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17.7.2018 : 19:30 : +0200

Kosmische Kreativität

Ken Wilber
 
Quelle: Integralife.com, Cosmic Creativity
 
Irgendeine Art von Kreativität ist von Anfang an in den Kosmos eingebaut. Von Quarks zu Atomen zu Molekülen zu Zellen, Pflanzen, Tieren und Menschen – und jeder Schritt bringt mehr Komplexität und Bewusstsein, und macht es schwer sich vorzustellen, dass dies alleine ein Ergebnis eines Zufalls ist. Die Transformationen der Evolution sind das Gegenteil von Zufall – sie sind auf eine erstaunliche Weise neu, wunderschön innovativ und auf wundersame Weise kreativ. Sie sind ein Beleg dafür, dass das Universum nicht „nach unten“ auseinanderfällt und sich auflöst, sondern kreativ nach oben entwickelt.
Alfred North Whitehead sprach von einem „kreativen Fortschreiten in etwas Neues hinein“ und war davon überzeugt, dass dies eine grundlegende und dem Universum innewohnende Eigenschaft ist – was bedeutet, dass diese Kreativität auch in dir und in mir ist. Im tiefsten Herzen von jedem von uns ist Kreativität lebendig. Jeder von uns – wenn man weiß, wo man zu suchen hat – kann Kontakt aufnehmen zu dieser außerordentlichen Kreativität und diese entwickeln. Sie ist so gegenwärtig und zugänglich wie Essen, Trinken, Atmen und Kommunizieren. Sie bringt in jede Erfahrung etwas Neues, Frisches und Offenes ein und vertieft das Leben in unvorstellbare Dimensionen hinein.
Warum ist das so? Diese grundlegende Kreativität ist ein Aspekt des GEISTES. Und so gesehen ist Evolution GEIST-in-Aktion. Diese Kreativität des GEISTES bringt immer neue Formen, Ereignisse und Wesen in eine Manifestation. Daher kann Evolution als eine fortwährende Kreativität des GEISTES betrachtet werden. So ergibt diese bemerkenswerte Entfaltung von Quarks zu Atomen zu Molekülen zu Zellen zu Pflanzen zu Tieren zu Menschen wie du und ich einen Sinn. GEIST-in-Aktion bringt fortwährend immer komplexere und bewusstere Manifestationen hervor, durch die GEIST sich selbst begreift, sich selbst fühlt und sich selbst sieht. Dies bedeutet, dass du und ich und alle zu dieser grundlegenden Kreativität einen Zugang haben, aus dem einfachen Grund, weil wir auch Zugang zum GEIST selbst haben. Daher sind wir auch Mitschöpfer dieses Wunders und Geheimnisses der Evolution selbst und damit verbunden gibt es eine Verantwortung für die weitere evolutionäre Entfaltung.
 

Kreativität und Spiritualität

 
Aus dem Nichts entsteht etwas, doch das ist erst der Anfang der Kreativität. Absolute, unermüdliche Kreativität hört nicht auf. Evolution, Liebe und Kreativität gehen Hand in Hand und bringen Neues in die Manifestation. Evolution ist der Mechanismus von GEIST-in-Aktion.
Dazu Whitehead: Jeder Augenblick tritt als ein Proto-Fühlen ins Sein, d. h. als ein Bewusstheitssubjekt. In sehr einfachen Phänomenen wie Protons geschieht dies auf eine sehr primitive – sehr proto-hafte Weise. Doch niemals handelt es sich dabei lediglich um ein unbelebtes totes Stück Materie. Es gibt dabei immer auch einen, wenn auch sehr primitiven, „Tropfen“ einer Erfahrung.
Das Hervortreten dieses Subjektes ist ein kreativer Vorgang. Dann geht es weiter zum nächsten Augenblick, wo das nächste Subjekt hervortritt. Dieses Subjekt fühlt, nimmt wahr oder ist sich des vorherigen Subjektes bewusst, und dabei wird dieses wahrgenommene Subjekt zu einem Objekt. Dieses „aus einem Subjekt wird ein Objekt“ ist die grundlegende Form von Entwicklung und Evolution im gesamten  Kosmos, menschliche Wesen eingeschlossen. So beschreibt Robert Kegan das Wesen von Entwicklung: Das Subjekt einer Entwicklungsstufe wird zum Objekt des Subjektes der nächsten Entwicklungsstufe. In jedem Augenblick, mit jeder neuen, kreativen Emergenz treten neue Subjekte bzw. neue Selbste auf, die sich der vorangegangenen Subjekte oder Selbste bewusst werden, wobei sie diese von einem Subjekt in ein Objekt verwandeln. Das ist Transzendenz als ein Darüberhinausgehen.
Der Grad von Freiheit, den ein spezifisches Ereignis besitzt, ist dabei davon abhängig, wieviel Kreativität in einem Augenblick hinzugefügt wird. Diese Kreativität bringt Neuheit in den gegenwärtigen Augenblick. Was nicht neu ist, sondern vom vorhergehenden Augenblick eingebracht wird, wird zu einem Erbe der Vergangenheit. Dies ist der bewahrende oder aufgenommene Teil innerhalb des „Transzendierens und Bewahrens“. Die Neuheit und Kreativität ist der transzendierende Teil jedes Augenblicks, und das Bewahren, das Wahrnehmen des vorangegangenen Augenblicks, ist der bewahrende Teil eines jeden Augenblicks – Transzendieren und Bewahren, Transzendieren und Bewahren, Transzendieren und Bewahren ohne Ende.
Ist die Neuheit sehr klein oder geht sie sogar gegen Null, dann vererbt sich das Vorangegangene in die Gegenwart und wir sprechen von strikter Kausalität. Diese kann als ein deterministisches Universum missverstanden werden. Betrachtet man ausschließlich sich bewegende Gegenstände, dann bekommt man das Bild eines Universums als einer deterministischen Maschine. So kann man beispielsweise mit großer Sicherheit vorhersagen, wo sich der Planet Jupiter in 5oo Jahren befinden wird. Doch wenn es beispielsweise um meinen Hund geht, dann ist es unmöglich zu wissen, wo dieser in fünf Minuten ist. Der Hund repräsentiert einen höheren Entwicklungsstand als der Planet Jupiter und mit jeder Entwicklungsstufe entstehen mehr Kreativität, Neuheit und Freiheit und der Determinismus nimmt ab. Einer der Gründe, warum Entwicklung etwas Gutes ist, ist die Zunahme an Freiheit und Offenheit, die damit einhergeht. Neue Bewegungsspielräume und Wahlmöglichkeiten eröffnen sich und die Zahl der uns zur Verfügung stehenden Perspektiven nimmt zu.
Whitehead war der Überzeugung, dass, um ein Universum zum Laufen zu bringen, drei Dinge notwendig wären, die er mit Kategorien des Letztendlichen bezeichnete. Die erste davon ist das Eine, die zweite die Vielen und die dritte nannte er das „kreative Fortschreiten in das Neue“. Das ist erstaunlich, weil es bedeutet, dass Kreativität absolut notwendig ist, um ein Universum in Gang zu setzen. Kreativität ist also nichts Seltenes, das nur einige wenige Menschen erfahren – es ist etwas, das in jedem einzelnen Ereignis von Augenblick zu Augenblick stattfindet.
Diese Kreativität, die jedes Phänomen mit sich bringt, ist eine Berührung durch den GEIST in diesem Augenblick, als ein GEIST-in-Aktion, der dem manifesten Universum in jedem Augenblick etwas Neues hinzufügt. Dies ist das Wunder von Schöpfung. Dies ist die Mechanik, wie etwas Neues in die Existenz und ins Sein tritt. Aus der Leerheit, dem GEIST, tritt etwas hervor.
Das dynamische Gefühl dieses Augenblicks ist im wesentlichen Kreativität. Jeder Augenblick hat seinem Wesen nach nicht nur ein reines, zeitloses und unbewegtes wahres Selbst auf der nicht-manifesten Seite, sondern, auf der Seite der Manifestation, einen Wirbel von Aktivität, eine dynamische Dringlichkeit, etwas Schöpferisches, Gestaltendes und Kreatives. Es geht also nicht nur um das in Kontakt kommen mit dem wahren SELBST, sondern mit dem gefühlten wahren SELBST, wie es sich selbst manifestiert und in der Manifestation wirkt. Hier sind wir mitten in der Welt von Aktivität, wo ständig Neues entsteht. Zusätzlich zum Fühlen deines wahren SELBST, dem reinen Bezeugen, fühle auch die dynamische Energie, die mit jedem Atemzug durch deinen Körper strömt – dies ist GEIST-in Aktion, die kreative Quelle der gesamten manifesten Welt.
 
