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23.5.2017 : 3:10 : +0200

Religion und Spiritualität

Symbole der Weltreligionen (Quelle: Wikipedia)

Auch wenn die integrale Theorie und Praxis einen Erklärungs- und Handlungsrahmen darstellt für alles menschliche Sein und Handeln, hat sie kurz nach ihrer Veröffentlichung das besondere Interesse von Menschen aus dem Bereich von Religion und Spiritualität geweckt. Lehrer und Lehrerinnen aus den unterschiedlichsten Traditionen und Glaubensrichtungen wie dem Buddhismus, dem Christentum, dem jüdischen Glauben und anderen Richtungen haben, oft unterstützt durch Ken Wilber, begonnen ihre eigene Glaubensrichtung aus einer integralen Perspektive zu betrachten. Ken Wilber seinerseits, als ein langjährig spirituell Praktizierender, hat durch Bücher wie Der glaubende Mensch, Naturwissenschaft und Religion, Einfach DAS und vor allem Integrale Spiritualität eine intellektuelle und praktische Basis geschaffen für eine Versöhnung von Wissenschaft und Religion, und er zeigt gleichzeitig eine Perspektive auf für Religion und Spiritualität in unserer heutigen Zeit und für die Zukunft. 

Übersicht über die Beiträge zu diesem Thema:

Die Begegnung mit dem großen DU

Die Begegnung mit dem großen DU

von Helmut Dörmann

Was sind die drei Gesichter Gottes?

In seinem Buch Integrale Spiritualität (2006) spricht Ken Wilber erstmals von Gott in der zweiten Person. Damit rückt er das zweite Gesicht Gottes neu in das Zentrum der Betrachtung.

Das erste Gesicht Gottes ist das große ICH BIN, der GEIST in uns, und kann als SEINSZUSTAND in uns erfahren werden.

Das zweite Gesicht Gottes ist das große DU, die strahlende lebendige Gottheit, der ich mich hingebe. Das zweite Gesicht ist auch die Hinwendung und Liebe zu dem Göttlichen im Menschen. Bedeutet: Nicht nur ich bin göttlichen Ursprungs, sondern auch der „Nächste“ ist göttlichen Ursprungs.

In der Einheitserfahrung spiegeln sich die drei Gesichter Gottes wider.

Das dritte Gesicht Gottes ist das große ES. Die große Vollkommenheit der Existenz. Das dritte Gesicht wird häufig als Naturmystik bezeichnet.

Im Christentum, aber auch in verschiedenen spirituellen Traditionen, finden wir die „Dreiheit“ oder „Trinität“ wieder:

Christus sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst und Gott über alles.“ Der jüdischer Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965) benennt drei Möglichkeiten, wie Gott erfahren und verstanden werden kann. Er spricht von „Naturhaftigkeit“, die sich in allem darstellt (drittes Gesicht), von „Personhaftigkeit“ (zweites Gesicht) und „Geisthaftigkeit“ als Ursprung von allem (erstes Gesicht).

 

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Boomeritis Buddhismus

Boomeritis Buddhismus

Ken Wilber

der folgende Text enthält Transkripte aus einem Telefoninterview mit Ken Wilber zum Kapitel 5 seines Buches Integrale Spiritualität, veröffentlicht auf IntegralLife.com. Die Zwischenüberschriften wurden zur besseren Verständlichkeit redaktionell hinzugefügt

 

Einführung von Ken Wilber

Ein anspruchsvolles Thema

Boomerits Buddhismus ist eines der etwas anspruchsvolleren Themen. Eine Menge Dinge im Zusammenhang mit dem Integralen sind relativ leicht zu verstehen. Man erklärt die Quadranten, und die Leute verstehen das ziemlich schnell. Bei Boomerits Buddhismus ist jedes einzelne Teilstück des Puzzles einfach zu verstehen, die prä/trans Verwechslung zum Beispiel, doch wenn man alles, was dazugehört, zusammenbringen möchte, z. B. auch die wirkliche Bedeutung von „Leere“, Nagarjunas Konzeption von shunyata, die Doktrin der zwei Wahrheiten, relative Wahrheit und absolute Wahrheit, vom Neo-Platonismus zu Vedanta zu Vajrajana und so weiter, und wenn man beides berücksichtigt, auch wenn sie letztendlich nicht-zwei sind – dies muss man alles dabei berücksichtigen, und dazu gehört auch das Verständnis von zumindest einem oder zwei der westlichen psychologischen Modelle. Wenn eines dieser Puzzlestücke dabei nicht an seinem Platz ist, wird man nicht verstehen, worum es geht. Wir möchten also jetzt [in dieser Einleitung] über diese Puzzleteile kurz sprechen.

Strukturentwicklung

Wir können dabei überall beginnen, und ich beginne mit den Entwicklungsmodellen. Man kann jedes der Entwicklungsmodelle dafür verwenden, Entwicklungsmodelle, die Bewusstseinsstrukturen beschreiben, und dies sind die Modelle, die ganz überwiegend von der modernen westlichen Psychologie entwickelt wurden. Worum es dabei geht ist das, was [im Rahmen des Integral Methodologischen Pluralismus] mit Zone 2 bezeichnet wird. Man nimmt auf eine bestimmte Weise eine objektive Perspektive gegenüber inneren Wirklichkeiten ein. Dies ist eine der ganz großen und grundlegenden Entdeckungen der modernen westlichen Aufklärung. Man kann dafür die Modelle von Jane Loevinger, Carol Gilligan, Janet Wade, oder Kohlberg verwenden (Carol Gilligans Modell ist eine Version von Kohlbergs Modell und stimmt im Wesentlichen mit seinen Hauptstufen überein). Wenn man das macht, bekommt man sofort Schwierigkeiten mit Menschen auf einer bestimmten Bewusstseinsstufe, und zwar der pluralistischen Bewusstseinsstufe, der grünen Entwicklungswelle, weil diese Entwicklungswelle eine Entwicklungsstufe ist, die leugnet, dass es Entwicklungsstufen gibt. Es ist eine Ebene, welche die Existenz von Ebenen verneint, und da beginnt das Problem. Jemand auf dieser Bewusstseinsebene wird sofort fragen: „Was sollen diese Ebenen?“ Das meine ich keineswegs abwertend. Jeder durchläuft die grüne Entwicklungsebene, und dem gesunden Grün haben wir eine Menge positiver Dinge zu verdanken, doch dabei gibt es auch Schattenseiten, und darüber sprechen wir hier.

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Die Evolution der Transformationen

Die Evolution der Transformationen

[Quelle: Ken Wilber, IntegralSpiritualCenter]

Eine transzendente Einheit aller Weltreligionen?

