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23.5.2017 : 3:12 : +0200

Spirituelle Entwicklung

Michael Habecker

Es ist, wahrhaftig, ein Spiel. Was für Schlafwandler sind wir doch alle! Nichts geschieht hier wirklich, nichts bewegt sich in Raum und Zeit …
Ken Wilber

„Nichts bewegt sich in Raum und Zeit“, warum dann überhaupt über so etwas wie spirituelle Entwicklung reden und schreiben? Aus der Erfahrung der Absolutheit des „Einen Geschmacks“ ist Entwicklung in der Tat eine Illusion, wie die gesamte Welt der Erscheinungen, innerlich und äußerlich, individuell und kollektiv. Erfasst man jedoch alle Erscheinungen als Ausdruck und Gestalt des EINEN und würdigt beides, dann gibt es Entwicklung fast überall wo man hinschaut. Die Welt ist in ständiger Bewegung. „Doch hier sind wir, Du und Ich, und es ist Du-und-Ich die Form des GEISTES in dieser und in allen Welten.“ Wenn wir ins uns schauen: Entwicklung. Wenn wie auf uns schauen: Entwicklung. Wenn wir zwischen uns schauen, in unsere Beziehungen hinein: Entwicklung, und wenn wir auf und in die Welt schauen, Entwicklung. Aus der ersten frühen Erkenntnis, dass, von der Absolutheit oder dem Seinsgrund abgesehen, wirklich alles in Bewegung ist, haben unsere Vorfahren Vorstellungen darüber entwickelt, nach welchen Regeln und Mustern diese Bewegung ablaufen könnten, und das war der Grundstein für unser heutiges Entwicklungsverständnis. Eine der ersten beschriebenen Bewegungen waren die in der Natur gefundenen Abläufe der Jahreszeiten und des Sonnen- und Mondumlaufes. Später kamen noch die Planetenbewegungen hinzu. Diese ersten frühen „Entwicklungen“ waren zyklischer oder horizontaler Art, ihr Symbol ist der Kreis, und sie haben nichts von ihrer Bedeutung verloren, wie wir selbst an unserem Eingebettetsein in den Jahreskreislauf immer wieder feststellen können. Ende und Anfang gehen hier ineinander über, als ein spirituelles Symbol für Werden und Vergehen. Abgeleitet daraus entstanden die ersten Schöpfungsmythen.

Ein weiteres Entwicklungsgeschehen sind Zyklen, die den Verlauf einer Glockenkurve haben: erst geht es aufwärts, dann abwärts. Der Mensch ist, einem Gleichnis nach, ein Wesen, dass zuerst auf vier Beinen krabbelt, dann auch zwei Beinen steht und geht, und dann schließlich im Alter, und unter Zuhilfenahme eines Stockes, auf drei Beinen unterwegs ist. Ähnlich beschrieben manche Historiker den Auf- und Niedergang von Kulturen im Geschichtsverlauf. Auch Firmenhistorien werden entsprechend zyklisch beschrieben, wie auch Produkte. Die spirituelle Dimension dabei ist die von Demut und Vergänglichkeit. Alles Gewordene kommt irgendwann an sein Ende, manchmal über einen langen und schmerzlichen Abstiegsweg.

Schließlich gibt es dann noch die vertikale Entwicklung, wie sie in vielen Entwicklungsmodellen beschrieben wird. Hierbei geht es nur „nach oben“, zu immer mehr Komplexität (im Außen) und Bewusstheit (im Innern). Diese Entwicklung, die nur im Idealbild eine reine Vertikale und in der Realität voller Schlingen und Schlaufen ist, ist der Ausdruck eines Eros oder einer Kraft der Selbstorganisation, die zu immer neuen Höhen von Manifestation drängt – von Staub zu Shakespeare, vom Faustrecht zu den allgemeinen Menschenrechten. Sie ist ein (auch spiritueller) Ausdruck der Freude und der Kraft des Ursprungsimpulses einer Schöpfung, die sich verliert, um sich zu finden, immer neu und immer wieder, und auf immer höherem Niveau.

Und schließlich gibt es noch, von all dem unterschieden, wenn auch nicht getrennt, einen „Zustandsweg des Erwachens“ als den klassischen kontemplativen Weg, bei dem Wachheit schrittweise aufrechterhalten werden kann durch die Zustandsbereiche von grobstofflich, subtil und kausal. Am Ende dieses Weges gelangt man wieder an den ursprungslosen Anfang, der niemals wirklich verloren, sondern immer-schon gegenwärtig war, vor aller Zeit und allem Raum. Und dann kann man, mit Ken Wilber und aus tiefster Verwirklichung, sagen:

Es ist, wahrhaftig, ein Spiel. Was für Schlafwandler sind wir doch alle! Nichts geschieht hier wirklich, nichts bewegt sich in Raum und Zeit …

 

Quelle: ip 26 10/2013