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27.3.2017 : 18:19 : +0200

Ken Wilber zu Eckhart Tolle

übersetzt und eingeleitet von Michael Habecker (die Zwischenüberschriften sind im Originaltranskript nicht enthalten)

Ken Wilber gilt als einer der führenden integralen Philosophen, der mit Büchern wie Integrale Spiritualität dieses Modell auch konkret auf Themen wie Spiritualität anwendet. Eckhart Tolle gilt als einer der großen zeitgenössischen Mystiker und einer der weltweit populärsten „spirituellen“ Menschen.

Eine spannende Frage ist: Wie denken diese beiden übereinander? Von Tolle kenne ich keine Aussage zu Wilber, doch von Wilber gibt es Aussagen zu Tolle im Rahmen eines Interviews, das Bill Harris vor einigen Jahren mit Ken Wilber geführt hat.

http://talentdevelop.com/articles/BHIKW.html

Das Interview

Nach einer kurzen Einleitung von Bill Harris wird Ken gebeten, von sich und seiner Arbeit zu erzählen. Dann wendet sich das Gespräch Eckhart Tolle zu.

Würdigung und Ergänzungen

Ken Wilber: Bei der Betrachtung von Eckhart sehen wir meistens zuerst all das Positive, was er gemacht hat. Dafür gibt es viel Platz auf der integralen, holistischen, kulturübergreifenden Landkarte. Hier applaudieren wir und freuen uns sehr, dass Oprah [Winfrey, eine bekannte amerikanische Talkmasterin, A. d. Ü.] diesem Teil der Bewusstheit so viel Zeit und Aufmerksamkeit widmet. Es geht dabei um den Aspekt des Bewusstseins, der transzendent und zeitlos ist und sich auf die reine Gegenwärtigkeit konzentriert, das reine Jetzt, von dem alle MystikerInnen sagen, dass dies die Pforte zur Befreiung ist. Es ist fantastisch, dass darauf aufmerksam gemacht wird, und darüber werden wir sprechen, denke ich. Doch wir werden auch über ein paar zusätzliche Dinge sprechen, die diesen Prozess noch effektiver machen können, und die andere Aspekte des Menschseins und des menschlichen Potenzials berühren, die Eckhart nicht erwähnt, die jedoch die Techniken des Menschen, im JETZT zu sein, noch effektiver machen würden.

Zum einen geht es also um die Würdigung und unsere besten Wünsche für das, was Eckhart und Oprah machen, doch es geht auch um ein paar Ergänzungen, die man zusätzlich zu dem machen kann, was Eckhart empfiehlt.

Bill Harris: Etwas, was viele Menschen, die den Dialog zwischen Oprah und Eckhart verfolgen, vielleicht nicht wissen, ist, dass es eine große Anzahl von Menschen gibt, man könnte es als eine Subkultur bezeichnen, die sich schon sehr lange mit dem beschäftigen, wovon er spricht. Es gibt sogar viele unterschiedliche Schulen und Praktiken und viele Menschen, die sich in einem vergleichbaren Zustand befinden wie Tolle und Ähnliches praktizieren wie das, worüber er spricht. Das [von Ken Wilber ins Leben gerufene, A. d. Ü.] Integral Institute hat viele dieser Menschen zusammengebracht, damit sie einander kennenlernen und voneinander lernen und sich ihre Arbeit gegenseitig befruchten kann. Es stehen also eine große Anzahl von Möglichkeiten und Quellen den Menschen hierfür offen, und was wir tun können, ist, darauf hinzuweisen. 

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Ost und West (Licht und Schatten) integrieren

KW: Das ist sicherlich so. Eckhart Tolle sagt selbst, dass er im Wesentlichen östliche Formen der Meditation wieder einführt, und natürlich finden wir das auch in westlichen Formen der Kontemplation, die Aufmerksamkeit auf das zeitlose Jetzt, die reine Gegenwärtigkeit als eine Pforte zur Befreiung. Wir finden das in den mystischen Schulen der Religionen und der Spiritualität auf der ganzen Welt. Wir finden es jedoch nicht in den Formen der Psychiatrie und der Psychotherapie des Westens. Der Westen hat an dieser Stelle andere Formen entwickelt, wie Menschen geholfen werden kann. Hier möchte nun ein integraler Ansatz das Beste von beidem verbinden. Zum einen die Arbeit mit dem Schattenmaterial, worauf sich der Westen spezialisiert hat – Schattenmaterial, welches unbewusst ist, abgespaltenes und unterdrücktes Material, das früher einmal zu einem gehörte, doch das wir abgespalten haben und das nun Symptome, Schmerzen und Leid verursacht. Es gibt eine Reihe recht einfacher Techniken, wie man den Schatten wieder integrieren kann. Das ist eine der Methoden, die wir dabei empfehlen. Wir haben ein Starter Kit zur Integralen Lebenspraxis entwickelt, welches, ausgehend von der integralen Landkarte, alle diese Basistechniken enthält, und die Schattenarbeit ist eine davon. Die vier von uns empfohlenen Basismodule sind Körper, Geist, GEIST und Schatten, und dann gibt es noch Zusatzmodule. Eckhart arbeitet überwiegend mit der GEIST Komponente, der Komponente der immer gegenwärtigen Bewusstheit, dem reinen Jetzt-Augenblick, der frei ist von Vergangenheit und Zukunft, und daher auch frei von Schuld und Angst, und der auch, in spirituellen Begriffen ausgedrückt, den Zugang darstellt zur wirklichen Einheit mit dem GEIST.

Diejenigen, die lediglich mit meditativen Komponenten arbeiten und nicht so sehr mit ihren Schattenanteilen oder mit Elementen westlicher Entwicklungspsychologie, stellen im Grunde die gesamte Palette der mystischen Traditionen der Welt dar – sowohl im Osten wie im Westen, im Zen, Vedanta und Taoismus des Ostens, im Sufismus, im Neoplatonismus, der Kabbalah und bestimmten Formen der Konzentration, des Gebets und des Christentums im Westen. Überall geht es dabei darum, über die normale, gewöhnliche, egoische Orientierung des Bewusstseins hinauszugelangen und sich zu öffnen für einen radikal unermesslichen, offenen, unendlichen überbewussten Bereich. Ob dieser Bereich nun mit Brahman oder Allah oder Vishnu oder Shiva oder Dharmakaya bezeichnet wird, dies ist die wahre und letztendliche Identität für die großen mystischen Traditionen der Welt. Das ist keine der üblichen dogmatisch-mythischen Orientierungen, sondern es ist die mystische Praxis der Welt. Die Entdeckung dieses Bewusstseins ist das letztendliche Ziel im Leben, und es ist natürlich auch das Ziel von Spiritualität. Eckhart macht in seinem Buch JETZT sehr deutlich, dass er ein spontanes Erwachen zu diesem überbewussten Zustand erlebt hat, zu diesem zeitlosen, immer-gegenwärtigen Augenblick, und daher kann er auch mit großer Autorität über diesen Zustand sprechen. Was er dabei jedoch nicht genug betont, ist, dass die Erreichung dieses Zustands für die allermeisten Menschen einen Preis hat.

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Der Schatten

BH: Absolut. Du hast den Schatten erwähnt, und vielleicht wissen einige von denen, die uns zuhören, nicht, was damit gemeint ist. Kannst du das erläutern? Bevor wir mit der Aufzeichnung dieses Gespräches begonnen haben, sprachen wir darüber, dass das Schattenmaterial eines von den Dingen ist, das die Menschen daran hindert, in der Gegenwärtigkeit zu verweilen. Was ist der Schatten, und wie kann man – integral – mit ihm umgehen?

