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29.5.2017 : 11:24 : +0200

Perspektiven einer integralen Politik

Michael Habecker

 

Man kann die Welt nicht verändern, ohne sie zuerst zu verstehen.
Integralnaked.com

 

Als ein sehr direkter und anschaulicher Einstieg in ein integrale(re)s Verständnis von Politik haben sich die vier Quadranten erwiesen. Beginnen wir mit einem einfachen Erfahrungsexperiment in drei Teilen.

Teil 1

Spüren Sie in sich hinein und erleben Sie, wie es sich in diesem Augenblick anfühlt, ein Individuum, ein „Ich“ zu sein. Was erleben Sie gerade? Sie können sich dabei Fragen stellen wie

  • Was sind meine Ziele, Absichten und Intentionen (jetzt im Augenblick oder generell)?
  • Was sind meine Wünsche, Hoffnungen und Ängste?
  • Welche Ideen und Ideale sind mir wichtig und welche sind für mich inakzeptabel?

Wie fühlt es sich jetzt für Sie an, ein „Ich“, ein empfindendes Subjekt zu sein?

Teil 2

Spüren Sie in sich hinein und stellen Sie sich einen Menschen vor, mit dem Sie in Beziehung stehen (in Freundschaft, Feindschaft, privat, beruflich ...). Wenn Sie gerade mit einem Menschen zusammen sind, den Sie kennen, können Sie auch in diese Beziehung hineinspüren. Erleben Sie, wie es sich in diesem Augenblick anfühlt, ein Mensch-in-Beziehung und das Mitglied eines „Wir“ zu sein. Was erleben Sie gerade? Sie können sich dabei Fragen stellen wie

  • Wie geht es uns, mir und diesem Menschen, miteinander?
  • Welche Werte verbinden oder trennen uns voneinander?
  • Wie hat sich unsere Beziehung im Laufe der Zeit entwickelt?

Wie fühlt es sich jetzt für Sie an, ein Mensch-in-Beziehung zu sein, ein Mitglied ungezählter „Wir“?

Teil 3

Spüren Sie in sich hinein, und machen Sie sich einige der vielen Systeme bewusst, von denen Sie ein Teil sind und von denen Sie abhängen. Das Wasser, das Sie zu sich nehmen, hat bereits den Durst unzähliger Lebewesen gelöscht und wird in einem permanenten ökologischen Kreislauf immer wieder erneuert. Ähnliches gilt für unsere Nahrung. Wirtschaftlich und finanziell sind wir Teile von Wirtschafts- und Finanzsystemen, von denen unser wirtschaftliches Überleben abhängt. Der Computer, den wir benutzen, ist Teil eines weltweiten Informationssystems, das uns mit Informationen versorgt. Der Strom, der „aus der Steckdose“ kommt, ist das Ergebnis eines komplexen Energiesystems.

Was erleben Sie, wenn Sie sich das klar machen? Sie können sich dabei Fragen stellen wie

  • Was fühle ich bei der Vorstellung, Teil von Systemen zu sein?
  • Was bedeutet das für mich im Positiven und im Negativen?
  • Wie stark fühle ich mich dabei abhängig?

Wie fühlt es sich jetzt für Sie an, ein Mensch-in-Systemen, Organisationen, Strukturen und Prozessen zu sein?

Aus diesen drei Hauptperspektiven von Subjektivität, Inter-Subjektivität (Beziehung) und Objektivität, die sich jeder Mensch in jedem Augenblick klarmachen kann, wenn er in der Lage ist, über sich selbst zu reflektieren, lassen sich unmittelbar drei ganz wesentliche und grundlegende politische Orientierungen ableiten:

  • die liberale Perspektive sieht das Individuum in seiner Individualität und Einzigartigkeit und betont seine Rechte und Freiheiten,
  • die soziale Perspektive sieht den Menschen als Mitglied von Gemeinschaften und betont das Soziale und die daraus folgende Verantwortung und Verpflichtung,
  • die ökologisch-systemische [1] Perspektive sieht den Menschen als Teil von Systemen, mit den daraus folgenden Konsequenzen.

