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23.4.2017 : 15:50 : +0200

Rigpa zu verwirklichen ist einfach, Rigpa zu leben ist schwer

(Quelle: Ken Wilber auf Integral Naked, Realizing Rigpa is Easy, Living Rigpa is Hard)

 

[Hinweis: dieser Text wird im Anschluss an eine Meditation langsam und mit Pausen gesprochen]

 

Man kann diesen immer-gegenwärtigen Zustand untersuchen, und paradoxerweise kann sich diese Verwirklichung immer mehr vertiefen. Das, womit du jetzt im Kontakt bist, ist absolut authentisch. Es ist ohne Anfang und ohne ein Innen und ein Außen. Es wird als das Ungeborene beschrieben, weil es ohne Anfang ist. Die Traditionen sprechen darüber, was geschieht, wenn dieses Big Mind, Big Heart wieder in die Welt zurückkehrt. Es ist – noch einmal – ein Paradox, man verliert es dabei nicht wirklich, doch man kann es sich so vorstellen, dass man Big Mind nimmt und beginnt es/ihn anzuwenden. Diese Manifestation von Big Mind und Big Heart ist dabei der schwierige Teil. Im vajrajana sagt man: Rigpa zu verwirklichen ist einfach, Rigpa zu leben ist schwer, und Rigpa ist ein dort verwendeter Begriff, der sehr ähnlich dem Big Mind, Big Heart ist. Oft wird das beschrieben als ein Wiedereintreten von Big Mind in die Welt, auch wenn man es dabei nicht verliert. Mit zunehmender Praxis lernt man, die Welt und alles, was erscheint, innerhalb des Big Mind erscheinen zu lassen. Man bleibt dabei also im Kontakt, aber man wird dabei auch in der Welt tätig, durch spezielle und einzigartige Aktivitäten. Ist man Chirurg, dann muss man operieren. Ist man im Business, dann muss man dort aktiv werden. Beschäftigt man sich mit Recht und Gesetz, dann wird man vielleicht Anwalt. Lasse all das als eine Manifestation und Ausprägung dieses immer-gegenwärtigen Zustandes erscheinen. Das ist grundlegend das, was du bist.

Die Traditionen beschreiben es manchmal auch in Kategorien der Großen Kette des Seins. Es wird als eine Manifestation von Big Mind hinein in mehr beschränkte – und das ist nicht negativ gemeint – Bereiche beschrieben. Es handelt sich um verschiedene Ebenen von Big Mind oder vom Big Spirit. Big Mind, Big Spirit bewegt sich abwärts, in die Seele, die Seele bewegt sich abwärts in den Geist [mind], der Geist bewegt sich abwärts in den biologischen Körper, und der biologische Körper bewegt sich abwärts in die Materie. Dieser absteigende Prozess, der auch manchmal so beschrieben wird [Ken macht eine Abwärtsbewegung mit den Händen] ist eine Möglichkeit sich das vorzustellen. Eine andere Möglichkeit besteht darin vom eigenen Herzen auszugehen – Big Heart – und sich nach außen in die Welt zu bewegen. Man entäußert sich, in die Seele, den Geist, den Körper und die äußere Materie.

