Sie sind hier: IF-HOME > Anwendungen > Religion / Spiritualität > Ein Guru kann auch selbst weiterhin
noch ein gewichtiges Schattenthema haben.
DeutschEnglishFrancais
21.8.2017 : 13:59 : +0200

Ein Guru kann auch selbst weiterhin
noch ein gewichtiges Schattenthema haben.

Auszüge aus dem Telefon-Interview mit Ken Wilber

Von der Tagung des IF am 24.11.2007

 

Transkription: Cindy Lorenz


Übersetzungen: Jörg Perband, Uli Vogel, Rainer Weber

Interview und Lektorat: Monika Frühwirth

 

Andrew Cohen – Guru Yoga

MF: Ich schätze deine Gespräche mit Andrew Cohen in der Zeitschrift “Was ist Erleuchtung?” sehr. Sie geben AQAL auf sehr prägnante Weise wieder. Was ich dich dazu fragen wollte ist: Du hast einmal zu Guru Yoga bemerkt, dass es definitiv nicht mehr dem Verständnis des orangen oder grünen Mem entspricht („It’s no longer in the make-up of Green“), einen Guru zu haben – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Auf der petrolfarbenen Ebene wird der Guru als Lehrer wahrgenommen, mehr nicht. Ist es ein neuer Zugang zum Göttlichen-in-der- zweiten-Person, einen Guru wie Andrew zu haben?

Ken: Nun ja, nicht notwendigerweise. Guru Yoga ist eine machtvolle Form des Yoga, aber es gibt auch viele Möglichkeiten für Missbrauch, und er kann auch vom Guru selbst missverstanden werden. Er entstand aus der Annahme, dass der/die Guru nichts falsch machen kann, dass er/sie sozusagen unfehlbar ist. Wir wissen jetzt aber, nach Jahrhunderten von Untersuchungen, dass das schlicht und einfach nicht stimmt. Es ist nur eine Form einer Annahme, die für ein Individuum auf der egozentrischen Stufe hilfreich sein kann, das bemüht ist, sich von seinem Ego zu des-identifizieren. Ein Weg dahin ist, sich mit dem Guru zu identifizieren und so zu tun „als ob“ alles richtig ist, was der/die Guru sagt und alles falsch, was du selbst sagst. Aber das muss in einem sehr sorgfältig gesteckten Rahmen passieren.

Guru Yoga entstand und entwickelte sich in der Ackerbauperiode mit Kastensystem und Herrscherhierarchien. Der Guru war nicht nur der spirituelle Führer, sondern oft auch der politische Führer, der Häuptling einer Stadt zum Beispiel, ebenso wie der spirituelle oder ökonomische Anführer. Wenn der Guru also sagte: „Spring!“, dann fragtest du „Wie hoch?“. Aber diese Zeiten sind vorbei. Punkt Nummer 1: Was wir inzwischen verstanden haben, ist, dass ein Guru ein besonderes Wissen über die Entwicklung von Zuständen und die spirituelle Entwicklungslinie hatte, aber nicht notwendigerweise andere der multiplen Intelligenzen meisterte. Zweitens: Er kann somit selbst weiterhin noch ein gewichtiges Schattenthema haben. Darum muss man bei all dem vorsichtig sein.

Auch Andrews Studenten müssen sich klar machen, in welche Situation sie sich begeben. Wenn sie vollständig darüber informiert sind, dass das eine intensive Situation wird, und dass Andrew eine Menge Entscheidungen treffen wird, von denen er erwartet, dass du sie übernimmst, und wenn du das als eine „tun als ob“ Situation für dein eigenes Wachstum ansiehst, dann denke ich, ist es auch in Ordnung. Aber man muss wirklich vorsichtig sein. Wenn du das allerdings bist, dann ist Guru Yoga eine sehr intensive Form des Göttlichen-in-der-zweiten-Person.

MF: BhaktiYoga.

Ken: Genau, und es geht um Beziehung. Und nochmals: Das kann eine sehr machtvolle Praxis sein, aber sie wird fast immer falsch verstanden, weil die Grenzen und Begrenzungen dieses Yoga sich nicht sofort zeigen und auch nicht sofort verstanden werden können. Die Studenten müssen sich sehr sicher darüber sein, was sie da tun.

Eine Menge Leute bleibt bei Andrew, und sie ziehen daraus großen Nutzen, und dann trennen sich auf eine sehr, sehr wertschätzende und freundschaftliche Wei-
se, um wieder weiter zu gehen. Andererseits gibt es eine beträchtliche Anzahl von Studenten, die verstricken sich mit Andrew und sind höchst unzufrieden, verärgert – besonders in einer grünen Atmosphäre, wo es schon ein äußerst feindlicher Akt ist, die Schuhe eines anderen zu kritisieren. Nun ist Andrews ganzer persönlicher Stil ganz genau dazu angetan, Grün auf die Palme zu bringen. Er hat wirklich eine Menge Ärger mit Grün und er musste mit diesen Dingen wirklich sehr, sehr sorgfältig umgehen.

MF: Andrew Cohen arbeitet in seinen Gruppen am kollektiven Potenzial. Meine Frage ist: Welche Gruppe oder welche ethnische Gruppierung hast deiner Meinung die besten Chancen, in den nächsten Rang zu wechseln, den Sprung zu schaffen?

Ken: Ich denke, dass es zum momentanen Zeitpunkt größtenteils Individuen sein werden, die das erreichen und das geschieht nicht unter irgendeiner bestimmten „Schule“. Dafür gibt es etliche Gründe. Einer ist, wenn du dir Spiral Dynamics anschaust, dann endet jede Stufe mit der Betonung entweder auf Kommunion oder Agenz. Sie nehmen an, dass das den Stufen innewohnt. Ich bin nicht dieser Meinung, ich glaube, dass es eher kulturell bedingt ist, usw. Aber es zeigt sich letztendlich so, dass – sofern Orange eher individualistisch ist, dann wäre Grün eher kollektivistisch und Petrol wäre dann wieder individualistisch. Somit denke ich, dass das Erscheinen des zweiten Rangs eine ziemlich individualistische Tendenz haben wird. Auch Jane Loevinger hat die Ebene von Petrol oder dem gelben Werte-Mem als autonom bezeichnet. Es hat diese Art, sehr selbstbezogen zu sein, selbst, wenn es sich der inneren Subjektivität und Verbundenheit des eigenen Selbst voll bewusst ist, betont es doch die Autonomie sehr stark. Daher zolle ich Andrews Arbeit mit Gruppen und dieser Art von kollektivem Yoga Beifall und denke, dass das sehr wichtig ist. Aber ich glaube nicht, dass wir dort ein Bewusstsein des zweiten Ranges weit verbreiteten sehen werden. Es wird eher so sein wie Pilze, die nach dem Regen überall aus dem Boden sprießen.

 


Quelle: IP 9/2008