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20.10.2017 : 12:45 : +0200

Die Postwachstumsökonomie von Niko Paech

 

von Michael Habecker

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Einleitung

Die Postwachstumsökonomie (PWÖ), als ein „Wirtschaftssystem, das zur Versorgung des menschlichen Bedarfs nicht auf Wirtschaftswachstum angewiesen ist, sondern sich durch Wachstumsrücknahme auszeichnet“[1], ist ein Modell, das einem der verbreitetsten individuellen und kollektiven wirtschaftlichen Glaubenssätze widerspricht, dem „Mythos“ vom stetigem Wirtschaftswachstum als einem Garanten für Wohlstand. Inwieweit man selbst daran glaubt, lässt sich „phänomenologisch“ leicht selbst überprüfen beim Hören von Nachrichtenmeldungen wie „die Talsohle ist durchschritten, die Wirtschaft wächst wieder“, oder „die jüngsten Prognosen zeichnen ein eher pessimistisches Bild einer zurückgehenden Konsumentennachfrage für die Wirtschaft.“

 

Wie wirken diese Nachrichten auf Sie?

Nach der Postwachstumsökonomie sind Nachrichten vom Wirtschaftswachstum in Industrieländern eher schlechte Nachrichten, Nachrichten hingegen von einem Rückgang (oder Rückbau) industriellen Outputs (und Ressourcen- und Energieverbrauchs) sind gute Nachrichten – und damit steht diese Ökonomie den allgemeinen gesellschaftlichen Vorstellungen (und auch denen großer Teile der Wirtschaftswissenschaften) diametral entgegengesetzt. 

Die PWÖ kommt, bezogen auf das Quadrantenmodell Ken Wilbers, aus der kollektiv-systemischen Perspektive des unteren rechten Quadranten, (Niko Paech ist Volkswirtschaftler), doch sie beschränkt sich nicht darauf, sondern stellt Bezüge her sowohl zum Kulturellen (der untere linke Quadrant) wie auch zum individuellen Bewusstsein und Verhalten (die oberen Quadranten). Damit stellt sie ein Pendant dar zur Gemeinwohlökonomie, die ihren Ausgangspunkt in der Perspektive des unteren linken Quadranten hat (mit Blick auf Gemeinwohl und Gerechtigkeit), von dort aus aber auch „alle Quadranten“ als Seins- und Lebensbereiche berücksichtigt. (Siehe hierzu auch die ausführliche Besprechung der Gemeinwohlökonomie in der Ausgabe Nr 42 des Online Journals und http://integralesleben.org/if-home/il-integrales-leben/anwendungen/wirtschaft/die-gemeinwohl-oekonomie/).

Paech greift die seit Beginn des ökologischen Denkens verbreiteten Begriffe wie „Ressourcenverknappung“ und „ökologische Plünderung[2]“ neu auf. Doch im Unterschied zu vielen anderen, auch grünen Fortschritts- und Wachstumsoptimisten, ist Paech davon überzeugt, dass wir ohne einen erheblichen „Rückbau“ unseres Wirtschaftssystems, eine Einschränkung unseres Konsums und eine grundlegende Therapie unserer „chronischen Wachstumsabhängigkeit“ einen wirtschaftlichen, ökologischen und damit einhergehenden kulturellen Zusammenbruch erleben werden. Diesen Rückbau versteht Paech nicht als einen Verzicht, sondern als eine Kunst der Reduktion, d. h. „kein Unterfangen des zusätzlichen Bewirkens, sondern kreatives Unterlassen“.

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Eine Welt

Es wird oft gesagt, wir leben in einer Welt und einem „globalen Dorf“, doch was das genau bedeutet, zeigen uns erst die Systemwissenschaften. Bezogen auf die Weltwirtschaft erkennen wir immer mehr, worauf unser Wohlstand in den „entwickelten“ Ländern wirklich beruht und die unangenehme Nachricht dabei ist, dass wir unser „gutes Leben“ auch auf Kosten von Ressourcenerschöpfung, Umweltzerstörung und sozialer Ungerechtigkeit und Ausbeutung in anderen Teilen der Welt leben. Dies lässt sich, so die zentrale Aussage Paechs, nicht durch ein Mehr an Fair Trade und regenerativen Energien lösen, sondern in erster Linie durch eine deutliche Reduktion unseres materiellen Wohlstandsniveaus im Hinblick auf industrielle Produktion und Konsum.

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Arbeitsteilung, Fortschritt und Effizienz

Seit dem Beginn der Industrialisierung hat die Ökonomie einen beispiellosen Siegeszug um die Welt angetreten – die Welt ist heute bis in die entlegensten Ecken durch und durch ökonomisiert. Die Börsennachrichten sind zu einem festen und täglichen Nachrichtenbestanteil geworden und ein Wirtschaftsministerium hat so gut wie jede Regierung. Das hat auch einen guten Grund. Schließlich braucht jeder Mensch Güter und Leistungen zum Überleben und Wirtschaft hat auch diesbezüglich viel Gutes bewirkt und tut dies weiterhin. Doch wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, so Paech, wo ein „immer mehr“ und „immer weiter“ weit mehr Schaden als Nutzen bringt und in den Negativauswirkungen existentielle Ausmaße angenommen hat.

Die industrielle Arbeitsteilung, die am Beginn der industriellen Massenproduktion steht, bewirkt eine Spezialisierung der Arbeit, steigert dadurch die Produktion und senkt die Kosten. Dadurch entstehen arbeitsteilige Verflechtungen (als Beziehungen und Abhängigkeiten), die über Märkte koordiniert werden, in einer „Überwindung von Raum und Zeit“. Das Tauschmedium dieser Märkte ist Geld, oft in Form von Kredit. (Was geschieht, wenn man dabei den Bogen überspannt, zeigt uns die gegenwärtige Finanzkrise, die ebenfalls ein Ausdruck eines exzessiven „immer mehr“ ist). Das Hauptsteuerungsinstrument dieser globalen Bewegung von Material, Informationen und Menschen hin zu immer mehr Kostenreduktion und Produktoutput ist dabei ein materieller Effizienzbegriff, der sich in zwei Richtungen definieren lässt:

a) wie kann eine gegebene Produktionsmenge mit einem geringeren Produktionsmitteleinsatz (Material, Energie, Geld) produziert werden, bzw.

b) wie kann bei gleichem Produktionsmitteleinsatz die produzierte Menge erhöht werden?

