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18.11.2017 : 12:48 : +0100

Ken Wilber zu einer integralen Weltföderation

 

Ich sehne mich nach einer Diskussion, in der integrale Offenheit gedeihen kann. Ich wünsche mir eine Gruppe von Weltpolitikern, die das Gesamtbild sehen können, ein größeres Bild, das wirklich allen Wertesystemen Raum gibt, jedoch nur weltzentrisches Verhalten toleriert.

Ich sehne mich auf diese dumme, utopische Weise nach einer Weltföderation, in der “jeder im Recht ist”, jedoch nur, wenn einige mehr im Recht sind als andere (z.B. weltzentrisch hat eher recht als ethnozentrisch); siehe dazu auch den Exzerpt B: “Three Principles Helpful for Any Integrative Approach”. Ich sehne mich nach der Freiheit und Fülle einer integralen Wahrnehmung, die von so vielen fühlenden Wesen wie nur möglich geteilt wird. Ich sehne mich nach einer Zukunft, wo integrale Werte nicht mehr von Grün und Blau gehasst werden. Doch leider bin ich damit ziemlich allein.

Jedoch – die Welt muss tun, was sie zu tun hat. Ich selbst glaube, dass im kommenden Jahrhundert die gegenwärtigen Vereinten Nationen auf friedliche Weise durch eine erste Bewegung hin zu einer echten Weltföderation ersetzt werden wird, angetrieben vor allem durch die Bedrohung der globalen Gemeinsamkeiten, die nicht auf einer nationalen Ebene handhabbar sind (wie Terrorismus,  Geld- und Wirtschaftspolitik und Umweltbedrohung.).

Ich nehme an, dass die erste Weltföderation wahrscheinlich orange bis grün sein wird. Und ich hoffe, dass es ein gesundes Grün sein wird, aber – wer weiß das schon? Ich glaube, dass jede derartige grüne Weltföderation wesentliche Schritte in Richtung der Weltharmonie unternehmen wird, aber sich dennoch irgendwann einmal den inhärenten Begrenzungen und  Widersprüchlichkeiten aller ersten-Rang Ansichten  stellen muss. Es wird eine Art weltweiter Gedankenpolizei für politisch-korrektes Denken auftauchen – eine grüne Inquisition, wenn man so will – deren subtile Brutalität, begleitet von äußerst unangenehmen Ereignissen, dazu führen wird, dass sich ein gelbes, umfassendes Bewusstsein etabliert. Aber das, glaube ich, wird noch mindestens ein Jahrhundert dauern.

Bis dahin – und angesichts der Tatsache, dass noch keine Regierung, keine Protestbewegung, keine nationale oder internationale Politik, derzeit integral ist – muss man sich fragen: Was kann ich selbst angesichts dieser trostlosen Umstände tun? An dieser Stelle kann ich nur wiederholen, was ich bereits in meinen früheren Kommentaren gesagt habe, und ich bin zutiefst davon überzeugt:

Die Welt bedarf einer integralen Handlungsweise und wird sie leider nicht erhalten, ob wir nun Krieg führen oder nicht. Dennoch ist es besser, eine Kerze im Dunkeln anzuzünden als die Dunkelheit zu verdammen. Wir arbeiten daher an uns selbst und bemühen uns, unser eigenes integrales Bewusstsein jeden Tag ein wenig zu vermehren, damit wir zuletzt diese Welt ein wenig heiler zurücklassen als wir sie vorgefunden haben.


Quelle: AK Ken Wilber Rundbrief 14, 2003,

           Ken Wilber, persönliche Mailkorrespondenz