Der kreative Teil wurde im Neodarwinismus reduziert auf genetische Mutationen, doch das ist lediglich der obere rechte Quadrant, bezogen auf den individuellen Organismus. Damit Evolution überhaupt stattfinden kann, muss sich Kreativität in allen vier Quadranten ereignen. Sie findet in allen vier Quadranten statt, plus einem Auswahlprozess. Auch dieser Auswahl- oder Selektionsprozess ist nicht nur ein Prozess natürlicher Selektion – dies wäre eine Sicht ausschließlich der rechtsseitigen Quadranten –, sondern wenn eine auftretende Neuheit ausgewählt wird, dann ist diese eine tetra-Auswahl. Das Neue, was ins Sein tritt, trifft auf Bestehendes in allen vier Quadranten. Hier muss es zu einer Übereinstimmung, einem „Passen“ in allen vier Quadranten kommen. Ist das der Fall, dann wird dieses Neue zu einem Aspekt der Existenz dieses Augenblicks, der weitergetragen wird.
Dieses Wirken in allen vier Quadranten macht das Universum sehr kreativ. Es ist weit kreativer als der Neodarwinismus dies glaubt. Dort geht man davon aus, dass die meisten Mutationen nicht überlebensfähig sind und dass es eine beträchtliche Anzahl von Mutationen braucht, um eine Transformation von einer Spezies zu einer anderen zu bewerkstelligen. Außerdem müssen alle diese Mutationen sich sowohl in einem männlichen wie auch einem weiblichen Organismus gleichzeitig ereignen. Die beiden müssen sich dann noch finden und paaren und ihren Nachwuchs aufziehen. Es ist schwer zu glauben, wie sich unter solchen Bedingungen irgendetwas entwickeln kann. An dieser Stelle treten die Vertreter der Lehre eines intelligenten Designs auf den Plan. Es ist praktisch unmöglich zu erklären, wie sich etwas wie das Immunsystem allein durch Mutation und natürliche Auswahl manifestieren konnte. Es besteht aus Duzenden von Komponenten und jede müsste sich in der realen Welt bewähren und damit ihren Überlebenswert demonstrieren und dann noch ausgewählt werden. Doch diese Komponenten wirken alle miteinander, so dass keine davon alleine in einem Auswahlprozess ein Immunsystem schaffen könnte, von einer kompletten Spezies ganz abgesehen. Die Vertreter eines intelligenten Design griffen das auf und sagten, dass es eine höhere Form von Intelligenz geben muss, welche diesen ganzen Prozess antreibt oder steuert – und gehen dann sofort zu Jehova über.
Abgesehen von dem letzten Schritt ist das auch so. Es muss etwas Höheres geben als lediglich Mutation und natürliche Auswahl. Dieses „Höhere“ ist, neben anderen Dingen, Kreativität. Doch bezeichnet man dieses Höhere als eine spezielle Version von Gott und nur diesen Gott, dann gibt es dafür keine Evidenz. Doch Evolution ohne eine Art dieser höheren Kräfte wie Eros, Selbstorganisation, Liebe und Kreativität ergibt keinen Sinn. Das Universum ist gesättigt mit Kreativität. Jeder einzelne Augenblick bringt ein neues kreatives Element in die Existenz. Dieses kreative Element ist die Stimme des GEISTES in der Welt. GEIST tritt ins Sein und wird Teil des manifesten Universums.
Oft wird Kreativität mit Künstlern in Verbindung gebracht. Das ist einer der Gründe, warum die Metapher des Künstlers oder der Künstlerin eine der verbreitetsten Metaphern in den Weisheitstraditionen für das höchste Prinzip oder GEIST ist. GEIST ist Künstler(in). GEIST malt ein Bild dorthin, wo ursprünglich nur eine leere Leinwand war und diesem Prozess können wir uns anschließen.
Die Antwort auf Schellings brennende Frage, warum überhaupt etwas existiert und nicht einfach nur Nichts ist, lautet: DU bringst es hervor, von Augenblick zu Augenblick zu Augenblick. Erfreue dich deiner erstaunlichen Existenz. Darin enthalten ist nicht nur ein zeit- und raumloses wahres SELBST, sondern auch eine dynamische, sich manifestierende Kreativität, GEIST-in-Aktion, dein eigenes wahres SELBST in Aktion. Das ist das Wunder von Existenz, das Wunder des eigenen wahren SELBST und seiner unermesslichen Kreativität.
Bewusstsein ist ein Singular, von dem der Plural unbekannt ist (Schroedinger). Ein Bewusstsein, ein GEIST, ein SELBST in allen empfindenden Wesen. Der gleiche GEIST schaut durch die Augen aller lebendigen Wesen, ja aller manifesten Phänomene. Es ist dein GEIST, dein SELBST, welches dieses Universum hervorbringt. Es ist dein Herz, das im Herzen aller Wesen schlägt. Es ist dein SELBST, welches das SELBST und das ICH BIN von allem ist, was erscheint, von Augenblick zu Augenblick zu Augenblick. Es ist dein reiner GEIST, der die kreative Kraft der gesamten Entfaltung der Evolution ist. Es ist dein wahres SELBST, welches den Urknall hervorbrachte, sich dann in Pflanzen zu empfinden begann,  als ICH BIN begann lebendige Form anzunehmen, sich weiterentwickelte und als Fisch Gestalt annahm, und weiter als Reptil Impulse zu fühlen begann, als frühes Säugetier Gefühle erlebte und im Menschen zu sich selbst erwachte. Dein reiner GEIST, dein ICH BIN tat all diese Dinge. Du verwendest die Evolution als ein kreatives Fortschreiten in das Neue, um dich auf eine neue und tiefere Weise zu fühlen, zu erkennen und zu sehen.    
 