Die Begriffe liberal, sozial und ökologisch-systemisch werden hier im Sinne der genannten Grundperspektiven genannt, und nicht im Sinne von bestehenden politischen Parteien oder bestimmten Politikern. Vielleicht vergessen wir erst einmal, so weit das geht, die real existierenden politischen Verhältnisse und unsere eigenen Präferenzen und versuchen so „neu“ wie möglich auf das Gebiet Politik zu schauen. Liberal konzentriert sich dabei auf das Individuum, sozial hebt die Gemeinschaft und deren Werte hervor und ökologisch-systemisch bezieht sich auf das äußere System im allgemeinsten Sinn. Alle drei Perspektiven können Sie selbst, wie oben vorgeschlagen, auf ihre Erlebbarkeit und Realität unmittelbar überprüfen.

 

Abb.: Die vier Quadranten und politische Grundorientierungen

Die Perspektiven von subjektiv/liberal, gemeinschaftlich/sozial und objektiv/systemisch decken die vier Quadranten ab. Liberale Politik in diesem Sinne schaut auf das Individuum (Bewusstsein und Verhalten) und verteidigt seine Rechte und Freiheiten, oft gegenüber einem als „zu viel“ erlebten Kollektiv. Soziale Politik in diesem Sinne sieht die Gemeinschaft als eine Wertegemeinschaft und betont die daraus folgenden Verpflichtungen für alle. Ökologisch/systemische Politik in diesen Sinne schaut auf die Vernetztheit und die damit verbundene Abhängigkeit, in der wir uns alle als Teile von Systemen befinden.

Diese „Reinkultur“ von Perspektiven kommt in der realen Politik in einer solchen Abgegrenztheit nicht vor. Doch es lohnt sich, Politik erst einmal vor diesem Hintergrund zu betrachten, weil schon daraus ersichtlich wird,

a) dass diese Perspektiven keine Ideologien, sondern aus dem vermuteten Aufbau der Welt abgeleitet sind,

b) dass sie daher auch niemals verschwinden werden,

c) dass es notwendig ist, sie alle zu würdigen und bei allen politischen Entscheidungen zu berücksichtigen, da sonst wesentliche Wirklichkeitsdimensionen ausgeblendet werden.

Ein allgemeiner Grundsatz integraler Politik kann daher lauten:

Integrale Politik berücksichtigt gleichermaßen

  • individuelle Freiheiten
  • soziale Verantwortungen und
  • ökologisch/systemische Notwendigkeiten

Die drei Grundperspektiven stehen in einem natürlichen und unvermeidlichen Spannungsverhältnis zueinander. Konflikte, die sich daraus ergeben, sind positiv und ein Zeichen dafür, dass diese Perspektiven eingenommen werden.

Nehmen wir an, ein Paar plant seinen Urlaub. Er möchte an die See, sie zieht es in die Berge. Zwei „Ichs“ mit unterschiedlichen Intentionen und Zielen finden erst einmal nicht zusammen. Durch das Miteinander-Reden kommen sie dann vielleicht auf die Idee, ans Mittelmeer zu fahren, an den Fuß der Pyrenäen. Dort wären Meer und Gebirge geografisch eng beieinander. Allerdings ist das von Deutschland aus recht weit weg (Reisekosten), auch wollen beide im Urlaub keinen allzu großen ökologischen „Fußabdruck“ hinterlassen. Beides (Kosten und ökologischer Eingriff) sind systemische Bedingtheiten, die es auch noch zu integrieren gilt. Die Perspektiven stehen in einem natürlichen Spannungsverhältnis zueinander.

Wenn in der Politik auf diese Weise kontrovers und konstruktiv diskutiert wird, dann ist das kein Zeichen von „Streit“, „Parteiengezänk“ oder „Flügelkämpfen“, sondern ein einfacher Hinweis auf die Einnahme unterschiedlicher Perspektiven beim Ringen um eine gute politische Entscheidung.

