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25.9.2017 : 1:05 : +0200

Grundideen der Mystik

Ken Wilber
(Quelle: www.kenwilber.com, blog, 1.9.2006,  Foreword to Entering the Castle by Caroline Myss)
 
Mystik im allgemeinen, und Kontemplation im Besonderen, ist ein derart umfangreiches und oft auch verwirrendes Thema, dass die Seele eines Menschen, für den dies etwas Neues ist,  auf eine sehr gefährliche Weise überwältigt werden kann, und zwar dann, wenn sie nicht notwendigerweise nach etwas Simplen, aber doch Einfachem sucht, um einen Halt und einen Grund für die eigene Verwirrung, das Chaos und vielleicht auch die Angst und das Leiden zu bekommen. Was ich jetzt auf einigen wenigen Seiten dem Leser darlegen möchte sind ein paar einfache Referenzpunkte, die einem die Grundlagen einiger der zentralen mystischen oder kontemplativen Vorstellungen näher bringen können. Ich möchte zuerst sieben der wesentlichen Grundideen der Mystik beschreiben und versuche danach, dem Leser eine sehr kurze, direkte Erfahrung davon zu geben.

Diese sieben Grundideen können bei einer rein theoretischen Betrachtung trocken und abstrakt erscheinen.

Hier sind sie:
(1) Jeder von uns hat ein äußeres und ein inneres Selbst;

(2) das innere Selbst lebt in einem zeitlosen, ewigen Jetzt;

(3) das innere Selbst ist das große Mysterium, die reine Leere und das Nichtwissen;

(4) das innere Selbst ist göttlich, vollkommen eins mit dem unbegrenzten GEIST in einer höchsten Identität;

(5) die Hölle ist die Identifikation mit dem äußeren Selbst;

(6) der Himmel ist die Entdeckung und Verwirklichung des inneren göttlichen Selbst, der höchsten Identität; (7) das göttliche Selbst ist eines mit dem Ganzen, in all seiner Gnade und Herrlichkeit.

Machen wir uns nun auf den folgenden Seiten auf die Suche nach einfachen Erfahrungsmöglichkeiten von jedem dieser Punkte. Ziemlich anspruchsvoll, oder? Nicht wirklich, weil dir bereits – nach den Aussagen der Mystiker – all das bewusst ist und du es bereits vollständig erfährst, jeden einzelnen dieser Punkte. Schauen wir uns das genauer an.
Entspanne dich zuerst einmal. Nimm ein paar bewusste Atemzüge, lasse dein Bewusstsein in dieser Gegenwärtigkeit einfach zur Ruhe kommen und bemerke die Dinge, derer du dir jetzt bewusst bist, jetzt in diesem Augenblick.

Du bemerkst beispielsweise einige der Dinge, die du siehst, Dinge die bereits schon anstrengungslos in deinem Bewusstsein erscheinen. Vielleicht Wolken, die am Himmel vorüberziehen, Blätter, die vom Wind bewegt werden, Regen, der aufs Dach fällt, die leuchtende Stadtsilhouette vor dem Hintergrund der Abenddämmerung oder der Sonnenaufgang am Beginn eines neuen Tages. Sich dieser Dinge bewusst zu sein erfordert keine Anstrengung; sie tauchen einfach in deinem Bewusstsein auf, spontan und anstrengungslos, hier und jetzt.

So wie Wolken am Himmel vorüberziehen, so ziehen auch Gedanken durch deinen Geist. Bemerke einfach nur wie die Gedanken erscheinen, ein bisschen verweilen und dann wieder verschwinden. Die meisten von ihnen wählst du dir nicht aus; Gedanken tauchen einfach auf aus dem, was so etwas wie die Leere oder das Nichts zu sein scheint, sie marschieren vor dem Bildschirm deines Bewusstseins vorbei und verschwinden dann wieder im Nichts. Das gleiche gilt für deine Körperempfindungen. Vielleicht gibt es gerade ein unangenehmes Gefühl im Fuß oder ein Gefühl von Wärme im Bauch, ein Kribbeln in den Fingerspitzen, eine plötzliche freudige Erregung im Bereich des Herzens, eine Welle des Wohlbefindens, die durch den ganzen Körper geht. Alle diese Empfindungen tauchen einfach auf, verweilen ein wenig und verschwinden wieder.