Dies führt zu einer „räumlichen und zeitlichen Entgrenzung“ des Wirtschaftsgeschehens und zu dem, was wir heute als Weltwirtschaft erleben. Wir holen uns Coltan aus dem Kongo, Kohle aus Kolumbien[3], Erdgas aus Sibirien, forschen nach Erdöl in den Polarmeeren, fliegen Obst aus Neuseeland ein, investieren in die Förderung von Lithium in Bolivien und sichern uns Anbauflächen in den Urwäldern des Amazonas oder Indonesiens (für Soja und Palmöl).

Was bei all diesen Betrachtungen vor dem Hintergrund wirtschaftlich-ökonomischer Effizienz jedoch außer Acht gelassen wird, sind die verheerenden ökologischen wie auch kulturellen Schäden in anderen Teilen der Welt. Diese werden „externalisiert“, aber den Verursachern, also uns und unserem Wohlstand, nicht in Rechnung gestellt, jedenfalls nicht sofort und direkt. Hinzu kommt durch diese Internationalisierung des Handels eine ständige Erweiterung von Transportwegen, Logistikeinrichtungen, Lagerkapazitäten, Fertigungsanlagen, Energie- und Informationssystemen (als Neubau, Umbau, Vergrößerung, Verlagerung, Entsorgung). Auch die IT Innovationen finden nicht in einem virtuellen Raum statt, sondern hinterlassen massive ökologische Fußabdrücke durch Infrastruktur (wie Leitungen und Mobilfunk), Energieverbrauch und Elektroschrott. Dies gilt für alle Ökonomien und daher, so Paech, „ausdrücklich auch für die grüne Ökonomie“.

Der entscheidende Punkt dabei ist, dass bei dieser Wirtschaftsweise trotz Effizienzsteigerungen der Energie-, Flächen- und Ressourcenverbrauch immer weiter ansteigt. Damit werden auch die Fortschritte bei der regenerativen Energieerzeugung konterkariert, weil sie dem wachsenden Energiebedarf gewissermaßen „hinterherlaufen“ und ein Rückbau konventioneller Energieerzeugung nicht stattfindet, (sondern in Deutschland lediglich ein Umbau von Atom zu noch mehr Kohle).

Den wirklichen (und ehrlichen) Testfall für eine echte Effizienzsteigerung, die diesen Namen auch verdient, formuliert Paech wie folgt:

„was wäre wohl die Folge, wenn man Ernst machte mit den Versprechungen all der ‚Effizienzsteigerungen‘ und zu einem beliebigen Zeitpunkt einfach jeden weiteren Zuwachs des Ressourcendruchsatzes und Flächenverbrauchs stoppen würde, um sicherzustellen, dass sich die Wirtschaft allein kraft „echter“ Effizienz entwickelt? (36)

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Der Fortschrittsmythos

Der Fortschrittsmythos ist ein zwar immer wieder kritisierter, aber dennoch fest etablierter kultureller „mindset“ oder Glaubenssatz, der auch von praktisch allen im deutschen Parlament vertretenen Parteien geteilt wird (mit Ausnahme einiger grüner PolitikerInnen) und der besagt, dass Wirtschaftswachstum und Wohlstand untrennbar zusammengehören. Entwicklungspsychologisch betrachtet entspricht dies der modernen Entwicklungsstufe, auf welcher der Jenseitsglaube der ihr vorausgehenden traditionellen Bewusstseinsstufe um-interpretiert wurde in eine Verunendlichung des materiellen Wachstums im Diesseits. Erst mit dem Auftreten der Postmoderne und ihrer Modernismuskritik wurde und wird dieser Glaube erstmals in Frage gestellt. Doch auch in der Postmoderne gibt es VertreterInnen eines grünen Wachstums, die von einem Umbau der Wirtschaft und nicht – wie Paech – von einem Rückbau sprechen. Auch unser Wissen und unsere (Aus)bildung stehen im Dienst dieses Fortschrittsmythos:

„… dass gesteigertes Wissen einfach nur dazu verholfen hat, ökologischer Ressourcen, insbesondere Energie und Flächen, zusehends effektiver zu plündern und in noch mehr Mobilität oder Konsum zu transformieren.“ (54)

 

In diesem Lichte betrachtet bekommt auch der Begriff „Innovation“ eine Schattenseite und Paech beleuchtet kritisch den von dem Ökonomen Joseph Alois Schumpeter geprägten Ausdruck einer „schöpferischen Zerstörung“. Das Neue ist der Feind des Alten, so die Idee dahinter und wirtschaftlich bedeutet dies, dass bei Innovationen oft nur auf das gesehen wird, was dadurch eingespart werden kann, ohne Rücksicht (und gesamtwirtschaftliche Berechnung) dessen, was an Abriss- und Entsorgungskosten entsteht. Dies bedeutet nicht, dass Innovation etwas Schlechtes ist, es bedeutet jedoch, dass bei Innovationseinführung viele Perspektiven eine Rolle spielen müssen, wenn diese Innovation zu einem wirklichen Fortschritt werden soll. (Dies ist aus integraler Sicht eine Aufforderung, das Entwicklungsprinzip eines „Transzendierens und Bewahrens“ auch ökonomisch und ökologisch anzuwenden. Jede Neuerung baut auf Bestehendem und Gewachsenem auf und wichtige Fragen, die sich dabei stellen, sind: wie lässt sich Bestehendes noch eine Weile sinnvoll nutzen; wie kann es energiesparend und umweltschonend rückgebaut und recycelt werden; welche Bestandteile davon können in das Neue überführt werden?) 