Der Nutzen einer integrale Landkarte liegt dabei darin, und es handelt sich um eine gedankliche Landkarte, dass wenn man beginnt Big Mind, Big Heart in der Welt zu manifestieren, und dazu den eigenen Geist einsetzt, dass die Interpretation, die man im eigenen Geist hält, mitbestimmt, wie gut man sich in die Welt einbringen kann, und das eigene Verständnis von Big Mind und Big Heart dort anwendet. Man kann diese Verwirklichung von Einheit sein, das ist in gewisser Weise der einfache Teil dabei, doch was macht man dann damit in der Welt, und wodurch wird bestimmt, wie man das verwendet? Schaut man sich die Traditionen an, dann ist es sogar im Zen so, dass dort eine große Menge an Zeit mit der Interpretation, die man diesen Erfahrungen gibt, verbracht wird. In gewisser Weise ist dieser immer gegenwärtige Big Mind Zustand ohne Worte und Konzepte, man braucht weder Worte noch Konzepte, um diese immer-gegenwärtige IST-heit zu beschreiben, etwas, das man schmecken kann, in der Gegenwärtigkeit von Big Mind, Bing Heart. Tritt man dort jedoch wieder heraus und beginnt dies zu manifestieren, dann ist die Interpretation, die man dieser Erfahrung gibt, ebenso wichtig wie die Erfahrung selbst. Nirgendwo findet man das ausgeprägter als beispielsweise in der tibetischen Tradition, wo die Mönche durchschnittlich 4 Stunden des Tages mit intellektuellen Debatten verbringen. Wozu wir also in der Lage sein wollen, ist, dies alles miteinander zu verbinden. Der integrale Impuls ist der gleiche Impuls, welcher der menschlichen Interpretation [dieser Erfahrungen] eine große Bedeutung beimisst. Jede der großen Verwirklichten im Westen und im Osten, die Männer und Frauen, die zutiefst  Big Mind, Big Spirit verwirklicht hatten, fanden Wege dies zu interpretieren, ohne dass dabei die Gewaltigkeit dieser Erfahrung geschmälert wurde. Die größten von ihnen waren daher zu ihrer Zeit integral. Ich kenne dazu keine einzige Ausnahme. Ob die heilige Teresa, Padmasambahva, Lady Sogyal, Aurobindo – bei ihnen allen gibt es dieses außerordentliche Verständnis davon, dass, wenn man einmal die satori Verwirklichung von Einheit erfahren hat, dass es dann um die Frage der Interpretation und Umsetzung geht. Eine schlechte Interpretation nimmt diesen immer gegenwärtigen Big Mind und zerstört ihn. Wenn wir uns bemühen, Dinge wie Big Mind mit einem Rahmenwerk zu verbinden, das alle Quadranten, Ebenen, Linien, Zustände und Typen [AQAL] enthält, dann ist nicht so, dass einem der Rahmen die Praxis, die man dabei zu tun hat, abnimmt. Es ist die Praxis zur Verwirklichung, Stabilisierung und des Bezeugens des eigenen immer-gegenwärtigen Zustands als Big Mind und Big Heart. Doch es ergänzt diesen Zustand darum, wie man das verstehen und in die Welt bringen kann. Was ist rechtes Leben, was sind die richtigen Handlungen, welches sind die richtigen Sichtweisen, die man dabei verwendet? In der Dzogchen Tradition, der höchsten Buddhistischen Tradition, wird eine enorme Bedeutung auf die richtige Sichtweise gelegt.

All das sind also Betrachtungsweisen, was man tut, wenn man vom Übergeist [overmind] hinabsteigt in die Welt, in den Geist, in den Körper, in die Materie. Wenn also der Übergeist auf den Geist trifft, dann wäre es gut eine integrale Interpretation zur Verfügung zu haben, ansonsten kann es zu Albträumen auf dem Abstiegsweg kommen. Was wir daher versuchen ist, auf der mentalen Ebene – und wir befinden uns dabei, um das noch einmal klar zu sagen, lediglich auf der mentalen Ebene – über ein Rahmenwerk und Erklärungsmöglichkeiten zu verfügen, die für all dies Raum haben.

Wenn ihr [zur Zuhörerschaft gerichtet] Psychonauten in eurer Weltraumkapsel also vom Übergeist kommt, frei von Konzepten seid, und dann auf den mentalen Bereich trefft – dann ist dort – AQAL? [Lachen]. Das ist so außerordentlich dabei. Wir haben ja gerade erst begonnen, den integralen Impuls in der heutigen Welt zu verstehen. Man kann sich im Big Mind befinden, dieser ganz außerordentlichen Einheit, doch wenn sich die Frage stellt, wie man das auf Psychotherapie, Rechtswesen und alles andere anwendet, dann herrscht oft gähnende Leere und Unwissenheit, wie man so etwas machen kann. Wir möchten all das ehren, und die Fehler, die dabei gemacht werden können, vermeiden. Wichtig dabei ist zu beachten, dass einem die mentale Landkarte nichts von dem abnehmen kann, was man in den übermentalen Bereichen zu tun hat – Meditation, Verwirklichung, oder spirituelle Praxis, Herzensgebet, oder kontemplative Übungen, was ganz allgemein zu diesen trans-rationalen Bereichen führt. Diese Bereiche, auch die kausalen Bereiche beispielsweise, sind nicht verschieden vom tiefen traumlosen Zustand, in dem man sich jede Nacht befindet. Ist man in der Nacht im tiefen traumlosen Zustand, wo sind dann die Quadranten, Ebenen und Linien, wo ist irgendein Erklärungsrahmen? Es gibt kein Selbst, kein Verlagen oder irgendetwas Geschaffenes. Es gibt auch kein Leiden. Es gibt nur Big Mind. Auch wenn man dann aufwacht, dann bleibt davon etwas in einem.

 


Quelle: Online Journal Nr. 10