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26.6.2017 : 10:44 : +0200

Wo Es ist, soll Ich werden

Ein Gespräch zum Thema Schatten zwischen Ken Wilber und Robert Augustus Masters

Zusammengefasst von Michael Habecker

[Quelle: IntegralLife.com, "Where It Is, There Shall I Become - Knowing Your Shadow: Healing the Broken Self" vom Oktober 2013]

Anlässlich der Veröffentlichung einer CD-Reihe zum Thema Schatten von Robert Augustus Masters bei soundstrue.com diskutieren Ken Wilber und Robert Augustus Masters über das Thema Schatten im weitesten Sinn, als etwas, was zu uns gehört, für das wir jedoch aus unterschiedlichen Gründen die Urheberschaft verweigern.

Kernpunkte dabei sind

• Die Entdeckung der verdunkelten Aspekte unseres Selbst und die Herstellung von Beziehung und Intimität damit

• Die Identifizierung und Heilung unserer Hauptwunden

• Die Arbeit mit Ärger, Angst, Scham, Schuld und anderen schwierigen Emotionen

• Ein Verständnis darüber, wie unser Schatten unsere Umgebung beeinflusst, ohne dass uns das meist bewusst ist

• Geführte Praktiken, Meditationen und Übungen zur Entwicklung von mehr Authentizität und Ganzheit in persönlichen Beziehungen, in Arbeitsbeziehungen, in unserer Sexualität und auf dem spirituellen Weg

[Ein Hinweis: Das Gespräch dreht sich hauptsächlich um innerpsychische Symptomatisierungen und Projektionen von Verdrängtem. Körperliche Symptomatisierungen, die ebenfalls sehr häufig sind und die beispielsweise Ruediger Dahlke in seiner Arbeit thematisiert, werden hier weniger besprochen, ebenso wie kollektive Schattenaspekte].

Teil 1: Die Urheberschaft anerkennen

Was immer wir von uns verleugnen, ablehnen und wofür wie die Urheberschaft ablehnen, führt ein Schattendasein. Das können negative Dinge sein, die Menschen nicht mögen (z. B. Ärger, Macht, Sexuelles) – aber auch Positives: Eigenschaften wie Mut, Stärke und Weisheit können wir projizieren oder auch idealisieren (in Form konkreter Idole). Derartige positive eigene Eigenschaften werden oft auf spirituelle Lehrer projiziert. Diese haben dann alle Weisheit, alle Liebe usw. und wir bekommen das, was übrig bleibt, und das ist meist nicht sehr viel.

Es ist faszinierend zu verfolgen, wie unterschiedliche Kulturen den Schatten entdeckt haben. Früher wurde er in Formen menschenähnlicher Gestalten nach außen gestellt und als Dämonen oder Teufel oder auch Gottheiten angesehen. Das heißt nicht, dass diese nicht auch eine Art von Realität besitzen, doch es ist auf jeden Fall so, dass vieles davon Projektionen sind, sowohl negativer wie auch positiver Art.

Verleugnung schneidet uns von unserer Vitalität und Energie ab, die auch für unser Wachstum entscheidend ist - und es braucht Energie diese Aspekte im Verborgenen zu halten. Wir bleiben fragmentiert, unsere wahre Natur kann nicht in Erscheinung treten. Es geht daher darum das, was wir von uns weggeschoben haben, als unser Eigenes zu erkennen.

Eine erste einfache Annäherung an das Thema kann durch eine Selbstbefragung geschehen wie:

  • Was ich über mich nicht wissen will ist …

  • Was ich auf keinen Fall möchte, das andere von mir wissen ist …

  • Emotionen, die ich gar nicht möchte sind …

  • Wovor ich in einer Beziehung am meisten Angst habe es zum Ausdruck zu bringen ist …

Was wir dabei lernen können sind Selbstreflektion und Ent-Identifikation und die Fähigkeit, nicht als der Schatten (identifiziert), sondern auf den Schatten zu schauen, damit in Beziehung zu sein und Intimität aufzubauen. In einem Dialog mit dem Schatten kann eine Objektivität zum Schatten erreicht werden, wir können mit ihm sprechen und ein Du daraus machen. Die von uns verwendeten Pronomen werden dafür genutzt. Dissoziiertes wird oft in Es-Sprache beschrieben. „Diese Depression ist stärker …“

Wilber weist darauf hin, dass Freud als Phänomenologie die Begriffe das Ich und das Es verwendete, wobei er den Begriff des Es von Georg Groddeck übernahm (Das Buch vom Es). Groddeck wiederum hatte diesen Begriff aus dem Taoismus übernommen, als eine große unpersönliche Kraft die uns bewegt.