Der Erste, der – in diesen Begrifflichkeiten – auf den Pfad der Yogis, den Pfad der Heiligen und den Pfad der Weisen hingewiesen hat, war Adi Da[1]. Er tat das in dem Buch The paradox of instruction. Er schreibt darin, wie immer, brillant. Dieses Buch ist ein geniales Werk, es ist bahnbrechend. Ich weiß nicht, ob man das Buch überhaupt noch bekommen kann, seine Lebensgeschichte wird ja ständig „überarbeitet“, und es wird von immer neuen „größten Verwirklichungen der Menschheitsgeschichte“ bei ihm gesprochen. Ich glaube, er hat mittlerweile 20 der größtmöglichen Verwirklichungen überhaupt erreicht, so wird gesagt, und kann nur noch von sich selbst übertroffen werden [Lachen], doch er war der Erste, der auf diese drei Pfade hingewiesen hat, den Pfad der Yogis, den Pfad der Heiligen und den Pfad der Weisen. Das entspricht dem grobstofflichen, dem subtilen und dem kausalen Körper. Das Brillante dabei war, dass er einer der Ersten war, der mit einer Tradition brach, der fast alle anderen Großen angehörten wie Huston Smith und Fritjof Schuon, die über diese Themen schrieben: und zwar, dass es eine transzendente Einheit in den Weltreligionen gibt mit einer Erfahrung von Leere, bei der sich lediglich die äußeren Formen unterscheiden. Reine Leere zieht sich damit durch alle Religionen, eine transzendente Einheit aller Weltreligionen. Adi Da sagte hingegen, dass das nicht stimmen würde, auch wenn es viele Beispiele dafür gibt, wo Yogis, Heilige, Weise und Siddhas (ich habe Siddhas noch hinzugefügt) in die Leere und dann auch zur nichtdualen Soheit vorstoßen können. Doch es gibt auch viele Fälle, wo das nicht geschieht, sondern wo Praktizierende in den unterschiedlichen Bereichen und Zuständen bleiben [grobstofflich, subtil, kausal] - und das ist wahr. Man kann ein Zentraining durchlaufen, mit einer Konzentration auf den kausalen Körper, und bekommt niemals einen Hinweis darüber, wie man mit Kundalini Energie umzugehen hat, auch wenn diese im ganzen Körper fühlbar ist. Das ist erstaunlich. Was oft passiert, ist, dass wenn man in einem dieser Bereiche arbeitet, dass es eine Art von natürlicher Weiterführung gibt, bei der sich der eigene Bewusstseinsschwerpunkt verlagert [vom Grobstofflichen zum Subtilen zum Kausalen zum Nichtdualen]. Doch es ist auch möglich, mit dem Pfad der Heiligen zu arbeiten, und nicht mit dem Pfad der Yogis (oder dem der Schamanen, die im Wesentlichen gleich sind, sie orientieren sich beide an der Arbeit mit dem grobstofflichen Körper. Schamanen arbeiten mit den Elementen der Natur, dem was objektiv in der Natur sichtbar ist, und sie arbeiten auch ein wenig mit Innerlichkeiten, dem Bereich der Heiligen, doch Yogis wie auch Schamanen arbeiten überwiegend mit der Transformation des grobstofflichen Körpers). Der Pfad der Heiligen jedoch arbeitet mit dem subtilen Körper, und der Pfad der Weisen arbeitet mit dem kausalen Körper.

 

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UNIQUE SELF und BIG MIND

UNIQUE SELF und BIG MIND

Interview zur “I-Evolve Germany Tour” aufgenommen am 27.01.2010

 

DW: Was ist das “Unique Self” [etwa: „Einzigartiges Selbst“] als neues spirituelles Konzept? Was ist so einzigartig daran?

MG: Das Unique Self ist eine Idee, die in den letzten paar Jahren aufgetaucht ist, mit der ich fast 20 Jahre herumgespielt und getanzt habe. Diane und ein Dialog, der beim Integral Spiritual Center aufgekommen ist, vertieften das Gespräch, auch Ken Wilber; an irgendeinem Punkt war Genpo Roshi involviert und Sally Kempton, doch es waren im wesentlichen Diane, Ken und ich, die dieses Gespräch in aller Tiefe geführt haben. Im Grunde ist Unique Self dasjenige, was wir manchmal als das ‚Neue Erwachen’ oder die ‚Neue Erleuchtung’ bezeichnen – nicht die ‚alte Erleuchtung’ zurückzuweisend, sondern eher als ein nächster evolutionärer Schritt nach vorne.

Um es ganz einfach zu sagen: Sehr, sehr oft hörst du Dharma- Lehren, die dir raten dich über deine Einzigartigkeit hinaus zu bewegen, eins zu werden, dich jenseits deiner Empfindung eines getrennten, einzigartigen Selbst zu bewegen. Was wir lehren ist, dass du dich tatsächlich über deine Empfindung eines getrennten Selbst hinausbewegen solltest – du solltest nicht anstreben bloß getrennt zu sein – bzw. dass du dich über dein Ego hinausbewegen solltest. Aber du solltest nicht versuchen über deine Einzigartigkeit hinauszugehen, denn deine Einzigartigkeit ist in Wirklichkeit deine essenzielle Natur. Wir lehren, dass du dein Ego klären solltest, dich über dein Ego hinausentwickeln solltest, in der Form der klassischen Erleuchtung deine Einheit mit allem, was ist, realisieren solltest. Doch deine Einheit versteht sich nicht im Sinne der Verschmelzung, nicht in dem Sinne, dass du eingeschmolzen bist, sondern vielmehr in dem Sinne, dass du ein einzigartiger und individueller Teil des nahtlosen Gewandes des Universums bist.

 

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Rigpa zu verwirklichen ist einfach, Rigpa zu leben ist schwer

Rigpa zu verwirklichen ist einfach, Rigpa zu leben ist schwer

(Quelle: Ken Wilber auf Integral Naked, Realizing Rigpa is Easy, Living Rigpa is Hard)

 

[Hinweis: dieser Text wird im Anschluss an eine Meditation langsam und mit Pausen gesprochen]

 

Man kann diesen immer-gegenwärtigen Zustand untersuchen, und paradoxerweise kann sich diese Verwirklichung immer mehr vertiefen. Das, womit du jetzt im Kontakt bist, ist absolut authentisch. Es ist ohne Anfang und ohne ein Innen und ein Außen. Es wird als das Ungeborene beschrieben, weil es ohne Anfang ist. Die Traditionen sprechen darüber, was geschieht, wenn dieses Big Mind, Big Heart wieder in die Welt zurückkehrt. Es ist – noch einmal – ein Paradox, man verliert es dabei nicht wirklich, doch man kann es sich so vorstellen, dass man Big Mind nimmt und beginnt es/ihn anzuwenden. Diese Manifestation von Big Mind und Big Heart ist dabei der schwierige Teil. Im vajrajana sagt man: Rigpa zu verwirklichen ist einfach, Rigpa zu leben ist schwer, und Rigpa ist ein dort verwendeter Begriff, der sehr ähnlich dem Big Mind, Big Heart ist. Oft wird das beschrieben als ein Wiedereintreten von Big Mind in die Welt, auch wenn man es dabei nicht verliert. Mit zunehmender Praxis lernt man, die Welt und alles, was erscheint, innerhalb des Big Mind erscheinen zu lassen. Man bleibt dabei also im Kontakt, aber man wird dabei auch in der Welt tätig, durch spezielle und einzigartige Aktivitäten. Ist man Chirurg, dann muss man operieren. Ist man im Business, dann muss man dort aktiv werden. Beschäftigt man sich mit Recht und Gesetz, dann wird man vielleicht Anwalt. Lasse all das als eine Manifestation und Ausprägung dieses immer-gegenwärtigen Zustandes erscheinen. Das ist grundlegend das, was du bist.

 

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Schönheit und Geist

Schönheit und Geist

(aus: Integral Naked, Beauty and Spirit)

Einführung von der IN Redaktion

 

Wie drei Seiten eines Prisma brechen das Wahre, das Schöne und das Gute das weiße Licht des Bewusstseins und das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrungen: Wissenschaft, Kunst und Moral; Natur, Selbst und Kultur; Es, Ich und Wir. Wie eigenartig ist es doch, das viele zeitgenössische Formen von Spiritualität GEIST lediglich auf eine oder zwei dieser Dimensionen ausdehnen wollen und die anderen dabei dämonisieren. Dies ist mit dem Bereich von Schönheit in der Vergangenheit oft geschehen, und wir neigen auch in unserer modernen Welt dazu. Für viele von uns kann es anti-spirituell erscheinen, wenn jemand sich um seine oder ihre äußere Erscheinung kümmert, so als sei es eitel und oberflächlich die Aufmerksamkeit auf die äußere Erscheinung zu richten – und der wirkliche Gott sich nicht mit derart trivialen Ausschmückungen physischer Schönheit beschäftigen würde.

Aber mal ehrlich – was wird vom GEIST nicht berührt? Ist eine leichte Kräuselung auf der Oberfläche der Existenz nicht genau so nass wie die allergrößte Welle? Warum wird Schönheit oft mit Oberflächlichkeit gleichgesetzt? Wenn der Geist und die Umgebung um uns herum in Wahrheit nicht-zwei sind, ist dann nicht unsere Fähigkeit Schönheit wahrzunehmen selbst eine Verneigung gegenüber der großen Vollkommenheit der Existenz, ihrer Ausgewogenheit und Symmetrie?

