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26.4.2017 : 11:48 : +0200

Empathiefähigkeit und Vertrauen als Schlüssel in transdisziplinären Prozessen

Warum uns die Transformation zur Nachhaltigkeit auffordert, unsere Komfortzone zu überwinden und globale Empathie zu entwickeln


Thomas Bruhn


Die Herausforderungen, vor denen wir als Gesamtmenschheit derzeit stehen, werden komplexer und sind zumeist globaler Natur. Immer seltener können einzelne Menschen oder Gruppierungen Lösungen für diese Probleme finden. Es herrscht Bedarf zu weitreichender Integration von verschiedensten Wissensdisziplinen und gesellschaftlichen Akteuren, um nachhaltig wirksame Lösungsprozesse zu gestalten. Die Entwicklung von transdisziplinären Ansätzen für solch Sektor übergreifendes Zusammenwirken hat weitreichende Folgen für unseren Umgang miteinander, für die Art und Weise, wie wir miteinander arbeiten und Projekte organisieren, aber auch für unser persönliches Denken und Fühlen. Wir stehen vor der Herausforderung, unser von Hierarchie und Konkurrenz geprägtes Denken zu überwinden und uns zu öffnen für integrative Ansätze und mehr globale Empathie.

 

Ausgangslage: Die Große Transformation zur Nachhaltigkeit

Die Transformation hin zu einer nachhaltigen Lebensweise stellt eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar. Das Konzept der Nachhaltigkeit ist mit seinen drei Säulen des Sozialen, der Ökonomie und der Ökologie ein holistisches Konzept, das nicht von einzelnen gesellschaftlichen Teilbereichen allein erreicht werden kann. Es erfordert vielmehr das Zusammenwirken aller gesellschaftlich relevanten Akteure zum Gelingen eines großen übergreifenden Prozesses.

Lange war unser Alltag von Separation, Partikularismus und Expertentum bestimmt. Die Wirtschaft verfolgte andere Interessen als die Zivilgesellschaft oder die Politik. Wissenschaftliche Disziplinen arbeiteten weitgehend voneinander getrennt und ein wechselseitiges Verstehen erschien weder notwendig noch wünschenswert. Expertentum und Spezialisierung waren zentrale Treiber unseres Fortschritts.

Das Aufkommen des Nachhaltigkeitsgedankens hat in dieser Hinsicht eine Zeitenwende eingeläutet. Angestoßen von der Erkenntnis über die Grenzen des Wachstums haben wir in den vergangenen Jahrzehnten stetig mehr gelernt über die Leitplanken des Erdsystems. Viele sehen in der Menschheit bereits die bestimmende Kraft im Erdsystem und bezeichnen unser Zeitalter als Anthropozän. Diese Erkenntnisse fordern uns heraus, eine stabile und zukunftsfähige Lebensweise innerhalb dieser systemischen planetaren Leitplanken zu entwickeln. Nichts Geringeres ist die Große Transformation zur Nachhaltigkeit, wie sie beispielsweise auch der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) in seinem Hauptgutachten aus dem Jahr 2011 beschrieben hat. Zum Glück sind wir in diesem Prozess keine ohnmächtigen Opfer, sondern haben die in der Evolution vermutlich beispiellose Chance, diesen Prozess bewusst zu gestalten.
Die große Frage lautet jedoch: Wie kann ein solch ambitionierter Prozess gelingen, der sich über alle gesellschaftlichen Grenzen erstreckt und so viele verschiede Akteure involviert?

 

Warum unsere bisherigen Lernkonzepte nicht ausreichen für den Wandel zur Nachhaltigkeit

Auf dem Weg zur Nachhaltigkeit sind unser Handeln und der Erfolg unseres Handelns über alle regionalen oder gesellschaftlichen Grenzen hinweg miteinander verknüpft. Diese Tatsache hat weitreichende Folgen, einerseits für unser Organisationsprinzip als globalisierte Menschheit, andererseits aber auch für unser ganz persönliches Denken und Fühlen.
Über Jahrtausende hinweg haben wir uns daran gewöhnt, die Auswirkungen unseres Tuns unmittelbar erleben zu können. Wenn ich beim Klettern erlebt habe, dass mich ein dünner Ast nicht trägt und ich deshalb herunter falle, suche ich mir beim nächsten Mal Halt an einem dickeren Ast. Für unser Gehirn und unsere Evolution war das ein wunderbares und hilfreiches Konzept, weil es uns ermöglicht hat, aus Erfahrungen zu lernen und diese Erfahrungen in weiter entwickeltem Verhalten zu verstetigen und weiterzugeben.

