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24.7.2017 : 6:52 : +0200

Die Gemeinwohl-Ökonomie

EINLEITUNG

von Michael Habecker

Männer und Frauen werden durch höhere Werte motiviert sein, was ihre wirtschaftlichen Bedürfnisse und die Wirtschaftstheorie drastisch verändern wird

Ken Wilber, Halbzeit der Evolution

 

Von den zahlreichen Alternativmodellen für eine neue und bessere (bewusstere, verant­wortlichere und nachhaltigere) Wirtschaftsweise ist die Gemeinwohlökonomie[1] Christian Felbers besonders interessant, weil diese

  • ein umfassendes Modell eines Menschen- und Weltverständnisses (zumindest implizit) zugrunde legt
  • auf eine breite öffentliche Resonanz stößt

Ich hatte Gelegenheit, Christian Felber auf der Jahrestagung des Integralen Forums im Juni 2013 live zu erleben, fand seinen Kurzvortrag sehr inspirierend, ebenso wie die anschließende Diskussion, und möchte im Folgenden unter Rückgriff auf Elemente der integralen Theorie und Praxis die Gemeinwohl-Ökonomie vorstellen und diskutieren.

Für die Herstellung von Bezügen zur integralen Theorie beschreibe ich im ersten Teil einige ihrer Grundelemente und diskutiere kurz deren Reflektion in der Gemeinwohl-Ökonomie[2]. Im zweiten Teil gehe ich dann ausführlicher auf die Theorie und Praxis der Gemeinwohl-Ökonomie ein. LeserInnen, denen die integrale Theorie neu ist, empfehle ich Ken Wilbers Buch Integrale Vision, oder die Einführungen auf den Seiten:

www.integrallife.com (englischsprachig) und

www.integraleforum.org (deutschsprachig)

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TEIL 1: Modell-Bausteine der integralen Theorie

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-- Das integrale Modell

Als einen Versuch der Beschreibung von manifester Wirklichkeit hat Ken Wilber ein so genanntes AQAL Modell entwickelt. Die Abkürzung AQAL steht dabei für „all quadrants, all levels, all lines, all states, all types“.

Diese 5 Hauptmerkmale, Quadranten, Entwicklungsebenen, Entwicklungslinien, Zustände und Typen, sind nach Wilber das Mindeste, was man braucht, um Wirklichkeit angemessen zu beschreiben.

Quadranten tragen der Tatsache Rechnung, dass wir uns selbst und unsere Welt perspektivisch wahrnehmen, was in den Sprachen der Welt z. B. in Pronomen seinen Niederschlag gefunden hat. Diese lassen sich in drei große Gruppen zusammenfassen: erste Person subjektiv (ich, mir, mein usw.), zweite Person intersubjektiv (du, wir, unser usw.) und dritte Person objektiv (er, sie, es, sie-plural usw.)

Ebenen und Linien berücksichtigen, dass sich vieles im Universum in Entwicklung befindet. Entwicklung weist auf eine vertikale Dimension von Manifestation.

Zustände sind jeweils vorübergehende Erfahrungsbereiche, von den wechselnden individuellen phänomenologischen Zuständen wie Freude, Trauer, Angst, Glück, Trägheit usw. bis zu den großen Zustandsbereichen des Wachens (grobstofflich), Träumens (subtil) und des traumlosen Tiefschlafes (kausal), die wir alle 24 Stunden durchlaufen.

Typen oder Typologien sind gleichwertige unterschiedliche Erscheinungs- oder Ausprägungsformen, so z. B. männlich und weiblich. Andere Beispiele wären ying und yang, solar und lunar, die vier Elemente, das Enneagramm, die Jung’schen Charaktertypen usw. Typen weisen auf eine horizontale Dimension von Manifestation, auf die Vielfalt der Welt hin.

Diese 5 Merkmale – als ein Abbild der Struktur der Manifestation in jedem Augenblick – stehen nicht nebeneinander, sondern wirken miteinander. Das Männliche bzw. das Weibliche z. B. in jedem Menschen entwickelt sich, betrachtet perspektivisch sich selbst und die Welt, und durchläuft permanent unterschiedliche Zustände.

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-- Die vier Quadranten

Die vier Quadranten[3] sind ein Strukturmodell manifester Wirklichkeit, das dadurch entsteht dass die Grundunterscheidungen von innerlich/äußerlich und individuell/kollektiv überein­andergelegt werden. So erhalten wir – nach Wilber – vier gleichermaßen bedeutende, reale und nicht aufeinander reduzierbare Aspekte von Wirklichkeit (also auch politischer oder ökonomischer Wirklichkeit), die alle zu berücksichtigen sind. Diese lassen sich als drei Hauptaspekte zusammenfassen als persönlich-innerlich-subjektive, zwischenmenschlich-beziehungshaft-intersubjektive und äußerlich-objektive Wirklichkeitsaspekte.

In einem Beitrag Perspektiven einer integralen Politik der Zeitschrift „integrale perspektiven“ (ip)[4] hatte ich argumentiert, dass eine der Schlussfolgerungen aus dieser perspektivischen Wirklichkeitsbetrachtung die ist, dass die Tatsache, dass sich jeder Mensch (auch) als ein empfindendes und sich verhaltenden Individuum erlebt, ihren Ausdruck in der Theorie und Praxis von Liberalität findet, im Sinne eines Sich-Einsetzens für Individualität, Freiheit und Selbstverwirklichung. Gleichzeitig und untrennbar davon erlebt sich jeder Mensch auch als Mitglied unzähliger Gemeinschaften (Familie, Beruf, Freundschaft …), und dieses Erleben findet seinen Ausdruck in den unterschiedlichsten Formen sozialer Politik. Und schließlich erlebt sich jeder Mensch auch, und wieder untrennbar von den zwei anderen Erlebensweisen, als ein Teil zahlreicher Systeme unterschiedlichster Größe (Wirtschaft- Finanzen, Energie, Infrastruktur- Ökologiesystem), und ein Ausdruck dessen sind systemische Politiken wie beispielsweise ökologische Politik, Gesundheitspolitik oder Finanzpolitik.

Der Schwerpunkt der liberalen Politik ist die (persönliche) Freiheit, der Schwerpunkt sozialer Politik ist gemeinschaftliche Solidarität, und der Schwerpunkt systemischer Politik ist der von Nachhaltigkeit. Für mich ergibt sich daraus als eine Grundforderung einer integralen Politik die Integration von

  • individueller Freiheit (oder Freiräumen) und

  • sozialer Gerechtigkeit und Solidarität und

  • systemischer Nachhaltigkeit (zur Aufrechterhaltung der Systeme, natürlich oder kulturell, die unser aller Leben und das aller Lebewesen erst ermöglichen

bei jeder politischen Entscheidung. Diese Integration ist nicht ideologisch begründet, sondern ergibt sich aus dem Vorhandensein der (Er)lebensräume von Individualität, Gemeinschaft und Teil-von-Systemen-Seins, die jeder Mensch in jedem Augenblick seines Lebens nachvoll­ziehen kann.

Diskussion:

Die Gemeinwohl-Ökonomie berücksichtig und wertschätzt alle drei der genannten Hauptperspektiven. Persönliche „liberale“ Freiheit wird nicht, wie von anderen Ansätzen, ausschließlich als ein Ausdruck von Egoismus gesehen, und Liberalität wird nicht ausschließlich im Sinne einer negativen Neo-Liberalität verstanden. Der Schwerpunkt der Gemeinwohl-Ökonomie liegt jedoch auf der Perspektive von Miteinander und der Solidarität aller Menschen und Wesen. Der systemische Nachhaltigkeitsgedanke kommt vor allem in dem Begriff einer „demokratischen Allmende“ zum Ausdruck, dazu später mehr.

 

Aus dem Modell der vier Quadranten ergibt sich auch, dass das Individuelle und das Kollektive gleichwertige und gleichrangige Wirklichkeitsdimensionen sind, ebenso wie das Innerliche und das Äußerliche. Dadurch werden Absolutismen wie Idealismus (das Innerliche ist höherwertig gegenüber dem Äußerlichen), Materialismus (das Äußerliche ist höherwertig gegenüber dem Innerlichen), aber auch Individualismus (das Individuelle ist bedeutender als das Kollektive) und Kollektivismus (mit Varianten von System-ismus – das Kollektiv bzw. das System ist dem Individuum übergeordnet) von vornherein vermieden.

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-- Die Holon Theorie

Die Holon Theorie (oder Kategorisierung) Wilbers ist ein Angebot zur Unterscheidung dessen, was manifeste und sich entwickelnde Wirklichkeit ausmacht.

Alles ist Geist!                        Idealismus

Alles ist Materie!                     Materialismus

Alles ist Ding!                          Atomismus

Alles ist Kultur                         Konstruktivismus

Alles ist System!                      System-Ismus

Alles ist Energie!                      Energismus

In Überwindung der verabsolutierenden Erfahrung der obigen – unvollständigen – Aufstellung von wesentlichen Einzelaspekten von Manifestation, besteht das Angebot Wilbers zur Manifestationsbeschreibung in einem einzelnen Begriff, und zwar dem Begriff „Holon“.

Holon bedeutet Teil/Ganzes, und der Vorteil dieser Definition ist, dass darin alle oben erwähnten Begriffe Platz haben, ohne in einen „-ismus“ zu geraten. Was immer wir vorfinden, ist sowohl für sich ein Ganzes als auch gleichzeitig auch Teil von Zusammenhängen. Erstere Eigenschaft bezeichnet Wilber auch mit „Agenz“, letztere mit „Kommunion“.

Bei einer genaueren Betrachtung von Teil/Ganzes-Beziehungen gibt es jedoch bedeutende und gravierende Unterschiede, die auch Bedeutung haben im Zusammenhang mit gesellschaftspolitischen Betrachtungen.

  • Eine Zelle in einem Organismus ist eine andere Teil/Ganzes-Beziehung als ein Mensch in einer Gesellschaft.
  • Die Fahrradspeiche eines Fahrrades ist eine andere Teil/Ganzes-Beziehung als ein Organ eines Menschen.
  • Ein Wort in einem Satz ist eine andere Teil/Ganzes-Beziehung als ein Sandkorn in einem Sandhaufen.

Wie lassen sie die unterschiedlichen Teile/Ganzheit-Beziehungen kategorisieren?

Ken Wilber unterscheidet 4 Kategorien:

  • Individuelle Holons

Dies sind: Menschen, Tiere, Pflanzen und sogar Atome und Quarks

Sie alle haben Innerlichkeit und eine individuelle Intentionalität und daher auch einen Wert und eine Würde an und für sich: „wo ein Außen, da ein Innen“.

Individuelle Holons haben ein „Bewusstseinszentrum“ als eine individuelle Agenz, d. h. ein Ich (beim Menschen selbstreflexiv, beim Atom nicht).

  • Soziale/Kollektive Holons

Dies sind: Firmen, Familien, Vereine, Kulturen, Beziehungen, Wolfsrudel, Vogelschwärme, Öko-Gemeinschaften

Sie alle haben: Intersubjektivität und intersubjektives Bewusstsein („Wir“), jedoch keine Agenz, kein „Ich“ und keine singuläre Intentionalität wie individuelle Holons. 

Dies ist ein ganz zentraler Unterschied zu individuellen Holons, auch für eine Gemeinwohl-Ökonomie, weil die Willensbildung bei sozialen Holons intersubjektiv und gemeinschaftlich erfolgt, wohingegen sie bei individuellen Holons innerpsychisch erfolgt. Die Art und Weise, wie Meinungsbildung in Gemeinschaften erfolgt, ist ein wesentlicher Bestandteil jeglicher politischen Praxis. Was Wilber dabei besonders unterstreicht: Individuelle Holons sind niemals Teile von sozialen Holons, sondern immer Mitglieder (wenn sie an den Austauschbeziehungen dieses sozialen Holons teilnehmen). Damit wird deutlich, dass soziale Holons (d. h. Gemeinschaften jeglicher Art) niemals über den Individuen stehen, aus denen sie bestehen, sondern aus ihren Austauschbeziehungen und Artefakten heraus existieren. Damit wird auch klar, dass so verbreitete Entwicklungssequenzen und Welterklärungen wie

Atome – Moleküle – Zellen – Organismen – Mensch – Gesellschaft – Welt

falsch sind (und auch gefährlich, weil sie das Kollektive über das Individuelle setzen, welches im Kollektiv aufgeht, und so den Keim zu Kollektivismus und Totalitarismus legen)[5]. Für die integrale Theorie und Praxis entwickeln sich das Individuelle und das Kollektive (wie auch das Innerliche und das Äußerliche) gemeinsam, und daher ist keines davon dem anderen übergeordnet oder ontologisch „vor“ dem anderen.  

  • Artefakte

Dies sind: Gedichte, Straßen, Vogelnester und alles, was durch individuelle oder soziale Holons geschaffen wurde.

Artefakte haben kein Bewusstsein für sich als Artefakt, sie sind jedoch durch Bewusstheit und Intention ihrer Schöpfer entstanden und werden auch mit dem (unterschiedlichen) Bewusstsein und der Intention ihrer Nutzer verwendet. Zu beachten hierbei ist: Ist ein menschliches Artefakt (wie ein Handy oder auch eine Atombombe) erst einmal in der Welt, kann es von so gut so wie jedem Menschen eingesetzt werden, unabhängig von der Komplexität seiner Herstellung und den Ursprungsintentionen seines (oder seiner) Schöpfer.

  • Haufen

Dies sind: Blätterhaufen oder Sandhaufen, als zufällige Ansammlungen von etwas.

Sie alle haben keine Bewusstheit für sich, weder subjektiv noch intersubjektiv, und wurden auch nicht intentional von individuellen Holons erschaffen.

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-- Entwicklung

Ein wesentlicher Teil der integralen Erkenntnistheorie besteht darin anzuerkennen, dass wir uns in einem sich entwickelnden Universum befinden. Auch Entwicklung kann, nach Wilber, wieder aus den vier unterschiedlichen Grundperspektiven der Quadranten betrachtet werden, wodurch wir vier unterschiedliche Perspektiven auf das Phänomen “Entwicklung” erhalten.

a)      Individuell innerliche Entwicklung (z. B. entwicklungspsychologische Bewusstseinsentwicklung)

b)     Kollektiv innerliche Entwicklung (z. B. gesellschaftliche Bewusstseinsentwicklung)

c)      Individuell äußerliche Entwicklung (z. B. biologische Entwicklung)

d)     Kollektiv äußerliche Entwicklung (z. B. systemische Entwicklung, Produktionsfaktoren, politische Systeme)

Für das Thema Gemeinwohl-Ökonomie ist auf der Innenseite vor allem die individuelle und kollektive Werteentwicklung von Menschen wesentlich. Alle unsere Motive, Intentionen, Bedürfnisse und Weltsichten, individuell und kollektiv, sind nicht vom Himmel gefallen, sondern sie sind das Ergebnis von Entwicklung, in diesem Fall von Bewusstseinsentwicklung. Durch den Einsatz geisteswissenschaftlicher Modelle der Entwicklungspsychologie lässt sich fundiert entscheiden, was jeweils besser oder schlechter ist im Hinblick auf ein Gemeinwohl, und wie sich ein solches überhaupt verlässlich definieren lässt. Auf der Außenseite geht es hier vor allem um die Entwicklung von Verhalten und Systemen – mit der Gemeinwohl-Ökonomie als einer Weiterentwicklung gegenüber dem „kapitalistischen“ Wirtschaftssystem.

Diskussion:

Die Gemeinwohl-Ökonomie verfügt über kein explizites entwicklungspsychologisches Modell, jedenfalls habe ich in dem Buch gleichen Titels keinen Hinweis dazu gefunden. (Forscher, welche Modelle dazu veröffentlicht haben, sind u. a. Carol Gilligan, Clare Graves, Robert Kegan, Lawrence Kohlberg, Otto Laske[6]). Dennoch stützt sich die Gemeinwohl-Ökonomie auf eine Hierarchie von Werteunterscheidungen, und Christian Felber bezieht wissenschaftliche Forschungen auch in seine Argumentationen mit ein, ohne diese jedoch entwicklungspsychologisch zu begründen.

 

Das Verständnis darüber, was Entwicklung ist und was nicht, ist auch wesentlich bei der Diskussion des Begriffes von „Wachstum“, der bei praktisch allen Wirtschaftsmodellen eine große Rolle spielt. Neben der aufwärts gerichteten strukturellen vertikalen Entwicklung anerkennt und integriert die integrale Theorie ebenso zyklische (z. B. Jahreszeiten, Wirtschaftszyklen) und in Phasen verlaufende Entwicklungen (Produktphasen, Lebensphasen). Während Zyklen typischerweise durch eine Kreisform dargestellt werden, sind Phasen durch Wellenbewegungen und glockenförmigen Kurven (mit Auf- und Abstieg) charakterisiert.

