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27.3.2017 : 18:17 : +0200

Die Visualisierung des sozialen Holons: „Unternehmen“

von Rolf Lutterbeck

 

Visualisierungen haben im Business einen hohen Stellenwert. Zur Darstellung integraler Ansätze ist die Verwendung von erläuternden Grafiken daher wichtig. In den relativ wenigen Artikeln zum Thema „Integrales Business“ findet man kaum grafische Beschreibungen. Und wenn man Grafiken findet, dann sind diese oft Quadrantenbilder, die nicht dem entsprechen, was Wilber mit den vier Quadranten eigentlich bezeichnet. Genau hier will dieser Artikel einen Beitrag für ein besseres Verständnis leisten.

 

Im Zusammenhang mit seiner Holon[1]-Theorie unterscheidet Wilber individuelle Holons (z. B. ein Mensch) von sozialen Holons (z.B. eine Gemeinschaft). Aus integraler Sicht ist ein Unternehmen daher ein soziales Holon, ein menschliches System mit einem funktionalen, beobachtbaren Außen (z.B. Abläufe) und auch einem Innenleben (z.B. Unternehmens-Philosophie, -Mission). Während individuelle Holons vier Quadrantenanteile haben (Abb. 1), hat ein soziales Holen – z.B. ein Unternehmen – nur ein Innen (Wir) und ein Außen (Es Plural), d.h. nur die beiden unteren Quadranten (Abb. 2). In den Worten Wilbers: „Soziale Holons berühren die Welt durch die unteren zwei Quadranten.“[2]

Der rechte Quadrant (Es plural) enthält alle beobachtbaren und messbaren Aspekte eines Unternehmens-Systems. Alles Nicht-Messbare, wie das inter-subjektiv Erlebbare und das kollektive Bewusstsein hingegen gehört in den linken Quadranten (Abb. 3).

 

Falsche „Bilder“ suggerieren falsche Botschaften

Wie bereits erwähnt, findet man in der Literatur häufig Vier- Quadrantenbilder, die nicht der „reinen Wilber-Lehre“ entsprechen und daher von der integralen Idee ein falsches Bild vermitteln. Da gibt es zum einen die Idee, in Analogie zu einem Menschen links oben z.B. die Unternehmens-Identität und rechts oben den „Unternehmenskörper“ zu verorten und in den unteren Quadranten dann die Kontexte des Unternehmens wie z.B. die Lieferanten und Kunden. Hier wird das Unternehmen zu einem Leviathan[3], einem Superorganismus mit eigenem, dominanten ICH (und „Seele“), mit Menschen, die nur Teile des Ganzen und damit ohne eigene ICHs sind (gottseidank funktionieren Unternehmen – und andere Systeme – so nicht, auch wenn einige Unternehmer das gerne so hätten). MitarbeiterInnen sind keine Teile, sondern eigenständige Mitglieder des Unternehmens.

 

Auch wenn das Bild als grafische Darstellung eines Unternehmens manchmal durchaus nützlich sein kann, da die Subsysteme Unternehmen, Kunden und Lieferanten hier deutlicher erkennbar sind, muss man sich bewusst bleiben, dass dies nichts mit dem Quadrantenmodell Wilbers zu tun hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass man es mit dem wilberschen Quadrantenbild verwechselt, ist aber sehr hoch. Eine AQAL-konforme Lösung, die ich manchmal wähle, wäre Abbildung 4 (sehr komplexe, verschachtelte Systeme lassen sich aber so nicht darstellen).

 

Ein zweite, „unsaubere“ Vier-Quadranten-Darstellung zeigt in den unteren Quadranten – korrekt – das Unternehmen und in den oberen Quadranten das Innen und Außen aller beteiligten Menschen. Dieses Bild ist für mich – auch wenn es nicht ganz korrekt ist – eine „nützliche“ Vereinfachung. Die Idee ist hier, deutlicher zu zeigen, dass die Mitglieder (Mitarbeiter, aber auch Kunden und Lieferanten) des sozialen Holons „Unternehmen“ (kurz U-Holon) für das integrale Verständnis des Systems extrem wichtig sind. Ich komme am Ende des Artikels darauf noch einmal zurück.