Wenn ich nach innen schaue und die in meiner „inneren“ Bewusstheit auftauchenden Gedanken und Gefühle bemerke, dann bemerke ich auch etwas, was mit „ich“ oder „mein Selbst“ bezeichnet wird. Es gibt Vieles, was ich über mich selbst weiß – Angenehmes oder Unangenehmes, und manches davon vielleicht auch entsetzlich oder sehr beunruhigend. Was auch immer ich über dieses „Ding“, mein Selbst, denken mag, es scheint vieles zu geben, was ich von ihm weiß.
Es scheint sogar mehre dieser Selbste zu geben, eine Tatsache, auf die eine Vielzahl populärwissenschaftlicher Bücher hinweisen. Es gibt mein verletztes Kind, mein strenges Über-ich, meinen zynischen und auch verbitterten Skeptiker, meinen immer gegenwärtigen Wächter, der sowohl mich als auch andere zu kontrollieren versucht, meinen weisen alten Mann und meine weise alte Frau, meinen spirituell Suchenden, meine angsterfüllte Persönlichkeit, die allzu viele Entscheidungen meines Lebens aus Angst heraus trifft, meine fröhliche Persönlichkeit, die in jedem Augenblick des Lebens angeschlossen ist an einen Strom der Freude und des Glücklichseins – um nur einige der bekannteren zu nennen.

Doch bemerke auch einen faszinierenden Aspekt all dieser Selbste: Sie sind alle etwas, was du sehen kannst, du kannst dir ihrer bewusst sein, du kannst sie auf vielfältige Weise fühlen und kennen und beschreiben. Sie können alle gesehen werden – doch wer oder was sieht? Alle diese Selbste, die ich in mir oder du in dir gerade gesehen, gefühlt und beschrieben hast – sie alle sind Objekte, die gesehen werden können: Doch wer oder was ist das Subjekt, das SELBST, der Seher aller dieser Dinge, der wahre Wissende aller dieser gewussten Dinge?
Fühle dich jetzt in dich hinein – versuche dir dessen bewusst zu sein was du jetzt mit „ich“ bezeichnest. Versuche dich selbst so klar wie möglich zu sehen oder zu fühlen. Bemerke dann, dass wenn du ein Gefühl für dich selbst bekommen hast, dass dasjenige, was du siehst, ein Objekt ist und nicht das wahre Subjekt. Das heißt das „Selbst“, welches du siehst, das Selbst welches du mit „ich“ bezeichnest und als das wahre Selbst ansiehst, ist in Wirklichkeit ein Objekt. Es ist kein wirkliches Selbst oder wirkliches Subjekt sondern lediglich ein Objekt, etwas was gesehen werden kann. Alles was du über dich weißt, alles das, mit dem du dich gewöhnlicher weise bezeichnest, ist kein wirkliches Selbst und kein wirkliches Subjekt, sondern ein Bündel von Objekten, ein Bündel von Dingen die gesehen werden können. Doch wer ist der Seher, das wahre Subjekt oder das wahre SELBST?    
Um es gleich vorweg zu sagen, versuche nicht dein wahres SELBST zu sehen, weil alles das was du sehen kannst nur ein weiteres Objekt, ein weiterer Betrachtungsgegenstand ist und nicht der Seher oder die Seherin. Die Mystiker sagen es uns mit Worten wie „nicht dies, nicht das“. Wenn du in Berührung kommen willst mit dem wirklichen SELBST als dem wahren Subjekt, dann beginne damit alle Objekte, mit denen du dich bisher identifiziert hast, loszulassen. Alles was du von dir sehen oder wissen kannst ist nicht dein wahres SELBST sondern nur ein weiteres Objekt. Also lasse es los und versuche dich von allem zu „dis-identifizieren“, von dem du bisher geglaubt hast, dass du „es“ wärst.

Versuche es mit dieser Übung und sage zu dir selbst:

Ich habe Gedanken, aber ich bin nicht meine Gedanken.Ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle.Ich habe Wünsche und Verlangen, aber ich bin nicht meine Wünsche und Verlangen.Ich habe die Erfahrung von intensiver Lust und unerträglichen Schmerzen, doch beides bin ich nicht.Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper.Ich habe einen Geist, aber ich bin nicht mein Geist.All dies kann ich sehen, doch ich bin der Seher.All dies kann ich kennen, doch ich bin der, welcher kenntAll dies sind lediglich Objekte, doch ich bin das wirkliche Subjekt oder wahre SELBST und nicht irgendein vorübergehendes Stückwerk oder Objekt oder Ding.Ich bin nicht Gedanken, nicht Gefühle, nicht Verlangen, nicht Körper, nicht Geist, nicht dies, nicht das ...