Der Entwicklungsbegriff, verbunden mit Wertungen im Hinblick auf gute und nützliche oder schädliche Entwicklung beinhaltet auch die Erkenntnis, dass „wo sich etwas entwickelt auch etwas schiefgehen kann“. Die Korrektur von Fehlentwicklungen ist ein erklärtes Ziel einer Gemeinwohl-Ökonomie.  

Diskussion:

Bei der Analyse dessen, was schief läuft oder was fehlt, gibt es eine zentrale Überein­stimmung zwischen Wilber und der Gemeinwohl-Ökonomie. Nachdem Wilber sich Kritik ausgesetzt sah hinsichtlich einer Einseitigkeit seiner Kritik des Postmodernismus, veröffentlichte er im Februar 2002 unter dem Titel On the mean memes in general. Red to blue to orange to green to yellow[7] einen Text, in dem er klarstellte, dass er keineswegs nur über Fehlentwicklungen der Postmoderne geschrieben hatte. (Dabei bezieht er sich auf das Werte-Entwicklungsmodell Spiral Dynamics, als einer Popularisierung der Entwicklungs­arbeit von Clare Graves[8]). In diesem Text geht er auf die Pathologie oder Fehlentwicklungen aller Entwicklungsstufen ein, vor allem der Moderne (das „orange Mem“, oder, als Fehlentwicklung, das „gemeine orange Mem“ [mean orange mem], GOM). Er schreibt:

Ich habe den Schaden, den die ungesunde Version von Orange (das gemeine orange Mem, bzw. GOM) anrichtet, nicht ignoriert. Das verbreitetste Ergebnis des GOM ist nichts anderes als das moderne Flachland, als die „Krankheit“, über welche ich am meisten geschrieben habe[9] … Das GOM ist die globale Katastrophe der Moderne (so wie das gemeine grüne Mem die Katastrophe der Postmoderne und das gemeine blaue Mem die Katastrophe der mittelalterlichen Prämoderne war, usw.). Ich habe ausführlich über diese GOM Pathologie geschrieben, die allen anderen Pathologien, die oft erwähnt werden, zugrunde liegt (vom globalen Kapitalismus bis zur Ausbeutung). Wie ich dabei versucht habe sehr deutlich zu machen, ist Flachland (GOM) die größte einzelne Pathologie des Planeten derzeit, seit etwa drei Jahrhunderten; die anderen gemeinen Meme sind ebenso gegenwärtig, doch das GOM bekommt den Preis für das gemeinste der gemeinen Meme.

Dies ist, mit anderen Worten, auch die zentrale Kritik von Felber am derzeitigen Wirtschaftssystem, und zwar dessen Flachheit, als eine Abwesenheit von Werten, Sinn und Bedeutung.

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt für unsere Diskussion im Zusammenhang mit dem Thema Entwicklung ist der des Prinzips von „Transzendieren und Bewahren“. Es scheint sich dabei um ein allgemeines Entwicklungsprinzip zu handeln, welches in allen Seinsbereichen Anwendung findet: innerlich wie äußerlich, individuell wie auch kollektiv. Mit jedem neuen Entwicklungsschritt entsteht etwas wirklich Neues, was das Bisherige überwindet, übertrifft und transzendiert. Diese Neue baut jedoch auch Bestehendem auf. Entwicklung oder Evolution verwirft nie alles Bestehende, sondern nimmt – wie auf einer Treppe – das Existierende und baut darauf auf. Moleküle bauen auf Atomen auf und sind selbst Bausteine von Zellen. Sätze setzen sich aus Wörtern zusammen, welche auf Silben aufbauen, die wiederum aus Lauten bestehen. Universelles Mitgefühl transzendiert soziozentrisches und egozentrisches Mitgefühl, aber erst, nachdem es sie durchlaufen hat.

Für persönliche und gesellschaftliche Veränderungen und Entwicklung bedeutet dies, dass es nicht nur darum geht, was in Zukunft anders (und besser) gemacht werden soll, sondern auch darum, was von dem bereits Bestehenden erhalten werden muss, weil es als Trittstein und Stufe gebraucht wird um Neues darauf aufbauen zu können. Kulturrevolutionen, die alles Bestehende zerstörten und das konservative Prinzip des Bewahrens leugneten, gehören zu den großen Menschheitskatastrophen. Auf der anderen Seite sind Gesellschaften, die sich jeglichem Wachstum und jeder Transzendenz verweigern, rigide und repressiv. 

Ein einfaches Entwicklungsmodell mit vier Stufen, auf das ich im Laufe des Textes Bezug nehme, soll hier kurz vorgestellt werden, im Hinblick auf Größe, Grenzen und Fehlentwicklungen (ungesund) jeder der einzelnen Stufen:

Ebene             

gesund                                               

ungesund/pathologisch

Postmodern   

Universelle Werte, Gerechtigkeit Pluralität, Multikulturalität, Nachhaltigkeit

Egalitarismus, Gleichmacherei moralischer Nihilismus und mangelnde Unterscheidungsfähigkeit

Modern

individuelle Freiheit und Verantwortung, gesunde Leistungsbetonung, Menschenrechte

Flachland (sinn- und wert-loses, Wirtschaften), Ausbeutung der Natur, Ellbogenkapitalismus, „Kontrakurrenz“

Traditionell

werteorientiert, solidarisch (innerhalb der eigenen Gruppe)

(wirtschafts)imperialistisch ausbeuterisch (Versklavung) Ethnozentrisch, patriarchalisch

Egozentrisch

gesunder Selbstwert, eigene Stärken Selbstwert

Rücksichtslosigkeit, Egoismus Andere werden für eigene Zwecke instrumentalisiert und ausgebeutet

 

Eine vereinfachte Dreiteilung, auf die ich ebenfalls im Text Bezug nehme, ist die von

  • egozentrisch, als die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, aber nichts darüber hinaus,
  • soziozentrisch, als die Fähigkeit die Bedürfnisse einer Gruppe, deren Regeln man verinnerlicht hat, wahrzunehmen und sich entsprechend zu verhalten, aber nichts darüber hinaus, und
  • weltzentrisch, als die Fähigkeit die Perspektiv aller Menschen (und Wesen) einzunehmen, und bei seinem Denken, Fühlen und Handeln zu berücksichtigten.
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-- Typen

Die Kategorie „Typen“ steht im integralen Modell für Heterarchie, Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Die Unterscheidung zwischen dem, was „anders“ ist und als Vielfalt und Unterschiedlichkeit gefördert werden muss, und dem, was besser, wünschenswerter (oder weiter entwickelt) ist als etwas anderes, ist auch wesentlich bei der Entscheidung der Frage, was Gemeinwohl ist. Werden typologische Kategorien (wie Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht) in eine Hierarchie gebracht, entstehen Rassismen im weitesten Sinn. Werden, auf der anderen Seite, reale vertikale Entwicklungsunterschiede auf eine Stufe gestellt, dann ist das Ergebnis ein Egalitarismus und moralischer Nihilismus (Mitgefühl ist dann nicht besser als Mord, sondern lediglich anders).

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-- Die moralische Grund-Intuition

Eine zentrale Fragestellung bei jeglicher Systemreform (und Politik allgemein) ist die nach den dieser Reform zugrundeliegenden Werten, und woher diese kommen. Das Wertemodell Wilbers hat dieser in seinem Buch Eros Kosmos Logos (S. 597f.) skizziert[10].  

In Kurzform:

Wilber unterscheidet

  • den Grundwert jeglicher Daseinsform (als vollkommene Manifestation des GEISTES)
  • einen intrinsischen Wert (eines jeden Wesens an sich) und
  • einen extrinsischen Wert (aus dem In-Beziehung-Sein aller Wesen miteinander)

Während der Grundwert jegliches Leben ohne Unterschied gleich bewertet, ergeben sich aus dem intrinsischen und dem extrinsischen Wert Unterschiede, die sich aus der Entwicklungstiefe in der Welt der Manifestation ergeben.

Wilber schreibt:

Jedes Holon [=Teil/Ganzes] im Kósmos[11] besitzt also den gleichen Grund-Wert als reine Manifestation des Geistes oder der Leere. Als bestimmte Ganzheit besitzt jedes Holon außerdem intrinsischen Wert, Tiefen-Wert, weil es Aspekte des Kósmos als Teil seiner selbst in sich birgt (und je mehr solcher Aspekte, desto größer ist seine Tiefe, sein intrinsischer Wert, seine Bedeutsamkeit). Als Teil besitzt jedes Holon extrinsischen oder instrumentellen Wert, weil andere Holons, die ihm äußerlich sind, für ihre eigene Existenz und für ihr eigenes Überleben auf diese oder jene Weise von ihm abhängen. … Genauer: Eine Möhre und eine Mähre sind beide vollkommene Manifestationen des GEISTES: Doch obwohl sie von gleichem Grund-Wert sind, besitzt die eine mehr intrinsischen Wert, weil sie mehr Tiefe und daher mehr Bewusstsein hat.“[12]

Aus diesem Modell heraus formuliert Wilber in einem Satz eine, wie er es nennt, moralische Grundintuition:

Erwirke und bewahre die größtmögliche Tiefe für die größtmögliche Spanne.

„Tiefe“ bezieht sich dabei auf die vertikale Entwicklungsdimension von Manifestation, die sich in Entwicklung ausdrückt, und „Spanne“ auf die horizontale Dimension, auf die Menge oder Quantität, die in der typologischen Fülle und Unterschiedlichkeit zum Ausdruck kommt. Einfacher formuliert kann man sagen: „Fördere Entwicklung und Bewusstheit für so viele Lebewesen wie möglich“.

Zu diesem unvermeidlichen und permanenten Dilemma, Tiefe gegen Spanne abzuwägen, sagt Wilber[13]:

Worum wir uns bemühen, ist, dass Menschen über Tiefe und auch über Spanne nachdenken. Wir wollen nicht – mit anderen Worten – dass nur eines der beiden Konzepte in die Gleichung aufgenommen wird. Wenn man nur über Spanne spricht, das Bestmögliche für die größtmögliche Anzahl, dann bekommt man diese Art von Flachland, wo es heißt: „Nun, die Viren sollen gewinnen, sie sind die meisten, es sind empfindende Wesen, und sie sind ... usw." Das ist extrem ... eine Art politischer Kommunismus sozusagen, jeder ist gleich, niemand darf auf irgendeine Weise besser sein, diese Art von Extrem.

Doch auch Tiefe hat eine Schattenseite. Jede Art von Faschismus hatte etwas davon: „Wir sind die Stärksten, wir sind die Tiefsten, jeder andere ist nichts wert. Daher können wir sie prügeln, oder töten, oder überfallen, oder vergasen, oder was auch immer." Dies ist die Schattenseite, wenn man nur auf die Tiefe schaut. Was ich daher sage ist: Es gibt beides, Tiefe und Spanne, und die moralische Grundintuition besteht darin, die größte Tiefe für die größte Spanne zu bewirken. Das geschieht meiner Ansicht nach sowieso, und sollte auch geschehen – und es verhindert, dass man entweder ein Kommunist oder ein Faschist ist. Es ist dabei untersagt, einfach nur das eine oder nur das andere zu tun. Beide sind wichtig.

Und das finde ich sehr interessant, denn ich denke, dass wir ohnedies immer mit diesen Dilemmata konfrontiert sind. Einer der so etwas wie letzten Gründe dafür, warum ich meine, dass es gut ist, zumindest darüber nachzudenken, besteht darin, dass wir heutzutage eine Art von Egalitarismus haben, welcher auf vielerlei Weise sehr gesund und großartig ist, aber wir nehmen dabei auch die Tiefe aus allen unseren Diskussionen heraus. Von jedem wird angenommen, dass er gleich sei, und er soll vor allem nicht über Tiefe nachdenken. Ich bin der Ansicht, dass diese Haltung wirkliche Schattenseiten hat, das kann auf eine eigene Weise totalitär und dominierend sein. Daher ist es wichtig, auch über Tiefe nachzudenken.

Diskussion:

Die Gemeinwohl-Ökonomie Felbers betont, was den individuellen Menschen betrifft, sehr stark den Gleichheitsaspekt (oder Gleichwertigkeitsaspekt, d. h. die Spanne). Sie nimmt jedoch, was die systemische Perspektive betrifft, sehr starke Wertungen vor. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist danach eindeutig besser als die bestehende Ordnung, und zwar nicht nur was die Funktionalität, sondern was die darin enthaltenen Werte betrifft. Was ihr jedoch, wie bereits erwähnt, fehlt, ist ein entwicklungspsychologischer Ansatz, welcher vertikale Unterscheidungen und Wertungen zu begründen hilft.



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TEIL 2: Themen der Gemeinwohl-Ökonomie

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-- Menschenbild/ Gesellschaftsbild/ Weltbild

Die Aufdeckung oder Beschreibung eines zugrunde gelegten Menschen- und Weltbildes ist ganz wesentlich für jede Art von gesellschaftspolitischem Modell.

Durch die Perspektiven der Quadranten betrachtet ist der Mensch (mindestens und gleichzeitig) viererlei:

  • OR Quadrant: ein individuelles empfindendes, bewusstes und psychologisches Wesen.
  • OR Quadrant: ein biologisches und sich verhaltendes Wesen.
  • UL Quadrant: ein soziales und in Beziehung seiendes Wesen.
  • UR Quadrant: ein Teil von Systemen.

Darüber hinaus ist jeder Mensch (als ein individuelles Holon) ein sich durch unterschiedliche Stufen und Stationen entwickelndes Wesen (in unterschiedlichen Linien oder Kompetenzen wie Kognition, Emotion, Werte, Identität, Körperwahrnehmung, Sexualität, Spiritualität usw.), ein typologisch orientiertes Wesen (männlich/weiblich, introvertiert/extrovertiert usw.) und ein sich durch und in ständig wechselnden Zuständen des Seins bewegendes Wesen.

Eine Gesellschaft als ein soziales Holon ist durch die Austauschbeziehungen und Artefakte seiner Mitglieder gekennzeichnet. Auch eine Gesellschaft entwickelt sich durch unterschiedliche Linien, die zum Teil Entsprechungen zur individuellen Entwicklung haben (z. B. moralische Entwicklung), sich aber auch davon unterscheiden. So gibt es hinsichtlich der Entwicklung politischer Systeme (governance) in sozialen Holons in individuellen Holons keine Entsprechung. Hinsichtlich des Entwicklungsprofils von Menschen spricht Wilber von einem „Psychogramm“, im Unterschied zu einem „Soziogramm“ bei Gemeinschaften. 

Gegenüber dieser komplexen integralen Darstellung erscheint das Menschenbild Felbers etwas reduziert und schablonenhaft. Danach ist der Mensch von Grund auf gut und sozial, jedoch wird er (oder sie) durch gesellschaftliche Bedingungen und Umstände – das Sein bestimmt das Bewusstsein – zu einem „Kontrakurrenten“ und Egoisten (gemacht).

In den letzten Jahren erscheinen immer mehr sozial- und naturwissenschaftliche Studien, die das kapitalistische Menschenbild – Egoismus und Konkurrenz seien in unseren Genen verankert – empirisch widerlegen und den Menschen als soziales, zur Kooperation neigendes Wesen beschreiben, das nicht nur von Natur aus empathisch und hilfsbereit ist, sondern auch ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden besitzt und mit Aggression auf die Verletzung gemeinsam erstellter Regeln reagiert.“ (14)

Sind Menschen gleich oder unterschiedlich? Zuallererst sind Menschen unterschiedlich, genetisch, physiologisch, psychologisch, verhaltensmäßig, optisch und vieles mehr. Sie sind weiterhin unterschiedlich hinsichtlich ihrer Entwicklung, Bildung, typologischen Orientierung, ihres Geschmacks, ihrer Meinung usw. Insofern gibt es keine Gleichheit und damit auch keine Chancengleichheit aus genau gleichen Startbedingungen.

Es gibt keine Chancengleichheit, weil Menschen unterschiedlich gesund, begabt, erzogen und vermögend sind – alles ‚unverschuldete‘ Ungleichheiten.“ (97) 

Was es jedoch gibt, von Anfang an im Menschen angelegt, aber erst als das Ergebnis einer langen Entwicklung, ist das Empfinden von Gerechtigkeit und der Würde aller Menschen, und dieses – weltzentrische – Bewusstsein ist bestrebt, Chancengleichheit (jedoch nicht Egalität und die Nivellierung aller Unterschiede) herzustellen, damit Menschen möglichst viele und gleiche Chancen auf ihren unterschiedlichen Lebenswegen haben und ihre Potenziale möglichst weit entwickeln können. Dies ist ein Kernanliegen der Gemeinwohl-Ökonomie, und es ist ein Kernanliegen jeglichen weltzentrischen Bewusstseins. Dieses Bewusstsein war jedoch nicht von Anfang an auf der Erde, sondern ist eine relativ junge Errungenschaft der Menschheit. 