Freuds eigentliche Grundaussage dazu war, dass es darum geht aus dem Es ein Ich zu machen und es zu intergieren. Und das funktioniert von unterdrückter Sexualität bis zu unterdrücktem Tao. Daher ist Intimität so wichtig. Dieser Vorgang geschieht oft stufenweise und in Schichten. Oft verbirgt sich hinter oder unter einem Schatten noch eine tieferliegende Schicht und darunter noch eine weitere, noch tiefer liegen Schicht. Jede Schicht ist eine Lüge über uns, die wir uns selbst erzählen. Daher kann man Schattenarbeit als ein whistleblowing gegenüber uns selbst verstehen. Wir „verpfeifen“ uns vor uns selbst, um ganzer, vollständiger und heiler zu werden.

Dabei spielt die persönliche Biografie eine große Rolle. Masters spricht von einem emotionalen Analphabetentum. Worum es geht ist zu lernen unsere Gefühle zu lesen und zu verstehen. Mit dieser Fähigkeit können wir nicht nur uns selbst, sondern auch andere besser verstehen. Eine gute Haltung dazu ist die einer Neugier: Was geht hier eigentlich vor?

Der Preis, den Menschen für die Abspaltung ihres Schattens zahlen, ist hoch. Das Leben bleibt seicht und oberflächenorientiert, Wachstum wird verhindert, der Schatten regiert den Menschen und darunter leidet alles – Gesundheit, Beziehungen, Arbeit …

Ein typisches Anzeichen für einen Schatten sind Überreaktionen gegenüber was auch immer (Menschen, Dingen, Ereignissen). Daraus entwickelt sich meist eine „Ich (oder wir) gegen ihn oder sie“ Haltung. Oft findet man auch eine überzogene positive Haltung (bei der Negatives vermieden wird, als eine „Smiley Haltung“). Eine zu starke Abgrenzung oder Ver-Es-lichung macht es auch schwer sich entschuldigen zu können, wenn wir jemanden verletzt haben (dies wäre bereits ein erster Schritt eigene Mängel zuzugeben).

Innerpsychische Symptome von Schatten können sein: Angst, Depression, Über-schuldgefühle, Besessenheit, Zwanghaftigkeit und eine Vielzahl von Körpersymptomen, als Symbole, die auf ihre Übersetzung warten.

Ein goldener Mittelweg im Umgang mit unseren Schattenaspekten ist der einer Vermeidung von Extremen: Ein Extrem ist die Dissoziation, das Abspalten, Leugnen, Wegschieben und Unterdrücken. Ein anderes Extrem ist ein damit Verschmelzen, was bedeutet dass wir uns ganz von unseren Schattenaspekten einnehmen lassen. Der Mittelweg ist die Hinwendung zu und Beschäftigung mit unseren Themen ohne uns darin zu verlieren.

Dabei ist Mitgefühl sehr wichtig. Bei Menschen die schon viel an sich gearbeitet haben entsteht oft ein großes Schamgefühl – wie kann das alles nach so viel Jahren Arbeit noch da sein? Dies gilt es mitzunehmen bei der Herstellung einer immer größeren Intimität mit sich selbst und allen schwierigen Aspekten, sowohl körperlicher wie auch emotionaler und gedanklicher Art.

Teil 2 Vertraut werden mit der eigenen Überreaktion und dem Schmerz dahinter

Ein zentrales Merkmal von Schatten sind Überreaktionen, die eine Disproportionalität darstellen zwischen Ereignis und Reaktion – aus einer Mücke wird ein Elefant gemacht und ein Maulwurfshügel erscheint als ein Berg. Derartige Reaktionen haben die Funktion eines Geigerzählers, und das Signal verheißt gute Nachrichten – ein Schatten ist aufgespürt. Dieser muss nun noch genauer untersucht werden – die Überreaktion ist offensichtlich, der Schatten der sich dahinter versteckt nicht.