KW: Wenn man damit beginnt, dem JETZT seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, dann erkennt man dabei ziemlich schnell, dass sich, wenn man einfach nur aufmerksam gegenüber der reinen Gegenwärtigkeit ist, die meisten der Schwierigkeiten des Lebens zu verflüchtigen scheinen. Und es ist wirklich so, dass man frei von Vergangenheit und Zukunft ist, offen für die reine Gegenwärtigkeit. Und die reine Gegenwärtigkeit scheint grenzenlos zu sein, weit offen, und weitgehend frei von Ängsten und Depressionen. Dies ist eindeutig der Ort, an dem man leben möchte, und das sagen auch die Mystiker. Beginnt man das jedoch als eine Praxis auszuüben, dann bemerkt man „ich bin mir des Jetzt-Augenblicks bewusst, ich bin mir des Jetzt-Augenblicks bewusst, ich bin mir des Jetzt-Augenblicks bewusst“, und dann geht das wieder weg. Irgendwo hat man diese Spur verloren. Irgendwann ist man in Gedanken gefangen, die sich um Gestern oder Morgen oder andere Ablenkungen drehen.

Die Ursache dafür ist ein wichtiger Aspekt, den es bei jeder Art von integraler Praxis, spiritueller Praxis oder irgendeiner integral-spirituellen Praxis zu beachten gilt. Es geht darum, zu verstehen, warum diese Faktoren mich dazu veranlassen, aus dem JETZT-Augenblick herauszufallen.

Dabei gibt es mindestens zwei wirklich wichtige Faktoren, und einer davon ist der Schatten. Der Schatten ist alles unbewusste, vom Selbst abgespaltene Material, das wir aus unserem Bewusstsein herausgedrängt haben und zu verleugnen und zu projizieren versuchen. Dabei kann es sich um Gefühle von Zorn, Eifersucht, um sexuelle Impulse oder Machtimpulse handeln. Irgendwann in unserer Vergangenheit wurden uns diese Gefühle unangenehm, und daher begannen wir, sie auf eine typisch Freud’sche Weise aus unserem Bewusstsein zu verdrängen und sie auf andere Menschen zu projizieren. „Oh, ich bin nicht zornig, sondern dieser andere Mensch ist zornig“, wir verschieben sie, und sie tauchen dann verkleidet, unangenehm und krankhaft irgendwo wieder auf. Man gibt also dem JETZT seine Aufmerksamkeit, immer wieder, und plötzlich nicht mehr, und einer der Gründe, warum man sie verliert, ist der, dass man in Schattenmaterial gefangen ist.

Der Schatten ist etwas, was in der Vergangenheit gebildet wurde und was einen wieder in die Vergangenheit zurückzieht. Man trifft vielleicht auf jemanden, der einen an die eigenen Schattenelemente erinnert, und plötzlich wird der Schatten reaktiviert, und ebenso plötzlich ist man aus dem JETZT herausgefallen. Das ist etwas sehr Mächtiges, was es einem erschwert, im JETZT zu bleiben.

Eine der Möglichkeiten, wie wir damit arbeiten können ist die der Schattenarbeit, die wir im Rahmen einer integralen Lebenspraxis als ein Basismodul bezeichnen. Es geht darum, Schattenmaterial zu erkennen, mit ihm in einen Dialog einzutreten, sich wieder mit ihm zu identifizieren und es zu re-integrieren. So kann man es wieder zu einem Teil seiner selbst machen und es dann auch loslassen. Damit wird es buchstäblich transzendiert und zieht einen nicht ständig aus dem JETZT heraus.

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Beispiel Schattenarbeit

BH: Kannst du dafür ein paar Beispiele geben?

KW: Gerne. Nehmen wir an, jemand hat Wut oder Aggression, die sich beispielsweise gegen den Partner oder den Chef richtet, und in der Nacht hat dieser Mensch einen Traum, in dem ein Monster ihn attackiert. Dieses Monster kann viele Ursachen haben, aber in unserem Fall ist dieses Monster die Aggression, der eigene Zorn, der nach außen projiziert wurde und sich in dieser Form zeigt und sich gegen einen selbst richtet, anstatt sich gegen die Person zu richten, auf die man wütend ist. Man möchte ein netter Junge oder ein nettes Mädchen sein, und daher hat man keine Wut. Anstatt also wütend gegenüber dem Partner oder dem Chef zu sein, wird die Wut auf andere Menschen projiziert oder sie erscheint in einer anderen Form, wie im Traum, und attackiert einen. Das Monster ist also hinter einem her. Es ist wütend auf einen, es möchte einen auffressen. Was wir mit der Schattenarbeit machen, ist, wir nehmen diese sehr eindrucksvollen, machtvollen und sehr beunruhigenden Traumbilder – und dabei kann es sich auch um etwas Positives handeln, man kann auch eigene positive Eigenschaften projizieren, in eine romantische Beziehung beispielsweise, wo man sich in Eigenschaften verliebt, die zu einem selbst gehören, und das geschieht sehr oft ... 

BH: Die man jedoch nicht als zu sich gehörig erkennt.

KW: Ja, genau. Was wir also bei der Schattenarbeit machen, ob positive Eigenschaft oder negative Eigenschaft: wir nehmen diese Bilder, es kann sich um Eindrücke während des Tages oder im Traum handeln, wir identifizieren sie und setzen sie gewissermaßen in einen Stuhl. Wir stellen uns einen leeren Stuhl vor, wir setzen die Gestalt oder was es auch immer ist, dort hinein und beginnen mit ihr zu sprechen. „Was willst du?“ Und dann nehmen wir die Rolle des Monsters ein und sprechen als das Monster zu uns. „Ich möchte dich umbringen“, und so weiter hin und her, die Rollen wechselnd, und wir identifizieren uns dabei immer mehr mit den Emotionen dieses Monsters, und schließlich, wenn es uns damit besser geht, identifizieren wir uns mit dem Monster. Ich bin das Monster. Ich habe diese Wut. Ich bin zornig gegenüber der Welt. Und wenn diese Identifikation stattfinden kann, dann entspannt sich die Wut, und sie kann sich auflösen – so weit ein kurzes Beispiel dazu.

BH: Und wenn es sich um den Chef dabei gehandelt hat, dann sagt er vielleicht in dem vorgestellten Gespräch „Ich möchte dich kontrollieren. Ich möchte dein Boss sein. Ich möchte, dass du das machst, was ich dir sage.“ Er sagt Dinge dieser Art, wie auch immer die Dynamik sich darstellt, und am Ende übernimmt man selber diese Eigenschaften. „Ich möchte jeden kontrollieren. Ich bin genervt, weil mein Leben außer Kontrolle ist!“ und so weiter.

KW: Richtig, und wenn man sich mit diesen Eigenschaften identifiziert, sie in sich selber erkennt und sich mit ihnen anfreundet, dann verändern sie sich, sie werden weicher, umgänglicher, und sehr viel weniger problematisch, und sie werden auch sehr, sehr viel weniger nach außen projiziert. So lange man in einer eigenen Welt voller Projektionen lebt, ist es sehr schwierig, im JETZT zu bleiben, weil man jedes Mal, wenn der Chef oder Partner oder monsterähnliche Gestalten in das eigene Bewusstsein eintreten, aus der Spur gerät und sich in seinen Projektionen verliert.