 

Wer oder was bin ich dann?

Bevor wir diese Frage weiter untersuchen bemerken wir – auf der Grundlage unserer eigenen Erfahrungen hier und jetzt – mindestens zwei Selbste. Es gibt das Selbst, das gesehen und gewusst werden kann, und das SELBST, das weder gesehen noch gewusst  wird. Es gibt den unbekannten Seher und all die kleinen und gesehenen Selbste. Die Philosophen haben dafür ein paar hübsche Namen: das transzendente Selbst (das reine ICH BIN, welches niemals ein gesehenes oder gewusstes Objekt sein kann) und das empirische Selbst (das empirische Ego, welches gesehen, gewusst, erfahren und objektiviert werden kann).  

Auch wenn der transzendente Seher selbst nicht gesehen werden kann – er wäre dann lediglich ein weiteres Objekt – sieht er die gesamte Erhabenheit vor seinen Augen: Ungesehen sieht er alles; unerkannt kennt er alles; ungefühlt fühlt er alles.

Aus diesem Grund wird das wahre SELBST oft Zeuge genannt: Es bezeugt alles, was erscheint, kann selbst jedoch nicht zu einem Objekt gemacht werden – als ein wahres Subjekt kann es nicht „objektiviert“ werden. Es wird auch „Spiegelgeist“ genannt – ohne Anstrengung und spontan reflektiert es alles, was erscheint, ohne etwas zu fassen oder festzuhalten. Das wahre SELBST ist in gewisser Weise ein tiefes Mysterium, etwas was niemals gesehen werden kann und doch das gesamte Universum vor Augen hat. Es ist eine unermessliche Leere, und doch scheint aus ihm die gesamte Welt zu entspringen.

Wer oder was bin ich nun? Was ist dieses Selbst? Bitte stelle dir weiterhin diese Frage, fühle dich bitte in diese Frage hinein und versuche den Denkenden zu denken, den Fühlenden zu fühlen und den Sehenden zu sehen. Wenn du dir immer wieder die Frage stellst „Wer bin ich?“ und sanft all die Objekte vorüberziehen lässt von denen du meintest, dass du sie wärst, dann wirst du in dem Versuch, den Seher zu sehen nichts spezielles sehen – du wirst keine bestimmten Dinge oder Prozesse oder Objekte sehen (wenn doch, dann sind das nur wieder noch mehr Objekte, also genau das, was du nicht finden möchtest). Entspannst du dich jedoch mehr und mehr in den Seher und die Seherin hinein, ist alles was du finden wirst ein Gefühl der Befreiung von den Objekten, eine Befreiung von kleinen und engen Identitäten von Objekten, als die du dich gesehen hast. Alles was du – mit anderen Worten – finden wirst ist kein weiteres Objekt, sondern eine Atmosphäre der Freiheit, Befreiung und Gelöstheit – Gelöstheit vom Schmerz und von der Folter der Identifikation mit einem Bündel kleiner Objekte die erscheinen, ein bisschen verweilen, vorübergehen und dich verwundet zurücklassen. Die Mystiker sagen, dass je mehr du dich deinem wahren SELBST näherst, desto größer ist das Gefühl unbegrenzter Freiheit.

Ruhe ich im unerkannten Kenner, in diesem reinen Selbst oder Zeugen, dann bemerke ich vielleicht noch etwas anderes: Dieses SELBST ist unbewegt – es ist unberührt von Zeit und Veränderung, Datum oder Dauer. Dieser transparente Zeuge ist sich der Zeit bewusst, ist selbst jedoch zeitlos, er existiert im zeitlosen Jetzt. Dieser Zeuge ist sich Gedanken der Vergangenheit bewusst, doch diese Gedanken an die Vergangenheit ereignen sich im Jetzt; und der Zeuge ist sich der Gedanken an die Zukunft bewusst, doch diese Gedanken an die Zukunft ereignen sich im Jetzt. Als sich die Vergangenheit ereignete, geschah dies im Jetzt, und wenn sich die Zukunft ereignen wird, dann wird das ein Augenblick im Jetzt sein. Das einzige dessen sich der Zeuge bewusst ist als das Einzige was wirklich ist, ist die unendliche Gegenwart, eine einzige, ewige Gegenwärtigkeit in welcher die Zeit vorübergeht, die selbst jedoch von der Zeit unberührt bleibt, in Ewigkeit lebend. Ewigkeit meint dabei nicht eine unendliche Zeitspanne sondern einen Augenblick ohne Zeit. Wittgenstein hat dies klar gesehen. „Wenn wir die Ewigkeit nicht als etwas von unendlicher Dauer ansehen, sondern als zeitlos, dann gehört das ewige Leben denjenigen, die in der Gegenwart leben.“

