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25.5.2017 : 1:22 : +0200

Die Schattenskizzen.

Eine Geschichte der Reintegration in sechs Teilen

 

Ken Wilber

(aus: Ken Wilber – The Shadow Vignettes, A Tale of Reintegration in Six Parts, The loft series)

 

Ich wurde von einer Reihe von Menschen angesprochen, die mir für den Vortrag zum Thema Schatten dankten und sagten, dass dies etwas wäre, woran sie schon ihr ganzes Leben arbeiten würden. Ich möchte daher heute auf das Thema etwas ausführlicher eingehen und Beispiele geben, wie man damit arbeiten kann, wie man damit in einen Dialog eintreten kann und was dabei vor sich geht. Das sind kurze abstrakte Skizzen, wie man mit dem, was man als sehr irritierend erlebt oder was einen sehr anzieht, im Tagesverlauf arbeiten kann, oder auch entsprechend mit einem Trauminhalt.

 

3 Selbste

Erinnern wir uns daran, dass der Schatten in einem Kontext steht, wo wir es mit mindestens drei Selbsten zu tun haben, entsprechend der Doktrin der zwei Wahrheiten, aus der man drei Wahrheiten ableiten kann. Ich verwende das Beispiel eines zusammengerollten Seils, das in einer Ecke liegt, in einem abgedunkelten Raum, und ich habe Angst davor, weil ich glaube, es liegt dort eine Schlange. Ich kann nun Jahre damit verbringen diese Schlange zu vermeiden und auch die damit einhergehende Angst, oder ich praktiziere eine Art von Erleuchtung, das Licht geht an im Raum, und ich erkenne, was wirklich in der Ecke des Raumes liegt und sehe, dass es ein Seil ist und keine Schlange. Dies ist ein Beispiel relativer Wahrheit und Falschheit. Die Aussage „dies ist eine Schlange“ ist falsch, sie ist nicht wahr. Die Aussage „dies ist ein Seil“ ist eine relative Wahrheit und nicht falsch. Im relativen Bereich unterscheiden die Traditionen relative Wahrheit und relative Falschheit. Sie anerkennen auch ein gewöhnliches endliches Selbst.

 

Authentisches und falsches Selbst

Und von diesem Selbst gibt es eine Version, die relativ wahr und richtig ist, und eine, die ziemlich falsch ist. Ich bezeichne die relativ wahre Version des endlichen Selbst als das authentische Selbst. Die relativ falsche Version nenne ich das falsche Selbst.

Das authentische Selbst ist daher das Selbst auf jeder der Entwicklungsstufen, welches diese Stufe und all ihre Interaktionen am genauesten reflektiert. Wenn es seine eigenen Verlangen, Bedürfnisse und Wünsche richtig identifiziert, alle „multiplen Intelligenzen“, die es hat, auf der Stufe, auf der es sich befindet, wenn es seine Bedürfnisse und normativen Werte richtig erkennt, wenn es seine interpersonellen Beziehungen richtig versteht (und das ist nicht so einfach) – wenn all dies richtig geschieht, ohne eine Regression von Interaktionen zu früheren Entwicklungsstufen, falls etwas nicht so läuft, wie es sollte, wenn also eine Stabilität auf der Entwicklungsstufe, auf der es sich befindet, aufrechterhalten werden kann – wenn all dies der Fall ist, dann können wir von einem relativ authentischen Selbst ausgehen. Dieses Selbst repräsentiert angemessen seine Entwicklungsstufe mit allen dazugehörigen Austauschbeziehungen. Jede der genannten Komponenten, die dabei schief laufen, wo Fehlinterpretationen auftreten, Selbstlügen, wo Dissoziationen und Abspaltungen stattfinden, wo Autorenschaft verleugnet wird, all dies sind Schattenanteile, und das verbleibende Selbst ist ein falsches Selbst. Ein Großteil der westlichen Psychotherapie beschäftigt sich damit einen Menschen mit einem falschen Selbst hin zu einem authentischen Selbst zu bewegen.

 

Das wahre SELBST

Doch was das wahre Selbst angeht, als dem dritten Selbst in diesem Spiel, ist sich die westliche Psychotherapie dieses Selbst weitgehend unbewusst. Das liegt daran, dass es sich dabei um ein Zustandsphänomen im weitesten Sinn handelt. Menschen kommen damit über Gipfelerfahrungen in Berührung, doch Gipfelerfahrungen bedrohen nicht das konzeptuelle Modell eines authentischen/falschen Selbst. Das authentische Selbst hat diese Erfahrungen und kehrt dann zu sich selbst zurück. Mit dieser Erfahrung geht nicht die Erkenntnis eines in Berührung-Kommens mit einem wirklichen und wahren SELBST einher, als ein SELBST, welches unbegrenzt, ewig, zeit- und raumlos ist und einem anderen Bereich angehört. Doch das wahre SELBST ist das dritte Selbst in der Gleichung mit dem authentischen und dem falschen Selbst. Das wahre SELBST ist das Selbst, das sich zu manifestieren beginnt, wenn sich der Zustands-Bewusstseinsschwerpunkt eines Menschen vom Ego-Wachzustand zum subtilen Traumzustand der Seele und weiter in den kausalen Zustand bewegt.