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Im JETZT bleiben können

Diese psychologischen unbewussten Aspekte sind einer der Hauptgründe, die einen aus dem JETZT herausziehen, und daher sind sie eines der Hauptdinge, mit denen wir arbeiten wollen. Ein weiterer Grund für die Schattenarbeit ist der, dass wir wissen, dass man gute Fortschritte im Hinblick auf die JETZT Bewusstheit machen kann, ohne sich dabei um die Schattenanteile zu kümmern. Es gibt Menschen, die viele Jahre meditieren und immer noch wirklich schwerwiegende Schattenthemen haben und diese ignorieren und zurückdrängen. Daher wollen wir so früh wie möglich damit anfangen, mit diesen unseren Anteilen Frieden zu schließen und sie wieder in uns zu integrieren. Wenn wir das tun, können wir sehr viel leichter ins JETZT eintreten und auch darin bleiben, das wird dann sehr viel stabiler und effizienter.

BH: Eines der Dinge, die Menschen daran hindern, im JETZT zu bleiben, ist also das unerledigte Schattenzeug. Um es noch deutlicher zu machen, könnte man vielleicht sagen, dass, wenn bestimmte Menschen oder Situationen einen ständig nerven, wahrscheinlich ein eigener Schattenaspekt mit dabei ist. Das gleiche kann man sagen über Dinge oder Eigenschaften, zu denen man sich ständig hingezogen fühlt, die man auf einen Sockel stellt und idealisiert. Auch dabei könnte es sich um einen eigenen positiven Schatten handeln, etwas was man von sich abgespalten hat. Mit beidem ist es wichtig zu arbeiten, und beides kann einen davon abhalten, im Augenblick zu bleiben, auch die positiven Projektionen.

KW: So ist es. Es ist wichtig, beides zu erkennen und damit zu arbeiten. Eine einfache Möglichkeit besteht darin, am Ende eines jeden Tages diesen Tag innerlich noch einmal Revue passieren zu lassen und sich in Erinnerung zu rufen, was einen am meisten geärgert hat und zu was man sich am meisten hingezogen gefühlt hat. Beides sind Eindrücke, mit denen man gut Schattenarbeit machen kann. Das gilt auch für den Tagesbeginn. Am Morgen kann man sich die Träume der vergangenen Nacht vergegenwärtigen und sich die Bilder anschauen, die einen geärgert oder geängstigt haben, oder auch die, zu denen man sich auf eine überwältigende Weise hingezogen gefühlt hat. Dies bedeutet nicht, dass man, um beim Beispiel des Chefs zu bleiben, nicht wirklich einen Chef hat, der kontrolliert. Die Frage dabei ist, warum regt mich das auf und andere nicht? Man regt sich nur dann darüber auf, wenn man einen eigenen Kontrollaspekt auf den Chef projiziert. Es ist nicht so, dass es diese negativen und positiven Aspekte nicht draußen in der Welt gibt. Es gibt sie. Doch wenn man sie zugleich in sich hat und sie auf andere projiziert, dann sieht man gewissermaßen eine doppelte Ladung, und das ist es, was einen nervt.

BH: Ja, wenn bei einem selbst durch diese Leute Knöpfe gedrückt werden und man darauf anspringt, andere jedoch nicht, obwohl sie das gleiche erleben, dann registrieren die anderen einfach nur etwas, während man sich selbst darüber aufregt.

KW: Ganz genau. Darauf müssen wir also achten, wenn wir in und mit dem JETZT arbeiten.

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Die Strukturen (Stufen) des Bewusstseins

Ein weiterer Aspekt, den wir an dieser Stelle erwähnen sollten, ist etwas komplizierter. Er basiert auf der einfachen Vorstellung, dass Menschen, die mit dem JETZT arbeiten, oft einen wesentlichen Faktor auslassen. Sie sagen beispielsweise, „Wenn jeder im JETZT leben würde, dann hätte die Welt keine Probleme, weil nur diejenigen, die nicht im JETZT leben, sondern in der Vergangenheit oder in der Zukunft, Sorgen, Ängste und alle Arten von negativen Emotionen erschaffen, und diese dann in die Welt hinaustragen. Daher kommen die Probleme der Welt.“ Wenn wir also alle im JETZT leben würden, dann wären alle unsere Sorgen und Probleme gelöst – und diese Einstellung ist auch in den mystischen Traditionen sehr verbreitet. Hier kommt eine andere bedeutende Entdeckung des Westens zum Tragen, die es zu einer wahrhaft integralen spirituellen Praxis hinzuzufügen gilt. Diese Entdeckung besagt, dass es nicht nur Zustände des Bewusstseins gibt, wie ein JETZT Bewusstseinszustand, sondern dass es auch Stufen des Bewusstseins gibt. Es gibt Bewusstseinsstrukturen und diese entwickeln sich. Zustände entwickeln sich im Allgemeinen nicht, außer wenn sie trainiert werden. Bewusstseinszustände sind so etwas wie der Wachzustand, der Traumzustand, der traumlose Tiefschlaf, das immer-gegenwärtige JETZT, und diese Zustände des Bewusstseins haben die Tendenz, zu kommen und zu gehen.

Bewusstseinsstrukturen hingegen entwickeln sich. Sie entwickeln sich in Stufen, und einer der ersten Menschen im Westen, der dies entdeckt und darauf hingewiesen hat, war Jean Gebser. Er bezeichnete dies mit dem Wort Stufen, Stufen, durch welche sich die Menschheit hindurchentwickelt hat, und Stufen, durch die sich jedes Individuum hindurchentwickelt, bis auf den heutigen Tag. Jeder Mensch, der geboren wird, entwickelt sich durch diese Stufen, die z. B. mit archaisch, magisch, mythisch, rational, pluralistisch und integral bezeichnet werden. Schaut man sich diese Entwicklungsstufen an und betrachtet dabei die mythische Stufe, dann ist dies die Stufe traditioneller Werte, die fundamentalistische Stufe, wo Moses tatsächlich das Rote Meer teilte und Christus wirklich von einer biologischen Jungfrau geboren wurde usw. Die rationale Stufe ist die Stufe und Grundlage moderner Werte, moderner Wissenschaft, moderner Forschung, die westliche Aufklärung und Moderne usw. Pluralismus ist die Basis post-moderner Werte, einschließlich des Multikulturalismus, multikultureller Sensitivität, Relativismus und so weiter. Diese drei Entwicklungsstufen sind die Ausgangsbasis für die Kulturkriege in unseren Kulturen.

Im Wesentlichen geht es dabei um traditionelle Werte gegen moderne Werte gegen postmoderne Werte. Diese Stufen gibt es, und Menschen befinden sich in ihrer Entwicklung auf einer von ihnen, und auch wenn sie mit dem JETZT in Berührung kommen, befinden sie sich nach wie vor auf einer dieser Stufen. Was die Welt also braucht, sind nicht nur Menschen, die mit dem JETZT in Berührung kommen, sondern Menschen, die sich durch diese Stufen bereits hindurchentwickelt haben.

BH: Absolut. Auf welcher Entwicklungsstufe sich ein Mensch also auch immer befindet, wenn er oder sie eine Erfahrung macht, einschließlich einer Erfahrung des JETZT, wird er oder sie diese Erfahrung entsprechend der eigenen Entwicklungsstufe interpretieren.

KW: So ist es.

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Bewusstseinsstufen und Interpretationen

BH: Könntest du beschreiben, wie die unterschiedlichen Entwicklungsstufen die Erfahrung des JETZT interpretieren?

