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23.5.2017 : 3:10 : +0200

The 4th turning (die vierte Umdrehung des Buddhismus)

Reflektionen über die Evolution des Buddhismus von Reverend Doshin Michael Nelson Roshi

Aus: https://www.integrallife.com/future-buddhism/introduction-fourth-turning

Eine Zusammenfassung von Michael Habecker

Der Vortrag des Roshi beginnt mit einer Bezugnahme auf die Konflikte unserer Zeit und das daraus resultierende Leid. Buddhismus ist vor diesem Hintergrund wichtig, weil er erstens das erklärte Ziel hat einen Weg aufzuzeigen, um Leiden zu beenden, durch ein „Beenden der Konflikte wo sie beginnen, tief in jedem Einzelnen von uns – um sich dann in der Welt auszubreiten“. Zweitens hat sich der Buddhismus im Laufe der Zeit selbst verändert. Dies wird ausgedrückt durch die Lehre von den drei Umdrehungen des Dharma-Rades, von denen drei bisher stattgefunden haben und eine vierte (möglicherweise) bevorsteht.

Der Roshi würdigt die Leistung von Ken Wilber, den er als einen Lehrer betrachtet.

Als „Zen-Typ“, so der Roshi, war er anfänglich darüber irritiert, sich in der zweiten Drehung des Rades wiederzufinden, der madhyamaka Schule und dem mahayana Buddhismus, und fragte sich, was wohl noch fehlen könnte, als das was die dritte Drehung des Rades mit sich bringt. „Welcher Diamant liegt in den Schriften der dritten Drehung verborgen?“ Es geht dabei um eine spezielle Sutra, die Lankavatara Sutra. Dies ist diejenige Sutra, in welcher Buddha die Struktur des Geistes [mind] beschreibt, als etwas sehr Wesentliches. Dieses Sutra wurde vom Bodhidharma, dem Gründer des Chan in China, nach China gebracht, wo der Buddhismus mit dem Taoismus zusammentraf. Daraus entstand später Zen.

Michael Nelson Roshi:

„Chan ist die Art wie die Chinesen dhyana aussprechen, das Sanskrit Wort für reine Gegenwärtigkeit [pure awareness]. Die Chinesen konnten dhyana nicht aussprechen und nannten es chan. Als der Buddhismus von China nach Japan kam, konnten die Japaner nicht Chana oder Chan aussprechen und machten daraus Zen. Zen – chan – dhyana, reine Gegenwärtigkeit, sie alle weisen auf den gleichen Geist hin, diesen unermesslichen, leeren Geist, reine Gegenwärtigkeit ohne Objekte, der bezeugende Geist. Dies ist wichtig für mich, weil die frühen Chan-Meister („Patriarchen“), von denen Bodhidharma der erste war, die Lankavatara Sutra immer weiter reichten, mit dem Hinweis, dass in diesem Sutra alle wichtigen Lehren enthalten wären. Der erste Patriarch gab sie weiter zum zweiten, dieser weiter zum dritten, dieser weiter zum vierten und dieser weiter zum fünften, und dann weiter zum sechsten Patriarchen, das war Huineng. Doch dieser gab nicht die Lankavatara Sutra, sondern die Diamant Sutra weiter. Diese beschäftigt sich jedoch nicht mit dem Geist und seiner Struktur sondern mit der Leerheit, und das bedeutete eine Wende im Zen. Zen betonte von da an den absoluten letztendlichen GEIST, die tiefste Wahrheit dessen was wir sind und machte daraus seine Stärke – und seine Schwäche. Die Schwäche besteht in der Zen-Krankheit, als einem Steckenbleiben im Hamsterrad der Leerheit. Doch auch das muss noch losgelassen werden. Die Evolution des Zen wurde daher sehr wichtig für mich. Alle Formen des Buddhismus sprechen von den sechs Sinnen, und worauf sie sich dabei beziehen sind sechs Formen von Bewusstsein. Es sind nicht die Augen die sehen, es ist das visuelle Bewusstsein das lernt, die Informationen die das Auge liefert zu koordinieren. Dieses visuelle Bewusstsein wird schon im Geist des Säuglings, der sehen lernt, geformt. Es sind auch nicht die Ohren die hören. Es ist das auditive Bewusstsein das Hören lernt. Es gibt ein korrespondierendes Bewusstsein zu jedem der fünf Sinne. Und dann gibt es noch den sechsten Sinn, und das ist der konzeptuelle Geist. Auch dieser Geist bildet sich und macht aus allem einen Sinn. Ich bin ein Zen Meister des Buddhismus, des Hollow Bone Zen Ordens, der sich darauf konzentriert, die alten Lehren auf eine neue Weise zu präsentieren. Der dort entwickelte Mondo Zen Prozess, der das alte Koan Training verwendet, war ein Beginn über das sechste Bewusstsein hinauszugehen, in etwas was im Rahmen der dritten Drehung des buddhistischen Rades, in der Lankavatara Sutra als das siebente und achte Bewusstsein, beschrieben wird, und das ist etwas Neues gegenüber dem frühen Zen, der sich auf die Leerheit konzentrierte. Die Vajrayana Schule, als eine Perle des tibetischen Buddhismus, ist eine Perle der dritten Drehung des buddhistischen Rades. Dieses siebente Bewusstsein ist der absolute Beginn der Bildung eines Selbst, noch bevor der konzeptuelle Geist sich zu bilden beginnt, bevor es Sprache gibt, bevor es ein Selbst gibt das sich erinnert, bevor es Sprache und Erinnerung gibt.