Abhängig davon, ob wir vier oder fünf Hauptzustände unterscheiden, haben wir den Zustand von turiya, und der Bewusstseinsschwerpunkt bewegt sich dorthin, und das wahre SELBST dieses Zustands tritt mehr und mehr in den Vordergrund. Der oder diejenige ruht dann immer mehr in einem unerschütterlichen Zentrum von Gleichmut und einem Bezeugen. Der Körper-Geist [bodymind] wurde losgelassen, und es gibt keine ausschließliche Identifikation mehr mit dem Körper-Geist. Doch Körper und Geist sind nach wie vor gegenwärtig, und das konventionelle Selbst wird erkannt als ein Teil dessen, wer oder was man ist – innerhalb der eigenen Totalität. Und man ist dieses unerschütterliche Zentrum reinen strahlenden, nicht-qualifizierbaren leeren Gewahrseins. Dies ist etwas, was niemals als ein Objekt gesehen werden kann. Es ist das, was immer sieht. Wenn ich danach Ausschau halte, kann ich es nicht finden. Ich kann es nicht finden oder entdecken, weil es zum einen immer schon gegenwärtig ist. Daher kann es nicht entdeckt werden, weil es buchstäblich schon bekannt ist.

Wenn man damit in Kontakt kommt, erkennt man – oh, das – als dasjenige, was ich wie in einen Spiegel schauend die letzten zwanzig Jahre gesucht und immer schon gesehen habe. Es entzieht sich jeder „Entdeckung“ grundlegend, weil es nicht-zeitlich ist, und es ist etwas, was nicht als ein Objekt entdeckt oder gesehen werden kann – es ist dasjenige, was alle Objekte sieht, einschließlich dem, von dem man dachte dass es das eigene Selbst wäre. Das authentische Selbst wird als ein Objekt gesehen, und daher kann das authentische Selbst kein wirkliches oder wahres SELBST sein. Es ist noch nicht einmal ein Subjekt, und wenn es kein Subjekt ist, dann kann es auch kein Selbst sein. Es ist ein Objekt, und wir wissen das, weil wir es sehen können. Wir können es sehen, wenn wir in uns ruhen und so ein Gefühl für unser Selbst bekommen und bemerken, dass irgendetwas sich unseres Selbst gewahr ist. Etwas tut das wirkliche Fühlen oder das wirkliche Schauen. Es gibt also etwas jenseits dieses Selbst, das einem ermöglicht sich des Selbst bewusst und gewahr zu sein – und das ist das wahre SELBST.

Versucht man das wahre SELBST zu sehen, dann entzieht es sich immer weiter, immer weiter, und immer weiter, wenn man versucht es zu fassen und zu sehen. Es existiert nicht als ein Objekt, es ist absolute Subjektivität, die sich dem Gesehen-Werden entzieht. Und doch sieht es alles, was erscheint, und es ist sich des eigenen Geistes und Körpers gewahr, der Gedanken, die vorüberziehen, und der Wolken, die am Himmel vorbeiziehen – all dies erscheint in dem nicht-qualifizierbaren Gewahrsein, welches das eigene wahre Selbst ist, und kann doch nicht erfasst und objektifiziert und entdeckt werden. Es ist einfach der strahlende Kern allen Gewahrseins. Dies ist der Grund, warum die meisten westlichen psychologischen oder psychoanalytischen Modelle es nicht enthalten. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die sich ihres wahren SELBST bewusst sind. Die meisten Menschen haben ihren Zustands-Bewusstseinsschwerpunkt beim Grobstofflichen oder im Subtilen.

