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26.6.2017 : 10:45 : +0200

Simpol-DE: Integrale bürgerschaftliche Praxis

simpol infografik

Weltzentrisch wählen und wirken

Dirk Weller


Dieser Beitrag skizziert ein persönlich gefärbtes Bild der bisherigen Entwicklung von Simpol in Deutschland.

Simpol (‚Simultaneous Policy‘) ist eine globale, langfristig angelegte Weltbürger-Initiative, in der BürgerInnen ihre nationalen Wähler-Stimmen multithematischen, globalen Lösungsverhandlungen widmen. Auf diesem Weg wollen sie die Gemeinschaft der Nationen in die Lage versetzen, durch synchronisiertes Handeln Blockaden gegen eine gemeinwohlorientierte und nachhaltige globale Politik zu überwinden.

Für umfassende Informationen zum Konzept der Initiative sei auf http://de.simpol.org verwiesen.

Die ersten Schritte von Simpol Deutschland

Im Herbst 2011 übernahm ich die Rolle eines provisorischen Koordinators für Simpol Deutschland. In den Jahren von 2004 bis 2006 hatte bereits Ursulina Telberg Simpol von Südtirol aus für die deutschsprachigen Länder vertreten. Nachdem sie altersbedingt ausschied, hatte es jedoch für einige Jahre keine Fortsetzung gegeben.

Mit einer wachsenden Zahl von weiteren UnterstützerInnen begannen wir, Erfahrungen damit zu sammeln, dass die Reaktionen der Menschen, denen wir von der Simpol-Initiative erzählten, völlig unterschiedlich waren. Mehr und mehr wurde erkennbar, wie schwierig und langwierig es ist, für eine so ungewohnte und komplexe Perspektive wie Simpol zu werben. Sehr erfreulich sind dabei immer wieder auch Reaktionen von ausgewiesenen Experten, wie im deutschsprachigen Raum von Prof. Eigen (Transparency International und Viadrina School of Governance), Prof. Köchler (International Progress Organisation IPO) und Prof. Radermacher (Global Marshall Plan).

Simpol DE profitiert sehr von John Bunzl’s Strategie seit 2006, seine Gedanken und Konzepte in Begriffen der integralen Philosophie zu publizieren. Die Schlüssigkeit dieser Darstellungen überzeugte Ken Wilber, dem Simpol Advisory Board beizutreten, und lieferte die Basis für die intensive Zusammenarbeit mit dem Integralen Forum.

Simpol, Global Governance und die deutsche Geschichte

Simpol ist ein Integrations-Entwurf auf Weltebene. Die historische Dimension dieses Aspektes führte bei mir persönlich zu der Überlegung: Dürfen wir uns hier überhaupt prominent engagieren? Wäre Deutschland nicht sogar eine Gefahr für das globale Image der Simpol-Bewegung?

John Bunzl äußerte dazu die Hypothese, dass jedes Land und jede Bevölkerung zum Thema ‚weltweite Kooperation‘ seine Vorgeschichte habe. Er selbst wohnt in unmittelbarer Nähe von Greenwich und damit des Null-Meridians – ebenfalls einem ambivalenten Symbol für globale Historie.

Immerhin steht ‚unserer‘ traumatischen historischen Resonanz auch eine positive gegenüber: Deutschland hat mit seiner Wiedervereinigung einmalige, junge Erfahrungen mit der orgiastischen Euphorie beim Überwinden dysfunktionaler kollektiver Spaltungen („Simpol ≈ Wiedervereinigung mal 200?“) und ist maßgeblich am historisch einmaligen Kooperationsexperiment ‚Europa‘ beteiligt. ´

Simpol DE in den Medien der integralen Gemeinschaft

Um in dieser frühen Aufbauphase in 2012 noch unterhalb des Radars von Massenmedien zu bleiben, fokussierte sich Simpol DE zunächst auf ausgewählte Umfelder (OpenMind-Journal, EnlightenNext-Podcast), um Zielgruppen mit weltzentrischem Denken und Fühlen möglichst gezielt zu erreichen.