KW: Ja. Jemand auf der mythischen, fundamentalistischen Entwicklungsstufe würde dies als eine absolute Wahrheit erleben, welche jedoch nur einer einzigen Gruppe von Menschen offenbart wird, weil die traditionelle Entwicklungsstufe sehr ethnozentrisch ist. Sie glaubt an Gottes auserwähltes Volk, und tendiert dazu sehr militaristisch und sehr patriarchal zu sein. Jemand auf dieser Entwicklungsstufe mit einer JETZT Erfahrung wird diese Erfahrung als etwas erleben, was nur einer bestimmten Gruppe von Menschen geoffenbart wird, eine Wahrheit die z. B. vom Glauben an die Bibel abhängt oder an den Koran, wenn diese Erfahrung einem islamischen Fundamentalisten widerfährt. Gleiches gilt für einen fundamentalistischen Buddhisten oder Hinduisten usw. Dies ist sehr verbreitet, und etwa 70% der Weltbevölkerung befindet sich auf dieser ethnozentrischen Entwicklungsstufe oder noch darunter.

Auf der rationalen, modernen Entwicklungsstufe wird jemand die JETZT Erfahrung als eine der Welt zugrunde liegende Wirklichkeit interpretieren, als einen Seinsgrund, als eine Wahrheit, die für alle Menschen gilt, unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft. Dies ist etwas Universelles, und es ist etwas, an das man sehr stark glaubt.

Auf der nächsten Entwicklungsstufe, der pluralistischen oder postmodernen Entwicklungsstufe, wird die JETZT Erfahrung auch als eine Wahrheit erlebt, doch jetzt ist es eine persönlich erlebte Wahrheit, von der gesagt wird, dass andere Menschen andere Erfahrungen dieses JETZT machen werden. Das JETZT, so würde man sagen, zeigt sich in unterschiedlichen Formen und Weisen und ist daher nicht universell, weil es für jemanden auf der pluralistischen Entwicklungsstufe keine universellen Wahrheiten gibt. Daher wird man auf dieser Entwicklungsstufe, wenn man diese kraftvolle und überwältigende Erfahrung gemacht hat, sie danach auf eine pluralistische Weise interpretieren.

Dies sind Beispiele dafür, wie Menschen JETZT Erfahrungen entsprechend der Entwicklungsstufe interpretieren, auf welcher sie sich befinden. Man sollte dabei noch bedenken, dass all diese frühen Entwicklungsstufen glauben, ihre jeweilige Wertestruktur sei die einzig richtige. Die Fundamentalisten glauben, dass ihre fundamentalistischen Werte die einzig wahren Werte sind und die Modernisten glauben, dass moderne, wissenschaftliche Methoden und moderne Rationalität die einzigen Methoden sind, die zur Wahrheit führen und dass alles andere falsch ist. Die Postmodernisten und die Pluralisten glauben dagegen, dass auch die Wissenschaft nicht realer wäre als Poesie. Für sie ist alle Wahrheit relativ. Sie glauben an ihre Wahrheit, die besagt, dass jegliche Wahrheit relativ ist, und dass dies die einzig richtige Wahrheit der Welt wäre.

Geht man noch eine Entwicklungsstufe weiter, die auch als integrale oder integrative Stufe bezeichnet wird, dann ist das die erste Stufe, wo Menschen, die sich auf ihr befinden, erkennen, dass die Werte aller vorherigen Entwicklungsstufen ihren eigenen Wert haben. Sie alle spielen eine wichtige Rolle. Sie sind grundlegend wichtig, sie existieren aus einem bedeutenden Grund und sind ein Teil der menschlichen Entwicklung. Die integrale Stufe lässt der gesamten bisherigen Entwicklung Raum, und ihr ist klar, dass alle Stufen für das Gesamtwachstum von Bedeutung sind. Man könnte die ideale Situation für einen Menschen daher so zusammenfassen, dass er oder sie im JETZT eines jeden Augenblicks zu Hause ist und sich dabei auf einer integralen Entwicklungsstufe befindet. Diese Kombination gibt uns die Chance für einen Weltfrieden, während Menschen, die sich auf der pluralistischen oder der modernen oder der traditionellen Entwicklungsstufe befinden, keinen Weltfrieden schaffen können, weil ihre unterschiedlichen Werte sich alle im Krieg miteinander befinden. Jeder dieser Werte glaubt von sich, dass er der einzig richtige wäre und dass alle anderen sich irren. Diese Haltung ist eine Garantie für Krieg, auch wenn die betreffenden Menschen aus dem Augenblick des JETZT heraus leben. Hier ist also etwas zu ergänzen: Es gilt, im Kontakt mit dem JETZT zu sein, doch bei der Interpretation dieses Augenblicks ihn von der höchstmöglichen derzeitigen Entwicklungsstruktur aus zu interpretieren, und diese Struktur wird derzeit als integrale Struktur bezeichnet.

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Zweierlei Wachstum

Es geht hier also um zweierlei Wachstum, dem wir unsere Aufmerksamkeit geben sollten. Eines davon ist ein vertikales Wachstum durch die Entwicklungsstufen von archaisch zu magisch zu mythisch zu rational zu pluralistisch zu integral, und das zweite ist eine Art von Wachstum in das JETZT hinein. Vollzieht man jedoch nur eines davon und lässt das andere weg, dann fehlt ein ganz wesentlicher Teil dessen, was Menschsein bedeutet, etwas, was eine enorme Rolle spielt für die eigene Befreiung.

BH: Wir sollten dabei noch erwähnen, dass sich Menschen in einer Abfolge durch diese Stufen entwickeln. Man kann beispielsweise nicht in einem Schritt vom Mythischen zum Integralen gelangen. Der Entwicklungsweg folgt einer bestimmten Abfolge, um die man nicht herum kommt.  

KW: Genau so ist es. In unserer postmodernen Zeit, wo niemand gesagt bekommen möchte, was wahr ist, und niemand gesagt bekommen möchte, was er oder sie zu tun oder zu lassen hat, reagieren Leute manchmal gereizt auf die Vorstellung von Entwicklungsstufen. Doch die Stufen, über die wir hier reden, sind Wachstums- oder Verwirklichungsstufen und sie unterscheiden sich von Herrschaftsstufen. Verwirklichungsstufen entsprechen der Art und Weise, wie die Natur wächst und sich entwickelt. Von einem Atom zu einem Molekül zu einer Zelle zu einem Organismus. Dies sind vier gute Entwicklungsstufen. Es sind Stufen der Verwirklichung, von denen jede auf ihren Vorgängern aufbaut. Jede Stufe transzendiert und beinhaltet in gewisser Weise ihre Vorgängerstufen, Moleküle transzendieren und beinhalten Atome. Sie umarmen sie, ganz konkret, und das gleiche gilt für Zellen. Zellen transzendieren und beinhalten Moleküle. Sie umfassen sie, sie nehmen sie physisch in sich auf, und das ist das, was bei einer wahren Stufenabfolge geschieht. Von archaisch zu magisch zu mythisch zu rational – diese Stufen, immer höher, umfassen ihre Vorgänger, doch, wie du schon sagtest, es kann dabei keine Stufe übersprungen werden. Man kann nicht von Atomen zu Zellen gelangen und dabei die Moleküle überspringen, weil die Moleküle Voraussetzung für die Zellenbildung sind. Diese Stufen sind tatsächlich ein Teil unseres Wachstums, sind die Art und Weise, wie wir uns verwirklichen, wie unsere Perspektiven zunehmen, und dabei kann keine der Stufen übersprungen werden. Stufen sind eine unveränderliche Abfolge von Verwirklichungen.