 

Westliche und östliche Modelle

Das wahre SELBST finden wir kaum in den westlichen Modellen, so wie wir das authentische Selbst nur selten in den östlichen Modellen finden. Für diese Modelle existiert lediglich die Selbstkontraktion, das Selbst im samsara, und jedes Selbst dort wird per Definition als ungesund betrachtet. Jedes Selbst im samsara ist ein samsarisches Selbst, das es loszuwerden gilt. Jedes Selbst im samsara ist ein leidendes Selbst, und da gibt es kein Gut oder Schlecht, es handelt sich um ein Selbst, das nicht wahr ist, es ist kein unbegrenztes SELBST. Die feineren Unterscheidungen dabei werden von den meisten kontemplativen Modellen nicht erfasst. Was wir dort finden, ist ein Modell mit einem wahren SELBST und einem davon getrennten Selbst, einem Ego, und worum es geht, ist das Ego zu transzendieren und in Kontakt mit dem wahren SELBST zu gelangen. Das Ego zu transzendieren sagt einem nichts darüber, um welches Ego es dabei geht, das authentische Selbst oder das falsche Selbst. Wir können etwas transzendieren, doch was bleibt zurück – das falsche Selbst, dem wir die Handhabung unserer täglichen Aktivitäten überlassen? Mit den kontemplativen Traditionen lässt sich diese Frage nicht beantworten. Dort wird nicht zwischen dem authentischen Selbst und dem falschen Selbst unterschieden – so wie die westlichen Traditionen das authentische Selbst und das wahre SELBST nicht unterscheiden.

 

Spirituelle Vermeidung

Dieses Problem existiert von Anfang an, wir finden es in den USA immer noch verbreitet bei vielen buddhistischen und kontemplativen Lehrern, sie setzen die Verwirrung fort und unterscheiden nicht zwischen einem authentischen und einem falschen Selbst, sie werfen beides zusammen als das falsche Selbst, das endliche Selbst, die Selbstkontraktion, das getrennte Selbst, das was es loszuwerden gilt. Es geht ihnen darum dieses Selbst, so wie es ist, zu transzendieren, sie beschäftigen sich nicht weiter damit und wollen schnell zum wahren SELBST gelangen. Das ist ein klassisches Beispiel für eine spirituelle Vermeidung [spiritual bypassing]. Sie nehmen ein fragmentiertes und gebrochenes Selbst als Ausgangspunkt, das falsche Selbst, beobachten es, bezeugen es, transzendieren es, immer weiter, aber bearbeiten es nicht im Sinne einer Integration von Schattenanteilen, all der Elemente, die abgespalten wurden. Das falsche Selbst bleibt so ein falsches Selbst, und die Zustandspraxis führt dazu, dass sich der [Zustands]Bewusstseinsschwerpunkt dieses falschen Selbst durch die Hauptzustände hindurch verlagert. Man beginnt mit einem falschen Ego, bewegt sich zu einer falschen Seele, und weiter zu einem falschen WAHREN SELBST. Das ist kein wirklich gutes Programm. Was der integrale Ansatz tut, ist, sich das Gesamtbild anzuschauen und konkret bei Problemen zu beginnen, die ein Mensch mit seinem relativen Selbst hat, die Schattenelemente, die vorhanden sein können, zu integrieren, bevor man mit Praktiken beginnt dieses Selbst wegzuschieben. Weil, was dann passiert, ist, dass man das abgesonderte Selbst wegschiebt, als eines, das man noch gar nicht in Besitz genommen hat.

Auf diese Weise wird die Dissoziation zwischen dem relativen Selbst und dem Schatten noch verstärkt. Bezeugende Techniken wie vipassana können so eine schädliche Wirkung haben, was die Integration von Schattenelementen betrifft. Der Schatten ist vom proximalen Selbst abgespalten worden, und wenn man ihn bezeugend betrachtet, dann werden die Dissoziation und Abspaltung immer weiter fortgeführt, immer weiter, immer weiter. Abstand nehmen, Abstand nehmen, Abstand nehmen, es ist lediglich ein Es, ein Es, ein Es, das bin ich nicht, bin ich nicht, bin ich nicht, ich bin frei davon, frei davon, frei davon … Der Schatten bleibt, was er ist und lacht sich ins Fäustchen: „Ja, ich bin ein Es, und das möchte ich auch bleiben“. Freuds Zusammenfassung von dem, was in Psychotherapie geschehen sollte, und zwar die Umwandlung von einem Es [Schatten] zu einem Ich [Integration] – genau das wird mit einem lediglich bezeugenden Bewusstsein so nicht geschehen. Die Identifikation mit etwas, was hochkommt, ist das, was man beim Bezeugen gerade nicht tun soll. Wenn ein Schatten hochkommt, wird dieser ver-Es-licht, weggeschoben, nicht berührt, was eine Garantie dafür ist, dass der Schatten nicht innerhalb des Selbst integriert wird.

 

Schattenintegration

Doch worum es beim Schatten geht, ist, dass er wieder ein Teil des Ich wird, des Subjektes, von dem er abgetrennt wurde, so dass dann dieses Subjekt zu einem Objekt der nächsthöheren Entwicklungsstufe werden kann.

