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23.4.2017 : 15:50 : +0200

Die Rolle des spirituellen Lehrers

von Hanna Hündorf

In meiner Lehrtätigkeit seit 1997 treffe ich oft auf Menschen, die sehr verunsichert sind, was die Rolle des Lehrers oder Gurus betrifft. Dies liegt einerseits daran, dass die vielen verschiedenen Ebenen der traditionellen Lehrer-Schüler Beziehung uns westlichen Schülern nicht ausreichend bekannt sind und deshalb nicht klar unterschieden werden. Außerdem sind die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Menschen in der heutigen Zeit komplexer geworden, so dass wir für ein umfassendes, integrales Wachstum zusätzlich zum spirituellen Lehrer verschiedene Berater, Therapeu­ten und Coaches heranziehen müssen.

Nun ist es im integralen Kontext wich­tig, die traditionellen Rollen sorgfältig zu untersuchen: Welche davon müssen zurückgelassen (transzendiert), welche bewahrt (eingeschlossen oder inkludiert) werden? Nur wenn dieser Schritt für die blaue/bernsteinfarbene Ebene (in der die meisten religiösen Traditionen kulturell verankert sind) gründlich vollzogen ist, können wir meiner Ansicht nach sehen, wie die gesunde Weiterentwicklung für die orange Ebene und darüber hinaus auszusehen hat. Hierfür möchte ich auf das hervorragende Buch von Alexander Berzin „Zwischen Freiheit und Unterwer­fung. Chancen und Gefahren spiritueller Lehrer-Schüler-Beziehungen“ hinweisen, das es auch bei www.berzinarchives.com als kostenloses e-Book gibt.

Wozu braucht man einen spirituellen Lehrer?

Die vertikale Entwicklung der spirituel­len Linie wird durch Zustandserfahrun­gen beschleunigt, welche durch regel­mäßige Meditation stabilisiert werden. Die Methoden oder Injunktionen für die Meditationspraxis und begleitende Verhaltensrichtlinien für die Zeiten zwi­schen den eigentlichen Sitzungen wer­den in Übertragungslinien verwirklich­ter Meister weitergegeben. Dies betrifft sowohl die Worte als auch die lebendige Erfahrung, deshalb reicht es auch nicht, aus Büchern zu lernen. Jede Generati­on von Lehrern gibt das Wissen und die Erfahrung in ihren eigenen Worten und mit ihrer ganzen Energie, Körpersprache und ihrem Vorbild weiter, auf eine Weise, die für die Zeit und die jeweiligen Schü­ler angemessen ist.

Man sollte am Anfang nicht versuchen, bedingungsloses Vertrauen darzubringen,– dies kann sich nur langsam beiderseits entwickeln.

 

Für den unverfälsch­ten Fortbestand einer Übertragungslinie muss mindestens ein Schüler auch Ver­wirklichung erlangen. In der tibetischen Tradition wird dieser vom Lehrer als Li­nienhalter eingesetzt. Auch ein verwirk­lichter Lehrer verweist immer in Demut und Dankbarkeit auf den eigenen Leh­rer – eine Gewohnheit, die für mich zu den „zu bewahrenden“ Eigenschaften eines Lehrers zählt und die ich bei man­chen selbsternannten Gurus schmerzlich vermisse.

Wie finde ich den richtigen Lehrer oder die richtige Lehrerin?

Das Wichtigste ist hier, dass beide eine gemeinsame Sprache sprechen: Der Schü­ler muss sich in seiner Gesamtheit an­genommen und verstanden fühlen, um sich zu öffnen, und der Lehrer muss die passenden Worte finden, die dem Schü­ler helfen, die eigene Verbindung zum GEIST herzustellen.

Man sollte am Anfang nicht erwarten oder versuchen, bedingungsloses Ver­trauen darzubringen – dies kann sich nur langsam entwickeln, indem die beiden sich kennen lernen, der Schüler die Me­thoden und Vorschläge umsetzt und re­gelmäßig Rücksprache hält. Wenn es hilft und der Schüler sich weiterentwickelt, vertieft sich das Vertrauen. Wenn nicht – ist es entweder nicht der passende Lehrer oder der Schüler hat sich nicht wirklich auf das Experiment eingelassen.