Die Praxis der Kreativität      

 
Der Prozess der Übung von Kreativität beginnt damit, mit der reinen Leerheit, dem wahren SELBST, Kontakt aufzunehmen. In diesem Zustand gilt es zu ruhen und sich klar zu machen, was dies bedeutet. Dann kann man eine Frage stellen und auf die Antworten achten, als ersten Formen, die im Bewusstsein erscheinen. Diese ersten Formen werden Archetypen oder Prototypen genannt. Dies sind Antworten direkt vom GEIST oder Gott hinsichtlich dessen, was man braucht. Dann geht es darum, diese Prototypen im grobstofflich physischen Bereich auszuprobieren, um zu sehen ob sie passen.
 
1. Kontakt aufnehmen mit dem wahren SELBST, der reinen Leerheit    
Das höhere SELBST ist frei von jeglicher Charakteristik. Doch wo ist es? Wir haben zwei Selbste, das Selbst, dessen sich man sich gewahr ist – ich bin dies und ich bin jenes -, und das Gewahrsein selbst, das beobachtende Selbst. Alles, dessen man sich gewahr ist, ist ein Objekt. Das Selbst, das gesehen werden kann, ist immer das endliche, das kleine Selbst.
Ich nehme wahr, aber ich bin nicht meine Wahrnehmungen. Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper. Dies alles sind Objekte. Ich bin mir meines wahren SELBST jetzt bewusst, aber nicht als einem Wahrnehmungsobjekt, sondern als der Rahmen oder Raum, in dem sie erscheinen. Das Bezeugen meiner Gedanken, Gefühle und Körperwahrnehmungen befreit mich von ihnen. Ich bin frei, unermesslich, offen, leer, klar, geräumig, befreit, zeitlos, raumlos, eins mit dem Zeugen, der GEIST ist. Ich bin ungeboren, unerschaffen, unbegrenzt, nicht dies und nicht jenes – außer reine Gegenwärtigkeit, unermessliche Leerheit, vollständig befreit von allen Objekten, die ich sehe oder kenne, selbstbefreit. ICH BIN ist immer vorhanden. Dieses Ruhen im ICH BIN ist der Schlüssel zur Kontaktaufnahme mit dem GEIST in uns bzw. der Kreativität in uns.
Ich habe Gedanken, doch ich bin nicht meine Gedanken.
Ich habe Gefühle, doch ich bin nicht meine Gefühle.
Ich habe Körperwahrnehmungen, doch ich bin nicht meine Körperwahrnehmungen.
 
Mache dir klar, was es ist, was du wissen möchtest. Mache dir ein inneres Bild, stelle eine Frage (X) und halte und bewege diese in deinem Gewahrsein. Die Tatsache, dass du eine Frage stellen kannst, zeigt, dass du dich mit dem GEIST-in-Aktion verbindest. Die Frage ist die erste Form einer kreativen Emergenz, die sich in dir zu manifestieren beginnt. In diesem inneren Raum des Haltens, den du schaffst, kann etwas Neues entstehen. Aus dem Nichts, dem Kontakt mit dem ICH BIN kann etwas erscheinen. Du kannst lernen, wie du diese Kreativität von deinem unbegrenzten SELBST in dein begrenztes Selbst übertragen kannst. Betrachte das Bild oder die Frage aus unterschiedlichen Perspektiven – 1st-, 2nd- und 3rd-Person-Perspektive. Dann lass es wieder los und ruhe weiter im reinen SELBST.
 
Schritt 2: Führe dann „X“ in diesen Raum und halte es dort. Mache dies immer wieder spontan und leicht über den Tag.
 
Schritt 3: Bemerke die Antworten, die auf „X“ erscheinen. Bemerke sie einfach. Dies sind die Prototypen oder Archetypen von „X“, die ersten Formen, die kreativ als Antwort auf das Thema erscheinen. Höre achtsam zu. Je achtsamer du zuhörst, desto mehr können diese Prototypen sich nach unten transformieren vom Kausalen zum Subtilen. Das Subtile selbst ist eine extrem kreative Dimension – wie uns die zahlreichen Welten zeigen, die jede Nacht im subtilen Traumzustand erschaffen werden. Erlaube dem Prototypen, sich mit mehr und mehr Einzelheiten im Subtilen auszugestalten. Wenn du hängen bleibst, kehre zurück in den leeren Raum und erinnere dich daran, was die Frage war und halte sie im Bewusstsein. Forciere nichts, halte es. Erwarte Antworten ohne Anstrengungen. Wenn du das Gefühl hast, etwas zu erhalten, was passen könnte, dann erlaube deinem Gewahrsein, sich zu verschieben von dem wilden und unbestimmteren Bereich kreativer subtiler Vorstellungen hin zum konkreteren, konzentrierteren und mehr analytischen Bereich des grobstofflichen Wachbewusstseins und füge nun alle Details zum fertigen Ergebnis hinzu.
Hier entsteht dein erstes voll manifestiertes Geschaffenes – ein Bild, ein Buchkapitel, eine Blaupause für eine Architektur, ein Lied. Vom kausalen Hervortreten zu subtilen Vorstellungen und Prototypen bis zu den Details des Grobstofflichen. Dies hast du immer zur Verfügung. Kontaktiere deine Kreativität und sei willkommen zu Hause, bei deinem eigenen wahren SELBST, dem SELBST eines jeden Wesens im Universum, dem SELBST des ganzen Universums.
Ruhe als ICH BIN und du bist zu Hause.
Manifestiere als ICH BIN und erschaffe ein Universum.
 