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Modernes Leben - Individuelle Freiheit und globale Entgrenzung

Die Moderne hat dort, wo sie auch politisch verwirklicht wurde, den Menschen individuelle Freiheiten und globale Handlungsspielräume (im wahrsten Sinne des Wortes) in einem bisher nie dagewesenen Ausmaß eröffnet. Doch die Schattenseiten sind mittlerweile unübersehbar, und Paech zählt sie auf:

Verschwendung am Beispiel des „Easyjet-Weltbürgertums“:

„Der taz-Journalist Tobias Rapp [weiß] zu berichten, dass die europäische Party-Metropole an der Spree Wochenende für Wochenende von geschätzten 10.000 Billigfluggästen heimgesucht wird. (52)

An anderer Stelle spricht Paech von einem „kerosintriefenden Bildungs-, Projekt- und Party-Nomadentum“ als einer Flucht vor dem eigenen Leben:

„Das Glück ist immer einen Ortswechsel oder eine Flugreise entfernt – zumindest für jene, die ständig auf der Flucht vor einem beengenden Hier und auf der Suche nach dem verheißungsvollen Dort sind.“ (16)

Das Verschuldungssyndrom nach dem Haben-jetzt-Zahlen-später-Prinzip:

„Damit werden zusehends Forderungen an die Gegenwart gestellt, die sich nicht mittels gegenwärtiger Möglichkeiten befriedigen lassen, sondern die Zukunft belasten. Durch diese zeitliche Entgrenzung gegenwärtiger Ansprüche begeben sich moderne Gesellschaften in die Geiselhaft einer unerbittlichen Wachstumsmaschinerie.“ (20)

Eine „monströse Delegationsmaschinerie“:

„Viele Menschen sehen sich heute nicht mehr in der Lage, Lebensmitteleinkäufe ohne Auto zu tätigen, einen Gehweg zu fegen, Briefe mit der Hand zu schreiben, einfache Reparaturen vorzunehmen, oder Gebrauchsgegenstände mit Nachbarn zu teilen“ (39)

Vor allem der „schmutzige Teil der Handelskette“ wird in die „sweat shops“ nach Asien oder Lateinamerika verlagert.

Die Erfindung immer neuer „Energiesklaven“:

 „Jede auch noch so winzige Facette des täglichen Lebens baumelt an energieintensiven Services und Gerätschaften“ (42)

Diesem „Convenience-Dasein“ stellt Paech die „Kraft zur Genügsamkeit“ gegenüber.

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Glück und Wohlstand

Mit Bezugnahme auf die Glücksforschung stellt Paech fest, dass nach Abdeckung der Grundbedürfnisse, wie Nahrung, Kleidung, Wohnung und Bildung, mehr materieller Wohlstand nicht zu mehr Glück und Zufriedenheit führt, sondern dass teilweise sogar eine gegenläufige Tendenz feststellbar ist: mit zunehmendem Wohlstand (oberhalb der Befriedigung von Grundbedürfnissen) steigt auch der Verbrauch von Antidepressiva[4]. Daher vermeidet Paech auch das negativ besetzte Wort „Verzicht“ im Zusammenhang mit der PWÖ, weil, bei einer integralen Betrachtung dessen, was Wohlstand bedeutet, auch innere Faktoren wie Glück und Zufriedenheit zu messen wären und diese würden, nach Paech, bei einer PWÖ zunehmen. Sie verspricht ein neues Dasein, bei dem „Güter genussvoller und mit mehr Zeit ausgeschöpft werden. Es entstehen mehr Lebenszufriedenheit, erfülltere zwischenmenschliche Beziehungen, eine Integrität des sozialen Umfeldes, die Anerkennung eigener Fähigkeiten und eine erhöhte Selbstwirksamkeit und Gesundheit.“ (126)

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Entkoppelung als Illusion

Eine der Kernthesen des Buches von Paech lautet, dass die Entkoppelung von

Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch durch technische Innovation eine Illusion ist. Wer gehofft hatte, wir könnten allein Kraft unserer Innovationen so weitermachen wie bisher, wenn wir nur die Energiewende und den sozialen Umbau schaffen, der wird durch die Argumente Paechs enttäuscht werden. Er spricht von „Modernisierungsrisiken mit Nebenwirkungen“ und stellt generell fest, dass Einsparungen oft durch Zuwächse überkompensiert werden. Durch „materielle Verlagerungen“ werden alte durch neue Abhängigkeiten ersetzt, z. B. macht Elektromobilität unabhängiger von fossilen Ressourcen, dafür werden wir jedoch von seltenen Metallen abhängig.

Eine Reihe von „Rebound Effekten“ sorgt dafür, dass, wie schon erwähnt, auch im Zuge des nachhaltigen Gesellschaftsumbaus die Verbräuche nach wie vor steigen (Energie, Umwelt, Fläche) oder zumindest nicht signifikant sinken. Dieses Phänomen lässt sich auf die persönliche Ebene etwa wie folgt übertragen: wenn jemand seinen achtstündigen Arbeitstag effizienter organisiert, so dass er oder sie die gleiche Arbeit in sechs Stunden erledigen kann, was macht er oder sie dann mit den freiwerdenden zwei Stunden? Meistens noch mehr arbeiten! Daher muss auch ein Verbrauch nicht automatisch sinken, wenn die Effizienz steigt. Was oft passiert, ist, dass Menschen dann durch Mehrnutzung oder den Konsum anderer Güter mittels der durch eine Effizienzsteigerung eingesparten Kaufkraft die Verbrauchsspirale weiter drehen. Diesbezüglich kann sich jeder selbst überprüfen.

„Eine Person, die ein Passivhaus bewohnt, einen nur 1,5 Liter Diesel verbrauchenden PKW fährt und obendrein regelmäßig gebrauchte statt neue Konsumgüter erwirbt, könnte die monetären Ersparnisse verwenden, um nach Indien zu fliegen.“ (86)

Damit wäre insgesamt nichts gewonnen, weil „konterkarierende Nachfragezuwächse“ die Einsparungen z. B. durch „grünen Strom“ wieder wettmachen würden. Dabei spielen auch die ständig zunehmenden Energiesklaven eine Rolle.

„Angesichts der Dynamik, mit welcher sich energieintensive Lebensstile verbreiten, insbesondere, wenn die vielen kleinen und großen Stromfresser der Selbstdarstellung dienen oder man sich an deren Komfort gewöhnt hat, dürfte jeder Versuch, die einmal erreichte Wohlstandshöhe auf ein vormaliges Niveau zurückzuführen, völlig aussichtslos sein.“ (89)

Wir können also nicht, so Paech, einfach „unbekümmert weitermachen und alles Problematische dem kollektiv beschworenen Fortschritt überlassen!“ (92)

„Unter der Bedingung eines beständigen Wirtschaftswachstums ist es unmöglich, die Ökosphäre absolut zu entlasten. Unter der Bedingung einer absoluten Entlastung der Ökosphäre ist es unmöglich, ein beständiges Wirtschaftswachstum aufrecht zu erhalten.“ (97)

 

Daraus ergibt sich eine wesentliche Schlussfolgerung:

„Per se nachhaltige Technologien und Objekte sind schlicht undenkbar. Allein Lebensstile können nachhaltig sein. Nur die Summe der ökologischen Wirkungen aller von einem einzelnen Subjekt ausgeübten Aktivitäten lässt Rückschlüsse auf dessen Nachhaltigkeitsperformance zu.“ (99)

 

Und weiter:

„Die durchschnittliche CO2 Bilanz eines Bundesbürgers wird derzeit auf desaströse elf Tonnen pro Jahr geschätzt.“ (99)

 

Dem stellt Paech eine individuelle CO2 Menge von ca. 2,7 Tonnen pro Jahr gegenüber, die jedem maximal zur Verfügung stünde, wenn der Planet auf Dauer erhalten werden soll.