 

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Aspekte einer integralen Spiritualität

Aspekte einer integralen Spiritualität

 

von Wulf Mirko Weinreich

 

Ich möchte mich in meinem Artikel mit einigen Aspekten der spirituellen Entwicklung auseinandersetzen – sozusagen einige Details aus meiner subjektiven Sicht heraus beleuchten, um dem „Skelett“ des Wilberschen Modells etwas „Fleisch“ zu geben. Manchmal werden sich meine Ansichten mit denen Wilbers decken oder sie ergänzen, an anderer Stelle können sie auch in eine völlig neue Richtung gehen. Aufgrund des begrenzten Platzes werden meine Überlegungen nicht sehr detailliert sein können und sind daher eher als Denkanstöße zu verstehen. Neben eigenen Erfahrungen bilden Anregungen aus verschiedenen Quellen den Hintergrund dieses Artikels, die ich aus diesem recht begrenzten Anspruch heraus auch nicht in allen Einzelheiten anführen werde.

Zustandserfahrungen aus der Quadrantenperspektive

Als erstes möchte ich gerne auf ein Detailhinweisen, wie sich die Quadranten in den Zuständen ausdrücken. Wilber teilt die Zustände in manifest (grobstofflich), subtil (feinstofflich) und kausal (leer) ein, die wir Menschen in unseren drei Hauptbetätigungen Wachen, Träumen und Tiefschlaf (unbewusst) erleben. Diese Einteilung ist etwas grob. Viele mystische Schulen unterteilen den subtilen Zustand in mehrere Unterbereiche, was auch mit verschiedenen Traumplateaus korreliert, wie sie im EEG nachweisbar sind.[1] Für die Beschreibung der meisten Phänomene reicht jedoch diese Dreiteilung, deren persönliche Anteile man auch als psychische Strukturen ICH[2] (frontales Selbst), Seele (tiefer psychisches Selbst) und Zeuge (ursprüngliches Selbst) benennen kann. Hinzu kommt ein Meta-Zustand, den Wilber den spirituellen Traditionen folgend „nondual“ bzw. *GEIST* nennt und der in der unmittelbaren Einsicht besteht, dass manifest, subtil und kausal genau genommen drei Erscheinungsformen des gleichen Wesens sind. Wir können diese drei Zustände plus den einen Metazustand z. B. wie in Abbildung 1 darstellen.[3]

 

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Die Rolle des spirituellen Lehrers

Die Rolle des spirituellen Lehrers

von Hanna Hündorf

In meiner Lehrtätigkeit seit 1997 treffe ich oft auf Menschen, die sehr verunsichert sind, was die Rolle des Lehrers oder Gurus betrifft. Dies liegt einerseits daran, dass die vielen verschiedenen Ebenen der traditionellen Lehrer-Schüler Beziehung uns westlichen Schülern nicht ausreichend bekannt sind und deshalb nicht klar unterschieden werden. Außerdem sind die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Menschen in der heutigen Zeit komplexer geworden, so dass wir für ein umfassendes, integrales Wachstum zusätzlich zum spirituellen Lehrer verschiedene Berater, Therapeu­ten und Coaches heranziehen müssen.

Nun ist es im integralen Kontext wich­tig, die traditionellen Rollen sorgfältig zu untersuchen: Welche davon müssen zurückgelassen (transzendiert), welche bewahrt (eingeschlossen oder inkludiert) werden? Nur wenn dieser Schritt für die blaue/bernsteinfarbene Ebene (in der die meisten religiösen Traditionen kulturell verankert sind) gründlich vollzogen ist, können wir meiner Ansicht nach sehen, wie die gesunde Weiterentwicklung für die orange Ebene und darüber hinaus auszusehen hat. Hierfür möchte ich auf das hervorragende Buch von Alexander Berzin „Zwischen Freiheit und Unterwer­fung. Chancen und Gefahren spiritueller Lehrer-Schüler-Beziehungen“ hinweisen, das es auch bei www.berzinarchives.com als kostenloses e-Book gibt.

 

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Integrales Tantra

Integrales Tantra

von Silvio Wirth

Im Westen hat sich in den letzten 30 Jahren ein sehr verkürz­tes Verständnis von Tantra etabliert, nämlich die Verbin­dung von Spiritualität und Sexualität – vielerorts wird jede erotisch-sexuelle Praxis mit transzendentem Anspruch „Tantra“ genannt. Aus meiner langjährigen Erfahrung mit vielen Wegen und Aspekten des Tantra, auch dem hinduistischen Tantra-Yoga und dem tibetischen Buddhismus, verstehe ich Tantra als einen ganzheitlichen und vielseitigen spirituellen Übungsweg, der schon von seinen magisch-mystischen Wurzeln her einen Kern von „Integraler Lebenspraxis“ in sich trägt, da er die Bereiche Körper, Geist, Herz und Seele gleichermaßen anspricht.

Das Integrale Tantra ist ein Ansatz, die Methode und Weis­heit der tantrischen Schulen systematisch für den westlichen Menschen von heute anzupassen. Tantra wird, integral infor­miert, zu einem ganzheitlichen Weg für unsere Zeit, der Liebe, Sexualität und Intimität einschließt.

 

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Eine Charta für eine integrale Spiritualität

Eine Charta für eine integrale Spiritualität

von Michael Habecker, Sonja Student

 

Mit seinem 2006 er­schienenen Buch In­tegrale Spiritualität hat Ken Wilber neue Maßstäbe gesetzt im Hinblick auf eine zeitgemäße Religion und Spiritualität, die sowohl die Weisheit der Prämoderne, die Aufgeklärtheit der Moderne und die Multikulturalität der Postmoderne integriert und darüber hi­nausgeht. Mit diesem Buch hat sich ein vielversprechendes Panorama an Mög­lichkeiten für eine wirkliche Ökumene eröffnet, doch wie können diese Mög­lichkeiten konkret umgesetzt werden? Wie kann mehr Spiritualität in die Welt kommen und wie können die Religio­nen zueinander finden? Ein Weg dazu, der schon beschritten wird, ist der, dass sich spirituelle und religiöse Lehrer zu­sammenfinden zu Veranstaltungen wie einer Weltökumene oder einer Weltspi­ritualität. Ein anderer Weg besteht darin, zuerst eine Grundlage zu formulieren, auf deren Basis sich dann Gleichgesinnte zusammenfinden können. Letztendlich braucht es beides: das Zueinanderfinden und die Zusammenarbeit von Menschen und eine gemeinsam formulierte Inspira­tion und Vision.

 

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Gottesbilder im Wandel der Bewusstseinsentwicklung

Gottesbilder im Wandel der Bewusstseinsentwicklung

von Tilmann Haberer

 

Die etablierten Kirchen – das ist eine Binsenweisheit – sind zu­mindest in Europa für spiritu­ell suchende Menschen nicht mehr interessant. „Ich bin spirituell, aber nicht religiös“, der Satz bringt diese Einstellung auf den Punkt. Und wer ist schuld daran? Der Indivi­dualismus und der Pluralismus! So hört man es gebetsmühlenartig aus dem Va­tikan. Und es stimmt ja auch, so falsch ist diese Auskunft nicht. Wer Spiral Dynamics und den von Don Beck und Christopher Cowan entwickelten Farb­code kennt, kann die Aussage mühelos so verstehen: Die blaue Kirche wird vom orangen Individualismus und vom grünen Pluralismus bedroht. Ge­rade die katholische Kirche ist wesent­lich vom blauen Mem geprägt. Sie ist stark traditionsgeleitet und streng hie­rarchisch aufgebaut, sie vertritt einen radikalen Absolutheitsanspruch, ihre Lehre besteht aus unfehlbaren und un­abänderlichen Dogmen, ihre Riten sind genau festgelegt, das gesamte kirchliche Leben durch Gesetze und Ordnungen geregelt. Und gerade unter dem gegen­wärtigen Papst scheint sich die römi­sche Kirche wieder tiefer in die blaue Wagenburg zurückzuziehen.

Doch auch der evangelischen Kirche laufen die Leute davon, obwohl sie sich in weiten Teilen nicht so vehement gegen moderne und postmoderne Strömungen abschottet. Dieses Phä­nomen ist nicht leicht zu verstehen, doch auch hier kann die Vorstellung von einer stufenweisen Entwicklung des Bewusstseins einiges erklären. Die Reformation ist selbst ein Ergeb­nis des frühen orangen Mems – oder umgekehrt: Martin Luther hat mit sei­nem Handeln und seiner Lehre dem orangen Mem in Deutschland und Europa zum Durchbruch verholfen. Er übersetzte die Bibel ins Deutsche, und damit sie auch alle lesen konnten, för­derte er Bildung und Schulwesen. Ge­genüber der allmächtigen kirchlichen Institution mit ihrem Absolutheitsan­spruch betonte er die Gewissensfrei­heit des Einzelnen – das sind klassisch orange Motive.