Darstellung eines Unternehmens mit seinen Mitgliedern

Jedes Mitglied ist ein individuelles Holon und hat somit vier Quadranten. In den unteren Quadranten all dieser Holons taucht neben vielen anderen sozialen Holons (Familie, Freunde, Region) auch das Unternehmens-Holon auf (Abb. 5). D.h. über die unteren Quadranten sind alle MitarbeiterInnen mit dem Unternehmen „verbunden“. So entsteht unter Verwendung des Quadrantenmodells ein komplexes Bild aus x individuellen Quadrantenbildern (x = Anzahl der Mitglieder) und dem Zwei- Quadrantenbild des Unternehmens. Da nicht jedes Mitglied gleich viel Bedeutung hat (auch wenn „Grün“ das gerne so sieht), macht es Sinn, die individuellen Holons zu sortieren und z.B. in einer Linie und ganz links die „Nummer 1“ des Unternehmens (der Unternehmer, der Geschäftsführer, der Konzernchef, …) darzustellen (Abb. 6). Je höher ein Mitglied in der Rangfolge ist, desto mehr hat es auch Wirkung auf das Unternehmen.

In diesem Bild (Abb. 6) können wir „sehen“, wie z.B. Bedürfnisse mit dem Unternehmen zusammenspielen oder wie der Zusammenhang zwischen persönlichen Werten und den Unternehmenswerten ist (je mehr sich die eigenen Werte im Unternehmen wiederfinden, desto mehr kann ich mich mit diesem „identifizieren“). Oder auch, dass völlig andere soziale Holons wie z.B. die Familie des Geschäftsführers ins Unternehmens-Holon hineinspielen können (vielleicht hatte er morgens Ärger am Frühstückstisch und trifft zwei Stunden später im Meeting eine vom Ärger-Zustand beeinflusste Entscheidung).

Man könnte die Quadrantenbilder der individuellen Holons auch in Form des Organigramms anordnen. Damit würde die hierarchische Struktur (und Einflussmöglichkeit) noch deutlicher dargestellt.

Zum Schluss: Eine nützliche Vereinfachung

Wenn uns dieses Bild zu komplex ist (was für die meisten im „Business“ zutreffen würde), dann können wir es – wie oben schon erwähnt – auf ein einziges Vier-Quadranten-Bild vereinfachen und trotzdem das Innen und Außen der Menschen „zeigen“. Integrales Business bedeutet aus meiner Sicht zuerst einmal, DIESE vier Quadranten als Minimum zu berücksichtigen. Veränderung im Unternehmen bedeutet eine gleichzeitige Vierfach-Veränderung (Tetra-Evolution) der Prozesse und Strukturen, der Kultur und des Miteinanders und der (betroffenen) Personen, sowohl im Innen (Einstellungs-Veränderung, Motivation), als auch im Außen (Skills, Recruiting).

Damit haben wir jetzt EINEN (von fünf) AQAL-Aspekten berücksichtigt! In den Grafiken fehlt noch die Berücksichtigung von Ebenen, Linien, Typologien und Zuständen! …

  


Quelle: integrale perspektiven 16 – 07/2010



[1] Die Idee des Holons meint, dass alles, was es gibt, niemals nur Teil oder niemals nur Ganzes ist, sondern immer beides: Teil/Ganzes = Holon.

[2] Aus dem Kurs „Essential Integral“.

[3] Leviathan ist der Titel einer staatstheoretischen Schrift von Thomas Hobbes aus dem Jahr 1651 und eines der bedeutendsten Werke der politischen Philosophie überhaupt. Der Titel lehnt sich an das biblisch-mythologische Seeungeheuer Leviathan an, vor dessen Allmacht jeglicher menschliche Widerstand zuschanden werden muss. Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Leviathan_(Thomas_Hobbes)