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Entwicklung als Perspektiverweiterung

BH: Ein Schlüsselelement dabei hast du gerade erwähnt, die Perspektiverweiterung, bei der jede der Entwicklungsebenen eine umfassendere, weitere Perspektive bedeutet. Kannst du dazu noch etwas sagen?

KW: Eines der außerordentlichen Dinge im Zusammenhang mit diesen vertikalen Wachstumsskalen ist, dass sich dabei die eigene Perspektive, die eigene Identität mit jedem Wachstumsschritt ausweitet. Dies bedeutet auf den frühen Stufen von archaisch und magisch beispielsweise, dass die Menschen auf diesen Stufen lediglich die Perspektive einer ersten Person einnehmen können, eine narzisstische und egozentrische Perspektive, die es ihnen nicht ermöglicht, die Sichtweise einer anderen Person einzunehmen. Sie können sich nicht in andere hineinversetzen. Dieses Sich-Hineinversetzen- Können geschieht dann auf der mythischen, traditionellen Wertestufe, bei der sich die Perspektive einer ersten Person erweitert zur Perspektive einer zweiten Person. Das bedeutet, dass man zumindest die Perspektive einer anderen Person mit in Betracht ziehen kann. Die Identität auf der mythischen, traditionellen, fundamentalistischen Entwicklungsstufe erweitert sich also von einem einzelnen Ich hin zu einem Stamm oder einer Nation, jedoch nicht darüber hinaus. Das ist der Grund, warum traditionelle Werte zur Ethnozentrik tendieren. In ihr sind nur „meine Leute“ enthalten und nicht alle Menschen, nur eine Gruppe von Auserwählten, was bei den traditionellen Systemen überall auf der Welt zu Ethnozentrik führt.

Auf der rationalen Entwicklungsebene erweitert sich die Perspektive erneut von der Perspektive einer zweiten Person zur Perspektive einer dritten Person, und „dritte Person“ meint im Wesentlichen eine universelle Sichtweise. Mit dem Beginn der rationalen Entwicklungsstufe werden Menschen nach weltzentrischen Maßstäben beurteilt, nicht mehr nach egozentrischen (archaisch, magisch), und auch nicht nach ethnozentrischen (traditionell), sondern nach weltzentrischen Maßstäben, d. h. unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Glauben oder Herkunft. Erneut hat sich also die Perspektive erweitert, und dieser Prozess geht mit dem Entwicklungsfortschritt immer weiter.

Deshalb sind diese vertikalen Wachstumsstufen so bedeutend für den Weltfrieden, für unser eigenes Wachstum, für unsere Freiheit und Befreiung – sie geben uns immer mehr „Augen“ und Blickrichtungen, durch die wir schauen können. Bei jedem Entwicklungsschritt erweitert sich unsere Identität. Auch unsere Fürsorge, unser Mitgefühl und unsere Fähigkeiten zu lieben erweitern sich mit der Zunahme der Perspektiven dramatisch. Man kann sich also, um das noch einmal zu sagen, auf einer fundamentalistischen Entwicklungsstufe befinden und dabei eine vollständige JETZT Erfahrung haben, doch man wird diese Erfahrung dann nach ethnozentrischen Standards interpretieren. Daher ist es so wichtig, den Zuständen des JETZT die vertikalen Entwicklungsstufen hinzuzufügen, weil zu unserer Freiheit beides gehört.

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Aus dem JETZT leben und entwickelt sein

Was wir also nicht brauchen, sind Leute, die aus dem JETZT heraus leben, die glauben, sie wären an das Absolute angeschlossen, dabei aber in ihrer Entwicklung auf der, sagen wir, traditionellen Stufe verharren, was ihre Absolutheit ethnozentrisch macht. Es sind dann wieder nur einige Auserwählte, denen aus ihrer Sicht diese Verwirklichung offen steht und niemand anderem. Wir kennen einige Mystiker, die sehr aggressiv, kriegerisch und ethnozentrisch sind. Sie sind sich dabei vollkommen des JETZT, des zeitlosen JETZT bewusst. Sie sind vollkommen daran angeschlossen, doch ihr vertikales Wachstum ist nicht auf dem Stand, auf dem es sein könnte. Deshalb sollten wir vorsichtig sein, lediglich das JETZT zu feiern.

Auf der anderen Seite gibt es viele westliche Entwicklungsforscher, die lediglich die vertikalen Entwicklungsstufen betonen, archaisch, magisch, mythisch, rational usw., und das zeitlose JETZT nicht kennen. Sie haben keinerlei Vorstellung von einer derartigen Gegenwärtigkeit und keine Vorstellung einer höchsten Identität des Selbst mit dem Seinsgrund. Beide Seiten können also einseitig darin sein, den jeweils anderen Aspekt unberücksichtigt zu lassen. Es gibt diese Hauptwege menschlichen Wachstums. Der eine durchläuft vertikale Strukturstufen, und der andere horizontale Zustände. Beide sind wichtig. Beide sind absolut wichtig.

BH: Dies führt mich zu einer Reihe von Fragen, die ich gerne stellen möchte. Zum einen sagst du nicht, dass es keinen Wert hätte oder nicht wünschenswert wäre, wenn Menschen auf den unteren Entwicklungsebenen das JETZT erfahren. Es scheint dabei offensichtlich zu sein, dass viele der Menschen, die Tolles Bücher gelesen haben oder die Online Lektionen von Tolle und Oprah gehört haben, sich nicht auf einer integralen Entwicklungsstufe befinden. Sie befinden sich eher auf einer der drei Stufen, die du gerade erwähnt hast. Praktisch gefragt: Wenn jemand sich das anhört und sagt, „Okay, ich befinde mich also auf der rationalen oder der pluralistischen Entwicklungsstufe“, was würde dieser Mensch konkret tun können, um mit dem zu arbeiten, was du gerade erwähnt hast?

KW: Das ist der Punkt, wo die westliche Entwicklungspsychologie ins Spiel kommt mit dem, was sie entwickelt hat, um Menschen in ihrem vertikalen Wachstum und in ihrer vertikalen Entwicklung zu unterstützen. Das ist natürlich ein komplexes Thema, doch es lässt sich zusammenfassen in den Begriffen Herausforderung und Unterstützung. Menschen sollten sich Gegebenheiten in ihrer Umgebung aussetzen, die eine Herausforderung für ihre momentane Entwicklungsebene darstellen, und die Reaktionen in Richtung der nächsthöheren Entwicklungsebene unterstützen.

BH: Was zu einer Perspektiverweiterung führt.

KW: Ja, und daher haben wir ins Integral Life Practice Starter Kit eine große Anzahl von Methodiken aufgenommen, von denen man weiß, dass sie vertikales Wachstum fördern. Ebenso haben wir Übungen mit aufgenommen, welche Menschen dabei helfen, in Kontakt mit dem JETZT zu kommen. Wir haben also beides berücksichtigt, und in diesem Zusammenhang möchte ich noch erwähnen, dass auch Meditation vertikales Wachstum unterstützen kann. Das geschieht nicht automatisch, weil sonst alle [heutigen] Mystiker sich automatisch auf einer integralen Entwicklungsstufe befinden würden, während – offen gesagt – sich eine große Anzahl von ihnen auf einer fundamentalistischen oder einer wissenschaftlichen Entwicklungsstufe befindet. Doch auch Meditation und eine spirituelle Praxis können vertikales Wachstum unterstützen. Weiteres ist dann noch erforderlich, und auch Dinge wie der Big Mind Prozess oder Holosync können sehr wirksame Beiträge für eine integrale transformative Praxis liefern, eine Praxis, die es Menschen ermöglicht, ihre Perspektiven nach oben hin zu erweitern. Sich erweiternde Perspektiven sind notwendiger Teil eines Wachstumsprozesses.