Paech betont die Bedeutung einer „Subjektorientierung“, und spricht sich neben einer Lebensstilanalyse auch für Lebenszyklusanalysen (z. B. für Produkte) und für Ökobilanzierungen generell aus, wie auch die Gemeinwohl-Ökonomie das praktiziert.

Aber könnte nicht die zunehmende Dienstleistungsindustrie, die ja erst einmal aus Ideen besteht, zu einer Entkoppelung beitragen? Doch auch hier ist Paech wegen der infrastrukturellen Auswirkungen jeder neuen Dienstleistungsindustrie skeptisch:

„Der elegante Trick moderner Dienstleistungen besteht gerade darin, dass diese aufgrund ihres abstrakten Charakters beliebig entworfen und willkürlich in jeden Kontext eingefügt werden. Es gibt keine Einrichtung, Unternehmung oder Person, der sich nicht noch irgendein Service aufschwatzen ließe. Beratung, Werbung, Aus-, Fort- und Weiterbildung, Vernetzungen, Versicherungen, Moderation, Mediation, Coaching, Vorträge, Diskussionen, Publikationen, Begutachtungen, Evaluationen, Forschung, Wellness, Spekulationen etc. markieren nur einige Bereiche, in denen praktisch substanzlose Leistungen ersonnen werden, die hohe Einkommen erzielen und folglich Ansprüche auf umso substanziellere Gegenwerte manifestieren.“

Diese doch ziemlich pauschale Abwertung der Dienstleitungsindustrien macht eine Problematik der PWÖ deutlich, die kaum zu lösen zu sein scheint: Wer soll in einer PWÖ beispielsweise bestimmen, welche Dienstleitungen sinnvoll sind und welche „niemandem fehlten, würden sie nicht erfunden“? Eines scheint klar: wenn wir diese Auswahl allein dem Markt überlassen, dann ruinieren wir uns, das zeigt Paech klar und deutlich auf. Doch wie soll der industrielle Rückbau, wenn er nicht durch eine Katastrophe geschieht, innerhalb demokratischer Strukturen geschehen? Anders gefragt: wer entscheidet, welche Industrien eingestellt und stillgelegt werden sollen, welche Produkte vom Markt genommen werden sollen, welche Flächen entsiegelt werden müssen, welche Produktions- und Verbrauchsobergrenzen nicht überschritten werden dürfen usw.? Einen Weg dazu zeigt die Gemeinwohl-Ökonomie Christian Felbers auf in ihrer Forderung nach der Aufstellung von Gemeinwohlbilanzen – für Privatpersonen, Firmen, aber auch öffentliche Einrichtungen und Volkswirtschaften insgesamt. Über diese Bilanzen können dann Entscheidungen getroffen werden hinsichtlich dessen, was zu fördern ist oder auch was, weil gemeinwohlschädlich und ökologisch desaströs, mit Abgaben belegt wird. 

In die gleiche Richtung gehen die Vorschläge von Paech:

„… Produkte und Dienstleitungen mit CO2 Footprint oder ökologischem Fußabdruck entlang des gesamten Lebenszyklus zu kennzeichnen.“ (139)

 

Dass etwas geschehen muss, ist klar:

 „Wenn wir den Rückbau überzogener Ansprüche nicht selbst vornehmen, werden schicksalshafte Umstände den Job übernehmen – aber nicht mit Samthandschuhen.“ (67)

„ … der Rückbau des maßlos gewordenen Fremdversorgungsniveaus [ist] die letzte Option, die uns noch bleibt.“ (70)

„Das einzig noch verantwortbare Gestaltungsprinzip für Gesellschaften und Lebensstile im 21. Jahrhundert heißt Reduktion – und zwar verstanden als Befreiung vom Überfluss, der nicht nur unser Leben verstopft, sondern unsere Daseinsform so verletzlich macht.“ (11) 

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Politische Umsetzung

Keine der im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien vertritt die Position einer konsequenten Reduktion des Wirtschaftswachstums („Neoliberale und Marxisten sind von derselben Fortschrittsillusion eingenebelt“). Paech macht sich hinsichtlich der politischen Umsetzbarkeit einer PWÖ daher auch keine Illusionen.

„Die Nutznießer eines Lebens über die Verhältnisse sind längst in der Mehrheit“. (22)

„Aber wer wählt eine Politik, die eine weitere Ausübung des eigenen, nicht zur Disposition gestellten Lebensstils in Frage stellen würde?“ (140)

„Keine demokratisch gewählte Regierung eilt einem gesellschaftlichen Wandel voraus, sondern immer nur hinterher, um kein Risiko einzugehen.“ (140)

 

Auch die Gerechtigkeits- und Verteilungsdiskussionen greifen zu kurz:

„Wenngleich die Notwendigkeit von Verteilungsgerechtigkeit nicht in Frage zu stellen ist, wird die Frage nach der Herkunft dessen, worum gestritten wird, zumeist unterschlagen. Lässt sich Plünderung etwa dadurch legitimieren, dass die Beute hinreichend gerecht verteilt wird?“ (23)

Die Verteilungskämpfe zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden sieht Paech folgerichtig als „beständige Komplizenschaft in der Aneignung von Zuwächsen, … die aus gesteigerter Ressourcenplünderung resultieren.“ (44)

Daher stellt sich in der Tat die Frage, „ob moderne Konsumgesellschaften überhaupt noch reformfähig oder nicht längst schon therapiebedürftig (sind)?“ (71)

Dahinter steckt die Einsicht, dass es sich hierbei vor allem um ein gruppen- oder kulturpsychologisches Problem (von Bewusstseinsentwicklung, Einsicht und Psychodynamiken wie Verdrängung) handelt, das noch wesentlich schwerer zu lösen scheint als ein systemischer Um- oder Rückbau einer Industriegesellschaft.