Kens eigener kreativer Prozess

 
Frage: Was kannst du uns darüber sagen, was es heißt, eine Frage (im Bewusstsein) zu halten?
 
KW: George Spencer Brown hat in seinem Buch Laws of form geschrieben: Um etwas zu entdecken, ist es nicht notwendig, etwas zu tun, sondern es geht darum, dass, was man wissen möchte, im Bewusstsein zu halten. Wenn es möglich ist, eine Frage zu formulieren, dann existiert dazu irgendwo im Universum die Antwort, denn sonst könnte die Frage dazu nicht formuliert werden. Dies ist der kreative Prozess: Forme ein Bild oder eine Frage in deinem Geist von dem, was du wissen möchtest. Und dann halte dies in deinem Bewusstsein. Das bedeutet es, eine Frage zu halten: sie formulieren, im Geist halten und sie immer wieder dort spontan erscheinen lassen. Die Antwort dazu existiert bereits, sonst hätte die Frage nicht formuliert werden können. So befindet man sich an der Spitze der Evolution und dort erscheint das Wissen, das man benötigt: wie man ein Haus baut, ein Lied schreibt, ein wunderbares Essen zubereitet, eine neue operative Technik entwickelt. Dieses Wissen oder diese Verfahren existieren oder sie sind im Entstehen, sonst gäbe es kein Verlangen danach. Der Magen würde keinen Hunger kennen, wenn es keine Nahrung gäbe. Das eigene kreative Verlangen ist das erste Aufleuchten des kreativen Erscheinen von etwas Neuem. Das Halten im eigenen Geist ist ein Erlernen der Transfers von Kreativität vom unbegrenzten SELBST zum begrenzten und endlichen Selbst. Dieses Halten im Geist ist ein Klopfen an die Tür Gottes. Dies ist die verwobene Natur aller vier Quadranten im gesamten Universum. Stelle eine Frage durch den oberen linken Quadranten und die Antwort wird sich bilden im unteren rechten, im oberen rechten, im unteren linken oder auch im oberen linken Quadranten. Das Universum ist ein verwobenes Ganzes, wie Indras Netz, ein Kronleuchter, wo jedes Juwel eine Reflektion aller anderen ist – gegründet im GEIST.
 
Frage: Wie gehst du mit Stimmungsschwankungen und Hindernissen beim Schreiben um?
 
KW: Durch meine meditative Praxis konnte ich Gleichmut entwickeln, als ein kontinuierlich spiegelndes Bewusstsein, so dass Stimmungsschwankungen und Schreibblockaden selten auftreten. Ich hatte so gut wie keine Schreibhemmungen, doch ich hätte sie mir manchmal gewünscht, um mir eine Pause zu gönnen. Ein weiter Faktor zu diesem Gleichmut ist der einer starken Intention. Ich will diese Ideen kommunizieren, weil ich der Meinung bin, dass sie wirklich wichtig sind. Das ist wie ein ausgleichendes Gewicht in meinem Gewahrsein. Doch jedes Mal, wenn Stimmungsschwankungen oder Hindernisse auftauchen, dann ruhe ich in der reinen Gegenwärtigkeit, im Zeugen, als das beobachtende Selbst und bezeuge diese, mache sie so von einem Subjekt zu einem Objekt. Dadurch befreie ich mich ein Stück von ihnen und kann weiterarbeiten.
 
Frage: Worin bestand deine kreative Bestrebung und wie hat sie sich entwickelt?
 
KW: Die kreative Bestrebung für mein erstes Buch, Das Spektrum des Bewusstseins, war einfach. Ich war unglücklich, ich litt und ich wollte glücklich sein. Ich studierte daher die Hauptformen von Psychotherapie und Spiritualität in Ost und West und suchte nach Heilung. Doch je mehr ich darüber las, desto verwirrter wurde ich. Sie alle standen im Widerspruch zueinander. Die Psychoanalyse verstärkte das Ich, Zen empfahl es loszuwerden, Jung lokalisierte den Ursprung des Problems in den Archetypen, dem kollektiven Unbewussten, die Transaktionsanalyse hingegen sprach von dysfunktionalen Regeln und Rollen, die man auf dem Entwicklungsweg „gelernt“ hatte, und so weiter und so weiter. Zusätzlich zu meinem Unglücklichsein war ich jetzt auch noch verwirrt. Es schien so, dass ich, um glücklich zu werden, zuerst von der Verwirrung in die Klarheit gelangen musste. Das war das, was mich leitete: die Frage „wie kann ich glücklich werden?“. Ich verbrachte viele Stunden des Tages mit Lesen und Studieren – von Gestalttherapie zu Rolfing, von kognitiver Therapie zu Schattenstudien.
Was mir dann dämmerte war, dass ausgehend davon dass GEIST oder Bewusstheit in jedem gleich ist, das Bewusstsein in einem Spektrum existiert, ähnlich einem Regenbogen und die unterschiedlichen Therapien in Ost und West jeweils auf unterschiedliche Ebenen abzielten. Es existierte nicht nur eine Bewusstseinsebene und eine richtige Therapie dafür, sondern es gab ein Duzend Bewusstseinsebenen und jede der Haupttherapien hatte ihre Stärke bei der Behandlung ihrer Ebene. Jede der etwa ein Duzend Haupttherapien hatte im wesentlichen recht hinsichtlich der Ebene, welche sie ansprach. Und so habe ich, im Alter von 23 Jahren, das Buch Das Spektrum des Bewusstseins geschrieben. Ich schreibe immer noch, meine Motivation hat sich jedoch verändert. Es geht mir nicht mehr vorrangig um meine eigenes Glücklichsein, sondern um ein allgemeines Verstehen und um das Glücklichsein anderer. Ich wollte herausfinden, wie die Dinge zusammenhängen. Ich wollte die verbindenden Muster erkennen – spirituell und konventionell. Anstatt mich nur mit Spiritualität und Therapien zu beschäftigen, fügte ich noch Soziologie, die Naturwissenschaften, Anthropologie, Geschichte und vieles andere hinzu. Immer ging es mir darum zu zeigen, wie alles miteinander zusammenhängt, als ein integraler Rahmen, der alle diese Disziplinen zusammenbringt, um dann darüber zu schreiben, – in der Hoffnung, dass andere davon profitieren können und dass ihnen dieser Holismus zu Glück verhelfen möge.
Das Universum ist ein Uni-versum, als eine Geschichte oder „story“. Ich wollte die Muster herausfinden, die all die kleinen Geschichten und Stories zu einer großen Geschichte und Erzählung zusammenbringen, als eine Art über-holistische Landkarte von allem. Natürlich kann man keine Landkarte von allem machen, doch man kann zu verschiedenen Verallgemeinerungen gelangen, die es leichter machen zu erkennen, wie alles zusammenhängt. Und dieser integrale Impuls wurde zu meiner Hauptmotivation. Auf eine wunderbare Weise wurde ich umso glücklicher je mehr ich dies tat. So weit ich das beurteilen kann, hängt die Welt wirklich zusammen. Das Heraustreten aus unseren fragmentierten, teilhaften und gebrochenen Landkarten und das Eintreten in ganzheitlichere, vereinigende und integrale Landkarten und Welt befriedigt die Seele zutiefst.
 