Im Juni bekamen wir die große Chance, Simpol DE auf der Jahrestagung des Integralen Forums umfassend vorzustellen. Es gab begeisterte Resonanz, und in den angeschlossenen Workshops wurde ein starkes Bedürfnis erkennbar, integrale Konzepte durch Strategien wie Simpol in der Gesellschaft sichtbar und wirksam machen zu können. Sogar sehr dankenswerte Spendenbeträge wurden Simpol gewidmet und haben viele Aktivitäten seitdem überhaupt erst ermöglicht.

Integrale Politik – Ladenhüter oder Chance zur Heilung?

Allerdings zeigte sich bei ähnlichen, regionalen Veranstaltungen vielfach, wie schwierig es auch im integralen Umfeld ist, mit dem Stichwort ‚Politik‘ Interesse zu wecken. Sicherlich haben sich viele integrale und andere Avantgardisten – sehr nachvollziehbar – mit Grausen von allem Politischem abgewandt und müssen erst für die Idee gewonnen werden, aktive bürgerschaftliche Partizipation auf allen holonischen Ebenen im eigenen Interesse in eine integrale Lebenspraxis zu integrieren.

Gerade das Individuum profitiert m.E. als erstes davon, den quälenden ‚Quadranten-Riss‘ zwischen ‚globaler Empathie‘ (Radermacher) und eigenem konkreten Handeln zu überwinden.

Aktivitäten in den Regionen

Im Nachgang der erfolgreichen Veranstaltung in Berlin im Sommer 2012 gründeten sich erste Regionalgruppen. Sie hielten regelmäßig Treffen ab und erarbeiteten vielfältige Aktivitäten und Initiativen. In Berlin lag ein Schwerpunkt auf dem Besuch von politischen Veranstaltungen mit thematischem Bezug, um dort in Publikumsdiskussionen Simpol einzubringen. Dabei entstand das Bedürfnis, sich gezielt darin zu üben, Simpol eloquent in politische Debatten hineinzutragen. Ein Workshop-Format ‚Verkaufstraining‘ wurde entwickelt, in dem die authentische und prägnante Kommunikation zu Simpol im geschützten Rahmen probiert und eingeübt werden konnte (‚Elevator-Pitch‘).

Zur besseren Nutzung unserer knappen Kapazitäten wurde später auf die Ebene der Regionalgruppen verzichtet und die Arbeit wieder bundesweit direkt vernetzt und themenbezogen strukturiert.

Kollaborative Email-Aktion an deutsche Abgeordnete

Im September 2012 kam im Kreis der Aktiven der Impuls auf, zum Thema ‚Energiewende‘ eine E-Mail an alle Bundestagsabgeordneten zu verschicken, wozu sich 15 Aktive zusammenfanden und erfolgreich virtuell koordinierten. Der Rücklauf war quantitativ gesehen ernüchternd, aber inhaltlich ermutigend. Einen intensivierten argumentativen Austausch mit den bundesdeutschen Abgeordneten haben wir uns aufgespart für die Phase vor der Bundestagswahl 2013, um zunächst selbst hinsichtlich unserer Kapazitäten und Unterzeichner-Zahlen besser aufgestellt zu sein.

Facebook – virtuelles Übungs- und Verbindungsmedium

Auf Facebook gibt es seit 2012 Simpol-Gruppen der einzelnen Länder und eine globale Facebook-‚Seite‘. Über 150 Simpol-AktivistInnen und InteressentInnen tauschen sich in der Gruppe ‚Simpol Deutschland‘ regelmäßig über Simpol und verwandte Themen aus. Die dortigen Diskussionen sind ein hochinformatives Übungsfeld für weltzentrisches Denken und Kommunizieren. Ko-Kreativ wurden über 100 Slogans entworfen. Kommunikationsentwürfe bekommen hier Feedbacks und Feinschliff.