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-- Werte

Eine zentrale, wenn nicht die zentrale Frage einer Wirtschaftsverfassung ist die Frage nach den ihr zugrunde liegenden Werten. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist werteorientiert, und ihre Werte werden abgeleitet aus der Würde des Menschen und den persönlichen menschlichen Beziehungen:

„Würde ist der höchste Wert … Sie ist der erstgenannte Wert im Grundgesetz und bildet die Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Würde heißt Wert und meint den gleichen, bedingungslosen, unveräußerlichen Wert aller Menschen.“ (24)   

„In unseren Freundschafts- und Alltagsbeziehungen geht es uns gut, wenn wir menschliche Werte leben: Vertrauensbildung, Ehrlichkeit, Wertschätzung, Respekt, Zuhören, Empathie, Kooperation, gegenseitige Hilfe und Teilen.“ (21)

„Die Mehrheit der Menschen wünscht sich Regeln, die auf konsensfähigen Grundwerten beruhen: Solidarität, Gerechtigkeit, Demokratie, Freiheit (für alle).“ (177)

Felber konstatiert einen Wertewiderspruch zwischen der Wirtschaft und der Gesellschaft. Erstere basiert auf quantifizierbaren Tauschwerten, während Letztere vor allem Nutzwertindikatoren, d. h. innere Werte in den Vordergrund stellt.   

„Die klassische Wirtschaftswissenschaft ist seelenlos und deshalb eine große Gefahr für eine menschliche und zukunftsfähige Gesellschaft. Wir müssen ihr die Seele wieder einhauchen. Der Beginn dieses Heilungsprozesses ist die Wiedereinbettung der Wirtschaft in das gesellschaftliche Wertesystem. In der Wirtschaft müssen dieselben Werte und Regeln gelten wie in der Gesellschaft.“ (13)

„Wenn wir uns schon die – durchaus sinnvolle – Mühe machen, unser kollektives Verhalten mit Gesetzen zu steuern, dann sollten wir darauf achten, dass uns die Gesetze in die richtige Richtung – menschlicher Tugenden lenken und nicht unsere Laster und Schwächen fördern.“ (174)

„Es gibt so etwas wie ein ungeschriebenes ‚Weltethos‘“ (175)

„Der wissenschaftlich nicht fundierte Sozialdarwinismus ist die heimliche Wirtschaftsreligion!“ (176)

Die der Gemeinwohl-Ökonomie zugrunde liegenden Werte sind aus entwicklungspsycho­logischer Sicht weltzentrisch, d. h. sie berücksichtigen die Würde und Interessen aller Menschen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, Religion oder anderer Merkmale. Diese Werte sind das Ergebnis einer jahrtausendelangen Menschheitsentwicklung, und so gesehen sind sie nicht gegeben oder vom Himmel gefallen, sondern sind zum heutigen Zeitpunkt eine sehr wertvolle Station eines langen und leidvollen Entwicklungswegs. Die Menschheitsgeschichte kennt sie erst seit relativ kurzer Zeit, und ihre weltweite Verwirklichung ist noch im Werden. Daher wäre an dieser Stelle ein Hinweis auf den Entwicklungscharakter von Werten angebracht. Dieser Entwicklungsweg kennt als Stationen auch den Sozialdarwinismus (als eine Werte- und Wirtschaftsordnung einer magisch-kriegerischen Weltsicht), ebenso wie den Wirtschaftsimperialismus (als eine Werte- und Wirtschaftsordnung einer traditionell-absolutistischen Weltsicht), ebenso wie den „freien“, aber unfairen, weil unter ganz ungleichen Startbedingungen stattfindenden Wettbewerb (als eine Werte- und Wirtschaftsordnung einer modernen Weltsicht).

Dieser historischen und immer weiter gehenden Entwicklungsentfaltung ist sich Christian Felber auch bewusst:

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist weder das beste aller Wirtschaftsmodelle noch das Ende der Geschichte, nur ein nächster möglicher Schritt in die Zukunft.“ (196)

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-- Motivation und Sinn (105)

Mit den Themen Motivation und Sinn begeben wir uns erneut auf die Innenseite von Wirklichkeit und Leben. Was motiviert Menschen, was treibt Menschen an, und was gibt ihnen Sinn? Es ist wahrscheinlich die gleiche Kraft, die das Universum von Anfang an antreibt und das Spiel der Manifestation überhaupt in Gang gesetzt hat. In einem religiösen Kontext spricht man von Gott, ein philosophischer Begriff dafür ist Eros oder Liebe, und eine mehr wissenschaftliche Beschreibung ist die der Selbstorganisation oder Autopoiesis. Sie sorgt dafür, dass Materie sich (von außen betrachtet) zu immer komplexeren Formen gestaltet, was (von innen erlebt) zu immer mehr Bewusstheit führt.

In Bezug auf den Menschen bedeutet dies, dass diese evolutionäre Kraft (unter welchem Namen auch immer) von innen erlebt werden kann, als Impuls, Antrieb, Kreativität, Motivation oder auch Sinn. Auf diese „intrinsischen Motivationen“ baut auch die Gemeinwohl-Ökonomie auf, im Unterschied zu extrinsischen Anreizfaktoren wie Geld:

„… dass Menschen durch andere Faktoren viel stärker motiviert werden als durch Geld: unter anderem durch das Streben nach Autonomie, Identität, Kompetenz, Beitrag, Gemeinschaft und Beziehung.“ (107) 

Gleichzeitig gibt es nach wie vor Anreize von außen:

„Der Erwerbszwang ist nicht abgeschafft, wenn auch abgeschwächt, zumal es neben der ‚demokratischen Mitgift‘ und einer verringerten Arbeitszeit auch noch vier Freijahre gibt ... das Solidaritätseinkommen reicht für das Überleben in Würde, aber nicht zu einem ‚guten Leben‘. Wer ein gutes Leben haben möchte, muss dafür etwas tun.“ (105)  

Als Erfolgsfaktoren für „gelingende Beziehungen“ nennt Felber:

„1. gelingende Beziehung zu sich selbst

2. gelingende Beziehung mit anderen Menschen

3. gelingende Beziehung mit der Natur

4. gelingende Beziehung mit dem großen Ganzen“ (108)

In dieser Aufstellung spiegeln sich die Hauptperspektiven der vier Quadranten wieder:

Eine gute Beziehung zu sich selbst kommt aus der Perspektive des oberen linken Quadranten, wo es darum geht mit sich selbst (den Inhalten und Dynamiken des eigenen Bewusstseins, wie z. B. schwierigen Emotionen) ins Reine zu kommen bzw. im Reinen zu sein.

Gelingende Beziehungen zu anderen Menschen (und Wesen) sind ein Ergebnis der Perspektive des unteren linken Quadranten, wo wir ins Reine kommen mit unserem In-Beziehung-Sein (als einer Versöhnung mit dem, was wir mit anderen Menschen erlebt haben). Dabei spielt die biografische und familiensystemische Arbeit eine große Rolle.

Die Beziehung zur Natur, aber auch zur äußeren gesellschaftlichen Welt, ist die Einnahme der äußeren Perspektive (des oberen rechten und unteren rechten Quadranten) und der Versöhnung mit dem, was wir dort sehen (was Aktivitäten zur Verbesserung dieser Umstände nicht ausschließt, sondern, im Gegenteil, erst aus einer versöhnten Haltung heraus gelingen lässt).

Die Versöhnung mit dem großen Ganzen schließlich weist auf eine religiös-spirituelle Dimension hin, wie einem Erwachen zum Seinsgrund (oder Tao, Absolutheit usw.), der nicht der Welt der Formen angehört, aber jede ihrer Formen durchdringt und sich somit mit der Welt der Form selbst entwickelt– im Sinne eines „alles ist vollkommen so wie es ist und es gibt viel zu tun“.[14]

Für Unternehmen und soziale Holons generell bedeutet dies einmal mehr:

„Bedürfnisbefriedigung, Gemeinwohl und sinnvolles Tätigsein sind der Zweck; die Unternehmensgründung und -führung das Mittel dafür.“ (110)

Warum, so kann man fragen, ist so etwas wie eine Gemeinwohl-Ökonomie nicht längst verwirklicht, wenn das Gute im Menschen angelegt ist? Dafür bietet Felber folgende Erklärungen, die, nicht überraschend, für ihn gesellschaftlicher Art sind, und Wilbers „Flachland-Analyse“ entsprechen:

„Aus meiner Sicht kommt jetzt der unangenehmste Teil der Analyse, der uns verstehen lässt, warum die Konkurrenz gar so fest auf dem Thron unseres Wertesystems sitzt: Viele, wahrscheinlich die Mehrheit von uns, sind nicht (oder schwach) intrinsisch motiviert, weil sie sich nicht gut kennen und in sich nichts Sinnvolles erfahren, das sie zu Höchstleistungen ohne jede Konkurrenz treiben könnte. Sie sind innerlich leer und können Sinn nur von außen beziehen.“ (111)

Woher kommt diese innerliche Leere? … Der Schlüssel liegt meines Erachtens in der Erziehung.“ (111)

„… die gesellschaftliche Tendenz geht in diese Richtung. Und das reicht schon aus, dass eine Kultur ‚extrinsische‘ Werte wie Konkurrenz, Profitstreben oder Karrieredenken von Generation zu Generation tradiert und heute noch die Mehrheit glaubt, dass Menschen von Natur aus so seien …“ (112)

„So wird den innerlich ärmsten Menschen Geld zum höchsten Gut – eine wichtige erste Erklärung dafür, dass viele besonders reiche Menschen innerlich besonders arm sind. Eine weitere Konsequenz: Wer sich selbst nicht spürt, spürt auch andere – und die Umwelt – nicht.“ (112)

Eine integrale Theorie würde dieses Thema zusätzlich auch noch unter Entwicklungsgesichts­punkten und psychodynamischen Aspekten betrachten. Auch die Werte in der Erziehung entwickeln sich – von traditionell, zu modern, zu postmodern, zu integral mit ihren jeweiligen Stärken und Schatten. Kinder und Jugendliche werden in ihrem Entwicklungsprozess gefördert bis zum gesellschaftlichen Durchschnittsbewusstsein, und danach gebremst. Das derzeitige Bildungssystem befindet sich im Übergang von modern zu postmodern, mit allen dazugehörigen Kulturkämpfen. Felber beschreibt mit den äußerlichen Werten und der innerlichen Leere vor allem die Schattenseiten einer veräußerlichten modernistischen Erziehung, die auf Konkurrenz und äußerem Erfolg basiert.

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-- Psychologie/ Psychodynamik

Der Verzicht Felbers auf die Heranziehung der Entwicklungspsychologie macht sein Modell wissenschaftstheoretisch für Kritik anfällig, und wird der enormen Bedeutung, welche die Psychologie als Ganzes für ein besseres Gesellschaftsmodell hat, nicht ganz gerecht.

Wer seinen Selbstwert daraus bezieht, besser zu sein als andere, ist davon abhängig, dass andere schlechter sind. Psychologisch gesehen, handelt es sich hier um pathologischen Narzissmus: Sich besser zu fühlen, weil andere schlechter sind, ist krank.“ (29) 

„Die besten Leistungen kommen nicht zustande, weil es eine KonkurrentIn gibt, sondern weil Menschen von einer Sache fasziniert, energetisiert und erfüllt sind, sich ihr hingeben und ganz in ihr aufgehen.“ (29) 

Bei der Messung von Lebensqualitätsindikatoren als innerlich erlebte Qualitäten wird die Bedeutung von Psychologie besonders deutlich:

„Nun geht aus sämtlichen Studien zu diesem Thema [extreme Einkommensungleichheiten] hervor, dass solche extremen Unterschiede 

- weder Leistung noch Verantwortung fördern;

- die Reichen nicht glücklich, sondern gierig machen;

- die Armen sich minderwertig (in jedem Sinn) fühlen lassen;

- Unbehagen, Stress, Krankheiten und Sterblichkeit fördern;

- zu einem Anstieg von Misstrauen, Aggression und Kriminalität führen“ (84)

Erneut fehlt hierbei die Tiefe einer Entwicklungsperspektive, was jedoch an der Art der Durchführung der Studien liegt, auf die sich Felber bezieht, welche oft selbst keine entwicklungspsychologische Komponente haben, jedenfalls was die Erwachsenenentwicklung betrifft.  

„Ab einer bestimmten Schwelle nützt Ungleichheit einer Gesellschaft nicht mehr, sondern beginnt ihr zu schaden.“ (84)  

„Wer allzu viel besitzt, wird besessen.“ (85)

Wichtig in diesem Zusammenhang ist hervorzuheben, dass die Motive für eine gerechtere Einkommensverteilung nicht von den unteren Entwicklungsstufen getrieben werden (Neid, Missgunst), sondern von den höheren. Um dies argumentativ zu vertreten braucht es jedoch ein Entwicklungsmodell.

Die Frage, ob Gemeinwohlökonomie auch auf intrinsischer Motivation von alleine entstehen kann, ohne den Druck von Gesetzen und äußeren Reformen, beantwortet Felber wie folgt:

„Zweifelsohne, Doch das kann nur ein längerfristiges Ziel sein…. Erstens sind heute noch zu wenig Menschen vornehmlich intrinsisch motiviert ... viele von uns [haben] asoziale Werte wie Egoismus und Konkurrenzverhalten verinnerlicht.“ (180)

Dies ist ein starkes Argument für eine „intrinsische“ Bewusstseinsentwicklung, wie sie Felber auch in seinem Bildungsmodell fordert. Er möchte, salopp gesagt und verständlicherweise, nicht warten, bis die höhere und humanere Perspektive einer Gemeinwohl-Ökonomie sich im Laufe eines Prozesses individueller und kollektiver Bewusstseinsentwicklung ergibt, sondern durch die Veränderung der bestehenden Verhältnisse diese Entwicklung beschleunigen.

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-- Das Gemeinwohl

„Je höher ein Wert, desto heftiger ist das Deutungsgerangel um ihn.“ (11)

Was ist das Gemeinwohl, und wer bestimmt, was es ist? Da es sich um eine Aussage über ein „Wir“ handelt, eine Gemeinschaft, kann diese Gemeinschaft – als ein soziales Holon – nur in einem inter-subjektiven Dialog- und Entscheidungsfindungsprozess bestimmen, was ihr Gemeinwohl ist. Die Verordnung eines Gemeinwohls für eine Gemeinschaft durch eine Einzelperson wird zu Recht von den Gemeinschaftsmitgliedern als eine Form von Diktatur erlebt (siehe dazu Teil 1, Holon). Auch wenn Felber in seinem Buch konkrete Aussagen darüber macht, was er als Gemeinwohl empfindet, weist er immer wieder darauf hin, dass die konkrete Festlegung dazu von der Gemeinschaft selbst getroffen werden muss, z. B. in Form eines demokratischen Konvents, den er anregt.

Was die einzelnen Komponenten [des Gemeinwohls] bedeuten, kann nur demokratisch ermittelt werden. Naturgesetze oder göttliche Vorsehung helfen hier nicht weiter.“ (11)

Interessant ist, dass viele Verfassungen den Begriff „Gemeinwohl“ konkret verwenden oder Aussagen machen, die darauf hinweisen.

„Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich[15] zum Wohle der Allgemeinheit dienen.“ (Artikel 14 Absatz 2 deutsches Grundgesetz).

„Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl.“ (Art. 14 Freistaat Bayern).

Diese grundgesetzlichen Verpflichtungen haben jedoch so gut wie keinen Niederschlang in den Wirtschaftsverfassungen der meisten Länder gefunden, und an diesem Punkt setzt die Gemeinwohl-Ökonomie an.

„Adam Smith hoffte, dass eine ‚unsichtbare Hand‘ die Egoismen der Einzelakteure zum größtmöglichen Wohl aller lenken würde.“ (23)

Wir wissen heute, dass die „unsichtbare Hand“, wenn das Wirtschaftsgeschehen frei laufen gelassen wird und Eigentumsrechte uneingeschränkt gelten, dazu führt, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Der Grund dafür ist, dass – wer hat dem wird gegeben – Eigentum an Boden oder Geld oder Wohnraum immer wieder und ohne Arbeit zu Geld gemacht werden kann, wohingegen der oder die, die nichts hat, lediglich seine oder ihre Arbeitskraft verkaufen kann, und wer nicht arbeiten kann, völlig mittellos dasteht. Hier braucht es neben der freiheitlichen und kreativitätsfördernden Eigeninitiative ein starkes regulatives soziales Element, welches dieser auseinanderlaufenden Schere entgegenwirkt, und die Vorschläge, welche Felber dazu macht, sind entsprechend radikal (siehe unten).

Was dabei im Hinblick auf die im ersten Teil genannten drei Hauptperspektiven von Politik und Menschsein (Individualität, Gemeinschaft und Nachhaltigkeit) auffällt, ist, dass die beiden Letzteren explizit erwähnt werden, und Erstere implizit enthalten ist (individuelle Freiheit und Selbstverwirklichung als das Ergebnis sozialer Gerechtigkeit und systemischer Nachhaltigkeit).