Mit der Zeit wird man in der Interpretation der unterschiedlichen Signale (körperlicher, emotionaler und gedanklicher Art) mit den Anzeichen immer vertrauter und wird sich immer mehr im Klaren darüber, was in einem vor sich geht.

Eine sehr einfache wie wirksame Unterscheidung ist die Antwort auf die Frage: Informiert mich etwas oder affektiert es mich (im Sinne von sich aufregen, überreagieren, sich darin verstricken, nicht mehr loslassen können). Daraus folgt oft eine Verweigerung zur Selbstreflexion und ein Verlust der Verbindung zum Anderen und auch zu sich selbst, das Herz erkaltet und Mitgefühl ist unmöglich geworden. Es ist oft erstaunlich, wie schnell ein Umkippen erfolgen kann, von Liebe und Fürsorge für den anderen zu einer kalten Abweisung, bei der der/die Andere nicht mehr als ein Du, sondern als ein Es erlebt und behandelt wird.

Rechtfertigungen und Rechthabereien gehören zum Repertoire eines oft nicht enden wollenden inneren und äußeren Dialogs. Dies bedeutet nicht, dass darin nicht auch eine Teilwahrheit zum Ausdruck kommen kann, z. B. über die Eigenschaften eines anderen. Was eine emotionale Verwicklung (Affektion) jedoch auf jeden Fall bedeutet ist, dass ein eigener Schattenanteil aktiviert wurde.

In diesem Zusammenhang ist auch die Unterscheidung zwischen Schmerz und (psychodynamischem) Leiden von Bedeutung. Schmerz ist eine unangenehme Körperempfindung. Leiden ist die psychodynamische Geschichte die wir darum spinnen. Schmerz kann nicht immer aufgehoben werden, Leiden schon. Leiden hält den Schmerz oft im Dunkeln. Leiden ist Schmerz plus Selbstkontraktion (oder Widerstand bzw. Unbewusstheit). An der Selbstkontraktion können wir durch Schattenintegration arbeiten.

Eine erste Bewegung dorthin ist die Hinwendung zu unserem Leid, um damit in Kontakt zu kommen und um Beziehung und Intimität herzustellen. Diese Hinwendung alleine hat schon heilendes Potenzial, im Sinne eines „Bewusstheit heilt“.

Die Einbeziehung der eigenen Biografie und des Körpers spielen dabei eine Schlüsselrolle. Der eigene Körper wird oft als ein Es betrachtet und erfahren, möglicherweise als ein Überbleibsel aus früheren puritanischen Zeiten. Ein archetypisches Bild dazu aus der amerikanischen Kultur ist der Cowboy auf seinem Pferd. Doch dieser Cowboy hat keine Beziehung zu seinem Pferd, sondern reitet dieses lediglich als Mittel zum Zweck. Ein ähnliches, noch drastischeres Bild ist das vom „Körper als ein Grab“ und Ausgangspunkt von Sünde und Illusion, was sich in den Religionen der Welt findet.

Teil 3 Innerer Kritiker, Scham und Schuld

Als psychodynamische Hauptantriebskräfte zur Schattenbildung werden der innere Kritiker, Scham und Schuld genannt. Wieder geht es darum eine Beziehung herzustellen, ohne Abspaltung aber auch ohne Verschmelzung. Manche Menschen sind permanent kritisch, der Kritiker ist oft das einzige was sie von sich kennen – oder sie sind sich des Kritikers völlig unbewusst. Menschen mit einer gesunden Beziehung zu ihrem inneren Kritiker sind selten.

Eine erste Kontaktaufnahme zum Kritiker kann wieder über eine Selbstbefragung hergestellt werden:

  • Mein innerer Kritiker ist …

  • Seine übliche Botschaft an mich ist …

  • Ich fühle mich ihm gegenüber machtlos in Situationen wie …

  • Ich erkenne folgende Stimme(n) meiner Vergangenheit in meinem inneren Kritiker …

  • Wie alt fühle ich mich gegenüber meinem inneren Kritiker?

  • In welchen Situationen glaube ich meinem inneren Kritiker unbesehen?