Häufig wird das Glücksgefühl, das sich manchmal einstellt, wenn man ei­nen Lehrer erstmalig trifft, mit Hingabe verwechselt. Es ist aber so vergänglich wie verliebt zu sein. Der Segen eines ver­wirklichten Meisters kann eine starke Zustandserfahrung auslösen, die jedoch durch den Aufbau einer gesunden Leh­rer-Schüler-Beziehung gefestigt werden muss, um eine langfristige positive Wir­kung zu haben.

Wie wandelt sich die Beziehung im Laufe des Weges?

Auf der grundlegenden Ebene des Bud­dhismus (Hinayana) zu Beginn des We­ges ist der Lehrer eine Autoritätsperson, die über dem Schüler steht. Wir nehmen „Zuflucht“ zu diesem Lehrer, indem wir uns demütig öffnen, bereit sind, Neues zu lernen und unsere negativen Gewohn­heitsmuster durch positive zu ersetzen. Die Praxis in dieser Phase beinhaltet die Zähmung des Geistes durch Meditation und die Ausrichtung der Handlungen nach klaren ethischen Richtlinien. Dies entspricht der Entwicklung von der ro­ten Ebene nach Blau/Bernstein. Diese Entwicklung eines „gesunden Blau“ muss häufig nachgeholt werden, wenn der Übergang von Grün nach Gelb/Petrol an­steht. Aber man darf hier nicht stecken bleiben – ein authentischer Lehrer wird in seinen Schülern Selbstverantwortung und Reife fördern und keine Abhängig­keit zulassen. Ein Schüler, der den Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung verspürt, ist möglicherweise nicht un­gehorsam, sondern entwickelt sich wei­ter. Wenn der Lehrer dies nicht begrüßt und unterstützt, könnte es Zeit sein, sich nach einem neuen Lehrer umzusehen.

Auf der nächsten Ebene des Mahaya­na hat bereits ein Reifungsprozess statt­gefunden. Wir haben unseren eigenen Geist und unser Leben in den Griff be­kommen und die ethischen Regeln des Dharma weitgehend verinnerlicht. An diesem Punkt wird die Beziehung zum Lehrer inniger – er oder sie wird zum spirituellen Freund, die Beziehung wird zunehmend auf beiden Seiten von Ver­trauen geprägt, Hingabe wird nicht mehr aus Angst, sondern aus Liebe gespeist. Diese Art der Beziehung erfordert große Ehrlichkeit, Offenheit und Verbindlich­keit von Seiten des Schülers und tiefes Verständnis, stabile spirituelle Verwirkli­chung, Geduld und Mitgefühl von Seiten des Lehrers. Wir gehorchen den Regeln nicht mehr aus Pflicht und Gehorsam, sondern entscheiden uns aus freien Stü­cken, den Weg zur Befreiung zu gehen und konstruktiv zu handeln. Der Weg des Buddhismus wird hier zur „Wissenschaft des Geistes“, es erfolgt eine gesunde Ent­wicklung von Blau nach Orange. Tatsäch­lich ist die Motivation und Sichtweise des Mahayana kosmozentrisch und damit Grün oder höher.

Erst auf der höchsten Stufe im Vajra­yana – mit Einweihungen, Mantra und Visualisierung – kommt das Konzept des Gurus ins Spiel. Hier geht die Be­ziehung noch tiefer: Der Lehrer wird als Buddha gesehen, wodurch die Begegnung mit dem eigenen Buddha-Geist (in der zweiten Person) ermöglicht wird. Diese Selbstaufgabe (surrender) ist unabding­bar für die Ausübung des Vajrayana, bei der man sich selbst als eine erleuchtete Buddha-Gestalt (Yidam) visualisiert und mit sehr kraftvollen Energien arbeitet. Wer diesen Schritt der Selbstaufgabe (also der Des-Identifikation mit dem be­grenzten Ego mit Hilfe der Liebe) nicht zuerst vollzogen hat, kann bei der Aus­übung dieser Methoden leicht in Schwie­rigkeiten geraten oder gar in eine Psycho­se abgleiten.

Erst auf der höchsten Stufe im Vajrayana - kommt das Konzept des Gurus ins Spiel.