Dies ist ein weiteres Anzeichen: Je mehr du dich dem wahren SELBST näherst, desto mehr lebst du in der Ewigkeit, der zeitlosen Gegenwärtigkeit, einschließlich von Gedanken an die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, sie alle ereignen sich im zeitlosen Jetzt. Du kannst so viel du möchtest über die Vergangenheit und die Zukunft nachdenken: Betrachte einfach nur, wie alle diese Gedanken in der Gegenwärtigkeit erscheinen.
An dieser Stelle machen die kontemplativen Mystiker eine ihrer kontroversesten Feststellungen, so kontrovers, dass es beinahe psychotisch erscheint, und doch tun sie es mit einer donnerhallenden Stimme überall auf der Welt. Sie sagen dies in jeder Kultur, zu jeder historischen Zeit und in allen Sprachen der Welt; sie sagen es immer wieder und so sehr übereinstimmend, dass diese Behauptung wahrscheinlich die universellste Behauptung ist, welche die Menschheit je getroffen hat: Je mehr du dich deinem wahren SELSBT näherst, desto näher bist du bei Gott. Wenn du dann dein wahres SELSBT vollständig erkennst, dann wird es erkannt als Eins und identisch mit Gott oder der Gottheit oder dem GEIST, das was die Sufis die höchste Identität nennen.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass dein empirisches Selbst oder Otto Normalverbraucher nun Gott oder Lieschen Müller nun die Göttin ist; es bedeutet, dass dein transzendentes SELBST – dein unbegrenztes und ewiges SELBST – Gott oder GEIST ist. Genauer gesagt ist GEIST auf keinerlei Weise getrennt oder gesondert von transzendenten SELBST aller Wesen. Dies bedeutet dass 100% des GEISTES in deinem wahren SELBST gegenwärtig ist, in deinem innersten strahlend erfahrenen ICH BIN.

Halten wir hier kurz inne und betrachten die Liste der Behauptungen der Mystiker, die meisten davon wurden bereits erwähnt:

(1) Jeder von uns hat ein äußeres und eine inneres Selbst. Wir haben gesehen, dass das äußere Selbst (das „empirische Ego“) das Selbst ist „das gesehen werden kann“, während das innere Selbst (das transzendente SELBST) niemals zu einem Objekt oder etwa ähnlichem gemacht werden kann – es ist, neben vielem anderen, ein Gefühl von Freiheit, ein Empfinden einer großen Befreiung vom Gewussten, vom Endlichen und vom empirischen Ego.

(2) Das innere SELSBT lebt im zeitlosen ewigen Jetzt. Ewigkeit meint dabei nicht eine unendlich lange Zeitspanne, sondern einen Augenblick ohne Zeit, welcher sich genau Jetzt ereignet, und erkannt wird als eine immerwährende Gegenwärtigkeit, welche alle Zeit umfasst. Das wahre SELBST ist sich dieses immer-gegenwärtigen, niemals endenden, ewigen Augenblicks bewusst, durch welchen sich alle Zeit ereignet – es tritt niemals in den Strom der Zeit ein und bleibt als Zeuge unbewegt.     

(3) Das innere Selbst ist ein großes Mysterium oder reine Leere und Nichtwissen. Genau deshalb, weil es niemals gewusst oder zu einem Objekt gemacht werden kann, ist das wahre SELBST kein Ding (no-thing-ness), es ist das reine Geheimnis, eine immer währende unwissende Gewissheit, das erkannte Nichts oder einfach nur das große Mysterium deines eigenen Seins.