Frage: Wir lieben die Geschichte, die du über Alan Watts erzählt hast – gibt es noch andere Geschichten dieser Art?
KW: Viele von euch kennen Alan Watts, jedenfalls viel der Babyboomer-Generation. Alan war einer der ersten und einer der erfolgreichsten Schriftsteller zu Themen von östlichem und westlichem Wachstum, speziell Buddhismus, christliche Kontemplation und Psychotherapie. Er war zu seiner Zeit auch einer derjenigen, die darüber am besten schreiben konnten, klar, einfach und leicht zu verstehen, auch bei schwierigen Themen. Als Student war das letzte, was ich werden wollte, ein Schriftsteller, und als ich mein erstes Buch schrieb, fragte ich mich, wie ich meine schriftstellerischen Fähigkeiten verbessern konnte. Dann las ich irgendwo, dass es in früheren Zeiten – vielleicht vor einhundert Jahren, als ein großer Wert auf Lesen, Schreiben und Rechnen gelegt wurde – eine verbreitete Methode um Schreiben zu lernen folgende war: Die Lehrer ließen die Studenten ihren Lieblingsschriftsteller benennen, um dann deren Werke abzuschreiben, Wort für Wort. Und das tat ich mit Watts, ich schrieb 13 seiner Bücher ab, Wort für Wort. Diese Notizbücher habe ich immer noch. Das hat mir geholfen, den klaren und leicht verständlichen Schreibstil zu entwickeln, den ich seitdem habe. Es ist eines der häufigsten Komplimente, die ich als Autor bekomme, dass Menschen sagen, ich schreibe klar und verständlich.
Dies weist auf einen der wichtigsten Bestandteile von Kreativität hin – etwas langweilig, aber wichtig. Neben dem grundlegende kreativen Prozess selbst geht es auch um grundlegende Fähigkeiten, die es sich anzueignen gilt, um den kreativen Prozess ausdrücken und manifestieren zu können. Egal in welchem kreativen Vorhaben man engagiert ist, Schreiben, Kochen, Elternschaft, Partnerschaft, Führungsverantwortung, Sport, Lehren – es ist wichtig, dafür die grundlegenden Fähigkeiten zu lernen, durch die erst die eigene Kreativität zum Ausdruck gelangen kann.
 
Frage: Wie hat sich dein Tagesablauf im Hinblick auf dein Schreiben im Laufe der Zeit entwickelt?
 
KW: Dies ist etwas, das sich über die Zeit nicht geändert hat und ich kann es sehr empfehlen. Ich stehe früh auf, etwa um 4.00 am Morgen. Ich gehe sofort zum Schreibtisch und beginne die Arbeit, ich putze mir nicht die Zähne, wasche mich nicht, frühstücke nicht – ich beginne sofort. Ich lasse die Kaffeemaschine laufen, aber das ist auch schon alles. Und dann schreibe ich ohne Pause, unterbrochen lediglich von einem Schluck Kaffee und dem Gang zur Toilette. Ich mache das, bis mir schwindelig wird und ich aufhören muss. Früher, als ich zwischen zwanzig und dreißig war, verbrachte ich so 12 Stunden am Tag, im Alter zwischen dreißig und vierzig Jahren etwa zehn Stunden, danach etwa acht Stunden und heute etwa fünf bis sechs Stunden. Danach esse ich, mache Sport, meditiere, schaue Filme, beschäftige mich mit dem Integralen Institut, lese und bin mit Freunden zusammen. Das frühe Schreiben gleich nach dem Aufstehen ist, wie ich glaube, einer der Schlüssel für ein erfolgreiches oder zumindest produktives Schreiben – jedenfalls ist das für mich so.
 
Frage: Welche Praktiken unterstützen dein Schreiben?
 
KW: Auf jeden Fall das Lesen und das begann mit der Alan Watts Übung. Das Lesen von Büchern unterschiedlichster Themen, einschließlich von Romanen und Erzählungen, hat meine Fähigkeiten enorm erweitert, sowohl was das Vokabular betrifft wie auch die Formulierungen. Das Lesen wunderbarer Autoren wie Blake, Proust, Nietzsche, Elliot hilft enorm dabei, selbst einen schönen Prosastil zu entwickeln. In der akademischen Literatur fehlt das sehr. Ein anderes wichtiges Thema dabei ist eine integrale Lebenspraxis. Das ist eine erweiterte Form einer integral transformativen Praxis, die wir am Integralen Institut entwickelt haben. Es ist eine Art spirituelles Crosstraining, mit gleichzeitig ausgeübten Praktiken und Übungen aus allen Dimensionen des Seins, was die Effektivität all dieser Übungen steigert. Die integrale Praxis beinhaltet eine Vielzahl von Übungen für die  physischen, emotionalen, mentalen, spirituellen, kulturellen, sozialen und psychodynamischen Aspekte des Seins und beschleunigt das Wachstum in jedem dieser Bereiche. Als ich erstmals damit begonnen habe, waren die Ergebnisse außergewöhnlich. Die Resultate waren unmittelbar, offensichtlich und effektiv. Da diese Praxis einen auch in Kontakt mit dem wahren SELBST bringt, erhält man so auch Zugang zu der allem zugrundeliegenden Kreativität, was wiederum beim Schreiben oder jedem anderen kreativen Prozess hilft.
 