Als Jun Po Roshi [der Begründer von Mondo Zen], als eine Erweiterung des Zen-Instrumentariums, im Rahmen des Mondo Zen emotionale Koans einführte, mit Lehren wie „deine Angst ist deine Befreiung“, lag dem zugrunde, dass negative Emotionen nicht etwas sind was es zu vermeiden oder zu leugnen gilt. Sie sind etwas was es zu untersuchen gilt, etwas zu dem Gegenwärtigkeit gebracht werden sollte. Beginnt man dies anzunehmen und aufzunehmen [to be present with], auch wenn man damit nichts zu tun haben möchte, weil dies große Unruhe und Angst verursacht, dann findet man eine große Befreiung. In den Worten des populären spirituellen Lehrers Eckhart Tolle: Je größer die Angst, desto größer die Befreiung. Hier beginnt eine Untersuchung dieses siebenten Bewusstseins. Mit meinem Hintergrund der Arbeit von Carl Jung leuchtete mir das sofort ein. Dies ist der Beginn von dem was Jung zu beschreiben versuchte, als er über das persönliche Unbewusste sprach. Und das achte Bewusstsein, was noch tiefer liegt, vor der Bildung des Selbst, das „Lagerhaus-Bewusstsein1“ [storehouse], das Samen-Bewusstsein [seed], das ist das was Jung mit dem Begriff des kollektiven Unbewussten zu beschreiben versuchte, als ein generelles Unbewusstes welche die Intelligenz beinhaltet, die das Universum im Gleichgewicht hält. Doch - darauf hat Ken hingewiesen - das Problem bei Jung ist, dass er die unterschiedlichen Typen des Unbewussten noch nicht so differenzierte wie wir das heute tun können. Ken hat etwa fünf Arten des Unbewussten unterschieden2, und das gibt uns eine feinere Unterscheidung bei der Beschreibung des Unbewussten.

Das Problem mit dem Unbewussten ist, dass es unbewusst ist [lacht]. Wir brauchen eine meditative Praxis, um das Transpersonale bewusst zu machen, und um unsere spirituellen Einsichten – nicht nur unser Verstehen – zu vertiefen, unsere Erfahrungen. Dabei können wir dieses tiefere Lagerhaus des Unbewussten erkennen und uns bewusst machen. Hier tritt der Buddhismus hervor, speziell der Zen-Buddhismus. Zen konzentriert sich auf das letztendliche Selbst, den absoluten GEIST.