(4) Das innere Selbst ist göttlich, in einer höchsten Identität vollkommen eins mit dem unbegrenzten GEIST. Mit dem Worten des heiligen Thomas: Wenn der Augapfel rot gefärbt wäre würde er kein Rot sehen können; aber weil er klar und frei von Rot und frei von jeglicher Färbung ist, kann er Farben sehen. Weil das innere SELBST Raum erkennt, ist es selbst raumlos und unbegrenzt; und weil es Zeit erkennt, ist es selbst zeitlos und ewig. Dieses unbegrenzte und ewige SELBST ist die Heimat des GEISTES in dir und in jedem empfindenden Wesen. Die Gesamtsumme aller inneren SELBSTE ist genau Eins. Jeder Mensch fühlt genau wie du, wenn er oder sie in seinen oder in ihren Zeugen oder das ICH BIN hineinfühlt: Da das wahre SELBST kein Objekt und ohne Eigenschaften ist, ist es das gleiche SELBST in allen: Es ist das gleiche strahlend Göttliche, leuchtend in dir und mir und allen Schöpfungen des GEISTES.

(5) Die Hölle ist die Identifikation mit dem äußeren Selbst. Die Hölle ist kein spezieller Ort; die Hölle ist nicht etwas wo wir nach unserem Tod hingehen; die Hölle ist keine Strafe die uns von irgendetwas oder irgendwem auferlegt wird – sie ist unsere eigene zusammengezogene, sündhafte, abtrennende Aktivität einer Entscheidung für das falsche Selbst, mit dem wir uns identifizieren. Wir identifizieren uns mit dem, was wir nicht sind, wir identifizieren uns ausschließlich mit dem empirischen Ego, dem Selbst-welches-gesehen-werden-kann; und diese klägliche, endliche, zeitliche, begrenzte und verletzte Identität ist nichts anderes als die Hölle. Die Hölle ist ein grauenhafter Fall einer falschen Identität. Wir haben vergessen, wer und was wir sind, ein transzendentes SELBST, unmittelbar verbunden mit dem GEIST, mit den Worten eines Gottes sprechend und erstrahlend wie eine Göttin. Doch wir identifizieren uns lediglich mit dem endlichen Selbst, dem objektiven Selbst, dem Selbst, das gesehen werden kann, und nicht dem SELBST, welches der Seher und die Seherin ist, göttlich und unbegrenzt und ewig.

(6) Der Himmel ist die Entdeckung und Verwirklichung des inneren göttlichen SELBST, der höchsten Identität. Die Mystiker der Ostens und des Westens sagen uns seit langem, dass „das himmlische Königreich in uns“ ist – weil das ICH BIN das Christusbewusstsein ist, der GEIST selbst, die Gottheit in mir und als ich. Das wahre SELBST in jedem einzelnen von uns ist das wahre SELBST, welches Jesus von Nazareth verwirklichte – „Ich und der Vater sind eins“ – und diese Verwirklichung transformierte ihn von einem zeitlichen Jesus zu einem ewigen Christus, eine Transformation zu der ER uns aufforderte sie ihm nachzutun.   
Dies bedeutet natürlich nicht dass mein empirisches Ego oder mein persönliches Selbst Christus ist. Dies zu glauben ist in der Tat ein schizophrener Wahn. Niemand behauptet dass mein persönliches Selbst GEIST ist. Der transzendente Zeuge dieses persönlichen Selbst hingegen ist eins mit dem GEIST in allen Dingen. Dein transzendentes SELBST ist Christus, dein persönliches Selbst bist du.    

