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25.2.2017 : 19:10 : +0100

Postmaterialismus als nächster Schritt: 10 Verfassungsgrundsätze

Gil Ducommun
gil.ducommun@bluewin.ch
Prof. em. FH für Agrarökonomie und Entwicklungspolitik


Ich gehe von der subjektiven Lebenserfahrung aus und komme so zu Verfassungsprinzipien für ein friedliches Zusammenleben.

Jugend

Mit 15 Jahren wurde ich mir der Probleme der Welt bewusst und entsprechend politisiert. Die Verhältnisse in der "Dritten Welt" um 1960 hatten mich schockiert. Seither überlege ich, wie die Menschen besser zusammenleben könnten.

Mein Interesse an Biologie, Meteorologie und Geologie und die Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Problematik führten mich zum frühen Entscheid, Landwirtschaft zu studieren und mein Leben den Themen Hunger und Armut zu widmen.

Als klassischer 68er Student las ich Marx und sozialkritische Literatur, konnte mich jedoch nie den marxistischen Parteien anschliessen, vor allem, weil sie die menschliche Religiosität nicht einschlossen.

Auch Psychologie und Sozialpsychologie beschäftigten mich intensiv: Erich Fromm begleitete mich nicht nur durch die Studienzeit. Die Beschäftigung mit Dritte-Welt-Fragen bewog mich, die Volkswirtschaft zu verstehen.

Zwischen meinem 15ten und 40ten Lebensjahr war meine Religiosität heimatlos, ohne Pflege. Die Vernunft ließ dem mythischen christlichen Glauben (Blau) keine Chance mehr. Warum konnten Hindus, Buddhisten oder Animisten nicht ebenso Kinder Gottes sein wie die Christen? Die kirchliche Unterstützung unzähliger Diktaturen der "Dritten Welt" empörte mich. Erst mit 38 Jahren, das war 1984, fand ich eine ganzheitliche Praxis im Yoga und zwei Jahre später in der Zen-Meditation. Meine spirituelle Entwicklungslinie lebte nach 25 Jahren der Verwahrlosung und Suche wieder auf.

Gründerzeit

Den ersten Impuls aus dem klassischen linken entwicklungspolitischen Diskurs bekam ich 1984. Ich war seit vier Jahren bei der Entwicklungs-NGO SWISSAID tätig und begann die Themen Ethik und Spiritualität in die Entwicklungspolitik einzubauen. Das führte zu einem riesigen Krach mit den klassischen Linken und nach fünf Jahren verließ ich diese Stelle. Aber den ethisch-spirituellen Samen hatte ich zugleich in die Gründung der Beaulieu-Gruppe gesteckt. Wir arbeiteten fünf Jahre zusammen und 1991 erschien unser Buch "Aufbruch von innen - Manifest für eine Ethik der Zukunft" (Fischer TB). Wir gründeten gleichzeitig die europäische "Öko-spirtuelle Bewegung BEAULIEU". Zehn Jahre später lösten wir sie zugunsten der Gründung des europäischen Parteiprojektes Dynamik5 wieder auf. Eigentlich hatte ich schon 1995 eine Partei lancieren wollen, aber unter den spirituellen Menschen bei BEAULIEU, vor allem in Deutschland, erwuchs der Idee, Politik zu betreiben, eine starke Opposition. So gründeten wir damals das europäische Netzwerk HOLON.

Das im Jahr 2000 lancierte Projekt Dynamik5 scheiterte, insbesondere, weil ich mit meinen menschlichen Mängeln konfrontiert wurde. Das führte mich zu intensiver Schattenarbeit.

Ende 2002 beschloss ich, nie mehr eine Organisation zu initiieren. Ein Jahr später begann ich das Buch "Nach dem Kapitalismus - Wirtschaftsordnung einer integralen Gesellschaft" (Vianova, 2005) zu schreiben. Den Mut dazu schenkte mir Ken Wilber, u.a. mit seinem Buch Naturwissenschaft und Religion. Endlich konnte ich Wissenschaftlichkeit und Spiritualität sauber und kreativ vereinen. Im Mai 2005 nahm ich wieder einen Anlauf und fasste die Kernelemente des Buches zu der zehnseitigen Skizze einer Partei zusammen. Daraus wuchs Integrale Politik Schweiz. Die spirituelle Lehrerin Annette Kaiser gab mir in Wandergesprächen an der Aare kräftige Ratschläge auf den Weg - nach dem bitteren Schiffbruch mit Dynamik5.

Heute

Zurückgezogen im Berner Oberland befasse ich mich seit zwei bis drei Jahren mit dem Thema: Was könnte aus der integralen Perspektive der "nächste kulturelle Schritt" in den OECD-Ländern mit ihren gut geschulten Bevölkerungen und ihrer lange geübten Demokratie sein? Nun, meine integrale Schlussfolgerung mag zuerst ernüchternd klingen. Es ist der kollektive Schritt der Mehrheit von der Moderne (Orange) zur Post-Moderne (Grün), von rational zu postrational, von materialistisch zu post-materialistisch. Der Schritt ist machbar, aber doch beträchtlich. Beinhaltet er doch die Bereitschaft der Mehrheit zu Echter Demokratie, also zur Auflösung der Machtkonzentration beim Kapitaladel und zur Verantwortungsübernahme. Der Postmaterialismus wäre eine vernünftige und wohlwollende Antwort auf die zwei enormen weltweiten Probleme der sozialen Ungerechtigkeit und der ökologischen Zerstörung, welche die Menschheit in immer größere Krisen, Konflikte und wohl auch Kriege verwickeln dürften.