Vor dem Hintergrund integraler Theorie bleibt festzuhalten, dass die Form einer Entscheidungsfindung noch nichts über deren Inhalt und Güte aussagt, jedenfalls nicht automatisch. (Das Außen lässt keinen automatischen Schluss auf das Innen zu, auch wenn beides zwei Seiten einer Münze sind). Das Zustandekommen einer Entscheidung (der Prozess) ist das eine (autokratisch, demokratisch, basisdemokratisch, dialogisch, monologisch, intuitiv, analytisch oder wie auch immer), deren ethische Qualität ist etwas anderes, auch wenn es natürlich starke Tendenzen gibt, wie etwa die, dass demokratische Entscheidungen meist eine höhere ethische Qualität haben als autokratische Entscheidungen. Um jedoch eine objektivere Aussage darüber machen zu können, welchen Wert und welche Qualität eine Entscheidung hat, braucht es einen Maßstab, z. B. einen Entwicklungsmaßstab, wie ihn die Entwicklungspsychologie der Werteentwicklung bereithält. Danach ist es – in einem einfachen Beispiel – so, dass egozentrische Entscheidungen nur eine Perspektive beinhalten, und zwar die der Person, welche die Entscheidung trifft. Soziozentrische Entscheidungen beinhalten die Perspektiven einer bestimmten Gruppe (einer Religionsgemeinschaft oder einer Gemeinde oder Nation), aber nicht notwendigerweise die der Menschen außerhalb dieser Gemeinschaft. Weltzentrische Entscheidungen hingegen berücksichtigen die Perspektiven aller Menschen, und vielleicht auch noch die aller Wesen wie Tiere und Pflanzen. Die Anzahl der Perspektiven, die bei einer Entscheidungsfindung Berücksichtigung findet, ist dabei ein wesentlicher Maßstab. Tritt nun eine Gemeinschaft mittels eines demokratischen Konvents in einen Entscheidungsfindungsprozess ein, dann hängt das Ergebnis sehr stark davon ab, welche Perspektiven von den Mitgliedern dieser Gemeinschaft eingenommen werden – als ein Ergebnis ihrer eigenen persönlichen Entwicklung. Dies unterstreicht einmal mehr die Bedeutung des Themas Bewusstseins­entwicklung.

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-- Die Gemeinwohlbilanz

Ein ganz konkreter Ausdruck einer Wirtschaftsweise, die nicht nur im „Flachland“ von Quantitäten stattfindet, sondern auch die Innendimension von Wirklichkeit mit aufnimmt, ist die Gemeinwohlbilanz. Während eine herkömmliche Bilanz nur durch die äußeren, rechtsseitigen Quadranten auf das Wirtschaften eines Individuums oder einer Organisation schaut, schaut die Gemeinwohlbilanz sowohl auf die Innen- als auch auf die Außenseite, als einen wesentlichen Aspekt von Ganzheit. Sie ist, mit den Worten Felbers, das „Herzstück des Modells” (9), und lässt sich sowohl für Einzelpersonen, Unternehmen, öffentliche Körperschaften und auch Volkswirtschaften insgesamt erstellen. Erst wenn auch die Wertedimension in die Betrachtung des wirtschaftlichen Geschehens einfließt, kann auch über den Wert (oder die Wertlosigkeit) von Wirtschaften etwas ausgesagt werden. 

„Ziehen wir ein x-beliebiges Produkt aus dem Supermarkt-Regal: Es wird uns nicht verraten, wer es hergestellt hat, unter welchen Arbeitsbedingungen, unter welchen Umweltauswirkungen, ob Frauen gleich behandelt und bezahlt wurden wie Männer, ob das Unternehmen einen fairen Steuerbeitrag geleistet oder seine Gewinne in Steueroasen verschoben hat, ob es Lobbyisten engagiert oder Parteien finanziert …“ (46)

„Den Zusammenhang zwischen Profit und Gemeinwohl kann es geben, aber es muss ihn nicht geben. Mit der Gemeinwohl-Bilanz wird dieser Zusammenhang verlässlich hergestellt. Erst dann stimmt der berühmte Werbeslogan der Wirtschaftskammer Österreich: ‚Geht’s der Wirtschaft gut, geht es allen gut‘“(38)

Die Gemeinwohlindikatoren sind dabei insbesondere „weiche Faktoren“, die durch Fragestellungen ermittelt werden wie:

  • wie sinnvoll die Produkte/Dienstleistungen sind;
  • wie human die Arbeitsbedingungen sind;
  • wie ökologisch produziert wird;
  • wie mit den KundInnen umgegangen wird;
  • wie kooperativ und solidarisch sich das Unternehmen mit anderen Unternehmen verhält;
  • wie die Erträge verteilt werden;
  • ob Frauen gleich behandelt und bezahlt werden:
  • wie demokratisch die Entscheidungen getroffen werden. (40)

Diese Faktoren sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern gehören zum kulturellen Erbe der Menschheit.

„Die fünf in der [Gemeinwohl] Bilanz ‚gemessenen‘ Werte … befinden sich schon heute alle in den meisten Verfassungen wie auch im Grundgesetz: Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Demokratie.“ (39) 

Die Gemeinwohl-Bilanz wird dabei nicht als ein Diktat, sondern als ein Anreiz verstanden:

„Die Gemeinwohl-Bilanz ist ein anreizpolitisches Instrument, sie wird nicht vom Staat kontrolliert. Die Unternehmen werden aus eigenem Antrieb danach trachten, die gesetzlichen Standards zu überbieten, weil sie damit Vorteile haben? und überleben können.“ (179)

Christian Felber geht selbst mit gutem Beispiel voran, und hat auf www.christian-felber.at seine persönliche Gemeinwohlbilanz erstellt. Eine aktuelle und vollständige Gemeinwohl-Matrix und -Bilanz finden Interessierte auf www.gemeinwohl-oekonomie.org. Die Gemeinwohl-Bilanz ist ein ebenso starker wie konkreter und praktischer erster Schritt, um mit einer bewussteren Wirtschaftsweise zu beginnen. Ihre Umsetzung auf breiter Basis würde schon einen Bewusstwerdungsprozess in Gang setzen, und tut dies bereits. Allein hierfür lohnt sich der Einsatz für eine Gemeinwohl-Ökonomie, um das wirtschaftliche Denken und Handeln aus dem Flachland herauszuführen.

 

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-- Ich/ Wir/ Es Freiheit- Solidarität- Notwendigkeit

Eine – nicht nur – philosophische – Kernfrage jeglicher gesellschaftlichen Gestaltung ist die des Verhältnisses von Individualität, Gemeinschaft und den äußeren Dingen zueinander. Wie im ersten Teil ausgeführt, werden in der integralen Theorie über die Perspektivität der Quadranten alle drei als gleichwertig angesehen, in ihrer wechselseitigen Entwicklung miteinander. Im Rahmen der Holon Theorie werden individuelle Holons und soziale Holons ebenfalls als gleichwertig angesehen, und in ihren Gemeinsamkeiten und Unterschiedlich­keiten ausführlich beschrieben[16]. Von der Beantwortung dieser Frage hängt es ab, wie individuelle Freiheiten und Rechte, soziale Verantwortungen und Pflichten, und auch die gesellschaftlichen Systeme gestaltet werden. Die Gemeinwohl-Ökonomie, in den Aussagen von Christian Felber, scheint dem Wir eine höhere Gewichtung einzuräumen als dem Ich (und dem Es), was ich für problematisch halte. 

„Die Gruppenintelligenz ist höher als jede individuelle Intelligenz.“ (62)

Gruppenintelligenz ist ohne Einzelintelligenz nicht möglich – Intersubjektivität kann nicht ohne Subjektivität existieren. Es ist auch nicht so, dass Einzelentscheidungen grundsätzlich schlechter sind als Gruppenentscheidungen – entscheidend für die Qualität einer Entscheidung ist die Entwicklungshöhe, welche die Entscheidung repräsentiert, und nicht ihr Zustandekommen. Genau genommen gibt es gar keine reinen Einzelentscheidungen, weil jeder Mensch immer schon ein Mensch-in-Beziehung ist, und es gibt auch keine reinen Gruppenentscheidungen, weil In-Beziehung-Sein Individuen voraussetzt, die miteinander in Beziehung sind. Die Höherstellung des Wir gegenüber dem Ich, und das sehe ich als das Problem, trägt bereits schon den Keim eines neuen Totalitarismus in sich.

„Doch Gleichheit im Sinne des gleichen Rechts aller Menschen auf Leben, Chancen und Freiheiten ist ein höherer Wert als Freiheit, weil die zu große Freiheit der einen die Freiheit der anderen gefährdet ... Gleichheit ist deshalb ein absolutes Prinzip, Freiheit ein relatives“. (104)

Auch diese Aussage halte ich für problematisch, weil sie Freiheit der Gleichheit unterordnet (was bereits wieder einen Keim von Totalitarismus enthält). Ohne Freiheit kann es keine wirkliche Gleichheit geben (sondern nur eine Gleichheit, die auf Freiheitsunterdrückung beruht), ebenso wie es keine wirklich Freiheit ohne Gleichheit (im Sinne von Gleichwertigkeit) geben kann (sondern lediglich eine Freiheit auf Kosten anderer). 

„Es gibt ein Freiheitsbegrenzungsprinzip, aber kein  Gleichheitsbegrenzungsprinzip.“ (104)

Es muss beides geben, weil es sich um zwei Seiten ein- und derselben Münze handelt. Ich schaue, mit den Quadranten ausgedrückt, auf ein und dasselbe Phänomen aus unterschied­lichen Perspektiven. Die oberen Quadranten zeigen mir das Individuelle, mit dem Freiheitsprinzip, die unteren Quadranten zeigen mir das Gesellschaftliche, mit der Gleichwertigkeit aller. Gleichwertigkeit braucht eine Begrenzung individueller Freiheit, das ist richtig, aber individuelle Freiheit braucht auch eine Begrenzung von Gleichmacherei und Egalisierung. Zur Herstellung von gleichen Chancen muss in individuelle Freiheiten eingegriffen werden, doch wenn dieser Eingriff keine Grenzen hat, dann ist das Ergebnis eine Gleichmacherei und Egalisierung, wie die Menschheit sie in ihrer schlimmsten Form im Steinzeitkommunismus Pol Pots erlebt hat.

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-- Macht und Freiheit

Warum müssen wir überhaupt etwas ändern? Haben wir nicht genug Freiheiten, innerhalb derer jede und jeder „seines Glückes Schmied“ sein kann? Und wenn jemand keinen Erfolg hat, ist er oder sie in unserer freiheitlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung nicht selbst schuld? Aus der integralen Theorie heraus lautet die Antwort ja und nein. Individualität (die oberen Quadranten) ist eine unerschöpfliche Quelle von Inspiration, Initiative, Motivation und Kreativität, und die Möglichkeiten dessen, was jeder und jede Einzelne aus sich machen kann, sind so gesehen unbegrenzt. Jeder kennt Beispiele von Menschen, die selbst unter schwierigsten Bedingungen aus sich und ihrem Leben „etwas gemacht“ haben. Gleichzeitig ist niemand eine Insel, und jeder Mensch ist von Anfang an immer schon eingebunden in unzählige kulturelle und soziale Kontexte, die Rahmenbedingungen setzen und Chancen eröffnen, oder auch nicht (die unteren Quadranten). Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ein Kind in einem Slum aufwächst oder in einem rechtsstaatlichen Umfeld mit vielfältigen Bildungsangeboten. Ken Wilber hat sich mit dieser Frage im Excerpt A (als einem Auszug aus einem noch nicht veröffentlichten Buch) beschäftigt, und unterstreicht die Bedeutung kultureller und sozialer Kontexte für das menschliche Bewusstsein und seine Entwicklung wie folgt:  

„Daher liegt eine tiefe (wenn auch nur teilhafte) Wahrheit in Marx berühmtester Aussage darüber: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ Das heißt, der untere rechte Quadrant (der die techno-ökonomische Basis beinhaltet) hat eindeutig eine enormen Einfluss auf Glaubensvorstellungen, Gefühle, Ideen und Weltsichten von Männern und Frauen. Für uns ist dies in jeder Hinsicht eine AQAL Angelegenheit – und wir müssen Marx Tendenz der Verabsolutierung des unteren rechten Quadranten nicht übernehmen. Gleichzeitig ist der Einfluss des unteren rechten Quadranten auf das Bewusstsein und die Kultur kaum zu überschätzen.

Man kann diesen wichtigen Punkt auch noch anderes formulieren, und zwar: materielle Gegebenheiten der dritten Person haben eine tiefgreifenden Einfluss auf Wirklichkeiten einer ersten und zweiten Person. Darin bestand Marx wesentliche und andauernde Einsicht, die bis auf den heutigen Tag richtig ist, weil sie einen bedeutenden Aspekt der AQAL Matrix hervorhebt.“ (Ken Wilber, Excerpt A)

Ein wichtiges Anliegen von Christian Felber besteht darin darauf hinzuweisen, dass Freiheit und persönliche Entfaltung nur dann geschehen können (und auch fair ist), wenn Chancengleichheit hergestellt ist, und kein Macht- und Abhängigkeitsgefälle existieren (z. B. hinsichtlich der Beziehungen der Wirtschaftsbeteiligten wie Arbeitgeber/Arbeitnehmer, Kreditgeber/Kreditnehmer, Mieter/Vermieter, Konzern/Zulieferer. Die derzeitige Wirtschaftsverfassung ist diesbezüglich reformbedürftig. 

„Ehrlicherweise sollte deshalb jede Marktwirtschaft, die auf Gewinnstreben und Konkurrenz beruht, in rücksichtslose, inhumane und letztendlich illiberale, weil die Freiheit zerstörende Marktwirtschaft, umbenannt werden.“ (26)

„Ich habe argumentiert, dass ich durch die Gemeinwohl-Ökonomie in der Summe mehr Freiheit für alle Menschen erwarte …“ (176)

„Die Gemeinwohl-Ökonomie sieht private Unternehmen und individuelle Unternehmensinitiativen vor, weil das eine Ausdrucksform von Freiheit ist. Allerdings werden sie in eine andere Zielsystematik eingebettet, damit ihr Streben die Freiheit aller vermehrt und nicht bedroht.“ (178)

„Auch die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine bestimmte Wertestruktur, in der sich Menschen aber erwiesenermaßen wohler fühlen als im Zielsystem Egoismus und Konkurrenz …“ (178)

Die letzte Zitatstelle unterstreicht erneut die Bedeutung von Entwicklungsmodellen, welche eine aufeinander aufbauen Wertentwicklung zeigen, und somit Aussagen von „besser“ oder „weiter entwickelt“ wissenschaftlich begründen können. 

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-- Eigentum – Verteilung – Gerechtigkeit (82)

Das Eigentumsrecht, welches die Frage „wem gehört was“ in einer Gesellschaft regelt, ist ein Kernpunkt einer jeden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Seine Entstehung kann man sich leicht vorstellen, wenn man sich die eigene Individualität vergegenwärtigt und die Einzigartigkeit des Wesens, das man selbst ist (als die Perspektive des oberen linken Quadranten auf sich selbst). Aus dieser Perspektive heraus sind Pronomen wie „ich“, „mir“ und „mein“ entstanden, und daraus wiederum die Vorstellung von Besitz und Eigentum. Doch wem verdanken wir eigentlich das, was wir haben? Sicher auch zum Teil unserer Initiative, aber zu einem erheblichen Teil auch den Umständen, in die wir hineingeboren wurden und leben, und anderen Menschen, die uns begleitet und geholfen haben, und damit kommen die unteren kollektiven Quadranten ins Spiel und unsere Verpflichtungen anderen gegenüber. 

„Die Absolutstellung des Eigentumsrechts ist heute zur größten Gefahr für die Demokratie geworden.“ (82)

„Ebenso steht es dem liberalen Urprinzip entgegen, dass die Freiheit des einen dort enden muss, wo sie die des anderen – und damit die Gleichheit – einzuschränken beginnt.“ (82)

Es ist wichtig zu betonen, dass das (private) Eigentumsrecht, das ja ein liberales Kernanliegen ist, ab einer gewissen Größenordnung anti-liberal (oder anti-freiheitlich) wirkt, weil, wie frei kann man sich fühlen, wenn einem nichts gehört und anderen alles? Die ausufernden kapitalistischen Freiheiten, gekoppelten mit einem starken Eigentumsrecht, die dafür sorgen, dass einige Wenige immer reicher werden und immer mehr Menschen immer ärmer, sorgen für eine ungerechte positive Rückkoppelung, die Felber umkehren möchte.