Bringen wir das in den historischen Rahmen, den Ken vorgeschlagen hat. Es geht dabei um eine Vertiefung von Einsichten und spirituelle Erfahrungen als eine Zustandsstufenentwicklung – es ist keine Strukturstufenentwicklung, wie wir sie in der Evolution des Geistes finden, die geschieht innerhalb des sechsten Bewusstseins, der konzeptuelle Geist, die Entwicklungshöhe des Bewusstseins, die Strukturen des Bewusstseins. Doch wenn wir uns auf die andere Seite des Wilber-Combs Rasters begeben, dann wird es so offensichtlich in einem Zen Training. Beim Zen geht es darum den Geist zu disziplinieren, sich nicht ablenken zu lassen von physischem Vergnügungen oder Schmerz, sich auch nicht von Gedanken der Gefühlen ablenken zu lassen, auch nicht von Engeln oder Dämonen, Göttern und Göttinnen. Dabei bewegen wir uns vom Bereich grobstofflicher Physikalität durch den Wechselpunkt [switchpoint] der dunklen Nacht der Sinne weiter in den subtilen Bereich, den Traumzustand, den Zustand von Denken und Träumen. Auch hier geht es darum uns nicht ablenken zu lassen von unseren Gedanken oder Emotionen, Göttinnen und Göttern, Dämonen und Engeln, sich von keinem subtilen Phänomen ablenken zu lassen, und dann gelangen wir zu einem weiteren Wechselpunkt, einem weiteren Übergang. Was wir dabei erleben ist eine dunkle Nacht der Seele. Wir lockern die Anhaftung zu allem was uns wichtig ist, zu all dem was unserem Leben Sinn und Bedeutung verleiht. Wir durchlaufen eine existentielle Krise. In dem wir uns diesem Feuer aussetzen vertieft sich unsere Einsicht. Dann treten wir in den Bereich von Leerheit ein. Hier entdecken wir dieses reine, leere Gewahrsein, hier gibt es nichts außer Gewahrsein. Dieses Gewahrsein ist grundlegend. Dies ist der grundlose Grund, und vor hier aus bezeugen wir, ohne ein Selbst, alle grobstofflichen und subtilen Objekte, die kommen und gehen, in diesem Feld reinen Gewahrseins. Und auch das kann zu einer Falle werden. Hier besteht die Gefahr der Zen-Krankheit für Praktizierende, als einer Anhaftung an die Leerheit und der ursachenlosen Freude, die aus dieser tiefen Wahrheit dessen, wer und was wir sind, entspringt. Dies ist die Zeit für einen weiteren Übergang, einen weiteren Wechselpunkt. Jetzt gehen wir durch die dunkle Nacht der Seele. Und sogar dieser letzte Splitter eines Ego und Selbst fällt ab und es bleibt ein Nichts übrig, absolut nichts. In diesem Nichts ereignet sich die Vereinigung, das Wunder von Einheit, in dem sich das absolute und das relative Selbst vereinen. Das ist der erwachte Geist, die Soheit, die tiefste Wahrheit dessen wer und was wir sind. Hier ist Gott. Die absolute Klarheit. Die tiefste Ebene des Lagerhaus-Bewusstseins. Dieses Nicht-Wissen welches weiß, ist vereint mit dem reinsten Aspekt unserer Menschlichkeit, als ein tiefes Mitgefühl der christlichen Liebe und Gnade. Es ist ein tiefes Sorge tragen, ein tiefes menschliches füreinander sorgen als der tiefsten Essenz unseres relativen Selbst. Die Vereinigung dieser Klarheit mit diesem Mitgefühl führt zu einer gewöhnlichen Soheit und einem Sosein. Das ist das was Zen hervorbringt. Es vertieft unsere Erfahrung von Zuständen – durch grobstoffliche Physikalität hindurch zum Subtilen, weiter zum höheren Subtilen, weiter zum Kausalen, zum selbst-befreiten Bezeugen, um dann in der Soheit anzukommen, wo nichts dem hinzugefügt wird was ist, und davon auch nichts weggenommen wird. Nichts wird von unseren konzeptuellen Filtern gefiltert, und nichts wird projiziert von der Essenz unseres relativen Selbst, welches nach wie vor mit den Dramen des Lebens kämpft.

Das ist das, was für mich klar wurde, als ich Ken studierte, und was ganz speziell klar wurde mit seiner Beschreibung der ersten historischen Drehungen des buddhistischen Dharma-Rades. Das änderte grundlegend die Art wie ich lehre. Dieses Modell mit acht Arten von Bewusstsein, welches die Tibeter seit sehr langer Zeit verwenden, und welches im Zen vergessen wurde, wurde plötzlich wieder lebendig. Ich hatte bereits begonnen mit dem zu experimentieren, von dem ich glaubte, dass es die vierte Drehung des buddhistischen Rades wäre (als etwas, was Ken im zweiten Abschnitt seines Textes über die vierte Drehung erläutert). Im Rahmen des „Integralen Zen“, als einer Sangha, die wir im Jahr 2005 gründeten, experimentierten wir bereits in diese Richtung. Doch ich hatte etwas ausgelassen und musste noch einmal zurückkehren um dies einzubringen. Und das waren die Lehren der Lankavatara Sutra. Den Rest meines Leben widme ich jetzt der Integration all dessen auf eine neue Weise und so gut ich das kann. Und es gibt andere Lehrer, die das auch tun. Diane Hamilton berührt mich zutiefst mit der Arbeit, die sie macht – sie macht die gleiche Arbeit und bearbeitet das gleiche Gelände auf ihre Weise. Und es gibt andere, wie Patrick Sweeney, aus einer tibetischen Richtung kommend. Dies ist ein Experiment an der Spitze dieser vierten Drehung. Ich bin sicher, es gibt noch viele andere, die das tun. In ein paar hundert Jahren werden wir wahrscheinlich wissen, was genau diese vierte Drehung ausmacht, und es wird weitere Jahrhunderte brauchen, um dies wirklich auszufüllen. Was für eine großartige Gelegenheit jetzt hier zu sein, in dieser interessanten Zeit.

(Quelle: Online Journal Nr. 46)

1A. d. Ü.: auch zu übersetzen mit Fundgrube oder Schatzkammer.

2Siehe hierzu das Kapitel 11 des Buches Das Atman Projekt. Für eine Zusammenfassung siehe integralesleben.org/il-home/il-integrales-leben/anwendungen/bewusstsein/arten-des-unbewussten/