Neben dem „Rückbau von Infrastruktur“ spricht sich Paech auch für eine Geld-, Finanzmarkt- und Bodenreform aus und für Obergrenzen bei Einkommen und Vermögen. Er ist auch dafür, Subventionen zu beenden „die die Wachstumsmaschine in Gang halten“.

Und natürlich stellt sich auch die große kulturelle Erziehungs- und Bildungsfrage:

„Wie werden diese Heerscharen von Nachwuchshedonisten, wenn ihnen außer abstraktem Wissen nur iPad-Kompatibilität und globale Entgrenzung als Lebenskunst vermittelt worden ist, dann wohl reagieren, [wenn klar wird, dass unser Lebensstil nicht mehr aufrecht zu erhalten ist]?“ (138)

Auch ein Bürgergeld oder ein Grundeinkommen kann sich Paech vorstellen. Im Unterschied zum „bedingungslosen Grundeinkommen“ sieht Paech dies an „gemeinnützige Tätigkeiten und Bedürftigkeit geknüpft.“ (139) In jedem Fall sieht er die Notwendigkeit, einen „Rückbau der arbeitsteiligen Industriegesellschaft“, der ja auch mit massiven Arbeitsplatz- und Einkommensverlusten verbunden ist, sozial abzufedern.

Weiterhin erfordert eine PWÖ eine

  • Arbeitszeitumverteilung
  • einen Subventionsabbau,
  • Ausstiegsprogramme aus Atom-, Braun- und Steinkohlekraftwerken,
  • ein Flächenmoratorium,
  • Rückbauprogramme für Infrastrukturen wie Autobahnen, Flughäfen, Parkplätze und Industrieflächen,
  • eine Geld- und Bodenreform,
  • eine Reform von Unternehmenssteuern,
  • Unternehmensverfassungen in Richtung demokratische Kontrolle von Gewinnen (z. B. Genossenschaften).
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Eine neue Liberalität

In einem Beitrag Perspektiven einer integralen Politik der Zeitschrift „integrale perspektiven“ (ip)[5] hatte ich argumentiert, dass eine der Schlussfolgerungen aus einer perspektivischen Wirklichkeitsbetrachtung die ist, dass die Tatsache, dass sich jeder Mensch (auch) als ein empfindendes und sich verhaltenden Individuum erlebt, ihren Ausdruck in der Theorie und Praxis von Liberalität findet, im Sinne eines Sich-Einsetzens für Individualität, Freiheit und Selbstverwirklichung. Gleichzeitig und untrennbar davon erlebt sich jeder Mensch auch als Mitglied unzähliger Gemeinschaften (Familie, Beruf, Freundschaft …), und dieses Erleben findet seinen Ausdruck in den unterschiedlichsten Formen sozialer Politik. Und schließlich erlebt sich jeder Mensch auch, und wieder untrennbar von den zwei anderen Erlebensweisen, als ein Teil zahlreicher Systeme unterschiedlichster Größe (Wirtschafts- Finanz-, Energie-, Infrastruktur- Ökologiesystem) und ein Ausdruck dessen sind systemische Politiken wie beispielsweise ökologische Politik, Gesundheitspolitik, Finanzpolitik oder eben eine PWÖ.

Der Schwerpunkt der liberalen Politik ist die (persönliche) Freiheit, der Schwerpunkt sozialer Politik ist gemeinschaftliche Solidarität und der Schwerpunkt systemischer Politik ist der von Nachhaltigkeit. Für mich ergibt sich daraus als eine Grundforderung einer integralen Politik die Integration von

  • individueller Freiheit (oder Freiräumen) und
  • sozialer Gerechtigkeit und Solidarität und
  • systemischer Nachhaltigkeit (zur Aufrechterhaltung der Systeme, natürlicher oder kultureller, die unser aller Leben und das aller Lebewesen erst ermöglichen

bei jeder politischen Entscheidung. Dies ist herausfordernd, weil diese Perspektiven in einem Spannungsverhältnis miteinander stehen, welches jedoch nicht ideologische Art ist. Es entsteht aus dem Vorhandensein der (Er)Lebensräume von Individualität, Gemeinschaft und Teil-von-Systemen-Sein, die jeder Mensch in jedem Augenblick seines Lebens nachvoll­ziehen kann.

Die PWÖ gründet sich vor allem in der systemischen Betrachtung unserer Welt und bezieht daraus ihre Schlussfolgerungen. Doch was bedeutet dies für die beiden anderen Hauptperspektiven? Was die soziale Gerechtigkeit betrifft, so könnte man verkürzt zusammenfassen, dass in einer Welt, wo die exzessiven Verbräuche zurückgefahren werden, für die, die weniger haben, mehr da ist, von zukünftigen Generationen einmal ganz abgesehen. Dies führt insgesamt zu mehr sozialer Gerechtigkeit, vorausgesetzt, dass das, was vorhanden ist, auch gerecht verteilt wird. Doch was ist mit der individuellen Freiheit, die ja durch eine PWÖ notwendigerweise eingeschränkt werden muss? Menschen wollen ja auch in einer PWÖ nach wie vor ihrer Individualität Ausdruck verleihen. Dies ist sicher die größte Hürde, die eine PWÖ zu überwinden hätte und dabei kann die entwicklungspsychologische Betrachtung helfen. Alle drei Hauptperspektiven – individuelle Freiheit, soziale Verantwortung und systemische Nachhaltigkeit –  entwickeln sich. Die systemische Nachhaltigkeit beispielsweise ist etwas, was kollektiv erst seit wenigen Jahrzehnten diskutiert wird, weil diese Sichtweise erst mit der postmodernen Entwicklungsstufe ins Bewusstsein tritt. Vorher sind derartige Zusammenhänge buchstäblich nicht sichtbar. Ähnliches gilt für die Liberalität. Auf den höheren Entwicklungsstufen bedeutet individuelle Freiheit eben nicht mehr, auf Kosten von anderen das eigene Leben zu führen, sondern verantwortlich mit anderen und das ist ein großer Unterschied. Die Liberalität muss also bei einer PWÖ nicht zurückgelassen werden, sondern wird – im Gegenteil – zu neuen (Entwicklungs)Höhen geführt, wo Freiheit und Verantwortung nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander wirken. Diese neue, höhere Liberalität stellt (sich) die Frage, innerhalb welcher Grenzen individuelle Selbstverwirklichung sich so entfalten kann, dass sie sowohl ökologisch als auch sozial „verantwortbar“ ist, und diese Verantwortlichkeit sogar noch fördern kann. Durch den Verzicht auf das, was wir uns auf Kosten anderer Menschen in anderen Teilen der Welt und auf Kosten zukünftiger Generationen leisten, werden wir unabhängiger und auch freier. Gleichzeitig gibt uns diese Art von wirtschaftlichem Handeln ein gutes Gewissen. Hierin liegt ein starkes Argument für eine nachhaltige, soziale, aber auch liberale PWÖ. 