Entwicklungsstufe Schüler[1]: rot egozentrisch

Schülerintention

„Ich will Erleuchtung, Macht, und ich will frei von Leiden sein.“

Lehrerhaltung

Gütige und diszipliniernde Autoritätsperson (mög­licherweise Vater- oder Mutterfigur), die Schutz und Stabilität gewährt, Regeln und Ordnung lehrt und Gehorsam fordert.

Schüler-Lehrer- Beziehung

Autoritätsperson/ Bewunderung und Un­terwerfung/Rebellion. Lehrer als „Elternteil“, stark, geduldig, ge­recht und verlässlich.

Chancen

gesunde „Sozialisie­rung“, Regeln und Ordnung als Vorbild für höhere Ordnung, Überwindung der Egozentrik

Risiken

Zu frühe Transzen­denzerfahrung und zu viel Freiheit (ohne Regeln) kann zur Verstärkung von Narzissmus führen.

Entwicklungsstufe Schüler: blau/bernstein soziozentrisch/ traditionell/absolu­tistisch

Schülerintention

„Ich suche Erleuch­tung: Dies bedeutet die absolute und ewige Wahrheit zu finden und eins mit ihr zu werden.“

Lehrerhaltung

Gütige Autorität: Den Schüler in seiner Sozio­zentrik abholen und zur nächsten Entwicklungs­stufe führen. Kritisch-reflektives Denken üben. Transzendenzerfahrungen ermöglichen.

Schüler-Lehrer- Beziehung

Autoritätsperson/ Gehorsam. Lehrer als Führer und Wegweiser aus der Autoritätsgläu­bigkeit hinaus. Lehrer macht sich als unhin­terfragte Autorität überflüssig.

Chancen

Transzendenz, Über­windung von Sozio­zentrik und Absolutis­mus. Entwicklung von Selbstständigkeit und Eigenverantwortung.

Risiken

Steckenbleiben in einem religiös/spi­rituellen Absolutis­mus. Weitergabe „schlechter“ und unreflektierter Traditionen.

Entwicklungsstufe Schüler: orange aufgeklärt/ wissenschaftlich

Schülerintention

„Ich bin ein aufge­klärter Mensch und möchte das Absolute erforschen, in meinem Geist und in der Au­ßenwelt. Erleuchtung ist die Entmystifizie­rung des Absoluten.“

Lehrerhaltung

Den Schüler in die Erfahrung führen, Spiritualität als geistes­wissenschaftliche Praxis und Untersuchung. Große Offenheit, Kritikfähigkeit, Bereitschaft, Regeln zu hinterfragen und den in­dividuellen Bedürfnissen des Schülers anzupassen.

Schüler-Lehrer- Beziehung

Verwirklichter/Neugier und Wissensdurst. Leh­rer als jemand, der aus Erfahrung spricht und in die Erfahrung führt. Humor wird wichtig! Heranführen an die paradoxe Qualität der Wahrheit.

Chancen

Die Integration von Wissenschaft und Spiritualität, Tran­szendenzerfahrung durch spirituelle Praxis. Weltzentrische Bewusstheit, freiwillige Übernahme von Ver­antwortung für Alle

Risiken

Spiritueller Mate­rialismus, Funktio­nalismus, Syste­mismus. Skepsis allem gegenüber, das nicht rational erfassbar ist – dadurch geistige und emotionale Verarmung.

Entwicklungsstufe Schüler: grün postmodern/ pluralistisch/relati­vistisch

Schülerintention

„Ich verstehe mich als eins mit der Welt und möchte das perma­nent fühlen. Ich möch­te erleuchtet werden, um mühelos allen Lebewesen helfen zu können.“

Lehrerhaltung

Balance von Autorität und gleicher Augenhöhe: Gleichmut lehren – dem Schüler helfen, die großen Zusammenhänge zu erkennen und ertragen zu können, unmögliche Aufgaben anzunehmen. Der Lehrer ist bereit, vom Schüler zu lernen, Schwä­che zu zeigen, demütig und bescheiden zu sein.

Schüler-Lehrer- Beziehung

Spiritueller Freund/ Bodhisattva – streben nach Vollkommenheit. Innige Beziehung, bei gleichzeitig notwen­diger Distanzwahrung durch den Lehrer. Humor und Leich­tigkeit werden noch wichtiger!

Chancen

Inneres und Äußeres zusammenbringen, ebenso wie horizon­tale Pluralität und vertikale Entwick­lung, Realismus und Idealismus. Weltzent­rische multikulturelle Bewusstheit.

