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21.8.2017 : 13:59 : +0200

Quo vadis, Spiritualität?

Dr. Dr. Katharina Ceming

Die in diesem Beitrag verwendeten Farbbezeichnungen beziehen sich auf das Entwicklungsmodell Spiraldynamics. Blau steht für  eine vormoderne und traditionelle Werte- und Bewusstseinsebene, orange für eine moderne und rational geprägte Werte- und Bewusstseinsebene, grün für eine postmoderne, egalitär-fürsorgliche und gelb für eine post-postmoderne holistische Ebene.

Wenn wir einen Blick in die Zukunft der Spiritualität wagen wollen, dann müssen wir zunächst einen Blick in die Vergangenheit der großen Religionen werfen, da Spiritualität traditionell mit ihnen verbunden war und es heute oftmals noch ist. Ken Wilber nannte die Religionen einmal das Förderband in der Entwicklung der Menschheit. Als es um die Überführung von Kulturen mit einem großen kriegerischen und aggressiven Potential in Gesellschaften ging, in denen nicht nur der Stärkere Rechte hat, sondern wo es verbindliche Regeln für alle gibt, leisteten die Religionen tatsächlich großartige Arbeit. Dies können wir vor allem im Kontext der monotheistischen Traditionen erkennen.

Sowohl der Koran als auch das Alte Testament sind Zeugnisse dieser Phase. Ihre Ethik spiegelt in weiten Zügen die Werte von blauen Kulturen wider. Die Regeln gelten für alle Mitglieder der Kultusgemeinschaft gleichermaßen und sind verbindlich, da sie als göttliche Offenbarung absoluten Wahrheitswert haben. Aber auch wenn wir in die Hindukultur blicken, können wir, wenn auch etwas anders gesellschaftlich ausgestattet, blaue Ordnungssysteme erkennen, die die einst kriegerische, arische Invasorenkultur „zivilisierte“. Die Dharmashastras, die Gesetzbücher, sind Ausdruck dieser blauen Entwicklungsstufe innerhalb der indischen Kultur.

Doch wie sieht es mit dem Förderband von blau zu orange aus? In der jüdischen und christlichen Tradition, die sehr stark in ihrer weiteren Entwicklung mit der kulturellen Entwicklung Europas verbunden war, können wir ab dem Humanismus einen neuen Schub erkennen. Innerhalb der Traditionen traten zunächst einzelne Denker auf, die die neuen Erkenntnisse insbesondere im Bereich der Naturerkundung mit dem religiösen Denken zu verbinden versuchen. Besonders Ende des 19. Jh. begannen sich sowohl im Judentum wie im Protestantismus orange Religionsformen neben den bestehenden blauen zu etablieren. Das Nebeneinander beider Stufen, blau und orange, ist bis heute jedoch ein äußerst Spannungsreiches. Liberale und fundamentalistische Gruppierungen teilen nicht mehr als den Bezug zur gleichen Religionsgemeinschaft.

Innerhalb der katholischen Kirche war wohl das II. Vatikanische Konzil (1962-65) der deutlichste Ausdruck eines Orangewerdens des Katholizismus. Doch anders als die Evangelische Kirche Deutschlands, die als Dachorganisation eines äußerst heterogenen religiösen Bewusstseins innerhalb der evangelischen Christenheit selbst schon deutliche Züge einer grünen Religiosität trägt, hat die katholische Kirche den Schritt Richtung orange eher wieder umgekehrt. Die akademisch-universitäre Theologie im Katholizismus ist zwar tendenziell orange, doch die katholische Kirche als Institution ist nach wie vor eine blaue Organisation, die blaue Werte propagiert und von ihren Gläubigen einfordert. Dies ist im weltweiten Kontext des Katholizismus nicht so problematisch, da die meisten Katholiken immer noch in Kulturen mit blauem Schwerpunkt leben. Selbst Papst Franziskus ist dieser blauen Werte- und Bewusstseinsebene weiterhin aufs engste verbunden. Seine Fürsorge für die Armen und die Ablehnung von Prunk sind nicht Ausdruck eines modernen Bewusstseins wie viele Menschen im Westen meinen. Diese Fürsorge gab es im Christentum von der Antike über das Mittelalter immer wieder. Hingegen zeigen Franziskus Äußerungen zu Frauen und Homosexualität sowie sein häufiges Verweisen auf den Teufel und die dämonischen Mächte eine große Nähe zur blauen Ebene.