 

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Aufklärung, lebendiges Denken und Spiritualität

Aufklärung, lebendiges Denken und Spiritualität

von Jens Heisterkamp

Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken formen wir die Welt.

Buddha

 

Das Denken wird in spirituellen Kreisen oft kritisch gesehen (begrenzt auf den „mind“, Verstand). Es ist aber wesentlicher Teil einer aufgeklärten und reflektierten Spiritualität. Denkend bestimmen wir – mehr oder weniger achtsam – den überwie­genden Teil unseres Bewusstseins. Darüber hinaus zeigt eine nähere Betrachtung, dass im Denken ein zentraler Zugang zur Verbundenheit und All-Einheit liegt und dass hier eine über­raschende Basis transparenter spiritueller Erfahrung freigelegt werden kann.

Der weitaus größte Teil unseres Lebens ist von Vorgängen des Denkens begleitet. Angefangen von längerfristigen Zielen, die wir uns vornehmen, bis hin zu kleinsten Alltags-Orientie­rungen (das Mittagessen um eins, eine Verabredung um halb sechs) ist unsere Existenz von Gedanken geführt. Für länger­fristige Lebenseinstellungen und Werte gilt das erst recht. Vor­stellungen und Ideen, mehr oder minder als solche bewusst, gedankliche Verknüpfungen oder Zukunftsvorstellungen leiten und begleiten fast alles, was wir tun. Sie bestimmen unser in­neres Leben ebenso wie unser nach außen tretendes Verhalten.

 

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Christliche Mystik – Kontemplation als spiritueller Erfahrungsweg

Christliche Mystik – Kontemplation als spiritueller Erfahrungsweg

von Helmut Dörmann

 

Christliche Mystik wird von vielen spirituell interessierten Menschen als befremdlich empfunden. Ganz einfach deshalb, weil schnell eine Verbindung zur Kirche und ihren bekannten traditionellen Strukturen hergestellt wird. Manche reduzieren Christliche Mystik auf eine magische oder mythische Ebene. Um hier für etwas Klarheit zu sorgen, möchte ich zur Auf-Klärung einige Aspekte benennen.

Worauf bezieht sich die christliche Mystik?

Natürlich auf die Bibel und die Aussagen von Christus. Diese müssen nun neu – im integralen Sinne – gedeutet werden.

Christliche Mystik bezieht sich im Wesentlichen auf Mystiker und Mystikerinnen wie Meister Eckhart, Johannes Tauler (deutscher Mystiker) oder Theresa von Avila, Johannes vom Kreuz (spanische Mystiker), um nur einige zu nennen.

 

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Kultur der Achtsamkeit

Eine größere Bewusstseinsdichte – Plädoyer für eine Kultur der Achtsamkeit

von Gerd Metz

In seiner Weihnachtsansprache 2009 rief Bundespräsident Horst Köhler a.D. zu einer „Kultur der Achtsamkeit“ auf und dazu, „bewusster zu leben“. Bemerkenswert!

 

Eine wachsende Durchdringung der individuellen und kollektiven Lebensvollzüge mit Bewusstheit und Geist ist unübersehbar der Schlüsselfaktor dafür, ob es uns als menschlichen Kollektiven noch gelingen kann, zerstörerische Entwicklungen zu transzendieren als auch unser persönliches Leben erfüllend zu leben.

Bewusst das Bewusstsein und dessen Inhalte wahrnehmen

Was meint Achtsamkeit ? Sie hat zu tun mit be-achten. Nach innen gerichtet bedeutet sie, mir im gegenwärtigen Moment bewusst zu sein, dass ich gerade bewusst bin, und darüber hinaus, wessen ich mir bewusst bin. Das Erstere ist das von Moment-zu-Moment-Gewahrsein der Bewusstheit selbst, unabhängig von ihren Inhalten (Bewusstsein als „etwas“). „Wessen“ weist auf das Beachten und Gewahrsein meiner fließend sich verändernden Bewusstseinsinhalte (Gedanken, Gefühle, Absichten) – während sie gerade jetzt geschehen und ohne damit vollständig identifiziert zu sein. Also ein Bewusstsein von etwas.

 

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Ken Wilber zu Eckhart Tolle

Ken Wilber zu Eckhart Tolle

übersetzt und eingeleitet von Michael Habecker (die Zwischenüberschriften sind im Originaltranskript nicht enthalten)

Ken Wilber gilt als einer der führenden integralen Philosophen, der mit Büchern wie Integrale Spiritualität dieses Modell auch konkret auf Themen wie Spiritualität anwendet. Eckhart Tolle gilt als einer der großen zeitgenössischen Mystiker und einer der weltweit populärsten „spirituellen“ Menschen.

Eine spannende Frage ist: Wie denken diese beiden übereinander? Von Tolle kenne ich keine Aussage zu Wilber, doch von Wilber gibt es Aussagen zu Tolle im Rahmen eines Interviews, das Bill Harris vor einigen Jahren mit Ken Wilber geführt hat.

http://talentdevelop.com/articles/BHIKW.html

Das Interview

Nach einer kurzen Einleitung von Bill Harris wird Ken gebeten, von sich und seiner Arbeit zu erzählen. Dann wendet sich das Gespräch Eckhart Tolle zu.

Würdigung und Ergänzungen

Ken Wilber: Bei der Betrachtung von Eckhart sehen wir meistens zuerst all das Positive, was er gemacht hat. Dafür gibt es viel Platz auf der integralen, holistischen, kulturübergreifenden Landkarte. Hier applaudieren wir und freuen uns sehr, dass Oprah [Winfrey, eine bekannte amerikanische Talkmasterin, A. d. Ü.] diesem Teil der Bewusstheit so viel Zeit und Aufmerksamkeit widmet. Es geht dabei um den Aspekt des Bewusstseins, der transzendent und zeitlos ist und sich auf die reine Gegenwärtigkeit konzentriert, das reine Jetzt, von dem alle MystikerInnen sagen, dass dies die Pforte zur Befreiung ist. Es ist fantastisch, dass darauf aufmerksam gemacht wird, und darüber werden wir sprechen, denke ich. Doch wir werden auch über ein paar zusätzliche Dinge sprechen, die diesen Prozess noch effektiver machen können, und die andere Aspekte des Menschseins und des menschlichen Potenzials berühren, die Eckhart nicht erwähnt, die jedoch die Techniken des Menschen, im JETZT zu sein, noch effektiver machen würden.

 

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Integrale Achtsamkeit

Integrale Achtsamkeit

von Michael Habecker


Achtsamkeit (oder Mindfulness) hat in vielen spirituellen und kontemplativen Traditionen einen hohen Stellen- und Praxiswert.

In der buddhistischen Tradition, aber nicht nur dort, wird mit Achtsamkeit „diejenige geistige Einstellung und Fähigkeit gemeint, bei der ein breites und gleichmütig-akzeptierendes Achtgeben auf alle Phänomene gepflegt wird, die – wie gewöhnlich gesagt wird – ‚im Geist‘, ‚in der Wahrnehmung‘ oder ‚im Bewusstsein‘ auftauchen.[1]


Doch was genau bedeutet Achtsamkeit, worauf ist sie gerichtet, und was kann man mit ihr erkennen bzw. vertiefen – und was nicht? Die integrale Landkarte mit ihren vier Quadranten gibt uns vier Grundperspektiven als Hauptorientierungen und Achtsamkeitsbereiche.

