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24.6.2017 : 15:54 : +0200

Terrorismus

(aus: Integral Naked)

 

Ken Wilber: ... Ich möchte ein Beispiel geben, warum Entwicklungsmodelle so wichtig sind. Menschen bewegen sich durch diese Ebenen hindurch und nehmen Perspektiven ein – wir vereinfachen das, indem wir sagen: egozentrisch zu ethnozentrisch zu weltzentrisch, oder präkonventionell zu konventionell zu postkonventionell. Ich habe gerade das Buch The Many Faces of Terrorism fertiggestellt, und dabei habe ich mir die vielleicht 100 größten terroristischen Anschläge der letzten Zeit weltweit angeschaut – und Al Kaida ist nur ein sehr kleiner Teil davon. Was dabei herausgekommen ist, ist dass das psychologische Profil in allen 100 Fällen praktisch identisch war, absolut identisch. Ich nehme für einen Entwicklungsverlauf jetzt einmal Jean Gebser: archaisch-magisch-mythisch-rational-pluralistisch-integral und darüber hinaus. Sie alle hatten fundamentalistische, ethnozentrisch-mythische Glaubensüberzeugungen und wurden angetrieben von egozentrischen Impulsen. Wir haben es mit einem sehr primitiven, narzisstischen emotionaler Antrieb innerhalb einer ethnozentrischen Glaubensvorstellung zu tun. Ethnozentrik ist oft mythisch-religiös. Und vieles passiert, weil Menschen glauben, sie hätten Gott auf ihrer Seite, und sie töten dich, weil das Gott voranbringt. Manchmal ist es so: „ich töte dich, und dann komme ich in den Himmel“, und dann ist der terroristische Akt so etwas wie ein Karrieresprung [Lachen]. Das ist in der heutigen Welt nicht ganz ungefährlich, wo man an Plutonium gelangen kann, und dann, um befördert zu werden Plutonium in die Trinkwasserversorgung z. B. von Los Angeles schüttet, damit die Ungläubigen sterben – was etwas Gutes ist. Das ist nicht das einzige Böse dabei, aber vieles von dem, worüber wir dabei sprechen, kommt daher, dass sich die Menschen durch die Ebenen der Entwicklung bewegen und sich auf der ethnozentrischen Stufe befinden. Wir glauben in den USA, dass diese Dinge sich irgendwo anders abspielen, aber es passiert auch hier. Oft legen Fundamentalisten Bomben vor Abtreibungskliniken. Timothy Mc Veight ist ein weiteres Beispiel [Ein Attentäter, der 1995 ein Bundesgebäude in Oklahoma in die Luft sprengte], ein großer Terrorist, ethnozentrische Entwicklungsebene, angetrieben von narzisstisch-emotionalen Impulsen. Wir sollten nicht glauben, dass so etwas nur im mittleren Osten geschieht... 

Eines der Dinge, die man dabei tun kann, ist Entwicklung ganz allgemein zu unterstützen. Doch damit das geschehen kann, muss man – in praktisch allen Fällen – den Schritt von einem ethnozentrischen Gott zu einem weltzentrischen Gott machen. Mit anderen Worten – der Gott eines auserwählten Volkes [muss überwunden werden], seien dies nun Protestanten, oder Katholiken, oder Juden, oder Muslime, oder Buddhisten – Aum Shinrikyo, die [Sekte, die 1995] einen Giftgasanschlag in der Tokioer U-Bahn verübte – all ihr Buddhisten, die ihr glaubt so etwas passiert nicht bei euch – es geschieht, wo immer eine fundamentalistische Struktur existiert. Und sie sagen alle dasselbe: „Für meinen Gott gibt es keinen Platz in der modernen Welt, und daher habe ich die Pflicht dich zu töten, wenn du ein Teil dieser Welt bist.“ Es gibt noch andere Faktoren, die zu dieser Bösartigkeit beitragen, aber der Entwicklungsaspekt ist meiner Meinung nach extrem wichtig, und darum müssen wir uns kümmern. Und das kommt ganz überwiegend daher – und ich nehme das Christentum als ein Beispiel, aber es betrifft alle: Wenn du nicht an Jesus Christus als deinen persönlichen Retter glaubst, dann kannst du nicht errettet werden. Dieser ethnozentrische Glaube ist eine Stufe, die jeder in seiner Entwicklung durchläuft. Bleibt man jedoch in der heutigen Zeit auf dieser Stufe stecken und macht nicht den Schritt von einem ethnozentrischen Gott zu einem weltzentrischen Gott - was bedeutet: OK, Jesus kann mein Retter sein, und Buddha z. B. kann sein Retter sein, und wir beide können gerettet werden – das ist weltzentrisch –, dann ...

Terroristen erreichen diese Ebene nicht. Sie werden das kategorisch nicht zulassen: „Wenn du nicht an Allah glaubst, dann wirst du in der Hölle schmoren, wenn du nicht an Jehova glaubst, dann wirst du in der Hölle schmoren, wenn du nicht an diesen oder jenen Gott glaubst, dann wirst du in der Hölle schmoren“. Diese Entwicklungsebene war vor 10.000 Jahren ein gewaltiger Schritt nach vorne. Doch heute ist der Bewusstseinsschwerpunkt in der Welt bei Orange bis Grün ist, modern zu postmodern. Es ist der Bewusstseinsschwerpunkt von dem die Menschen auf der ethnozentrischen Ebene glauben, dass sie das Recht haben alles das zu zerstören, was diesen ethnozentrischen Glauben behindert, was immer es auch sein mag. Das unterscheidet sich nicht von der spanischen Inquisition, außer dass es in der heutigen Zeit geschieht. Es ist die Inquisition einer jeden fundamentalistischen Glaubensstruktur. In den 70er Jahren in Europa war der fundamentale Glaube der Marxismus – und das wurde auf eine ethnozentrische Weise verstanden. Und die roten Brigaden und die RAF in Deutschland zerbombten alles, was ihnen in die Quere kam. Das gleiche Muster, eine identische Struktur. Es gibt eine Struktur der Bösartigkeit in der heutigen Welt – und die besteht in einem ethnozentrischen mythischen Gott und rechtfertig die Tötung derjenigen, die nicht an diesen mythischen Gott glauben. Das ist einer der Hauptstrukturen heute, und es gibt noch andere Faktoren, aber darum müssen wir uns wirklich kümmern.   


Quelle: Online Journal Nr. 5, 2007