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Merkmale der PWÖ (151)

In seinem Buch Schulden – Die ersten 5000 Jahre zeichnet der Autor und Anthropologe David Gräber die Geschichte der Ökonomie und des Schuldenmachens nach. Er schreibt, dass die Geschichte unseres Wirtschaftens, so wie „Schulbücher und Museen“ sie darstellen, falsch ist.

„‘Es war einmal eine Zeit, da gab es Tauschhandel. Das war schwierig. Deshalb erfanden die Menschen das Geld. Und nach dem Geld kamen Banken und Kredite.‘ Die Entwicklung ist ganz einfach und geradlinig, sie bewegt sich auf immer mehr Raffinesse und Abstraktion zu und das führte die Menschheit logisch und unausweichlich von der Steinzeit, als man Mammutzähne tauschte, zu Aktienmärkten, Hedgefonds und verbrieften Derivaten.“ (34)

 

Doch diese Geschichte hat sich, so Graeber, niemals so zugetragen. Die frühen Menschheitsökonomien hatten viel Ähnlichkeit mit dem, was Paech als eine entkommerzialisierte Subsistenzwirtschaft bezeichnet, wo die Sphären von Ökonomie, Kultur und Ökologie noch nicht voneinander getrennt waren und Menschen, die sich kannten, sich gegenseitig unterstützten – wie in einer großen Familie, ohne Geld und auch ohne einen quantifizierten Tausch der Form „20 Hühner für eine Kuh“. Erst als sich mehr und mehr die Kulturen vergrößerten und auch berührten und man mit immer mehr Fremden in Kontakt kam, entstand das, was wir heute als Tauschwirtschaft und dann als Geldwirtschaft bezeichnen. Nun geht es nicht darum, in diese frühen Zeiten zurückzufallen. Die Differenzierung der Sphären von Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft, Ökonomie, Ökologie und Politik ist eine der großen Leistungen der Moderne. Doch diese Differenzierung ist zu weit gegangen und zu einer Dissoziation geworden – unser Leben ist weitestgehend über-ökonomisiert – und daher schlägt Paech vor, die arbeitsteilige, monetarisierte und internationale Ökonomie beizubehalten, aber deutlich zu reduzieren und sie gleichzeitig auf Regionalität und Nachhaltigkeit auszurichten. In den so entstehenden Freiräumen (zeitlicher, kultureller und geografischer Art) kann dann wieder eine Wirtschaftsweise neu entstehen, in der die direkte Beziehung zwischen Menschen im Vordergrund steht und nicht der quantifizierte Leistungsaustausch. Dies ist eine ganz ähnliche Entwicklung, wie sie auch generell zu beobachten ist. So erwecken öffentliche Diskussionen oft den Eindruck, es gehe in der Gesellschaft vor allem um das Verhältnis von Individuum und Staat. Doch was ein Gemeinwesen vor allem zusammenhält, ist das Verhältnis von Mensch zu Mensch in Familien, Beziehungen, Arbeit und Nachbarschaft. 

Paech schlägt für die PWÖ eine neue Aufteilung der Arbeitszeit vor als eine Rückbesinnung auf das „menschliche Maß“, verbunden mit einer „Rückkehr zur Sesshaftigkeit“ als eine Ausrichtung auf das Geschehen in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Die üblichen 40 Wochenstunden an Arbeit werden aufgeteilt in:

a) einen monetären Bereich von 20 Stunden mit

  • regionaler Ökonomie (De-globalisierte Wertschöpfungsketten, regionale Komplementärwährungen, Community Supported Agriculture)
  • globale Arbeitsteilung (Stoffliche Nullsummenspiele, Umgestaltung statt Neuproduktion, effiziente und konsistente[6] Technologien, physisch und kulturell dauerhaftes Produktdesign, Reparabilität und Modularität, Konversion, Renovation, Re-Buildung, Re-Manufacturing, Ressourcengewinnung durch Entsiegelung und Rückbau)

b) einen entkommerzialisierten Bereich von 20 Stunden

  • Suffizienz (Entrümpelung, Wohlstandsballast abwerfen, entschleunigte Lebensstile, Zeitsouveränität gewinnen, Reizüberflutung vermeiden)
  • Urbane Subsistenz als Fähigkeit, losgelöst von Geld, Industrie und Arbeitsteilung mit zur Versorgung beizutragen (durch Eigenproduktion – Nahrung, Handwerk, Erziehung -, Nutzungsdauerverlängerung, Instandhaltung/Reparatur, Nutzungsintensivierung, Gemeinschaftsnutzung, Leistungstausch in sozialen Netzen, gemeinnützige Arbeit/Ehrenamt, Regionalisierung)
  • Resilienz (als eine Verbindung von Subsistenz und Suffizienz): Systeme machen sich unabhängiger von äußeren Einflüssen (durch Vielfalt, Kleinräumigkeit, Flexibilität und Dezentralität). Das „Zuhandene zum Hinreichenden“ werden lassen. Mäßigung und Genügsamkeit führen zu mehr Unabhängigkeit.