„Kapitalismus ist ein positiv rückgekoppeltes System, weil es mit fortschreitendem Reicherwerden und Größerwerden für Individuen und Unternehmen immer leichter wird, noch reicher und größer zu werden. Die erste Million ist die schwierigste ... Negative Rückkoppelung hieße, dass die erste Million die am leichtesten zu erwerbende ist und dadurch für die große Mehrheit erreichbar wird, während das zusätzliche Reicher- oder Größerwerden immer schwieriger wird, bis es schließlich gar nicht mehr weitergeht.“ (83) 

„Deshalb soll in der Gemeinwohl-Ökonomie auch über eine Obergrenze für Privateigentum diskutiert werden, zum Beispiel zehn Millionen Euro (hier wäre der Konvent gefragt) ... Zehn Millionen sind immer noch so viel, dass sich der/die Betreffende fast jeden Luxus leisten kann, aber es ist zu wenig, um die Regierung zu kaufen und die Gesellschaft nach dem eigenen Willen zu formen. Das Eigentumsrecht wäre ein liberaleres!“ (86)

„Denn durch die Hoffnung breiter Bevölkerungsschichten, von Kapitaleinkommen zu profitieren … wird einer der grundlegenden Interessengegensätze in der kapitalistischen Gesellschaft verwischt: der zwischen der Minderheit, die den Löwenanteil aller Kapitaleinkommen vereinnahmt; und der Mehrheit derjenigen, die diese erwirtschaftet und bezahlt.“ (68)

Neben der Begrenzung des Eigentums möchte Felber auch das Erbrecht begrenzen. Ihm schwebt die Einrichtung eines „Generationenfonds“ vor, aus dem alle eine „demokratische Mitgift oder negative Erbschaftssteuer“ erhalten. (91) Sogar die bayerische Verfassung liefert hierfür Unterstützung:

„Die Erbschaftssteuer dient auch dem Zwecke, die Ansammlung von Riesenvermögen in den Händen einzelner zu verhindern.“ (Verfassung des Freistaats Bayern, Art. 123)

„Das (unbegrenzte) Eigentum annulliert die einzige ‚natürliche‘ negative Rückkoppelung des Kapitalismus: dass aufgebaute und konzentrierte Vermögen wieder dekonzentriert und zerteilt werden. Damit ist es das vielleicht größte Einzelhindernis auf dem Weg zu einer chancengleichen, egalitären und demokratischen Gesellschaft.“ (91)

„Die Gemeinwohl-Ökonomie vermeidet Extreme: Weder wird das feudale Prinzip (allein die Geburt entscheidet) uneingeschränkt beibehalten noch das Erbrecht zur Gänze abgeschafft (Gleichverteilung der Erbmasse an alle). Die Lösung könnte ein Mittelweg sein: Das Erbrecht bleibt bis zu einer moderaten Höhe aufrecht, darüber hinausgehende Erbvermögen gehen in einen öffentlichen Generationenfonds und werden aus diesem zu gleichen Teilen an die Nachkommen der nächsten Generation als ‚demokratische Mitgift‘ verteilt.“ (92)

Dieser „Mittelweg“ entspricht dem im Teil 1 erwähnten Entwicklungsprinzip eines Transzendierens und Bewahrens (im Unterschied zu einem Wegwerfen alles Gewachsenen, wie es für „Kulturrevolutionen“ typisch ist). Der Wille des individuellen Erblassers wird gewürdigt, ebenso wie die Tatsache, dass die eigene Familie den meisten Menschen näher steht als „Fremde“ (auch wenn auf den höheren Entwicklungsstufen auch „Fremde“ Teil des eigenen Mitgefühls und der Fürsorge sind). Doch dann geht es noch einen Schritt weiter, und das Erbe jenseits einer „moderaten Höhe“ wird an alle in einen Generationenfonds verteilt. Felber wägt ab:

„Dem ‚Freiheitsverlust‘ eines Erben, der Mamas/Papas Großunternehmen nicht allein erben und ohne Rücksicht auf Qualifikation weiterführen darf, steht der Freiheits­gewinn zahlloser Menschen gegenüber, die heute ohne Erbe und Mittel in das Erwerbsleben eintreten (auch wenn ihre Eltern jahrzehntelang mit ihrer Arbeitsleistung Unternehmen mit aufgebaut haben.)“ (96)

„… ein noch ausständiger Schritt aus dem feudalen Zeitalter, den wir bisher – dank intensiver ideologischer Schulung – noch nicht unternommen haben.“ (98)

(Auf Umgehungsmöglichkeiten durch Schenkungen geht Felber gesondert ein, ebenso wie auf die Problematik der Vererbung von Immobilien und Unternehmen, insbesondere Familien­unternehmen). 

 

Zur Idee von demokratischen Allmenden: (100)

Eine besondere Form von öffentlichem Eigentum sind – wie Felber sie nennt – „demokra­tische Allmenden“.

„Neben einer Mehrheit von privaten Kleinunternehmen und einer kleinen Anzahl von Großunternehmen im gemischten Eigentum soll es in der Gemeinwohl-Ökonomie – so wie in der sozialen Marktwirtschaft – eine dritte Kategorie von Eigentum geben: öffentliches Gemeinschaftseigentum“. (100)

„‘Klassische Staatsunternehmen‘, die von der Regierung oder von der BürgermeisterIn kontrolliert werden, soll es in der Gemeinwohl-Ökonomie nicht geben“. (102)

„In der Gemeinwohl-Ökonomie gibt es keine profitorientierten Banken und Versicherungen mehr, das Finanzsystem wird zu einem öffentlichen Gut“. (68)

„Die demokratische Bank ist dem Gemeinwohl verpflichtet, sie ist nicht gewinnorientiert … Die demokratische Bank darf kein Geld schöpfen, ihre Rolle ist auf Geldvermittlung zwischen SparerInnen und KreditnehmerInnen beschränkt.“ (71, 72)

„Die Idee dahinter ist, dass „ … essentielle Wirtschaftszweige direkt von der Bevölkerung kontrolliert und gesteuert werden“. (100)

„Die gerechtere Verteilung von Kapital und Stimmrechten bewirkt, dass sich die Risikobereitschaft gleichmäßiger über die Bevölkerung verteilt. Das Gemeinwesen ist dann weniger auf schillernde Persönlichkeiten angewiesen, die zu herausragenden LeistungsträgerInnen stilisiert werden, obwohl sie ihr Vermögen zum Teil bloß geerbt und nicht selbst erarbeitet oder durch positive Rückkoppelungseffekte auf Kosten anderer erworben haben. In fast allen Fällen sind sie zudem auf die unsichtbare Beziehungsarbeit von Frauen angewiesen, deren essenzielle, lebenserhaltende und glückbringende Leistungen kaum gesehen, wertgeschätzt und belohnt werden.“ (109)

 

An dieser Stelle kommt das, was ich im Teil 1 hinsichtlich der „systemischen Notwendigkeit“ erwähnt habe, als der dritten wichtigen menschlichen Hauptperspektive neben individueller Freiheit und gemeinschaftlicher Solidarität, ins Spiel. Aus der Perspektive des unteren rechten Quadranten ist der Mensch (auch) Teil vieler Systeme, und zwar jeder Mensch ohne Ausnahme. Manche Systeme sind lokal und regional, andere global. Dies sind Ökosysteme, Infrastruktursysteme, Wirtschaftssysteme, Finanzsysteme, Gesundheitssysteme, Energie­systeme, Bildungssysteme, Versorgungs- und Entsorgungssysteme und andere mehr. Jeder Mensch hängt buchstäblich vom einem guten Funktionieren dieser Systeme ab, und daher ist es wichtig, dass diese Systeme nachhaltig sind, im Sinne von zuverlässig und stabil (und auch offen für Weiterentwicklungen), damit sie nicht zusammenbrechen[17]. Von daher ist es auch geboten, dass alle Menschen ein Mitspracherecht bei der Gestaltung dieser Systeme haben – Betroffene zu Beteiligten machen –, und das ist für mich die Begründung für die Einrichtung „demokratischer Allmenden“.

Stellen wir uns vor, unser Trinkwassersystem wäre frei, jeder könnte daran herumspielen, was reinschütten, abzweigen, zurückhalten, umleiten, damit spekulieren usw. Das wäre undenkbar, und ein Aufschrei würde durch die Bevölkerung gehen: „Finger weg von unserem Trink­wasser – davon hängen wir alle lebensnotwendig ab!“ Doch genauso verhält es sich mit unserem Finanzsystem. Obwohl wir alle Geld als universelles Tauschmittel zur Gestaltung eines wichtigen Teils unserer Austauschbeziehungen brauchen, erlauben wir uns ein freies und weitgehend unreguliertes und unkontrolliertes Finanzsystem. Die Auswirkungen der derzeitigen Finanzkrise macht uns unsere Abhängigkeit von diesem globalen System überdeutlich.

 

Zum Eigentum an der Natur:

Die, was eine allgemeine Umsetzung angeht, vielleicht problematischste Maßnahme, die Felber anregt, ist die Abschaffung des Privateigentums an Grund und Boden. Ich halte sie in dieser Radikalität für nicht notwendig, die Begrenzung von Grundbesitz jedoch für sinnvoll, um, auch hier, zu verhindern, dass immer weniger Menschen immer mehr davon gehört.

 

Felber argumentiert wie folgt:

„Wir sind nur unter bestimmten Bedingungen – ökologischer Empathie – geduldete Gäste auf dieser Erde. Dieser Respekt könnte dadurch zum Ausdruck gebracht werden, dass kein Mensch Eigentum an der Natur besitzen darf, allem voran an Grund und Boden … das ‚Besitzen‘ bleibt, nur das Eigentum geht an die Natur zurück.“ (102)

„Recht auf Wohnfläche für jeden, Nutzung der Fläche kann für einen Quadratmeterpreis erworben werden.“, Gemeinden regeln die Zuteilung von Nutzflächen“.

„Derzeit besitzen zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung zwei Drittel des gesamten Immobilieneigentums.“ (103)

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-- Entwicklung und Wachstum

„Wachstum ist in der Natur ein Mittel zur Erreichung der optimalen Größe.“ (61)

Diese Aussage Felbers trifft auf die biologische Entwicklung zu, und lässt sich teilweise auch auf das Wirtschaftsgeschehen übertragen. Sie ist jedoch nicht auf die gesamte „Natur“ anwendbar. So schreitet die Evolution seit über 13 Milliarden Jahren immer weiter voran, zu immer mehr Komplexität und Bewusstheit, und eine „optimale Größe“ ist insgesamt nicht abzusehen. Das gleiche gilt für die innere oder geistige Entwicklung, die auch kein Ende zu kennen scheint, und für die, da sie, wenn auch materiell getragen, innerlich stattfindet, keine Größenbegrenzungen zu gelten scheinen. Was jedoch materielle und auch organisatorische Formen betrifft, macht die Aussage Felbers Sinn.

(Siehe hierzu auch die Hinweise in Teil 1).

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-- Wirtschaftsordnung und Wirtschaften

Durch die Differenzierung innerlich/äußerlich unterscheidet die integrale Theorie die Werte einer Gemeinschaft (UL Quadrant) und die Organisation, Prozesse und Strukturen dieser Gemeinschaft (UR Quadrant). Beides wird von der Gemeinwohl-Ökonomie behandelt.  

Dabei liegt der Schwerpunkt für Felber auf inneren Werten: 

„Vertrauen ist das, was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält – nicht die Effizienz!“

Auch der Markt ist für Felber zuerst ein Begegnungsort für Menschen.

„Markt … ist ein Ort der Begegnung zwischen Menschen, auf dem sie wirtschaftliche Beziehungen pflegen.“ (185)  

Aus integraler Perspektive ist beides wichtig und hängt miteinander zusammen, die innere Kultur und die äußere Struktur. Felber stellt klar, dass er keinen generellen Systemwechsel anstrebt, auch wenn er sich für tiefgreifende Reformen im bestehenden marktwirtschaftlichen System einsetzt. 

„Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine Markt- und keine Planwirtschaft.“ (65)

„Wenn man die Gemeinwohl-Ökonomie in eine der vier gängigen Kategorien von Wirtschaftssystemen 1. Subsistenzwirtschaft, 2. Geschenkökonomie, 3, Marktwirtschaft und 4. Planwirtschaft einordnen möchte, handelt es sich wohl am ehesten um eine Form der Marktwirtschaft allerdings um keine kapitalistische wie die jetzige sondern um eine ‚kooperative Marktwirtschaft‘.“ (185)

Diese Marktwirtschaft „funktioniert“ jedoch nach den Regeln eines zerstörerischen Wettbewerbs, und das möchte Felber ändern – Kooperation statt „Kontrakurrenz“.

„Statt nach dem Motto ‚Fressen oder gefressen werden‘ werden die Unternehmen gemäß dem Motto ‚Leben und leben ermöglichen‘ agieren.“ (66)

Dazu sind tiefe Eingriffe in die bestehende Eigentumsordnung nötig.

„Der Unterschied zum Kapitalismus ist, dass Finanzgewinn nicht länger der Zweck des unternehmerischen Strebens ist, sondern zum Mittel für den eigentlichen Zweck wird: einen größtmöglichen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten ... die rechtliche??? Wirtschaftsordnung unterstützt nicht diese Weltanschauung, sondern Profitmaximierung, grenzenloses Wachstum und gegenseitiges Fressen.“ (15)

So lange nicht alle Marktteilnehmer wirklich gleiche Chancen haben, ist ein „freier Markt“ eine Illusion und Täuschung.

„Der ‚freie Markt‘ wäre dann ein freier Markt, wenn alle TeilnehmerInnen dieses Treibens von jedem Tauschgeschäft völlig schadlos zurücktreten könnten.“ (25)

„… wer nichts anzubieten hat auf den globalen Märkten, hat schlechte Karten. Dieser Systemzwang ist inhuman, viele zerbrachen daran.“ (177)

Die geistigen Grundlagen der bestehenden Wirtschaftsordnung werden als „Mythen“ beim Namen genannt:

„Wettbewerb ist die effizienteste Methode, die wir kennen.“ (27)

Dieser Mythos zeigt die unbewusste Hintergrundstruktur einer modernistischen, wertfreien („Flachland“) und allein auf Effizienz ausgerichteten Weltsicht. Für eine egozentrische Sichtweise sprechen hingegen die folgenden Zitate.

„‘Eroberung von Marktanteilen‘, randvolle ‚Kriegskassen‘, ‚feindliche Übernahmen‘: Die Wirtschaftssprache entlarvt, worum es in Streben nach dem eigenen Vorteil schlussendlich geht.“ (30)

Felber zählt auf, was Wilber als die „größte einzelne Pathologie des Planeten derzeit“ bezeichnet (siehe Teil 1), als Konsequenzen einer Ent-wertung des Wirtschaftsgeschehens:

„Machtmissbrauch, Ausschaltung des Wettbewerbs und Kartellbildung, Standortkonkurrenz, ineffiziente Preisbildung (Ausdruck von Macht, anstatt von Wertverhältnissen), soziale Polarisierung und Angst, Nichtbefriedigung von Grundbedürfnissen, ökologische Zerstörung, Sinnverlust, Werteverfall, Ausschaltung der Demokratie“ (32)

Die Wertefreiheit des Marktgeschehens spielt dem Egoismus in die Hände.

„Heute werden alle Unternehmen zu gleichen Bedingungen zum Markt zugelassen – ganz gleichgültig, wie sehr sie die Werte der Verfassung erfüllen oder verletzen. Die ‚Gleichbehandlung‘ führt dazu, dass sich in der Regel die Rücksichtsloseren und Verantwortungsloseren am Markt durchsetzen, weil sie billiger anbieten können.“ (47)

Dem möchte die Gemeinwohl-Ökonomie durch eine Umpolung des Anreizrahmens und durch Sinn- und Zweckbindung der Gewinnverwendung und der Investitionen entgegenwirken. 

„Umpolung des Anreizrahmens: Einen größtmöglichen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten, wird auch zur neuen Bedeutung von unternehmerischem Erfolg.“ (35)

„Unternehmen sollen auf dem Weg zum Gemeinwohl natürlich keine finanziellen Verluste machen; aber auch keine Gewinne um der Gewinne willen. Der Gewinn ist nur noch ein Mittel für klar definierte Zwecke.“ (39)

„Gewinnerwirtschaftung ja, aber Gewinnlenkung (was ist erlaubt, und was nicht): Deshalb sollen in Zukunft nur noch solche Investitionen getätigt werden, die einen sozialen und ökologischen Mehrwert schaffen. Dafür müsste – analog zur finanziellen Kostenkalkulation von heute – eine Gemeinwohl Kalkulation für jede (größere) Investition angestellt werden.“ (51)

„Doch in der Gemeinwohl-Ökonomie geht es nicht um Profit. Dieser würde, sobald er allen sinnvollen Zwecken gedient hat, weggesteuert.“ (183)

Der derzeitigen Widersprüchlichkeit von Kooperation – zum einen als ein positiver Wert, zum anderen als eine unerlaubte Kartellbildung zum Machtmissbrauch, löst die Gemeinwohl-Ökonomie auf, indem sie Kooperation grundsätzlich fördert und Kartellbildungen überflüssig macht.