Es bleibt in der Entwicklung eine erste Person. Das proximale Selbst entwickelt sich weiter, um ein subjektives Selbst zu werden, als Entwicklungslinie des subjektiven Pronomens. Die Objekte werden zu einer objektivierten Form einer ersten Person, mir, mein. Es ist kein Ich mehr, diese Identifikation wurde zurückgelassen, doch es ist ein „mein“. Wenn einem Gedanken durch den Kopf gehen, weiß man, dass dies eigene Gedanken sind. Wenn einem Gedanken durch den Kopf gehen und man meint, dass diese zu jemand anderem gehören, dann hat man sie richtig objektiviert, doch auf eine psychotische Weise. Man muss Bob Kegans Aussage richtig verstehen, es geht nicht alleine um das Objektivieren von Inhalten, es geht um Objekte einer ersten Person. Wenn man das berücksichtigt, dann ist eine der Praktiken von Schattenarbeit die Identifikation von Schattenelementen, also dasjenige, was einen am meisten irritiert oder am meisten anzieht. Es gilt sich dem zu stellen und es anzuschauen, es buchstäblich in einen Stuhl gegenüber zu setzen. Und es dann zu fragen, wer es ist und was es will. Wer bist du, was willst du, warum bist du hier?

 

Beispiele

Ich bringe jetzt ein paar plakative Beispiele, sehr einfach und kurz, und es sind Beispiele von Projektionen [für die Entwicklungsstufen von] Magenta, Rot, Bernstein, Orange, Grün und Petrol [im Modell der Spektralfarben].

Magenta

Eine nackte Frau tanzt. Ich fühle mich nicht wohl dabei, schaue jedoch gebannt zu. Schließlich frage ich:

„Was machen Sie?“ (wir sitzen nebeneinander).

Sie sagt: „Du willst mich, nicht wahr?“

Ich frage: „Darf ich das?“

Sie sagt: „Du denkst, dass das nicht erlaubt ist? Was wäre, wenn ich jetzt direkt vor dir tanze?“

„Oh, sprich nicht so! Das ist peinlich.“

„Ah, du denkst also, dass es nicht erlaubt ist.“ (Und wir kommen jetzt zu dem Teil, der unterdrückt ist).

„Ja, so ist es.“

„Warum? Was ist das Schlimmste, was dabei passieren kann?“

„Meine Mutter könnte es herausfinden.“ [Lachen]

„Aber die ist doch gar nicht hier.“

„OK. Ich will dich. Ich fühle deine Energie in mir.“

Bei der Aussage, dass die Mutter nicht anwesend ist, wird der letzte Schritt im Schattenprozess vollzogen, was einen „Stuhltausch“ und die Identifikation mit dem eigenen Schatten bedeutet. Der Betreffende hat keinen Grund peinlich berührt zu sein, die Mutter ist nicht anwesend, und er kann den Wechsel vollziehen, und gibt zu:

„Ich will dich. Ich fühle deine Energie in mir, die sich frei bewegt, als meine Energie.“  

Dies ist ein idealisiertes Beispiel für die Projektion sexueller Energie. Das Über-Ich, das über die Vorgaben der Eltern und anderer internalisiert wurde, bedeutet in diesem Fall, dass Sexuelles ein Tabu ist. Als ein Südstaatenbaptist ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich dabei auch um eine Unterdrückung handelt, die in mein identifiziertes Unbewusstes eingedrungen ist. Dies muss daher nicht wörtlich zu mir gesagt worden sein, es ist eine Atmosphäre, die ich internalisiert und in mich aufgenommen habe. Dadurch wurde ein großer Brocken von Magenta emotional-sexueller Energie abgespalten und in der Subpersönlichkeit abgelagert. Diese kann männlich oder weiblich erscheinen, und in diesem Fall erscheint sie weiblich.

Rot

Ein monsterähnliches Wesen taucht in meinen Träumen auf, und es scheint mich zu jagen. Es kommt auf mich zu und ich versuche auszuweichen. Schließlich stelle ich mich dem Monster und frage:

„Was willst du?“

Das Monster antwortet auf eine sehr primitive Weise: „Ich will dich essen“.

(Wir haben es hier mit einem oralen Antrieb zu tun, unterhalb dieser höheren roten Ebene.)

„Du willst mich essen?“

„Ja, und wenn du nicht tust, was ich sage, dann bist du erledigt.“

„Oh, du willst mich beherrschen?“ (Es geht nicht so sehr ums Essen, sondern um Macht.)