Risiken

„Anything goes“- Spiritualität, Rück­fall in Egoismus und Narzissmus oder Helfersyn­drom und Burn-out.

Entwicklungsstufe Schüler: gelb/petrol integrierend

Schülerintention

„Ich verstehe erstmals geistige Evolution und die grenzenlosen Möglichkeiten aller Wesen – ich nehme die Verantwortung, die dieses Verständnis bringt, freudig an. Was Erleuchtung bedeu­tet, wird im Laufe der Evolution neu definiert und erweitert.“

Lehrerhaltung

Lehrer und Schüler arbei­ten zusammen, wobei beide die eigenen Schwä­chen und die des anderen klar erkennen und sich gegenseitig respektieren und unterstützen. Der spirituelle Weg ist ein spannendes Experiment mit erprobten Methoden und neu erscheinenden Erkenntnissen.

Schüler-Lehrer- Beziehung

Bodhisattva/Bodhi­sattva. Leichtherziger, neugieriger und offener Austausch. Schattenaspekte bei Lehrer und Schüler lösen keine Angst mehr aus und können integriert werden. Probleme dienen als Herausforderung und werden furchtlos und ehrlich angegangen.

Chancen

Eine reife Kombina­tion aus Demut und gesundem Selbst­bewusstsein. Es gibt keine Grenze des eigenen spirituellen Wachstums, und es gibt auch nichts, das unmöglich ist.

Risiken

Arroganz, Selbstü­berschätzung, die eigenen Schatten nicht wahrnehmen können.

 

Was kann schiefgehen?

Was aber ganz klar verstanden werden muss: Dies ist eine Anleitung für Medi­tation – also nur gültig für den oberen linken Quadranten! Wenn es gelingt, die eigenen Fixierungen beiseite zu lassen und stattdessen mit dem erleuchteten Geist des Guru zu verschmelzen, ist die daraus entstehende innere Erfahrung unvergleichlich. Wenn man diese An­weisungen aber auf den rechten oberen Quadranten anwendet, also alle prakti­schen Lebensentscheidungen im blinden Gehorsam einem Guru überlässt, bleibt man in Unreife und Abhängigkeit gefan­gen und lebensuntüchtig. Auch können die Ratschläge eines innerlich hoch ent­wickelten Lehrers auf der praktischen Ebene schlichtweg falsch sein.

Genauso wenig löst bedingungslose Hingabe all unsere Probleme in den un­teren Quadranten – weder die zwischen­menschlichen noch die systemischen. Dies wird aber häufig erwartet und ent­sprechend gelebt, mit katastrophalen Folgen, sowohl für den einzelnen Prak­tizierenden und seine Angehörigen als auch für den Ruf der Spiritualität in der Gesellschaft.

Wenn der Guru sich außerdem nicht auf dieser hohen Ebene der Selbstlosig­keit befindet, sondern Gehorsam der Stufe 1 einfordert oder gar völlig eigen­nützige (häufig unbewusste oder nicht eingestandene) sexuelle oder Machtinte­ressen verfolgt, sind immer wieder Ver­letzung, Skandal und große Hindernisse auf dem spirituellen Weg die Folge. Im tibetischen Buddhismus und bei hin­duistischen Lehrern kommt als weitere Komplikation hinzu, dass sexueller Miss­brauch unter dem Deckmantel „geheimer tantrischer Verbindung“ gehandelt wird. Hierzu ein kleiner Rat meines Lehrers Akong Rinpoche (der selbst verheiratet ist und seinen Schülerinnen ausschließ­lich Respekt und väterliche Fürsorge ent­gegenbringt): „Falls ihr überlegt, auf ein tantrisch-sexuelles Angebot einzugehen, serviert dem angeblich verwirklichten Meister ein 5-Gänge-Menü und als Nach­tisch Exkremente in einer Dessertschale. Wenn er diese mit Genuss verspeist, als wäre es Mousse au Chocolat, dann könnt ihr mit ihm ins Bett gehen!“

 

Quelle: IP 21 - 03/2012


[1] die Farbbezeichnungen der Entwicklungsstufen entstammen dem Modell Spiral Dynmics (vor dem Schrägstrich) bzw. dem Modell der Spektralfarben (nach dem Schrägstrich).