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27.3.2017 : 18:19 : +0200

Integrale Achtsamkeit

von Michael Habecker


Achtsamkeit (oder Mindfulness) hat in vielen spirituellen und kontemplativen Traditionen einen hohen Stellen- und Praxiswert.

In der buddhistischen Tradition, aber nicht nur dort, wird mit Achtsamkeit „diejenige geistige Einstellung und Fähigkeit gemeint, bei der ein breites und gleichmütig-akzeptierendes Achtgeben auf alle Phänomene gepflegt wird, die – wie gewöhnlich gesagt wird – ‚im Geist‘, ‚in der Wahrnehmung‘ oder ‚im Bewusstsein‘ auftauchen.[1]


Doch was genau bedeutet Achtsamkeit, worauf ist sie gerichtet, und was kann man mit ihr erkennen bzw. vertiefen – und was nicht? Die integrale Landkarte mit ihren vier Quadranten gibt uns vier Grundperspektiven als Hauptorientierungen und Achtsamkeitsbereiche.

 

Bereich 1 – subjektiv-innerlich (der obere linke Quadrant)

Dieser Bereich lädt zur Achtsamkeit gegenüber der eigenen Innerlichkeit ein, und er ist das klassische Betätigungsfeld von Meditation. Ich kann meine Wahrnehmung nach innen richten und aufmerksam sein für das, was ich dort wahrnehme. Ich kann im Kontakt mit anderen Menschen und Wesen und mit der Außenwelt gleichzeitig meine Innenwahrnehmung halten und mich ihr achtsam widmen. Achtsamkeit bedeutet hierbei ein Im-Kontakt-Sein mit mir selbst und meinem Wahrnehmungsstrom. Was ich dabei nicht sehe, und darauf hat Ken Wilber hingewiesen, sind die Hintergrundstrukturen meines Bewusstseins und die Mechanismen meiner eigenen Psychodynamiken.[2] Um diese zu erkennen, reicht eine allein phänomenologische Achtsamkeit nicht aus. Bewusstseins- und Charakterstrukturen (wie z. B. introvertiert, extrovertiert, traditionell, modern, postmodern usw.) erhellen sich mir erst im Austausch und Vergleich mit anderen Menschen und über eine Reflektion meiner eigenen Denkweise und Weltsichten. Da diese Strukturen sich im Laufe meines Lebens entwickelt haben, ist das – achtsame – Studium entwicklungspsychologischer Modelle ein Weg der Bewusstwerdung in diesem Bereich. Ähnliches gilt für die Psychodynamiken wie z. B. die Dynamik von Verdrängung/ Projektion oder Verdrängung/Symptomatisierung, die auch erst durch das Verstehen und Entschlüsseln der Dynamiken des eigenen Bewusstseins in den Bereich der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit gelangen.

Bereich 2 – gemeinschaftlich-innerlich (der untere linke Quadrant)

Ähnlich wie im Bereich 1 stoßen wir in diesem Bereich auf Inhalte, Strukturen und Dynamiken des Bewusstseins, doch hier geht es um Intersubjektivität und Gemeinschaft als das, was Menschen und Wesen miteinander austauschen und teilen. Achtsamkeit in diesem Bereich erfordert Dialog, Kommunikation und Kommunion, um im Austausch zu erleben, was uns miteinander verbindet, vor welchem (z. B. kulturell-gemeinschaftlichen) Hintergrund ein Austausch stattfindet und welche Dynamiken dabei auftreten. Hier verlassen wir den klassischen Bereich einer monologisch-innerpsychischen Achtsamkeit auf dem Meditationskissen und stürzen uns in das Abenteuer von Beziehung und Begegnung.

Bereich 3 – individuell-äußerlich (der obere rechte Quadrant)

In diesem Wahrnehmungsbereich richtet sich die Aufmerksamkeit nach außen, auf die „Dinge des Lebens“, und dies ist die Perspektive aller Naturwissenschaften. Dies bedeutet nicht, dass die anderen Perspektiven verlassen werden müssen – alle Perspektivräume sind immer gleichzeitig vorhanden, doch jetzt geht es nicht um Subjektivität oder Intersubjektivität, sondern um Objektivität dessen, was sich „dort draußen“ in der Welt zeigt, gesehen mit den bloßen Augen oder durch technische Hilfsmittel wie Fernrohr oder Mikroskop. In diesem Sinne erfordert auch eine naturwissenschaftliche Arbeit Achtsamkeit und Wahrnehmungssorgfalt.