„Heute sind Kartelle kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um den Gewinn zu steigern. Wenn Gewinne nicht erzielt werden dürfen (nur Überschüsse, die für das Gemeinwohl verwendet werden), dann verliert auch Kartellbildung als Mittel dazu ihren Sinn. Kooperation ist hingegen ein effizientes Mittel, um den Unternehmens­zweck – größtmöglicher Beitrag zum Allgemeinwohl – erfolgreicher umzusetzen.“ (63) 

Diese Ziele sollen in einem dazu einberufenen Wirtschaftskonvent diskutiert und in ihrer konkreten Form verabschiedet werden:

„Die realverfasste Wirtschaft verletzt den Geist der Verfassung … Die Vorschläge sind: Gemeinwohlstreben als Ziel der Wirtschafsakteure definieren, Messung der Zielerreichung mit einer Gemeinwohl-Bilanz, Messung der volkswirtschaftlichen Zielerreichung im Gemeinwohl-Produkt, Belohnung von Kooperation zwischen den Unternehmen, Begrenzung und Bedingung des Eigentumsrechts.“ (134)

Die Furcht vor einer neuen Bürokratisierung der Wirtschaft teilt Felber nicht:

„Die Gesetze der Gemeinwohl-Ökonomie regulieren und zwingen nicht mehr als andere Wirtschaftsformen …“ (177)

Die Ziele der Gemeinwohl-Ökonomie fasst Felber wie folgt zusammen:

„Ziel [der Gemeinwohl-Ökonomie] ist nicht Eigennutz-Maximierung, sondern Gemeinwohl-Maximierung, der Vorrang des Gegeneinanders weicht dem Vorgang des Miteinanders. Zweitens ist die Gemeinwohl-Ökonomie durchsetzt von Gemeinschafts­gütern (Allmenden oder ‚Commons‘ wie Energieversorgungsunternehmen, Schulen, Bahn, Post oder Banken. Diese folgen nicht der Marktlogik, sie sind öffentliche Güter, werden aber nicht von Staat geführt sondern direkt von der Bevölkerung. Deshalb nenne ich sie ‚demokratische Allmenden‘.“ (185) 

„Die Gemeinwohlökonomie setzt auf drei Wege: Bewusstseinsbildung, marktkon­forme Anreize und ordnungspolitische Gesetze.“ (180)

Bewusstseinsbildung bedeutet vor allem Bewusstseinsentwicklung, und einmal mehr wäre dabei das Heranziehen von Modellen der Bewusstseinsentwicklung hilfreich.

Interessant ist auch die Betrachtung des Phänomens von Konkurrenz. Auch hierbei helfen die Entwicklungsmodelle, denn was Konkurrenz als eine Form von Beziehung bedeutet und wie sie gelebt wird, hängt einmal mehr von der Stufe der Entwicklung ab.

  • Eine Egozentrik betrachtet andere (und kann dies auch nicht anders) als Instrumente zur eigenen Ego-Befriedigung, und wenn andere nicht dem eigenen Willen unterworfen werden können, dann ist Konkurrenz ein Mittel sie zu „auszuschalten“ oder zu „vernichten“.
  • Eine traditionelle oder soziozentrische Bewusstheit kooperiert innerhalb der eigenen Gemeinschaft unhinterfragt nach den herrschenden Regeln. Nach außen hin jedoch, und gegenüber anderen und „Fremden“ ist so gut wie alles erlaubt, um die eigenen imperialen und auch ethnozentrischen Ansprüche durchzusetzen, einschließlich einer zerstörerischen Konkurrenz und imperialen (Welt)marktbeherrschung.
  • In einer nach einem modernen Bewusstsein ausgerichteten Gesellschaft werden erstmals die anderen auch als gleichwertige Menschen gesehen. Dadurch bekommt Kooperation ein neues, freundlicheres und Gesicht. Durch die Neigung zum Flachland und der Leugnung von Innerlichkeit und Werten geschieht es jedoch sehr schnell, dass funktionale Aspekte wie Effizienz, Gewinnmaximierung und Marktdurchdringung die genannten unteren Entwicklungsstufen aktivieren (deren Wertebetrachtung jedoch in den psychologischen Schatten stellen). Und so sind wir dann bei dem „Kapitalismus“, wie wir ihn heute kennen. Kooperation wird wieder zur „Kontrakurrenz“. 
  • Erst die Postmoderne führt, wie am Beispiel der Gemeinwohl-Ökonomie, Werte wieder in das Wirtschaftsgeschehen ein und macht diese bewusst. Diese postmodernen Werte von Gleichwertigkeit, Menschenrechten und kultureller Vielfalt sind jedoch nicht mehr nur traditionell, und berücksichtigen und umfassen lediglich eine bestimmte Gruppe, sondern sie sind, inspiriert durch die Aufklärung, universell, und gelten für alle Menschen, und darüber hinaus für alle Lebewesen. 

Es ist daher nicht so, dass, wie Felber meint, „ … die gesamte Evolution auf dem Prinzip der Kooperation [beruht].“ (181) Was wir – nach Wilber – von Anfang an vorfinden ist das Prinzip von In-Beziehung-Sein, (die unteren Quadranten), doch wie diese Beziehungen gelebt werden, ist eine Sache von Entwicklung. Der Vogel, der seine Jungen füttert, tut dies in liebevoller Brutpflege und Kooperation, doch gegenüber dem Regenwurm, den er an seine Jungen verfüttert, ist er nicht besonders „kooperativ“. Mitmenschlichkeit auf globaler Ebene ist entwicklungsgeschichtlich erst eine sehr junge, und daher umso kostbarere Errungenschaft.

Was Felber in der nachfolgenden Textstelle beschreibt, ist ganz „normal“ – auf einer soziozentrischen Entwicklungsstufe, und in diesem Sinn auch ein Aspekt von Evolution.

„In der Wirtschaft selbst wird sehr viel Kooperation, Teambildung und Mannschaftsgeist praktiziert, doch dienen diese Strategien dem höheren Ziel der Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens, der Kartellbildung oder des Machterhalts – gegen Dritte.“ (182)

Doch es ist, und darauf möchte Felber mit der Gemeinwohl-Ökonomie ja hinaus, nicht die beste und humanste aller Möglichkeiten, sondern es geht darum, sich aus der Kontrakurrenz herauszuentwickeln, von den Schattenseiten einer zerstörerischen Moderne hin zu einer nachhaltigen Postmoderne, und zu immer besseren Formen echter Kooperationen und win-win-win (ich-du-das nachhaltige System) Situationen, bei denen es immer mehr Menschen immer besser geht. 

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-- Geld und Zins

Das Thema Geld und Zins ist eine weitere wesentliche Säule wirtschaftlicher Betrachtungen. Aus integraler Sicht ist Geld als universelles Tauschmittel ein Artefakt, mit dessen Hilfe Menschen ihre Austauschbeziehungen miteinander gestalten. Weil Menschen immer auch Menschen-in-Beziehung sind, ist Austausch ein natürliches und wesenseigenes Bedürfnis. Daraus haben sich unterschiedliche Austauschformen im Menschheitsverlauf entwickelt, wie

a)     Schenkung,

b)     Tausch,

c)      Leihe (als unentgeltliche Überlassung),

d)     Miete (als Überlassung gegen „Mietzins“),

e)     Pacht (als entgeltliche Überlassung mit Nutzungs- und Verwertungsrechten) oder

f)       Kauf.

Festzuhalten ist dabei, dass die Austauschbeziehungen a, b und c gänzlich ohne Geld auskommen, d. h. dass es eine „Wirtschaft ohne Geld“, wie sie manchmal gefordert wird, bereits und schon immer gibt. Der ganz überwiegende Leistungsaustausch zwischen Menschen, wie beispielsweise Kindererziehung oder mitmenschliche Zuwendung allgemein, ereignet sich als Schenkung oder Austausch und ohne Geld. Auf diesen unbezahlten Leistungen basiert unsere Kultur und Gemeinschaft in allererster Linie, darauf weist Felber immer wieder hin. Dies ist ein ganz wesentlicher Aspekt im Rahmen einer „Gerechtigkeits­diskussion“. Ein Anliegen der Gemeinwohl-Ökonomie besteht auch darin, diese ebenso unentgeltlichen wie unverzichtbaren Leistungen durch eine gerechtere und breitere Verteilung von Vermögen und Eigentum zu würdigen.

Für Austauschbeziehungen, die einen Ausgleich erfordern, wurde Geld als ein universelles Tauschmittel – und Mittel zum Zweck – erfunden. 

Die Menge aller gehandelten Waren und Leistungen einer Gemeinschaft

Die Menge des zur Verfügung stehenden Geldes als Tauschmittel dieser Gemeinschaft

Die Aufgabe einer Geldpolitik bestünde darin, die Geldmenge einer Gemeinschaft in etwa in der gleichen Größe zu halten wie das Gesamtangebot an Waren und Dienstleistungen (welches sich verändert, neue Waren und Leistungen kommen hinzu, andere verschwinden vom Markt). Auf diese Weise wäre „Geld“ als solches kein Thema, das Preisniveau wäre insgesamt stabil, und die Menschen würden sich auf ihren Waren- und Leistungsaustausch im Hinblick auf ihre „Nutzwerte“, als das, was sie wirklich benötigen, konzentrierten. Doch schon vor langer Zeit haben sich Menschen dafür entschieden, Geld nicht nur als Tauschmittel und Mittel zum Zweck zu sehen, sondern als eine eigene Ware und einen Selbstzweck, und fingen an mit dem Tauschmittel selbst Geschäfte zu machen. Geld wurde zusätzlich zu einer handelbaren Ware. Eines dieser Geschäfte war (und ist) das „Mieten“ (d. h. die entgeltliche Überlassung) von Geld, und als Preis für diese Überlassung wurde der Geldzins (oder Zins) eingeführt. Und genau hier beginnen die Probleme: Die Geldmenge und Geldverteilung bekommt durch die Finanzmärkte (auf denen Geld gehandelt wird) eine unkontrollierte Eigendynamik, mit „Nebeneffekten“ wie Inflation, Deflation, Akkumulation, Armut, Zusammenbrüchen und negativen Auswirkungen auf die gesamte Realwirtschaft (wie spekulative Preissprünge) und die Kulturen als Ganzes. 

Felber beginnt bei seiner Analyse bei dieser Situation, wo Geld nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck geworden ist.   

„Geld kann nur Tauschwerte zum Ausdruck bringen, aber keine Nutzwerte. Menschen benötigen jedoch letztendlich ausschließlich Nutzwerte. Ein Tauschwert kann mich weder wärmen noch ernähren, noch umarmen. Dazu brauche ich Nahrung, Kleidung, Wohnung, Beziehungen, intakte Ökosysteme: Nutzwerte.“ (36)

„Die Menschen leben vom Arbeitseinkommen, nicht von Kapitaleinkommen.“ (70)

Er möchte, dass Geld auf seine eigentliche Funktion als Mittel zur Unterstützung der Austauschbeziehungen zwischen Menschen zurückgeführt wird, und schlägt entsprechend weitreichende Maßnahmen vor:   

„Geld als Kredit soll zu einem öffentlichen Gut und die Finanzmärkte geschlossen werden.“ (70)

Folgerichtig spricht sich Felber auch gegen den Zins und damit das „Vermieten“ von Geld aus:

„… warum ich aus drei Hauptgründen für die gänzliche Abschaffung von Zinsen bin a) 90% sind Verlierer, weil sie mehr Kreditzinsen zahlen als Sparzinsen erhalten;

b) weil Kapitaleinkommen jeder Art einen Wachstumszwang auslösen;

c) mathematisch sind Zinsansprüche ab einem gewissen Verhältnis zwischen Finanzvermögen und BIP nicht mehr einlösbar.“ (74)

Zu dem erwähnten durch einen Geldzins ausgelösten „Wachstumszwang“ ein konkretes Eigenbeispiel: Mit der Rechnung für die Holzpelletslieferung (der Preis für die Tonne war im Jahresvergleich um 15% gestiegen!) flatterte ein Angebot für den Einstieg in einen Holzfonds ins Haus, mit einem Renditeversprechen von „bis zu 13%“. Der Zusammenhang zwischen meiner gestiegenen Pelletsrechnung und diesem Angebot (an viele Haushalte) ist nicht schwer herzustellen: Wenn eine Rendite dieser Größenordnung erwirtschaftet werden soll, dann kann das nur vorrangig über den Preis gehen. Es entsteht so auf Dauer ein uneinlösbarer Zwang zu immer mehr Wachstum in einer endlichen materiellen Welt[18].

Kredite sind weiterhin möglich, jedoch steht einmal mehr der Sinn und Zweck der damit finanzierten Vorhaben im Mittelpunkt:

„Kreditansuchen werden nicht mehr ausschließlich auf ihre ökonomische Rentabilität geprüft, sondern auch auf ihren sozialen und ökologischen Mehrwert ... Damit wirkt der Finanzmarkt endlich auch als Steuerungsinstrument für eine sozial und ökologisch nachhaltige Entwicklung. ‚Ethisches Investieren‘ wird zum gesetzlichen Standard.“ (75)

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-- Demokratie (Weiterentwicklung) und Politik 119

Im Sinne eines „mehr Demokratie wagen“ (Willy Brandt) möchte Christian Felber auch die Demokratie weiterentwickeln. Er stellt sich eine „Drei-Säulen-Demokratie“ (139) vor und ergänzt die derzeit vorherrschende repräsentative Demokratie um die Säulen von direkter und partizipatorischer Demokratie. Hierfür dient ihm die Schweiz als ein Vorbild.

Dieses Mehr an Demokratie bedeutet für Felber, dass „der Souverän“

  • Regierungen direkt wählen und abwählen kann;
  • das Parlament mit eigenen Gesetzesvorhaben korrigieren kann;
  • selbst Gesetze zur Abstimmung bringen kann;
  • die Verfassung aus eigener Initiative ändern kann;
  • einen Konvent direkt wählen kann. (122)

Dem stehen jedoch eine Reihe von „Mythen“ gegen mehr direkte Demokratie entgegen, auf die Felber eingeht. (126f)

  1. Wir haben doch die repräsentative Demokratie („direkte Demokratie [will] die repräsentative nicht ersetzen, sondern vielmehr produktiver machen).“
  2. Das Volk kann die Regierung ja abwählen („Die Demokratie wird um vieles effizienter und befriedigender, wenn das Volk zwischen den Wahlen nicht entmündigt und machtlos ist, sondern eigeninitiativ mitgestalten kann“).
  3. Das Volk ist zu ungebildet („Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die gesellschaftlichen Eliten über ein überdurchschnittliches Maß an Herzensbildung verfügen. Und ein starker Intellekt garantiert für nichts)[19].“
  4. Die Entscheidungen sind zu komplex („Parlamentswahlen – die Wahl von Parteien – sind die komplexesten Entscheidungen überhaupt [„dicke Bündel von Wahlversprechen“], und die wird den WählerInnen direkt zugemutet).“
  5. Dann kommen die Hetz-Populisten („Das ist keine Besonderheit der direkten Demokratie. Um des Hetz-Populismus Herr zu werden, bedarf es anderer Wege als der Ablehnung direkter Demokratie“).
  6. Die Kronenzeitung [entspricht in Deutschland der BILD Zeitung] würde zur De-facto-Regierung („Dieses ist kein Argument gegen direkte Demokratie (weltweit), sondern für ein österreichisches Mediengesetz, das Machtkonzentration verhindert.“[20]  
  7. Dann kommt ja die Todesstrafe („… wer bewahrt uns davor, dass eine gewählte Regierung die Todesstrafe oder Folter wiedereinführt?“).

Dass es ab einer bestimmten Größe von Gemeinschaft einer Art von Repräsentation braucht, und nicht alles von der Basis gesteuert werden kann, macht Felber deutlich: 

„Die Basisdemokratie findet ihre Grenze an der Zahl der Mitglieder der Demokratie.“ (124)

Ein weiteres wesentliches Regulativ für Demokratien allgemein sieht Felber in der Festschreibung von unveräußerlichen und auch nicht mehr veränderbaren Grundwerten in einer Verfassung.

„Alle zeitgemäßen Initiativen für direkte Demokratie fordern deshalb, dass weder schon erstrittene Grund-, Menschen- und Minderheitsrechte durch direkte Demokratie infrage gestellt werden dürfen (genauso wenig wie durch indirekte) noch die Demokratie selbst.“ (129)

Dies entspricht der „Ewigkeitsklausel“ im Art. 79 Abs. 3 des Deutschen Grundgesetzes (GG), nach der bestimmte Verfassungsprinzipien auf ewig einer Verfassungsänderung entzogen sein sollen.