 

Freiheit und Grenzen

Betrachten wir das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gemeinschaft noch unter einem anderen Gesichtspunkt:

 

Abb 2

Ausgehend von einem individuell erlebten und verstandenen Freiheitsbegriff (die oberen Quadranten) möchten Menschen diese Freiheit auch leben und zum Ausdruck bringen. Doch da jeder Mensch in kulturellen (der LU Quadrant) und sozial-systemischen (der UR Quadrant) Kontexten lebt, stößt er oder sie dabei auf kulturelle, beziehungsmäßige, wie auch auf strukturell-systemische Grenzen. Wenn ich meine Meinungsfreiheit in einer Form ausübe, die

andere beleidigt oder diffamiert, dann kann es sein, dass sich andere in ihrer Freiheit beeinträchtigt fühlen. Dasselbe geschieht, wenn ich jemandem etwas wegnehme, vom dem er oder sie der Ansicht ist, es gehört (zu) ihm oder ihr. Andere werden mir also Grenzen aufzeigen. Das kann zu direkter Gewalt bis hin zu staatlich organisierten Regeln (mit Polizei und Gerichtsbarkeit) führen. Ähnliches gilt für Ressourcen im weitesten Sinne. Viele Formen der Freiheitsausübung (ver)brauchen Ressourcen, die nicht unbeschränkt zur Verfügung stehen. Autofahren zum Beispiel braucht eine entsprechende Infrastruktur (inclusive Landverbrauch), verbraucht Energie und produziert Abgase. Davon sind andere betroffen und beeinträchtigt. Wie viel Freiheit soll erlaubt sein?

 

Freiheiten, Rechte und Pflichten

Nachfolgend eine Aufzählung von Freiheiten und Rechten, deren Garantie und Regelung ein zentrales Thema vieler Verfassungen und Gesetze ist. Es lohnt sich jeweils, zu überlegen, wie weit die individuelle Freiheit (und sogar das mögliche einklagbare Recht) dabei gehen darf und wo ihre Grenzen sind:

Freiheit der uneingeschränkten Meinungsäußerung, der Gedanken und des Gewissens, der Versammlung, der Berufswahl, der Gewerbeausübung, der Religionsausübung, der Kunst- und Wissenschaftsausübung, der Wohnort- und Aufenthaltortswahl ...

Recht auf Leben, Nahrung, Kleidung, Wohnung, Bildung und Information, Gesundheit(sversorgung), körperliche und geistige Unversehrtheit, eigene sexuelle Orientierung, Arbeit, Asyl, eigene Daten (Datenschutz), Kindsein (Kinderrechte), Altsein (Altenrechte), Minderheit sein (Minderheitenrechte), Sterben, behindert sein (Behindertenrechte), Integration (bei Behinderung, als Migrant/in u.a.), Eigentum, Würde, Gleichberechtigung ...

Während „Freiheit“ und „Recht auf ...“ Ausdruck einer liberalen Perspektive (im Sinne obiger Definition) sind, gelangt die sozial-gemeinschaftliche Perspektive des Wir zur Aufstellung von Pflichten, welche individuelle Freiheiten begrenzen. Aus einer Pflicht zur Solidarität werden weitere Verpflichtungen abgeleitet und (auch gesetzlich) eingefordert wie

Wir-Pflichten: Hilfeleistungen (z. B. in Notfällen), Unterstützungsleistungen (z. B. für Familienangehörige), Steuern und Abgaben (als materielle Leistungen für die Gemeinschaft), Schulpflicht, Versicherungspflicht (Haftung, Auto) ...

All dies entsteht durch die Tatsache, Mitglied von Gemeinschaften zu sein, was bedeutet, für die Gemeinschaft solidarisch etwas zu leisten, um zugleich als ihr Mitglied davon zu profitieren.