„Ja, das will ich.“

„Was muss ich tun?“

„Pass auf das auf, was ich sage. Wenn ich es sage, dann habe ich die Macht.“

An diesem Punkt wird klar, worum es hier eigentlich geht. Hier geschieht der Stuhlwechsel. Es geht um das Fühlen dieser brutalen Machthaberei. Als dieses Monster kann ich nun sagen: „Ich möchte, dass du, und du, und du genau das tust, was immer ich sage.“ Es geht darum, das bei sich zu spüren, und zu spüren, wie gut sich das anfühlt, und immer dann zu spüren, wenn es hochkommt. Der Traum hat mir den Kontrolleur in mir gezeigt, den Persönlichkeitsanteil, der möchte, dass alles so läuft, wie er/sie es will, der die Macht haben und alles unter Kontrolle haben will. Er zeigte sich im Traum als eine sehr niedrige Projektion, nahe bei der infraroten Ebene, als eine orale Projektion des Essens. Doch mit dem Dialog wurde klar, dass das Essen lediglich ein Teil des Kontrollehabens ist. Das Monster (der Persönlichkeitsanteil) will mehr, er oder sie möchte generell Kontrolle über alles haben. Worum es geht, ist, das zu spüren und auch zu spüren, wie sehr man das mag. Das kann überraschend sein, doch es ist eine wichtige Entdeckung. Die Umwelt (Freunde und Kollegen) bekommen dies mit, so wie es mir bisher völlig unbewusst war. Etwas, was zu mir gehört, wurde projiziert und erscheint jetzt als etwas völlig anderes, Bedrohliches, doch es ist mein eigener neurotischer Impuls. Durch das Erkennen nimmt die Tendenz und Intensität ab, und ich bekomme immer mehr diesen verborgenen Antrieb in mir mit.

Bernstein

Dies ist eine metaphorische Übertreibung einer traumähnlichen Wirklichkeit, ich sehe eine andere Person in Flammen stehen, lichterloh brennend. Ich betrachte dies und erwarte, dass der Mensch verbrennt, doch in dieser Vision brennt der Mensch immer weiter. Ich höre kein Schreien und sehe keinen Todeskampf, aber es ist klar, dass dieser Mensch leidet, als ein Zustand der immer weitergehen könnte, für sehr lange Zeit. Ich sage:

„Geht es Ihnen gut?“

Die Person antwortet: „Sieht es so aus, als ginge es mir gut?“

Ich frage: „Wie konnte das geschehen?“

Antwort: „Ich habe mir die Freiheit genommen aus eigenem Willen heraus zu handeln, mich nicht an die Bibel zu halten, und irgendwann haben sie das bemerkt.“

„Wer sind ‚sie‘?“ Und dann gibt es plötzlich eine vage Ahnung und ein Bild von einem Raum, gefüllt mit schwarzgekleideten Menschen. „Wir sind sie!“

„Was wollt ihr?“

„Wir stellen sicher, dass alle Menschen sich strikt an die Bibel halten. Der Herr hat uns sein Wort gegeben, und das Versprechen, dass, wenn wir uns an sein Wort halten, dass wir dann das ewige Leben haben werden. Und wenn nicht, dann erwartet uns Verdammung und das Höllenfeuer.“

Ich wende mich nun dieser Gruppe zu und identifiziere mich mit ihnen. Ich fühle mich hinein und sage:„Ich verlange Gehorsam“, und mir wird sofort klar, dass es wieder um Kontrolle geht, die ich haben möchte. In Verbindung mit dem vorherigen Traum wird mir klar, dass ich noch einige Arbeit vor mir habe, dieses Kontroll- und Machtbedürfnis gegenüber anderen zu integrieren. Ich will mir dessen bewusster werden und weiter daran arbeiten.

Dieser Schattenanteil ist offensichtlich, er kontrolliert unbewusst meine Gedanken und Gefühle. Viele der Gefühle, die ich habe, die übersetzt werden könnten in das Gefühl des Brennens, können etwas mit meinem Macht- und Kontrollbedürfnis zu tun haben. Das Ergebnis davon ist, dass ich mich selbst sehr hart kneife. Das zeigt sich in dem Bild einer Person, die brennt, als eine gute symbolische Aussage darüber, wie ich mich fühle, wenn ich das mache. Nach der Identifikation mit dieser Gruppe und dem Einfühlen in deren Gebote und der Lockerung davon kann ich mich mit der Person, die in Flammen steht, identifizieren. Als dieser Mensch fühle ich mich dann schon befreiter. Ich wechsele dann zurück in meine Person und kann sagen:„Ja, ich fühle mich freier, auch befreit von den Forderungen der Bibel.“ Die Chance, dass ein wirklicher Fundamentalist das in kurzer Zeit erlebt, ist eher gering, doch dies ist ein Weg aus Bernstein heraus, mit der Erkenntnis, dass, solange ich mich auf dieser Entwicklungsstufe befinde, solange bin ich gefangen im Dogma und den Freiheitsein­schränkungen, welche die Bibel einfordert. Und ich erkenne, dass dahinter ein Kontrollmechanismus steckt und nicht mein eigener Wille.