Bereich 4 – systemisch-äußerlich (der untere rechte Quadrant)

Das gleiche gilt für den vierten Wahrnehmungsraum, der ebenfalls nach draußen schaut, jetzt aber nicht mehr die Einzeldinge im Blick hat, sondern deren Zusammenhänge und systemische Vernetztheit. Es erfordert eine besondere Aufmerksamkeit oder Wahrnehmung, um z. B. ökologische oder wirtschaftliche oder politische Zusammenhänge zu erkennen, wie das die Systemwissenschaften tun.

Die integrale Achtsamkeitspraxis verbindet Wissen und Fühlen zu einer umfassenden Erfahrung all unserer Lebensdimensionen.

 

Achtsamkeit integral

Mit der Verbindung dieser vier Erkenntnisbereiche und der Praxis von Achtsamkeit gehen wir weit über das im Zitat erwähnte Achtgeben auf die Phänomene im Bewusstsein hinaus, und selbstverständlich steht es jedem frei, Achtsamkeit so zu verwenden, wie er oder sie das möchte. Was bei einer hier skizzierten integralen Achtsamkeit im Vordergrund steht, ist der Bewusstwerdungsaspekt. Alle oben erwähnten Perspektiven sind unterschiedliche Perspektiven auf ein Ereignis, und sie alle helfen dabei, dieses Ereignis so umfassend wie möglich zu verstehen. Dies machen wir uns am Beispiel eines Gedankens klar, der uns durch den Kopf geht und zum Objekt unserer Achtsamkeit wird.

  • Der Gedanke ist ein subjektives individuelles Bewusstseinsphänomen: Ich denke, also bin ich, der Gedanke ist das, was er ist, und ich nehme ihn als solchen wahr.
  • Der Gedanke ist Ausdruck einer individuellen Bewusstseinsstruktur: So wie jemand psychologisch strukturiert ist, so denkt er oder sie – z. B. optimistisch – das Glas ist halbvoll.
  • Der Gedanke ist in die Dynamiken des Bewusstseins eingebunden und bedarf der Interpretation und Deutung.
  • Der Gedanke entsteht erst in und aus einem Beziehungskontext: Ein Ich wird zum Ich durch ein Du.
  • Der Gedanke ist das Ergebnis intersubjektiver, gemeinschaftlich geteilter kultureller Hintergrundstrukturen: Unsere Kulturen und Meme denken durch uns.
  • Der Gedanke entsteht aus der Vernetzung neuronaler Prozesse und eines sich selbst organisierenden Gehirns: Mein sich selbst organisierendes Gehirn denkt den Gedanken.
  • Ein Gedanke ist das Ergebnis eines Reiz-Reaktions-Mechanismus: Auf diesen Reiz folgt jener Gedanke.
  • Ein Gedanke ist das Ergebnis einer sozial organisierten Semantik: Ein Gedanke erscheint in mir entsprechend der Codiertheit der gesellschaftlichen Funktionssysteme.
  • Ein Gedanke ist das Produkt der jeweiligen herrschenden soziökonomischen gesellschaftlichen Bedingungen: Es ist das materiell-soziale Sein, welches das gedankliche Bewusstsein bestimmt.

Für eine integrale Achtsamkeit reicht die Bewusstwerdung „im Geist“ allein nicht aus, sondern ist eine der vielen unterschiedlichen Perspektiven von innerlich-äußerlich und individuell-kollektiv. Fasst man unter dem Begriff der Schattenarbeit nicht nur die Aufdeckung von Verdrängtem auf, sondern eine möglichst umfassende Wahrnehmungsperspektive, die „alles“ beinhaltet, dann ist eine integrale Achtsamkeit im erwähnten Sinn auch eine Schattenarbeit zur Aufhellung von Erkenntnisperspektiven, die bisher außerhalb des eigenen Wahrnehmungshorizontes lagen.