Dieser Prozess einer Ent-Identifizierung vom inneren Kritiker kann Jahre in Anspruch nehmen. Eine psychodynamische Struktur und Identifikation, die sich über Jahrzehnte gebildet und verfestigt hat, braucht einige Zeit, um als solche erkannt zu werden.

Scham ist das Erleben eines schmerzvollen Ausgesetztseins gegenüber einem anderen Menschen. Scham erfordert meist die Gegenwart eines anderen, während Schuld allein gefühlt werden kann, als etwas Verinnerlichtes. Toxische Scham steht als Gefühl im Zentrum des inneren Kritikers.

Gesunde Scham konzentriert sich auf Verhalten, toxische Scham verdammt die ganze Person, und nicht nur ein bestimmtes Verhalten. Doch Scham hat auch eine gesunde Funktion als sozialer Klebstoff und orientiert Menschen darin, was angemessen ist und was nicht.

Schuld ist eine Mischung aus Scham und Angst. Schuld basiert auf einem gespaltenen Selbst, als einem Kind-Anteil und einem Elternteil, einem Bestraften und einem Bestrafendem. Die Bestrafung erlaubt paradoxerweise dem schuldhaften Verhalten sich immer wieder zu wiederholen. Diese Eltern-Kind Dynamik in einem selbst gilt es zu verstehen. Eine einfache Übung dazu ist eine Übung mit drei Stühlen, einen für das Selbst – sich selbst –, einen für das Kind und einen für den Elternteil. Auf diese Weise kann ein Trialog geführt werden zwischen diesen Persönlichkeitsanteilen. Somit entsteht ein Verständnis der eigenen innerpsychischen Dynamik, bei der das Selbst den Kind-Anteil wie auch den Elternteil umarmt.

Teil 4 Intimität mit den dunkleren Emotionen herstellen

 

Schwierigen Emotionen wie Ärger und Angst begegnet man in einem ersten Schritt durch die Herstellung von emotionaler Intimität. Dazu gehört ein Vertrautsein mit ihnen, ein Erkennen und Benennen können, wenn sie auftauchen, und ein Erkennen, was wir mit ihnen machen.

Das innere Fähigkeit zum Zuhören, wenn schwierige Emotionen auftauchen, ist etwas, was auf dem Bildungsweg so gut wie gar nicht gelehrt wird. Wie können wir emotional transparent blieben, auch wenn die Emotionen wirklich unangenehm sind? Oft steht dahinter eine persönlich-biografische Geschichte, wo alte Muster reaktiviert und wiederholt werden. Die Gratwanderung besteht darin Grenzen und Unterscheidungen aufrechtzuerhalten und gleichzeitig mit dem eigenen Wesenskern in Kontakt zu bleiben.

Im Hinblick auf Angst gibt es von der psychodynamischen Seite wie auch seitens der Hirnphysiologie die Beobachtung, das hinter Angst oft Erregung oder Begeisterung steht, die jedoch nicht zum Ausdruck gelangt. Beide psychologischen Zustände zeigen eine ähnliche Gehirnphysiologie.

Eine selbstbefragende Untersuchung kann wie folgt unternommen werden:

  • Was ruft Angst in mir hervor?

  • Wo spüre ich Angst körperlich?

  • Welche emotionale Charakteristik hat meine Angst?

  • Welche Gedanken sind üblicherweise mit meiner Angst verbunden?

  • Was ist die Form meiner Angst?

  • Was ist die Farbe meiner Angst?

  • Welche Dynamiken entwickelt meine Angst in mir?

  • Was geschieht, wenn ich mich meiner Angst zuwende?

Eine neugierige Entdeckerhaltung kann uns auf diesem Erfahrungsweg leiten. Probleme dieser Art verschwinden nicht von alleine, wir müssen uns darum kümmern.