Wenn wir in den Islam blicken, erleben wir ein ähnliches Phänomen. Innerhalb der sunnitisch-islamischen Welt dominiert in den meisten Ländern nach wie vor die blaue Ebene den religiösen Diskurs. Reformorientierte Theologen, die eine orange islamische Theologie leben und fordern, sind nicht nur in der Minderheit, sondern werden je nach Ausrichtung des Landes z.T. massiv bedroht.

Nicht viel anders sieht es im Hinduismus aus. Auch dort prägt blau die religiöse Sphäre. Und selbst der Buddhismus, der aufgrund seiner philosophisch orientierten Lehre sehr viele orange Elemente beinhaltet, zeigt sich in seinen Ursprungsländern oft in einem blau durchsetzten Gewand.

Dies heißt aber, dass der Förderbandcharakter der Religionen von blau nach orange ziemlich ins Ruckeln gekommen ist. Das Förderband muss nun selbst weiterbefördert werden, weil es aus sich heraus seiner Qualität als Förderband nicht gerecht wird. Man könnt es boshaft so formulieren: Gesellschaften werden nicht durch Religionen orange, sondern trotz Religionen. Man kann natürlich argumentieren, das liege in der Natur der Sache, da orange von seiner Grundverfasstheit per se sehr wenig Raum für Religion und Religiosität lässt. Doch selbst wenn wir die grüne Ebene etwas genauer betrachten, so bleibt die Frage, welchen Anteil an der Entwicklung hin zu grün haben die Religionen wirklich gehabt. Wenn wir ehrlich sind, so gut wie keine.

Die Entwicklung von orange zu grün ist in den westlichen Kulturen keine primär religiös initiierte gewesen. Zwar artikuliert sich grün sehr viel spiritueller als orange, aber aufgrund seines pluralistischen Paradigmas ist diese grüne Spiritualität oftmals synkretistisch und nicht mehr mit einer einzigen religiösen Tradition zu verbinden. (Dieses Faktum erschreckt besonders die blauen und auch orangen Vertreter der traditionellen Religionssysteme.) Weil grün von Haus aus multiperspektivisch denkt, fällt es den grünen Spiritualitätsfreunden nicht auf, dass ihr universalistischer und wertschätzender Ansatz nicht dem spirituellen System per se inhärent ist, sondern dass es sich dabei um eine Interpretation und Sichtweise der grünen Ebene handelt. Die traditionellen vormodernen Spiritualsysteme der Menschheit verbindet nämlich alle ein Faktum: Alle sind ursprünglich mit religiösen und metaphysischen Anschauungen ihrer Ausgangsreligion verbunden, die größtenteils in blau wurzeln, manche mehr und manche weniger.

Wilber wies zusammen mit Allan Combs schon vor einigen Jahren darauf hin, dass spirituelle Erfahrungen vom Erfahrenden, wenn auch unbewusst, von der eigenen Bewusstseinsebene, auf der man sich befindet, interpretiert werden. Dies kann z.B. zu völlig unterschiedlichen Bewertungen einer nondualen Erfahrung führen. Eine blaue non-duale Erfahrung wird von einem Buddhisten anders interpretiert und verortet als von einem Hindu, Christen oder Moslem. Dies ist der Grund, dass trotz der religionsüberschreitenden spirituellen Erfahrung von Nondualität (auch die monotheistischen Mystiken kennen non-duale Zustände, selbst wenn sie dort nicht den Hauptteil des mystischen Erlebens ausmachen) blau geprägte Mystiker der verschiedenen Religionen die nonduale Erfahrung eines anders Religiösen als etwas völlig anderes interpretierten.

Die Vorstellung einer universellen Einheitsmystik, die davon ausgeht, dass alle nondualen Systeme die gleiche Wirklichkeit bezeichnen, ist eine moderne Vorstellung. Blau muss auf dem Unterschied der non-dualen Erfahrung bestehen, da der Interpretationsrahmen nicht als vom eigenen Bewusstsein konstruiert wahrgenommen wird. Die Gottheit, Brahman oder Tao ist ein gegebenes Faktum. Somit ist mit „Gottheit“ ein anderer religiöser Bezugsrahmen verbunden als mit Brahman oder Tao oder Leere. Dieser fließt in blau unbewusst in die Erklärung und das Erben von  Nondualität mit ein.

