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21.5.2018 : 12:41 : +0200

5 typische Strategien im Umgang mit Komplexität

Marion Küstenmacher

Einer der wichtigsten deutschen Vordenker zum Thema Komplexität war der kürzlich verstorbene Prof. Dr. Peter Kruse, Geschäftsführer der Marktforschungs- und Beratungsfirma nextpractice in Bremen. Kruse befasste sich mit den zunehmenden Risikoschwankungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, die uns durch die globale Vernetzung in immer schnellerem Tempo erreichen. Wer damit in Zukunft zurechtkommen will, muss seine Grundeinstellungen, seinen „Mindset“, hinterfragen und grundlegend ändern und sich auf ergebnisoffene Prozesse und das System der freien Vernetzung einstellen können. Der Mensch von heute lebt, wie der protestantische Theologe Paul Tillich schon 1936 erkannte, mehr denn je in einer spannungsvollen Existenz an der Grenze und „am Limit“. Er muss ständig bereit sein, Selbstkritik zu üben und die Claims seiner eigenen vertrauten, gewohnten, bewährten Ordnungsmuster zu überschreiten. Tut er das nicht, so verkehren sich seine erfolgreichen Handlungsstrategien von gestern und heute plötzlich in ein Risikopotenzial von morgen.

Beispiel Katholizismus


Im Blick auf die Bewusstseinsstufen (wie beispielhaft im Buch Gott 9.0 unter Verwendung der Werteebenen nach Graves dargestellt) kann man das gut an der weitgehenden Fixierung des katholischen Hierarchiegebäudes in Kirchenleitung und Dogmatik noch im 20. Jahrhundert im Hinblick auf die traditionelle Bewusstseinsstufe 4.0 (BLAU) erkennen. Das System entbehrt nicht der Komplexität und darf für sich beanspruchen, in einem jahrhundertelangen Prozess tatsächlich eine große religiöse Klammer für die Stufen von 1.0 bis 4.0 geschaffen zu haben, von archaisch über magisch und egozentrisch bis zu traditionell, die stabilisierend und sinnstiftend gewirkt hat. Der Erhalt eines status quo muss jedoch durch eine Veränderungsfähigkeit immer wieder neu ausbalanciert werden. Mit dem Emergieren der weiteren Wertestufen der Moderne (5.0 ORANGE) und der Postmoderne (6.0 GRÜN) hätte die Klammer laufend organisch erweitert werden müssen, um das sinnstiftende Komplexitätsdach der Kirche zu erhalten. Stattdessen wurde von der herrschenden und taktgebenden „Rhythmusgruppe“ eine antimodernistische Grenze gezogen. Unzählige katholische Theologen und Laien, die sich dieser Wagenburgmentalität verweigerten und zu den Stufen 5.0 und 6.0 weitergezogen waren, wurden als Störfaktoren ausgegrenzt, bekämpft und sogar exkommuniziert. Für den notwendigen Aufbruch in die nächstkomplexeren Räume war das handelnde System 4.0 einfach blind. Was einst half, erfolgreich die Christenheit zur Kulturstufe 4.0 zu führen, blockierte nun als unzureichende Handlungsvarietät die weitere spirituelle, kulturelle und auch organisatorische Entwicklung hin zu einem komplexeren Erkenntnishorizont 5.0 und darüber hinaus.

Der Papst als kreativer Störer


Dies ist ein folgenreicher Verstoß gegen die Grundbedingung für gute Organisationsführung, wie sie der britische Kybernetiker und Psychiater William Ross Ashby formuliert hatte: „Um erfolgreich mit hoch komplexen und dynamischen Situationen umgehen zu können, muss das handelnde System mindestens die gleiche Komplexität und Dynamik aufweisen wie das System, in dem gehandelt wird.“ Erfreulicherweise steht mit Papst Franziskus jetzt ein kreativer Rhythmusstörer an der Spitze der katholischen Kirche, der mit seinem unorthodoxen Stil für belebende Instabilität im BLAUEN Machtzentrum sorgt. Er prangerte Weihnachten 2014 mangelnde Reformbereitschaft, Machtspiele, Dirigismus, Konkurrenzdenken und Ausgrenzung anderer als Sünde gegen den Heiligen Geist an. So verfehle man die offene Weite, Kreativität und unendliche Potenzialität Gottes. Damit dürfte er den vielen Katholiken (und Protestanten), die ihren Schwerpunkt auf den weiterführenden Entwicklungsstufen haben, aus dem Herzen gesprochen haben.