Zu Ärger-Zorn-Wut [anger]

Kaum eine Emotion wird so missverstanden wie die von Ärger-Zorn-Wut. Insbesondere die Religionen sehen hier nur einen negativen Teil und setzen Ärger mit Feindseligkeit gleich, doch das ist falsch. So tragen sie dazu bei, dass diese wesentliche menschliche Emotion verdrängt und zu einem Schattenaspekt wird. Ärger kann als ein moralisches Feuer gesehen werden, als ein Wächter unserer Grenzen, als T-Zellen unseres psychologischen Immunsystems. Wir können lernen immer bewusster damit umzugehen. Die unbewussteste Form besteht darin, Ärger zu unterdrücken, ihn in uns hineinzufressen, ihn zu verdrängen – mit gesundheitlichen Konsequenzen. Etwas bewusster ist das Ausdrücken des Ärgers, was jedoch enormen Schaden bei anderen anrichten kann. Eine weitere Steigerung im Umgang mit Ärger ist ein achtsames (Aus)halten unseres Ärgers, ein Betrachten und sich bewusst machen. Die höchste Form schließlich kann man mit „Herzärger“ bezeichnen, als ein mit Mitgefühl zum Ausdruck gebrachter Ärger. Der oder die andere wird dabei nicht dämonisiert oder zu einem „Es“ gemacht. Wir halten Kontakt und Mitgefühl, bleiben in einer Ich-Du Beziehung und halten auch Kontakt zu einem gemeinsamen Wesenskern.

Ärger wird oft, wie gesagt, mit Feindseligkeit und Unwilligkeit verwechselt, doch das sind lediglich Möglichkeiten des Umgangs mit unserem Ärger, Wahlmöglichkeiten die wir treffen im Umgang mit Ärger-Energie. Ärger hat gesunde Anteile und kann als eine natürliche Reaktion zur Errichtung und Aufrechterhaltung gesunder Grenzen verstanden werden. Doch wenn uns eingetrichtert wird, wir sollten oder dürfen das nicht haben, was sollen wir dann damit machen? Wir haben in unserer Kultur zu wenig positive Rollenmodelle, wie wir auf gesunde Weise unseren Ärger leben können. Dies ist für Frauen oft noch schwerer als für Männer, bei denen Ärger noch etwas tolerabler erscheint.

Die Weisheit, die in der Ärger-Zorn-Wut Emotion als Wesenskern auf ihre Entdeckung wartet, ist Klarheit.

Fragen zur Selbsterforschung hierbei sind:

  • Wenn ich ärgerlich bin auf jemand, der mir nahesteht, dann mache ich meistens …

  • Ich werde wirklich ärgerlich, wenn …

  • Meine Eltern sind in meiner Kindheit mit Ärger meistens wie folgt umgegangen …

  • Darauf habe ich wie folgt reagiert …

  • Ärger macht mir Angst, wenn …

  • Wenn ich meine Ärger voll zum Ausdruck bringen, dann könnte folgendes passieren …

  • Mein Ärger wird zu Aggression, wenn …

  • Das Kind in mir reagiert auf Ärger wie folgt …

  • Wenn ich ärgerlich bin, dann bin ich wie folgt verletzlich …

  • Ich wende meinen Ärger gegen mich selbst, wenn …

  • Wenn ich ärgerlich bin, dann mache ich mit meinen Händen folgendes …

  • Wenn ich ärgerlich bin, dann atme ich wie folgt …

 

Teil 5 Sexualität

Sexualität ist eine klassische Schattenkomponente. Was viele Menschen mit „Sex“ bezeichnen ist nicht wirklich Sexualität, weil oft eine ganze Reihe von Dingen mitschwingen, die nichts mit Sexualität zu tun haben. Dabei kann es sich um Bedürfnisse handeln wie gemocht oder gesehen oder akzeptiert werden, Kontrolle ausüben oder Spannungen und Ängste oder Ärger loswerden. Es kann dabei auch um Ablenkung von unseren Problemen oder Leiden gehen. Es ist erstaunlich, was wir alles von der Sexualität erwarten – alle diese verborgenen Wünsche, Absichten und Motivationen, die gar nichts mit Sexualität zu tun haben. Kein Wunder, dass unsere Kultur von Sexualität so durchdrungen ist, allerdings von einer „fucked up“ Version von Sexualität, alles muss sexy sein, alles wird erotisiert.