Orange

Eine leuchtende, strahlende Person kommt aus der Entfernung langsam auf mich zu, und meine Aufmerksamkeit wird davon eingenommen. Ich frage:

„Wer bist du?“

„Wer, glaubst du, bin ich?“

„Du bist unwiderstehlich, so wie mein Lebensziel.“ 

„Vielleicht bin ich das“.

„Was ist das genau? Das Leuchten?“

„Was steckt hinter dem Leuchten?“

„Eine große Errungenschaft.“

Und damit tausche ich die Rolle mit der strahlenden Person. „Ich bin das Erreichen. Ich bin das Hervorragende und Herausragende. Die ganze Welt anerkennt mich und belohnt mich.“ Ich erkenne und anerkenne mein Verlangen nach Herausragendem.

Hier haben wir es mit einem Menschen zu tun, der nicht voll und ganz Orange angenommen hat. Der Antrieb zu Herausragendem und dem Erreichen von etwas wird projiziert und nicht selbst angenommen. Dem gilt es Aufmerksamkeit zu schenken, weil, wenn das nicht gelingt, dann erfolgt der Wechsel zu Grün mit dieser orangenen Teilpersönlichkeit. Das ist ziemlich schlimm und sehr verbreitet. Die Allergie von Grün gegenüber Orange beruht in 80 Prozent der Fälle auf einer Projektion orangenen Verlangens. Grün hat sich nicht wirklich mit Orange angefreundet.

Grün  

Ein Öltanker ist kurz davor auf Grund zu laufen, und der Tanker sagt:

„Ich liefere die Energie für deine Wirtschaft.“

„Warum gerade du, gibt es keine andere Art von Treibstoff?“

„Schau dir deine eigene Geschichte an und die Entscheidungen, welche du in deren Verlauf getroffen hast. Mich gibt es wegen dir. Verleugne nicht deine eigenen Entscheidungen – mit den Worten von Jean Paul Sartre: ‚Wir sind das, was wir wählen‘.“

„Oh je, ein schlauer Tanker. Du hast diese schlauen Bücher selbst gelesen?“

„Nein, aber ich habe den Treibstoff dazu geliefert. Ich habe die Häuser geheizt, in denen sie geschrieben wurden, die Energie für die Druckpressen geliefert, auf denen sie gedruckt wurden, den Antrieb für die Lieferwagen geliefert, mit denen die Bücher zu den Läden, Bibliotheken und Universitäten geliefert wurden. Ich war und bin dein Diener. Wenn du einen anderen Diener haben willst, dann such dir einen anderen. Aber gib mir nicht die Schuld.“

(Das ist der Punkt. Es geht um ein Verstehen und die Identifikation mit dem Erdöl.)

„Ich treibe die Wirtschaft und den Kapitalismus an. Ich liebe diese Antriebskraft, den Kapitalismus, Business. Die Globalisierung bringt mich überall hin.“

… wenn sich die betreffende Person wirklich tief mit Orange identifiziert, und wie vollständig das gelingt, hängt natürlich von der Person ab. Dies ist ein Beispiel für eine orangene Projektion von Grün und die Entwicklung einer Allergie gegen allem Orange – Business, Kapitalismus, Wirtschaft, die meisten Rohstoffquellen usw.

Petrol

„Dieser Sonnenuntergang macht mich verrückt. Er erinnert mich an all das Unangenehme, was mit Outdoor und draußen sein zu tun hat. Ich freue mich darauf, wenn das Bewusstsein einmal auf Computer und die virtuelle Welt übertragen sein wird, ohne lästige Fliegen, Mückenstiche, Schlangenbisse, Ameisen, Bakterien, ganz körperlos und daher frei von Krankheit, auf Befehl einfach zu verändern, uns alles, was wir wollen, auf Knopfdruck zur Verfügung stellend. Wir lassen alle unteren Ebenen der Evolution einfach hinter uns, keine wirklichen Gefühle mehr von Liebe, Seligkeit und Freude, sondern nur noch Abstraktionen, auch kein Sex mehr, sondern nur noch getrocknete konzeptuelle Versionen davon – OK, da muss ich mal drüber nachdenken …“

Evolution transzendiert und bewahrt. Evolution verwirft nicht und transzendiert. Die Wahrnehmung [prehension] der unteren Ebenen summieren sich auf zu der großen Wahrnehmung und der Bewusstheit, die jeder hier hat. Wollen wir wirklich nur die oberste Schicht rationalen Denkens abschaben und die auf Computer übertragen. Damit verlieren wir 14.000.000.000 Jahre von Wahrnehmung. Wollen wir das wirklich?