Frage: Welche Arten des in Beziehung sein mit anderen haben dich am meisten unterstützt?
 
KW: Definitiv: eine Sangha. Speziell als ich lernte zu meditieren, half mir die Teilnahme an Retreats mit Duzenden anderer Menschen – als einer Sangha – enorm.  Sie unterstützte mich in dem Willen, stundenlang zu sitzen, sie half mir, mich zu konzentrieren, und sie half mir dabei, Mitgefühl zu entwickeln und, damit verbunden, Weisheit. Ich denke, das liegt nicht nur an der gemeinschaftlichen Resonanz im intersubjektiven Raum, sondern auch am vorherrschenden Austauschmodus, der Menschen zusammenzuführt und ihre Verbundenheit untereinander verstärkt. Alle diese Dinge und auch Wichtiges aus dem unteren rechten Quadranten, machten den Gruppenprozess zu einer wichtigen Erfahrung.
 
Frage: Manche Künstler beschäftigen sich nie mit Besprechungen oder Kritiken. Andere sind sehr an Feedback interessiert. Wie ist das bei dir?
 
KW: Definitiv das Letztere, jedenfalls überwiegend. Ich lese Besprechungen und interessiere mich für Feedback. Meine aktuellen Schriften werden mit Wilber V bezeichnet. Das bezieht sich auf das fünfte Hauptsystem, welches ich im Laufe der Zeit als eine integrale Landkarte vorgeschlagen habe. Dies bedeutet, dass ich schon vier Hauptsysteme durchlaufen habe. Das habe ich getan, indem ich Besprechungen gelesen und auf Kritiker gehört habe.
Manche Kritiker sind jedoch fürchterlich, wirklich schlimm. Man hat den Eindruck, dass sie sich so gut wie gar nicht mit dem beschäftigt haben, was sie kritisieren. Aber gute Kritiker sind unglaublich wertvoll. Sie weisen auf Lücken und Widersprüche hin, die man selbst nicht gesehen hat. Dies zu tun ist eine wichtige Arbeit.
Es gibt noch etwas anderes, auf das ich im Zusammenhang mit dem unteren linken Quadranten zu sprechen kommen möchte. Ich habe oft darauf hingewiesen, wie sehr der Wir-Quadrant eine unmittelbare Manifestation von GEIST ist. Sucht man nach Beweisen für die Existenz von GEIST, dann braucht man sich nur das Wunder eines “Wir” anzuschauen. Zwei getrennte Individuen kommen zusammen und erreichen ein gemeinsamen Verstehen und Verständnis, eine gegenseitige Resonanz, eine gemeinsame Liebe, Fürsorge und Mitgefühl. Das ist möglich, darauf hat Schopenhauer hingewiesen, weil beide das gleiche letztendliche SELBST miteinander teilen – ein SELBST, ein GEIST. Im gegenseitigen Austausch dieses SELBST kommen wir zu einem gegenseitigen Verstehen. Du und ich verstehen uns, das ist wirklich ein Wunder. Daher kann die Arbeit in Gruppen die eigene Kreativität erhöhen. GEIST ist aktiv, vibrierend, lebendig, in Resonanz, angefeuert zwischen zwei oder mehr Seelen. Daher ist auch Meditation in einer Gruppe eine gute Idee und das Zusammenkommen in Gruppen ist auch sehr sinnvoll, um Probleme zu lösen. Mit dem Wunder eines “Wir” erscheint auch kollektive Kreativität.
 
Frage: Wer sind die Menschen, die deinen kreativen Kontext ausmachen – Einflüsse, Lieblingsbücher usw.?
 
KW: Mein Schreiben ist integral angelegt, als ein Zusammenbringen der unterschiedlichen Systeme der Welt: Spiritualität, Therapie, Naturwissenschaften, Philosophie, Geschichte, Linguistik usw., in ein vereinigendes, aufeinander bezogenes Ganzes – in dem Maße, wie so etwas überhaupt unternommen werden kann. Den größten Einfluss auf mich hatten diejenigen Theoretiker, die in ihrem Bereich die größte Wirkung hatten. Ich lese mich durch alle Hauptdisziplinen – Ost und West – hindurch, mehrere Bücher pro Tag. Wenn ich dabei auf ein wirklich bedeutendes Buch stoße, verringere ich meine Lesegeschwindigkeit und verbringe damit ein oder zwei Wochen. Meine Bibliothek umfasst einige Tausend Bücher, und sie ist eines der wenigen Dinge, die ich mit mir nehme, wenn ich umziehe. Das ist eines der Außerordentlichkeiten unserer heutigen Welt. Wir haben Zugang zu dem Wissen und der Weisheit von praktisch jeder existierenden Kultur in der Welt. Wir können uns mit Plotin beschäftigen, mit Padmasambhava, mit Sartre aber auch mit Shankara, mit Habermas wie auch mit Huineng. Wir befinden uns wahrhaftig in einem integralen Zeitalter und das reflektiert sich in meinen Einflüssen.
 
Frage: Wie haben andere kreative Ausdrucksformen wie Musik und Filme dein Werk beeinflusst?
 
KW: Ich weiß nicht, wie sehr es mein eigentliches Werk beeinflusst hat, aber persönlich hat beides auf mich einen großen Einfluss. Ich bleibe im Hinblick auf populäre Musik auf dem Laufenden und schaue mir gewöhnlich pro Tag ein bis zwei Filme an. Was ich an Filmen mag ist, dass sie Erfahrungen verdichtet darstellen. Sie geben uns verdichtete und konzentrierte Stücke der heutigen Kultur, mit unterschiedlichen Perspektiven auf das, was heute geschieht oder auch auf das, was gestern geschah bei historischen Darstellungen, oder auf das was morgen geschieht als Sciencefiction. In meinem Buch Boomeritis gibt es eine Menge Bezüge zu Musik und Filmen. Auch wenn ich also nicht deren Einfluss auf mein Werk kenne, so beeinflusst mich dies doch persönlich.
 
Frage: Es hat den Eindruck, dass einer der wichtigsten kreativen Ausdrucksformen deiner aktuellen Arbeit sich auf die Manifestation des unteren rechten Quadranten bezieht, auf die integrale Bewegung und die damit verbundenen Projekte. Ist das so?
 
KW: Ja, das ist so.
 
Frage: Was inspiriert dich kreativ in Bezug auf den unteren rechten Quadranten?
 