Obwohl die Vorstellung einer universellen Einheitsmystik selbst erst mit orange-grün entstanden ist, erfährt sie von dieser Seite heftige Kritik. Die Kritiker verweisen auf die Geschichte der Spiritualität und zeigen, natürlich zu Recht, dass es die Vorstellung einer universellen Einheitsmystik bislang nicht gab, da zum ersten nicht alle spirituellen Systeme nondual sind und zum zweiten selbst unter den nondualen keine interreligiöse Einheit herrschte. Allerdings verstehen die Kritiker in der Regel nicht, weshalb das so war und folgern, dass es in Zukunft so bleiben wird. Dieser Schluss ist aber nicht berechtigt, da grün oder gelb einen anderen Zugang zur Wirklichkeit hat als blau. Ein gelber Nondualist weiß, dass Brahman so wenig wie Tao oder die Gottheit etc. vom Bewusstsein losgelöste Kategorien sind.

Und damit stellt sich eine weitere entscheidende Frage: Wird die Zukunft der Spiritualität so aussehen, wie wir diese bislang wahrgenommen haben? Oder wird mit gelb nicht ein neues spirituelles Paradigma erwachsen? Wird eine gelbe oder türkise Spiritualität noch auf die alten religiösen Ausdrucksformen zurückgreifen? Gelb und türkis verstehen, dass alle traditionell-religiösen Ausdrucksformen, die ihren Verbindlichkeitsanspruch aus einer als vorgegeben gedachten Wirklichkeit ableiten, letztlich Aspekte der vom eigenen Bewusstsein geschaffenen Wirklichkeit sind. Die vormodernen Blauen sagen: Gott existiert da draußen (und mystisch gesprochen: draußen und in mir). Die modernen Orangen versuchen Gott mit der Vernunft oder was auch immer zu verbinden. Die postmodernen Grünen sagen: Gott, das sind natürlich wir selbst! Die Post-Postmodern Gelben und Türkisen hängen weder am Konzept „Ich“ noch am Konzept „Gott“, weil sie beides als Konzepte wahrnehmen.

Werden wir in Zukunft also tatsächlich ein gelbes Christentum oder einen gelben Buddhismus erleben? Oder ist die Rede vom Christentum oder Buddhismus (das gilt für alle anderen Religionen genauso) nicht per se an blaue und maximal orange Strukturen gebunden, die bereits in grün ihre klare Zuordnung verlieren? Dass Menschen, deren Bewusstsein gelb oder türkis geprägt ist, blaue Inhalte, die bis dato charakteristisch für die jeweiligen Religionen sind, für jede Ebene verständlich und lebenspraktisch sinnvoll erläutern und andere auf ihrem Lebensweg unterstützen können, heißt ja nicht, dass ihr eigenes Erleben weiterhin von diesen Bildern und Vorstellungen geprägt sind. Und zwar vor allem dann nicht, wenn die Träger dieses gelben oder türkisen Bewusstseins nicht mehr in den traditionellen Religions- und Spiritualitätssystemen sozialisiert wurden. Und dies wird in den westlichen Gesellschaften zusehends der Fall.

Vielleicht werden im Kontext von gelb und allen darauf folgenden Stufen die klassischen Unterscheidungen zwischen den Religionen nicht mehr als dogmatische Unterschiede wahrgenommen, sondern als persönlichkeitstypologische. Bis heute werden z.B. hinsichtlich des Gottes- und Erlösungsverständnisses sowie des Weltverständnisses die Unterschiede zwischen Christentum und Buddhismus festgemacht. Fremderlösung versus Selbsterlösung, Glaube versus Erkenntnis. Das sind dogmatische Unterschiede. Persönlichkeitstypologisch hieße anzuerkennen, dass Menschen sehr unterschiedlich sind und sich deshalb ihr religiöses und spirituelles Erleben fundamental unterscheidet. Wer eher ängstlich ist, findet die Vorstellung einer helfenden Macht sicherlich attraktiver als ein Mensch, der diese Ängstlichkeit nicht kennt. Wem sich Wirklichkeit eher durch Emotionalität erschließt, wird sich von anderen Vorstellungen angesprochen wissen als derjenige, der kognitiv ausgerichtet ist usw. In diesem Setting werden jedoch die blauen Inhalte mehr und mehr verblassen.

Angesichts der Tatsache, dass aber mehr als zwei Drittel der Menschheit ihren Bewusstseinsschwerpunkt noch bei rot oder blau hat, haben die traditionellen Religionssysteme sicherlich noch etwas Zeit sich auf den großen Wandel einzustellen.


Quelle: ip 26 06/2013