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Erwachen ist für alle da

BH: ... Meine zweite Frage ist, dass ich vermute, dass viele Menschen, die auf Tolle und Oprah gestoßen sind, auf die eine oder andere Art eine christliche Überzeugung haben. Ob sie sich auf der mythischen, der rationalen, der pluralistischen oder sogar auf der integralen Ebene befinden, sie werden bei dem, worüber Tolle spricht, auf Dinge stoßen, die dem Christentum merkwürdig erscheinen. Es setzt beispielsweise die Vorstellung voraus, dass Christus in diesem Zustand war, aber nur er allein und niemand anders, so dass er im Christentum oft als die große Ausnahme und nicht als das große Beispiel dargestellt wird. Menschen, die dann selbst in Kontakt mit derartigen Erfahrungen kommen, haben deshalb Schwierigkeiten, diese Erfahrungen mit ihren Glaubensvorstellungen in Übereinstimmung zu bringen. Ich bekomme Briefe von Menschen, die das sehr verwirrt und würde dich bitten, darüber zu sprechen.

KW: Ja, das ist ein wichtiges Thema. Viele Menschen auf der traditionell mythischen Stufe der Entwicklung und auch davor, haben die Vorstellung, dass nur ein Mensch diesen Bewusstseinszustand haben kann, aber sonst niemand. Doch bei den Mystikern im Osten und im Westen gibt es eine derartige Vorstellung nicht. Das ist so etwas wie eine politische Festlegung durch die katholische Kirche. Es gab viele Menschen, Propheten und Heilige, von denen man sagte, dass sie in einer Kommunion mit Gott oder der Gottheit leben. Was die katholische Kirche dann aus einer politischen Motivation sagte, war, „Augenblick mal. Nur ein einziger Mensch konnte in diesem Zustand der Rettung sein, und wir, die katholische Kirche, kontrollieren den Zugang zu diesem Zustand.“ Dieser Machtanspruch machte die Gnade, die dieser Zustand den Menschen bringt, abhängig von bestimmten Ritualen und Praktiken, die sich zu 100% im Besitz der katholischen Kirche befinden. Doch wir finden davon nichts im frühen Christentum, und ganz sicher auch nicht bei Jesus. Das entstand erst in den ersten 300 bis 400 Jahren der Entstehung der katholischen Kirche, und wurde dann mit der Zeit mehr und mehr kodifiziert.

BH: Auch wenn es die protestantische Konfession heute nicht genau so formulieren würde, gibt es dort auch implizit die Vorstellung, dass Jesus die große Ausnahme war.

KW: Ja. Doch man findet sogar in den synoptischen Evangelien Aussagen wie „Lasse den GEIST in dir sein, der in Jesus Christus war, auf das wir alle eins werden.“ Es gibt also sogar ganz orthodoxe Hinweise in dieser Richtung, und wenn man sich weltweit umschaut, dann gibt es eine ganz überwältigende Übereinstimung darüber, dass es ein Geburtsrecht jedes Menschen ist, in diese Zustände eintreten zu können. Jeder hat die Fähigkeit dazu, und wenn gesagt wird, dass dies nur Jesus Christus konnte, dann ist das meilenweit von dem entfernt, was uns die großen Weisheiten der Menschheit insgesamt sagen. Viele moderne Protestanten tun sich schwer damit – doch sie können das studieren, ihr Bewusstsein dafür öffnen, und dann selbst herausfinden, was stimmt.

BH: Eine der politischen Aussagen, über die du sprichst, ist der Unterschied zwischen jemandem, der genau weiß, was die Wahrheit ist und sie gegenüber allem anderen verteidigt und Menschen mit einer entwicklungsorientierten und experimentellen Perspektive, bei der es um Praxis geht und um das eigene Herausfinden von dem, was im Universum spirituell vor sich geht. Es geht darum, selbst zu praktizieren, zu erkennen, dass niemand die Wahrheit für sich gepachtet hat. Darüber spricht auch Tolle. Er gibt Hinweise auf Dinge, die man tun kann, um selbst zu erfahren, worüber Jesus und andere sprechen. Dies ist eine ganz andere Haltung, die sagt, „statt dass mir jemand anderer etwas sagt, kann ich selbst praktizieren und Erfahrungen machen.“ Darum geht es ja auch im Starter Kit, und darum geht es auch bei Holosync. Dabei können sich Perspektiven erweitern. Auch wenn sich bei einem Menschen auf der unteren Entwicklungsebene das JETZT zeigt, kann das ihn oder sie für den nächsten Entwicklungsschritt öffnen.

KW: Ja, das sehe ich auch so. Diese Art von Bewusstseinsveränderung haben wir in den zurückliegenden dreißig Jahren zunehmend erlebt, wo Menschen nicht mehr bereit sind, ein vorgegebenes Dogma einfach zu „schlucken“, nach dem Motto „wenn du diesen Mythos genau in der Weise glaubst, wie wir ihn dir verkünden, dann wirst du im Himmel wohnen. Wenn nicht, dann kommst du in die Hölle.“

BH: Und das ist etwas ganz Schlimmes.

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Spirituell, aber nicht religiös

KW: Ja, das ist etwa das, was Religion ausmachte. Doch in den zurückliegenden 20-30 Jahren geschah eine Veränderung. Auch wenn 60% der amerikanischen Bevölkerung immer noch der Kirche verbunden sind – sie gehen regelmäßig in die Kirche oder Synagoge und glauben mehr oder weniger an das Dogma, das dort verkündet wird. 60% tun das weiterhin, doch mittlerweile gibt es einen Bevölkerungsanteil von 20%, der sich als „spirituell, aber nicht religiös“ bezeichnet, und das ist genau der Anteil, von dem du sprichst. „Spirituell“ bezieht sich dabei auf eine direkte und lebendige Erfahrung. Diese ist nicht religiös im Sinne von dogmatisch fixiert, mythologisch und fundamentalistisch. 20% ist gewaltig, dies repräsentiert einen großen Bevölkerungsanteil, der auf der Suche nach Erfahrungen und experimenteller Praxis ist, und die meisten der mystischen Traditionen in der Welt bieten diese Bewusstheitspraxis. Sie bieten Übungen an und wenn man die regelmäßig macht, dann wird man entsprechende Erfahrungen haben, und das ist das, was die Menschen wollen. Sie möchten es selbst herausfinden, sie möchten eine wirkliche, lebendige Erfahrung, so wie die ursprünglichen Mystiker und Mystikerinnen, und daher ist es so wichtig, dass Oprah mit Eckhart und anderen über derartige Erfahrungen spricht – spirituell aber nicht religiös.  

BH: Ja, und ich vermute, dass viele Menschen, die sich das bei Oprah im Fernsehen anschauen, Menschen sind, die sich als „spirituell, aber nicht religiös“ bezeichnen würden.

KW: Das glaube ich auch, und glücklicherweise werden sich auch einige von denen, die sich als religiös bezeichnen, über Spiritualität Gedanken machen, und dabei einige der dogmatischen Formen aufbrechen, in denen sie feststecken.