KW: Wenn Ideen oder Bewegungen keine Verankerung im unteren rechten Quadranten haben, wenn sie keine materielle Grundlage haben, dann kommen sie buchstäblich nicht auf die Erde und haben keine Bodenhaftung, sie gelangen nirgendwo hin. Schaut man sich die Geschichte der Menschheit an, dann hat es insgesamt etwa fünf Haupttransformationen gegeben. Und jetzt stehen wir an der Schwelle einer sechsten Transformation.
Diese Transformationen waren, aus der Perspektive des unteren rechten Quadranten betrachtet, Jagen und Sammeln, Gartenbau, Ackerbau, Industriegesellschaft und Informationsgesellschaft, mit entsprechenden Weltsichten, dem unteren linken Quadranten, von archaisch zu magisch, mythisch, rational und pluralistisch. Schaut man sich beispielsweise die Forschungen von Gerhard Lenski an, dann ist es erstaunlich, wie bedeutend der Einfluss des unteren rechten Quadranten ist. Alle Kulturen des Jagen und Sammelns beispielsweise hatten den gleichen Prozentsatz von Sklaverei, Brautpreis, Kriegen, Rollen von Männern und Frauen, Säuglingssterblichkeit und so weiter. Es ist einfach nachzuvollziehen, warum Marx sagte: „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“
Das ist natürlich etwas übertrieben, als eine Reduktion auf den unteren rechten Quadranten, doch die integrale Theorie sagt, dass die techno-ökonomische Basis (unten rechts) der stärkste einzelne Einflussfaktor des durchschnittlichen kollektiven Bewusstseins ist (unten links). Wo immer wir, als ein Beispiel, den techno-ökonomischen Modus des Ackerbaus finden, wie in den landwirtschaftlich dominierten Staaten des mittleren Westens der USA, stoßen wir auch auf ein durchschnittliches mythisches Bewusstsein, wie es sich dort in den mythischen, biblischen und traditionellen Werten ausdrückt.
Worum es dabei geht ist, dass die systemische materielle Struktur einer Bewegung – ihr unterer rechter Quadrant – unglaublich wichtig ist für das Gesamtbewusstsein einer Kultur. Das Integrale steht an seinem Anfang, als eine vor allem virtuelle Bewegung über das Internet, eine Struktur des unteren rechten Quadranten und daher widmen wir dem viel Aufmerksamkeit, auch wenn wir nach anderen Formen von Gemeinschaft Ausschau halten. Übrigens, welches ist die sechste Stufe der Haupttransformation, an deren Schwelle die Menschheit steht, diejenige, die auf den Pluralismus oder Postmodernismus folgt? Es ist das integrale Zeitalter. Das Internet ist die wesentliche techno-ökonomische Plattform der grünen, pluralistischen und informationellen bzw. postmodernen Weltsicht. Was ist die techno-ökonomischen Grundlage des kommenden integralen Zeitalters? Ich denke, dies wird in einer Verbindung von Mensch und Computer bestehen. Menschliche Gehirne werden mittels implantierter Computerchips mit den weiterentwickelten Formen des Internet verbunden werden, die es dann gibt.
Jeder Mensch wird dann unmittelbar mit dem Internet und seinem gesamten Inhalt verbunden sein. Der Name für Mensch-Maschine-Verbindungen ist Cyborg. Es scheint sich etwas abgehoben anzuhören, aber ich denke der Cyborg wird allmählich das Internet ersetzen, d. h. es transzendieren und bewahren, mit dem Schritt vom Postmodernismus zum Integralen.
Natürlich muss man kein Cyborg sein, um integral zu denken. Integral denken kann man hier und jetzt. Ich denke jedoch, dass integrale Denkweisen durch Cyborg-Infrastrukturen im unteren rechten Quadranten verankert werden, was allen Menschen über das Netz einen vollständigen Zugang zum Wissen der Welt ermöglicht.
Doch es gibt einen bedeutenden Grund, warum sich Menschen weiterhin in Gemeinschaften aus Fleisch und Blut zusammenfinden sollten und nicht nur virtuell. Wenn sich lebendige Organismen zusammenfinden, um ein soziales Holon zu bilden, dann tauschen die individuellen Organismen auch subtile Energien miteinander aus, was die Gruppe zusammenhält. Dieser Zusammenhalt erhöht auch die Konzentrationsfähigkeit und die Klarheit des Geistes und die subtile Energie öffnet das Herz, für eine Zunahme von Liebe, Fürsorge und Mitgefühl. Aus all diesen Gründen ist Kreativität im unteren rechten Quadranten sehr wichtig, da die rechtsseitigen Quadranten die materiellen Quadranten sind, die Materie-Energie-Quadranten, einschließlich grobstofflicher Energie, subtiler Energie und kausaler Energie. Das Netz selbst ist grobstoffliche Materie, mit grobstofflicher elektromagnetischer Energie, doch der menschliche Körper besteht aus einem grobstofflichen, einem subtilen und einem kausalen Körper und daher auch aus subtiler und kausaler Energie. Kommen menschliche Körper in einer Gruppe zusammen, dann sind auch die subtileren Energien gegenwärtig und werden von Mensch zu Mensch ausgetauscht. Die subtilen Energien des Traumzustandes und die kausalen Energien des formlosen Zustandes kommen dabei zusammen und führen zu einer Zunahme der intersubjektiven und der interobjektiven Bewusstheit – Liebe, Kreativität und Verbundenheit. Lebendiges, organisches, menschliches Fleisch ist also nach wie vor wichtig und das vergessen wir hoffentlich nicht, wenn wir in das Cyborgzeitalter eintreten.
 
Frage: Wie hat sich deine Kreativität entwickelt, auf deinem Weg von der Handschrift zur Schreibmaschine zum Computer und weiter zum Internet?
 
KW: Das Offensichtlichste dabei ist die Zunahme an Geschwindigkeit. Ich habe meine ersten Bücher von Hand geschrieben, weil ich das Tippen nicht beherrschte. Dies war ein schmerzlich langsamer Prozess. Ich brauchte Monate, nur um mein erstes Buch zu schreiben. Doch dann lernte ich Tippen und die Dinge verbesserten sich auf wundervolle Weise. Mit meinem ersten Computer und der dazugehörigen Textverarbeitung wurde mir dann bewusst, wie fürchterlich im Vergleich dazu meine Schreibmaschine war. Der Computer war um ein Vielfaches schneller und Änderungen waren unglaublich leicht vorzunehmen. Endlich war das umständliche Korrigieren mit Korrekturflüssigkeit zu Ende. Wer kann sich noch daran erinnern? Mit einer Textverarbeitung kann man Textteile hin und herschieben und man kann nach Belieben löschen und hinzufügen.
Nachdem ich mehrere Bücher auf diese Weise geschrieben hatte, schien mir das Schreiben auf einer Schreimaschine unvorstellbar. Die größte Veränderung beim Schritt vom Computer zum Internet betraf die Nachforschungen. Es ist inzwischen schwer, sich vorzustellen, wie es war, Bibliotheken aufzusuchen und Karteikästen zu durchwühlen, zu den entsprechenden Regalen zu gehen, um dann die gesuchten Bücher zu finden. Jetzt wird gegoogelt, etwas so Einfaches und weit verbreitetes, dass der Begriff selbst zu einem Verb geworden ist – googeln.
 