Ein Problem dabei ist die liberale Vorstellung, dass alles was Erwachsene im Einverständnis miteinander machen OK ist, und natürlich ist es rechtlich OK. Doch oft haben wir die Situation, dass zwei Menschen mit erotisierten Wunden aus der Kindheit im Einverständnis miteinander die Wunden noch tiefer machen. Und es sind diese Wunden, und nicht echtes und wirkliches sexuelles Verlangen, aus dem das „Ja“ zur Sexualität entspringt. Wenn dies nicht klar ist, dann kann man in diesen Fällen technisch sogar von Kindesmissbrauch sprechen. Es gibt so wenige Informationen über diese Problematik, und so wenige Informationen wie man damit umgehen kann.

Wenn man das thematisiert, wie wir das hier tun, dann gerät man schnell in den Verdacht prüde oder reaktionär zu sein. Für viele endet die Diskussion mit der Feststellung, „was immer Erwachsene im Einverständnis miteinander tun ist OK“. Doch das ist zu kurz gedacht, weil vieles von dem was Erwachsene im Einverständnis miteinander tun ein gegenseitiges Verletzen ihrer erotisierten Wunden darstellt. Und natürlich ist so etwas rechtlich nicht verboten, ebenso wenig wie es verboten ist neurotisch zu sein. Eine Menge von dem was unter dem Begriff Sexualität geschieht, auch gesellschaftlich, ist angetrieben von diesen tiefen Wunden. Und das ist für sich nichts Schlechtes, doch da gibt es Themen, die darunter liegen, und wenn wir wollen, dass Sexualität zu einer tieferen, erfüllteren und besseren Erfahrung wird, dann müssen wir diese Dinge untersuchen und wir müssen uns mit den Themen beschäftigen, die unseren Vorstellungen über Sexualität zugrunde liegen. Und hier sind wir wieder bei der Schattenarbeit. Diese hilft uns, unsere Verbindung auch in der Sexualität zu unserem Partner zu vertiefen, als ein wirkliches Aphrodisiakum. Wir reden hier also nicht über prüden Sex sondern über wirklichen Sex.

Fragen die wir uns dazu stellen können sind:

  • Was ich übergehe, um Sex zu haben ist …

  • Was ich von Sex für mich erwarte ist …

  • Wenn ich mich beim Sex unsicher fühle, mache ich meist …

  • Ich versuche alles sexuell stimuliert zu sein, wenn …

  • Augenkontakt mit meinem Sex-Partner ist für mich am schwierigsten, wenn …

  • Meine schmerzhafteste Erfahrung als Kind war …

  • Dies hat auf mich als Erwachsenen Auswirkungen wie folgt: …

  • Diese Verwundung hat mit sexuell wie folgt beeinflusst …

  • Ich fühle mich beim Sex am Verletzlichsten wenn …

  • Ich fühlte mich vom Sex am meisten abgeschnitten als …

  • Mein größtes Verlangen beim Sex ist …

  • Ich setze mich manchmal sexuell wie folgt unter Druck …

  • Ich hatte Sex ohne es zu wollen als …

  • Wenn ich vor dem Sex mit meinem Partner bereits eine Verbindung hätte und glücklich wäre, dann würde ich …

  • Was ich am wenigsten beim Sex möchte ist …

  • Was ich am meisten beim Sex möchte ist …

Wenn man diese Fragen ehrlich für sich und ohne Scham beantwortet, dann stellt man vielleicht fest, dass 90% von dem, was man für Sexualität hält, mit etwas anderem zu tun hat.