BH: Menschen stecken in diesen dogmatischen Formen so lange fest, wie sie daraus einen Sinn für ihr Leben beziehen, doch an einem bestimmten Punkt funktioniert das nicht mehr. Die Menschen fühlen sich zuerst verloren und bemerken dann, dass bei ihnen ein Entwicklungsschritt stattfindet.

KW: So ist es.

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Alles nur heiße Luft?

BH: Ich möchte noch einen weiteren Gesichtspunkt einführen. Betrachten wir die [auf die mythische Entwicklungsstufe folgende] nächste Entwicklungsstufe, die rationale Ebene, da gibt es eine Menge Leute, die sich anhören, was Tolle sagt, (und natürlich ist er nicht der einzige, der derartiges sagt, aber wir konzentrieren uns jetzt auf ihn). Sie schauen sich das an und finden es heiße Luft und Wischiwaschi, weil es aus einer innerlichen und subjektiven Perspektive geäußert wird. Doch auch da scheint es eine Änderung zu geben, und du bist einer derjenigen, die diesbezüglich in unserer Kultur Pionierarbeit geleistet haben. Lass uns bitte darüber sprechen.

KW: Die Bewegung von der traditionellen Stufe zur rationalen Stufe ist in der Tat eine Bewegung von der Perspektive einer zweiten Person, der ethnozentrischen Perspektive und Identität hin zur Identität und Perspektive einer dritten Person. Das bedeutet, dass man sich universellen Wahrheiten öffnet und Menschen unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft betrachtet. Diese Entwicklungsstufe trat in einem Zeitraum von 100 Jahren hervor, und dabei wurde – erstmals in der Menschheitsgeschichte – in allen Kulturen dieser Stufe die Sklaverei verbannt. Wir finden Sklaverei in Garten- und Ackerbaugesellschaften, doch durch die Einnahme der Perspektive einer dritten Person der rationalen Entwicklungsstufe entstand weltzentrische Gerechtigkeit, und so etwas wie die Sklaverei wurde zu einem Unrecht. Auch der Feminismus kam auf, und das alles geschah in einem 100-jährigen Zeitabschnitt in den Jahren um 1800. Dazu gehörte auch eine Zunahme introspektiver Fähigkeiten, verbunden mit einer wissenschaftlichen Haltung, die Fähigkeit zur Innenschau und der Untersuchung dessen, was man dabei findet. Dies ist einer der Gründe, warum auch die Psychoanalyse in dieser Zeit entstand. Doch dann geschah, beginnend so etwa um 1900, und dann 1920 in diesem Land [USA] etwas, was ich den Flachland Ansatz nenne, wo die Wissenschaft aufhörte nach innen zu schauen und nur noch Äußerliches betrachtete, und das ist eine Katastrophe. Der letzte große Psychologe in diesem Land [USA], der über innerliche Bewusstseinszustände schrieb, war William James, und er war ein Genie.

BH: Und das war vor 100 Jahren.

KW: Es war vor 100 Jahren, und danach kam diese endlose Öde, wo es nichts anderes gab als den Behaviorismus, bis zu den 60er Jahren. Doch dann gab es die Explosion einer Mischung aus psychedelischen Drogen, östlichen Formen von Spiritualität und einer allmählichen Öffnung der Wissenschaften für das Innerliche. Aber es ist immer noch so, wie du sagst: Für die Wissenschaft ist Innerliches immer noch suspekt, etwas, dem man nicht trauen kann. Dennoch wurde in den zurückliegenden Jahrzehnten sehr viel erreicht in dieser Richtung, verglichen mit dem Jahrhundert davor. Durch das Studium von dem, was bei Meditation geschieht, und durch die Verwendung von CAT Scans und PET Scans und anspruchsvollen bildgebenden Verfahren bei der Untersuchung des Gehirns werden Innerlichkeiten mehr und mehr akzeptiert, einschließlich der Wirklichkeiten, die diese innerlichen Bewusstseinszustände zeigen, und das ist sehr wichtig.

BH: Absolut, und ich habe das erwähnt, weil es ja dabei den [ethnozentrischen] Einwand gibt, dass dies nicht die Wahrheit unserer Gruppe ist, und dass dies nicht von dieser bestimmten Person gesagt wurde, verbunden mit einer Ablehnung, diese Dinge selbst experimentell zu untersuchen und herauszufinden, worum es dabei geht. Ein weiterer Einwand [hinsichtlich Innerlichkeit] ist der, dass gesagt wird, es wäre nicht objektiv im Sinne von äußerlich beobachtbar. Hier liegt meines Erachtens einer der großen Beiträge von dir, indem du sagst, dass jeder Mensch subjektive, innerliche Erfahrungen macht, welche ebenso gültig sind wie objektive [äußerliche] Erfahrungen. Lediglich die Perspektive ist dabei anders, doch die Erfahrung existiert, sie ist gültig und auch experimentell überprüfbar.

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Reproduzierbare innere Erfahrungen

KW: Ja, und es gibt Typen innerlicher Erfahrungen, die reproduzierbar und in diesem Sinne öffentlich sind. Sie können weitergegeben werden, und das ist ein Teil des integralen Ansatzes und der integralen Theorie. Hier hat sich etwas geöffnet, diese Erkenntnis hat sich verbreitet, und ich freue mich, dies hier feststellen zu können.  

BH: Dennoch gibt es weiterhin viele, die sich hartnäckig weigern, dies anzuerkennen, und das alles für ein Wischiwaschi halten. Auch Galileo wurde lange Zeit nicht geglaubt. Daher wäre es vielleicht gut, wenn wir noch über das Thema Praxis reden würden.

Man kann lesen, was Tolle geschrieben hat, und dann auch den Praxisanweisungen folgen, die er gibt, und so vielleicht in das JETZT eintreten. Menschen, die das tun, und die jemandem wie Tolle oder auch jemand anderem, der aus diesem Zustand heraus spricht, zuhören, bekommen dabei manchmal diesen „höheren Kontakt“, wie wir das in den 60er und 70er Jahren nannten.

Es gibt also Wege, dorthin zu gelangen, doch es geht um mehr als nur kurze Visiten dort, und das führt uns zum Thema einer täglichen Praxis. Die meisten Menschen, mit denen ich darüber spreche, sagen: „Oh, mein Geist wandert ständig hin und her, er ist permanent aktiv“, usw. Nach mehr als 35 Jahren Meditation kann ich bestätigen, dass es einen Ort gibt, wo der Geist nicht ständig aktiv ist, wo Stille herrscht und wo der Geist nur dann aktiv wird, wenn man sich dazu entscheidet, und auch darüber spricht Tolle. Dies ist das Ergebnis von Übung und Praxis. Das Gelangen in die Gegenwärtigkeit, über die er spricht, ist für viele schwierig und oft nur für kurze Augenblicke möglich. Daher ist eine tägliche Praxis der Zugang dazu, diese Erfahrung zu verkörpern, um sie so länger aufrechterhalten zu können als einen natürlichen eigenen Zustand. Darüber sollten wir noch sprechen.

