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25.9.2017 : 1:03 : +0200

Stolz und Demut integral

Hanna Hündorf


Mein spiritueller Lehrer Akong Rinpoche widmete sein erstes Buch “Den Tiger zähmen” dem Anwachsen von “humility” also Bescheidenheit oder Demut, Frieden und Einsicht in der Welt. Und es war gerade diese Qualität an ihm, Bescheidenheit gepaart mit großer Güte, Einfühlsamkeit und praktischer Kompetenz, die in mir erstmalig Respekt und Vertrauen hervorrief. Ich fand ihn und mein spirituelles Zuhause im Alter von 21 Jahren in einem abgelegenen Winkel von Schottland, wo ich dann 15 Jahre bleiben sollte.


Bis dahin war ich ein typisches Abfallprodukt der späten 70ger Jahre, mit dem Transparent für alle Fälle im Gepäck:  WAS ES AUCH IST, ICH BIN DAGEGEN!!! Ich lehnte alles ab - meine Eltern, die bürgerliche Kleinfamilie überhaupt, meine Lehrer und das ganze Schulsystem, materialistisches Denken und Karriere, die Kirche und ihre Vertreter, die politischen K-Gruppen, Psychotherapie, Experimente mit bewusstseinsverändernden Substanzen, die männerfeindliche Frauenbewegung.....


Aber ich wusste nicht, wofür ich war. Ich traf niemand, den ich mir zum Vorbild nehmen konnte - bis ich eben den eher bäurisch wirkenden kleinen Tibeter traf, der mit einfachen Mitteln Berge versetzen konnte und dann gar nichts weiter davon her machte. Der mich auch einfach annahm, ohne mich abzulehnen, zu bewundern oder überhaupt zu benoten.


In Samye Ling lernte ich dann die Grundbegriffe des Buddhismus kennen, unter anderem die fünf Geistesgifte: Unwissenheit (besser übersetzt als Stumpfsinnigkeit oder Unklarheit), Gier, Hass, Eifersucht und Stolz. Ich erkannte mich sehr stark wieder in den Geschichten von den weltlichen Göttern, die sich in dem Irrglauben befinden, sie seien unsterblich und unfehlbar, bis sie schließlich nach einem sehr langen Leben in einem paradiesischen Zustand aus diesem Daseinsbereich stürzen und fürchterlich unter diesem Verlust und der Desillusionierung leiden.


Tatsächlich ist das Geistesgift Stolz am aller schwierigsten zu erkennen, denn wenn ich stolz bin, weiß ich es ja besser als alle Anderen. Ich habe keinen Grund, mich weiter zu entwickeln, da ich ja schon perfekt bin, und kann auch nichts dazulernen - von wem auch. Dies ist auch der Grund, warum häufig existenzielle Krisen wie schwere Krankheiten, finanzieller Ruin oder Zusammenbruch von Beziehungen unserer persönlichen und besonders spirituellen Entwicklung einen kräftigen Schub versetzen.


Im gleichen Maße wie Stolz die persönliche Entwicklung verhindert, ist Demut und Hingabe ihre Triebfeder. Nur muss sie eben ab der orangen Stufe vereinbar mit dem gesunden Menschenverstand sein: Ich bewundere mein Vorbild aufgrund seiner nachprüfbaren Qualitäten, die den meinen überlegen sind. Ich diene ihm oder ihr gern, da sich dieses Dienen immer als Win-Win Situation entpuppt. Demut, die aus innerer Stärke und einem gesunden Selbstwertgefühl gespeist wird, ist auch das beste Gegenmittel gegen pathologisches Abgleiten in Konkurrenzverhalten, bei dem ich immer besser sein muss als Andere, was wiederum die Entwicklung von Empathie und Mitgefühl verhindert. Dies entspricht übrigens dem Geistesgift Eifersucht und dem Bereich der Halbgötter (Asuras).
Auf der grünen Ebene wird Demut und Hingabe wieder leichter, da wir uns als winziger Teil des Universums erkennen. Hier wird die buddhistische Lehre der gegenseitigen Abhängigkeit offensichtlich - alles hängt mit allem zusammen.


Wie sieht Demut und Hingabe auf den integralen Stufen aus? Wir lassen das Flachland hinter uns und erkennen Kompetenz und natürliche Hierarchien wieder an. Interessanterweise spekulierte Ken Wilber in einem Vortrag über den Schatten der gelben Stufe - und vermutete, dass es Arroganz sei. Dies wird richtig peinlich, wenn wir uns einbilden, im Second Tier „angekommen“ zu sein und herablassend auf die Menschen der niederen Ränge herunterblicken, die wir ganz souverän dort abholen wo sie sind, ihre Sprache sprechen und uns ihrer jeweiligen Vorzüge bedienen. Wer so denkt, spricht oder handelt, ist noch gar nicht auf Grün angekommen, sondern auf frühe orange Abwege geraten.