 

Bereich 1 – subjektiv-innerlich (der obere linke Quadrant)

Dieser Bereich lädt zur Achtsamkeit gegenüber der eigenen Innerlichkeit ein, und er ist das klassische Betätigungsfeld von Meditation. Ich kann meine Wahrnehmung nach innen richten und aufmerksam sein für das, was ich dort wahrnehme. Ich kann im Kontakt mit anderen Menschen und Wesen und mit der Außenwelt gleichzeitig meine Innenwahrnehmung halten und mich ihr achtsam widmen. Achtsamkeit bedeutet hierbei ein Im-Kontakt-Sein mit mir selbst und meinem Wahrnehmungsstrom. Was ich dabei nicht sehe, und darauf hat Ken Wilber hingewiesen, sind die Hintergrundstrukturen meines Bewusstseins und die Mechanismen meiner eigenen Psychodynamiken.[2] Um diese zu erkennen, reicht eine allein phänomenologische Achtsamkeit nicht aus. Bewusstseins- und Charakterstrukturen (wie z. B. introvertiert, extrovertiert, traditionell, modern, postmodern usw.) erhellen sich mir erst im Austausch und Vergleich mit anderen Menschen und über eine Reflektion meiner eigenen Denkweise und Weltsichten. Da diese Strukturen sich im Laufe meines Lebens entwickelt haben, ist das – achtsame – Studium entwicklungspsychologischer Modelle ein Weg der Bewusstwerdung in diesem Bereich. Ähnliches gilt für die Psychodynamiken wie z. B. die Dynamik von Verdrängung/ Projektion oder Verdrängung/Symptomatisierung, die auch erst durch das Verstehen und Entschlüsseln der Dynamiken des eigenen Bewusstseins in den Bereich der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit gelangen.

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Was ist Meditation???? - Einführung ins Thema

Was ist Meditation???? - Einführung ins Thema

von Michael Habecker

 

Auf die Frage „Was ist Meditation?“ gibt es sowohl zahllose individuelle persönliche Meinungen wie auch unterschiedliche kollektive Bezüge, je nach Kultur und Bezugssystem, der/ dem man angehört. Dabei reicht, zumindest in unserer westlichen Kultur, das Assoziationsfeld beim Begriff „Meditation“ von „esoterischer Spinnerei“ bis zu „höchster Praxis der Vervollkommnung“.

Erkundung der Innenwelt

Was bei Diskussionen über Meditation oft in den Hintergrund gerät, ist die eigentliche und unmittelbare Bedeutung. Wenn wir geboren werden, ist das erste, womit wir uns beschäftigen, das Verstehen und Handhaben der äußeren Dinge um uns herum, von der Rassel über die Bauklötze bis zu den Personen, die uns begegnen. Wir erobern uns als erstes die äußere Welt, zuerst mit bloßen Fingern und später mit anspruchsvolleren Geräten wie Radioteleskopen und Teilchenbeschleunigern. Doch schon bald auf unserem Lebensweg stellt sich eine Frage, deren Beantwortung mindestens ebenso so spannend ist wie die nach der Natur der Dinge um uns herum: „Gibt es eine Innenwelt, und wenn ja, wie sieht die aus?“ Irgendwann im Laufe der Menschheitsgeschichte, vor sehr langer Zeit, muss ein Mensch sich erstmals seiner eigenen Innerlichkeit bewusst geworden sein, und irgendwann in Ihrer und meiner Biografie müssen wir uns auch erstmals bewusst geworden sein, dass wir uns nicht nur einer Außenwelt gegenübersehen, sondern auch mit einer Innenwelt beseelt sind.

 

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Spirituelle Irrtümer

Spirituelle Irrtümer

von Katharina Ceming

Mehr Spiritualität rettet die Welt! Diese Vorstellung ist vermutlich der verhängnisvollste Irrtum der modernen Spiritualitätsszene. Er gründet in der Überzeugung, Spiritualität sei so etwas wie ein Torpedoantrieb, der den Menschen in seinem gesamten Menschsein transformiere und ihn aus den Niederungen des Daseins in die Vollkommenheit der Wirklichkeit befördere – eine Ansicht, die in ähnlicher Weise auch in den traditionellen spirituellen Systemen gelehrt wurde und wird. Doch wenn wir uns in der spirituellen Welt umsehen, so begegnen uns dort immer wieder Zeitgenossen, die zwar mit viel Energie und Engagement an der Perfektionierung ihrer spirituellen Seinsweise arbeiten und es darin tatsächlich auch zu Meisterschaft gebracht haben, die aber in anderen Bereichen des Lebens weitaus weniger Entwicklungshöhe erkennen lassen. So können Personen, die sich nur um ihr spirituelles Wachstum kümmern, mitunter sogar unangenehme und überhebliche Zeitgenossen sein, teilweise mit einem äußerst geringen Sensorium für die Bedürfnisse anderer.

Spiritualität – eine Frage der Bewusstseinsebene

Wieso verändert die Spiritualität einen Menschen nun nicht automatisch hinsichtlich seiner ethischen Prinzipien, seinen Haltungen zur Um- und Mitwelt oder im Hinblick auf weitere Lebensbereiche? Dies hängt mit zwei Faktoren zusammen. Der erste gründet darin, dass die spirituelle Erfahrung der Wirklichkeit, wie tief sie auch sein mag, immer von der den Menschen prägenden Bewusstseinsebene, die ihn wesenhaft bestimmt, mitgeprägt ist. Der zweite darin, dass die spirituelle Entwicklung nur eine Entwicklungslinie unter vielen umfasst. Dazu gleich mehr.

Meditation ist kein Ersatz für Schattenarbeit, denn sie löst die dunklen Seiten der Ichentwicklung nicht auf.

 

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Die Phänomenologie deines ursprünglichen Antlitzes

Die Phänomenologie deines ursprünglichen Antlitzes

Von Ken Wilber, eingeleitet von Michael Habecker

Eines der Anliegen dieser Ausgabe der integralen perspektiven besteht darin, die Ich-Sprache zu rehabilitieren, die im Verlaufe einer materialistisch ausgerichteten und nur auf die Außenseite des Lebens konzentrierten Betrachtungsweise gegenüber der Es-Sprache in eine Position der Unterlegenheit geraten ist. Es-Sprache hat etwas von Objektivität und Wissenschaftlichkeit, von Ernsthaftigkeit und Seriosität, wohingegen Ich-Berichte (aus einem subjektiven Erfahrungsraum) oder Wir-Erzählungen (aus einem intersubjektiven Erfahrungsraum) immer noch als „bloß subjektiv“, „reine Fantasie“ oder „unwissenschaftlich“ gelten. Sie finden häufig wenig Anerkennung in einem überobjektivierten Diskurs. Dies hat dazu geführt, dass Innerlichkeit gegenüber Äußerlichkeit abgewertet wird, verbunden mit einer gleichzeitigen Abwertung der Geisteswissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften. Das Ergebnis ist Geist-losigkeit im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Geistlosigkeit verhindert es bis heute, dass der Erkenntnisschatz der kontemplativen und spirituellen Traditionen den Rang erhält, der ihm gebührt, sowohl als große Literatur wie auch als ernsthafte und nachprüfbare geisteswissenschaftliche und phänomenologische Untersuchungen über die Tiefen und Höhen des menschlichen Bewusstseins.

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Meditation für Businessleute

Meditation für Businessleute

 

von Rolf Lutterbeck

Ich sitze in einem leicht verdunkeltem Raum, die Luft ist erfüllt vom Duft von Räucherstäbchen. Zehn Personen sitzen im Kreis mit gekreuzten Beinen auf Kissen auf dem Boden und haben die Augen geschlossen. Die meisten tragen bequeme Jogginghosen und haben sich in eine Decke gehüllt. In der Mitte des Kreises steht ein Blumenstrauß. An der Wand eine Art Altar mit Kerzen... – Das absolute Horror-Szenario für viele Business-Leute, die aus einem eher konventionellen Kontext kommen...

 

Ich meditiere inzwischen seit mehr als 20 Jahren. Täglich. Meist morgens nach dem Aufstehen und abends vor dem Abendessen, jeweils mindestens 20 Minuten. Als ich 1990 mit Vera, meiner Frau, nach Bad Homburg gezogen bin, suchten wir einen neuen Arzt, der offen war für Naturheilverfahren, und entschieden uns für einen praktischen Arzt, der auch Homöopathie und Ayurveda anbot. Dieser empfahl mir, zur Stressreduzierung regelmäßig zu meditieren, genauer gesagt, TM (Transzendentale Meditation) zu praktizieren. Das wäre für mich als „Denkarbeiter“ (ich war damals Leiter der Software-Entwicklung) besser und leichter als andere Methoden wie etwa Autogenes Training. Anhand von Ergebnissen aus Studien über die TM[1] zeigte er mir, dass Langzeit-Meditierende deutlich gesünder sind als Nicht-Meditierende. Auch auf die indisch-traditionelle Form der halbstündigen Meditationseinführung mit Räucherstäbchen, Blumenzeremonie und Sanskrit-Gesang wies er mich umsichtig hin – sonst wäre ich wohl beim Betreten des Raums beim Anblick des Altars „schreiend“ wieder rausgelaufen.