Strategien im Umgang mit Komplexität


Prof. Peter Kruse rechnet die beschriebene Methode des Ausblendens und Beharrens auf alten Mustern zu den erfolglosen Führungsstrategien im Umgang mit Komplexität. Das gängige „Weiter so!“ führt zur Selbstmarginalisierung. Echte Prozessmusterwechsel finden nicht statt. Auf die Leitung von Glaubensgemeinschaften übertragen, sind solche einheits- und „Harmonie“-fixierten Systeme dumme Systeme, weil sie die Innovationskraft des spirituellen Zweifels und des intellektuellen Widerspruchs nicht dulden und sich damit selbst keine neuen Handlungsspielräume eröffnen können.
Damit spalten die Verwalter des Stillstands aber gerade ihre religiöse Gruppe. Der „ungehorsame“ Teil ihrer entwicklungsbereiten Mitglieder rückt dank Selbst- und Systemkritik unweigerlich mit einer gewissen Exoduslust an die Grenze und ist bereit, diese für neue spirituelle Erfahrungen und komplexere Sinnstrukturen auch zu überschreiten, selbst wenn am Ende der Preis dafür ein Kirchenaustritt ist.

Ebenso wenig erfolgversprechend bei hoher Komplexität ist die eher langwierige Trial and Error Strategie des Herumprobierens, die von manchen GRÜNEN spirituellen Suchern genutzt wird. In rapide sich wandelnden gesellschaftlichen Szenarien mitsamt konkurrierenden religiösen Feldern und einer Überfülle von spirituellen Angeboten wird alles hintereinander für sich durchprobiert. So entsteht nicht selten ein spiritueller Dilettantismus, denn „von allem Möglichen ein bisschen“ bedeutet am Ende leider nicht unbedingt Reifung und Tiefe, sondern oft nur Diffusität.
Die dritte, gerne von ORANGE bevorzugte Strategie angesichts zunehmender Komplexität ist das rationale Durchdringen. Man glaubt, das Feld über Zahlen, Fakten und Details verstehen und optimieren zu können. Kirchenmilieustudien oder Marktanalysen verschärfen den Blick auf das Problem, zielen aber nicht auf einen wirklichen Prozessmusterwechsel (der die noch immer mythisch vermittelten dogmatischen BLAUEN Kernaussagen in Frage stellen würde). Eine andere Variante wäre eine verkopfte akademische Theologie ohne spirituelle Erfahrungstiefe. Diese scheitert am Verstehen von transrationalen Bewusstseinsstufen und mystischen Bewusstseinszuständen.

Als vierte Strategie nennt Kruse das Trivialisieren. Man reduziert eine komplexe Thematik auf wenige, handhabbare simple Elemente, weil alles andere zu kompliziert ist. Hier rutscht das spirituelle Feld gerne nach magisch-PURPUR ab. Viele christliche wie spirituelle Buchhandlungen etwa haben sich mit anspruchslosen Geschenkbüchlein, Gebetswürfeln, Buddhafigürchen und Engelsanhängern weitgehend trivialisiert und unterminieren auf ihre Weise religiöse Komplexität.