OK, probieren wir das mal. Was kommt dann als Nächstes? Diese Gegenwärtigkeit fragt:

„Wer bin ich?“

„Ich habe keine Ahnung, wer du bist“.

„Doch, du weißt es.“

„OK, Gaia“.

„Ja, alle physiologischen Bestandteile jeglicher Innerlichkeit, von Körper und Geist und GEIST. Ich bin das Äußerliche von all dem in dieser natürlichen Schönheit wie einem Sonnenuntergang. Ja, das gibt es Unangenehmes, doch lediglich in deiner Interpretation.“

An diesem Punkt wechseln wir wieder die Wahrnehmung etwas, und die große Schönheit erscheint. Ich wechsle zu Gaia und versuche mich damit zu identifizieren.

„Ich bin Gaia, die Quelle und der Springbrunnen allen Lebens, Liebe und Schönheit auf diesem Planeten, ich bin dieser Planet. (Hier machen wir einen Sprung zu Türkis). Ich bin dieser Planet, und nicht lediglich seine äußere Physiosphäre. Auch seine innere Biosphäre als Körper, Noosphäre als Geist und Theosphäre als GEIST. Wie können wir das in Computer runterladen? Darüber muss ich mal nachdenken.“

Was wir hier sehen, ist, dass Petrol, als eine sehr hohe integrale Stufe, Gaia projiziert hat. Dies ist ein Beispiel, dass auch die höheren integralen Stufen Probleme und Krankheiten haben können. Jedes Konzept, das Petrol bilden kann, kann auch projiziert werden. Und da Petrol sehr hoch entwickelte Konzepte bilden kann und eine sehr umfassende Identität hat, entstehen daraus sehr anspruchsvolle Projektionen von hoher Qualität. Dieses Beispiel ist nicht selten unter petrol Computerfreaks, sie verlieren den Kontakt zum Körper, zu Gaia und der Biosphäre, und verlieren sich im Kopfbewusstsein. Und sie glauben, dass man dieses Bewusstsein abschaben und auf Computer herunterladen kann, und dass dann alles funktioniert. Doch die 14 Milliarden Jahre von Wahrnehmung kumulieren sich auf in einem fortwährenden Transzendieren und Bewahren.

Wir haben die Wahrnehmungen von Quarks in uns, die zurückreichen bis zum Urknall, wir haben die Wahrnehmungen von Zellen in uns, die zurückreichen bis zum Auftreten der ersten Zellen, wir haben Wahrnehmungen vegetativen Lebens in uns, wir haben die Wahrnehmungen von Tieren in uns, wir haben die Wahrnehmungen der ersten neuronalen Netzwerke und die des Reptilienstammhirns in uns. Wir haben das frühe, limbische Säugetiererleben in uns. Und wir haben etwas Neues, den Neokortex, und alles das ist in einem Neugeborenen gegenwärtig. Die unterste Entwicklungsstufe eines Säuglings ist die höchste Stufe der Evolution bis zu diesem Punkt. Das, was wir mit „archaisch“ bezeichnen, enthält alle diese Transformationen, die bis zum Urknall zurückreichen. Wie im Buch The Future oft the Body von Michael Murphy beschrieben, können wir dabei zwanzig bis dreißig wesentliche vertikale Transformations­stufen unterscheiden, beschrieben von einer Handvoll von Biologen. Neben den vielleicht dreißig vertikalen Transformationen existieren dann noch Tausende von horizontalen Transformationen.

Jede dieser vertikalen Transformationsstufen verfügt über eine eigene Wahrnehmung. Und jede nachfolgende Stufe transzendierte und bewahrte diese Wahrnehmung und wird so zu einem Teil des eigenen Fühlens, als das Fühlen der vorangegangenen Stufe. Das gleiche gilt für die vorangegangene Stufe, usw. Jedes Mal, wenn wir etwas fühlen, fühlen wir die Gefühle eines frühen Säugetierpferdes, einer Eidechse mit einem Reptilienstammhirns, einer Krabbe mit einem neuronalen Netz, einer frühen Amphibie, einer photosynthetischen Pflanze, einer karyotischen Zelle und den frühesten Molekülen und Zellen. All dies sind gefühlte Ereignisse, und sie alle zusammen führen zu höheren Ebenen höherer Gefühle, ein Fühlen mit einer umfassenderen Perspektive und umfassenderer Bewusstheit. Der Neokortex ist nicht vom Himmel gefallen und begann dann mit dem Denken, ein Denken, welches Computer produzierte, welche dann frühere Ebenen überflüssig zu machen schienen. Das wäre doch schön, alles das hinter sich lassen zu können, alles in Computer runterzuladen, wie beim luziden Träumen, wo wir alles, was wir wollen auf Knopfdruck haben können. Hoffen wir nur, dass dieser Computer nicht kaputtgeht. Der Schatten hier besteht in all den Gefühlen dieser dreißig Transformationsstufen, die wir als unangenehm erleben, mit denen wir uns nicht anfreunden und die wir nicht integrieren wollen. Diese Gefühle können zurückreichen bis zu denen des Urknalls.