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Religion Reloaded - Die Integrale Postmetaphysik von Ken Wilber

Religion Reloaded - Die Integrale Postmetaphysik von Ken Wilber

 

Dennis Wittrock

„Was ist das Problem von Religion und Spiritualität in einer post/ modernen Welt?“

 

Das ist wohl die Leitfrage, die Ken Wilber in seinen jüngeren Werken der Phase 5 beschäftigt hat, so z.B. in den vorab veröffentlichten Exzerpten aus dem zweiten Teil der Kosmos-Trilogie (Arbeitstitel: „Cosmic Carma and Creativity“) und dem Buch „Integrale Spiritualität“. Die Antwort, die er gibt, ist komplex und vielschichtig.

Eine zentrale Schwierigkeit ist, dass eine mögliche Ausdrucksform in der Linie der spirituellen Intelligenz, nämlich der Ausdruck dieser Linie auf dem mythischen Entwicklungsniveau, im Mainstream gemeinhin als repräsentativ für Religion und Spiritualität im Ganzen interpretiert wird. Das nennt Wilber auch „Ebenen-Linien-Verwechslung“, weil hier eine Ebene mit einer gesamten Linie (die immer mehrere Ebenen hat) in einen Topf geworfen wird. Wie ist es soweit gekommen?

Wilber zufolge haben die Traditionen im Kontext der Post/Moderne im Wesentlichen ein massives PR-Problem. Sie sind intellektuell nicht mehr auf dem Stand der Zeit.

 

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Papier des IF zur Diskussion über spirituelle Lehrer

Papier des IF zur Diskussion über spirituelle Lehrer

Integrität, spirituelle Lehrer, und die Schule einer integralen Spiritualität

Natürlich kann jede und jeder sich selbst Lehrerin oder Lehrer nennen. Es ist daher angeraten sich zuerst so umfassend wie möglich über einen Lehrer zu informieren, bevor man ihm oder ihr seine Praxis oder sogar das eigene Leben anvertraut. Gute Lehrer haben viel praktiziert in ihrem Leben, und manche von ihnen haben eine Lehrerlaubnis von ihrem eigenen Lehrer erhalten. Sie tun, was sie sagen, und leben in Übereinstimmung mit ihrer Botschaft. Sie behandeln alle Menschen, einschließlich ihrer Schüler, mit Freundlichkeit und Respekt. Es geht ihnen dabei vor allem um das Erwachen, und nicht so sehr um Egofallen wie Ruhm und Macht. Gute Lehrer geben offen Fehler zu, und tun nicht so, als seien sie vollkommen. Dies mag auf unreife Suchende, die einen vollkommenen Lehrer suchen, wenig einladend wirken, doch es gibt keine vollkommenen Lehrer, sondern lediglich Menschen die lehren.

Roger Walsh

 

Ausgelöst durch die Diskussionen um (angeblichen oder tatsächlichen) Missbrauch von spirituellen Lehrern gegenüber ihren Schülern, von denen auch Lehrer betroffen sind, mit denen das Integrale Forum in Kontakt und Austausch steht, hat der Vorstand des IF ein Positionspapier erstellt und Stellung bezogen. Dieses Papier formuliert sowohl eine ethische Basis für uns selbst und unsere Arbeit als auch explizite Kriterien für spirituelle LehrerInnen und Menschen in Führungs- und Verantwortungspositionen allgemein.Parallel dazu, und im Dialog mit spirituellen  Lehrern, ist die Idee einer "Schule integraler Spiritualität" (SIS) entstanden, als ein Forum und Raum für eine Begegnung von Wissenschaft (Natur- und Geisteswissenschaft) und Spiritualität. Wir erwarten uns davon einen fruchtbaren beiderseitigen Austausch, der zum einen das Thema "Spiritualität" auf eine solide wissenschaftlich akademische Basis stellt und gründet, als auch wie (Wieder)entdeckung des spirituellen "Erbes der Prämoderne" (Ken Wilber) als einem univerzichtbaren kulturellen Erbes der Menschheit.  

Lesen Sie hier die Stellungnahmen der Lehrer

Ken Wilber über den Unterschied zwischen Religion, New Age und der letztendlichen Wirklichkeit

Ken Wilber über den Unterschied zwischen Religion, New Age und der letztendlichen Wirklichkeit

Ken Wilber

(Aus einem Interview, das Steve Paulson mit Ken Wilber geführt hat, veröffentlicht auf www.salon.com

Titel: You are the river: An interview with Ken Wilber The integral philosopher explains the difference between religion, New Age fads and the ultimate reality that traditional science can't touch.

Paulsen stellt Wilber mit den folgenden Worten vor:

Ken Wilber, dessen Namen sie wahrscheinlich noch nie gehört haben, ist der vielleicht bedeutendste Philosoph unserer Zeit. Er hat Dutzende Bücher geschrieben, findet jedoch in den Mainstream-Medien kaum Erwähnung. Dennoch wird Wilber in bestimmten Kreisen leidenschaftlich gelesen und diskutiert, und ist dort fast schon ein Kult. Er hat auch prominente Fans wie Bill Clinton und Al Gore, die seine Bücher empfehlen. Deepak Chopra bezeichnet ihn als einen der „bedeutendsten Bewusstseinspioniere“. Die Wachowski Brüder haben ihn gebeten, zusammen mit Cornel West einen Kommentar für die DVD Ausgabe der Matrix Filme zu sprechen. Als ein bemerkenswerter Autodidakt erstrecken sich seine Werke über alle Wissensbereiche, von Quantenphysik über Entwicklungspsychologie bis zur Religionsgeschichte. Er hat sich in die Welt der esoterischen Traditionen vertieft, wie dem Mahayana Buddhismus, dem Vedischen Hinduismus, dem Sufismus und der christlichen Mystik. Wilber praktiziert auch, was er lehrt, und meditiert intensiv. Seine „integrale Philosophie“, zusammen mit dem Integralen Institut, das er gegründet hat, geben das Versprechen, dass wir mystische Erfahrungen verstehen können, ohne uns dabei im New Age zu verlieren. Auch wenn er oft als ein New Age Denker beschrieben wird, lacht er über die Vorstellung, dass unser Geist [mind] die physikalische Wirklichkeit formt und er kritisiert New Age Bücher und Filme wie Das Tao der Physik und What the Bleep Do We Know. Gleichzeitig betont er, dass „trans-rationale“ Bewusstseinszustände real sind, und Materialisten, die dies bezweifeln, bezeichnet er als „Flachländer“. 

Wilbers Hierarchie spiritueller Entwicklung und nicht-so-subtile Hinweise darauf, dass er selbst eine fortgeschrittene Erleuchtungsstufe erreicht hat, hat Gegenreaktionen hervorgerufen. Einige Kritiker halten ihn für einen arroganten Besserwisser, der schlauer ist, als ihm gut tut. Sein komprimierter Schreibstil, angereichert mit Abbildungen und Diagrammen, erscheint manchen blutleer und überrational.

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Tonglen - Eine Goldmine des Leidens

Tonglen - Eine Goldmine des Leidens

Diane & Ken

(aus: ISC, A Goldmine of Suffering, Diane Hamilton und and Ken Wilber on the practice of Tonglen)

 

 

Vorwort der ISC Redaktion

Siehe dieses Herz, das so sehr die Menschheit liebte ...

      aus einer Jesus-Vision von Marguerite Marie Alacoque, 1673

Eine der am wirkungsvollsten meditativen Praktiken ist vielleicht die buddhistische Praxis des Tonglen. Als am Ende seines Lebens der bekannte tibetische Buddhist und “crazy wisdom” Lehrer Chogyam Trungpa Rinpoche gefragt wurde, welche Art von Meditation er praktiziere, soll er darauf geantwortet haben “Tonglen, baby!” In diesem Dialog sprechen die ISC Lehrer Ken Wilber and Diane Hamilton mit dem I-I Mitglied Richard Munn über die Praxis des Tonglen.