Frage: Du gehörst zu den Ersten, die das Internet verwenden, um die Gemeinschaft zu vergrößern. Wie, glaubst du, werden diese neuen virtuellen sozialen Strukturen die Evolution des integralen Bewusstseins unterstützen?
KW: Ich habe dazu schon etwas bei der Diskussion des unteren rechten Quadranten gesagt, doch ich möchte hier noch etwas hinzufügen. Das eine betrifft die Menge und Anzahl. Das Internet ist weltweit gegenwärtig, in den USA in jedem Bundesstaat, in jeder Stadt und jeder Gemeinde. Damit erreicht man eine viel größere Anzahl von Menschen als über konventionelle Kommunikationswege. Vor zehn Jahren befanden sich vielleicht 3 oder 4 Prozent der amerikanischen Bevölkerung auf einer integralen Entwicklungsstufe. Dass bedeutet, dass sich selbst in einer relativ großen Stadt nur wenige Hundert Menschen auf dieser Stufe befinden. Sie zu finden war praktisch unmöglich oder zumindest sehr schwierig. Mit dem Internet ist das einfach. Das ist einer der großen Vorteile des Netzes, man erreicht Menschen, die überall verstreut leben. Integrale Menschen, die jetzt vielleicht 4 oder 5 Prozent der Bevölkerung ausmachen, bilden eine Art dünner Film, überall verteilt in der ganzen Welt. Das Netz durchsucht diese dünne Schicht nach Menschen, die etwas Gemeinsames miteinander teilen: die gleichen Werte, der gleiche Musikgeschmack, die gleiche Mode, die gleiche Philosophie. Diese Menschen können sich finden und sich in virtuellen Gemeinschaften zusammenschließen. Dies geschieht jetzt, indem man vor einem Computer sitzt.
In einem integralen Cyborgzeitalter ist das dann überall möglich, stehend, gehend, sitzend oder beim Laufen. Natürlich gibt es dabei, wie immer, auch eine Schattenseite. Es können sich nicht nur gute Menschen auf diese Weise miteinander verbinden, sondern auch böse Menschen. Der Ku-Klux-Klan und die Neonazis waren in diesem Land [USA] praktisch tot, bis das Internet kam. Sie waren am Aussterben, weil sie nicht mehr zueinanderfanden. Jetzt, dank des Netzes, erblühen sie wieder.
Ein weiteres Problem ist der enorme Umfang an Fehlinformationen, der durch das Netz verbreitet wird. Material, das falsch, ungenau, dumm oder einfach verrückt ist. Anders als die meisten konventionellen Veröffentlichungsstrukturen hat das Netz kaum Kontrollmechanismen. Meine Wahrheit ist meine Wahrheit, deine Wahrheit ist deine Wahrheit und alles das geht ins Netz, egal wie irreführend es auch sein mag. Das ist der Grund, warum das Netz die ideale techno-ökonomische Basis für den Pluralismus darstellt. Alles ist wahr, egal wie viel Falschinformationen darin auch enthalten sein mögen. Mit dem Cyborgzeitalter werden Mechanismen eingeführt werden, die die Menschen auf irreführende oder falsche Informationen aufmerksam machen. Mit den Worten des Herausgebers der New York Times: „Die Menschen bezahlen uns für das, was wir nicht drucken“. Urteilsvermögen wird zurückkehren, wie auch das Wahre, Schöne und Gute. Tiefe wird zurückkehren im integralen Cyborgzeitalter. Der Punkt, auf den ich dabei hinweisen möchte ist, dass, damit Evolution sich ereignen kann, sie sich in allen vier Quadranten ereignen muss. Individuelle Ideen formen sich im oberen linken Quadranten. Diese gedanklichen Zustände haben Entsprechungen im Gehirn und im Körper (oberer rechter Quadrant): bestimmte Gehirnwellen, Hormone, Neurotransmitter und so weiter, die zu diesem Gedanken- oder Bewusstseinszustand gehören. Mit dem weiteren Verlauf des evolutionären Prozesses wird dieser Gedanke (als ein Phänomen oben links) mit anderen Individuen geteilt und über Sprache und andere Modi kommuniziert (unterer linker Quadrant). Die Individuen treffen sich auch in der materiellen Welt (unterer rechter Quadrant) und bilden Gruppen und Gemeinschaften. Wenn diese vier Quadranten zusammenpassen, wird dieser Gedanke oder diese Idee weitergetragen und an die Zukunft weitergereicht. Er wird als eine kosmische Gewohnheit ausgewählt. Das gilt unabhängig davon, von welchem Quadranten das Phänomen seinen Ausgang nahm.
Wenn man also möchte, dass etwas von der Evolution ausgewählt wird, dann muss es in allen vier Quadranten geschehen. Damit neue Ideen weitergetragen werden, müssen diese über ein gegenseitiges Verstehen an andere kommuniziert werden (unten links) und materialisiert oder institutionalisiert werden (unten rechts), in Formen von Politik, Bildung und Erziehung, Medizin, Bücher, Schulen, Gemeinschaften usw. Wir sind jetzt an dem Punkt der Kommunikation und der Institutionalisierung von integralen Ideen, in der Schaffung einer integralen Spiritualität, einer integralen Psychotherapie, einer integralen Bildung und Erziehung, einer integralen Politik, einer integralen Führung und so weiter. Wenn diese Ideen in allen vier Quadranten Resonanz finden, dann werden sie weitergetragen werden. Sie werden in den evolutionären Strom eintreten und zu einem Teil der Zukunft werden. Wenn nicht, d. h. wenn sie in einem der vier Quadranten auf keine Resonanz stoßen, werden sie sich nicht fortsetzen können und wieder verschwinden. Was also wird im Fall des Integralen geschehen? Das liegt an euch und der Gestalt, welche die Zukunft annehmen wird. Hoffen wir, dass es klappt.


Aus: Online Journal Nr. 57