Die in jüngerer Zeit hervorgetretene ökologische Perspektive richtet das Augenmerk auf unsere Abhängigkeit von den Ressourcen dieser Erde und auf die Bedeutung der Erhaltung oder „Nachhaltigkeit“ dieser Systeme. Daraus sind eine Reihe von Es-Notwendigkeiten oder Prinzipien geworden (im Unterschied zu den Ich-Werten der liberalen und den Wir-Werten der sozialen Perspektiven), wie:

Verursacherprinzip (Umweltschäden werden nicht kollektiviert, sondern sind vom Verursacher zu zahlen), Nachhaltigkeitsprinzip (als das zentrale Prinzip zur Aufrechterhaltung von Systemen), Emissionsschutz, Naturschutz, Finanzverfassungen (Regelung des Finanzsystems zur Erhaltung der Natur), Wirtschaftsverfassung (Regelung des Wirtschaftssystems zum Schutz und zur Pflege der Natur) ...

Das Anerkennen der Ich-Freiheiten, der Wir-Solidarität und der Es-Notwendigkeiten ist ein erster wichtiger Schritt zu einer integralen Politik. Die Herausforderung, die daraus erwächst, besteht darin, bei allen politischen Entscheidungen

  • alle drei Perspektiven einzunehmen,
  • die sich daraus ergebenden Spannungen zu akzeptieren und (aus) zu halten,
  • eine integrative Lösung zu finden.

Dies berücksichtigt bereits das Thema Entwicklung, denn die Integration aller drei Perspektiven setzt eine entsprechend hohe Entwicklungsstufe voraus. Es ist interessant: je tiefer wir uns in unsere Individualität hineinentwickeln, desto mehr kommen die beiden anderen Perspektiven in das Blickfeld; und je mehr wir uns in unsere Gemeinschaftlichkeit hineinfühlen, desto mehr wird uns bewusst wie sehr diese auch auf unserer individuellen Unterschiedlichkeit und einer allgemeinen Nachhaltigkeit beruht; und je intensiver wir uns mit dem Systemen in denen wir leben beschäftigen, desto mehr wird uns dabei bewusst, wofür diese Systeme die Grundlage bilden. Letztendlich sind die drei Grundperspektiven nicht voneinander zu trennen, sondern es sind drei Aspekte eines Lebens.  

Zum Abschluss noch ein paar konkrete Anwendungsbeispiele und Reflektionen:

  • Welche politisch/perspektivische Präferenz haben Sie derzeit?
  • In welcher Weise hat sich Ihre politisch/perspektivische Präferenz im Laufe der Zeit entwickelt?
  • Welche politisch/perspektivische Präferenz hat die Partei Ihrer Wahl?
  • Welches sind Ihrer Meinung nach die größten politischen Herausforderungen derzeit und wie könnte eine integrierte (im Sinne der drei genannten Hauptperspektiven) Lösung Ihrer Meinung nach aussehen?
  • Schauen Sie sich politische Reden und Programme im Hinblick auf eine (Un)Ausgewogenheit der genannten Perspektiven an.
  • Anspruch und Wirklichkeit:

a) Inwieweit (und wo nicht) vertritt eine „liberale“ Partei (wie z. B. die FDP in Deutschland) liberale, soziale und systemische Positionen (im Sinne obiger Definition)?

b) Inwieweit (und wo nicht) vertritt eine „ökologische“ Partei (wie z. B. die Grünen in Deutschland) liberale, soziale und systemische Positionen (im Sinne obiger Definition)?

c) Inwieweit vertritt eine „soziale“ Partei (wie z. B. die SPD oder die Linke in Deutschland) liberale, soziale und systemische Positionen (im Sinne obiger Definition)?

d) Wo gibt es in den Parteien oder in der politischen Landschaft insgesamt Integrationstendenzen mit der Berücksichtigung von individuellen Freiheiten und sozialer Verantwortung und systemischer Nachhaltigkeit bei politischen Diskussionen und Entscheidungen?


[1] technisch gesprochen wäre der Begriff „systemisch“ ausreichend, weil er die allgemeine Perspektive auf ein beliebiges System beschreibt. Ich füge jedoch den Begriff „ökologisch“ der Anschaulichkeit halber hinzu. Es ist aber wichtig, darauf hinzuweisen, dass „systemisch“ weit mehr umfasst als „ökologisch“. Letzteres bezieht sich hauptsächlich auf die Biosphäre. Ersteres umfasst alle systemischen Zusammenhänge (biologisch, technisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch usw.).