Hierzu ein Auszug aus Wikipedia (vom 2.7.3013): 

„Die Ewigkeitsklausel Artikel 79 Abs. 3 GG lautet:

„Eine Änderung dieses Grundgesetzes, durch welche die Gliederung des Bundes in Länder, die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung oder die in den Artikeln 1 und 20 niedergelegten Grundsätze berührt werden, ist unzulässig.“

„Mit dieser Regelung wollte der Parlamentarische Rat den Erfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus begegnen und naturrechtliche Grundsätze in Form der Menschenwürde (vgl. Artikel 1 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland) sowie der Strukturprinzipien in Artikel 20 (Republik, Demokratie, Bundesstaat, Rechtsstaat und Sozialstaat) mit einer zusätzlichen Sicherung versehen. Durch diese Ewigkeitsklausel ergibt sich selbst innerhalb des Grundgesetzes eine Normenhierarchie. Bis zu einer Ersetzung des Grundgesetzes durch eine andere Verfassung (Art. 146 GG)[1] kann die Ewigkeitsklausel nach heute herrschender Meinung nicht aufgehoben werden. Die Bezeichnung Ewigkeitsklausel selbst steht nicht im Grundgesetz, sondern gehört eher der juristischen Umgangssprache an.“

Aus integraler Perspektive fällt auf, dass das, was in der Rechtsphilosophie als „Naturrecht“ bezeichnet wird, als etwas womit der Mensch „von Natur aus“ ausgestattet ist (unabhängig von Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, Religion …) ein Ergebnis von Entwicklung ist. Erst ein weltzentrisches Bewusstsein erkennt allgemeine Menschenrechte. Damit gehören die Naturrechte auch der Welt der Formen an, und können damit nicht „ewig“ sein, (auch wenn es natürlich Sinn macht sie festzuschreiben, weil es sich um kostbare menschliche und zivilisatorische Errungenschaften handelt, und um Rückfälle zu verhindern).

Die Notwendigkeit der Weiterentwicklung von Demokratie sieht Felber auch für Firmen.

„Deshalb sollten große Unternehmen in dem Maße, in dem sie größer werden, demokratisiert und die Mitbestimmung der Gesellschaft ausgeweitet werden.“ (87)

„Durch das Zusammenwirken von Konsumentscheidungen, rechtlichen Vorteilen, der Präferenz ‚erfolgreicher‘ Zulieferbetriebe und GeldgeberInnen sowie der Gemeinwohl-Prüfung von Banken bei der Kreditvergabe entsteht eine mächtige Anreiz- und Aufschaukelungsspirale in Richtung Gemeinwohl. Die Gesellschaft erreicht in der Wirtschaft endlich ihre Ziele.“ (48)

Doch letztendlich ist Demokratie als Form und Prozess auch wieder nur ein Mittel zur Verwirklichung der Menschenwürde.

„Mein Argument ist: Die Demokratie, egal ob direkte oder indirekte, ist nur ein Mittel. Die Gleichheit aller Menschen, ihr gleicher Wert – die Würde – ist der Zweck.“ (129)

Als einen konkreten Schritt in Richtung auf eine neue, und demokratischere Wirtschaftsverfassung fordert Felber die „Wahl eines Wirtschaftskonvents“.

„Ein demokratischer Wirtschaftskonvent soll mehrere mögliche Grenzen für die Ungleichheit bei den Einkommen ausarbeiten, zum Beispiel das Sieben-, Zehn-, Zwölf- oder Zwanzigfache.“ (84) 

Den Bedenken, dass durch die Gemeinwohl-Ökonomie ein neuer Super-Staat entsteht, ein „Leviathan-Staat“, begegnet Felber wie folgt: 

„Die Gemeinwohl-Bilanz steuert das Unternehmen, ohne eine zusätzliche Regelungsorgie auszulösen.“ (49)

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-- Erziehung und Bildung (114)

Ein weiterer indirekter Hinweis auf die Bedeutung des Themas „Entwicklung“ ist der Vorschlag einer inhaltlichen Neuausrichtung des Erziehungs- und Bildungssystems von Christian Felber. 

„Deshalb schlage ich sechs Basisinhalte für alle Schulstufen vor, die mir allesamt wichtiger erscheinen als die meisten der gegenwärtigen Unterrichtsfächer: Gefühlskunde, Wertekunde, Kommunikationskunde, Demokratiekunde, Naturerfahrungskunde und Körpersensibilisierung.“ (114)

Nimmt man eine Verortung nach den vier Quadranten (siehe Teil 1) vor, wird a) deutlich dass das gegenwärtige Bildungssystem mit Fächern wie Physik, Chemie, Biologie die Perspektive des oberen rechten Quadranten favorisiert, und dass b) Felber die anderen Quadranten, vor allem des linksseitigen inneren Quadranten, ins Spiel bringt.

Das Ziel einer Pädagogik aus einer Perspektive des oberen linken Quadranten könnte man mit „innerpsychischer Kompetenz“ beschreien, als die Kompetenz des Entdeckens und Umgehens mit den eigenen Bewusstseinsinhalten, Bewusstseinsstrukturen und Bewusstseinsdynamiken. Dazu passen die von Felber vorgeschlagenen Basisinhalte „Gefühlskunde“, „Körpersensibilisierung“ und „Naturerfahrung“.

Das Ziel einer Pädagogik aus einer Perspektiver des unteren linken Quadranten wäre demgegenüber eine „zwischenmenschliche Kompetenz“, und dazu passen Fächerinhalte wie „Wertekunde“, „Kommunikationskunde“ und Demokratiekunde, Letztere auch mit einem Schwerpunkt im unteren rechten Quadranten, als der institutionellen Verankerung von Demokratie.

In Qualitätsrahmen für Schulentwicklung bundes – und europaweit werden die beiden o.g. Bereiche oft mit Selbstkompetenz und Persönlichkeitsentwicklung (OL) und Soziale Kompetenz (OL) bezeichnet, die gemeinsam mit der Fach- und Methodenkompentenz (OR und UR) in etwa den vier Quadranten entsprechen. Allerdings kommen trotz dieser in der Erziehungswissenschaft nicht umstrittenen ganzheitlichen Orientierung im Schulalltag die linken inneren Quadranten viel zu kurz.

Ein integral informiertes Bildungssystem würde neben diesen beiden Schwerpunkten weiterhin auch die Sachkenntnisse fördern, in den erwähnten klassischen Fächern des oberen rechten Quadranten, aber auch im Hinblick auf systemische Zusammenhänge der Perspektiven des unteren rechten Quadranten (Ökologie, Geografie, Wirtschaft).

Letztendlich geht es, wie Felber schreibt, um die Frage:

„Erfahren sie, was die Welt im Innersten zusammenhält, oder werden sie mit zusammenhanglosem Detailwissen vollgestopft?“ (135)

Die Beantwortung dieser Frage hängt einmal mehr von dem Weltbild dessen ab, der sie beantwortet, und hierzu liefert die integrale Theorie und Praxis wesentliche Beiträge.

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-- Realisierung

Wie lässt sich eine so tiefgreifende Reform, wie Felber sie vorschlägt, realisieren? Hier spielt die im ersten Teil erwähnte Entwicklungsdynamik von Transzendieren und Bewahren eine große Rolle. Neben dem, was zu ändern wäre, gilt es ebenso hervorzuheben und zu würdigen, was bereits existiert und beibehalten werden muss, damit das Neue darauf aufbauen kann. Dazu gibt Felber eine Reihe von Hinweisen, so z. B. den, dass bereits heute schon eine Reihe staatlicher Kontrollmechanismen etabliert sind, die im Sinne einer Gemeinwohl-Ökonomie ohne eine Bürokratieerweiterung weiterentwickelt werden können.

„Die staatlichen Kontrollen würden gegenüber heute nicht zunehmen. Die Mindeststandards gibt es heute schon in vielen Bereichen: AmtsärztInnen, ArbeitsinspektorInnen, WirtschaftsprüferInnen, Steuerbeamte und Umweltbehörden prüfen die Einhaltung der Gesetze durch die Unternehmen.“ (179)

Weiterhin ist der Zeitaspekt wichtig. Veränderungen brauchen Zeit und „Übergangsphasen“, vor allem im Bereich des Bewusstseins, auch wenn die Probleme drängen. Weitreichende Einschränkungen des Eigentumsrechtes, wie Felber sie vorsieht, werden eine Zeit der Diskussion benötigen, wohingegen unmittelbar einsichtige Vorhaben wie das Erstellen einer Gemeinwohl-Bilanz relativ kurzfristig – ja eigentlich sofort – gemacht werden können und auch gemacht werden. Aus den unteren Quadranten des Quadranten Modells ergibt sich die Zweiseitigkeit aller Reformvorhaben – sichtbare strukturelle und funktionale Veränderungen auf der Außenseite und unsichtbare Veränderungen auf der kulturellen Bewusstseinsseite. Beides hängt wechselseitig miteinander zusammen.

Sehr ermutigend sind bereits existierende Beispiele und Vorbilder von Organisationen, die bereits in Richtung einer Gemeinwohl-Ökonomie wirtschaften, von denen Felber ab S.140 im Buch einige aufzählt. 

Dem Argument, dass eine derartige Reform entweder nur von allen gleichzeitig oder gar nicht durchgeführt werden kann, begegnet Felber mit der Pionierinitiative, die bisher alle Reformen angeschoben hat, und mit dem Hinweis, dass eine Gemeinwohl-Ökonomie, um überleben zu können, zuerst eine Schutzraum gegenüber dem „Freihandel“ braucht.

„Ist eine Gemeinwohl-Ökonomie global wettbewerbsfähig? Gemessen an ihren (nichtmonetären) Erfolgsindikatoren: ja, gemessen an den gegenwärtigen (monetären) Erfolgsindikatoren: nein. Freihandel wäre eine Bedrohung einer ‚einzelnen‘ Gemeinwohl-Ökonomie.“ (187)

„Und selbst wenn nicht alle Länder mitgehen, könnte die EU mit einer Staatengruppe von Gemeinwohl-Willigen beginnen: mit einer Gemeinwohl-Zone. Diese wäre eine Fair-Trade Zone, die sich auf gemeinsame soziale, ökologische und steuerrechtliche Regeln einigt. Und sich vor Ländern, in denen diese Regulierungen nicht gelten, schützt. Das ist ein völlig legitimer Schutz: Es ist Verfassungsschutz!“ (187)

Und noch einmal betont er, dass man von echter Freiheit, wie sie auch von einem Freihandel vorausgesetzt wird, erst bei Chancengleichheit sprechen kann, die es erst noch herzustellen gilt.

„Freihandel ist Gesetzes- und Verfassungsbruch, wenn die miteinander Handelnden nicht die gleichen Voraussetzungen mitbringen und sich nicht auf einen gemeinsamen Rahmen für den Markt einigen. Genau das schlägt die Gemeinwohl-Ökonomie vor: freier Handel zwischen Gleichen – Ländern mit gleichen Standards – und Schutz vor Dumping aus Ländern mit geringeren Standards.“ (187)

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ZUSAMMENFASSUNG zur Gemeinwohl-Ökonomie

Die nachfolgende Aufstellung fasst die Kernanalysen, Kernforderungen und die Kernregelungen der Gemeinwohl-Ökonomie zusammen.

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-- Kernanalysen
  • Wirtschaft ist sinn-los verfasst. Zentrale Verfassungswerte (Vertrauen, Wertschätzung, Kooperation, Gerechtigkeit, Solidarität, Teilen) finden sich nicht im Wirtschafts­geschehen wieder, und dies ist ein gravierender gesellschaftlicher Wertewiderspruch.
  • Dadurch entsteht eine Verwechselung von Nutzwert (Qualität) und Tauschwert (Quantität).
  • Machtkonzentration und Abhängigkeiten bewirken individuelle Freiheitsbeschränkung und stehen damit dem liberalen Ideal der Befreiung des Menschen entgegen. Gleichzeitig wird damit Demokratie ausgehebelt.
  • Eine falsche Anreizstruktur von Gewinn und Konkurrenz fördert den Egoismus. In Kombination mit einem wertfreien „freien Markt“ setzen sich meist die Rücksichts­losen und Skrupellosen durch.
  • Eine weitgehend uneingeschränkte Eigentumsgarantie und ein „feudales“ Erbrecht sorgen für eine positive Rückkoppelung in dem Sinn, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.
  • Die meisten Menschen heute sind, bedingt durch gesellschaftliche Gegebenheiten, nicht intrinsisch (von innen heraus) motiviert. Sie spüren sich selbst kaum und daher auch kaum andere und die Natur.
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-- Kernforderungen
  • Gewinne sind lediglich Mittel zum Zweck (um einen größtmöglichen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten) und nicht (mehr) Selbstzweck.
  • Eine werteorientierte Umpolung des derzeitigen rein materiellen Anreizrahmens.
  • Es braucht eine Neudefinition von wirtschaftlichem Erfolg (nicht mehr nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ und am Gemeinwohl ausgerichtet).
  • Lebensqualitätsindikatoren ergänzen reine Quantitätsmessungen wie das Bruttosozial­produkt.
  • Eigentum und Verantwortung gehören zusammen (Reform der Aktiengesellschaften).
  • Geld bleibt Tauschmittel und persönliches Kapital, wird jedoch als Kredit in anderen Unternehmen ein öffentliches Gut (als ein Teil der öffentlichen Infrastruktur).
  • Kooperation ersetzt Kon(tra)kurrenz.
  • Entkoppelung der Renten von den Finanzmärkten.
  • Globale Weltwährungskooperation, Einführung einer Weltrechnungseinheit („Globo“).
  • Etablierung einer negativen Rückkoppelung und Umverteilung, um den negativen Auswirkungen der positiven Rückkoppelung zu begegnen.
  • Ein Daseinsvorsorge-Konvent definiert diejenigen Wirtschaftsbereiche, welche einem öffentlichen Gemeinwohl-Sektor angehören, und bestimmt die Spielregeln für ihre Organisation. (102)
  • Die Abhaltung von Wirtschafts- Daseinsvorsorge- und Bildungskonvente, (um die wirtschaftliche Grundversorgung unter die Kontrolle des Souveräns stellen).
  • Eine Entflechtung von medialer, ökonomischer und politischer Macht. Auf einem abzuhaltenden Demokratriekonvent werden die Spielregeln für die Demokratie neu geschrieben.
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-- Kernregelungen der Gemeinwohlökonomie
  • Verankerung der Grundwerte: Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität und Teilen in allen gesellschaftlichen Bereichen. (190)
  • Umpolung des rechtlichen Anreizrahmens von Gewinn- und Konkurrenz- zu Gemeinwohlstreben. (190)
  • Messung des wirtschaftlichen Erfolges mit nicht-monetären Nutzwertindikatoren (anstatt monetären Tauschwertindikatoren). (191)
  • Rechtliche Steuerung: Gute Gemeinwohl-Bilanzen bringen rechtliche Vorteile, schlechte bringen rechtliche Nachteile. (191)
  • Verbindliche Aufstellung von Gemeinwohlbilanzen (für Individuen, Unternehmen, Körperschaften wie Gemeinden, Volkswirtschaften).
  • Gemeinwohlaudit und Gemeinwohlprüfung.
  • Gewinnsteuerung (Regeln mit Ge- und Verboten für Gewinnverwendung nach Gemeinwohlkriterien).
  • Einführung gesetzlicher Mindest- und Maximallöhne.
  • Für Einkommen gelten Ober- und Untergrenzen.
  • Bankenregulierung (Banken schütten keine Gewinne mehr aus und bezahlen keine Sparzinsen).
  • Börsenregulierung (Unternehmensanteile können nicht mehr frei gehandelt werden).
  • Erbrechtsreform mit Beschränkungen der Testierfreiheit.
  • Verbot von Parteispenden durch Unternehmen.
  • Ein durch ein Grundeinkommen (gesetzlichen Mindestlohn) finanziertes „Freijahr“ für alle. (Reduziert Arbeitslosigkeit und bietet „Lebenschancen“). Das bedeutet 4 Karenz­jahre auf die Lebensarbeitszeit.
  • Arbeitslosen-, Notstands-, Sozialhilfe oder Hartz IV werden überflüssig.
  • „Bedingungsloses Solidaritätseinkommen“ als „letzter Rettungsanker“. 
  • Um die Funktion des Geldes als ein universelles Tauschmittel nachhaltig zu sichern werden die Finanzmärkte geschlossen (es gibt keine Fonds mehr, und auch keine Märkte – wie Börsen – auf denen Unternehmen gehandelt werden. Staatsanleihen geschehen ausschließlich durch die Zentralbank, Investmentbanking wird stark eingeschränkt, Rohstoffpreise werden demokratisch festgelegt, Wechselkurse werden „flexibel fixiert“ gegenüber einer Welthandelswährung (70).
  • Einführung maximaler Einkommensspreizungen; bei (demokratischen) Banken 1:3
  • Frauenquote („alle Gremien [der demokratischen Bank] bestehen zur Hälfte aus Frauen und Männern).“ (76)
  • Finanztransparenz: „Nur die steuerrelevanten Daten werden automatisch an die Finanzämter übermittelt (wie heute schon die Arbeitseinkommen)“. (77)
  • Zentralbank erhält das Geldschöpfungsmonopol (78). Zinsfreie Kreditbeschaffung der Staaten erfolgt nur dort, was zur Sanierung der Staatsfinanzen führt.
  • Einschränkungen des Eigentumsrechts: a) relative Begrenzung der Einkommensungleichheit (Extrembeispiel USA 1: 350.000); b) Begrenzung des Rechts auf Aneignung von Privatvermögen; c) Begrenzung der Größe von Unternehmensvermögen in Privatbesitz; d) Begrenzung des Erbrechts.
  • Mindestlohn, gebunden an einen „Gutes-Leben-Korb“, grober Richtwert 1250 Euro netto. 
  • Einkommens- und Vermögensungleichheiten werden in demokratischer Diskussion und Entscheidung begrenzt. (192)
  • Einführung demokratischer Allmenden als dritte Eigentumskategorie (Bildung, Gesundheit, Soziales, Mobilität, Energie, Kommunikation, Daseinsvorsorge, Banken).
  • Kein Privateigentum an der Natur. (194)
  • Repräsentativer Demokratie wird ergänzt durch direkte und partizipative Demokratie. (195)
  • Neue Form von Schule und Bildung, neue Lehrpläne.
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ZUM SCHLUSS

Es ist ein langer Weg zurückgelegt worden, im Ringen der Menschheit um immer mehr individuelle Freiheit, soziale Gerechtigkeit und die Schaffung und Aufrechterhaltung nachhaltiger Lebenssysteme. Bis zum Mittelalter galt in den meisten Kulturen das kollektive Dogma der jeweils vorherrschenden Religion oder Herrschaft „von Gottes Gnaden“. Mit der Aufklärung begannen dann in Teilen der Welt individuelle Freiheiten und Freiräume zu erblühen, die bis dahin als breite gesellschaftliche Bewegungen nicht möglich waren. Mit der Industrialisierung wurden jedoch schnell die hässlichen Seiten einer unbegrenzten Wirt­schaftsherrschaft sichtbar durch die Industriebarone als dem neuen „Geldadel“, welcher oft rücksichtslos lediglich den eigenen Profit anstrebte auf Kosten derer, die ihn erwirtschafteten. Dies setzte, mit Menschen wie Marx und Engels, eine erste große soziale Gegenbewegung in Gang. Aufbauend auf einem Entwicklungsmodell mit den Stufen von

Kommunismus (klassenlose Gesellschaft)

Sozialismus

Kapitalismus

Feudalgesellschaft

Sklavengesellschaft

Stammesgesellschaft

wurde mit aller Macht daran gearbeitet, die noch nicht realisierten, aber in der vermuteten Logik der Geschichte angelegten Stufen des Sozialismus und Kommunismus zu realisieren. (Damals gab es noch keine entwicklungspsychologische Forschung wie heute!).