 

Achtsamkeit konkret

Wie könnte ein Achtsamkeitsweg unter Berücksichtigung all dessen aussehen? Beginnen wir einfach mit der Bewusstwerdung unserer eigenen Bewusstseinsinhalte, z. B. durch Meditation und Kontemplation. Eine Umfrage unter Freunden „Wie würdest du mich charakterisierend beschreiben?“ könnte uns darüber hinaus Aufschlüsse über Strukturen unseres Bewusstseins geben, derer wir uns selbst nicht bewusst sind. Wenn beispielsweise ein allgemeiner Tenor einer derartigen Umfrage wäre, „Du bist ein prima Mensch, reagierst manchmal jedoch neurotisch und egozentrisch“, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer neurotischen Bewusstseinsstruktur auf einer egozentrischen Bewusstseinsebene recht hoch, auch wenn man im eigenen subjektiven Erleben davon nichts spürt.

Achtsamkeit im gemeinschaftlichen Bereich wäre ein immer bewussteres und reflektierteres Erleben der eigenen Beziehungen zu anderen Menschen (z.B. Freundschaft, Familie, Arbeit, Gemeinde, Nation). Wir fühlt es ich an, in Beziehung zu sein, und was ist das Geheimnis gegenseitigen Verstehens? Auch dieses Miteinander findet innerhalb von (Entwicklungs-) Strukturen statt, denen ich meine Aufmerksamkeit und Achtsamkeit schenken kann. Wenn mir beispielsweise durch eine Paartherapie klar wird, dass die Beziehung, in der ich lebe, überwiegend als eine funktionale Interessengemeinschaft und ohne Emotionalität gelebt wird, dann kann ich dies, in dem ich mir dessen bewusst werde, bewusst ändern.

Ebenso bedeutend für mein Leben können Erkenntnisse sein, die ich durch das einfache Beobachten meines Verhaltens, z. B. durch eine Videokamera gewinne. Der objektive Blick auf einen selbst ist oft ebenso ernüchternd wie erhellend (und auch erheiternd). Weniger offensichtlich, doch ebenso bedeutend sind die Erkenntnisse der Neurophysiologie und der Autopoiese. Achtsamkeit in diesem Bereich kann beispielsweise durch die Lektüre von Büchern wie Der Geist fiel nicht vom Himmel[3] oder Biologie der Angst[4] entstehen, durch die wir erkennen, in welchem Maße neuronale Strukturen und Muster unser Bewusstein und unter Verhalten steuern.

Den systemischen Aspekten unsere Seins können wir uns achtsam über die Soziologie nähern. Seit Karl Marx ist der bedeutende Einfluss der sozioökonomischen Systeme, in denen wir leben, auf unser Bewusstsein sprichwörtlich geworden. Etwas verborgener, doch nicht weniger wirksam sind die Einflüsse, die im Inneren von Systemen wirken, jedoch von außen betrachtet werden können. Niklas Luhmann beispielsweise hat durch seine Arbeit diese Perspektive ernorm bereichert und erhellt. Die systemtheoretischen Perspektiven geben uns Auskünfte über so bedeutende Themen wie Vertrauen, Liebe, Macht, Religion, Moral und Protest, die wir durch noch so viel Achtsamkeit in anderen Bereichen nie erlangen könnten.

 

Kopf und Herz

Die integrale Achtsamkeitspraxis verbindet Wissen und Fühlen zu einer umfassenden Erfahrung all unserer Lebensdimensionen, bei der wir uns empathisch mit uns selbst als einem fühlenden Subjekt, mit anderen Menschen und Wesen als empfindende Weggefährten und mit der äußeren Welt als einem belebten Universum verbunden fühlen.

 

 


Quelle: IP 23 – 12/2012


[1] Aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Achtsamkeit

[2] Wilber spricht in diesem Zusammenhang von den „3 S“ des Bewusstseins, den Phänomenen und Zuständen (states), den Strukturen (structures) und den Psychodynamiken und Schatten (shadow).

[3] Hoimar von Ditfurth, dtv

[4] Gerald Hüther, Vandenhoeck