(7) Das göttliche SELBST ist Eins mit dem All, empfangen in Gnade und aufgehoben in Herrlichkeit. Ruht man im inneren Zeugen und fühlt dabei die Atmosphäre von Freiheit, dann kann es sein dass das unterschiedene Erleben eines inneren Selbst und eines äußeren Selbst sich auflöst und als die Illusion erkannt wird, die es ist, und zurück bleibt lediglich das, was die Mystiker den einen Geschmack nennen. Mein transzendentes SELBST weicht zurück vor der nichtdualen Soheit, die Meister Eckhart die Istheit nannte. GEIST ist nicht nur das SELBST aller Wesen, sondern die Soheit oder Istheit aller Dinge. Zu der Freiheit von jeglichem Objekt wird so noch die Fülle des Einsseins mit allen Objekten hinzugefügt. Ich bezeuge nicht länger die Berge, ich bin die Berge; ich fühle nicht länger die Erde, ich bin die Erde; ich sehe nicht länger den Ozean, ich bin der Ozean; ich bete nicht mehr zum GEIST, ich bin der GEIST. So nahtlos erscheint die Welt, heilig und profan in einem Stück, dass ich keine Grenzen finde – keine einzige wirkliche Grenze im gesamten Universum. Alles was ist, ist das strahlende, alles durchdringende, zutiefst göttliche ICH BIN, in welchem alle Welten kommen und gehen, geboren werden und sterben, explosionsartig in die Existenz eintreten und wieder in die Vergessenheit zurücksinken, getragen von dem einen und einzigen, was immer gegenwärtig ist, bis ans Ende aller Welten. Ein letztendliche Mysterium in Leere und Befreiung, Freiheit und Fülle, Grund und Ziel, Gnade und Herrlichkeit - dieses SELBST, mein SELBST, welches sich nicht mehr finden kann, wenn die Regentropfen in ihrer beharrlichen Istheit sanft auf das Dach trommeln, ein wunderschöner Klang eines donnernden Herzschlages, plum, plum, plum, plum, ein-fach-so.  

Was wir brauchen ist eine Landkarte, ein Handbuch, das uns von unserem empirischen Ego zu unserem transzendenten SELBST führt, vereint mit dem Göttlichen, gegründet in Soheit und Istheit. Überall auf der Welt und in jeder Kultur wurden diese Handbücher geschrieben und manche davon werden besonders hoch geachtet. Im Westen gibt es kaum einen Text, der mehr geliebt und verehrt wird als Die innere Burg von Teresa. Die meisten kontemplativen Traditionen haben Meditationswege mit einer Reihe gut beschriebener Stufen, wie man von der Hölle des äußeren Selbst zum Himmel oder dem göttlichen SELBST gelangt (und schließlich auch noch zu deren nichtdualer Vereinigung). Teresa’s sieben Wohnungen – von denen jede auf den folgenden Seiten [des Buches] in einer wundervollen, klaren und leuchtenden Sprache von Caroline Myss erläutert wird – diese sieben Wohnungen sind nichts anderes als sieben Stufen auf diesem außerordentlichen Weg hin zu deinem tiefsten SELBST oder der Seele, verwirklicht in der Wolke des Nichtwissens, empfangen durch unverdiente und unerklärliche Gnade und verwirklicht im täglichen Leben – eine Verwirklichung, die sich vertieft in der Auflösung dieses Augenblicks in göttlicher Enthüllung, hier und jetzt, die Erde auf eine radikale Weise von einer lebendigen Hölle zu einem lebendigem Himmel transformiert. Zeit wird als das sich bewegende Gesicht der Ewigkeit gesehen, mit nach außen gerichteten Selbsten als Ornamenten des göttlichen SELBST und der strahlenden Soheit aller Welten und Universen.

Möchtest du herausfinden, ob diese grundlegenden Ideen, die wir hier kurz dargelegt haben, wahr sind? Dann möchte ich dir noch sagen, was ich persönlich an einer echten kontemplativen Mystik so sehr liebe: Sie ist wissenschaftlich im Sinne von experimentell, erfahrungsorientiert und auf Beweisen aufbauend. Führe das Experiment der siebenstufigen Innerlichkeit selbst aus, das von Teresa von Avila so ausgezeichnet dargelegt wurde, und finde es selbst heraus. Es ist in jeder Hinsicht ein inneres wissenschaftliches Experiment, du kannst es selbst ausprobieren und schauen was dabei herauskommt. Zur Durchführung dieses Experimentes steht uns jetzt glücklicherweise auch [das Buch] Entering the Castle zur Verfügung, aufbauend auf Teresa’s sieben inneren Wohnungen, die so wunderbar, klar, leidenschaftlich und leicht von meiner Freundin Caroline Myss geschildert und erläutert werden. Für Caroline wurde die geliebte heilige Teresa nicht nur eine spirituelle Frau, welche ein brillantes praktisches Handbuch geschrieben hat, sondern eine Heilige, die ihr das Leben gerettet und die ihr ihre eigene Seele gezeigt, ihr Herz erweckt hat und sie auf einen niemals endenden, immer verwirklichenden, zeitlos erfüllten Weg der Praxis führte.


(aus: Online Journal Nr. 48)