In Stichworten bedeutet dies:

  • eine drastische Reduktion der industriellen Produktion, mit dem Vorrang lokaler und regionaler Güter- und Leistungsversorgung,
  • eine Orientierung an einem durchschnittlichen pro Kopf-Verbrauch von ca. 2,7 Tonnen CO2 pro Jahr (als das, was das Ökosystem verkraftet),
  • eine geringere Distanz zwischen Verbrauch und Herstellung: von regional zur lokal zur Selbstversorgung. Paech plädiert für eine Ökonomie der Nähe, die zu mehr Transparenz, Empathie, Interessenkongruenz und Verwendungskontrolle führt. Diese De-Globalisierung ist allerdings nicht umsonst zu haben, sondern für den Preis verringerter materieller Kaufkraft und Optionenvielfalt.
  • Die Beseitigung von Wachstumszwängen. In seinem Vortrag unterscheidet Paech als Wachstumsursachen sowohl Push- als auch Pull-Faktoren. Dabei lassen sich systemische Faktoren (der untere rechte Quadrant) von kulturellen Faktoren (der untere linke Quadrant) differenzieren. Ein wesentlicher systemischer Faktor ist die industrielle Arbeitsteilung. Bei jedem Schritt der Verlängerung der Wertschöpfungskette entsteht dabei eine eigene „Industrie“. Diese muss investieren, bevor sie produzieren kann. So entstehen immer mehr Unternehmen, die Überschuss produzieren (müssen), um Zinsen für Fremdkapital und Rendite für Eigenkapital zu erwirtschaften. Daraus resultieren weitere Wachstumstreiber wie Fremdkapitalzinsen, Gewinnerwartung, Innovationswettbewerb und eine schrankenlose Geldschöpfung der Geschäftsbanken. Das Bevölkerungswachstum stellt dazu noch einen gewissermaßen natürlichen Wachstumsmotor dar. Psychologisch-kulturelle Wachstumsfaktoren sind¨ eine Steigerungslogik als ein kulturelles mindset, eine Materialisierung moderner Freiheitsbegriffe und ein allgemeines Verzichtsangstsyndrom.
  • Eine entmonetarisierte Lokalversorgung (als Gegengewicht zum zinsgetriebenen Wachstum),
  • „ein Rückbau der Arbeitsteilung statt immer mehr Arbeitsproduktivität für ein sinnvolleres Arbeiten, ein Mehr an Arbeitsintensität bei weniger Energie-, Flächen- und Kapitalverbrauch.“ (59),
  • mehr handwerkliche und manuelle Arbeitsleistungen statt dem Einsatz von Energiesklaven, 
  • eine längere Güternutzung,
  • mehr Instandhaltungs-, Pflege- und Reparaturmaßnahmen, 
  • verstärkte Gemeinschaftsnutzungen (als eine „produktionslose Bedürfnisbefriedigung“), 
  • eine Verkürzung der Distanz zwischen Produktion und Verbrauch, 
  • Geld, das nicht auf Zinsen angewiesen ist.
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Integraler Wohlstand

Eine ganz entscheidende Rolle bei dieser Diskussion spielt die Überwindung von dem, was Ken Wilber als „Flachland“ bezeichnet, eine rein materielle, quantitative und ent-innerlichte Weltsicht als die „Katastrophe der Moderne“. Solange die Welt und speziell das Wirtschaften rein von der Außenperspektive betrachtet und die Ergebnisse nur in Quantitäten vor dem Hintergrund des Eigeninteresses gemessen werden, wird die Ausbeutung unserer Welt wohl bis zum bitteren Ende betrieben werden. Erst eine Wertebetrachtung und die Einbeziehung von Entwicklung, bei der eine weltzentrische Perspektive, welche das Wohl aller Menschen und Wesen berücksichtigt einer soziozentrischen Perspektive von Gruppeninteressen und einer egozentrischen Perspektive von Eigeninteresse vorrangig wird und ggf. auch politisch durchgesetzt wird, kann zu Einsichten führen, wie Paech sie formuliert. Daraus ergibt sich auch eine neue Definition von Wohlstand. Statt Wohlstand rein materiell und auf ein Land begrenzt zu messen, kommen jetzt auch innere Faktoren hinzu und das Interesse daran, dass es allen Menschen und Wesen besser geht. Dieser Bewusstseinswandel ist im Gange. Immer weniger Menschen fühlen sich wohl bei dem Gedanken, dass ihr eigener Wohlstand unter Inkaufnahme von menschlichem Leid in anderen Teilen der Welt und auf Kosten der Lebenschancen von zukünftigen Generationen geschieht. Es wird mehr und mehr begonnen, und hier spielt die Gemeinwohlökonomie Christian Felbers eine wichtige Rolle, wirtschaftliches Handeln auch unter qualitativen Gesichtspunkten im Hinblick auf das Gemeinwohl zu bewerten und daraus sowohl persönliche als auch politische Handlungsalternativen abzuleiten.

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Worauf warten wir noch?

In seinem 1985 erschienen Buch So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen hat Hoimar von Ditfurth, ein Pionier gesellschaftlicher Reformbewegungen, über die Gefahren von Krieg und den Zusammenbruch der Biosphäre für die Menschheit geschrieben. Sein damaliges Fazit ist ernüchternd, wenn nicht sogar deprimierend. Er schreibt im Vorwort zum Buch:

„Es steht nicht gut um uns. Die Hoffnung, daß wir noch einmal, und sei es um Haaresbreite, davonkommen könnten, muß als kühn bezeichnet werden...

Wir werden daher, aller Voraussicht nach, als die Generation in die Geschichte eingehen, die sich über den Ernst der Lage hätte im Klaren sein müssen, in deren Händen auch die Möglichkeit gelegen hätte, das Blatt noch in letzter Minute zu wenden, und die vor dieser Aufgabe versagt hat...

Unsere Gesellschaft gleicht einem Menschen, der ahnungslos in einem Minenfeld umherirrt und sich dabei um seine Altersrente Sorgen macht…

Denn wenn wir schon zugrunde gehen müssen, dann sollten wir es, und sei es aus Gründen der Selbstachtung, wenigstens bei vollem Bewußtsein tun und nicht im Zustand einer von Ausflüchten und illusionärem Wunschdenken genährten Halbnarkose. Von Ausweglosigkeit kann jedoch keine Rede sein. Das Gegenteil ist der Fall. Die Notausgänge stehen so weit offen wie Scheunentore. Die Wege, die uns sogleich aus aller Gefahr führen würden, sind ohne Schwierigkeiten zu erkennen. Die Maßnahmen zu unserer Rettung liegen so offensichtlich auf der Hand, daß man sie einem Kind erklären kann. Trotzdem sind wir, wenn nicht alles täuscht, verloren. Die Erklärung für diesen paradoxen Umstand beruht auf einer absurd anmutenden Ursache: Wir werden von allen diesen Möglichkeiten zu unserer Rettung schlicht und einfach keinen Gebrauch machen.“