Das folgende Gesellschaftsprojekt müsste von Menschen auf der Bewusstseinsstufe Gelb oder Türkis angeführt werden, denn Grün-Spirituell neigt erheblich zu prä-rationalem Verhalten (prä-trans-Verwechslung).

10 postmaterialistische Verfassungsprinzipien

1. Ziel: Lebensqualität und Wohlbefinden aller Menschen bilden das Ziel des Zusammenlebens. Jeder Mensch soll sich seinem Potential entsprechend entfalten können, sowohl zu seiner Zufriedenheit wie zum Wohle aller. Dabei müssen gesunde Lebensgrundlagen und alle Naturebenen respektiert werden.

2. Freiheit: Die Befriedigung dieses Bedürfnisses ist essentiell, um die menschliche Selbstverwirklichung und Reifung zu ermöglichen. Der Freiheit werden jedoch Grenzen gesetzt durch die Erfordernisse der Gerechtigkeit, der Nachhaltigkeit und der Demokratie. Gute Grenzen verhindern Entfaltung nicht.

3. Gerechtigkeit: Ohne Gerechtigkeit unter den Menschen gibt es keinen Frieden. Das Prinzip ist so einfach wie notwendig. Gerechtigkeit definiert sich je nach Kultur anders. In den Industrieländern bedeutet sie z.B. eine Verteilung der Einkommen im Verhältnis von etwa 1 zu 20, später vielleicht 1 zu 10. Sie bedeutet ebenso die Verteilung der Vermögen, heute z.B. im Verhältnis von 1 zu 50 (100.000 zu 5 Mio.). Eine Erbschaftssteuer kann dies bewirken. Alle ausgebildeten Jugendlichen werden zu Erben der Verstorbenen. Es entsteht eine Art Volkskapitalismus (J.Stuart Mill), eine Gesellschaft von verantwortlichen Eigentümern.

4. Nachhaltigkeit: Die Gesellschaft lebt ökologisch nachhaltig, in Frieden mit der Natur. Die wissenschaftlich festgelegte maximale Umweltbelastung wird weltweit pro Kopf gerecht verteilt. Starke Lenkungsabgaben belasten schädliche Emissionen und den Verbrauch knapper Ressourcen. Technologische Forschung erfolgt schwergewichtig unter dem Gesichtspunkt der ökologischen Effizienz. Ausländische Konkurrenzprodukte, welche die öko-sozialen Produktionsnormen nicht erfüllen, werden an der Grenze belastet.

Damit hätten wir die Errungenschaften von Liberalismus, Sozialismus und Ökologismus (Grüne) in einem Gesellschaftsprojekt vereinigt. Die Dreiheit "Freiheit-Gerechtigkeit-Nachhaltigkeit" ersetzt die Dreiheit "Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit".

5. Echte Demokratie: Durch die gerechte Verteilung der Vermögen ermöglichen wir endlich Demokratie: die reale Verteilung der Macht, die Verantwortung aller Bürgerinnen und Bürger für das Wohl von Gesellschaft und Wirtschaft. Führung in Politik und Wirtschaft erfolgt nach den Prinzipien der Delegation und der Subsidiarität. Moderne Rechtsstaatlichkeit versteht sich von selbst, ebenso effiziente Betriebsführung.

6. Wachstum: Materielles Wachstum ist kein Ziel mehr, sobald ein Land die Wohlstandsgrenze (ökologische Belastung) erreicht hat. Das Wachstum geht qualitativ, kreativ weiter. Die Deckelung des Wohlstandes (Einkommen, Vermögen), ökologische Lenkungen und weitere Maßnahmen (z.B. die Kostenwahrheit der Preise) bringen in wohlhabenden Ländern das materielle Wachstum zum Erliegen.

7. Erwerbsarbeit: Sie wird unter den Arbeitsfähigen relativ gleichmässig verteilt. Um materielles Wachstum zu verhindern, muss die Arbeitszeit bei Bedarf beschränkt werden. Der ausgebildete Erwachsene hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, der Gesellschaft mit einem Teil seiner Zeit zu dienen.

8. Boden und Wasser: Sie sind Teil der Allmend, der Güter im Besitz der Gemeinschaft. Ihre Nutzung erfolgt über öffentliche Nutzungsrechte und -pflichten. Die Gesellschaft kann weitere Güter unter den Schutz der Allgemeinheit stellen.

9. Wirtschaft: Sie ist eine Dienstleistung für die Gesellschaft. Sie bedarf eines Gewinns mit Maß. Die Arbeitnehmer besitzen in den Betrieben, außer in Kleinbetrieben, mindestens 51% des Eigenkapitals und der Stimmrechte (dank der Verteilung der Erbschaften über den Erbenfonds).

10. Finanzwesen: Es ist eine Dienstleistung für die Realwirtschaft und die Bürgerinnen und Bürger. Es dient der Ersparnis, dem Handel und der Investition. Geldschöpfung ist Angelegenheit einer öffentlichen Einrichtung. Börse, Spekulation und weitere Geldspiele, bei denen es darum geht, aus Geld noch mehr Geld zu machen, werden weitgehend unterbunden (z.B. durch Haltefristen von ein bis sechs Monaten beim Handel mit Rohstoffen, Devisen oder Wertpapieren).

(Quelle: integrale perspektiven Ausgabe 25)