Intuitiv agieren


Bleibt nur noch eine Strategie im Umgang mit Komplexität, das intuitive Agieren, welches transrationale Musterbildungen kreieren kann. Hier betreten wir die Bewusstseinsstufen ab GELB, die systemisch-integral denken und operieren können, weil sie sich „im Ungeborgenen geborgen fühlen“. Wenn sich vertraute Muster plötzlich ändern, reagiert unser Gehirn mit einem Kreativitätsschub und zeigt intuitiv eine größere Flexibilität im Denken bei komplexen Problemstellungen. Es kann schneller Wahrnehmungsalternativen erzeugen, die wiederum zur besseren Problembewältigung bei Übergängen und Neuanfängen führen. Man hat dann das stimmige Gefühl, sich jenseits des Vertrauten intuitiv mit erstaunlicher Leichtigkeit und Sicherheit bewegen zu können.
Intuition fliegt einem aber keineswegs zu, auch wenn man eine persönliche Präferenz dafür mitbringt. Sie wird auf den verschiedenen Wertestufen durch Krisenerfahrung und erfolgreiche Angstbewältigung (nicht: Verdrängung) trainiert, ganz besonders durch wiederholte Stufenwechsel mit allen dabei zu durchleidenden Instabilitätserfahrungen.
Jeder Stufenwechsel bedeutet eine kritische Zunahme an Komplexität. Jeder gemeisterte Stufenwechsel weitet die Perspektiven und formt Intuition als „die Summe der Lernerfahrungen am Rande der Überforderung" (Kruse).
Eigentlich müssten wir also von Intuition 3.0, 4.0 usw. sprechen, da sie sich auf jeder Stufe auf ein anderes Wertefeld stützt.

Selbstreflektion und Dialog


Darum ist Selbstkritik auch hinsichtlich des eigenen „Bauchgefühls“ gefragt. Auf welcher Stufe, an welchen Musterbildungen und Bewusstseinszuständen habe ich eigentlich meine Intuition geschult? Auch wenn sich für mich etwas intuitiv richtig anfühlt, kann ich damit unter den veränderten Rahmenbedingungen komplexerer Strukturen leider völlig danebenliegen. Intuitionsschulung verlangt darum eine ständige Aktualisierung am gegenwärtigen Bewusstseinsschwerpunkt, sonst verfälschen unsere einmal geformten Gefühle, Erinnerungen, Gewohnheiten und Vorannahmen unsere intuitive Wahrnehmung höherer Bewusstseinsformen. Weist meine „Intuition“ vielleicht nur auf einen „Quadrantenabsolutismus“ oder eine “Quadrantenphobie“ hin? Reagiere ich damit vielleicht unbewusst auf die verschiedenen Dualismen der Stufen in first tier? Stecke ich damit in einer Abwehrreaktion gegen die Stufe fest, die ich als letztes überschritten habe? Verleitet sie mich zu einer Prä-Trans-Verwechslung? Verhindert sie die Wahrnehmung meines Schattens, das aufrichtige integrale Erforschen oder den mitfühlenden Austausch?
Das zweite Korrektiv bildet der Abgleich mit dem „wissenden Feld“ eines integral-selbstorganisierten Netzwerks auf second tier. Durch freiwillige, bewusste Kooperation und synergetisches Zusammenwirken verbinden sich resonanzfähige Individuen, die sich durch permanentes Lernen, Mustererkennung, Schattenarbeit und Meditieren geschult haben, zu einer neuen Form von „sozialem Gehirn“ und „spirituellem Organismus“. Damit entstehen neue Möglichkeiten auch für den heilsamen Umgang mit dem globalen spirituellen Wissen der Menschheit. Empathische Resonanz, Diskursfähigkeit, friedliches Zusammenwirken, Verständnis für die Wertvorstellungen der verschiedenen religiösen Traditionen und ihrer Tiefendimension wird zur höchsten Priorität. Die atemberaubende Zunahme an Komplexität zwingt uns, neue sinnstiftende Formen einer spirituellen Weltkultur zu entwickeln, die horizontal, vertikal und multilateral praktiziert werden können. Schützenhilfe für Christen leistet dabei eine aufgeklärte, integrale Christusmystik, die sich vor Komplexität nicht ängstigt, sondern in ihr mit „erleuchteten Augen des Herzens“ ein großartiges „Wachstum in allen Stücken“ wahrnimmt, wie Paulus im Epheserbrief schreibt. Integralen Christen dürfte es nicht schwer fallen, sich wie er in immer komplexeren Räumen bis hin zum Unendlichkeitsmodus wohl zu fühlen: „So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, und so die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Fülle des Göttlichen.“ (Eph 3,18)

Marion Küstenmacher
Der Purpurtaucher. Vom inneren Wachsen mit Bildern der (jüdischen, christlichen und islamischen) Mystik,
Vier-Türme-Verlag 2015.
Wo die Seele Atem holt. Irisiana 2014
Ein spiritueller Übungspfad auf der Basis von Mystikerworten der großen Weltreligionen.

(aus: integrale perspektiven 32)