Der Urknall war das in die Existenztreten nicht nur der ersten Formen von Materie und Energie, sondern auch der ersten Formen von Wahrnehmung einer ersten Person, der ersten empfindenden Wesen, Strings, Subquarks, oder was auch immer der Stand der aktuellen Theorie ist. Mit dem Urknall traten empfindende Wesen und ihre Perspektiven in die Existenz ein, und nicht bloß materielle Dinge, bestehend aus Masse-Energie. Diese empfindenden Wesen und ihre Wahrnehmungen begannen zu transzendieren-und-bewahren. Es ist immer noch sehr wahrscheinlich, dass die unangenehmen Schattenelemente einen Teil der Gefühle ausmachen, die bis zu den Haien zurückgehen, oder sogar bis zu den ersten Zellen oder Quarks. Einer der Gründe sich mit dem Schatten anzufreunden und ihn zu integrieren ist das Sich-Befreunden mit Gaia, in einem mythischen Sinn, als alle unsere vorherigen Lebens­ebenen. Alles anzunehmen, was uns voranging, gibt uns die Kraft für alles, was vor uns liegt. Angehäufter Schatten führt zu einem Entwicklungsstillstand, wo nichts mehr vorangeht. Dies ereignet sich häufig bei Grün, Petrol und Türkis und verhindert den Schritt zum 3rd tier. Will man hier vorankommen, hin zu mehr Transzendenz, dann ist Schattenarbeit unvermeidlich.

 

Sich mit dem Gewesenen anfreunden

Einer der Gründe, warum viele Menschen hier stecken bleiben, sind ihre Schattenanteile. Die Bewusstseinsenergie, die benötigt wird, um zu den höheren Stufen zu gelangen, ist verschattet.

Dies ist ein weiterer Grund um sich mit dem Urknall und der Manifestation insgesamt anzufreunden. Wenn das gewöhnliche Selbst dies tut und so authentisch bleibt, dann wird es auf seinem Weg zum wahren SELBST und der Identität mit allem für diese Identität gut vorbereitet sein. Es hat sich bereits auf eine angemessene Weise mit allem Endlichen identifiziert. Wenn die Unendlichkeit hereinbricht und zur höchsten Identität einlädt, dann geschieht dieser Schritt leichter, und das eigene ursprüngliche Antlitz wird leichter gefunden. Je authentischer das authentische Selbst ist, desto leichter geschieht dieser Schritt. Nichts wird zurückgewiesen und nichts abgewehrt, es gibt weder Sucht noch Allergien. Die Fähigkeit zum Fallenlassen des Körper-Geistes [bodymind] ist klar und direkt. Wenn man das nicht hat und wenn es noch ein großes falsches Selbst gibt – wenn dann der Körper-Geist fallengelassen wird, dann bleibt der Schatten trotzdem bestehen, als eine verdeckte Anhaftung. Man kann etwas fallenlassen, dessen man sich bewusst ist, den Körper-Geist bei einer satori Erfahrung zum Beispiel, doch hinter diesem satori verstecken sich die Schatten und die damit verbundenen Teilpersönlichkeiten, um die man sich bisher nicht gekümmert hat. Es ist daher richtiger zu sagen, dass mit einem authentischen Selbst der Körper-Geist fallengelassen wird, mit einem falschen Selbst hingegen können nur Teile des Körper-Geistes fallengelassen werden. Die anderen Teile bleiben im Bewusstsein verborgen als ein Es, abgespalten vom Ich, und sie lieben es, wenn man sich von ihnen ent-identifiziert. Dadurch können sie bleiben. Je mehr sie als ein Es betrachtet werden, desto weniger Notwendigkeit gibt es für eine Wiedervereinigung als ein Du, desto glücklicher sind diese abgespaltenen Teilpersön­lichkeiten. Man kann so zu einem Zen Meister werden, mit einem Schatten von der Größe des Grand Canyon. 

(Quelle: Online Journal Nr. 41)