An einer Beschränkung und deutlichen Reduktion unserer industriellen weltweiten Aktivitäten führt für die „entwickelten“ industriellen Länder kein Weg vorbei, das zeigen schon von Ditfurths Analysen (und die von Paech und vielen anderen) ganz deutlich. Der Glaube, dass sich allein durch Effizienz und Umbau ein Rückbau und damit verbundene Beschränkungen vermeiden ließen, ist ein durch die Realität widerlegter Irrglaube. Doch wie realistisch ist es, dass die Politik dies nicht nur einsieht, sondern in konkretes Handeln umsetzt? Leider sehr gering. („Wir werden von allen diesen Möglichkeiten zu unserer Rettung schlicht und einfach keinen Gebrauch machen.“) Praktisch alle Parteien, zumindest in Deutschland, sind sich unausgesprochen einig, dass am Wachstumsstreben nichts geändert wird. Wir müssen daher davon ausgehen, dass aus dieser Richtung vorerst keine Änderungen zu erwarten sind. Was bleibt, sind einmal mehr die Möglichkeiten, die jeder und jede Einzelne hat, das eigene Leben postwachstumsökonomisch zu gestalten und in dieser Richtung passiert schon einiges. Die Grenzen des Wachstums sind unübersehbar. Die Ökosphäre verändert sich, die Ressourcen schwinden oder müssen mit immer aufwendigeren und umweltschädlichen Aktivitäten ausgebeutet werden, von den sozialen Bedingungen, unter denen das geschieht, ganz zu schweigen. Auch die Finanzsphäre kommt krisenhaft an ihre Grenzen, vor allem, was das Schuldenmachen betrifft. Durch „billiges Geld“ in gigantischem Ausmaß versucht die Politik noch einmal, das Unabwendliche abzuwenden und animiert Menschen und Organisationen weiterhin zum Schuldenmachen, um „die Wirtschaft anzukurbeln für mehr Wachstum“. Doch das funktioniert, wenn überhaupt, nur bedingt. Wo soll all das Wachstum, mit dem dann auch die Kredite bedient werden sollen, noch herkommen? Wir werden also so oder so in eine Postwachstumsökonomie eintreten, die Frage ist nur, ob dies „by design or by desaster“ geschieht, d. h. ob wir unsere Gestaltungsmöglichkeiten, die wir haben, einsetzen oder einfach den Zusammenbruch abwarten. Verantwortlicher ist natürlich das Erstere, und, wie schon gesagt, niemand muss hier auf die „Politik“ oder andere Umstände warten, sondern kann sofort in seinem persönlichen Bereich damit beginnen.

Fassen wir zum Abschluss dieser Betrachtung anhand der Kapitelüberschriften des Buches Befreiung von Überfluss noch einmal die wesentlichen Aussagen Paechs zusammen: Wohlstandsdämmerung – Aussicht auf mehr Glück? Mehr materieller Wohlstand bringt in „Wohlstandsgesellschaften“ (es ist ausdrücklich nicht von Wirtschaften in armen Ländern die Rede) keinen Zuwachs an Glück und Zufriedenheit, sondern führt im Gegenteil zu Unzufriedenheit und einem zunehmend schlechten Gewissen angesichts der daraus resultierenden ökologischen Schäden und globalen sozialen Ungerechtigkeiten. Ein Über seine Verhältnisse leben – ein vermeintliches Menschenrecht ist eben nur ein vermeintliches Menschenrecht, aber in Wahrheit Ausdruck eines individuellen und kollektiven Egoismus, der auf Kosten anderer Menschen und zukünftiger Generationen gelebt wird. In diesem Sinne werden Schattenseiten offenbar: Fortschritt als Illusion – Wohlstand durch Plünderung. Dabei erfolgt eine Neudefinition des (liberalen) Freiheitsbegriffs: Freiheit als Illusion – neue Abhängigkeiten. Durch eine immer vernetztere, rohstoff- und ressourcenabhängige arbeitsteilige globale Wirtschaftsweise werden Menschen nicht freier, sondern im Gegenteil immer abhängiger. Ein zentraler Mythos, welcher einer PWÖ entgegensteht, ist der vom Grünen Wachstum: Mythos Entkoppelung – die Mär vom „grünen Wachstum“. Auch grünes Wachstum ist Wachstum, und wird alleine nie in der Lage sein, eine wirkliche Nachhaltigkeits- und Energiewende herbeizuführen. Daher ist es wichtig, sich die Ursachen – geistig und systemisch – unseres Wachstums genauer anzuschauen und sie zu durchschauen: Genug ist nie genug – Wachstumszwänge und Wachstumstreiber. Dies führt dann schließlich zu Weniger ist mehr – Umrisse einer Postwachstumsökonomie mit der ernüchternden Feststellung, dass eine Krisenbewältigung ohne einen Rückbau des Wohlstandsmodells nicht möglich ist, aber mit dem positiven Ausblick, dass es noch nicht zu spät ist: Fazit – Wir haben (noch) die Wahl und mit der persönlichen Aufforderung im abschließenden Satz des Buches: „Also worauf warten wir noch?“


Quelle: Online Journal Nr. 44


[1] Aus dem Umschlagtext des ACRecord Vortragsmitschnitts Niko Paech – Grundzüge einer Postwachstumsökonomie. Dieser Beitrag stützt sich sowohl auf diesen Vortragsmitschnitt als auch auf das Buch Niko Peach: Befreiung vom Überfluss, Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, oekom Verlag 5.Auflage.

[2] 1975 erschien vom damaligen CDU Bundestagsabgeordneten Herbert Gruhl ein Buch mit dem Titel: Ein Planet wird geplündert – Die Schreckensbilanz unserer Politik.

[3] als Ersatz für den Rückgang an Atomstrom werden in Deutschland verstärkt Kohlekraftwerke gebaut. Da sich in Deutschland die Kohleförderung nicht mehr lohnt (jedenfalls nicht zu den hier geltenden Umweltschutz- und Arbeitsbedingungen), wird Kohle massenhaft importiert. Siehe dazu den Beitrag Die Kohle ist blutbefleckt in der Zeit www.zeit.de/2013/17/kolumbien-bergbau-kohle-umweltschaden.

[4] Was bei dieser Betrachtung fehlt, ist einmal mehr eine entwicklungspsychologische Perspektive, bei der davon ausgegangen wird, dass Menschen – auch Erwachsene – sich entwickeln, und mit ihnen auch ihre Vorstellungen und Erfahrungen von Glück.

[5] Ausgabe 25 vom Juni 2013.

[6] Mit geschlossenen Stoffkreisläufen und regenerativen Energien.