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Das Paradox des Erwachens

KW: Ja, das ist auf vielerlei Weise ein Paradox, und die mystischen Traditionen der Welt sind sich dessen bewusst. Das Paradox besteht darin, dass Bewusstheit, die Bewusstheit des JETZT, die Bewusstheit, die eins ist mit der reinen Jetztheit und die viele Namen hat – der erwachte GEIST, der befreite GEIST, Big Mind, – dass diese Bewusstheit immer gegenwärtig ist. Die Bewusstheit des JETZT ist immer gegenwärtig für alle Menschen, ob diese es nun erkennen oder nicht. Die Menschen, die uns jetzt zuhören, hören unsere Stimmen. Das geschieht ganz ohne Anstrengung. Dies kommt direkt aus dem JETZT. Du bist dir jetzt dieses JETZT bewusst. Dies ist alles, dessen du dir bewusst bist. Wenn du einen Gedanken an gestern hast, dann erscheint dieser Gedanke JETZT. Wenn du einen Gedanken an morgen hast, dann ist das nicht morgen, sondern der Gedanke an morgen erscheint JETZT. Das einzige, dessen du dir immer und überhaupt bewusst bist, ist die zeitlose Gegenwärtigkeit, und daher gibt es nichts zu tun, um in diesen Zustand zu gelangen. Es ist nicht schwierig in diesen Zustand zu gelangen – es ist unmöglich, ihn zu vermeiden.  

BH: Man kann nicht aus ihm herausfallen!

KW: Man kann nicht herausfallen! Andererseits scheint es so, als ob man nicht darin ist, wenn man sich nicht dessen bewusst ist. Und das ist das Paradox. Im Zen bezeichnet man das als das torlose Tor. Man geht hindurch, aber es gibt kein Tor, und diese Praxis ist das torlose Tor. Sie besteht darin, durch etwas hindurchzugehen, wo es keinen Durchgang gibt, und ohne Arbeit und Praxis wird man nicht grundlegend zu der immer gegenwärtigen Natur dieser Bewusstheit erwachen. Praxis ist also wichtig dabei. Auch wenn es Tausende mystischer Texte gibt, die von etwas sprechen wie einer Buddhaschaft ohne Meditation oder einem anstrengungslosen Christusbewusstsein, oder wenn jemand wie Krishnamurti sein Leben lang Aussagen machte wie „es gibt keine Technik, nichts, dies ist absolut und immer gegenwärtig“, dann stimmt das zwar, aber es zeigt sich einem erst nach Jahren der Praxis. Diese Texte wurden in den mystischen Traditionen nur an Menschen weitergegeben, die schon ein oder zwei Jahrzehnte lang meditierten, so dass sie erkennen konnten, dass die Meditation in gewisser Weise lediglich den Boden bereitet, jedoch nicht ursächlich das hervorbringt, was bereits immer gegenwärtig ist, das, was zu 100% jetzt gegenwärtig ist. Und das ist das Paradox. Es ist das torlose Tor und die schrankenlose Schranke. Zen Meister sprechen vom Verkaufen des Wassers am Fluss.

BH: Ja, man kann es nicht greifen, und man kann es nicht loswerden, wie ein anderer Zenspruch es ausdrückt. Tolle hatte dieses spontane Erwachen, und das geschieht immer wieder einmal. Eines der Dinge, die Menschen im Zusammenhang mit einer spirituellen Praxis seit Jahrtausenden interessiert, ist die Frage, auf welche todsichere Weise man dorthin gelangen kann. Doch es zeigt sich, dass es einen derartigen sicheren Weg nicht gibt, aus vielerlei Gründen, die wir hier nicht erörtern können. Eines deiner Bonmots dafür ist die Metapher von einem Unfall. Es geschieht einfach, wie ein Unfall, doch Meditation macht diesen Unfall wahrscheinlicher. Ich denke, das bringt es auf den Punkt. Niemand hat bisher eine todsichere Methode gefunden, wie man in diesen immer gegenwärtigen Zustand gelangen kann, doch viele Menschen gelangen dorthin, und die meisten davon erreichen dies über Meditation und andere Praktiken, die sie über viele, viele Jahre ausüben.

KW: Ja, das stimmt, und eines der Dinge, die wir immer mehr entdecken, und die es in vielen Traditionen bereits gibt, speziell im tibetischen Buddhismus, sind so genannte pointing out instructions, [hinweisende Instruktionen auf dasjenige, was immer gegenwärtig ist, A. d. Ü.]. Sie können Menschen dabei helfen, das immer schon Gegenwärtige sehr schnell zu erkennen, schon nach ein oder zwei Stunden Arbeit mit jemandem, der diese pointing out instructions geben kann. Der Big Mind Prozess, über den du dich ja mit Genpo Roshi unterhalten wirst, ist eine moderne und für unsere heutige Zeit geeignete Version einer derartigen pointing out instruction, die Menschen dabei unterstützen kann, bereits innerhalb einer Stunde einen unmittelbaren Einblick in den nichtdualen, immer gegenwärtigen GEIST zu erhalten. Doch das macht eine kontinuierliche Praxis nicht überflüssig, im Gegenteil. Erst durch diese Praxis können die Erfahrungen verankert werden. Man muss gewissermaßen die Muskeln trainieren, die diese Bewusstheit halten können. Spontane Geschehnisse sind wunderbar, doch ... Man tut sich einen Bärendienst, wenn man nur herumsitzt und darauf wartet, dass sich Derartiges ereignet. Das ist traurig. Also, beginnen wir mit einer Praxis. Es gibt so viele gute Praktiken, warum fangen wir nicht einfach damit an? Der Tag wird dann kommen, eher früher als später, wo sich vorübergehende Erfahrungen verstetigen und festigen und sich das eigene Verständnis dafür vertieft. Aber es beginnt mit dem ersten Schritt in Richtung einer Praxis.

BH: Ja, und diese Erfahrungen sind auch das, worüber Tolle spricht, wo das Denken [mind] aus der Vergangenheit und aus der Zukunft heraustritt und in die Gegenwärtigkeit gelangt, und dabei helfen einem die pointing out instructions. Man sitzt beispielsweise in der Meditation, achtet auf den eigenen Atem, wie er ein- und ausströmt, und wenn man das tut, tut man das in der Gegenwart. Und dann wird man von irgendetwas abgelenkt, Gedanken oder Geräuschen oder Körperwahrnehmungen oder was auch immer, und man erkennt: „Oh, ich bin nicht mehr bei meinem Atem.“ Dann kehrt man zum Atem zurück, auf eine bestimmte Weise. Von Praktiken dieser Art gibt es viele, die einem helfen, mit all dem umzugehen, was einem durch den Kopf geht und aus dem JETZT herauszieht. Es kehrt mehr Ruhe in einem ein. Und was dann noch bleibt, ist das Schattenmaterial, von dem wir gesprochen haben, das man durch Meditation nicht wirklich erreichen kann, doch mit dem man sich auf andere Weise beschäftigen kann. Ich erwähne das hier, weil ich Menschen ermutigen möchte, nicht nur Tolles Bücher zu lesen und zu sagen „Wow, ich mag diese Bücher und sie geben mir ein gutes Gefühl, wenn ich darin lese, jeden Tag ein paar Minuten, und an das JETZT erinnert werde.“ Das wird einem wahrscheinlich nicht sehr helfen. Es braucht eine Art von Praxis ...

Ich möchte zum Schluss kommen, gibt es noch etwas, was du sagen möchtest?

KW: Ich möchte noch einmal auf die Bedeutung eines umfassenden Ansatzes oder einer umfassenden Landkarte hinweisen, gerade auch wenn wir uns Praktiken zuwenden, die uns immer bewusster werden lassen. Dabei geht es darum, Wichtiges nicht zu übersehen und einen integralen Überblick zu behalten. Das scheint zuerst etwas kompliziert zu sein, doch es stellt sich als etwas sehr Einfaches heraus. Es ist die einfachste Praxis, um zu erwachen, weil alles darin enthalten ist. Es ist ein guter Weg.


Quelle: Online Journal 34, 2012