Es wird gesagt, dass das gesamte spirituelle Leben ein Einatmen und ein Ausatmen ist. In der Tonglen Praxis atmet man das Leiden empfindender Wesen ein, und atmet Mitgefühl aus. Das Ich und der oder die Andere werden ausgetauscht, und der Subjekt-Objekt Dualismus, den viele andere Techniken implizit verstärken, wird überbrückt. Beim Tonglen fallen diese Begrenzungen, was zu einer außerordentlichen Tiefe führt. Das fast grenzenlose Leiden aller empfindenden Wesen wird in das unbegrenzte Herz aufgenommen, und aus einem tiefen Brunnen ergießt sich Mitgefühl im Überfluss. 

Aus einer rationalen Perspektive wird diese Praxis mit Stirnrunzeln begleitet und als unwirksam betrachtet – oder vielleicht sogar als schädlich – doch es gibt sehr viel Evidenz dafür, dass dabei etwas ganz Konkretes und Erklärbares vor sich geht. Alfred North Whitehead warnte vor dem “einfachen Ort”, der Vorstellung, dass [alle] Phänomene sich in Zeit und Raum lokalisieren ließen. Praktiken wie Tonglen und die Hingabe an das Heilige Herz Jesu (bei der man visualisiert, wie das Herz Jesu Mitgefühl verströmt zu einem selbst und an die ganze Welt) gehen seit Langem davon aus, dass Wirklichkeiten des subtilen Bereiches sich im grobstofflichen Bereich manifestieren können. Mit den Begriffen des Integralen gesagt: die Praxis eines Menschen kann die Bildung kosmischer Gewohnheiten unterstützen, von denen ungezählte andere Menschen in der Nachfolge profitieren.

Die Erfahrung eigenen Leidens kann eine hervorragende Gelegenheit sein, um Tonglen zu praktizieren. 

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Ken Wilber: Tod, Wiedergeburt und Meditation

Ken Wilber: Tod, Wiedergeburt und Meditation

Michael Habecker

In einem 1990 veröffentlichten Beitrag[1] schreibt Wilber zum Thema Reinkarnation eine längere Abhandlung. Bereits in seinem Buch Das Atman Projekt hatte er zehn Jahre vorher unter der Kapitelüberschrift „Involution“ bezugnehmend auf das Totenbuch der Tibeter den Bardo-Prozesses durch die Ebenen[2] Tschikhai (was dem Kausalen entspricht), Tschönyi (was dem Feinstofflichen entspricht), und Sidpa (was dem Mentalen entspricht) beschrieben. Diesen Abstiegsweg nach dem physischen Tod – vom Kausalen über das Feinstoffliche und Mentale bis hin zur physischen Wiedergeburt – beschreibt das Tibetische Totenbuch. 

Der Beitrag Tod, Wiedergeburt und Meditation soll nachfolgend vorgestellt werden[3]

Dabei ist es wichtig festzustellen, dass Wilber, wenn er von „Ebenen“ wie „subtil“ und „kausal“ spricht, sich auf – wie er es heute nennt – Zustandsbereiche bezieht, und nicht auf Entwicklungsebenen. Diese Differenzierung (zwischen Zustandsstufen der Entwicklung, die beim Sterbe- und Wiedergeburtsvorgang durchlaufen werden, und Strukturstufen und -Linien, zu denen sich im Laufe eines Lebens ein Mensch entwickelt) macht Wilber explizit erst seit der Phase V seines Werkes.  

Wilber beginnt mit der Feststellung: 

Irgendeine Art von Reinkarnationslehre findet man in praktisch jeder der mystischen religiösen Traditionen der Welt. Sogar das Christentum akzeptierte sie bis etwa zum 4. Jahrhundert. Danach wurde Reinkarnation vorwiegend aus politischen Gründen mit dem Kirchenbann belegt. Viele christliche Mystiker heute hingegen akzeptieren die Idee. 

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Ken Wilber: Reinkarnation

Ken Wilber: Reinkarnation

Quelle: Himalayan Academy Publications, Kapaa, Kauai, Hawaii.

Michael Habecker

Nach den eher phänomenologischen Beschreibungen im einem Beitrag mit dem Titel Tod, Wiedergeburt und Meditation von Ken Wilber geht es im folgenden Beitrag um einen Weg, ein theoretisches Modell zu skizzieren, welches Möglichkeiten zur Erklärung von Reinkarnation bietet. Dies tut Ken Wilber im 2004 erschienenen „Auszug G“ aus dem zweiten Band seiner Kosmos Trilogie[1]. Wilber geht es dabei um eine Theorie der „subtilen Energien“, welche eine Voraussetzung für die Existenz von etwas wie einer Seele wäre, die dann auch „wandern“ könnte. Dabei geht er von der unstreitigen Tatsache der Existenz grobstofflicher Materie und der dazu gehörigen (grobstofflichen) Energie aus (Gravitation, Elektromagnetismus). Diese Materie jedoch bleibt nicht, wie sie ist, sondern verfeinert oder komplexifiziert sich im Verlauf der Entwicklung und Evolution (was Wilber für den individuellen Menschen im Modell der vier Quadranten im oberen rechten Quadranten abbildet). Materie ist jedoch immer auch Energie, und daher folgt dieser Verfeinerung der Materie im Laufe der Entwicklung, so die Hypothese, auch eine Verfeinerung der zu dieser Materie gehörigen Energie. (Zu den Einzelheiten siehe Exzerpt G).

Wilber formuliert diesen Gedankengang in 3 Hypothesen:

Hypothese Nr. 1: Fortschreitende Evolution bringt zunehmende Komplexität grobstofflicher Formen.

Hypothese Nr. 2: Eine zunehmende Komplexität der Form (im oberen rechten Quadranten) geht einher mit einer zunehmenden innerlichen Bewusstheit (im oberen linken Quadranten).

Hypothese Nr. 3. Weiterhin – und das ist die verbindende Hypothese – geht eine zunehmende Komplexität der grobstofflichen Form einher mit einer zunehmenden Verfeinerung von Energien.

Darauf aufbauend entwickelt Wilber einige Gedanken zur Reinkarnation. 

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Mystik und Glauben, der Zustandsweg und der Strukturweg des Erwachens und das Wilber-Combs Raster

Mystik und Glauben, der Zustandsweg und der Strukturweg des Erwachens und das Wilber-Combs Raster

Einleitung von Michael Habecker

Seit der Differenzierung zwischen einem Zustandsweg des Erwachens, wie ihn die kontemplativ-mystischen Traditionen und Religionen beschreiben, und einem Struktur(entwicklungs)weg des Glaubens, wie ihn die westliche (Entwicklungs-) Psychologie beschreibt, ist es möglich, Mystik und Psychologie zu vereinigen und ein deutlicheres Bild von dem zu erhalten, was religiös-spirituelle Erfahrungen ausmachen. Eine derartige Unterscheidung hat Wilber in seinem Werk schon in frühen Büchern wie in Der glaubende Mensch vorgenommen, und dann immer weiter entwickelt, bis hin zu einer „Wilber-Combs Matrix“, in der diese Unterscheidung explizit sichtbar wird.

In einer Einführung zu einem Audiodialog The Sacred Heart of Christianity“ zwischen Ken Wilber und Roland Stanich, geschrieben von Corey de Vos[1], wird dieser Differenzierungsmeilenstein anhand zweier Pioniere erläutert: James Fowler für den Entwicklungsstrukturweg des Glaubens und Evelyn Underhill für den mystischen Zustandsweg.

Vollständig menschlich: James Fowlers Stufen des Glaubens

 

Abb. Dr. James Fowler

Dr. James Fowler III ist Professor für Theologie und menschliche Entwicklung an der Emory Universität. Bis zu seiner Pensionierung 2005 war er Direktor des Center for Research on Faith and Moral Development und des Center for Ethics bis. Er ist Pfarrer der United Methodist Church und wurde bekannt durch sein Buch Stufen des Glaubens, das er 1981 veröffentlichte. In diesem Buch untersucht er die Entwicklung des menschlichen Glaubens.