Das Ergebnis war katastrophal, vor allem weil diejenigen, welche sich an die Spitze dieser kollektiven Entwicklungen setzten, also Menschen wie Stalin und Mao Tse Tung, in ihrer eigenen Entwicklung ichbezogen und narzisstisch waren und in Schreckensherrschaften einen kollektiven Alptraum hervorriefen – von „Bewegungen“ wie dem Nationalsozialismus ganz abgesehen. Das „Proletarier aller Länder vereinigt euch“ war ein echter welt-zentrischer Anspruch, gedacht für alle Menschen unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Alter, Herkunft usw., doch gleichzeitig wurden alle Nicht-Proletarier dabei ausgeschlossen, und es oblag dem jeweiligen Herrscher zu bestimmen, wer in welche Kategorie gehörte und wie mit ihm oder ihr umzugehen sei.

Die Nachkriegsordnung, auch unter dem Eindruck der Kollektivkatastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts, verschob die Gewichte wieder hin zu mehr individuellen Freiheiten, und schuf ein weitegehend nicht-ideologisches wert-freies Wirtschaftssystem „freier“ Märkte, in dem naiven Glauben, dass dies für alle das Beste sei[21]. Heute wissen wir, dass dem nicht so ist, sondern dass durch eine Wirtschaft ohne Regeln und mit einen starken Eigentumsrecht individuelle Freiheiten für die allermeisten eingeschränkt werden, soziale Verantwortung der Einzelinitiative überlassen wird und systemische Nachhaltigkeit nur dort umgesetzt wird, wo sie wirtschaftlichen Interessen dient. Was wir daher brauchen, ist eine Erneuerung der Vision einer sozialen und gerechten Marktwirtschaft, ergänzt um das wichtige Element von Nachhaltigkeit.

1713, also genau vor 300 Jahren, erschien unter den Titel „Sylvicultura oeconomica“ ein Buch des sächsischen Oberberghauptmanns Hans Carl von Carlowitz, in dem er den heutigen Nachhaltigkeitsbegriff formuliert. Er tut dies im Hinblick auf die Holzwirtschaft seiner Zeit und kommt zu der so naheliegenden, aber keineswegs selbstverständlichen Einsicht, dass die „Consumtion des Holtzes“ nicht das überschreiten darf, was der „Wald-Raum zu zeugen und zu tragen vermag.“ Dies ist vor allem ökonomisch gedacht, und begrenzt kurzfristige Profitinteressen, um langfristige und nachhaltige Erträge erzielen zu können: Aus einem Wald darf nur so viel Holz herausgeschlagen werden wie nachwächst – und nicht mehr. An einer anderen Stelle im Buch spricht Carlowitz von einer „continuierlichen, beständigen und nachhaltigen“ Nutzung. Es kann und darf, mit anderen Worten, sich nicht jeder einfach nach Gutdünken im Wald bedienen, auch nicht der oder die Eigentümer, sondern es braucht die Regelungen einer Nachhaltigkeitswirtschaft, damit der Wald der gegenwärtigen wie auch allen zukünftigen Generationen zur Verfügung steht. (Und natürlich, das würden wir heute hinzufügen, haben die im Wald lebenden Lebewesen auch ein eigens Recht auf ihr Leben und ihren Wald).

Was für den Wald als ein natürliches lebenserhaltendes System gilt, gilt auch für alle anderen Systeme, seien sie natürlich oder als Artefakt künstlich geschaffen, wie das internationale Wirtschafts- Geld- und Finanzsystem. Es sorgt dafür, dass Menschen zum Leben ihrer Austauschbeziehungen – als Mittel zum Zweck – ein universelles Tauschmittel zur Verfügung haben. Damit dies so ist (und bleibt) braucht es klare Regeln und Absprachen für dieses – unser aller – System, so wie auch für den Wald. Die Finanzkrise zeigt überdeutlich, wohin ein Mangel an Regulierung führt, und selbst Politiker, die sich bisher für den „freien Markt“ eingesetzt haben, sehen dies mittlerweile ein. Doch es geht nicht nur um Funktionalität bei alledem, sondern um Bewusstsein, Sinn und Wert.

Eine Gemeinwohl-Ökonomie, die

  • individuelle Freiheit und Einzigartigkeit respektiert und fördert,
  • die ab einer gewissen und gesellschaftlich zu bestimmenden Größe bei Einkommen und Einfluss regelnd eingreift und Eigentum und Einfluss begrenzt und auf demokratische Verfahren zurückführt, und die
  • durch eine demokratische Allmende dafür Sorge trägt, dass die systemischen Rahmenbedingungen, denen wir alle unsere Existenz verdanken, erhalten bleiben, nachhaltig bewirtschaftet und weiterentwickelt werden,
  • sich auf eine wissenschaftsbegründete Entwicklungspsychologie stützt und
  • Subjektivität (Ich), Intersubjektivität (Wir) und Objektivität (Es) als gleichwertige Perspektiven auf eine Situation betrachtet

kann dabei zum nächsten Schritt und zu einer realen Utopie der Menschheit werden, auf ihrem Weg zu mehr individueller Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und nachhaltigen Systemen.

Die integrale Theorie und Praxis kann dabei eine notwendige Unterstützung und Orientierung liefern.

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ANHANG: Visionen

Christian Felber (aus dem Buch Gemeinwohl-Ökonomie, S. 189)

„Wenn Flüsse, Seen, Wälder und Felder wieder Erholungswert bieten; wenn die Wohnungen und Häuser infolge guter Dämmung, natürlicher Materialien und intelligenter Bauweise kein Öl und Gas benötigen (und die reichen Länder keine Ressourcenkriege führen); wenn die Möbel nach Naturholz duften und Augen wie bloßen Füssen schmeicheln; wenn die Lebensmittel nähren und mit Energie erfüllen; wenn alle wichtigen Tagesziele zu Fuß oder mit komfortablem öffentlichen Verkehr erreichbar sind; wenn das Arbeitsklima stressfrei, entspannt und wertschätzend ist; wenn die Armut und das Betteln von den öffentlichen Straßen und Plätzen verschwindet, weil alle im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben mit gleichen Chancen und Rechten integriert sind; und wenn alle wissen, dass ihr Lebensstil Menschen in anderen Ländern der Erde und zukünftigen Generationen keine Existenz- und Entwicklungschancen raubt; dann lebt es sich schlicht und ergreifend besser!“ (189) 

 

Ken Wilber: Das Nirmanakaya-Zeitalter

Unter der Kapitelüberschrift Vor uns: die Zukunft beschreibt Ken Wilber im dem 1981 im amerikanischen Original seine Vision einer zukünftigen Gesellschaft (aus: Halbzeit der Evolution, Goldmann Verlag, S. 373).

Das Nirmanakaya-Zeitalter wird eine „Gesellschaft von Frauen und Männern mit sich bringen, die zu einem ersten flüchtigen Blick in die Transzendenz fähig sind. Sie werden beginnen, ihr gemeinsames Menschsein und ihre Brüderschaft/Schwestern­schaft besser zu verstehen; sie werden die ihnen durch die natürlichen körperlichen Unterschiede von Hautfarbe und Geschlecht mitgegebenen Rollen transzendieren; ihre mental-psychische Klarheit wird wachsen; sie werden Entscheidungen sowohl auf der Basis von Intuition als auch von Rationalität treffen; sie werden in jeder einzelnen Seele, ja, in der ganzen Schöpfung dasselbe Bewusstsein sehen und dementsprechend handeln; sie werden herausfinden, dass das mental-psychische Bewusstsein die Körperphysiologie beeinflussen und umwandeln kann, und die medizinischen Theorien entsprechend anpassen; Männer und Frauen werden durch höhere Werte motiviert sein, was ihre wirtschaftlichen Bedürfnisse und die Wirtschaftstheorie drastisch verändern wird; sie werden psychisches Wachstum als evolutionäre Transzendenz begreifen und Methoden und Institutionen entwickeln, die nicht nur Gefühlskrankheiten heilen, sondern das Bewusstseinswachstum fördern; Erziehung wird als eine Disziplin zum Erreichen von Transzendenz betrachtet werden – vom Körper zum Geist zur Seele – weshalb man die Erziehungstheorie und die ihr dienenden Institutionen reformieren wird, mit besonderer Betonung der hierarchischen Entwicklung; man wird in der Technologie ein geeignetes Hilfsmittel zur Transzendenz und nicht nur einen Ersatz dafür sehen; Massenmedien und drahtlose Telekommunikation sowie neuartige Verbindungen zwischen Menschen und Computer werden als Vehikel eines vereinigenden Bewusstseins genutzt werden.

Das Weltall wird nicht nur als lebloses Ding ‚da draußen‘ gelten, sondern auch als Projektion der inneren oder psychischen Räume, und wird entsprechend erkundet werden. Der Mensch wird geeignete Technologien benutzen, um die Austausch­vorgänge auf der materiellen Ebene von chronischer Unterdrückung zu befreien; Sexualität wird nicht nur ein Spiel mit dem Fortpflanzungs- und Geschlechtstrieb sein, sondern die Ausgangsbasis für Kundalini-Sublimierung zum Eintritt in psychische Sphären – was zu einer entsprechenden Anpassung der Ehepraktiken führen wird. Die Menschheit wird kulturell/nationale Unterschiede als absolut akzeptabel und wünschenswert ansehen, diese Unterschiede jedoch vor dem Hintergrund eines universalen und gemeinsamen Bewusstseins sehen und daher radikalen Isolationismus oder Imperialismus als verbrecherisch betrachten. Die Menschheit wird ferner alle Menschen als eins im GEIST ansehen, allerdings nur potentiell als eins im GEIST, und daher jedem Individuum Anreize geben, diesen GEIST hierarchisch zu aktualisieren, wodurch sinnlose und unverdiente ‚Ansprüche‘ begrenzt werden. Sie wird die tranzendente Einheit der Dharmakaya-Religionen erkennen und daher alle echten religiösen Präferenzen respektieren, sektiererische Behauptungen, über den ‚einzig richtigen Weg‘ zu verfügen, aber verurteilen; der Mensch wird erkennen, dass Politiker, wenn sie alle Aspekte des Lebens verwalten wollen, auch ihr Verständnis für und ihre Beherrschung aller Aspekte des Lebens demonstrieren müssen – vom Körper zur Seele zum GEIST.“

 


[1] Dabei beziehe ich mich auf das Buch Gemeinwohl-Ökonomie von Christian Felber, aktualisierte und erweiterte Neuausgabe 2012. Die Zitate im Text beziehen sich, sofern nicht anders angegeben, alle auf dieses Buch (mit Seitenangaben in Klammern).

[2] Dabei handelt es sich immer um meine Interpretation und Auslegung der integralen Theorie, auch wenn ich der Einfachheit halber Formulierungen wie „die integrale Theorie …“ verwende.

[3] Die Quadranten werden im Text wie folgt abgekürzt: OL = oberer linker Quadrant (individuell/innerlich), OR = oberer rechter Quadrant (individuell äußerlich), UL = unterer linker Quadrant (kollektiv innerlich), UR = unterer rechter Quadrant (kollektiv äußerlich). . .

[4] Ausgabe 25 vom Juni 2013.

[5] Für eine detaillierte Diskussion zu diesem Thema siehe Ken Wilbers Excerpt C. http://integrallife.com/integral-post/ways-we-are-together.

[6] Eine gute Einführung in verschiedene Modelle menschlicher Entwicklung vermittelt das Buch Entwicklungstheorien von August Flammer.

[7] http://www.integralworld.net/mgm2.html

[8] In diesem Modell wurden den Entwicklungsstufen Farben zugeordnet wie folgt: rot = egozentrisch, blau = traditionell, orange = modern, grün = postmodern.

[9] So in Wilbers Werk Eros Kosmos Logos [A. d. Ü.:]

[10] Für eine Zusammenfassung dieses Modells siehe Michael Habecker: Ken Wilber – die integrale (R)evolution, 2. Erweiterte Auflage S. 81 f.

[11] Mit Kósmos bezeichnet Wilber eine bewusstes, mit Innerlichkeit ausgestattetes Universum, und nicht nur die äußerliche Form von Manifestation (Kosmos). 

[12] Ken Wilber, Eros Kosmos Logos S. 599.

[13] Sounds true, Kosmic Counsciousness, CD 9.

[14] Vgl. hierzu auch die Vorstellung der „Drei Gesichter Gottes“ im Buch Integrale Spiritualität von Ken Wilber.

[15] im selben Augenblick, gleichzeitig; b. in gleicher Weise; ebenso, auch (Duden http://www.duden.de/suchen/dudenonline/zugleich, 24.6.2013)

[16] Siehe hierzu das Kursangebot von coreintegral, http://www.coreintegral.com/programs/courses, insbesondere der Kurs advanced integral.

[17] In diesen Zusammenhang gehört der Begriff der „Systemrelevanz“. Wenn ein System zusammenzubrechen droht beim Ausfall einer seiner Komponenten, dann ist diese Komponente „systemrelevant“. Vor diesem Hintergrund ist die „Rettung“ systemrelevanter Unternehmen zur Bewahrung eines Systems vor dem Zusammenbruch nachvollziehbar. Eine andere Frage dabei ist natürlich die, ob das System, das gerettet werden soll, in seiner bestehenden Form sinnvoll ist.

[18] Dies betrifft die Warenmärkte, jedoch weniger die Dienstleistungsmärkte. Was das Angebot von Dienstleitungen angeht, gibt es, da diese überwiegend geistiger Natur sind, praktisch unbegrenzte Möglichkeiten in Form von immer neuen Dienstleistungsideen. 

[19] Dies ist ein wichtiger Hinweis auf das, was Ken Wilber mit Entwicklungslinien bezeichnet, die unterschiedlich weit entwickelt sein können innerhalb des „Psychogramms“ eines Menschen. Um erfolgreich PolitikerIn sein zu können braucht es sicher ein hohes Maß an Intelligenz und kognitivem Intellekt. Doch die Werteentwicklung und emotionale Intelligenz („Herzensbildung“) „steht auf einem anderen Blatt“ bzw. gehört zu einer anderen Entwicklungslinie.

[20] Diese Argumentation eines „Regierens der unteren Entwicklungsstufen“ bei einer 100% direkten Demokratie finden wir auch bei Wilber.

[21] Auch im Hinblick auf das Internet gibt es aktuell radikal-liberale Bewegungen, die sich für seine uneingeschränkte Freiheit einsetzen und gegen jegliche Regulierung/Kontrolle sind.


Quelle: Online Journal Ausgabe 42, 2013