Bisherige politische Unterstützung

Besonders spannend ist natürlich die Frage, wann und in welcher Form sich wirklich auch deutsche PolitikerInnen auf Simpol einlassen. Auf bundesweiter KandidatInnen-Ebene ist Jutta Zedlitz von den Violetten die erste Unterzeichnerin. Auf Parteien-Ebene hat die Eine-Welt-Partei Simpol unterzeichnet und auch ihre Absicht erklärt, Simpol im Wahlkampf zur Europa-Wahl aktiv zu promoten. Eva Quistorp, Gründungsmitglied der Grünen, hatte schon vor etlichen Jahren unterzeichnet, war jedoch auf Europa-Ebene aktiv und nicht im Deutschen Bundestag.

Als überparteiliche Bewegung hofft Simpol Deutschland sehr darauf, gerade im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 noch einige Parlamentsmitglieder und KandidatInnen aus möglichst allen demokratischen Parteien gewinnen zu können.

Einzelne Simpol-AktivistInnen suchen hierfür immer wieder Kontakt und Austausch mit Kandidaten und Partei- und Parlamentsmitgliedern. So setzen sie dort weltzentrische Gedankenimpulse und sammeln selbst spannende Kommunikationserfahrungen, die dann in der Facebook-Gruppe geteilt und diskutiert werden.

Simpol Kultur und Diskurs – revolutionär respektvoll

Ein geradezu extremer Kontrast zwischen Simpol und vielen anderen politischen Gruppierungen zeigt sich in der Art des Umgangs miteinander und mit anderen. Ich empfinde die AktivistInnen von Simpol als bewegt von tiefer Liebe zur Menschheit und ihrem Potenzial, global alle Perspektiven kooperativ zu integrieren. Entsprechend respekt- und liebevoll wird meist nach innen und nach ‚außen‘ miteinander umgegangen.

Jenseits aller Blame-Games gemeinsam eine Anbahnung globaler Kooperation erarbeiten – das ist bei aller Zähigkeit der Aufgabe auch eine psychoaktive, das Individuum transformierende Übung. Unabhängig davon, ob, wie und wann der Simpol-‚Plan‘ vollständig realisiert werden kann, sehe ich dies als einen Beitrag von Simpol zum Diskurs und zum Miteinander.

Der Schritt vom ‚Wir‘ zum ‚Wir Alle‘, vom zornigen ‚Wir sind die 99%‘ zum liebenden ‚Wir sind die 100%‘, dieser Schritt zeigt sich nicht nur im großen Entwurf, sondern auch im Hier und Jetzt.

Das führt dazu, dass die Arbeit für Simpol für mich auch integral Freude macht, und immer wieder mit intensiven, herzöffnenden Erlebnissen einhergeht. Für diese Erfahrungen bin ich allen Mit-Aktiven und ‚dem globalen Leben‘ unendlich dankbar.

Wir laden alle LeserInnen herzlich ein, sich diesem entstehenden Feld anzuschließen und in diesen neuartigen ‚Geschmack‘ einzutauchen. Unterzeichnen Sie und engagieren Sie sich. Gerade jetzt, im Vorfeld der Bundestagswahl, gibt es richtig viel zu tun. Globale Kooperation als essentielles BürgerInnen-Anliegen für Öffentlichkeit und PolitikerInnen wahrnehmbar zu machen – dafür ist jetzt der beste Zeitpunkt. Es sind genug Arbeitspakete für alle da!

Dirk Weller ist Diplom-Psychologe, Markt- und Organisationsforscher und Berater, aktiv im IF und in den Berater-Netzwerken 'Perspektivisten' und 'Shiftconsulting'. Publikationen zu integralen Themen seit 2004. Certified Holacracy Practicioner, ISPO (International Simultaneous Policy Organisation) Trustee und Deutschland-Koordinator für Simpol.

(Quelle: integrale perspektiven Nr. 25)