Für den Wandel zur Nachhaltigkeit ist dieses evolutionär etablierte Lernkonzept nicht länger ausreichend. Ich habe keine unmittelbare Möglichkeit zu erleben, dass der Strom aus meiner Steckdose mittelbar mit den Lebensbedingungen von Menschen in Bangladesh oder auf den Fijis verknüpft ist. Ruß und CO2 aus unseren Kohlekraftwerken tragen unter anderem zur Klimaerwärmung bei und fördern damit den Anstieg des Meeresspiegels und erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Extremwetterereignissen. Als Stromkonsument bekomme ich davon nichts mit, trotzdem bin ich über mein Verhalten mit diesen Phänomenen verknüpft. Ähnlich verhält es sich mit zahllosen weiteren Phänomenen auf der Erde, von der Überfischung der Meere über die Luftverschmutzung in China bis hin zu Dürreperioden in den USA. Niemand von uns will, dass Menschen in den Coltanminen Afrikas unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten. Trotzdem kaufen wir ein Handy, das ohne eben dieses Coltan nicht funktionieren würde und nehmen auf diese Weise die dortigen Arbeitsbedingungen – unbewusst – billigend in Kauf.
Wir erleben diese Geschehnisse durch den Fernseher und sind bestenfalls betroffen. Ob und wie diese Ereignisse jedoch mit uns persönlich zu tun haben, können wir oft weder beurteilen noch fühlen. Für den Lernprozess, in dem wir uns als Gesamtmenschheit befinden, stellt das ein fundamentales Problem dar.

 

Von “Think global, act local” zu “Feel global, act local!”

Unsere Aufgabe lautet also, unser Verhalten so weiterentwickeln, dass wir die Auswirkungen auf das Gesamtsystem berücksichtigen können. Diese Zielsetzung ist alles andere als neu. Sie findet sich beispielsweise in Kants kategorischem Imperativ wieder, aber auch im Leitspruch des Club of Rome Think global, act local!
Den einen Teil dieses Auftrags, nämlich die Fähigkeit global zu denken, haben wir in den vergangenen Jahrzehnten enorm weiterentwickelt. Uns stehen Daten aus aller Welt zur Verfügung und unser Wissen über die Zusammenhänge auf der Erde ist gigantisch. Angesichts zäher Klimaverhandlungen und anhaltender Ausbeutung der ärmsten Menschen der Erde stellt sich jedoch die Frage, ob dieses wachsende Wissen ausreicht, um die aktuellen Herausforderungen zu meistern. Auch aktuelle Erkenntnisse der Hirnforschung unterstreichen, dass abstrakte Erkenntnisse allein oft nicht ausreichen, um auch nachhaltige Änderungen unseres Verhaltens zu bewirken. Unser Lernerfolg scheint vielmehr größer zu sein, wenn wir einen emotionalen Bezug zum Gelernten entwickeln können.

Jeder von uns kennt das aus eigener Erfahrung. Eigentlich wissen wir längst, dass wir zum Zahnarzt müssten. Aber erst wenn wir Schmerzen haben, machen wir eilig einen Termin. Wir wissen auch längst, dass es uns gut täte, uns aufzuraffen und mehr Sport zu treiben. Aber erst wenn wir es getan haben und die Glücksgefühle durch unseren Körper strömen, kann das Gehirn diese Erkenntnis verfestigen. Jeder von uns kennt seine eigenen Beispiele dazu, wie entscheidend emotionale Verknüpfungen für Lernerfolge und Verhaltensänderungen sind.

In Hinblick auf den gesellschaftlichen Wandel zur Nachhaltigkeit könnte das bedeuten, dass ein wesentlicher Teil unserer Herausforderung darin besteht, stärker als bisher nicht nur intellektuell unser globales Verstehen zu schulen, sondern uns auch emotional mit den anderen Menschen und Regionen der Erde zu verknüpfen. Vielleicht könnten wir den berühmten Leitsatz des Club of Rome ergänzen: Nicht nur Think global, act local, sondern auch Feel global, act local! Die Entwicklung einer solchen globalen Empathie könnte uns auf ganz neue Weise Chance eröffnen für den Wandel zu globaler Nachhaltigkeit.

 

Kooperation, Integration und Empathie – Anforderungen für das Gelingen transdisziplinärer Prozesse

Wie eingangs erläutert, erfordert die Entwicklung von Lösungen im Sinne der Nachhaltigkeit oft das Zusammenwirken von Akteuren mit verschiedensten fachlichen und kulturellen Hintergründen. Angesichts der lange praktizierten Partikularisierung und Spezialisierung unserer Welt stellt dies für die Beteiligten eine enorme Herausforderung dar.

Unter anderem benötigen wir neue Methoden, miteinander zu kommunizieren und Entscheidungen zu treffen, um solche Prozesse zu meistern. In einer komplexen Welt ist es immer schwieriger, ein einzelnes Individuum zu finden, das weiß, was zu tun ist. Hierarchische Strukturen mit starken „Allein-Entscheidern“ erweisen sich daher oft nicht länger als zielführend. Konkurrenz und exklusives Denken in „Entweder-Oder“-Strukturen helfen nicht weiter, wenn es darum geht, übergreifende Lösungskonzepte für viele Beteiligte unterschiedlichster Herkunft zu finden. Nur wenn die Ergebnisse von Entscheidungsprozessen von allen Beteiligten mitgetragen werden, also eine echte Ownership entsteht, haben die Entscheidungen auch Aussicht, wirksam umgesetzt zu werden.