„Glauben kann man charakterisieren als einen integralen, zentrierenden Vorgang, der unseren Vorstellungen, Werten und Bedeutungen zugrunde liegt, und der (1) dem menschlichen Leben Kohärenz und Richtung gibt, (2) Menschen in Loyalität und Vertrauen miteinander verbindet, (3) persönliche Standpunkte und gemeinschaftliche Überzeugungen in einem größeren Bezugsrahmen gründet und (4) es Menschen ermöglicht, den Begrenzungen eines menschlichen Lebens zu begegnen, bei einer Bezugnahme zum Absoluten ... Die Entwicklungsstufen haben das Ziel, die Muster des Wissens und Wertens zu beschreiben, die unserem Bewusstseins zugrunde liegen.“ 

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Vier Wege, vier Ziele

Vier Wege, vier Ziele

Symbole der Weltreligionen (Quelle: Wikipedia)

["Four Paths, Four Destinations", eine redaktionelle Einleitung zu einem Audio, in dem Ken Wilber über die Einheit der Weltreligionen spricht]

Von einer grünen Entwicklungsstufe aus betrachtet ist die Vorstellung einer einheitlichen Transzendenz der Weltreligionen absolut überzeugend. Es ist ein „happy end“ – ein glückliches Ende einer über lange Strecken auch tragischen Geschichte. Bedenkt man all die Gewalt, welche im Namen Gottes verübt wurde, ist es eine tröstliche Vorstellung, wenn man annimmt, dass die heiligen Schriften letztendlich das gleiche aussagen.

Doch das ist nicht der Fall. Nimmt man die Schriften wortwörtlich (was auf der Bernstein Entwicklungsstufe oft geschieht), dann gibt es widersprüchliche Aussagen ohne Ende – und oft widersprechen die Schriften sich auch in sich selbst! Kriege wurden zwischen den christlichen Konfessionen ausgetragen, bezogen auf eine Welt und ein (Nicäisches) Glaubensbekenntnis. Aus einer differenzierteren Position heraus unterscheiden wir die äußerlichen, exoterischen von den innerlichen, esoterischen Aspekten, doch auch bei den esoterischen Aspekten ist Übereinstimmung eher selten.

In diesem Audiogespräch betont Wilber, dass es so etwas wie eine transzendente Einheit der Weltreligionen nicht gibt. Es gibt keinen Fixpunkt, wo sich alle treffen. Man könnte eher von vier unterschiedlichen Fixpunkten sprechen. Die religiösen Praktiken der Weltreligionen gestalten sich entsprechend der großen Reise, die jeder von uns innerhalb jeder 24 Stunden unternimmt: von einem grobstofflichen Wachzustand zu einem subtilen Traumzustand zu einem kausalen traumlosen Tiefschlaf (mit der Hinzufügung eines vierten, nicht-dualen Zustandes, der alle Zustände vereinigt). Im Buch The Paradox of Instruction spricht Adi Da vom Pfad der Yogis (grobstofflich), vom Pfad der Heiligen (subtil), vom Pfad der Weisen (kausal), and vom Pfad der siddhas (nichtdual). Daniel P. Brown kommt im Buch Psychologie der Befreiung zu den genau gleichen Tiefenstrukturen, unter Betrachtung der vielen unterschiedlichen mystischen Traditionen. Daraus resultieren vier allgemeine mystische Wege und vier unterschiedliche mystische Bestimmungen. Der erste Weg und die erste Bestimmung führen zu einer Einheit mit allen grobstofflichen Phänomenen, der zweite zu einer Einheit mit allen subtilen Phänomenen, der dritte zu einer Einheit mit allen kausalen Phänomenen und der vierte zu einer Einheit von Leere und allem, was darin erscheint.

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Integration buddhistischer Praxis in den Arbeitsalltag

Integration buddhistischer Praxis in den Arbeitsalltag

Wie integrieren Berufstätige buddhistische Praxis in den Arbeitsalltag?

Eine explorative Interviewstudie mit Personen in Führungsverantwortung und ohne Führungsverantwortung.

Diplomarbeit von Joachim Wetzky & Danica Wetzky, Freie Universität Berlin

Problemdarstellung und Untersuchungsziele

Der Wandel der sich momentan in der Arbeitswelt vollzieht ist gewaltig und vielschichtig. Schlagwörter wie Massenarbeitslosigkeit, demographischer Wandel, Mini-Jobs, Manager-Boni und Hartz IV verdeutlichen die Brisanz des Themas. Immer mehr Menschen fällt es zunehmend schwerer, in dieser veränderten Arbeitswelt zurechtzukommen. Und auch viele Führungskräfte, die vermehrt nur noch in Zusammenhang mit Personalabbau und Restrukturierungsmaßnahmen erwähnt werden, erleben eine neue Unsicherheit.

Das Potsdamer Manifest, eine von Hans-Peter Dürr, J. Daniel Dahm und Rudolf zur Lippe verfassten Denkschrift, die ein neues Denken fordert, um mit den Krisen der heutigen Zeit fertig zu werden, beschreibt unserer Auffassung nach sehr gelungen, an welchem Punkt wir als Gesellschaft gerade stehen:

„Diese vielfältigen Krisen, mit denen wir heute konfrontiert sind und die uns zu überfordern drohen, sind Ausdruck einer geistigen Krise im Verhältnis von uns Menschen zu unserer lebendigen Welt. Sie sind Symptome tiefer liegenden Ursachen, die wir bisher versäumten zu hinterfragen und aufzudecken. Sie hängen eng mit unserem weltweit favorisierten materialistisch-mechanistischen Weltbild und seiner Vorgeschichte zusammen.“

Mit dieser Diplomarbeit wollen wir dazu beitragen herauszufinden, welche Möglichkeiten bestehen, diese vielfältigen Krisen, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden, zu überwinden. Aus diesem Grund widmen wir uns in dieser Diplomarbeit der Fragestellung wie Berufstätige mit und ohne Führungsverantwortung buddhistische Praxis in den Arbeitsalltag integrieren. Als Basis dient uns dabei der integrale Bezugsrahmen, der uns dabei helfen soll, buddhistische Inhalte in unsere Gesellschaft zu integriere

 

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Die Seele und das einzigartige Selbst – ein Workshopbericht

Die Seele und das einzigartige Selbst – ein Workshopbericht

Michael Habecker und Matthias Ruff

Vom 19.05. bis 22.05.2011 fand in Bad Kissingen auf Einladung der Akademie Heiligenfeld der Kongress „Seelen-Heil-Kunst“ statt und erfreute sich wieder eines großen Publikuminteresses. Wir (die Autoren dieses Beitrages) waren als Workshopreferenten eingeladen und möchten von unseren Erfahrungen berichten.

Es gibt wahrscheinlich nur wenige Institutionen, denen es derzeit gelingt zu dem Thema „Seele“ so viele Menschen zusammenzubringen. Auch wenn der Begriff eine lange, jahrhundertealte Tradition hat und sich in praktisch allen Hauptsprachen der Welt wiederfindet, ist die „Seele“ aus dem allgemeinen öffentlichen und auch akademischen Diskurs weitgehend ausgeschlossen. Ihr haftet etwas Überholtes und Unscharfes an, was zu unserer aufgeklärten, naturwissenschaftlich betonten Zeit nicht zu passen scheint.

Wie kann, so unsere Ausgangsfragestellung, in guter integraler Weise das kostbare vormodernde Erbe, dass sich mit den Begriff Seele verbindet, mit einer enormen Fülle an Erkenntnissen, unserer heutigen postmodernen Zeit ohne allzu viel metaphysischen Ballast zur Verfügung gestellt werden? Anders gefragt: Wie könnte ein integrales Seelenverständnis aussehen?

Die Überschrift unseres Workshops lautete: Nach einer Ankommensübung stimmten wir die etwa 25 TeilnehmerInnen darauf ein, die eigenen, persönlichen Assoziationen zum Begriff „Seele“ zu betrachten. Ein kurzer Austausch in Kleingruppen brachte die Menschen in einen lebhaften Dialog.

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