext zu betrachten, und nicht nur ein personalistischen Ge­fühl daraus zumachen. Es ist in Wahrheit die Öffnung oder Lichtung im eigenen Herzen, in die der Geist des Eros sich er­gießt ...

Helix Nebel NGC 7293, Copyright: ESO

Der Kurs in Wundern sagt, das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Angst. Das ist eine sehr tiefgründige Feststel­lung. Wenn man innerlich kontrahiert und sich von der Liebe abwendet, dann wendet man sich von dem ab was einen mit allem vereinigt, was erscheint. Man wird zurückgeworfen auf das Empfinden eines isolierten Selbst, das ganz allein ist. Mit den Worten der Upanishaden: „Wo ein anderes ist, da ist Angst“. Erlebt man sich also getrennt von allem und die Welt als ein Anderes, dann ist Angst die primäre Emotion dieses Zustandes. Wir können den Spuren der Liebe also direkt in uns selbst nachgehen, in dem wir uns fragen wie viel Angst wir haben. Auf je mehr Angst wir dabei stoßen, desto mehr geht es darum nach Liebe zu suchen und den Liebesraum zu erweitern ...

Liebe ist nicht nur eine menschliche Emotion, es ist ein metaphysischer Kleb­stoff, ein Streben des gesamten Univer­sums hin zu Zuständen höherer Einheit und Ganzheit. Dabei führt der Weg von den am meisten vereinzelten zu den am höchsten vereinigten Zuständen des Seins und der Bewusstheit ... Das ist wirklich ganz erstaunlich