Partizipation und Kooperation sind zu den tragenden Säulen solcher Prozesse geworden, und während der letzten Jahrzehnte haben sich zahlreiche Methoden etabliert, solche Prozesse zu gestalten. Das reicht von den ersten Moderationskonzepten von Metaplan bis hin zum Konzept des Design-Thinking. Durch geschickte methodische Begleitung und Führung ermöglichen solche Ansätze einen Prozess des Miteinanders, in dem die Intelligenz einer Gruppe aufgerufen wird, anstatt sich auf einzelne Individuen zu berufen. Im Kontext eines Wandels zur Nachhaltigkeit sind solche transdisziplinären, integrativen Prozesse unverzichtbar und inzwischen erweisen sie sich oft auch im wirtschaftlichen Kontext als Hebel für effektivere Ergebnisse und nachhaltigen Projekterfolg. Sie können ein Ausdruck des Kulturwandels sein, den auch der WBGU in seinem Hauptgutachten aus dem Jahr 2011 fordert, hin zu einer Kultur der Teilhabe und der Achtsamkeit.

 

Loslassen von der Komfortzone: Die psychologische Dimension transdisziplinärer Prozesse

Solche methodischen Ansätze haben oft weitreichende Konsequenzen für uns als Individuen. Transdisziplinäre Prozesse können nur gelingen, wenn wir einzelne bereit sind, einander verstehen zu lernen und andersartige Ansätze und Prioritäten gelten zu lassen. Aber können wir das? Können wir unsere Tendenz überwinden, gewinnen zu müssen und gegeneinander arbeiten zu müssen? Oder sind wir eigentlich froh, wenn wir über das sprechen können, worin wir uns auskennen? In der „Komfortzone“ droht keine Gefahr. Vielleicht sind wir gar nicht gewohnt oder haben wir es nie gelernt, einander wirklich zuzuhören und aufeinander einzugehen. Sind wir da bereit, unsere Komfortzone zu verlassen und uns aus echter Empathie heraus auf die Perspektive anderer einzulassen, die unserer eigenen zunächst völlig zu widersprechen scheint?

Die Chancen, die diese Prozesse eröffnen, sind enorm, und wenn wir uns darauf einlassen, verändern sie oft auch die Art, wie wir miteinander kommunizieren. Immer mehr Menschen erkennen das Potential von integrativer und wertschätzender Kommunikation. Kurse in gewaltfreier Kommunikation (GfK) erfreuen sich wachsender Beliebtheit und Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter zu Kommunikationsschulungen. Der große Durchbruch mag noch ausstehen, aber der Trend ist bedeutsam.
Vor etwa 100.000 Jahren veränderten sich die Lebensbedingungen auf der Erde so, dass der Mensch nicht länger in der Lage war, als Einzelgänger zu überleben. Es war von Vorteil, in Gruppen zu leben, und als Reaktion auf diese veränderten Lebensbedingungen entwickelten wir emotionale und soziale Intelligenz. Die Evolution erforderte es von uns, zu kooperieren, also lernten wir es. Als Ausdruck dieser Fähigkeit bildeten wir Gruppen, später Dörfer und Staaten bis hin zur EU oder der UNO.
Heute, so ist zumindest mein persönlicher Eindruck, könnten wir uns mitten in einer Fortführung dieser Logik befinden. Die Herausforderungen unserer Zeit erfordern das Zusammenwirken vieler Akteure aus aller Welt. Um diese zu meistern, erscheint es mir von zentraler Bedeutung, dass sich der Prozess der Globalisierung, den wir derzeit erleben, nicht nur auf unser Organisationsprinzip beschränkt, also nicht nur auf wirtschaftliche Prozesse und rechtliche Rahmenbedingungen. Vielmehr brauchen wir aus meiner Sicht auch eine Globalisierung unseres Bewusstseins, damit wir lernen, uns global miteinander zu identifizieren und aus diesem globalen Identifikationsgefühl heraus bewusst zu handeln. Früher oder später, davon bin ich überzeugt, wird die Menschheit diesen Lernprozess meistern, da wir ihn zum Überleben benötigen. Und anders als vermutlich alle Spezies vor uns, haben wir die Chance, diesen Lernprozess bewusst und aktiv zu gestalten. Wir können, jeder auf eigene Weise und in eigenem Rahmen, zu diesem Lernprozess beitragen, damit der Wandel zur Nachhaltigkeit gelingen kann und jeder Einzelne von uns als Teil des globalen Einen empfinden und leben kann. Mich als aktiven Teil dieses globalen Entwicklungsprozesses zu empfinden, erfüllt mich persönlich mit Hoffnung und tiefer Freude.

(aus: integrale perspektiven Ausgabe 27)