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27.3.2017 : 18:19 : +0200

Schönheit und Geist

(aus: Integral Naked, Beauty and Spirit)

Einführung von der IN Redaktion

 

Wie drei Seiten eines Prisma brechen das Wahre, das Schöne und das Gute das weiße Licht des Bewusstseins und das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrungen: Wissenschaft, Kunst und Moral; Natur, Selbst und Kultur; Es, Ich und Wir. Wie eigenartig ist es doch, das viele zeitgenössische Formen von Spiritualität GEIST lediglich auf eine oder zwei dieser Dimensionen ausdehnen wollen und die anderen dabei dämonisieren. Dies ist mit dem Bereich von Schönheit in der Vergangenheit oft geschehen, und wir neigen auch in unserer modernen Welt dazu. Für viele von uns kann es anti-spirituell erscheinen, wenn jemand sich um seine oder ihre äußere Erscheinung kümmert, so als sei es eitel und oberflächlich die Aufmerksamkeit auf die äußere Erscheinung zu richten – und der wirkliche Gott sich nicht mit derart trivialen Ausschmückungen physischer Schönheit beschäftigen würde.

Aber mal ehrlich – was wird vom GEIST nicht berührt? Ist eine leichte Kräuselung auf der Oberfläche der Existenz nicht genau so nass wie die allergrößte Welle? Warum wird Schönheit oft mit Oberflächlichkeit gleichgesetzt? Wenn der Geist und die Umgebung um uns herum in Wahrheit nicht-zwei sind, ist dann nicht unsere Fähigkeit Schönheit wahrzunehmen selbst eine Verneigung gegenüber der großen Vollkommenheit der Existenz, ihrer Ausgewogenheit und Symmetrie?

KW: Etwas ganz Erstaunliches im Zusammenhang mit dem Thema Spiritualität, speziell wenn wir dabei die moderne und die postmoderne Welt betrachten, sind die Bereiche, wo wir Spiritualität nicht vermuten. Es gibt sehr eigenartige Vorstellungen darüber, was “spirituell” ist. Ist ein Mönch, der einen Jaguar fährt, spirituell? Ist ein Buchhalter spirituell? Ist eine Frau, die die olympische Goldmedaille im 100 Meter Lauf gewinnt, spirituell? Kann eine Prostituierte spirituell sein? Denkt mal über all die Bereiche nach, wo wir glauben, dass der GEIST dort keinen Platz hat. Das ist echt verrückt, all das ist auch GEIST. Eines der Dinge, die wir mit dem Integralen probieren, ist Wege zu finden, wo man spirituelles Bewusstsein, das ICH BIN, in Bereiche einbringen kann, von denen traditionell angenommen wird dass sie nicht spirituell, sondern nicht-spirituell sind. Das ist sehr eigenartig - Gewichtheben beispielsweise. Diese Vorstellungen sollten wir überwinden. In der Vergangenheit war das noch in gewisser Weise nachvollziehbar, im Hinblick darauf, was zu tun wäre, doch heute ist das ein echtes Hindernis, wenn es darum geht, das immer gegenwärtige ICH BIN - ohne zu zögern - in jeden Aspekt des eigenen Lebens einzuführen. 

Speziell Frauen sehen sich damit konfrontiert, wenn es um das Thema “Schönheit” geht. Kann eine schöne Frau spirituell sein – oder eine intellektuelle Frau? Es ist erbärmlich [was für Vorstellungen es dazu gibt]. Die Frage ist dabei nicht, ob man etwas Schönes trägt, oder Lippenstift verwendet, oder sich schön macht, Die Frage dabei ist: aus welcher Motivation heraus geschieht das? Das können wir uns an einer einfachen Dreierskala klar machen. Man kann das für ein narzisstisches “Ich” machen – egozentrisch. Man kann es ethnozentrisch machen, für den Geliebten, Freund, Mann, Partner. Und dann gibt es noch einen Weg, wo man Schönheit als ein Geschenk erkennt, mit dem man Freude zu allen empfindenden Wesen bringen kann. Das Wahre, das Schöne und das Gute gehören zusammen. Diese Triade ist sehr wichtig, und es ist sehr schwierig, speziell in der westlichen Kultur, Spiritualität in den Bereich von Ästhetik und Schönheit zu bringen. Das Gute und das Wahre sehen wir auf Gottes Seite, und die Schönheit ist auf der Seite des Teufels. Dafür gab es Gründe, doch wenn man darüber nachdenkt, dann ist es einfach dumm es heute dabei zu belassen. Es ist sehr schwierig für manche Menschen, bestimmte Aspekte ihres Lebens für Spiritualität zu öffnen. Es gibt fast so etwas wie Schuld, wenn es darum geht, Schönheit zu einem Teil des Lebens werden zu lassen. Hieran gilt es behutsam zu arbeiten. Warum möchte man gut aussehen und sich schön anziehen? Ästhetik kann dabei einfach “das, was gefällt” bedeuten, und natürlich kann man das auch anders definieren. Doch warum möchte jemand sich darum kümmern, dass etwas schön, ästhetisch, harmonisch oder ausgewogen aussieht? Wenn man das macht, nur weil man selbst schön aussehen möchte, dann ist das der egozentrische Bereich. Wenn man das macht, weil man es mit Menschen, mit denen man in Beziehung steht, teilen möchte, dann ist das – einen Schritt weiter – der ethnozentrische  Bereich. Der nächste Schritt ist dann dass alles, was erscheint, eine schöne und vollkommene Manifestation der großen Vollkommenheit ist. In der eigenen Wohnung zum Beispiel (welche keine teure Wohnung sein muss): Wenn man auf die Ästhetik der eigenen Erscheinung achtet und auf die der Wohnung und alles das, was einen umgibt, dann ehrt man dabei die Schönheit der großen Vollkommenheit, wie sie von Augenblick zu Augenblick erscheint. All das, was dabei als ein Objekt im eigenen Bewusstseins erscheint, ist gleich – der Raum da draußen ist ein Objekt des ICH BIN, die Natur ist ein Objekt des ICH BIN, der eigene Körper ist ein Objekt des ICH BIN, und man ist sich seiner bewusst, der eigene Geist ist ein Objekt des ICH BIN, des Zeugen – du bist dieses ICH BIN, dieser Zeuge, und grundlegend nicht eines von all den Objekten, die erscheinen. Die Objekte, die auftauchen, sind Ornamente der eigenen ursprünglichen Vollkommenheit. Die Anordnung dieser Ornamente in einer ästhetischen, harmonischen und ausgewogenen Weise ist ein Hinweis auf ein Eingestimmt-Sein mit der ursprünglichen Reinheit, die man hat. Erlaube der Spiritualität, dass Schönheit in dein Leben eintreten kann, sei nicht empört darüber, wenn es das gibt, und das gilt auch für alle anderen Bereiche, von denen man meint, dass GEIST dort nichts zu suchen hat. Ich halte das für extrem wichtig. Das Wahre, Schöne und Gute gehören zutiefst zusammen. Das kommt aus der griechischen Kultur, und die Leute, von denen wir das übernommen haben, waren schwul. Dadurch gab es – Gott sei Dank – ein wenig weiblichen Einfluss. Anderenfalls hätte es wohl geheißen “Das Wahre, das Triste und das Gute. [Lachen] Glücklicherweise heißt es jedoch “Das Wahre, Schöne, Gute”, und das wurde zu etwas sehr Grundlegendem. Das möchten wir alles mit aufnehmen, und es entspricht den vier Quadranten.

 


Quelle: Online Journal 12, 2008