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25.9.2017 : 19:01 : +0200

Was ist Meditation???? - Einführung ins Thema

von Michael Habecker

 

Auf die Frage „Was ist Meditation?“ gibt es sowohl zahllose individuelle persönliche Meinungen wie auch unterschiedliche kollektive Bezüge, je nach Kultur und Bezugssystem, der/ dem man angehört. Dabei reicht, zumindest in unserer westlichen Kultur, das Assoziationsfeld beim Begriff „Meditation“ von „esoterischer Spinnerei“ bis zu „höchster Praxis der Vervollkommnung“.

Erkundung der Innenwelt

Was bei Diskussionen über Meditation oft in den Hintergrund gerät, ist die eigentliche und unmittelbare Bedeutung. Wenn wir geboren werden, ist das erste, womit wir uns beschäftigen, das Verstehen und Handhaben der äußeren Dinge um uns herum, von der Rassel über die Bauklötze bis zu den Personen, die uns begegnen. Wir erobern uns als erstes die äußere Welt, zuerst mit bloßen Fingern und später mit anspruchsvolleren Geräten wie Radioteleskopen und Teilchenbeschleunigern. Doch schon bald auf unserem Lebensweg stellt sich eine Frage, deren Beantwortung mindestens ebenso so spannend ist wie die nach der Natur der Dinge um uns herum: „Gibt es eine Innenwelt, und wenn ja, wie sieht die aus?“ Irgendwann im Laufe der Menschheitsgeschichte, vor sehr langer Zeit, muss ein Mensch sich erstmals seiner eigenen Innerlichkeit bewusst geworden sein, und irgendwann in Ihrer und meiner Biografie müssen wir uns auch erstmals bewusst geworden sein, dass wir uns nicht nur einer Außenwelt gegenübersehen, sondern auch mit einer Innenwelt beseelt sind.

Meditation ist eine wesentliche Antwort auf die Frage nach dem Sinn, Wert und Geist unseres Lebens und Daseins.

 

Dieses Erwachen zum Innen ist die Geburtsstunde von Meditation, individuell und kollektiv, und es ist auch die Geburtsstunde von (Entwicklungs-)Psychologie und Psychodynamik als deren Geschwister. (Während Meditation allgemein auf Inhalte des Bewusstseins oder deren Abwesenheit ausgerichtet ist, werden durch die Entwicklungspsychologie deren Strukturen und durch die Psychodynamik deren Dynamiken entdeckt.) Immer dann, wenn ein Mensch oder Wesen seine oder ihre Aufmerksamkeit nach innen richtet, dann ist das bereits eine meditative Haltung, die in den zurückliegenden Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte in vielen Praxiswegen vertieft und ausgearbeitet wurde. Meditation ist daher sowohl in ihren alltäglichen wie auch in ihren höchsten Formen das Eingangstor zur Innenwelt, nicht als ein Gegensatz zur Betrachtung der äußeren Welt, sondern als ihre notwendige Ergänzung. Ein empfinden des, sich seiner Innerlichkeit bewusstes Wesen betrachtet die Welt von innen und von außen.

Das SELBST entdecken

Doch bei der Entdeckung der Innenwelten (und der damit verbundenen Betrachtung der Außenwelten) bleibt Meditation nicht stehen. Auf dem meditativen Weg stellt sich bei der Betrachtung aller vergänglichen inneren und äußeren Objekte als nächstes die Frage, wer oder was all dies betrachtet und erfährt, d. h. die Frage nach dem Wahrnehmungssubjekt aller Wahrnehmungsobjekte. Und auch hier kann eine vertiefende Meditation eine Antwort geben, in Form der Erfahrung des SELBST als ein Ich-Erleben ungetrennt von allen Objekten oder der Erfahrung von Leerheit oder Absolutheit als dem Seinsgrund, aus dem heraus alle Phänomene erscheinen, mehr oder weniger lange verweilen und wieder verschwinden, einschließlich des (kleinen) Selbst als der eigenen Persönlichkeit in Zeit und Raum. Dies ist der Grund, warum Meditation zu Recht auch als ein Befreiungsweg verstanden wird, doch dieser Weg beginnt mit einer einfachen und direkten Wendung nach innen, wie sie jeder Mensch in jedem Lebensaugenblick vornehmen kann, z. B. zur Beantwortung der Frage „Wie geht es mir gerade?“.

Auf dem Zustandsweg des Erwachens, von der Entdeckung und Erschließung der äußeren Welt über die Entdeckung und Erschließung der inneren Welt bis hin zum Erwachen zum Seinsgrund, ist die Meditation als eine einfache und direkte Wendung nach innen seit langem ein treuer und zuverlässiger Begleiter der Menschheit. Auch (und gerade) in den dunkelsten Ecken einer materialistischen und auf das äußere der Dinge ausgerichteten Welt fühlen, leiden und lieben Menschen und erleben sich als beseelte und lebendige Wesen. Meditation in allen ihren Formen ist eine ganz wesentliche Antwort und Hilfe bei der Beantwortung der Frage nach dem Sinn, Wert und Geist unseres Lebens und Daseins.


Quelle: IP 23 – 12/2012