Meiner Ansicht nach ist die Praxis des „zweiten Gesichts Gottes“ hervorragend zur Entwicklung und Vertiefung meiner Fähigkeit zu Demut und Hingabe geeignet. Im tibetischen Buddhismus geschieht dies traditionell durch die Praxis des Guru Yoga: Ich versuche, meinen Lehrer als Buddha zu sehen, bete um die Erlangung dieser erleuchteten Qualitäten und reinen Sichtweise, lasse los und verschmelze am Ende meinen Geist mit dem erleuchteten Geist meines Lehrers. Dies kann zumindest für einen kurzen Moment zum Erkennen meiner eigenen Buddha-Natur führen.
Tiefe Hingabe bewirkt, dass ich mich nicht mehr getrennt von anderen Menschen und vom Universum fühle. Insofern ist auch kein Stolz mehr da, da im innersten Wesen kein Unterschied zwischen mir und Anderen besteht. Dies ist eine Zustandserfahrung, die wir je nach unserer persönlichen Entwicklung durch die blaue, orange oder grüne Brille deuten (siehe Wilber-Combs Raster). Aber das Kultivieren dieser Zustandserfahrung wird in jedem Falle unsere persönlichen und spirituelle Entwicklung beschleunigen, egal auf welcher Ebene wir uns gerade befinden.


Was können wir dann vor diesem Hintergrund mit dem Begriff „Vajra-Stolz“ oder „Stolz der Gottheit“ anfangen? Dies ist eher das Gegenteil von Stolz im oben beschriebenen Sinne der Arroganz. Basierend auf einem möglichst tiefen intellektuellen Verständnis und einem gefühlten „Geschmack“ der Leerheit - auch hierfür ist übrigens die Erfahrung der Ungetrenntheit hilfreich - visualisieren wir uns als ein Yidam. Wir „tun zunächst als ob“ wir unseren eigenen Körper z.B. als eine weiße, androgyne Lichtgestalt mit vier Armen wahrnehmen. Durch mehrere Phasen vertiefen wir diese Identifikation mit einer reinen Gestalt, die dann wieder als ein Gegenmittel zum Festhalten an der Wahnvorstellung eines getrennten und einzigartigen „Ich“ dient. Diese schlechte Gewohnheit führt ja bekanntlich zu allerlei Leiden und dem Teufelskreis namens Samsara.


Wenn ich dann denke, ich sei wirklich, auch auf der relativen Ebene Chenresig oder Mahakala, liegt eine Pathologie vor - das Prinzip der Leerheit muss verstanden und zumindest ansatzweise erfahren sein, um diese Art von Praxis gefahrlos und sinnstiftend auszuüben. Dies gilt übrigens gleichermaßen für die Übung des Tonglen - wenn ich „wirkliches“ Leiden einatme und ich selbst „wirkliche“ Heilung verströme, kann das bestenfalls auf Irrwege, schlimmstenfalls komplett in die falsche Richtung führen und ist ein Beispiel für magisches Denken.
Eine weitere traditionelle Übung zur Entwicklung von Demut und Hingabe sind Niederwerfungen. Vor einer Weile wurde ich von einem Mitglied des Dresdner Salons gefragt, ob eine solche Übung überhaupt noch zeitgemäß sei - sie hatten sie dort als exemplarisch für die blaue Entwicklungsstufe ausgeführt. Ich denke, es hängt von einer sehr klaren Definition ab, wovor ich mich verneige und mit welcher Einstellung. Ein Praktizierender auf der blauen Stufe führt die Übung aus Gehorsam, Angst und Pflichtgefühl aus. Er erniedrigt sich, um sich zu einem möglichst reinen Gefäß für den von außen kommenden Segen des Guru zu machen. Auf den höheren Stufen ändert sich diese Einstellung: Ich verneige mich vor den Quellen der Zuflucht: Buddha, Dharma und Sangha, sowie Guru, Yidam (Meditationsgottheit) und Schützern. Wie wir diese verstehen und uns auf sie beziehen, wandelt sich deutlich von Stufe zu Stufe. Ich halte diese Übung für eine sehr hilfreiche Methode zur Entwicklung von Hingabe und Vertrauen, vor allem für junge Menschen, die voller Kraft und Tatendrang stecken und sich so körperlich abarbeiten können.


Letzten Endes ist vor allem für spirituell Lehrende Bescheidenheit unabdingbar und sogar ein Zeichen ihrer persönlichen Reife. Ich war und bin immer zutiefst berührt, wenn meine Lehrer voller Dankbarkeit und Zärtlichkeit von ihren eigenen Lehrern sprechen, die ihnen nicht selten viele harte Lektionen erteilt haben. Misstrauisch werde ich immer, wenn der Vortragende oder Autor mit keinem Wort erwähnt, wie er oder sie zu ihrem Wissen gekommen ist. Und diese Dankbarkeit darf auch bestehen bleiben, wenn ich mich auf einigen Linien weiter entwickelt habe als mein Lehrer.

 

(Quelle: integrale perspektiven Nr. 26)