Ähnliches gilt auch für Pornografie. Pornografie ist OK, wenn sie nicht für etwas anderes steht, doch das ist sicher für 80% oder 90% der Menschen der Fall, wenn es um Einsamkeit, dem Verlangen nach Verbundenheit, Liebe oder Aufmerksamkeit geht. Und wieder geht es darum, sich diesen darunterliegenden Wunden und Schmerzen zu stellen und sich ihrer bewusst werden. Bei Pornografie kann man sich fragen, was genau man fühlt bevor man sich dort hineinbegibt und sich das anschaut. Oft ist es Einsamkeit und das Verlangen nach Verbindung. Und dann geht es darum bei diesem Gefühlen zu bleiben, das zu untersuchen, vielleicht auch im Hinblick auf biografische Bezüge, und dann wird sehr schnell klar, welche Funktion Pornografie hier erfüllt. Und es ist dabei auch wichtig mit der Scham zu arbeiten, die das oft begleitet. Damit kann man sich von Abhängigkeiten befreien. Männer sind hier besonders anfällig und dabei spielen auch die Sexualhormone eine Rolle. Im integralen Modell haben wir die vier Quadranten und der obere rechte Quadrant steht für die biologische Komponente, mit Hormonen wie Testosteron, Oxitozyn und Östrogen, und diese üben einen Einfluss auf den Sexualtrieb aus. Doch natürlich ist es nicht so dass „Biologie = Schicksal“ oder Bestimmung ist, weil wir nicht nur Biologie sind. Es gibt auch noch Dinge in den anderen Quadranten, kulturelle Faktoren, psychologische Faktoren, soziale Systeme, die einen Einfluss ausüben. Sie alle spielen eine Rolle bei der Sexualität wie wir sie erlernen, wie wir sie praktizieren und wie sie kulturell gesehen wird. Doch Testosteron hat eine starke Auswirkung und spielt eine stärkere Rolle bei Männern als bei Frauen.

Teil 6 Spirituelle Schatten (Bypassing)

Vieles, was unter dem Begriff „Spiritualität“ läuft, ist eine Flucht, als ein Versuch etwas auf eine pathologische Weise zu transzendieren. Diese Vermeidungstendenzen werden in „hohe“ spirituelle und idealistische Begriffe verpackt. Was dabei wirklich geschieht ist, dass eigene Persönlichkeitsanteile geleugnet werden. Es gibt eine lange Liste von Dingen, die „nicht-spirituell“ oder „dunkel“ sind, wie der Intellekt, das Ego, Rationalität, Emotionen, Beziehungen …

Doch wirkliche Spiritualität umfasst all dies auf dem Weg, anstatt zu versuchen es zu vermeiden. Spirituelle Umgehung ist der Versuch, unter einem spirituellen Deckmantel den Umgang mit Schmerz, emotionellen Wunden, Entwicklungsaspekten und –aufgaben zu vermeiden.

Anzeichen von Vermeidungstendenzen sind:

  • Übertriebene Ent-Identifikation

  • Falscher Gleichmut

  • Die Flucht vor Emotionen (speziell negativen Emotionen)

  • Überbetonung von Positivität

  • Eine Phobie gegenüber Ärger-Zorn-Wut 

  • Unwissendes Mitgefühl

  • Selbsttäuschung darüber, wie spirituell man wirklich ist

  • Herabwürdigung des Körpers und seiner Bedürfnisse (der Körper wird als bloßes Vehikel anstatt als Ausdruck des Göttlichen gesehen)

Ein weiteres Merkmal ist die Verurteilung von Beurteilungen. Unfaire Verurteilungen und kritisch-mitfühlende Weisheitsunterscheidungen werden in einen Topf geworfen und beide verurteilt.

Sucht (Anhaftung) und gesunde Identifikation werden oft verwechselt. Jeder Bodhisattwa hat eine Identifikation, als Dinge oder Ideale für die er oder sie sich engagiert, weil sie ihm oder ihr etwas bedeuten. Diese „Anhaftung“ ermöglichen ihm oder ihr überhaupt erst konkrete Arbeit in der Welt zu leisten. Ohne diese Identifikation entsteht auch kein Mitgefühl.  

Gesunde Spiritualität umfasst alles das was wir sind, einschließlich einer intensiven und intimen Beziehung dazu. Wenn wir das umgehen, umgehen wir einen erheblichen Teil dessen, was es bedeutet, menschlich zu sein.

Der Kurs Knowing Your Shadow ist bei soundstrue erschienen:

www.soundstrue.com/shop/Knowing-Your-Shadow/4277.pdf

Er umfasst 6 CDs, mit 6,5 Stunden.

Inhalt

Session 1: Becoming Intimate with Your Shadow

Session 2: Becoming Intimate with Your Reactivity and Pain

Session 3: Relating Wisely to Your Inner Critic, Shame, and Guilt

Session 4: Becoming Intimate with Your Darker Emotions

Session 5: Bringing Sex Out of the Shadows

Session 6: Spirituality's Shadow

(Quelle: Online Journal Nr. 47)